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Militärgeschichtliches Handbuch Brandenburg–Berlin (Leseprobe)

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Militärgeschichtliches Handbuch Brandenburg-Berlin

Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegeben von Kurt Arlt, Michael Thomae und Bruno Thoß


Nachweise für die Umschlagabbildungen: siehe Seite 678

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Bearbeitung in elektronischen Systemen. © 2010, Militärgeschichtliches Forschungsamt Zeppelinstraße 127/128, 14471 Potsdam, www.mgfa.de Die Rechte der Verbreitung liegen bei be.bra wissenschaft verlag Gmbh, Berlin-Brandenburg KulturBrauerei, Haus S, Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de • www.bebra-wissenschaft.de Redaktion und Herstellung: MGFA, Potsdam, Schri�leitung Koordination und Lektorat: Michael Thomae Korrektorat: Agnes Baumert, Berlin; Matthias Zimmermann, Berlin Bildredaktion und Lizenzen: Michael Thomae; Knud Neuhoff, Berlin Bildrecherche: Agnes Baumert, Berlin; Daniela Morgenstern, Berlin Satz: Carola Klinke, Maurice Woynoski Karten und Grafiken: Daniela Heinicke, Bernd Nogli, Frank Schemmerling, Pawel Morar, Potsdam; Sabrina Gherscfeld, Berlin Umschlag und Layout: Maurice Woynoski ISBN: 978-3-937233-64-2


Inhalt Vorwort Geleitwort Grußwort Einleitung

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Militärgeschichte Brandenburg-Berlins im Überblick Wolfgang Petter Das Gebiet von Brandenburg-Berlin bis 1871 Martin Rink Brandenburg-Berlin als militärische Zentralregion im Deutschen Reich 1871 bis 1945

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Torsten Diedrich und Winfried Heinemann Brandenburg-Berlin im geteilten Deutschland 1945 bis 1990

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Werner von Scheven Militärischer Umbau in Brandenburg-Berlin nach der deutschen Einigung 1990

201

Ortslexikon Altengrabow 215 • Altlandsberg 217 • Angermünde 219 • Arnswalde 222 Bad Freienwalde 224 • Bad Saarow 228 • Beelitz 230 • Beeskow 234 • Belzig 236 • Berlin 239• Bernau bei Berlin 308 • Biesenthal 311 • Blankenfelde 313 • Brand 315 • Brandenburg an der Havel 316 • Brück 324 Co�bus 326 • Crossen an der Oder 332 Dahlwitz-Hoppegarten 334 • Dallgow-Döberitz 336 • Dannenwalde 343 • Dennewitz 345 • Doberlug-Kirchhain 348 Eberswalde 350 Falkenberg/Elster 354 • Falkenhagen (Mark) 357 • Falkensee 358 • Fehrbellin 362 • Finow 367 • Finsterwalde 370 • Forst (Lausitz) 373 • Frankfurt (Oder) 376 • Friedersdorf 381 • Friesack 383 • Fürstenberg/Havel 385 • Fürstenwalde/Spree 389 Gartz (Oder) 392 • Geltow 394 • Gransee 398 • Groß Dölln 401 • Großbeeren 403 • Guben 406 • Gusow 409 • Güterfelde 411


Inhalt

Hagelberg 412 • Halbe 415 • Havelberg 419 Jüterbog 422 Kay 430 • Ketzin 431 • Kleinmachnow 432 • Klietz 435 • Königs Wusterhausen 437 • Kremmen 442 • Kummersdorf 444 • Kunersdorf 447 • Küstrin 449 • Kyritz 453 Ladeburg 455 • Lebus 456 • Lehnin 457 • Lenzen (Elbe) 460 • Lieberose 462 • Lietzen 464 • Lindow (Mark) 466 • Lübben 467 • Lübbenau 471 • Luckau 472 • Luckenwalde 475 • Ludwigsfelde 477 • Lychen 480 Meseritz 482 • Mi�enwalde 486 • Mühlberg/Elbe 490 • Müncheberg 494 Nauen 496 • Neuhardenberg 499 • Neuruppin 502 • Neustadt (Dosse) 505 • Neuzelle 507 Oderberg 509 • Oranienburg 510 Pätz 513 • Peitz 516 • Perleberg 518 • Pinnow 522 • Potsdam 525 • Premnitz 562 • Prenden 563 • Prenzlau 565 • Preschen 571 • Pritzwalk 572 Quitzow 575 Rabenstein/Fläming 576 • Raddusch 579 • Rangsdorf 581 • Rathenow 583 • Reckahn 587 • Rheinsberg 591 • Rüdersdorf bei Berlin 595 Schönwalde 597 • Schwedt/Oder 599 • Seddin 604 • Seelow 605 • Sen�enberg 610 • Sonnewalde 612 • Sperenberg 616 • Spremberg 617 • Staaken 619 • Stahnsdorf 621 • Storkow (Mark) 624 • Strausberg 626 Teltow 634 • Trebbin 636 • Treuenbrietzen 638 Vogelsang 641 Werder (Havel) 643 • Werneuchen 646 • Wi�enberge 648 • Wi�stock/Dosse 650 • Wriezen 655 • Wustrau 658 Zehdenick 660 • Ziesar 661 • Zorndorf 664 • Zossen 666

Anhang Danksagung Autorinnen und Autoren Abbildungsnachweise Abkürzungen Quellen und Literatur Personenregister Ortsregister

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Vorwort

Nach der Verlegung aus dem badischen Freiburg im Breisgau in das brandenburgische Potsdam im Jahre 1994 hat sich das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) immer wieder auch mit dem geschichtlichen Umfeld seines neuen Standortes beschäftigt. Mit dem »Militärgeschichtlichen Handbuch Brandenburg-Berlin« erweitert es seine Veröffentlichungsliste um eine gewichtige Publikation über eine der bedeutendsten Regionen in der preußisch-deutschen Geschichte. Der vorliegende Band bietet nicht nur einen Überblick über die reiche historische Tradition des gesamten Raumes, sondern führt konkret auch an Orte, wo sich geschichtliches Handeln manifestiert hat. Einem umfassenden Verständnis von Militärgeschichte in ihrer Verflechtung mit politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturgeschichtlichen Prozessen folgend, dokumentiert und analysiert dieses Werk die Vergangenheit, macht sie in ihrer räumlichen Dimension wahrnehmbar und – sogar im Wortsinne – erfahrbar. Das MGFA widmet das Handbuch seinem im März 2010 in den Ruhestand verabschiedeten Amtschef Oberst a.D. Dr. Hans Ehlert, der die Entstehung des Bandes in nachhaltiger Weise gefördert und geprägt hat. Zahlreiche Autorinnen und Autoren konnten für die Mitarbeit an Überblicksdarstellungen und Beiträgen im Ortsteil geworben wer-

den. In fruchtbarer Zusammenarbeit haben schließlich Bruno Thoß, der 2008 ausgeschiedene kommissarische Leiter Abteilung Forschung des Hauses, Kurt Arlt, langjähriger Wissenschaftlicher Mitarbeiter des MGFA bis 2006, und Michael Thomae, Lektor in der Schriftleitung des MGFA, das aufwendige Projekt wissenschaftlich und redaktionell betreut. Dem Handbuch ist ein Geleitwort des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, Matthias Platzeck, vorangestellt. Und das aus guten Gründen: Spiegeln sich doch in seinem biografischen Werdegang und seinen politischen Funktionen Geschichte und Gegenwart des modernen Brandenburg. Geboren und aufgewachsen in Potsdam, nahm er nach der »Wende« von 1989 als Teilnehmer am sogenannten Zentralen Runden Tisch der DDR unmittelbar Einfluss auf die Geschicke seiner Heimat. Ab 1990 und erneut ab 1994 hatte er als Minister für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung wesentlichen Anteil an der Umwandlung von 40 Prozent des Landes Brandenburg in Natur- und Landschaftsschutzgebiete, darunter auch von militärisch genutztem Gelände. Die NVA kennt der einstige Potsdamer Oberbürgermeister aus eigener Anschauung: Von 1972 bis 1974 leistete er seinen Grundwehrdienst in den Streitkräften der DDR. Mit dem Militär des wiederver-

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Vorwort einigten Deutschland arbeitete Platzeck bei der Oderkatastrophe von 1997 als Krisenmanager eng zusammen. Nicht zuletzt aufgrund seiner Verdienste um die deutsch-polnische Zusammenarbeit kommt Ministerpräsident Platzeck eine herausragende Rolle bei der Bewältigung der jüngeren, deutsch-deutschen Vergangenheit und insbesondere natürlich Brandenburgs zu. Dem Geleitwort folgt ein Grußwort des früheren Innenministers des Landes Brandenburg, Jörg Schönbohm. Wie Platzeck ist auch Schönbohm gebürtiger Brandenburger, der jedoch auf der anderen Seite des »Eisernen Vorhangs« aufwuchs und dort seine Sozialisation erfuhr. Nach der »Wende« hat er als Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost die Vereinigung ehemals gegnerischer Streitkräfte tatkräftig umgesetzt; nach seiner soldatischen Laufbahn übernahm er politische Verantwortung als brandenburgischer Innenminister. Er steht mit seiner Persönlichkeit und seinem erfolgreichen Werdegang als Soldat und politischer Akteur in zwei unterschiedlichen Systemen für die ehemals trennenden und jetzt verbindenden geschichtlichen Aspekte der Region Brandenburg-Berlin.

