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Martin Keune

GROSCHENROMAN Das aufregende Leben des Erfolgsschriftstellers Axel Rudolph

edition q im

be.bra verlag

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Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © edition q im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2009 KulturBrauerei Haus S Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Claudia Jürgens, Berlin Umschlaggestaltung: hawemannundmosch, Berlin Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Minion 10,5/14 pt und Bulletin Typewriter Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-86124-639-8 www.bebraverlag.de

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Editorische Notiz Die Personen in diesem Buch haben gelebt, die Ereignisse sind nicht erfunden, die Orte existieren. Es ist trotzdem zu lesen als Versuch, aus Einzelheiten ein romanhaftes Bild zusammenzufügen, das nicht im Ganzen, aber im Detail auch ganz anders ausgesehen haben kann. Insbesondere an den Stellen, wo Akteure – nach heutigen Kriterien betrachtet – moralisch richtig oder falsch handelten, bewegt sich jede Recherche auf sehr dünnem Eis, weil sie die wahren Beweggründe, das Beeinflusstsein, die Angst vor Bestrafung des jeweiligen Betroffenen nur ahnen, aber nicht kennen kann. Anmerkungen und Quellennachweise zu den einzelnen Kapiteln finden sich im Anhang des Buches.

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· DER ROTE FADEN ·

Am Donnerstag, dem 9. Juni 1938, hörte der Regen endlich auf. Sonne blitzte hinter der abziehenden Wolkenwand hervor. Langsam schob sich der blendend weiße Stahlleib der »Königin Luise« aus dem Hamburger Hafen heraus; eine Kapelle spielte. Becking stand auf dem Oberdeck und massierte sich die Schläfen mit den Fingerspitzen. Er war urlaubsreif, wahrhaftig. Endlich Seeluft – und nicht einmal viel Wind. Insgeheim hatte ihn der Gedanke an die Überfahrt beunruhigt; jetzt fingerte er entspannter seine Celluloidsonnenbrille aus der Jacke. Die paar Tage Helgoland würden ihm guttun; jedenfalls war der Chef dieser Ansicht, und Becking hatte sich gefügt und auch keine Arbeit aus Berlin mitgenommen. Ohnehin unterlagen die Aktenberge und Kladden strenger Geheimhaltung. Trotzdem schleppte er ab und an einige Hefter am Pförtner in der Prinz-Albrecht-Straße vorbei, um nach Feierabend noch ein paar Listen abzugleichen, mit gespitztem Bleistift kleine Häkchen zu machen. Das große Projekt, für das er von Bochum nach Berlin geschickt worden war, wuchs und wuchs, je mehr man daran arbeitete. Mit Polizeiarbeit im herkömmlichen Sinn hatte das nicht mehr viel zu tun: Moderne Methoden waren nötig, um mit der unglaublichen Menge an Informationen überhaupt fertig zu werden. Meldepflicht hatte es schon immer gegeben, der Ausweiszwang wurde gerade Gesetz, aber das Zusammenfügen all der verstreuten Mosaiksteinchen, der Vorstrafen, politischen Einschätzungen, der rassischen Herkunft, an einem zentralen Ort – das war neu und musste mit Weitblick und Koordinationsgabe angefasst werden. Becking spürte, wie die Kopfschmerzen zurückkamen, und beschloss, unter Deck zu gehen und in der Bar einen Kaffee zu trinken. Er wollte nicht über die Arbeit nachdenken, über die großen Aufgaben und die tägliche Überforderung; er wollte sich entspannen, aufatmen.

