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[K]EIN KINDERSPIEL Spielzeug als Spiegel der Industrialisierung Christian Arpasi Andreas Bödecker

Herausgegeben vom

be.bra verlag


Inhaltsverzeichnis Einführung ....................................................................................................................................................................................................................................................................... 7

Die Industrialisierung im Spielzeug der Kaiserzeit Die Industrialisierung in Zahlen ............................................................................................................................................................................................................. 8 Mit der Eisenbahn kam Deutschlands späte Industrialisierung in Fahrt ���������������������������������������������������������������������������������������� 11 Der Mensch im Takt der Maschine ................................................................................................................................................................................................. 19 Kraft und Licht aus Strom ........................................................................................................................................................................................................................ 25 Spielwarenfirmen in Berlin und Brandenburg um 1900 ........................................................................................................................................30 Die ganze Welt in bunten Bildern – die Neuruppiner Bilderbögen �������������������������������������������������������������������������������������������������������� 35 Ernst Paul Lehmann – Blechspielzeug aus Brandenburg an der Havel ������������������������������������������������������������������������������������������� 41 Lineol-Massefiguren – ein früher Kunststoff aus Brandenburg ............................................................................................................... 49 Kindheit um 1900 – die Welt der Jungen und die Welt der Mädchen ���������������������������������������������������������������������������������������������� 56 Weit hinaus – der Beginn der organisierten Freizeit-Reisen ......................................................................................................................... 65 Der schöne Schein – die Anfänge der Vergnügungsindustrie ..................................................................................................................... 75 Bauboom um 1900 – das Wachstum der Bevölkerung und der Städte am Beispiel Berlins ................................. 87 Apotheker begründen Industriekonzerne – die Industrialisierung schafft die Welt der Marken und der Werbung �������������������������������������������������������������������������������������������� 95 Der große Waschtag – die elektrische und die chemische Revolution im Haushalt .................................................... 103


Aufsätze Was kostete Spielzeug – und wer konnte sich Spielzeug leisten? von Andreas Bödecker ............................................. 115 Kinderarbeit – die dunkle Seite der Industrialisierung von Andreas Bödecker ............................................................................. 135 Kinderarbeit heute von Barbara Küppers ................................................................................................................................................................................... 174 Die deutsche Spielzeugindustrie von Anne Kamratowski ........................................................................................................................................ 187 Arme Kinder, arme reiche Kinder – die Kindermode-Industrie im Kaiserreich von Irena Berjas ............................ 197 Technik, Handwerk und Industrie in Kinderbüchern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts von Carola Pohlmann ....................................................................................................................................................................................... 215 Aus Spiel wird Ernst – Kriegsspielzeug im Kaiserreich von André Postert ......................................................................................... 231

Dank ................................................................................................................................................................................................................................................................................ 248 Auswahl verwendeter Literatur ................................................................................................................................................................................................... 250 Die Autoren, das Brandenburg-Preußen Museum ................................................................................................................................................ 254 Impressum ............................................................................................................................................................................................................................................................... 256


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Einführung: Die Industrialisierung im Spielzeug der Kaiserzeit Ein rasanter technischer und wissenschaftlicher Fortschritt hat im 19. Jahrhundert die Gesellschaft umfassend verändert. Begonnen hatte die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England. Innerhalb weniger Jahre wurden dort die Spinnmaschine, der mechanische Webstuhl und die Dampfmaschine erfunden. Auch die erste Eisenbahn fuhr 1825 in England. Diese technische Revolution leitete die handwerkliche Fertigung in die industrielle Massenproduktion über. Durch die maschinelle Produktion mittels Wasserkraft oder Dampfkraft fielen die Preise – Massen von einst selbstständigen Handwerkern wurden zu Fabrikarbeitern, die nun nach dem Takt der Maschinen arbeiteten. Die seinerzeit beliebten Spielzeug-Dampfmaschinen und die dazugehörigen Antriebsmodelle spiegeln diese Entwicklung wider. In Deutschland begann die Bevölkerung schon Anfang des 19. Jahrhunderts rasch zu wachsen. Zwischen 1815 und 1910 verdreifachte sie sich fast auf 64,9 Millionen Einwohner. Für die vielen Menschen, die durch das Bevölkerungswachstum vom Land in die Städte getrieben und von der Hoffnung auf Arbeit in den neuen Industriebetrieben angezogen wurden, gab es nicht genügend Arbeitsplätze. Die Elendsviertel wuchsen, die hygienischen Bedingungen waren katastrophal, Krankheiten und Seuchen grassierten. Die Arbeitsbedingungen waren hart und die Löhne niedrig. Kinderarbeit war, vor allem in der Textil-Industrie, die düstere Begleiterscheinung einer ungeregelten Industrialisierung. Zögernd griff der Staat in die Arbeitsbedingungen ein. Kinderarbeit in Fabriken wurde ab