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Die Schriftleitung des MGFA, die das Handbuch zur Veröffentlichungsreife brachte, hat frühzeitig den Kontakt zu den im Ortsteil dargestellten Gemeinden gesucht und sie mit ihrer unersetzlichen Kenntnis der lokalen Geschichte zur Mitarbeit eingeladen. Diese breite Unterstützung war sehr wertvoll und hat den Band wesentlich bereichert. Am Zustandekommen dieses Werkes waren über die vorstehend Genannten hinaus zahlreiche Mitarbeiter beteiligt. Ich danke im Namen des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes allen, die das Projekt gefördert und unterstützt haben, vor allem den Herausgebern und namentlich auch den Herren Matthias Platzeck und Jörg Schönbohm. Dem Handbuch wünsche ich eine gute Aufnahme in den interessierten Fachkreisen sowie eine weite Verbreitung, auch über die Länder Brandenburg und Berlin hinaus – und den Leserinnen und Lesern des Buches eine gewinnbringende Lektüre.

Dr. Hans-Hubertus Mack Oberst und Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes


Geleitwort

1994 zog das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) von Freiburg im Breisgau nach Potsdam und bereicherte die im Entstehen begriffene Potsdamer Wissenschafts- und Forschungslandschaft. Heute ist das MGFA eine feste Größe in Potsdam. Schon bald nach der Verlegung präsentierte es die ersten Ergebnisse der Beschäftigung mit dem Raum Brandenburg-Berlin. Hierzu zählen die sechs Bände »Potsdamer Ge(h)schichte« oder eine Monografie zur »märkischen Grablege« in Bornstedt, um nur einige zu nennen. Nun liegt eine umfassende militärgeschichtliche Darstellung der heutigen deutschen Hauptstadtregion vor. Rund 120 militärisch bedeutende Orte werden dokumentiert und lexikalisch aufbereitet. Dadurch wird zum einen deutlich, wie sehr der Raum Brandenburg-Berlin Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen war, wovon nicht wenige die hier Herrschenden selbst provoziert haben. Geschichtlich wahr ist aber gleichfalls: Die Mark Brandenburg und ab 1701 das Königreich Preußen kamen nicht umhin, sich auch militärisch in Europa

zu behaupten. Durchgangsland in germanisch-slawischer Frühzeit, wurde die Region später immer wieder Ziel des Aufmarsches europäischer Mächte. Zum anderen zeigen die Autorinnen und Autoren, wie sehr das Militär die wirtschaftliche Entwicklung, die Gesellschaft und das Land mit prägte. Und schließlich führt das Handbuch bis in die jüngste Vergangenheit: Brandenburg, das in diesem Jahr auf die 20 Jahre nach seiner Neugründung 1990 zurückblickt, weist eine Vielzahl von bekannten und weniger bekannten Orten auf, in denen militärisches Handeln tiefe Spuren hinterlassen hat. Nicht zuletzt gilt: An den Folgen vor allem des Zweiten Weltkrieges hat Brandenburg noch immer zu tragen. Moderne Militärgeschichte ist mehr als bloße Schlachtenbeschreibung. In diesem Sinne will das vorliegende Werk das Verständnis über die Region vertiefen. Ma�hias Platzeck Ministerpräsident des Landes Brandenburg

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Grußwort

Grußwort

Mit dem Mauerfall im November 1989 öffnete sich mir eine bis dahin durch den Kalten Krieg und den Eisernen Vorhang jahrzehntelang verschlossene Welt. Deutschland wuchs wieder zusammen, besiegelt durch die Wiedervereinigung ein knappes Jahr später. An diesem 3. Oktober 1990 wurde zugleich die Nationale Volksarmee der DDR in die Bundeswehr übernommen – und ich kehrte als Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost in meine Heimatregion Brandenburg zurück. Für die Deutschen in Ost und West eröffnete sich die Chance, sich kennen zu lernen. Dazu gehörte und gehört das Entdecken vordem unbekannter geografischer Regionen sowie der gemeinsamen historischen Grundlagen. In der Folge der Wiedervereinigung wurde das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA), eine 1957 gegründete Ressortforschungseinrichtung der Bundeswehr, 1994 von Freiburg i.Br. nach Potsdam verlegt. Das MGFA steht mithin auch für das Bekenntnis der Streitkräfte zur Aufarbeitung der getrennten Vergangenheit im Osten und Westen Deutschlands. So ist es nur folgerichtig, dass diese renommierte Forschungseinrichtung jetzt ein Handbuch zur Militärgeschichte von BrandenburgBerlin vorlegt. Bereits der allgemeine erste Teil zeigt, welche Bedeutung unsere Region für das Militärwesen hatte und wie sie um-

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gekehrt durch das Militär geprägt wurde. Brandenburg-Preußen, in der Mitte Europas gelegen und ein Land ohne natürliche Grenzen, brauchte eine starke Armee, um sich behaupten zu können. In vier Überblicksdarstellungen zur Geschichte Brandenburg-Berlins werden zunächst die militärhistorischen Besonderheiten und die politischen Entwicklungen anschaulich herausgearbeitet – dabei historisch wie geografisch immer wieder über die Region hinausgreifend. Das Ortslexikon im zweiten Teil des Bandes ergänzt die allgemeine Darstellung mit vielen nützlichen Informationen zu weit über hundert Städten und Gemeinden und weist mit Text und Bild auf bedeutende militärhistorische Hinterlassenschaften in unseren Kommunen hin. Mit Hilfe des Bandes kann jeder Interessierte die genannten Sehenswürdigkeiten selbst entdecken. Dieses Handbuch ist ein wichtiger und nützlicher Führer durch die Vergangenheit einer militärgeschichtlich herausragenden Region, die wir mit dem hier vermittelten Orientierungswissen besser verstehen und nachvollziehen können. Ich wünsche der Publikation eine weite Verbreitung und aufmerksame Leser. Jörg Schönbohm Generalleutnant a.D. und Innenminister von Brandenburg (1999-2009)


Einleitung

Das vorliegende »Militärgeschichtliche Handbuch Brandenburg-Berlin« geht deutlich über bisherige militärhistorische Reiseführer hinaus. Es bietet einen Abriss der brandenburgisch-preußisch-deutschen Militärgeschichte und behandelt in Einzeldarstellungen militärhistorische Stä�en der Region. Dem von den Herausgebern entwickelten Leitgedanken »Informieren und Entdecken« folgend, wird dem Leser im ersten Teil historisches Orientierungswissen geboten, während der zweite Teil, das Ortslexikon, als Handreichung für den konkreten historischen Ort und gleichzeitig als Anregung für ein Kennenlernen oder eine Besichtigung zu verstehen ist. Das Handbuch ist das Ergebnis der Arbeit einer Vielzahl von Autoren. Nur auf diese Weise war es möglich, die gestellte Aufgabe bei der gegebenen Breite des Gegenstandes zu bewältigen. Während die einführenden Beiträge überwiegend aus der Feder ausgewiesener Fachleute des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) stammen, konnten für die Erarbeitung der Stichwörter im lexikalischen Teil vielfach Historiker »vor Ort« mit regionalgeschichtlicher Kompetenz gewonnen werden. Mitgewirkt haben aber auch Studierende der Universität Potsdam sowie Historikerpraktikanten im MGFA, die kleinere Beiträge zu erstellen vermochten. Obwohl die Heraus-

geber auf der Beachtung bestimmter konzeptioneller Richtlinien und einer Begrenzung der Umfänge beharren mussten, blieb genügend Freiraum, um die unterschiedliche Herangehensweise der Autoren mit ihrem spezifischen Forschungsinteresse, aber auch die Individualität der einzelnen militärhistorischen Stätten sichtbar werden zu lassen. Für die Beiträge im Ortslexikon stand einerseits zahlreiches Informations- und Quellenmaterial zur Verfügung, andererseits mussten sich die Autoren mit den Forschungsdefiziten und zweifellos vorhandenen »weißen Flecken« in der militärgeschichtlichen Landschaft auseinandersetzen. Das Buch ist daher nicht frei von offenen Fragen und individuellen Interpretationen historischer Ereignisse. *** Als die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs im Rahmen ihrer Neuordnung in Deutschland 1947 den größten Teilstaat Preußen auflösten, stand ihnen vor allem dessen machtpolitische und militärische Rolle im Deutschen Reich zwischen 1871 und 1945 vor Augen. Das Schlagwort vom »preußisch-deutschen Militarismus«, der Europa und die Welt in zwei Weltkriege verstrickt habe, diente als warnendes Beispiel für eine historische Fehlentwicklung, die der französische Politiker und Publizist