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Zum Aufatmen war die Luft im Schiffsinneren allerdings kaum geeignet. Die »Königin Luise« war als Seebäderschiff in den Sommermonaten ständig ausgebucht, und Becking lehnte sich eine Weile mit dem Rücken an den Tresen und beobachtete, noch immer mit der Sonnenbrille auf der Nase, das Gewoge der Mitreisenden. Je komplizierter die außenpolitische Lage wurde, umso euphorischer schienen die Leute ihre Ferienreisen anzutreten. An der Bar herrschte dichtes Gedrängel, und sein Kaffee war die Ausnahme: Die meisten Passagiere orderten einen Schnaps oder ein Glas Bier, obwohl es noch nicht einmal Mittag war. Kellner in weißen Hemden fertigten die Bestellungen ab. Becking genoss die Routine, mit der sie ihre Arbeit verrichteten. Überhaupt wurden die fast zweitausend Passiere mit allerhand Wegweisern und einer Vielzahl von Treppen klug und unaufdringlich durch den Bauch des Schiffes geleitet, an der Bar vorbei, zum Speisesaal, den Toiletten oder wieder hinauf auf die Decks. Menschenströme vorhersehen und lenken, die Menge beschäftigen und dirigieren: Das war eine Kunst, die ihn schon immer beeindruckt hatte. Wer von den Passagieren mochte eine Akte haben in der Prinz-AlbrechtStraße oder in einer der anderen Leitstellen in Bochum oder sonst wo im ganzen Reich? Das Amt – Becking sagte nie: Gestapo – das Amt also sammelte, was hereinkam, über die Kellner, das übrige Schiffspersonal, jeden Fahrgast. Zur späteren Verwendung. Für alle Fälle. Um zu wissen, was immer man wissen konnte. Ein Pärchen im Mittelschiff stach heraus aus dem Gesamtbild der Ferienreisenden; Touristen waren sie zweifellos auch, doch ihr Auftreten auf dem überfüllten Hundert-Meter-Kahn hatte etwas Glamouröses, als wäre es die »Columbus« des Norddeutschen Lloyd kurz vor New York, auf der sie hier promenierten. Becking schob die Sonnenbrille in die Jackentasche, um das Paar besser beobachten zu können. Die blonde Diva schien einem alten Stummfilm entsprungen zu sein; jedenfalls stammte ihr eng anliegendes, spektakulär dekolletiertes Abendkleid aus dieser Ära und war vermutlich in der Zwischenzeit mehr als einmal getragen worden. Die Frau war vielleicht Ende dreißig, hantierte mit einer Zigarettenspitze herum und lachte beifällig über kleine Bemerkungen, die ihr Begleiter ihr zumurmelte. Der

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Kerl schien zwanzig Jahre älter zu sein als die Frau; er trug einen hellen Smoking, der für den Anlass denkbar ungeeignet war und einen etwas ramponierten Eindruck machte. Dem Mann schienen die Blicke der Umstehenden wenig auszumachen; er erklärte seiner blonden Begleitung die Welt, und wenn man den weit ausholenden Armbewegungen Glauben schenkte, dann war es eine große, weite Welt, von der er da kenntnisreich sprach. Becking warf einen nachdenklichen Blick auf das etwas vergilbt wirkende, knitterige Gesicht unter den grau melierten Haaren, und er notierte im Kopf die ungefähre Größe und andere Merkmale des früher vielleicht muskulösen, jetzt etwas fahrig und auch füllig wirkenden Mannes – Merkmale für eine seiner endlosen Listen, die er in Berlin zu führen hatte und die er gerade für ein paar Tage vergessen wollte. Er schüttelte den Kopf und rührte ein zweites Päckchen Zucker in die schon halb leere Tasse. Höchste Zeit, die Beine hochzulegen und die Polizeiarbeit auf nächste Woche zu verschieben. Helgoland war herrlich. Die siebzig Kilometer bis zum Festland wirkten Wunder; Becking fühlte sich weit weg vom Alltag. Wahrscheinlich war es die Seeluft, die ihn wach hielt und nach Sonnenuntergang hinunterstreunen ließ zum Unterland, wo er sich in einem Tabakladen zur Feier des Tages eine dicke Zigarre kaufte. Nebenan war eine Likörbar, aus der Akkordeonmusik und Gelächter drangen; er hatte keine Lust, die Zigarre im Hotelzimmer zu rauchen, und trat ein. Bier schafften sie hier vom Festland herüber; der Schnaps wurde angeblich auf der Insel gebrannt und schmeckte klar und urtümlich. Becking zog zufrieden an seiner Zigarre, als das Paar eintrat, das ihm mittags auf dem Schiff aufgefallen war. Der Mann hielt seiner Begleiterin schwungvoll die Tür auf. Der ganze Auftritt sorgte dafür, dass die Barmädchen aufblickten und der Akkordeonspieler, ein in die Jahre gekommenes Insel-Original, die Quetschkommode erwartungsvoll aufquietschen ließ. Tatsächlich hatte der Mann im Smoking offenbar Geld in der Tasche und orderte am Tresen ein paar edle Tropfen. Überhaupt schienen Kneipenbesuche sein Steckenpferd zu sein; im Nu wurde mit dem Barkeeper gefachsimpelt, teure Überseeliköre