1839 auf das Mindestalter von neun Jahren eingeschränkt und dann über den langen Zeitraum bis 1903 in mehreren Schritten weitgehend verboten. 1884 wurden die gesetzliche Krankenversicherung, die Unfallversicherung und 1891 die Rentenversicherung für Arbeiter eingeführt. Außerdem wurden im Jahr 1891 die Sonntagsruhe und der Mutterschutz von sechs Wochen gesetzlich verankert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts holte Deutschland den industriellen Rückstand auf. Vor allem in den forschungsintensiven Industrien wie der chemischen Industrie, der Optik und der Elektroindustrie wurden deutsche Unternehmen Weltmarktführer. Die Industrialisierung und das Wachstum der Städte spiegeln sich im Spielzeug dieser Zeit. In den kleinen Dingen kann man die großen zeithistorischen Zusammenhänge wiederfinden – die Eisenbahn, die Maschinenproduktion, die Elektrifizierung der Städte, die aufkommende Welt der Markenartikel, aber auch die Militarisierung der Gesellschaft, insbesondere ab 1898 die Flottenrüstung. Der Nationalismus der Kaiserzeit machte vor den Kinderzimmern nicht Halt. Die geschlechtsspezifischen Rollenbilder des 19. Jahrhunderts werden im Spielzeug ebenfalls sichtbar. Bei aller Faszination, die die historischen Spielzeuge auslösen, sie zeigen nur einen Teil der Wirklichkeit – die bürgerliche. Die Wirklichkeit der Arbeiterfamilien erschließt sich erst, wenn man genauer auf die Umstände schaut, unter denen Spielzeuge hergestellt wurden.

Christian Arpasi und Andreas Bödecker

Bild linke Seite: Spielende Kinder vor der Zeche Deutscher Kaiser in Hamborn, Ruhrgebiet, Ansichtskarte von 1910 (Sammlung BPM)

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Mit der Eisenbahn kam Deutschlands späte Industrialisierung in Fahrt In Deutschland war der Eisenbahnbau der wichtigste Motor der Industrialisierung. Wie bei vielen anderen Innovationen der Zeit hatte auch hier England einen großen Vorsprung gegenüber dem europäischen Kontinent. Die englischen Politiker wussten um die wirtschaftliche Bedeutung dieses Vorsprunges und hüteten die technischen Einzelheiten des Dampfmaschinen- und Lokomotivbaus als Staatsgeheimnisse. Durch Industriespionage, Abwerbung englischer Experten oder illegale Ausfuhr und Kopie englischer Maschinen kam das technische Wissen dennoch langsam nach Deutschland. 1835 fuhr in Deutschland die erste dampfbetriebene Eisenbahn auf der sechs Kilometer langen Strecke von Nürnberg nach Fürth. Drei Jahre später wurde die Eisenbahn von Berlin nach Potsdam eröffnet und bis 1846 weiter nach Magdeburg ausgebaut. Die erste Fernbahnstrecke war die 1839 eröffnete 120 Kilometer lange Eisenbahnstrecke von Dresden nach Leipzig. Auf ihr fuhr auch die erste in Deutschland – nach englischem Vorbild – gebaute Dampflokomotive, die „Saxonia“. Die erste eigenständig in Deutschland entwickelte Lokomotive war 1844 die Lokomotive „Beuth“ aus der Werkstatt von August Borsig in der Berliner Chausseestraße. August Borsig gelang es innerhalb eines Jahrzehnts nicht nur, den technischen Vorsprung der Engländer von über 20 Jahren einzuholen, sondern selbst eine marktbeherrschende Stellung im Lokomotivbau zu