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Einleitung Comte de Mirabeau schon im 18. Jahrhundert auf die kritisch-süffisante Formel gebracht ha�e, hier habe sich offenbar eine Armee den ihr genehmen Staat geschaffen. Den Nukleus beim Au�au eines straff organisierten Militär- und Beamtenstaates aber gab die Zentralregion des preußischen Staates in und um Berlin ab. Die Forschung zur deutschen wie zur brandenburgisch-preußischen Geschichte hat die spezifische Rolle des Militärischen in Preußen und seinem Kernraum als Erklärungsmodell für Aufstieg und Niedergang der Hohenzollernmonarchie inzwischen mit den notwendigen Differenzierungen versehen. Insbesondere die Frage nach einem im deutschen Machtstaat gipfelnden »Sonderfall« des preußischen Weges verliert im historischen Vergleich bei aller generellen Berechtigung doch einiges von seiner vermeintlichen Einzigartigkeit. Auf den Spuren von Theodor Fontanes »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« wird man indes auf Schritt und Tritt mit Zeugnissen für die Überformung der Region durch ihre militärhistorischen Hinterlassenschaften aus zwei Jahrtausenden konfrontiert. Da stehen etwa die Schlachtfelder von Fehrbellin, Kunersdorf und Seelow neben den Übungs- und Erprobungsplätzen von Kummersdorf und Döberitz. Die Festungen von Spandau und Küstrin wie die Bunkeranlagen und Fliegerhorste aus dem Zeitalter der Weltkriege und dem Kalten Krieg sind zwar augenfällig in ihrer militärbaulichen Komplexität, jedoch nur einige wenige Beispiele des flächendeckenden Systems an militärischen Bauwerken und Einrichtungen, die von den mittelalterlichen Burgen und Stadtbefestigungen bis zu den neuzeitlichen Kasernenanlagen reichen. Altpreußische

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Garnisonstädte bildeten den Ausgangspunkt für eine militärische Standortverdichtung in Brandenburg-Berlin, die, abgesehen von der Weimarer Zeit (1919-1933), kontinuierlich vom 17. bis ins 20. Jahrhundert vonstattenging. Der geschichtsträchtige Name von der »Mark Brandenburg« steht geradezu programmatisch für die militärhistorischen Wurzeln der Region seit ihrer kriegerischen Eroberung zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert. Schon an diesem Punkt stellte sich den Herausgebern ein Problem: Wie sollte man einen Raum eingrenzen, der nicht eigentlich durch geografische Gegebenheiten, sondern hauptsächlich durch historisch-politische Vorgänge geschaffen und dabei mehrfach verändert worden war? Alle natürlichen Grenzen von der Elbe im Westen und der Oder im Osten, von der Elde im Norden und dem Fläming im Süden vermögen dafür siedlungsgeografisch, politisch und militärisch nur einen ungefähren Anhalt zu geben. Ein volles Jahrtausend liegt zwischen dem historischen Ausgangspunkt – der sogenannten Nordmark beiderseits der unteren Elbe aus der sächsischen Kaiserzeit, die aber, das ist mittlerweile nachgewiesen, nicht identisch war mit der späteren Mark Brandenburg – und den politisch-geografischen Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts. Der teilsouveräne Gliedstaat Brandenburg in seinen heutigen Grenzen entstand mit der deutschen Einigung 1990, wobei West- und Ost-Berlin ein eigenständiges Bundesland bildeten. An den Verwaltungseinheiten Brandenburg und Berlin orientiert sich das vorliegende Handbuch, es greift allerdings mit wenigen besonders markanten Beispielen der brandenburgisch-preußischen Militärhistorie geografisch auch darüber hinaus.


Bodenfunde geben unübersehbare Hinweise auf einen schon in der Steinzeit umkämpften Raum. In die Wahrnehmung seiner Außenwelt trat das Gebiet zwischen Elbe und Oder aber erst, als die hier siedelnden Semnonen kurzzeitig in Berührung kamen mit den an die Elbe vorstoßenden römischen Legionen. Wegen seiner Randlage zum römischen Weltreich gibt es dazu allerdings nur sporadische Belege in schriftlichen Quellen. Aus diesem historischen Dunkel tauchte die Region bis ins 8. Jahrhundert immer nur kurzzeitig auf – als Durchgangsland für ostgermanische Stämme auf ihrem Zug nach Süden und Südwesten, aber auch als Siedlungsgebiet der nachdrängenden Elbslawen bei kriegerischen Konflikten mit dem nach Osten expandierenden Frankenreich. Die Elbe sollte noch bis ins 11. Jahrhundert die Ostgrenze des Deutschen Reiches bilden. Ab dem 9. Jahrhundert wurde der Raum beiderseits des Flusses dagegen bereits von ständigen Grenzkämpfen zwischen Sachsen und Slawen erschüttert. Mit den Askaniern wendete sich das Blatt endgültig zugunsten einer kontinuierlichen deutschen Ostausdehnung, in deren Gefolge die Mark Brandenburg im 12./13. Jahrhundert zur regionalen Führungsmacht aufstieg. Jetzt wurde das Territorium auch erstmals militärisch durchorganisiert. Kennzeichen dafür sind die bis heute sichtbaren mittelalterlichen Wehrbauten. Dauernde Krisen infolge wechselnder Besitzverhältnisse und eines verbreiteten Raubritterunwesens im 14. Jahrhundert vermochten jedoch erst die zu Kurfürsten erhobenen Hohenzollern seit ihrer Belehnung mit der Markgrafschaft (1415) zu überwinden. Dem damit verbundenen neuerlichen Aufstieg zu regionaler Dominanz folg-

te freilich im 17. Jahrhundert die wohl schwerste Katastrophe für den Durchgangsraum zwischen Ostsee und Mittelelbe. Der Dreißigjährige Krieg mit seinen unmittelbaren Kriegsereignissen und den ständigen Truppendurchzügen brachte derart flächendeckende Zerstörungen und Verwüstungen mit sich, dass die entvölkerte Region erst durch Zuzüge protestantischer Flüchtlinge aus Frankreich und der Habsburgermonarchie wieder schrittweise »peupliert« werden konnte. Aber auch nach außen ließ sich staatliche Unabhängigkeit gegen die immer noch dominierende Militärmacht Schweden nur militärisch erkämpfen. Territoriale Zugewinne im rheinisch-westfälischen Raum und in Ostpreußen erhoben parallel dazu die bisherigen brandenburgischen Stammlande zur Zentralregion eines jetzt vom Rhein bis an die Memel reichenden Streubesitzes. Die Mittel zur verwaltungstechnischen Zentralisierung im Innern wie seiner militärischen Sicherung nach außen bot die vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1640-1688) vorangetriebene Entwicklung eines frühneuzeitlichen Beamten- und Militärstaates. Das in diesem Rahmen geschaffene Instrument eines Stehenden Heeres verlangte freilich nicht nur ständig verfügbare finanzielle Mittel, eingetrieben durch Besteuerung der Landesbewohner, sondern auch regional organisierte personelle Potenziale von Soldaten und deren Unterbringung in festen und über das ganze Land verteilten Garnisonen. Je weiter sich das 1701 zum Königreich aufgestiegene Preußen im 18. und 19. Jahrhundert zur territorial geschlossenen Großmacht ausdehnte, umso dichter wurde vor allem sein Kernraum mit militärischen Einrichtungen überformt. Das Kantonsreglement schuf

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Einleitung die Handhabe für die Aushebung der Landeskinder zum Militärdienst, es nahm freilich zunächst aus ökonomischen Gründen die Städte Berlin, Potsdam und Brandenburg ausdrücklich davon aus. Die Hauptlast trugen das brandenburgische Land und sein Adel, woraus sich die zehn schlagkräftigsten Regimenter der preußischen Armee rekrutierten. Hauptsächlich waren auch sie es, die die drei Schlesischen Kriege (1740/42, 1744/45 und 1756-1763) bestritten, an deren Ende der Aufstieg Preußens zur Großmacht stand. Mangelnde Modernisierung nach dem Tod Friedrichs II. 1786 führte die preußische Armee dann in die militärische Katastrophe von 1806. Die Konsequenz war eine grundlegende Heeresreform: Sie machte die neu geschaffene Wehrpflichtarmee zur besonders effizienten Streitmacht auf dem europäischen Kontinent, schließlich nach den siegreichen Einigungskriegen (1864-1871) sogar zum Modell neuzeitlicher Massenarmeen vor dem und im Ersten Weltkrieg. Den militärischen Erfolgen als Voraussetzung für die Schaffung eines kleindeutschen Reiches unter preußischer Führung folgte die Übertragung des preußischen Modells auf das übrige Reich. Der brandenburgisch-preußische Zentralraum wurde zur führungs- und verwaltungstechnischen Schaltstelle des Militärischen im Zweiten Kaiserreich (1871-1918). Seine zentrale militärische Bedeutung darf freilich nicht vergessen lassen, dass die durchgängige Militarisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft weit darüber hinausgriff. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen dieser Entwicklung lagen in den schwerindustriellen Räumen an der Saar, der Ruhr und in Oberschlesien. Selbst die süd-, mittelund norddeutschen Einzelstaaten wett-

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eiferten nunmehr mit dem preußischen Vorbild einer flächendeckenden Militärorganisation sowie ihrer personellen und ökonomischen Absicherung. Militärisch gesehen sollte dies auch nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg so bleiben, selbst wenn der Versailler Vertrag der Weimarer Republik in seinen militärischen Klauseln eine extreme Reduzierung der militärischen Mittel auferlegte. Von den bisher in und um Berlin stationierten vier Divisionen blieb mit der 3. Reichswehrdivision nur noch eine übrig. Auch erste zivile Umnutzungen von Militärbauten fanden statt. Mit dem Reichswehrministerium, dem Truppenamt und dem Gruppenkommando I blieb Berlin dennoch auch in Reichswehrzeiten die militärische Führungs- und Verwaltungszentrale im Deutschen Reich. Damit waren Voraussetzungen gegeben, die sich nach der nationalsozialistischen Machtübernahme für eine zunächst noch verdeckte, mit der Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht ab 1935 dann aber beispiellos rasante Aufrüstung nutzen ließen. Schon vor dem Kriegsausbruch 1939 wuchs die eine Reichswehr- zu vier Wehrmachtdivisionen auf, ein Prozess, der sich unter Kriegsbedingungen weiter beschleunigte. Hinzu kamen Standorte für eine neu gebildete Luftwaffe und für die im Berliner Raum stationierten SS-Verbände sowie militärische Ausbildungs-, Erprobungs- und Luftschutzeinrichtungen. Vom unterbunkerten Wünsdorf aus liefen im Zweiten Weltkrieg die Kommunikationsstränge zu den Kriegsschauplätzen in Europa und Nordafrika. Entsprechend konsequent machten die alliierten Bomberverbände die Reichshauptstadt und ihr Umland zum Zielgebiet ihrer Angriffe zwischen 1943 und 1945.