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wurden auf den Tresen gestellt und begutachtet und der blonden Dame wieder und wieder angeboten. »Dunnerlüttchen«, der Mann bemühte sich offensichtlich um einen norddeutschen Zungenschlag, der ihm leidlich gelang, »gab’s euern Schuppen schon vor dreizehn Jahren?« Zustimmendes Nicken. »Wahrhaftig? Mannometer, da muss ich mächtig betrunken gewesen sein, sonst hätte ich euch ganz nach oben auf meine Liste der Sehenswürdigkeiten gesetzt. Oder habt ihr mir damals Hausverbot erteilt?« Er lachte beifallsheischend, die Blonde lachte mit, und Becking stand auf, um seinen Mantel zu holen. Als er zum Tisch zurückkam und nach seiner Zigarre greifen wollte, war sie verschwunden. Becking stutzte. War das Ding unter den Tisch gerollt? Er bückte sich; am Tresen hörte man ein Kichern, und als er aufsah, bemerkte er, dass der helle Smoking doch tatsächlich seine Zigarre in der Hand hatte und hochkonzentriert und stirnrunzelnd ein Flaschenetikett studierte. Becking spürte, wie eine nur ihm selbst bekannte Stelle zwischen seinen Schulterblättern zu jucken begann. Er mochte das nicht. Er war so verdammt lange ein Polizeibeamter gewesen, ein kleines Licht mit einem kleinen Schreibtisch, dass er es nicht ertrug, wenn ihn jemand vorführte. Wahrscheinlich hatten alle hier schon gerochen, was er daheim in Berlin machte, hatten seine Uniform an ihm gewittert, die gut gebügelt zu Hause überm Stuhl hing, und rückten von ihm ab, lachten über ihn. Becking schob beim Aufstehen den Stuhl zurück, ein lautes Geräusch, das das Tuscheln der Barmädchen unterbrach. Mit drei Schritten war er bei dem Mann im Smoking, der ihm den Rücken zugewandt hatte und ertappt herumfuhr, als er ihn auf die Zigarre ansprach. Ja, in der Tat, das war seine Zigarre, die der Mensch da ungeschickt in der Rechten hielt, und er gab es auch gleich unumwunden zu und entschuldigte sich wortreich für den peinlichen Reflex. Verachtung stieg in Becking hoch, und während der andere noch versuchte, am Tresen einen Ersatz für ihn zu beschaffen, machte er eine abwehrende Handbewegung.

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»Eine Kleinigkeit, vergessen Sie’s. Und wenn Sie sich mal was gönnen wollen: Verlangen Sie einfach eine Lonsdale Habano. Wenn Sie sich die leisten können.« Das klang großspuriger als beabsichtigt, aber der Mann im Smoking registrierte die Ohrfeige ganz genau, und er wurde für einen Augenblick rot unter seinem wirren grauen Haarschopf. Becking ging ohne Gruß hinaus. Die beiden wohnten wie er im »Hotel Fernsicht«; Becking sah das Paar morgens als Letzte in den Frühstückssaal kommen, doch er wurde nicht von ihnen angesprochen und war zufrieden damit. Abends klopfte das Zimmermädchen an die Tür und übergab ihm ein schmales Päckchen mit den besten Empfehlungen aus Zimmer 4. Becking riss irritiert das Packpapier auf. Ein Buch, Der rote Faden, Romanvorlage des eben angelaufenen Tonfilms Mordsache Holm, geschrieben von Axel Rudolph. So hieß er also, der Zigarrendieb von Zimmer 4 – und ein schriftliches Friedensangebot hatte er der Lektüre auch beigelegt: »Sehr geehrter Herr Doktor«, Becking kniff die Augen zusammen, die Schmeichelei verfing bei ihm nicht, »es liegt mir schwer auf der Seele, dass ich mich gleich bei der Ankunft hier an fremdem beweglichen Eigentum vergriffen habe.« Becking nickte zustimmend. Da kannte sich einer aus mit der Sprache der Gerichte. Das war kein Anfänger in Eigentumsdelikten. »Das beiliegende Büchlein kann sich in Bezug auf die Qualität leider nicht mit der Zigarre messen, dennoch wage ich die Bitte, es als Buße für den Zigarrendiebstahl annehmen zu wollen, mit der nochmaligen Bitte, meinen Eingriff zu verzeihen. Heil Hitler gez. Axel Rudolph, z. Zt. Helgoland.« Heil Hitler … In den Zeilen dieses Mannes wurde selbst der deutsche Gruß zu einem Kabinettstück der Großspurigkeit. Becking griff nach dem Hotel-Briefblock und schrieb den Namen des Kandidaten ganz oben auf ein Blatt. Axel Rudolph. Ein großes Fragezeichen dahinter. Wer war das? Am Fahrstuhl zwischen Ober- und Unterland traf er Axel Rudolph zum nächsten Mal, danach auf der Strandpromenade; der Mann war