erringen. Die letzten englischen Lokomotiven wurden 1853 an preußische Eisenbahnen geliefert. Danach kamen sämtliche Dampflokomotiven aus heimischer Produktion. 1854 bestellten die 27 preußischen Eisenbahngesellschaften 69 Lokomotiven. Von denen stammten 67 von Borsig und zwei von der ebenfalls in Berlin ansässigen Friedrich Wöhlert’schen Maschinenbau-Anstalt. Nun hatte Borsigs Unternehmen einen solch guten Ruf erlangt, dass trotz härtester englischer, amerikanischer und belgischer Konkurrenz Aufträge aus dem Ausland eingingen. Zur gleichen Zeit wuchs das deutsche Eisenbahnnetz rapide. Innerhalb von 15 Jahren nach Eröffnung der ersten Eisenbahnstrecke waren in Deutschland über 5.800 Kilometer Eisenbahnlinien in Betrieb. Um 1850 betraf ein Viertel aller Investitionen in Deutschland die Eisenbahnen, von der 574 Meter langen Göltzschtalbrücke im Vogtland bis zu den mechanischen Bleistiftanspitzern für die Bahnbüros. Die Eisenbahn machte die Menschen mobil. Zwischen Augsburg und Nürnberg beispielsweise beförderte die Postkutsche im Jahr 1839 nur 309 Fahrgäste. Zwei Jahre später fuhren auf der neuen Eisenbahnstrecke zwischen den beiden Städten 31.622 Fahrgäste mit dem Zug. Eine Reise mit der Postkutsche von Berlin nach Köln hatte fünfeinhalb Tage gedauert. 1851 konnte man mit dem ersten durchgehenden Schnellzug in 17 Stunden von Berlin nach Köln reisen.

Bild linke Seite: Die sächsische Dampflok XV 182 mit dem D-Zug Leipzig–Berlin, 1904 bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Altenburg, rechts davon eine Spiritus-Dampflokomotive von Märklin (Spur 1) mit einem vierachsigen Abteilwagen und einem Speisewagen, alle drei um 1905 (Foto: Eisenbahnstiftung Joachim Schmidt; Märklin-Zug: Sammlung BPM)

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Die Grenzen, an denen man auf diesen Fernbahnstrecken zu umständlichen Kontrollen halten musste, empfanden die Menschen zunehmend als unnatürlich. So ließ die Eisenbahn Deutschland auch politisch zusammenwachsen. Sie förderte das Nationalgefühl und trug dazu bei, dass die Diskussionen über die Einheit Deutschlands nicht zur Ruhe kamen, auch wenn die regionalen Fürsten sie gern unterdrückt hätten. Die Mehrheit der 809 Abgeordneten der Nationalversammlung, die 1848/49 in der Frankfurter Paulskirche tagte, pendelte mit der Bahn zwischen Frankfurt am Main und den heimatlichen Wahlbezirken. Nur mit Hilfe der Eisenbahn konnten sich die Abgeordneten bei ihren Wählern verankern und die Diskussionen und Arbeitsergebnisse des Parlamentes in ihre Wahlbezirke zurückbringen und dort erklären. Erst durch die Eisenbahn wurden Gütertransporte über weitere Strecken ermöglicht. Mit Pferde- oder Ochsenwagen auf holperigen Chausseen hatte sich der Preis einer Tonne Steinkohle durch die Transportkosten bereits nach 30 Kilometern auf das Sechsfache des Preises ab Grube erhöht, Holz auf das 15-Fache des Wertes ab Wald, Bausteine auf das 23-Fache des Weges ab Ziegelei. Erst die Eisenbahn, die die Kohlegruben mit den Eisenhütten verband, lösten den großen Aufschwung der Stahlindustrie und des Maschinenbaus aus. Lebende Tiere und verderbliche Lebensmittel waren auf der Straße überhaupt nicht zu verfrachten. So konnten Hungersnöte wie 1816/17 im Südwesten Deutschlands kaum durch Lebensmittelhilfen aus dem Osten aufgefangen werden. Das wurde erst durch die Güterbahn möglich.