Das gemeinsame Ziel der Siegermächte, eine völlige Entmilitarisierung Deutschlands und damit auch seines Kernraums in und um Berlin, wurde freilich auch nach Kriegsende nur zeitweilig erreicht. Schon die dichte Belegung Brandenburgs mit sowjetischen Besatzungstruppen wie die Besetzung von Groß-Berlin durch Kontingente aller vier Siegermächte brachten eine neuerliche Nutzung traditioneller Militäreinrichtungen in der Region mit sich. Dieser Trend zu weiterer militärischer Verdichtung sollte sich mit der Zuspitzung des Kalten Krieges ab 1948 zusätzlich verstärken. Im Brandenburgischen stationierte nicht nur die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland über 40 Prozent ihrer Soldaten. Auch die zunächst verdeckt, dann offen aufwachsenden militärischen Verbände der DDR belegten allein in den drei Bezirken Potsdam, Frankfurt (Oder) und Cottbus 141 Militärstandorte mit der dazugehörenden militärischen Infrastruktur und den Betrieben der Rüstungsproduktion. Zum Gradmesser für krisenhafte Zuspitzung und Entspannung wurde dabei für vier Jahrzehnte das geteilte Berlin mit seinen alliierten Besatzungskontingenten in der Stadt und den darum herum konzentrierten Verbänden der sowjetischen Streitkräfte, der NVA und der Grenztruppen sowie einem Netzwerk unterirdischer Führungsstellen. Erst im Zuge der 1990 wiederhergestellten deutschen Einheit sollten Berlin und das brandenburgische Umland im Rahmen einer generellen deutschen Abrüstung eine bis heute anhaltende wesentliche Verringerung an Standorten und militärischen Einrichtungen erfahren. Das begann mit dem Abzug der vier Mächte aus Berlin und der Räumung Ostdeutschlands durch den Nachfol-

ger der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deuschland, die Westgruppe der Truppen, und war im Sommer 1994 abgeschlossen. Die Verpflichtung des vereinigten Deutschlands zum Abbau seiner Streitkräfte und die daran anschließende generelle Neukonzipierung der Bundeswehr für den Einsatz in Krisenregionen dehnten diesen Prozess einer einschneidenden militärischen Ausdünnung in der Region seither auch auf die verbleibenden deutschen Verbände, Standorte und Militäreinrichtungen aus. Der Raum Brandenburg-Berlin bleibt mit seinen Standorten und Führungseinrichtungen im Rahmen dieser nunmehr wesentlich zurückgenommeneren militärischen Infrastrukturen dennoch weiterhin eine militärisch wie sicherheitspolitisch bedeutsame Region im vereinigten Deutschland. *** Der erste Teil des Handbuches, die »Militärgeschichte Brandenburg-Berlins im Überblick«, unterzieht die historisch-politischen Vorgänge im brandenburgischen Kernraum einer militärgeschichtlichen Betrachtung unter territorialstaatlichen, reichsgeschichtlichen bzw. deutschen und – wo erforderlich – auch weltgeschichtlichen Aspekten. Die Einträge im Ortslexikon lassen hingegen – gewissermaßen als Vorstufe einer »Geschichte von unten« – die materielle Umsetzung von Politik, Militärwesen und Krieg einschließlich ihrer Folgen und Auswirkungen sichtbar werden. Viele militärgeschichtliche Zeugnisse sind zerstört, verbrannt, ganz oder teilweise überbaut worden; manches ist der Vergessenheit anheim gefallen; anderes wiederum wird in seiner Bedeutung überhöht oder aber bewusst verschwiegen. Die Herausgeber

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Einleitung waren bestrebt, möglichst viele derartige Orte in das Ortslexikon aufzunehmen und in ihren vielfältigen Face�en zu beschreiben, einzuordnen und zu bewerten. Eine umfassendere Nennung der zahlreichen Zeichen des Gedenkens und Mahnens an Krieg, Diktatur und Terror musste jedoch aus Platzgründen unterbleiben. Andererseits war es in einzelnen Fällen erforderlich, über die geografischen Grenzen der beiden heutigen Bundesländer hinauszugehen und die für den Zusammenhang der brandenburgisch-preußisch-deutschen Militärgeschichte wichtigsten Stä�en aus den angrenzenden Regionen aufzunehmen, vor allem jene in der ehemaligen Neumark, die heute zu Polen gehört. Ein Handbuch muss bestimmte Kriterien erfüllen. Es kann weder jeder militärhistorisch interessanten Fragestellung in der möglicherweise gewünschten Detailliertheit nachkommen, noch kann es allen für wissenschaftliche Werke verbindlichen Konventionen genügen. So wird auf Fußnoten verzichtet, Zitate sind auf ein unbedingt notwendiges Minimum beschränkt, ebenso die bibliografische Dokumentation, auch wenn sie Hinweise auf weiterführende Literatur bietet. Von einer Erläuterung militär-, wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Fachbegriffe wurde abgesehen. Weiter war den Herausgebern daran gelegen, die im Militärwesen gehäufte Verwendung von Abkürzungen und deren unterschiedliche Handhabung in den einzelnen Zeiträumen und Streitkräften nicht ausufern zu lassen sowie dem militärischen Laien durch Erläuterungen im Text Hilfestellung zu geben. Der bei Militärpersonen angegebene Dienstgrad entspricht dem Zeitpunkt des dargelegten Sachverhalts. Eine Auswahlbibliografie, ein Personenregister und

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ein Ortsregister ergänzen den Band. Es mag aus diesen Gründen gelegentlich angeraten sein, neben dem vorliegenden Handbuch zur Wissensvertiefung und zur genaueren Erschließung der Begriffsinhalte zusätzlich auf spezifische Nachschlagewerke zurückzugreifen. Demgegenüber wurde in das Handbuch umfangreiches und die verschiedensten Bereiche der Militärgeschichte erfassendes Bild- und Kartenmaterial aufgenommen. Die Beschreibung der Orte im lexikalischen Teil besteht aus einer als Orientierungshilfe dienenden kleinen Übersichtskarte, dem Autorentext, den Literaturangaben, einer entsprechenden Bebilderung und einem Block mit zusätzlichen Informationen: Anschrift und Kontaktangaben von Museen, Sehenswürdigkeiten am Ort und in der Umgebung – dabei teilweise über das Militärwesen hinausgehend. Die Nennung der Ortsnamen samt der entsprechenden Zusätze folgt in der Regel der amtlich festgelegten Schreibweise. Bei militärhistorischen Stätten, die sich in der ehemaligen Neumark befinden, wird der heutige polnische Ortsname ausgewiesen. Aus Gründen der Platzersparnis sind Querverweise unterblieben; das Ortsregister am Ende des Bandes enthält hingegen alle in den Beiträgen auftauchenden Orte und Ortsteile. Der Band ist für einen breiten Leserkreis gedacht. Er mag Historikern, Heimatforschern, ehemaligen wie aktiven Soldaten, Studierenden und letztlich jedem militärhistorisch interessierten Laien ein Begleiter sein, um sich vor Ort zu informieren, sein Wissen zu erweitern und neue Einblicke in die Vergangenheit zu gewinnen. Kurt Arlt, Michael Thomae, Bruno Thoß