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immer in Eile, hastete mit voluminösen Blumensträußen über die Insel, grüßte sektglasschwenkend von der Terrasse des Kurhauses. Oder er stand vor Schenskys Fotoladen und überreichte einer von Schenskys schönen Töchtern eine Einladung zu einem Abendvergnügen in der Hotelbar – ohne dabei einen Unterschied zu machen, ob es Lotti war oder Maria, die das Billet entgegennahm. Seine Ehefrau – zumindest hatte er die Blonde als solche vorgestellt, und man trug ja auch Ringe – sah dem hektischen Treiben ihres Mannes mit belustigtem Staunen zu und beschränkte sich darauf, den notorischen Smoking ihres Begleiters mit wechselnden, aber immer atemberaubenden Abendgarderoben zu kontrastieren. Becking schenkte sie keinen Blick; er registrierte das mit einem grimmigen Nicken. Natürlich nicht. Die diensteifrige Arbeit in seinem schmucklosen Büro im Amt hatte seinen Rücken gebeugt, und das leise Selbstgespräch über den endlosen Listen war eine schlechte Übung, wenn man auf Helgoland einen großen Auftritt haben wollte. Dieser Rudolph dagegen, der Hallodri – der wusste, wie man’s machte. Ein Schriftsteller von mehreren Dutzend Büchern, ein Weltreisender, der sechs oder sieben Sprachen fließend sprach, ein Dramaturg der Ufa und ein Schwarm der Frauen: Dem standen Türen offen, die ihm, Becking, für immer verschlossen bleiben würden. Wenn wirklich stimmte, was der Mistkerl so alles erzählte. Abends in seinem kleinen Hotelzimmer notierte Becking auf dem Briefblock, was er beobachtet und erfahren hatte. Ganz aus der Übung war er noch nicht mit der Polizeiarbeit; er würde an diesem Paradiesvogel ausprobieren, ob er es noch draufhatte, das Ermitteln auf eigene Faust.

