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Schriftenreihe des Lander Institute for Communication about the Holocaust and Tolerance des Touro College Berlin Band 1

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 Andreas Nachama Johannes Tuchel (Hrsg.)

Am Rupenhorn 5 Wohnsitz der Familie Lindemann, NS-Ministerresidenz, Touro College

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Diese Publikation konnte mithilfe einer großzügigen Spende von Evelyn und Dieter Schultze-Zeu realisiert werden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2012 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlaggestaltung und Satz: typegerecht, Berlin Schrift: DTL Dorian 10/14 pt Druck und Bindung: Finidr, Cesk´ y Tesín ISBN 978-3-89809-101-5 ISSN 2194-8062 www.bebraverlag.de

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Inhalt

Sara Nachama Vorwort

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Andreas Nachama · Johannes Tuchel Einführung

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Anna von Arnim · Johannes Tuchel

Der »Reichskirchenminister« Hanns Kerrl und sein Wohnsitz Am Rupenhorn 5

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Frank Schmitz

Vom noblen Wohnsitz zum College – das Haus Am Rupenhorn 5

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Anhang Anmerkungen Quellen Literatur Danksagung Abbildungsnachweis Autorin und Autoren

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Vorwort

Als der Touro University Präsident, Dr. Bernard Lander sel. A., mich 2001 bat, ihm bei der Gründung eines Touro Colleges in Berlin behilflich zu sein, war der Beginn des Lehrbetriebs noch ein ferner Traum. Bei der Standortsuche stellte sich das Anwesen Am Rupenhorn 5 als wahrer Glücksfall heraus. Die bemerkenswerte Geschichte dieses Hauses ist zugleich auch Spiegelbild des Schicksals der Berliner Juden. In der Weimarer Republik erbaut, wurde das Haus nach 1933 zur Residenz des nationalsozialistischen »Reichskirchenministers« Hanns Kerrl. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründete die britische Militärregierung 1948 eine Jugendleiterschule im Haus am Rupenhorn. Diese war Teil eines Programms, mit dem amerikanische und britische Pädagogen zeitgemäße Unterrichtsmethoden sowie demokratische Bildungs-, Jugend- und Gemeinwesensarbeit im Nachkriegsdeutschland einführten. Mit der Übernahme des Hauses durch die Berliner Senatsverwaltung für Jugend wurde die Villa für ein halbes Jahrhundert zur Stätte für die Erarbeitung von Methoden der Jugendarbeit und der Förderung internationaler Begegnungen mit den Schwerpunkten der demokratischen Entwicklung und des interkulturellen Verständnisses. Im Oktober 2003 nahm das Touro College Berlin auf dem Campus am Rupenhorn seinen Lehrbetrieb auf und knüpfte damit an die Geschichte des Hauses an – mit der Wiederbelebung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Berlin und dies, ganz im Sinne des 21. Jahrhunderts, in Verbindung mit amerikanischen Bildungstraditionen und internationalen Verflechtungen. Den Studierenden, die das Tor am Rupenhorn durchqueren, bietet der Campus einen Rahmen, den nur wenige Hochschulen vorweisen können: ein beeindruckendes archi7

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tektonisches Monument, eingefasst von Gärten und Bäumen in einem eleganten Wohnviertel unweit des Havelufers, und doch nur 20 Minuten von der belebten City West entfernt. Ein Ort also, an dem intensives Lernen und studentisches Leben aufeinander abgestimmt sind. Ich danke den Autoren, die sich dem Anwesen am Rupenhorn und seiner Geschichte genähert haben und wünsche dem Buch viele interessierte Leserinnen und Leser. Sara Nachama Direktorin Touro College Berlin Vizepräsidentin Touro College

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Andreas Nachama · Johannes Tuchel

Einführung

Die villenartige Anlage Am Rupenhorn 5 wurde 1928/29 für die Familie des bekannten Kaufmannes Paul Lindemann von deren Freund, dem Architekten Bruno Paul, entworfen und erbaut. Viele bekannte Berliner Persönlichkeiten lebten in der Nachbarschaft. Gemeinsame Zeit verbrachten sie in ihrem »Klub am Rupenhorn«. Unter dem Eindruck der wachsenden Entrechtung durch die Nationalsozialisten verkaufte Paul Lindemann sein Haus am Rupenhorn 1935 weit unter Wert. Er emigrierte zunächst nach Italien und 1939 nach Uruguay. Seine geschiedene Ehefrau Minnie Lindemann blieb zusammen mit ihrer Mutter bis 1938 in Berlin. Nach dem November­pogrom heiratete sie einen ehemaligen Schulfreund ihrer Tochter Eva, um einen lettischen Pass zu erhalten. Sie wanderte zu ihrem Sohn Klaus nach Lausanne aus; beide folgten Paul Lindemann 1939 nach Uruguay. Die Mutter von Minnie Lindemann überlebte den Krieg in ihrem Haus in der Podbielskiallee in Berlin und verließ Deutschland erst nach 1945, mit 81 Jahren, in Richtung Südamerika. 1935 wurde die Lindemann-Villa zur Residenz des »Reichsministers für die kirchlichen Angelegenheiten« Hanns Kerrl. Dieser baute das Haus, das formal der Stiftung Preußenhaus gehörte, mehrfach um. Er ließ sich hier häufig von seinen Mitarbeitern im Kirchenministerium beraten, empfing regelmäßig seinen engen Freund Hermann Göring und ließ sich hier von Adolf Hitler zu seinem 50. Geburtstag gratulieren. Nach Kerrls Tod im Dezember 1941 lebte seine Witwe noch einige Zeit hier, bevor sie in die Nähe von Salzburg zog. Bis Kriegsende wohnten noch Kerrls Adjutant und zwei Mitarbeiter auf dem Grundstück. 9