Militärgeschichte Brandenburg-Berlins im Ăœberblick


Wolfgang Petter

Das Gebiet von Brandenburg-Berlin bis 1871

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rganisierte Kriegführung ist auf heute deutschem Boden, so auch im Gebiet des Landes Brandenburg, schon für die Jungsteinzeit (5000- 2000 v.Chr.) belegt. Um 3500 v.Chr. scheint am Potsdamer Tiefen See, der einen optimalen Seerandboden und zugleich die Möglichkeit zur Kontrolle des Spree-Havel-Verkehrs bot, eine Schlacht sta�gefunden zu haben, wie der Fund einer Streitaxt anzeigt. Jungsteinzeitliche Menschenopfer, für die in der Regel Kriegsgefangene getötet wurden, sind in Falkensee bei Berlin nachweisbar. Die spätjungsteinzeitliche MegalithKultur hat auch im Spree–Havel-Raum mit den kennzeichnenden Großsteinoder »Hünengräbern« Spuren hinterlassen. Um 2000 v.Chr. sind die Megalithiker von den nordpontischen »Streitaxtleuten« zurückgedrängt worden. Die Bronzezeit (2000-700 v.Chr.) hat dem Spree-Havel-Raum dann eine spezifische Konfliktlage beschert. Das Gebiet war Bindeglied zwischen den Fernverkehrsadern Elbe und Oder, auf denen der Austausch von mitteldeutschem Kupfer und Ostseebernstein stattfand. Hort- und Waffenopferfunde zeigen, wie umkämpft diese Verbindung war. Mit der bronzezeitlich datierbaren Entwicklung des Pferdes zum Reittier gab es erstmals die Möglichkeit zu großräumigen, überraschenden Operationen und Überfällen. Auf erfolgrei-

che Abwehrkämpfe deuten die Funde von im Wasser versenkten Dankopfern von Waffen – bei Spandau aus Skandinavien, Bayern, Schlesien und Ungarn – sowie die beachtenswerten Menschenopfergruben auf dem Berliner Reiherswerder hin. Während der Dominanz der bronzezeitlichen »Lausitzer Kultur« (1500-700 v.Chr.) mit ihrer relativ dichten Besiedlung wurden um 1200 erstmals Stätten befestigt: bei 48 von 820 bisher im östlichen Mitteleuropa aufgefundenen Siedlungen dieses Kulturkreises lassen sich Spuren von Befestigungsanlagen nachweisen. Im Spree-Havel-Raum scheinen wenigstens vier Zentren bestanden zu haben: Burg/Spreewald und Neuruppin, wo Sonnensymbole und Kultwagen gefunden worden sind, Seddin/Perleberg mit seinem »Königsgrab« und Nedlitz/ Potsdam mit einer Wallanlage (fälschlich »Römerschanze«). Die im 7. vorchristlichen Jahrhundert einsetzende Klimaverschlechterung führte zur Abwanderung größerer lausitzischer Bevölkerungsteile in begünstigtere Regionen: Die Antike nannte die Pommersche Bucht »Sinus Venedus« und wusste, dass die norditalienischen Veneder aus diesem Gebiet kamen. Gleichwohl stritten sich zwischen 650 und 475 v.Chr. (während der sogenannten Hallstadt-Stufe der Eisenzeit) eine zentrale »Göritz-Gruppe«, eine östliche »Billendorf-Gruppe« und eine west-

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Das Gebiet von Brandenburg-Berlin bis 1871 liche »Wessenstedt-Gruppe« – wahrscheinlich alle drei noch Lausitzer – um den Spree-Havel-Raum. Die Göritzer bauten die große Befestigungsanlage von Lossow/Oder aus, deren zahlreiche Opferschächte mit Menschenresten auf eine lange Selbstbehauptung hinweisen. Erst der Einfall der Skythen (um 500 v.Chr.) hat diese Vorherrschaft beendet. Mit ihrer schweren Reiterei, die aufgrund der Eisenschuppenpanzer und Kompositbögen überlegen war, verwüsteten die Skythen auch die weitere Oder-Region. Spuren blieben in Gestalt von Brandschutt und den typischen dreiflügeligen, bronzenen Giftpfeilen, vor allem aber in Form von Kurganen, im Falle Brandenburgs des Fürsten-Hügelgrabes von Vettersfelde bei Guben. Das eurasische Skythenreich ist im Lauf des 3. Jahrhunderts zerfallen; sein westlicher Ausläufer ist wohl nur eine kurze, aber nachhaltige Episode gewesen, die nun die Billendorfer und Wessenstedter aufholen ließ. Letztendlicher Nutznießer ihrer anhaltenden Konflikte wurde eine vierte, aus dem Jütland-Elbe-Raum eindringende »Jastorf-Gruppe«, die zwischen 300 und 200 v.Chr. das Land besetzte. Deren Nachfahren traten zwei Jahrhunderte später als der Germanenstamm der »Semnonen« in die Frühgeschichte ein. Für die Elbgermanen war dieser Erfolg von größtem Wert. Agrarisch bildete der Spree-Havel-Raum auch in der LaTène-Phase der Eisenzeit (450-50 v.Chr.) kein Gunstgebiet mehr, aber unter den eisentechnologischen Verhältnissen des »Rennofens« (400 v.Chr.-400 n.Chr.) entstand hier ein »Industriegebiet« von hoher Bedeutung. Das reichlich vorhandene Raseneisenerz und die Wälder lieferten die Rohstoffe. Seit der germanischen Inbesitznahme des heutigen Landes Brandenburg erfolgte die Um-

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bewaffnung der Stammeskrieger von der einfachen Holzlanze mit Feuerhärtung zu der bis dahin unter Germanen seltenen Lanze mit Eisenspitzen, zu Eisenbeschlägen auf dem Holzschild und zum Eisenschwert. Seitdem zogen sie nach Osten, Süden und Westen weiter. Die »Wenden« und die weiterentwickelten Kelten waren ihnen nun unterlegen. Selbst das militärisch hochorganisierte Römische Reich konnte nur mühsam den Einfall der aus dem Jütland-ElbeRaum kommenden Kimbern und Teutonen abwehren (113-101 v.Chr.).

Die Spree-Havel-Germanen (5-562 n.Chr.) Die Semnonen sind seit ihrer Ersterwähnung durch den römischen Historiker Velleius Paterculus zum Jahr 5 n.Chr. namentlich bekannt. Der römische Feldherr und spätere Kaiser Tiberius schloss mit ihnen einen Vertrag, um sie aus seinen Kämpfen mit den Germanenstämmen links der Elbe herauszuhalten. Die Semnonen als der wirtschaftlich, kultisch und wohl auch politisch einflussreiche Kernstamm des locker organisierten Gesamtvolks der elbgermanischen Sweben profitierten von dem Vertrag. Die Sweben folgten in der römischen Geschichtsschreibung unmi�elbar auf die Teutonen: Im Jahr 58 v.Chr. ha�e sich Cäsar im heutigen Elsass mit dem swebischen Heerkönig Ariovist geschlagen. Der römische Feldherr war damit einer großen Verstärkung Ariovists durch Sweben aus den »100 Gauen« des heutigen Brandenburg zuvorgekommen. Nach Ariovists Niederlage bog der verspätete Zuzug nach Osten ab und bildete eine Konföderation mit den elbgermanischen Markomannen, die unter Führung ih-


res Fürsten Marbod vor Cäsar vom Maingebiet nach Böhmen abzogen. Der swebische Bestandteil der Konföderation, die Quaden, ist sich seiner Herkun� stets bewusst geblieben und hat im Jahr 178 sogar die Absicht geäußert, in die »brandenburgische« Urheimat zurückzukehren. Am Ende sind Teile der Quaden im Stamm der Bajuwaren/Bayern aufgegangen, andere Teile haben während der Völkerwanderung das 511 bis 585 bestehende »Swebenreich« im heutigen Portugal begründet. Nach den Angaben, die der Semnonenfürst Masuus um 91/92 n.Chr. bei einem Staatsbesuch in Rom dem Politiker und Historiker Tacitus gab, sollen alle Swebenstämme durch Abspaltung von den Semnonen entstanden sein. Das gesamtswebische Orakel, der heilige »Fesselhain«, wo große Entscheidungsfindungen mit Menschenopfern begangen wurden, lag irgendwo im heutigen Land Brandenburg. Die Semnonen haben zwei Jahrhunderte lang mit Rom koexistiert. Den Freiheitskampf links der ersten römischen Grenze an der Elbe führten die betroffenen Weser-Rhein-Germanen unter Führung des Cheruskerfürsten Arminius, der 9 n.Chr. im Teutoburger Wald (Kalkriese) die Okkupationsstreitmacht unter dem Prokonsul Varus vollständig vernichtete. Auch während der folgenden Rachefeldzüge des Germanicus (14-16 n.Chr.), die zwar weite Vormärsche, aber keine Wiederaufrichtung der römischen Herrschaft zwischen Rhein und Elbe erbrachten, verhielten sich die Semnonen neutral. Sie lösten jedoch den Krieg zwischen den beiden mächtigsten Männern Germaniens aus, Arminius und Marbod, als sie auf die Seite des Cheruskers traten, während die Quaden der Konföderation treu blieben. Der Krieg endete un-

entschieden und mit der Ermordung bzw. Entmachtung der beiden Protagonisten durch die eigenen Stämme, für die der uneindeutige Ausgang den Verlust des Königsheils ihrer Führer dokumentiert hatte. Zu einem schweren Konflikt zwischen Sweben und Römern kam es dann in den Jahren 166 bis 180 in dem für das Römerreich höchst gefährlichen Markomannenkrieg (Plünderung von Verona 166, Niederlage von Kaiser Marcus Aurelius 174), an dem sich die swebischen Quaden und Hermunduren beteiligten, nicht aber die Semnonen. Neue Klimaeinbrüche sowie der Sog des hochzivilisierten und durch die Markomannen geschwächten Römischen Reiches, das auch noch an seiner Ostfront gegen Persien gebunden war, forderten um 200 nun auch die Semnonen heraus. Sie trugen maßgeblich zur Bildung der Alemannen bei – »allerlei zusammengelaufenem Volk« nach römischer Beobachtung –, das sich um Heerkönige geschart und sich zu einem der germanischen Hauptstämme weiterentwickelt hat. Die Alemannen durchbrachen nach einem halben Jahrhundert Offensive um 260 die Befestigung der Reichsgrenze, den »Limes«, siedelten zunächst im heutigen Frankenland und schließlich endgültig im Südwesten. Um 270 machte sich eine weitere Semnonengruppe als Kern eines neuen Wanderkriegerstammes selbstständig, der Juthungen, die sich schließlich in der Landschaft festsetzten, die noch heute »Schwaben« heißt. In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (Champagne), in der das römisch-germanische Heer des Feldherrn Aëtius das hunnisch-germanische des Großkhans Attila abwehrte (451), kämpften unter anderem die Burgunden, Alemannen und Juthungen auf der westlichen, die Lan-