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Das Eisenbahnnetz wuchs mit atemberaubender Geschwindigkeit: 1850, nur 15 Jahre, nachdem der allererste Zug die kurze Strecke von Nürnberg nach Fürth gefahren war, waren schon 5.846 Kilometer Eisenbahnstrecken in Deutschland in Betrieb. Zur Jahrhundertwende waren es 51.678 Kilometer. 1903 wurden in Deutschland erstmals pro Jahr mehr als eine Milliarde Passagiere und mehr als 400 Millionen Tonnen Fracht mit der Eisenbahn befördert. Die deutschen Eisenbahnen beschäftigten 229.429 Beamte und 328.322 Arbeiter, beinahe so viele wie das deutsche Heer. Ein derart bestimmendes Verkehrssystem wurde natürlich auch zum Traumspielzeug jedes Jungen. Das erste Kind, das eine funktionsfähige Modelleisenbahnanlage hatte, war der französische Prinz Napoléon Eugène Louis Bonaparte, der Sohn von Kaiser Napoléon III. Ihm wurde 1859 zu seinem dritten Geburtstag eine Eisenbahnanlage in den Park von Schloss Saint Cloud gebaut. 1886 brachte der Nürnberger Spielwarenhersteller Bing die erste Zuggarnitur mit Uhrwerkantrieb und Gleisen auf den Markt. Der gleichfalls in Nürnberg ansässige Blechspielzeughersteller Schönner folgte 1886 mit einer mit Dampf betriebenen Modelleisenbahn, die er in mehreren Spurweiten anbot. 1891 bot Märklin aus Göppingen auf der Leipziger Messe die ersten Modellbahnanlagen an, 1895 folgten, ebenfalls von Märklin, Weichen, Tunnel, Signale und anderes Zubehör, womit Märklin zum ersten Komplettanbieter von Modellbahnen avancierte. Märklins Marktstellung war damals schon so stark, dass die Firma die Standards für die auch heute noch üblichen Spurweiten 0, 1, 2, 3 setzen konnte. 1935 folgte die für kleinere Wohnungen geeignete Spur HO.

Mit der Eisenbahn kam Deutschlands späte Industrialisierung in Fahrt


Zielanzeiger an der Berlin-Potsdamer Bahn für einen Modellbahn-Bahnsteig Spur 1, Märklin um 1900 (Sammlung BPM)

Mit der Eisenbahn kam Deutschlands späte Industrialisierung in Fahrt

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Pause vor Ort in einer Kohlezeche im Ruhrgebiet um 1910, davor zwei Bergleute im Kohlenbergbau von Primus Wunderlich aus Zschopau, um 1900 (Bild und Spielzeug: Sammlung BPM)

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Erst der Güterverkehr mit der Bahn ermöglichte den großen Aufstieg der Kohle- und Erzregion an Rhein und Ruhr: Das Stahlwerk Hoesch am Abend, Ansichtskarte von 1901, davor zieht eine Märklin-Dampflok mit Uhrwerkantrieb einen Kohlewaggon und einen Petroleum-Tankwaggon, alle drei zwischen 1900 und 1905 (Bild und Zug: Sammlung BPM)

Mit der Eisenbahn kam Deutschlands späte Industrialisierung in Fahrt

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Die erste preußische Eisenbahn, 1838 von Berlin nach Potsdam. Bilderbogen aus dem Bilderbogen-Verlag von Gustav Kühn, Neuruppin (Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte)

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„Ich kann mir keine große Seligkeit davon versprechen, ein paar Stunden früher von Berlin in Potsdam zu sein.“ König Friedrich Wilhelm III. anlässlich der Eröffnung der Berlin-Potsdamer Eisenbahn 1838)

Aus der Sonderausstellung im Brandenburg-Preußen Museum

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In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. (Karl Marx)

Der Mensch im Takt der Maschinen Der Begriff Industrialisierung beschreibt den Übergang von der handwerklichen Fertigung zur Massenfertigung mit Hilfe von Maschinen. Diese technische Revolution nahm in England ihren Anfang mit der Erfindung der wassergetriebenen Spinnmaschine (1769), der Dampfmaschine (1769) und des mechanischen Webstuhls (1784). Zum weithin sichtbaren Symbol der Industrialisierung wurde die Dampfmaschine. Um 1800 waren in England schon rund 5.000 Dampfmaschinen in Betrieb, in Preußen nicht einmal ein Dutzend. Als 1815 die von Napoleon gegen englische Waren verhängte Kontinentalsperre aufgehoben wurde, überschwemmten industriell hergestellte englische Garne und Stoffe die kontinentalen Märkte. Die Weber in Schlesien und in anderen Regionen hungerten, und ihre Familien einschließlich der Kinder arbeiteten 16 Stunden am Tag, konnten aber mit den Maschinenprodukten nicht mithalten. England schützte seinen technischen Vorsprung durch Ausfuhrbeschränkungen für Maschinen und durch Ausreiseverbote für technisches Fachpersonal. Hohe Strafen drohten bei Zuwiderhandlungen. Dennoch: Durch Industriespionage, illegale Abwerbung englischer Experten oder Schmuggel und Kopieren englischer Maschi-