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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bezirk Charlottenburg Teil des britischen Sektors. Im Jahr 1948 erweckte die britische Militärregierung das Haus wieder zum Leben: Sie gründete eine Jugend­ leiterschule im Haus am Rupenhorn. Diese war Teil eines Programms, mit dem amerikanische und britische Pädagogen zeitgemäße Unterrichtsmethoden sowie demokratische Bildungs-, Jugend- und Gemeinwesensarbeit in Nachkriegsdeutschland einführten. 1953 übernahm das Land Berlin das Hauptgebäude und richtete ­darin eine sozialpädagogische Bildungsstätte ein, während die britische Militärregierung weiterhin das Wirtschafts- und das Nebengebäude nutzte. Im Jahr 2003 entstand hier das Touro College, dessen Hauptsitz sich in New York befindet. Sowohl die angelsächsische Bildungstradition als auch die Verbindung zum Berliner Judentum werden heute vom Touro College mit seinen internationalen Verflechtungen aufgenommen und weitergeführt: Während zur Zeit der Jugendleiterschule die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Geschichte des Hauses ausblieb, bemüht sich das Touro College um Aufklärung und Vermittlung des Nationalsozialismus an die nachfolgenden Generationen. »Mit dem Einzug des Touro College in das Haus am Rupenhorn kehrt ein Stück jüdischen Geisteslebens nach Berlin zurück«, so Schulsenator Klaus Böger 2004. Im Vordergrund stehen die Wertschätzung der jüdischen Tradition und des jüdischen Ethos, kritisches Denken und die Verankerung ethischer Grundwerte – dafür wurden Grundstück und Haus vom Land Berlin zur Verfügung gestellt. Das Touro College fördert den interreligiösen und -kulturellen Austausch, indem jüdische und nichtjüdische Studierende verschiedener Nationen aufeinandertreffen und nach dem Selbstverständnis des Colleges in Respekt und Toleranz zusammenleben. Eva Shurman berichtete 2008, dass sie sich als Schülerin vorstellte, in der Villa später ein Kinderheim einzurichten, und betonte: »Ich finde es gut, dass es immer für Schulungen benutzt worden ist.« Bei der Übernahme des Anwesens durch das Touro College lagen nur wenige Informationen über die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner vor. Einige bauliche Veränderungen aus der Zeit der britischen Militärverwaltung, etwa die Teilbetonierung des Gartens, gaben 10

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Hinweise auf die wechselhafte Geschichte. Kaum etwas war über den Architekten Bruno Paul und noch weniger über den ersten Besitzer, Paul Lindemann, bekannt. Es gelang, den Kontakt mit seiner Tochter Eva Shurman herzustellen, die Bernard Lander 2003 befragen konnte, ebenso wie Studierende des Touro College im Jahr 2008. Erst während der Recherchen wurde wieder bekannt, dass der »Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten« Hanns Kerrl in den Jahren zwischen 1935 und 1941 hier gewohnt hatte. Für das Touro College, das sich im Lander Institute for Communication about the Holocaust and Tolerance intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzt, war es daher eine Selbstverständlichkeit, nicht nur der Architekturgeschichte des Hauses nachzugehen, sondern auch die Beteiligung von Hanns Kerrl an der Etablierung und Stabilisierung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems aufzuarbeiten. Die Ergebnisse dieser Recherchen werden in diesem Band vorgelegt und sollen zur weiteren Befassung mit den hier vorgestellten Themen anregen.

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Der »Reichskirchenminister« Hanns Kerrl und sein Wohnsitz Am Rupenhorn 5 Anfang Juli 1935 bezog Hanns Kerrl, Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten, das herrschaftliche Anwesen Am Rupenhorn 5.1 Er lebte hier bis zu seinem Tod Ende 1941. Im Zusammenhang mit der Geschichte des Hauses stellt sich daher die Frage nach der Biografie und der Bedeutung dieses hohen nationalsozialistischen Funktionärs. Hanns Kerrl gehörte zum Gründungs-, später zum Führungskreis der NSDAP in Niedersachsen. Seit 1926 war er Mitglied des Preußischen Landtags, seit 1932 dessen Präsident. Kerrl war enger Gefolgsmann von Hermann Göring und gehörte zum inneren Kreis um Adolf Hitler. In deren Auftrag trug er maßgeblich zur Destabilisierung der letzten demokratischen Regierung in Preußen bei und versuchte, den Ministerpräsidentenposten für die NSDAP zu sichern. Dies scheiterte im Herbst 1932 an Reichspräsident von Hindenburg und Reichskanzler Franz von Papen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme war Kerrl seit Ende März 1933 zuerst Reichskommissar für die Justiz in Preußen, bald darauf Preußischer Justizminister. In diesen Funktionen setzte er bereits vor der reichsweiten Regelung antisemitische Maßnahmen gegen jüdische Rechtsanwälte und Justizbeamte durch. Seine von rassistischem und antisemitischem Denken geprägten Reformvorschläge für eine »nationalsozialistische Justiz« im Sommer 1933 forderten Strafen gegen Juden, wie sie erst in den »Nürnberger Gesetzen« vom September 1935 realisiert werden sollten. Zugleich sollte der staatliche Mord an »lebensunwertem Leben« straffrei gestellt werden. Dieses Verbrechen, das mit allen Grundsätzen der Humanität brach und für das Kerrl schon 1933 die juristischen 13