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Das Gebiet von Brandenburg-Berlin bis 1871 gobarden, die Quaden sowie die Hermunduren auf der östlichen Seite. Mit dem endgültigen Auslaufen der Rennofen-Technik am Ende des 4. Jahrhunderts verlor der Spree-Havel-Raum seinen Wert und wurde sukzessive bis auf kleinere Bevölkerungsreste aufgegeben. Zeitweise beherrschten ihn Oder-Weichsel-germanische Burgunden, zeitweise elbgermanische Langobarden, die dann zu langen Wanderungen aufbrachen und schließlich in der heutigen französischen Bourgogne (443) bzw. italienischen Lombardei (556) sesshaft wurden. Der semnonischlangobardisch-burgundische Volksrest ging um 400 in den Hermunduren und deren sich zwischen Donau und Spree erstreckenden »Thüringerreich« auf, und mit diesem 551 im Frankenreich. Als die Franken 562 bei Magdeburg von den aus dem Osten anreitenden asiatischen Awaren geschlagen wurden, evakuierte König Sigibert I. die Germanen des Spree-Havel-Raums in den »Nordschwabengau« (um Quedlinburg), um die Awarenfront durch »verbrannte Erde« zu sichern. Denn die fränkischen Teilreiche waren eine Generation lang infolge schwerer innerer Kriege (565-586) gebunden und nach außen kaum verteidigungsfähig.

Die slawischen Heveller (562-1157) Im Lauf des 6. und 7. Jahrhunderts besetzten slawische Einwanderer das Niemandsland: Über die Sudeten kamen Gruppen, die mit den Tschechen, etwas später über die Oder solche, die mit den Polen verwandt waren. Zu den erstgenannten Gruppen gehören die »Lusici« (Lausitzsorben) an der Oberspree, zur letzteren die »Stodorani« (Heveller) an Unterspree und Havel mit den Haupt-

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siedlungsorten Brandenburg an der Havel, Spandau und Köpenick sowie weiter östlich Lebus. Man fasst alle diese und weitere Stämme heute als »Elbslawen« zusammen. Im 8. Jahrhundert begannen sie mit der Errichtung von Burgwällen, wohl wegen interner Konflikte. Jedenfalls hat Karl der Große 789 die Heveller vor den nördlich siedelnden Obotriten geschützt, deren Fürst Dragowit damals eine erste elbslawische Reichsbildung unternahm. Erst zwischen 808 und 812 kam es mit hin und her wogenden fränkisch-slawischen Kämpfen um Brandenburg an der Havel und Havelberg zweifelsfrei zu externen Konflikten und zu einer ersten Unterwerfung der Heveller. Bald nach 823 haben diese, wohl unter Führung eines Tugumir, die fränkische Herrscha� für ein Jahrhundert wieder abgeschü�elt. Die Raubzüge eines neuen Reitervolks aus dem Osten, der Ungarn (ab 906/07), veranlassten den 919 gewählten deutschen König Heinrich I. von Sachsen zu einer neuen Besetzung des Hevellerund Lusicerlandes. Nachdem er bei den Ungarn einen Waffenstillstand erkau� ha�e, nahm er 928/29 Brandenburg an der Havel ein, rollte die Havel-Spree-Linie auf und schlug bei Lenzen (Elbe) die Verbündeten der Heveller zurück. Dank der Unterwerfung der Heveller in Flanke und Rücken gesichert, konnte das neuartige deutsche Panzerreiterheer, das durch den Wormser Reichstagsbeschluss von 926 geschaffen worden war, 933 bei Riade/Unstrut die Ungarn abwehren. Das slawische »Brandenburger Land« wurde 937 mit dem altsächsischen Stendaler Land zur »Nordmark« zusammengefasst. Während nun das eigentliche Deutschland die schweren Krisen schließlich verarbeitet hatte, die aus seiner Umwandlung aus einer Konfödera-


tion von Stammesherzogtümern in ein Ganzes und der Umrüstung auf Panzerreiter mit ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen entstanden waren (Feudalismus), brach das System im Osten zusammen. Beginnend mit dem Slawenaufstand von 983 und der Vernichtung der Bischofssitze Brandenburg und Havelberg, hat es sich hier in wirren Kämpfen unter quer durch die Nationalitäten und Religionen wechselnden Frontstellungen zersetzt. Die bedeutende Kaisergattin und Regentin Theophano hat die Reichskrise 983 bis 991 bewältigen können, aber gegen das Amorphe des nur scheinbar klar deutsch-slawischen und christlich-heidnischen Konflikts kam auch sie nicht an. Die Reichssouveränität über Brandenburg sank auf bloße politisch von Stendal und kirchlich von Leitzkau aus gewahrte Ansprüche ab. Zivilisatorisch standen die Elbslawen des 10. bis 12. Jahrhunderts auf gleicher Stufe mit den Deutschen; gesellschaftlich unterschieden sie sich durch die fehlende Ausrichtung auf Panzerreiter und den daraus erwachsenen Feudalismus, kulturell durch ihr Heidentum, das sie zwischen Deutschen, Polen und Dänen letztlich isoliert hat. Militärisch waren sie in kluger Anpassung an die Gegebenheiten des schwer gangbaren Wald- und Sumpflandes der deutschen Rittertaktik gewachsen. Stärkster politisch-militärischer Faktor war 983 bis 1115 der nach einem elbslawischen Kriegsgott benannte »Liutizische Bund« der Peene- und SpreeHavel-Stämme, der während der Polenfeldzüge Kaiser Heinrichs II. des »Heiligen« 1002 bis 1018 sogar zum Verbündeten des Reichs avancierte. In den Kriegen von 1033 bis 1036, 1045 und 1056 wehrten die Liutizen die deutschen Ansprüche wiederum erfolgreich

ab und verhinderten im Bund mit den Obotriten in der härtesten Auseinandersetzung, dem »Bremer Krieg« von 1066 bis 1069, das »Nordische Patriarchat« der Reichskirche, den Ansatz zur subkutanen Herrschaft Deutschlands über den Ostseeraum. Eine Generation später zerschlugen die Obotriten den Liutizischen Bund und errichteten das zweite elbslawische Königtum nach Dragowit. Die Heveller zogen es allerdings vor, auszuscheren und freiwillig die alte deutschslawische Nordmark wieder aufleben zu lassen, in der zwischen 1115 und 1127 ihr getaufter Fürst Meinfried von Havelberg unter dem Stendaler Markgrafenhaus von Stade als »Slawengraf« amtierte. Nun verbündeten sich zwei ambitionierte Fürsten, ein Deutscher und ein Slawe, um die neue, obotritisch bestimmte Regionalmacht zu zerbrechen: Graf Albrecht »der Bär« von Askanien und Fürst Pribislaw von Brandenburg, der die Taufe und den Namen Heinrich annahm. Das Duo, dessen Territorien sich immer stärker ineinander verzahnten, erzielte zunächst außerordentliche Erfolge für sich: Heinrich stürzte 1127 Meinfried, Albrecht 1134 die Stader; Heinrich gewann 1134 den vom Kaiser anerkannten Titel eines »Slawenkönigs«, Albrecht 1138 den des Herzogs von Sachsen. In den Jahren 1139 bis 1142 erzwangen die deutschen Gegner des Gespanns jedoch die demütigende Niederlegung der Slawenkrone in Leitzkau und die Amtsenthebung Albrechts als Herzog von Sachsen. Hauptgegner dieser toleranten deutsch-slawischen Gewinngemeinschaft war der wichtige Reichspolitiker Weihbischof Anselm von Havelberg, der 1147 einen »Wendenkreuzzug« zusammenbrachte und diesen als päpstlicher Legat leitete. Militärischer Führer des Nordflü-

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Rückeroberung der wendischen Feste Brandenburg im Jahre 1157 durch Albrecht I. (um 1100-1170), genannt »Albrecht der Bär«, Markgraf von Brandenburg ab 1157. Lithografie von Adolf von Menzel, Anfang 19. Jahrhundert.

gels war Herzog Heinrich der Löwe von Sachsen. Albrecht und Heinrich beteiligten sich klugerweise zunächst demonstrativ im Südflügel, um sich dann vorsichtig zu distanzieren. Das – etwas kümmerliche – Ergebnis des Kreuzzuges war Anselms Inthronisierung in Havelberg. Nutznießer der Destabilisierung, die der Wendenkreuzzug bewirkte, war jedoch ein (wahrscheinlich bereits getaufter) Slawe, Jaczo von Köpenick, der Fürst des Heveller-Teilstamms der Sprewanen, der nun ein neues elbslawisches Königtum errichten (1150-1157) und mit polnischer Unterstützung die Deutschen aus dem Hevellerland vertreiben konnte. Bischof Anselm übersiedelte von Havelberg, wo er wichtige Kirchenschriften ver-

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bpk

fasst hat, nach Ravenna. Auch Brandenburg an der Havel fiel.