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· KOHLENLAND ·

»Axel! Opstå!« Wie spät ist es? Axel schreckte auf. Unten in der Küche hatte sein Vater nun schon zweimal zu ihm herauf gerufen und goss sicher gerade heißes Wasser in die Kanne mit dem Muckefuck, dem dicken Gerstenkaffee, der morgens sein einziges Frühstück war. Draußen herrschte das übliche Zwielicht; der Tag war kaum angebrochen, aber die Lichter der Fördertürme und die Feuer der Hochöfen und Kokereien tauchten die Wolken über Bochum in flackernden Widerschein. Er rutschte aus dem Bett in der engen Kammer und war unten in der Küche, als sein Vater die Tür hinter sich zu zog. Er wollte eine der frühen Straßenbahnen erwischen, die ihn zur Grundschule der Zeche, seinem neuen Arbeitsplatz, brachten. Opstå … Seit Mutters Tod vor sechs Jahren hörte Axel nur noch wenig Dänisch, obwohl er mit dieser Sprache groß geworden war damals in Köln-Nippes. Sie waren weggezogen nach Bad Godesberg, nach St. Goarshausen, dann hierher nach Bochum, als sein Vater Carl Friedrich Rudolph wieder geheiratet hatte. Lina Göbel hatte die deutsche Sprache und zwei neue Kinder mit in die Familie gebracht, Klara und Ferdinand. Die zwei waren jünger als er und gingen noch zur Schule; Axel hatten die häufigen Wohnungswechsel schulisch aus der Bahn geworfen, und nun verdiente er drüben unter Tage sein erstes eigenes Geld und war zufrieden damit, auch wenn er das meiste davon zu Hause abgeben musste. Er zog die Haustür hinter sich zu und rannte los. Die halbe Herner Straße war um diese frühe Uhrzeit schon auf den Beinen, überall traten aus den einfachen Reihenhäusern die Kohlenarbeiter und strebten Richtung Innenstadt. Die Zeche selbst hatte die Arbeiterhäuser gebaut; fünftausend Arbeiter mussten irgendwo wohnen, und die Industrie wuchs ständig weiter. Vor zehn Jahren, 1904, hatte Bochum gerade den hun-

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derttausendsten Einwohner gezählt; jetzt ging es mit Riesenschritten der doppelten Anzahl entgegen. Bei Krupp und im Bochumer Verein wurde seit ein paar Jahrzehnten Stahl gegossen, und unter der Stadt lag die Kohle, die alles am Laufen hielt, der schwarze Brennstoff, für den jedes Jahr neue Schächte in die Tiefe getrieben wurden. »Constantin der Große«, wo auch Axel Rudolph arbeitete, hatte eben Teufbeginn im 9. Schacht. Unten in hundertzwanzig Metern Tiefe lag hier das »Karbon«, die begehrte Steinkohle. Axel war das alles sehr recht; er war gerade mit einundzwanzig Jahren Hauer geworden, fuhr ein als vollwertiger Bergmann, mit eigenem Schlepper, einem Polen – nicht im neuen Schacht 9, sondern weiter südlich im alten »August«, dem Schacht 3 oben an den Castroper Straße. Vollhauer sein hieß: Geld verdienen, und das war jetzt erst einmal das Wichtigste. Dem Alten nicht mehr auf der Tasche liegen, selbst ein paar Pfennige einstecken können, wenn es samstagabends nach der Plackerei der sechs Arbeitstage in die Stadt ging, in die Bergmannbudike am Moltkeplatz oder sogar in Streichers Tanzlokal, wo man mit etwas Frechheit und Glück den wohlhabenden Schnöseln die Mädchen ausspannen konnte. Axel rannte mit seinem Arbeitszeug, dem Gezähe, die Straße hinunter; eben kam ein Zug der Bochum-Castroper Straßenbahn an der Castroper Straße in Sicht, den wollte er um keinen Preis verpassen, damit er nicht die letzten tausend Meter noch weiter an den Gleisen entlanglaufen musste. Alle Schächte waren mit den Bahntrassen verbunden, rund um die Uhr waren die Pfiffe der Dampflokomotiven zu hören, die die endlosen Ketten schwerer Waggons über die Schienen zogen. Die Straßenbahn war rappelvoll, aber Axel quetschte sich zwischen die anderen Männer. Eben trat über Wattenscheid die Sonne aus dem Dunst hervor; eine schwere, feurige Kugel hinter all dem Rauch. Viel würde er heute nicht sehen vom guten Wetter; drüben kamen schon die Kokerei und die Maschinenhalle mit ihrem geschwungenen Giebel in Sicht, dahinter verloren sich in der trüben Luft die Fördertürme. Geredet wurde kaum in der Straßenbahn; die polnischen Schlepper murmelten miteinander, die Kumpels waren wortkarg und starrten vor