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Voraussetzungen schaffen wollte, fand ab Herbst 1939 mit den Morden an den Patienten von Heil- und Pflegeanstalten statt. Im Sommer 1933 richtete Kerrl in Preußen ein Ausbildungslager für Juristen ein, die hier unmittelbar vor der Großen Staatsprüfung in nationalsozialistischer Ideologie geschult wurden. Vor dem Hintergrund dieser Politik erhob Kerrl den Anspruch auf das Reichsjustizministerium, konnte sich jedoch bei der »Verreich­ lichung« der preußischen Justiz 1934 innerhalb der nationalsozialis­ tischen Führung nicht durchsetzen. Stattdessen ernannte Hitler ihn zum »Reichsminister ohne Geschäftsbereich« und setzte ihn für Sonderaufgaben ein, so etwa als Leiter des »Zweckverbands Reichsparteitag Nürnberg« und der »Reichsstelle für Raumordnung«. Im Sommer 1935 war Kerrl dann auch als Reichsinnenminister im Gespräch. Doch Hitler beließ Wilhelm Frick im Amt, trennte aus dessen Geschäftsbereich aber die »kirchlichen Angelegenheiten« heraus und übergab sie an Hanns Kerrl. Dies sollte für Kerrl, der zugleich seine Raumordnungsaufgaben behielt, ein Ausgleich für den erlittenen Machtverlust sein. Zu dieser Zeit bezog Kerrl das repräsentative Anwesen Am Rupen­ horn, um dort großbürgerlich zu leben. In den Jahren 1935 und 1936 bemühte er sich im Auftrag Hitlers vor allem um die administrative Einigung der evangelischen Kirche. Im Februar 1937 scheiterte dieser Versuch; Kerrl verlor zunehmend den Rückhalt Hitlers und damit seinen politischen Einfluss. So verwundert es nicht, dass Kerrl Ende 1937 und Anfang 1938 mit Unterstützung seines Freundes Hermann Göring versuchte, seine Kompetenzen im Bereich der Raumordnung um das im nationalsozialistischen Staat ideologisch hoch bewertete Politikfeld der »Siedlung« zu erweitern. Kerrls Versuche blieben jedoch ohne Erfolg. In den Jahren 1938 und 1939 bemühte sich Kerrl erneut darum, kirchenpolitisch aktiv zu werden und dabei vor allem die innerkirchliche Richtung der »Deutschen Christen« zu unterstützen. Er hatte allerdings nur selten Gelegenheit, bei Hitler vorzutragen. Dieser hegte kein Interesse mehr an einer Einigung der evangelischen Kirchen, sondern unterstützte zunehmend die kirchenfeindlichen Kräfte der NSDAP – 14

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Rosenberg, Bormann, Himmler und Heydrich. Gleichwohl ließ Hitler den persönlichen Freund und »alten Kämpfer« nicht im Stich. Kerrl arbeitete Ende der 1930er Jahre daran, seine Überlegungen zum Unterschied zwischen der nationalsozialistischen Weltanschauung und der christlichen Religion in mehreren Denkschriften und schließlich in einem Buchmanuskript zusammenzufassen. Er stützte sich dabei auf rassistische und antisemitische Gedanken. Zudem war er stark von Houston Stewart Chamberlain beeinflusst und war darum bemüht, diesen mit dem Denken Immanuel Kants in Übereinstimmung zu bringen. Hitler verbot im Herbst 1939 das Erscheinen des Buches. Mehrfach drohte Kerrl mit seinem Rücktritt, blieb aber letztlich trotz wachsender Einflusslosigkeit im Amt und versuchte auf unterschiedliche Art und Weise weiterhin kirchenpolitischen Einfluss zu gewinnen. Er starb Ende 1941 auf einer Dienstreise in Paris. Im Folgenden soll die politische Biografie von Hanns Kerrl nachgezeichnet werden, ebenso seine unterschiedlichen Funktionen in der nationalsozialistischen Führung und sein Anteil an der Etablierung ihrer Herrschaft 1933/34. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf seiner gut erforschten Amtszeit als Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten.2 Doch es gilt auch, einen Blick auf die ideologischen Stereotypen zu werfen, die im Denken dieses nationalsozialistischen Politikers erkennbar sind. Gerade dann wird nachvollziehbar, warum Hanns Kerrl zum engeren Kreis um Adolf Hitler gehörte.

Sozialisation in Peine und Anfänge in der Politik Hanns Kerrl wurde am 11. Dezember 1887 in Fallersleben (heute Stadtteil von Wolfsburg) geboren.3 Die Familie Kerrl war dort schon seit Langem ansässig. Sein Vater Eduard Kerrl arbeitete als Rektor an der Volksschule und war mit Auguste Kerrl geb. Heimbach verheiratet. Hanns Kerrl wuchs mit 13 Geschwistern auf und erfuhr eine strenge religiöse Erziehung, wie sich sein Jugendfreund und Privatschüler seines Vaters Friedrich Ipse erinnert: »[…] im Hause Kerrl und besonders von Hanns Kerrl [wurden] Sprüche aus der Bibel mit Psalmen und Ka15

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techismen erörtert. In unserer Jugendzeit wurden wir mit dem Lernen dieser Sprüche fast gequält.«4 Hanns Kerrl besuchte die Volksschule und das Gymnasium in Hameln bis zur mittleren Reife und ging dann in den mittleren Justizdienst. Unklar ist, wann er seinen Wehrdienst als »Einjährig Freiwilliger« – eine Voraussetzung für die Offizierslaufbahn – absolvierte. Am 1. Oktober 1913 trat er als »gedienter Einjähriger« in das Infanterieregiment Nr. 92 in Braunschweig ein.5 Von 1914 bis 1918 nahm er am Ersten Weltkrieg teil, seit 1915 als Leutnant und Kompanieführer im Reserve-Infanterie-Regiment 260. Er wurde in Russland verwundet und verlor zwei seiner Brüder, die im gleichen Regiment dienten. Kerrl erhielt das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse.6 »Im Regiment hatte Hanns Kerrl keinen guten Ruf« und er sei mehrfach heftig gerügt worden, resümiert Ipse. Gegen Ende des Krieges musste er sich – so die Überlieferung seines Jugendfreundes – auf Befehl des Regimentskommandanten krankmelden und wurde zu einem Ersatzbataillon nach Hannover strafversetzt: Er sei für die »kämpfende Truppe« untragbar geworden, weil er angeblich aufrührerische Nachrichten verbreitet habe.7 Dennoch – so Kreutzer – prägte der Erste Weltkrieg Kerrl nachhaltig. Bereits am 14. August 1914 hatte Hanns Kerrl in Braunschweig Marga Auguste Johanne Margarete Schrader aus Garmissen geheira­ tet, mit der er zwei Töchter haben sollte. Die ältere Tochter ­Gisela Kerrl heiratete im Mai 1939 den Rechtsanwalt und Notar Dr. Max Wöss, Ursula Kerrl im Sommer 1941 den Oberleutnant der Luftwaffe Georg von Block.8 Hitler veranlasste für Ursula Kerrl ein Hochzeitsgeschenk im Wert von 8.350 Reichsmark aus den Vereinigten Werkstätten für Kunst und Handwerk in München sowie eine Geldüberweisung in Höhe von 2.412 Reichsmark.9 Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Kerrl zunächst als Justizobersekretär und war danach als Justizoberrentmeister am Amtsgericht Peine tätig. Schon früh wurde seine Arbeit als Finanzverwalter kritisiert.10 Während seiner späteren Anstellung als Justizkassenrendant am Oberlandesgericht Celle11 soll es sogar zu einer Strafversetzung zum Amtsgericht Wittmund in Ostfriesland gekommen sein, weil Kerrl bei einer festlichen Veranstaltung »durch Vortrag von unmögli16