nen kam das englische technische Wissen langsam nach Deutschland. Um für die preußischen Bergwerke Dampfmaschinen zum Abpumpen der Grubenwasser zu erhalten, schickte Friedrich der Große den aus Neuruppin stammenden Bergbauingenieur Carl Friedrich Bückling im Jahr 1778 nach England, um James Watts Konstruktionspläne für dessen Dampfmaschine auszuspionieren. Doch erst nach einer weiteren Spionagereise und sieben Jahren intensiver Arbeit mit wechselndem Erfolg konnte 1785 endlich die erste Dampfmaschine im König-Friedrich-Schacht bei Burgörner am Ostrand des Harzes in Betrieb gehen, ein Jahr vor dem Tod König Friedrichs. Der Nachfolger Friedrich Wilhelm II. ernannte Bückling 1791 zum Oberbergrat und zum Leiter des Maschinenwesens im königlichen Bergwerks- und Hüttendepartment. Der Stahlunternehmer Eberhard Hoesch musste sich neun Stunden in einem erkalteten Hochofen vor der englischen Polizei verstecken, als er das englische Geheimnis der Gussstahlherstellung ausspionieren wollte. Alfred Krupp reiste aus dem gleichen Grund mehrfach unter falschem Namen nach England, bis er dort unter den Stahlherstellern durch Steckbriefe bekannt war. Der Neuruppiner Architekt Karl Friedrich

Bild linke Seite: Schmied am Amboss, Antriebsmodell für Dampfmaschinen um 1900, Hersteller unbekannt (Sammlung BPM), Hintergrundfoto: Dampf-Schmiedehammer, 50 Tonnen, bei Borsig in Berlin-Tegel 1899 (Stiftung Deutsches Technik-Museum, Berlin)

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Schinkel und der Beamte Peter Beuth, Begründer des Königlichen Gewerbeinstitutes (Vorläufer der Technischen Hochschule Charlottenburg), waren weitere prominente Industriespione. Langsam entstand in Deutschland eine eigene Maschinenbauindustrie. 1910 schließlich waren allein in Preußen 88.187 stehende Dampfmaschinen, 36.721 mobile Dampfmaschinen einschließlich Schiffsmaschinen und 19.670 Dampflokomotiven bei den preußischen Eisenbahnen in Betrieb, fast alle aus einheimischer Herstellung. Das Bevölkerungswachstum trieb, die zunehmende Industrialisierung zog die Menschen in die rasant wachsenden Städte. Essen hatte im Jahr 1800 kaum 4.000 Einwohner, im Jahr 1900 beinahe eine halbe Million. Berlins Bevölkerung wuchs von 172.000 Menschen im Jahr 1800 auf 1,9 Millionen im Jahr 1900. Die zehn größten Städte in Deutschland wuchsen im 19. Jahrhundert im Durchschnitt um das 14-Fache. Um 1800 hatten noch acht von zehn Menschen auf dem Land und direkt oder indirekt vom Land gelebt. Ob Gutsherr oder Kleinbauer, das Leben und die Arbeit der Familie bildeten eine Einheit, man wohnte zusammen, man arbeitete arbeitsteilig zusammen. Das änderte sich in den Städten radikal. Arbeiterfamilien lebten mit vier bis acht Kindern und nicht selten einem eingemieteten „Schlafburschen“ in ein oder zwei Zimmern in einer Mietkaserne mit engen Hinterhöfen. Oft genug mussten Vater und