Die deutsche Landnahme und der Aufstieg der Askanier Im Jahre 1157 zerschlugen Erzbischof Wichmann von Magdeburg und Albrecht der Bär das vierte Elbslawenreich. Albrecht versuchte eine Militärverwaltung einzuführen, musste sich aber 1165 dem Erzbischof unterordnen, die Realverwaltung an einen königlichen Burggrafen übergeben und den Einzug eines Bischofs in Brandenburg an der Havel zulassen. Magdeburg organisierte und betrieb mit Nachdruck die bäuerliche Ostkolonisation.


Einseitig geprägte Münze mit dem Bildnis Ottos I. (um 1128-1184), Markgraf von Brandenburg ab 1170. Silberblech, 12. Jahrhundert. bpk

Der slawische Adel verschwand und wurde ausschließlich von deutschen Rittern abgelöst, die über das Land strömten, im Hinterland der Burg Brandenburg ca. 1500 Kleinherrschaften errichteten und die Kolonisation militärisch sicherten. Der verheerende Slawenaufstand von 1179/80, den Jaczo aus dem pommerschen Exil arrangiert zu haben scheint, scheiterte unter diesen Umständen, und beide Bevölkerungsgruppen wuchsen binnen weniger Generationen zusammen. Albrecht dem Bären, seinem bedeutenden Sohn Otto I. und den folgenden Askaniern gelang es, die militärische Generalzuständigkeit für den SpreeHavel-Raum unter dem neuen Titel der »Markgrafen von Brandenburg« zu wahren und zur Ausweitung von Eigenbesitz und Amtsherrschaft zu nutzen. Die Zivilverwaltung blieb zunächst ein Reichslehen der »Burggrafen von Brandenburg« aus anderen Häusern. Der Sieg Markgraf Albrechts II. bei Remkersleben beendete 1208 die Unterordnung unter den Erzbischof von

Magdeburg, der bis dahin die burggräfliche Verwaltung kontrolliert hatte. Viel profitierten die Askanier von den großen Konflikten der Jahrhundertwende, dem staufisch-welfischen Thronstreit und dem deutsch-dänischen Kampf um Nordostdeutschland, in denen sie sich vorurteilslos wechselnden Parteien nützlich machten. Schon um 1220 war die askanische Macht derart gewachsen, dass der Markgraf von Brandenburg zu den sechs geistlichen und weltlichen Reichsfürsten mit traditionellem Vorstimmrecht bei der deutschen Königswahl gezählt wurde (neben Mainz, Trier, Köln, Pfalz bei Rhein und Sachsen-Wittenberg); das Haus Brandenburg verband sich per Heirat mit den Königshäusern von Dänemark, Böhmen, Polen und Ungarn. Einen besonderen Aufschwung erlebte die Mark unter der gemeinsamen Regierung der Brüder Johann I. und Otto III., die durch Vasallisierung der zersplitterten Ritterherrschaften ihren Amts- und Machtbereich über die Spree bis zur Oder ausdehnten. Zahllose Adlige übergaben sich ihnen als Dienstmannen und erhielten ihren Besitz als Lehen zurück. Die konkurrierende burggräfliche Zivilverwaltung der Grafen zu Belzig wurde 1236 aufgehoben, womit die Askanier die volle Landesherrschaft gewannen. Dank der hochmittelalterlichen klimatischen Wärmephase hatte sich die Bevölkerung so weit vermehrt, dass Johann und Otto Verdichtungen in Gestalt von Städten schaffen und, wo die Kosten sich erwirtschaften ließen, befestigen konnten. Unter den Bedingungen des militärtechnisch rückständigen und mit kleinen Kriegerzahlen operierenden Mittelosteuropas (wenige Hundert Ritter mit je fünf bis zehn Mann Gefolge, der »Gleve«) waren diese Anlagen da-

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Otto IV. (um 1238-1308), Markgraf von Brandenburg ab 1266. Abbildung auf Pergament im Codex Manesse, der bekanntesten deutschen Liederhandschrift des Mittelalters. bpk/Petersen

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mals unüberwindbar und trugen dazu bei, mit dem Teltow-Krieg die erste große Einkreisung gegen Brandenburg zu bestehen.

Der Teltow-Krieg und die Mongolengefahr Im Teltow-Krieg von 1238 bis 1245 suchten alle Nachbarn die askanische Expansion zu bremsen. Der Krieg begann mit einer Fehde gegen Halberstadt, einer Niederlage für die Askanier und der Gefangennahme Markgraf Ottos. Die Freikaufsumme von 1600 Silbermark überforderte das Land, woraufhin Markgraf Johann kurzerhand den benachbarten we�inischen Teltow besetzte und ausbeutete, damit aber eine Koalition Meißen-Magdeburg-Mecklenburg gegen die Mark provozierte. 1240 wehrte Mecklenburg bei Pritzwalk einen Vorstoß Ottos nach Nordwesten ab. Im Herbst 1240 aber erfocht Johann an der Biese einen Sieg über die gegnerische Hauptarmee mit so vielen Gefangenen, dass deren Auslösezahlungen die askanische Kasse nachhaltig sanierten. 1243 siegten Johann bei Wolmirstädt und 1244 O�o bei Plaue. Der Teltow war gewonnen, der Weg zur Oder frei. Einer furchtbaren Gefahr, die inmitten dieser Kämpfe unvermutet aus dem Osten auftauchte, ist die Mark entgangen: den Mongolen, die 1241 über Mitteleuropa herfielen. Ihr nördlicher Flügel vernichtete bei Liegnitz ein deutsch-polnisches Ritterheer und stieß dann weiter vor, drehte aber in der Lausitz zu ihrem Südflügel in Ungarn ab. Ihre Stärke beruhte auf ihrer Schwarmtaktik auf sehr breiter Front unter großer zahlenmäßiger Überlegenheit. Auf engerem Raum waren sie, wie ihre zwei Niederlagen

gegen die schwere Mameluken-Reiterei Ägyptens zeigen (1260), der Rittertaktik nicht gewachsen. In der Mark wären die Mongolen auf den Sumpf- und Waldpässen gegen die soeben an der Biese bewährten, neu aufgerüsteten und unter erprobter Führung stehenden gepanzerten Ritter im Nachteil gewesen – das mag bei ihrem taktischen Abschwenken vor Brandenburg eine Rolle gespielt haben. Strategisch galt ihr Angriff gegen Mitteleuropa wahrscheinlich nur der Aufklärung; trotz ihrer großen Siege über Polen und Ungarn zogen sie sich dauerhaft nach Innerasien zurück.

Das hochmittelalterliche Brandenburg Die in eine Nord- und eine Südhäl�e erfolgte Landesteilung in das Brandenburg-Stendal der Johanneischen und das Brandenburg-Salzwedel der O�onischen Linie (1258-1317) brachte der Mark, anders als vielen geteilten Territorien, keinen Rückschlag. Unter dem Seniorat des Stendaler Markgrafen O�o IV. »mit dem Pfeil« handelte die Familie weiterhin nahezu einträchtig. Dank der Vielköpfigkeit ihrer Markund Untergrafen kaum zu fassen, fielen die Askanier über ihre Nachbarn her, ignorierten regionale und nationale Landfriedensgebote, gewannen Kriege und Landscha�en in deutschen wie polnischen Gauen und kompensierten Niederlagen gegenseitig. Damit brachten sie die beiden sehr vergrößerten Marken mit ihren bis ins Fränkische, Holsteinische und Westpreußische reichenden Nebenlanden und Protektoraten (unter anderem Danzig und Lübeck) auf das Format einer mi�elosteuropäischen Großmacht. Die Askanier gehörten zu den Hauptprofiteuren des

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Das Gebiet von Brandenburg-Berlin bis 1871 deutschen Interregnums 1254 bis 1273, »der kaiserlosen, der schrecklichen Zeit« (Schiller), in der keine allgemein anerkannte Zentralgewalt und Rechtsinstanz existierte. Im Anspruch auf das deutsche Königtum, das Markgraf O�o IV. 1308 erhob, scheiterten sie bei ihrem schlechten Ruf allerdings trotz nachhaltiger »Kulturpropaganda« (gotische Bauten, Feste, Minnedichtung). Nach dem Muster der zeitweise 19 undisziplinierten askanischen Herren nahm das Banden- und Verbrecherwesen im Volk derart überhand, dass 1288 selbst die Haupt- und Hansestadt Stendal von Räubern geplündert wurde und Handel sowie Verkehr überall li�en.