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Hanns Kerrl als Preußischer Landtagspräsident, 1932.

Marga Kerrl, 1934.

chen Worten von der Bühne entfernt« und »derart verhauen« worden sei, »daß er das Krankenhaus hat für 2 Wochen aufsuchen müssen«.12 Ipse erinnert sich an die Antipathie von Kerrls Kollegen: »In Kollegenkreisen war Hanns Kerrl nicht beliebt. Gewandt in seinem Auftreten stellte er sich immer in den Vordergrund, fiel dann aber später wegen seines rücksichtslosen Vorgehens stark ab; man hielt nicht viel von seinen Charaktereigenschaften, Freundestreue kannte er nicht.«13 Kerrl habe sich von dem »langweilige[n] Beamtendienst« nicht ausreichend gefordert gefühlt und daher den Entschluss gefasst, Politiker zu werden – auch »um beruflich erfolgreich zu sein«.14 Ipse erinnerte sich, dass sein Jugendfreund Mitglied der SPD in Peine gewesen sei – zu jener Zeit eine »Hochburg der Sozialdemokraten und Kommunisten«.15 Er sei dafür eingetreten, den örtlichen Bezirksleiter aus seinem Amt zu drängen, um dieses selbst annehmen zu können. Darüber sei es zum Streit gekommen und Kerrl habe die Partei wieder verlassen.16 Dass sich für Kerrls Beitritt in die SPD keine Belege finden, könnte durch die Kurzfristigkeit seiner Mitgliedschaft begründet sein oder auf einem Nachkriegsirrtum seines Freundes Ipse beruhen.17 17

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1923 gründete Kerrl die erste Ortsgruppe der NSDAP in Peine.18 In einem Brief an den Parteiführer Adolf Hitler soll Kerrl gefragt haben: »Bist Du, der kommen soll?« Hitler habe aus seiner Haft in der Festung Landsberg geantwortet: »Ja, ich fühle mich berufen, das deutsche Volk aus seiner Erniedrigung herauszuführen.«19 Auch für diesen Briefwechsel zwischen Kerrl und Hitler können wir uns nur auf die Erinnerung Ipses verlassen. Nach dem Verbot der NSDAP im November 1923, der frühzeitigen Haftentlassung Hitlers und der Neugründung der Partei 1925 war Kerrl als Aktivist im Gau Süd-Hannover-Braunschweig tätig, der seit 1928 von Bernhard Rust geleitet wurde. Kerrl war enger Mitarbeiter des populären, bereits 1930 verstorbenen »Rucksack-Majors« Karl Dincklage, der zu dieser Zeit Stellvertretender Oberster SA-Führer Nord war. 1928 wurde Kerrl schließlich Kreisleiter in Peine und trat als Wahl- und Kundgebungsredner im Kreis Braunschweig auf. Sein ständiger Vertreter als Kreisleiter war von 1933 bis 1937 Bernhard Schneider. Es lassen sich für die Zeit nach 1933 allerdings keine regelmäßigen Besuche von Kerrl in Peine nachweisen.20 Über den politischen Einfluss Kerrls in Peine herrscht in der Literatur Uneinigkeit: Während Hohnsbein ihm eine nur marginale Relevanz zuweist,21 konzediert Kreutzer, dass die NSDAP nach dem Parteiverbot in Peine sehr schnell wieder eine tragfähige personelle und organisatorische Struktur etabliert und so den dortigen Wahlerfolg 1928 begründet habe.22 Joseph Goebbels notierte zu seiner ersten Begegnung mit Hanns Kerrl in Peine am 6. November 1925 wenig schmeichelhaft: »Abends nach Peine. Ich rede zu 100 Mann. Grauenhaft. Wohne bei einem Herrn Kerrl. Ein philosophischer Quatschkopf in Kant. Ich trinke Kaffee bis spät in die Nacht.«23 1926 soll es dann bei einer Parteitagung in Weimar zur Auseinandersetzung zwischen Kerrl und Hitler über den Eigentumsbegriff gekommen sein, bei dem Hitler Kerrl scharf angriff.24 Doch dessen politischer Karriere sollte dies keinen Abbruch tun. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 war Kerrl mindestens noch einmal in Peiner Ereignisse verwickelt. Er half dem SA-Sturmführer Karl Reineking, der als Hilfspolizist in Peine aus Ver18