Mutter arbeiten, um die Familie durchzubringen. Wenn die Eltern nicht das Glück hatten, in einer Werkssiedlung zu wohnen, mussten sie lange Fußwege zu ihrer Arbeitsstätte zurücklegen. Nicht selten waren sie sechs Tage die Woche für mehr als zwölf Stunden täglich abwesend. Die Arbeit wurde jetzt vom Takt der Maschinen bestimmt. Die Sirene und die Maschine regelten Beginn, Pause und Ende der Arbeit. Für die Kinder war in der Wohnung schon kaum Platz zum Schlafen, viel weniger zum Spielen. Im Hausflur und auf den Höfen waren Kinderspiele verboten. Die Kinder wurden vom Haus weg auf die Straße getrieben, viele verwahrlosten. In den neu entstehenden bürgerlichen Schichten war das anders: Unter Anleitung der Mütter bei den mittleren „Beamten“ in Industrie und Handel oder von Gouvernanten in großbürgerlichen Unternehmerhaushalten übten die Kinder spielend ihre künftige Rolle in Familie und Gesellschaft ein. Es gab Kinderzimmer als Spiel- und Lernorte, Puppenstuben für die Mädchen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen für die Jungen. Wie in einer Fabrik konnten die Jungen ihr Dampfmaschinenmodell über Treibriemen mit verschiedenen Antriebsmodellen verbinden, die automatisch zu arbeiten begannen, wenn die Maschine mit Petroleum unter Dampf gesetzt wurde. So wurden schon dem spielenden Bürgerkind die arbeitenden Menschen zum verlängerten Arm der Maschine.

Bild rechte Seite: Ein Dreher als Antriebsmodell für Dampfmaschinen von Jean Fleischmann, Nürnberg, im Hintergrund Frauen als Dreherinnen in der Maschinenfabrik August Borsig in Berlin während des Ersten Weltkrieges. Über den Arbeiterinnen sieht man die Luftabzugsrohre und die Antriebsriemen, die über Treibachsen mit der zentralen Dampfmaschine verbunden waren. Aber Frauen waren nicht erst im Krieg in der Industrie tätig. 7,8 Millionen Frauen, 42 Prozent aller Frauen im Erwerbsalter, waren um 1900 selbst erwerbstätig, jede vierte arbeitete in der Industrie (Foto: Stiftung Deutsches Technikmuseum, Berlin, Antriebsmodell: Sammlung BPM)

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Doppelzylinder-Dampfmaschine mit Petroleumbrenner von Doll & Co., gegründet 1898, einem auf Dampfmaschinen spezialisierten Blechspielzeughersteller in Nürnberg (Sammlung BPM)

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Zehn Antriebsmodelle Nürnberger Spielzeughersteller, die über Antriebsachsen und Treibräder mit der links abgebildeten Dampfmaschine verbunden werden können, links von vorn nach hinten: Förderturm, Ernst Plank, Schöpfwerk und Schaufelbagger, Doll & Co., alle drei zwischen 1900 und 1905 Mittlere Reihe, von vorn: Arbeiter am Schöpfkasten, Gebr. Bing, während des Ersten Weltkrieges, Arbeiter an der Kreissäge, Karl Arnold & Co., ab 1908, Fleischer an der Wurstmaschine und Schmied in kleiner Werkstatt, Jean Fleischmann, beide nach 1910 Rechte Reihe: Näherin (Uhrwerkmodell), Hersteller unbekannt – eines der wenigen Blechmodelle mit arbeitenden Frauen, hergestellt etwa zwischen 1905 und 1914, Dreher, Jean Fleischmann, und Fleischhacker, Gebr. Bing, beide vor 1914 (alle Sammlung BPM)