Der Waldemarische Nordische Krieg (1314-1317) Wirtscha�liche Vorstellungen pflegten die späten Askanier in rein abschöpfender Form. Die Errichtung des »Hohen Hauses« in Berlin diente zur Kontrolle der wichtigen Hansestadt Stendal, die mit der Initiierung des ersten Märkischen Städtebundes (1308) Eigensinn bewiesen ha�e. Neben dem konkreten Besitz der Lausitz und der Neumark ha�en die Askanier an der Ostsee Protektoratsverhältnisse geschaffen, die ihnen den Zugriff auf den Hansehandel gewährten. Der 1308 bis 1319 regierende Markgraf Waldemar von Brandenburg-Stendal streifte den zänkischen Provinzialismus der Familie ab und suchte die regionale Dominanz zu einer echten Groß- und Seemachtrolle an der Ostsee auszubauen. Brandenburg-Salzwedel gewann er durch Heirat seiner Cousine. Der Verkauf mehrerer Außenposten und die Gefangennahme des Landgrafen von Thüringen erbrachten insge-

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samt 66 000 Silbermark. Seine über 500 Lehnsritter konnte Waldemar damit erheblich mit Soldrittern verstärken, wenn auch die königsgleiche Selbstdarstellung viele Mittel abzog. Mit dieser Heeresmacht griff er 1314 unvermutet Dänemark an. Die Seefront übernahm das verbündete Stralsund. Dem Überfall folgte die Bildung einer überlegenen gegnerischen Koalition und damit der zweite Einkreisungskrieg der brandenburgischen Geschichte. Zwei Jahre hielt der Markgraf, auf der inneren Linie um sich schlagend, diesen »Waldemarischen Nordischen Krieg« (1314-1317) durch. Im August 1316 erlitt er jedoch die taktisch vernichtende Niederlage von Gransee-Schulzendorf, die strategisch folgenlos blieb, weil das Bauerngefolge der besiegten Ritter den zu verwegenen Bruder des dänischen Königs fing und Stralsund fast gleichzeitig die feindliche Flotte schlug. Das rettete Waldemar: Die innere Adelsopposition Dänemarks erzwang den Frieden. Markgraf Waldemar mag als der prächtigste und bedeutendste der brandenburgischen Askanier gelten – Zeitgenossen feierten ihn als den »Leibritter der Frau Ehre« –, aber aufgrund der Kosten des Waldemarischen Nordischen Krieges von mindestens 80 000 Silbermark im Jahr mussten die politischen Erben Waldemars nach seinem plötzlichen Tod 1319 eine Herrschaft antreten, mit der wegen der exorbitanten Verpfändung von Rechten und Autoritäten ein Jahrhundert lang »kein Staat zu machen war« (Gerd Heinrich). Da die eine Generation zuvor noch so zahlreichen, gefährlichen märkischen Askanier mit Waldemars Nachfolger – einem kranken Kind – aus der Nebenlinie Mark Landsberg ausstarben, stürzten sich die Nachbarn 1319/20 von allen Seiten auf die wehrlose Beute.


Der Kampf um das askanische Erbe Die wirren Kämpfe um die Mark fanden ihren Höhepunkt 1322 in der Mehrfrontenschlacht von Fretzdorf (Ostprignitz), von der man noch heute nicht weiß, wer wen aus welchen Gründen totschlug. Insgesamt 22 Städte, allen voran Berlin, ha�en 1321 den zweiten Märkischen Städtebund gegründet, einen Block, an dem das Geraufe der Fürsten abprallte. Als sich der askanische Herzog Rudolf von Sachsen-Wittenberg durchzusetzen begann, nachdem Waldemars Hofkaplan (Kanzler) Nikolaus von Bernau auf seine Seite getreten war, griff Kaiser Ludwig IV. »der Bayer« ein und belehnte seinen Sohn Ludwig mit der Mark und Kur Brandenburg. Der kaiserliche Feldherr und Sta�halter Graf Berthold VII. von Henneberg besetzte mit bayerischen und thüringischen Kräften das Land und schlug die Teilungsmächte aus dem Feld. Dennoch kam es nicht zum Frieden, da der nicht um Approbation ersuchte Papst Johannes XXII. die Wittelsbacher Übernahme annullierte und Widerstand gegen sie befahl. Brandenburg zerfiel in hoch emotionalisierte Parteien, auch quer durch den 1323 gestifteten dritten Märkischen Städtebund, der beabsichtigte, dem künftigen Markgrafen – wer auch immer es sein sollte – seine Bedingungen zu stellen. Im Jahr 1324 setzte sich im das Bündnis anführenden Berlin die kaiserliche Partei durch. Als Propst Nikolaus von Bernau daraufhin der päpstlichen Partei zu Hilfe kam, wurde er nach dem Standgericht einer tobenden Menge »sorgfältig« exekutiert: Zur Beleidigung von Herzog Rudolf wurden ihm wie einem Kapitalverbrecher die Gliedmaßen gebrochen, dann wurde er zur Schmähung von Papst Johannes auf dem Neuen

Markt wie ein Häretiker lebend verbrannt. Das grässliche Geschehen hat schlagartig zur Anerkennung des bayerischen Markgrafen Ludwig geführt. Dafür kamen Schrecken anderer Art: Im Propst-von-Bernau-Krieg von 1325 bis 1329 fielen auf Geheiß des Papstes christliche Polen und heidnische Litauer laut zeitgenössischen Chronisten so »bestialisch« über das Land her, dass die Verluste noch ein halbes Jahrhundert später spürbar waren. Dass Invasion und Umsturz letztlich doch misslangen, hat die Mark der festen Verteidigung von Frankfurt (Oder) zu danken. Der Versuch, den Brandenburgern neben ihrer Christlichkeit auch die Amtskirchlichkeit aufzuzwingen, ist damit langfristig gescheitert, obwohl die Bischöfe von Brandenburg an der Havel und Havelberg damals politisch wie geistlich klug intervenierten.

Der »Falsche Waldemar« (1348-1355) Die Wittelsbacher behandelten Brandenburg in der Folge derart offensichtlich als Provinz ihres von Tirol bis Holland reichenden Besitzes, dass ziemlich bald anhaltender Widerstand erwuchs. Der Adelsaufstand von 1328 bis 1331 blieb zwar dank gezielter Bestechung folgenlos, aber 1338 rissen die Städte die Kontrolle über die finanziellen Transaktionen des Landesherrn Markgraf Ludwig an sich. Er selbst residierte eher im Süden, wenn er nicht gerade seinem Interesse an märkischen Jung- und Ehefrauen nachging. Ludwig suchte seine Handlungsfreiheit durch Eingriffe in die Kommunalverfassungen wiederherzustellen. Im Berliner »Münzmeisterkonflikt« siegte er noch 1346, aber im August 1348 brach, beginnend in

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Das Gebiet von Brandenburg-Berlin bis 1871

Jakob Rehbock, der »Falsche Waldemar«, von 1348-1350 mit der Mark Brandenburg belehnt. Kupferstich, um 1760. akg-images

Brandenburg an der Havel, ein mit den sächsischen Askaniern abgestimmter Aufstand aus. Seine sorgfältige Vorbereitung führte zum Hinwegfegen der bayerischen Herrscha�, zur sofortigen Anerkennung der Umwälzung durch Kaiser Karl IV. und zur Belehnung eines vom Träger des Aufstands, dem vierten Märkischen Städtebund (1349), abhängigen Scheinmarkgrafen, des »Falschen Waldemar« – vorgeblich der 1281 geborene Markgraf, der nicht 1319 verstorben sein, sondern jahrzehntelang im Heiligen Land für seinen Inzest gebüßt haben wollte. Sein Nachfolger sollte ein sächsischer Askanier werden, was darauf schließen lässt, dass er wohl vom Wi�enberger Herzog Rudolf vorgeschoben worden war. Im siebenjährigen Krieg um den »Falschen Waldemar« (1348-1355), den das gesamteuropäische Chaos der beginnenden »Kleinen Eiszeit« (ca. 1350-1850), die Pest ab 1347/48 sowie das Wanken der

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christlichen Weltordnung potenziert und furchtbar brutalisiert haben, »wurde das Land so verderbt, dass Frauen und Männer [...] infolge ihrer Armut Sünde und Schande begehen mussten« (Magdeburger Schöffenchronik). Diese Brutalisierung und Desorientierung hat als erstes Trauma in der kollektiven Erinnerung der Brandenburger, wie sie von den Landeschronisten formuliert wurde, den weiteren Verlauf der Geschichte mitbestimmt. Die Wittelsbacher konnten sich in Frankfurt (Oder) und dem treuen Brietzen – daher der Name Treuenbrietzen – halten und nach Verstärkungen aus Süddeutschland und Dänemark zur Offensive übergehen. Die Kämpfe konzentrierten sich 1349/50 auf Berlin. Nach dem Fehlschlag zweier Zangenoperationen schritten die Bayern zur Einnahme des weiteren Landes und erzwangen endlich 1351 die Kapitulation der isolierten Stadt. Hartnäckigen Widerstand leisteten die Flügelstädte Brandenburg an der Havel und Prenzlau bis 1355, als der Markgraf, der Kaiser und die benachbarten Fürsten sich arrangierten. Taktisch führte man noch immer Reiterkrieg. Der Markgraf hatte 1350 in Saarmund 1200 märkische und bayerische Lehns- und Soldritter mit entsprechendem Gefolge versammelt; der Städtebund war auf Soldritter angewiesen, von denen etwa Prenzlau, Pasewalk und Templin zusammen 100 Mann unterhielten. Distanzkampfspezialisten zu Fuß, deren durchschlagkräftige Armbrustbolzen zu immer schwereren und teureren Stahlplattenrüstungen zwangen, machten bereits bis zu zwei Drittel der schweren Truppen aus. Das Gefolge der Knappen, Spießer, Knechte und der »Huren und Buben«, das den gepanzerten Kern begleitete, ist in keiner überlieferten Statistik gezählt.


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