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sehen einen SA-Mann erschossen hatte.25 Kerrl verschaffte ihm eine Anstellung beim Kriminalgericht in Moabit. Doch nachdem Reineking in Peine aus der SA ausgeschlossen worden war, änderte Kerrl seine Haltung und versuchte, Reinekings neue Karriere in Berlin zu sabotieren. Reineking war mittlerweile zu einem engen Mitarbeiter des berüchtigten Berliner SA-Gruppenführers Karl Ernst geworden. Als Reineking heiratete, waren Karl Ernst und Arthur Nebe seine Trauzeugen. Nachdem Karl Ernst im Zuge der Ausschaltung der SAFührung durch Hitler am 30. Juni 1934 erschossen worden war, wandte sich Kerrl am 19. Juli an Heinrich Himmler, damals Inspekteur der Preußischen Geheimen Staatspolizei, in der Karl Reineking auf Betreiben von Ernst angestellt worden war, und empfahl Reinekings Entlassung.26 Ende 1935 wurde Reinekings Vater in Peine wegen Beleidigung Kerrls festgenommen. Er gab an, die angeblich beleidigende Äußerung von seinem Sohn erfahren zu haben. Karl Reineking wurde daraufhin vom Sondergericht Peine »wegen Beleidigung des Reichministers Kerrl zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Sein Vater, der die von ihm gemachten Äußerungen weiterverbreitete, erhielt 1 Monat Gefängnis.«27 Diese Haftstrafe reichte Kerrl jedoch nicht aus. Unmittelbar nach seiner Haftverbüßung wurde Karl Reineking in das Konzentra­ tionslager Dachau eingewiesen, wo er nur einige Wochen überlebte und am 2. Juni 1936 ums Leben kam.28 Dies zeigt, wie weit der Arm Hanns Kerrls reichte.

Landtagsabgeordneter und Landtagspräsident Im Mai 1928 wurde Kerrl für den Wahlkreis 16 Hannover-Süd als einer der ersten sechs Abgeordneten der NSDAP direkt in den Preußischen Landtag gewählt. Ein Artikel von 1934 hält zu den Aktivitäten des sich dort als »Rechtsexperten«29 etablierenden Kerrl lediglich fest: »Aber von den marxistischen Präsidenten fand niemals einer Gelegenheit, ihm einen Ordnungsruf zu erteilen.«30 Wie die übrigen nationalso­ zialistischen Landtagsabgeordneten sah Kerrl den Preußischen Land19

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tag als eine Bühne der politischen Agitation an und beteiligte sich mit einer Vielzahl von »Kleinen Anfragen« vor allem zu staatsrechtlichen und juristischen Fragen.31 Bei den Landtagswahlen am 24. April 1932 gelang es der NSDAP, die Zahl ihrer Mandate von sechs auf 162 zu steigern. Sie war damit die stärkste Fraktion geworden. Am 25. Mai 1932 wurde Hanns Kerrl – bei einer Stimmenthaltung der preußischen Zentrumspartei – zum Landtagspräsidenten gewählt. Die Sitzung endete mit Tumulten. Wilhelm Pieck rief den nationalsozialistischen Abgeordneten zu: »In ihren Reihen sitzen eine ungeheure Zahl von Mördern.«32 Dies führte zu einer Schlägerei. In wenigen Minuten prügelten die Nationalsozialisten die kommunistischen Abgeordneten aus dem Sitzungssaal. Dieser Verlauf führte dazu, dass die Wahl Kerrls angefochten und am 22. Juni 1932 wiederholt wurde. Erneut enthielt sich das Zentrum; Kerrl blieb Landtagspräsident. Nach der Wahl kündigte er an, nicht mehr wie bisher die schwarz-rot-goldene Fahne, sondern die schwarz-weiße Preußenfahne während der Sitzungen des Landtages aufziehen zu lassen. In den folgenden Wochen bemühten sich Kerrl und Wilhelm Kube, der NSDAP-Fraktionsführer im Landtag, eine nationalsozialistisch geführte Regierung in Preußen unter Mitarbeit der Zentrumspartei zu etablieren. Dies scheiterte. In einem Schreiben vom 10. Juni 1932 sah Kerrl die Kabinettsbildung als »Akt der Legislative«, deren »einzig berufener Vertreter« er selbst sei.33 Er wollte  – in Abstimmung mit Hitler  – einen Nationalsozialisten als preußischen Ministerpräsidenten ins Amt heben. Kerrl teilte der Fraktion bald darauf mit: »Nach Ansicht des Führers sei die Aufstellung eines nationalsozialistischen Ministerpräsidentenkandidaten nur dann tragbar und möglich, wenn er in der Zusammensetzung des Kabinetts freie Hand behielte, durch keinerlei Parteiabmachungen gebunden sei und allein die volle Verantwortung trage. Dies sei dem Zentrum mitgeteilt worden.«34 Die Alles-oder-nichts-Position Hitlers, die er im Sommer 1932 im Reich verfolgte, wurde auch in Preußen konsequent vertreten. Es wundert nicht, dass das Zentrum unter solchen Bedingungen nicht zu einer Koalition bereit war. Bis zu den Reichstagswahlen am 31. Juli wollte man das Problem vertagen. 20

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Die nationalsozialistische Führung war damit nicht einverstanden. Die geschäftsführende preußische Regierung sollte um jeden Preis entmachtet werden. Deshalb teilte Kerrl in einem Brief an Reichskanzler Franz von Papen am 18. Juli 1932 das Scheitern aller Koalitionsbestrebungen in Preußen mit und schlug die Übernahme der preußischen Polizeigewalt durch das Reich vor.35 Selbstverständlich wusste er um die Bestrebungen von Papens, wegen der angeblich nicht mehr zu stabilisierenden Verhältnisse in Preußen aufgrund des Artikels 48 der Weimarer Reichsverfassung durch Reichspräsident von Hindenburg einen Reichskommissar einzusetzen. Dies erfolgte zwei Tage nach dem Schreiben Kerrls am 20. Juli 1932 und muss immer noch als »entscheidender Wendepunkt im Prozeß der von der Demokratie zur Diktatur führenden Machtverschiebung« betrachtet werden.36 Die »Verordnung des Reichspräsidenten, betreffend die Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Gebiet des Landes Preußen« enthob die geschäftsführende preußische Regierung ihres Amtes. Reichskanzler Franz von Papen wurde Reichskommissar für Preußen. Eines ihrer Ziele, die Amtsenthebung der Regierung, hatten die Nationalsozialisten erreicht; das andere, die Regierungsübernahme in Preußen, noch nicht. Nach den Wahlen vom 31. Juli 1932 wollte Hitler sowohl Reichskanzler als auch preußischer Ministerpräsident werden. So wurden auch im August 1932 in Preußen die Koalitionsverhandlungen mit dem Zentrum wieder aufgenommen. Kerrl, »der von Hitler dazu bevollmächtigt war«, traf sich am 16. August 1932 im Garten des Preußischen Landtags mit dem Fraktionsgeschäftsführer des Zentrums, Fritz Grass. Kerrl teilte mit, dass Hitler Ministerpräsident werden sollte. Für Grass war die nationalsozialistische Ministerpräsidentschaft nur »unter der Bedingung tragbar, daß 4 Nationalsozialisten und 4 Zentrumsleute im Kabinett säßen«. Kerrl fuhr noch am selben Abend nach Berchtesgaden, um »mit Herrn Hitler über die einzelnen Punkte zu sprechen«.37 Dies war nur drei Tage nachdem Hindenburg am 13. August 1932 eine Kanzlerschaft Hitlers brüsk abgelehnt hatte. Es ist unklar, inwieweit Hitler danach die preußische Option für realistisch hielt. Er war offenbar bereit, die Bedingungen des Zentrums zu akzeptieren, denn am 21