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Kraft und Licht aus Strom – die zweite industrielle Revolution Im Januar 1867 hatte Werner von Siemens seine größte und zukunftsweisende wissenschaftliche Entdeckung vor der Berliner Akademie der Wissenschaften vorgestellt: das elektrodynamische Prinzip. Es bildet die Grundlage für alle modernen Generatoren. Wie sehr diese sensationelle Entdeckung das Leben der Menschen revolutionieren sollte, ließ sich erstmals auf der Berliner Gewerbeausstellung 1879 erahnen. Hier präsentierte Siemens & Halske zur großen Begeisterung des Publikums die erste elektrische Eisenbahn. Wie von Geisterhand bewegt, ohne Rauch, ohne Lärm, zog eine winzige Lok drei Anhänger mit je sechs Fahrgästen. In den vier Monaten der Ausstellung ließen sich 86.398 Passagiere mit einer Geschwindigkeit von sechs Stundenkilometern über den 300 Meter langen Rundkurs fahren. Am 12. Mai 1882 nahm Siemens & Halske im Berliner Vorort Lichterfelde die erste elektrische Straßenbahn der Welt in Betrieb. Die 2,5 Kilometer lange Strecke verband die Bahnstation Lichterfelde (S-Bahnhof Lichterfelde Ost) mit der Preußischen Hauptkadettenanstalt in der Finckensteinallee. 1882 begann Siemens fast gleichzeitig in Nürnberg und Berlin mit der Installation der ersten elektrischen Straßenbeleuchtung. Werner Siemens entwickelte aus seiner Dynamomaschine Großgeneratoren, die ganze Netze mit Energie versorgen konnten. 1885 nahmen die „Städtischen Elektricitäts-Werke“ in Berlin ihr erstes – von Siemens & Halske gebautes – Kraftwerk in Betrieb. 1915 versorgten in Berlin sechs Kraftwerke 52.347 Stromkunden über 7.740 Kilometer Kabelnetz. Kraftwerke und elektrische Straßen-

beleuchtung wurden im Inland wie im Ausland ein Riesenerfolg. 1897/98 errichtete Siemens & Halske beispielsweise in nur zehn Monaten ein Dampfkraftwerk in Mexiko-Stadt und beleuchtete die Stadt mit 800 elektrischen Lampen, die über insgesamt 160 Kilometer unterirdische Kabel und 185 Kilometer Freileitung versorgt wurden, damals das größte Beleuchtungsnetz der Welt. 1882, im selben Jahr, in dem Siemens die ersten Straßenbeleuchtungen installierte, entstand in Berlin ein weiteres Elektrounternehmen, die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG). Auf der Internationalen Elektrizitätsausstellung in Paris (1881) hatte der Unternehmer Emil Rathenau (1838–1915) die von Thomas A. Edison erfundene Glühlampe gesehen und sofort deren Potential erkannt. Nach langwierigen Verhandlungen erwarb Rathenau 1882 die Rechte zur Nutzung der Patente von Edison in Deutschland und gründete ein Jahr später die Deutsche Edison-Gesellschaft als Aktiengesellschaft. Erstaunlicherweise schien Werner Siemens die Bedeutung der Glühlampe übersehen zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war Siemens bereits ein internationales Großunternehmen. Daher suchte Rathenau die Verständigung mit Werner Siemens und schloss mit ihm einen Vertrag über eine Interessenabgrenzung und eine begrenzte Zusammenarbeit. 1887 wurde das Kapital um zwölf Millionen Mark aufgestockt, die Deutsche Bank und Siemens beteiligten sich. Die Gesellschaft hieß nun „Allgemeine ElektricitätsGesellschaft“. Schon bald war die AEG ebenfalls ein Weltunternehmen und in ihrer Innovationskraft

Bild linke Seite: Straßenbahnmodell aus Blech eines unbekannten Herstellers (um 1900) auf einem Foto vom Berliner Alexanderplatz von 1903 (Straßenbahn: Leihgabe des Spielzeugmuseums im Havelland, Kleßen, Foto: gemeinfrei)