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20. August 1932 trafen sich Kerrl und Grass erneut. Ihre Verhandlungen wurden jedoch nicht fortgeführt, sondern von Sondierungen zwischen NSDAP und Zentrum auf Reichsebene überlagert. Die Verhandlungen begannen Ende August und führten dazu, dass die erste Sitzung des Reichstages am 30. August 1932 ohne Provokationen durch die Nationalsozialisten ablief. Hermann Göring wurde zum Reichstagspräsidenten gewählt. Anfang September führte zuerst Göring die Verhandlungen für die Nationalsozialisten, am 10. September schaltete sich Hitler persönlich ein. Von Papen, der eine Einigung zwischen NSDAP und Zentrum fürchtete, ließ am 12. September 1932 den Reichstag auflösen. Danach wurden – auf Wunsch der NSDAP – die preußischen Koa­ litionsverhandlungen bis nach der Reichstagswahl am 6. November 1932 ausgesetzt und sollten nie mehr aufgenommen werden. Hanns Kerrl gehörte in dieser Zeit unzweifelhaft zum engsten Führungszirkel der NSDAP. Dies wird auch aus den Aufzeichnungen von Goebbels deutlich, der 1932 mehrfach Gespräche der Parteiführung erwähnte, an denen Kerrl teilnahm, so etwa am 2. September 1932: »Beim Führer große Parteiberatung. Göring, Frick, Strasser, Kube, Kerrl und ich. Es werden die internen Fragen der Partei und die einzuschlagende Taktik durchgesprochen. Von der Strasserseite werden wie immer gegen den Standpunkt Hitlers Einwände erhoben.«38 Doch nicht nur über den Weg von Koalitionsverhandlungen wollte Kerrl die NSDAP in Preußen an die Macht bringen. Reichskanzler Franz von Papen, den die NS-Führung dafür verantwortlich machte, dass Hitler nicht zum Kanzler ernannt worden war, wurde jetzt von Kerrl massiv angegangen. Am 26. August 1932 setzte er sich bei von Papen für eine neue Notverordnung des Reichspräsidenten ein, mit dem die Geschäftsordnung des Preußischen Landtags aufgehoben werden sollte,39 um den Weg für die Wahl eines NSDAP-Ministerpräsidenten freizumachen. Gleichzeitig verlangte er aber schon die Aufhebung des Reichskommissariats. Von Papen lehnte dies am 28. August 1932 ab.40 Kerrl gab nicht auf. Am 19. September 1932 wurde er in Anwesenheit von Papens und Staatssekretär Meissners von Reichspräsident Hindenburg empfangen. Kerrl erneuerte seinen Vorschlag der Geschäftsordnungsänderung durch eine Notverordnung. Ein bald danach 22

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Hanns Kerrl, Wilhelm Frick, Adolf Hitler und Gregor Straßer während einer Sitzung des Vorstands der NSDAP-Reichstagsfraktion, 1932.

gewählter preußischer Ministerpräsident hätte dann von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt werden können. Hindenburg lehnte ab, er beabsichtige nicht »Herrn Hitler das Kanzleramt zu übertragen. Auch auf dem Umweg, daß er den gewählten preußischen Ministerpräsidenten zum Reichskanzler ernenne, könne er, der Reichspräsident, sich nicht einlassen. Die Reichsverfassung übertrage ihm die Auswahl des Reichskanzlers.«41 Sabine Höner ist zuzustimmen: »Hätte Hindenburg den von Kerrl vorgeschlagenen ›Umweg‹ akzeptiert, so wären die Weichen für eine Kanzlerschaft Hitlers im preußischen Parlament gestellt worden.«42 Nach den Reichstagswahlen vom 6. November 1932 und von Papens Rücktritt am 17. November 1932 bemühte sich Hitler erneut um eine präsidial gestützte Kanzlerschaft, die die Macht im Reich und in Preußen in sich vereinen sollte. Die entsprechenden Verhandlungen mit dem Reichspräsidenten scheiterten bereits Ende November 1932. Kurt von Schleicher übernahm die Führung eines Präsidialkabinetts. 23

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In diesen Monaten lässt sich auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Kerrl und Hermann Göring nachzeichnen. Letzterer war jetzt ebenfalls als preußischer Ministerpräsident im Gespräch. Am 12. Dezember 1932 kam es zu einer Unterredung darüber zwischen Hindenburg, Göring und Kerrl, an der auch Schleicher und Meissner teilnahmen. Zur Vermeidung des alten Dualismus zwischen Preußen und dem Reich schlug Göring vor, dass er als neuer nationalsozialistischer Ministerpräsident gemeinsam mit dem – bereits amtierenden – natio­nalsozialistischen Landtagspräsidenten Kerrl dem Reichspräsidenten Amt und Rechte auch eines preußischen Staatspräsidenten übergäben. Hindenburg lehnte dies ab und verlangte den Eintritt der National­sozialisten in das Reichskabinett Schleicher unter Göring als Vizekanzler. Dies wiederum lehnten die Nationalsozialisten einhellig ab.43 So war ihr Griff nach der Macht in Preußen erneut gescheitert. »Trotzdem erscheint der gemeinsame Auftritt Görings und Kerrls bei Hindenburg als zukunftsweisend. Mit diesen beiden Nationalsozialisten formierte sich in den letzten Wochen des Jahres [1932] der Kern der späteren Regierungsmannschaft der NSDAP in Preußen.«44 Am 30. Januar 1933 sollte es schließlich so weit sein: Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte Adolf Hitler zum Kanzler – die Nationalsozialisten übernahmen die Regierung. Am 7. Februar 1933 beschloss dann das preußische Dreimännerkollegium (Ministerpräsident, Landtagspräsident, Staatsratspräsident) mit den Stimmen von Franz von Papen und Hanns Kerrl gegen den Protest Konrad Adenauers die Auflösung des Preußischen Landtages. Für den 12. März 1933 wurden Neuwahlen angesetzt.