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ein ernst zu nehmender Konkurrent von Siemens. Konkurrenz belebt das Geschäft: Das zeigte sich an den beiderseitigen Verkehrsprojekten. Die AEG war es, die im April 1891 in Halle an der Saale das erste innerstädtische elektrische Straßenbahnnetz in Europa eröffnete. Bereits 1890 hatte die AEG die mit Pferden betriebene Stadtbahn Halle erworben und das Netz elektrifiziert, um einen Referenzbetrieb zeigen zu können. Die Straßenbahn wurde mit einer Mischung aus Akku- und Oberleitungs-Triebwagen betrieben. 1911 kaufte die Stadt Halle die Hallesche Straßenbahn-AG zurück und betrieb sie als städtisches Unternehmen weiter. In wenigen Jahren wurde durch die beiden Unternehmen die elektrische Straßenbahn zu einem Massenverkehrsmittel. Im Jahr 1900 gab es in Preußen in 130 Städten elektrische Straßenbahnen, in Deutschland insgesamt 221 Straßenbahnbetriebe. 18 Jahre, nachdem die erste Straßenbahn in BerlinLichterfelde ihren Betrieb aufgenommen hatte, waren damit vier von fünf Städten über 20.000 Einwohner in Deutschland mit einer elektrischen Straßenbahn ausgestattet. Für den Fernverkehr – den Betrieb von sogenannten Vollbahnen für den Personen- und Gütertransport – erwies sich die Oberleitungsspannung des damals gebräuchlichen Gleichstromsystems als zu niedrig. Maximal 600 Volt reichten zum Antrieb schwerer und schneller Züge über größere Entfernungen nicht aus. Siemens & Halske und die AEG erhielten 1899 den Auftrag, je einen Schnelltriebwagen auszurüsten. Im Oktober 1903 begannen die ersten Versuchsreihen mit hochgespanntem dreiphasigem Wechselstrom, dem Drehstrom. Erstmals in der Geschichte der

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Eisenbahntechnik wurden auf der 23 Kilometer langen Teststrecke zwischen Berlin-Marienfelde und Zossen von beiden Testtriebwagen Geschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometern erreicht. Der AEG-Triebwagen stellte am 27. Oktober 1903 mit 210,2 Stundenkilometern einen Geschwindigkeitsweltrekord auf. Da sich die Drehstromtechnik mit einer dreipoligen Oberleitung jedoch noch nicht als praxistauglich erwiesen hatte, experimentierten beide Unternehmen weiter. Schließlich setzte sich das Einphasen-Wechselstromsystem durch: Mit der Festlegung auf eine Hochspannung von 15.000 Volt bei 16 2/3 Hertz wurde 1912 eine grenzübergreifende Vereinbarung getroffen, die bis heute in Mitteleuropa gültig ist. Die Stromzuführung erfolgte über eine nur einpolige Oberleitung. Damit war der Weg frei für die Elektrifizierung der Fernbahnen. 1909 bewilligte der preußische Landtag zwei Millionen Mark für die Einrichtung der ersten elektrisch befahrenen Fernbahnstrecke auf den 25,6 Kilometern zwischen Dessau und Bitterfeld. Am Reichsgründungstag, dem 18. Januar 1911, wurde die Strecke feierlich eröffnet und mit Testlokomotiven verschiedener Hersteller betrieben, die sich rasch in dieser zukunftsträchtigen Antriebstechnik engagierten. Der Erste Weltkrieg verzögerte jedoch den weiteren Ausbau elektrifizierter Strecken. Auch die Spielzeugindustrie wurde unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft stark beschränkt, so kamen Modell-E-Loks im Wesentlichen erst in den 1920er Jahren auf den Markt. Straßenbahnen, elektrischen Antrieb für die Modellbahnloks und elektrisch beleuchtete Straßenlaternen hatten die Modellbahnhersteller aber längst im Programm.


1908: Elektrische Straßenbeleuchtung in Berlin-Charlottenburg, der Bahnhof Zoologischer Garten bei Nacht. Davor eine elektrische Bogenlaterne für Modelleisenbahnen von Märklin um 1900 und das Motorradmodell „Halloh“ vom E. P. Lehmann Patentwerk in Brandenburg an der Havel, produziert ab 1914 (Foto: Siemens AG, Spielzeuge: Sammlung BPM)

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Die Eröffnung des von Siemens & Halske errichteten Kraftwerks in Mexiko-Stadt, 1897, davor ein Dynamo für Spielzeug-Dampfmaschinen von Gebr. Bing, Nürnberg, um 1900 (Foto: Siemens AG, Dynamo: Sammlung BPM)

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Eine der ersten Elektrolokomotiven von Siemens & Halske auf der Versuchsstrecke Dessau–Bitterfeld, 1911, dahinter auf dem Parallelgleis eine der ersten Modell-E-Loks von Märklin, hergestellt ab 1925 (Foto: Siemens AG, Modell-Lok: Sammlung BPM)

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SPIELWARENFIRMEN IN BERLIN UND BRANDENBURG UM 1900

Spielwarenund Puppenfabriken

Spielwaren- und Puppenhandlungen Neuruppin

Blechwarenfabriken

Bilderbogenverlage Brandenburg an der Havel

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