Hanns Kerrl als preußischer Justizminister Die Landtagswahlen vom 12. März 1933 brachten auch in Preußen eine klare Mehrheit von NSDAP und DNVP. Dennoch blieb Franz von Papen noch einen Monat lang Reichskommissar für Preußen. Starker Mann in Preußen war jetzt jedoch Hermann Göring, der seit dem 30. Januar 1933 als kommissarischer Innenminister in Preußen einge24

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Die Führung der NSDAP am 30. Januar 1933 im Berliner Hotel Kaiserhof (von links: Otto Wagener, Wilhelm Kube, Hanns Kerrl, Wilhelm Frick (sitzend), ­Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Ernst Röhm, Hermann Göring, Richard Walter Darré, Heinrich Himmler, Rudolf Heß).

setzt war und davon ausging, bald als preußischer Ministerpräsident zu amtieren. Seinen »alten Freund« – so bereits die zeitgenössische Bezeichnung45 – Hanns Kerrl wollte er dann als Justizminister einsetzen. Doch dazu waren noch einige Umwege notwendig. Durch das »Zweite Gesetz über die Gleichschaltung der Länder mit dem Reich« vom 7. April 1933 wurden in den Ländern »Reichsstatthalter« mit erheblich mehr Befugnissen eingesetzt, als sie vorher die demokratisch gewählten Ministerpräsidenten gehabt hatten. Für Preußen überließ das Gesetz dem Reichskanzler die Reichsstatthalterrechte. Damit trat von Papen als Reichskommissar zurück; Hitler ernannte am 11. April 1933 Hermann Göring zum preußischen Ministerpräsidenten und übertrug ihm die Rechte des Reichsstatthalters in Preußen.46 Hanns Kerrl war am 23. März zum Reichskommissar für das preußische Justizministerium ernannt worden; seit dem 21. April 1933 amtierte er dann als preußischer Justizminister.47 Kerrl postulierte: »Als 25

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Mann des schaffenden Volkes, als Frontkämpfer und politischer Soldat der neuen Weltanschauung, die nunmehr zur Staatsauffassung werden soll, werde ich das mir entgegengebrachte Vertrauen rechtfertigen.«48 Unmittelbar nach seiner Ernennung zum Reichskommissar begann er mit antisemitischen Maßnahmen. Am Abend des 31. März 1933, einen Tag vor den nationalsozialistischen Boykottaktionen gegen die deutschen Juden, richtete er per Funkspruch einen Erlass u. a. an die Oberlandesgerichtspräsidenten, die Generalstaatsanwälte und die Präsidenten der Strafvollzugsämter: »Die Erregung des Volkes über das anmaßende Auftreten amtierender jüdischer Rechtsanwälte und jüdischer Richter hat Ausmaße erreicht, die dazu zwingen, mit der Möglichkeit zu rechnen, daß, besonders in der Zeit des berechtigen Abwehrkampfes des deutschen Volkes gegen die alljüdische Greuelpropaganda, das Volk zur Selbsthilfe schreitet. Das würde eine Gefahr für die Aufrechterhaltung der Autorität der Rechtspflege darstellen. […] Ich ersuche deshalb umgehend, allen amtierenden jüdischen Richtern nahezulegen, sofort ihr Urlaubsgesuch einzureichen und diesem sofort stattzugeben[…] In allen Fällen, in denen jüdische Richter sich weigern, ihr Urlaubsgesuch einzureichen, ersuche ich, diesen kraft Hausrechts das Betreten des Gerichtsgebäudes zu untersagen. […] Besondere Erregung hat das anmaßende Auftreten jüdischer Anwälte hervorgerufen; ich ersuche deshalb mit den Anwaltskammern oder örtlichen Anwaltsvereinen oder sonstigen geeigneten Stellen noch heute zu vereinbaren, daß ab morgen früh 10.00 Uhr nur noch bestimmte jüdische Rechtsanwälte, und zwar in einer Verhältniszahl, die dem Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zur sonstigen Bevölkerung etwa entspricht, auftreten.«49 In den folgenden Tagen besetzten SAMänner viele preußische Gerichte, um die Durchführung der Anordnungen Kerrls zu sichern. Sämtliche jüdischen Rechtsanwälte wurden gezwungen, neue Konzessionen zu beantragen, von denen viele nicht erteilt wurden.50 Jüdische Staatsanwälte und Beamte im Strafvollzugsdienst waren sofort zu beurlauben, jüdische Laienrichter sollten nicht einberufen werden. Kerrl griff zusammen mit seinem Stellvertreter Roland Freisler den Regelungen auf Reichsebene vor. Eine zeitgenössische Darstellung 26

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nannte dies die »revolutionär vorstoßende nationalsozialistische Reformarbeit des Preußischen Justizministeriums (Minister Kerrl und Staatssekretär Freisler)«.51 Von einem Tag auf den anderen wurden in Preußen am 1. April 1933 insgesamt mindestens 643 jüdische Beamte des höheren Justizdienstes beurlaubt.52 Nach den Maßnahmen des »Gesetzes über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« wurden in Preußen bis zum März 1934 insgesamt 1.373 jüdische Angestellte und Beamte aus dem Justizbereich entfernt; 331 verblieben noch vorläufig im Dienst. Von den insgesamt 3.370 jüdischen Rechtsanwälten wurden bis zu diesem Zeitpunkt 1.361 aus ihrem Beruf entfernt; die Zahl der jüdischen Notare sank von 2.051 auf 1.199.53 Doch nicht nur judenfeindliche Maßnahmen gehörten 1933 und 1934 zum Repertoire Kerrls. Der erste Chef der Geheimen Staatspolizei, Rudolf Diels, schrieb in seinen Nachkriegserinnerungen: »Von Goebbelscher Propaganda unterstützt, hatte Kerrl eine höchst populäre Aktion eingeleitet. An Hand einer Liste der ›Korruptionsfälle der Systemzeit‹ betrieb er die Wiederaufnahme der großen Bestechungsfälle jener Zeit. Die Fälle ›Barmat und Kutisker‹, ›Schenkervertrag‹, ›Behala‹, ›Reemtsma‹ und viele andere wurden zur höheren Ehre des ›reinigenden Sturmes der Revolution‹ wieder aufgegriffen. Es wurde eine systematische Untersuchung der preußischen Maßnahmen in die Wege geleitet, die unter dem Schutz linksgerichteter Politiker der Einwanderung berühmt gewordener Ostjuden und ihrer Karriere Vorschub geleistet hatten. Auch alle Fälle kommunistischer Kapitalverbrechen wurden durch den Justizminister wieder aufgerührt.«54 Dies bedeutete nichts anderes, als dass viele Verfahren, die während der Weimarer Republik bereits rechtsstaatlich beendet worden waren, neu aufgerollt wurden und eine »Strafverfolgung« ohne jede rechtlichen Bedenken begann, die nur an der nationalsozialistischen Machteroberungsstrategie ausgerichtet war. Im April 1933 gab Kerrl ein Interview, das der im Reichstagsbrandprozess angeklagte bulgarische Komintern-Funktionär Georgi Dimi­ troff in seinem Schlusswort am 16. Dezember ausführlich zitierte: »Der Soldat und das Heer kennen nur eines, eine Richtschnur, eine Frage: 27

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Der preußische Justizminister Hanns Kerrl bei seiner Rede auf dem nationalsozialistischen Deutschen Juristentag in Leipzig, Anfang Oktober 1933.

Der preußische Justizminister Hanns Kerrl beim Besuch des »Gemeinschaftslagers für Referendare« in Jüterbog, August 1933.

Wie rette ich Freiheit und Ehre, wie rette ich die Nation? So ist es einmal eine Selbstverständlichkeit, daß die Justiz eines auf Tod und Leben kämpfenden Volkes nicht solche Objektivitätsanbetung betreiben kann. Die richterlichen, staatsanwaltschaftlichen und rechtsanwaltschaftlichen Maßnahmen müssen sich von einer einzigen Richtschnur leiten lassen: Was frommt dem Leben der Nation, was rettet das Volk? Nicht richtungslose Objektivität, die Stillstand und damit Verknöcherung bedeutet, darf herrschen; nein, alle Handlungen, alle Maßnahmen der Gesamtheit und des einzelnen gehören den Lebensbelangen des Volkes, der Nation untergeordnet.«55 Auch den Grundstein für die erst sehr viel später formell eingeführten »Justizlenkung« legte Kerrl. Er betonte im September 1933, dass er in die von ihm herausgegebene »Preußische Justiz« »Artikel über Fragen der Rechtspflege und der Rechtsprechung« aufnehmen 28

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wolle, »die wohl in ihren Grundlinien nationalsozialistischer Ideenwelt entsprungen sein müssen, von denen aber nicht feststeht, ob ihr Inhalt im einzelnen mit meinen Anschauungen übereinstimmt. Sammlung und Besprechung bedeutungsvoller Entscheidungen der preußischen Gerichte soll weiter den Organen der Rechtspflege ein willkommenes Mittel an die Hand geben, die Einheitlichkeit bei der Rechtsprechung innerhalb Preußens zu gewährleisten. Diese Sammlung wird mir auch Gelegenheit geben, meine Meinung zu in der Rechtsprechung hervortretenden rechtspolitischen Tendenzen kundzutun.«56 Am 29. Juni 1933 ordnete Hanns Kerrl die Errichtung eines Lagers für Justizreferendare an, das am 10. Juli 1933 in Jüterbog eröffnet wurde. Hier sollten die Referendare die sechs Wochen vor der mündlichen Prüfung gemeinsam verbringen, im nationalsozialistischen Sinne ideologisch geschult und zur »Volksgemeinschaft« erzogen werden.57 Seit Ende 1933 trug das »Gemeinschaftslager« den Namen »Hanns Kerrl«.58 Symbolisch für den nationalsozialistischen Umgang mit der Justiz ist das berühmte Foto, das Hanns Kerrl in SA-Gruppenführeruniform und andere nationalsozialistische Juristen vor einem an einem Galgen erhängten Paragrafenzeichen abbildet.59

»Nationalsozialistisches Strafrecht« Kerrls Ehrgeiz galt nun der Schaffung eines »nationalsozialistischen Strafrechts« und der Übernahme des Reichsjustizministeriums. Das Ergebnis seiner »Reformideen« legte er im Herbst 1933 in einer Denkschrift an die Reichsregierung vor. Seine Grundidee war dabei: »Der Staat ist nach nationalsozialistischer Auffassung nicht etwa Zweck an sich selbst, sondern nur Mittel zu dem einen Zweck, dem alles Menschenleben von Natur zu dienen hat: Der Erhaltung und Sicherung des Bestandes der Nation, des Volkstum, der Rasse.«60 Unter diesen biologistischen und rassistischen Prämissen verwundert es nicht, dass der Schutz menschlichen Lebens nicht mehr absolute Priorität besaß. Die Tötung auf Verlangen (»Sterbehilfe«, »Euthanasie«) sollte straffrei sein, »wenn der Täter ein staatlich zugelassener 29

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