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sich hin. Es roch nach Kohlsuppe, billigem Tabak, säuerlich trotz der offenen Fenster. Klappernd kam der Waggon zum Stehen; Axel sprang ab und ging Richtung Zechendorf, wo neben der Förderanlage und den Kokereien auch die Beamtenhäuser und ein großes Ledigenheim standen, aus dem ebenfalls Hunderte Bergleute in Richtung Förderkorb zogen. Axel war froh, nicht dort zu wohnen; mit Vater und dem neuen Anhang war es eng in der Herner Straße, aber man plagte sich nicht mit dem Ungeziefer, den Saufbolden im Nachbarbett und der nächtlichen Unruhe, wenn die Kumpels im Schlaf redeten oder von schlagenden Wettern träumten. Zuletzt hatte 1889 ein Schlagwetter vierzehn Kumpels getötet hier auf »Constantin dem Großen«; mancher der alten Hauer hatte das noch erlebt. Enge im Förderkorb. Axels Schlepper Dombrowski war schon da und wartete auf ihn; zusammen mit vierzig anderen ging die Fahrt am Seil hinunter auf Sohle 3. Die Augen gewöhnten sich kaum an die Dunkelheit, da waren sie schon am Ziel und stolperten durch die mäßig beleuchteten Gänge zu ihrem Stollen. Es war warm. Nach einer halben Stunde bildete der Kohlenstaub schwarze Schlieren auf Axels nacktem Oberkörper. Ein Steiger kam vorbei und verglich auf der Liste die heutige Förderung mit der von gestern. Axel hasste diese Erbsenzähler; alle hier unten ackerten nach Leibeskräften, und ob der Stein zäh oder krümelig war, lag nicht an ihnen. Wenn es gut lief, waren für ihn als Vollhauer jetzt vierzig Mark pro Woche drin; schlechte Tage sorgten für Ebbe in der Lohntüte, die dann oft nur fünfundzwanzig oder dreißig Mark enthielt. Immer noch viel Geld für einen gut Zwanzigjährigen; andererseits sah Axel die gesundheitlichen Verheerungen, die diese Arbeit an den älteren Kollegen angerichtet hatte, und das bescheidene Leben, das sie trotz ihrer lebenslangen Plackerei führen mussten. Aber wer schaffte schon den Sprung raus aus dem Kohlenpütt? Hier gab es Arbeit; draußen auf den Feldern war selten übers ganze Jahr welche zu finden. Zur Erntezeit heuerten die Sauerländer oder Münsterländer Bauern zwar Feldarbeiter an, aber nach zwei, drei Wochen war die Ernte vorbei, und im Winter schoben auch die Landarbeiter oft Kohldampf.

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Das war hier im Revier ganz anders, hier wurde das ganze Jahr gearbeitet, rund um die Uhr, und wer zwei starke Arme und einen gesunden Rücken hatte, der konnte mitmachen, zwanzig, dreißig Jahre lang, bis er unter der Last der Spitzhacke und der Kiepenschlepperei in die Knie ging. Sicher, Vater hatte jahrzehntelang versucht, sich als kleiner Lehrer, Übersetzer, Sprachlehrer über Wasser zu halten. Aber wenn diese Vagabundiererei von Schule zu Schule die einzige Alternative zum Kohlenhauen war, dann wollte Axel lieber Hauer bleiben. Er machte sich keine Illusionen, aber er fragte sich schon, ob das wohl das Leben war, das er die nächsten Jahrzehnte führen würde. Manchmal lag Axel nachts noch wach in seiner Kammer, nebenan hörte er die Stiefgeschwister im Schlaf murmeln, nicht weit von hier klingelte fünfmal ein Förderkorb, und ringsum fauchte und donnerte die Schwerindustrie. Der Himmel war rot über dem Pütt, dem Kohlerevier, und Axel schloss die Augen und stellte sich vor, das Donnern wäre ein Wasserfall, Abermillionen Liter Wasser, die über eine Felskante in die Tiefe stürzten. Es riss ihn im Halbschlaf mit, das Donnern, hinein in ein wildes Strömen, ein wildes Leben, von dem er jetzt und hier in der Herner Straße nur träumen konnte.

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· GASKRIEG ·

In den Herbstnächten 1914 ließ das Donnern nicht nach, aber es war nicht das Sprengen in den Schächten des Ruhrgebiets, sondern ein näheres, gefährlicheres Donnern: das von schweren Haubitzen. Krieg gegen Frankreich, vielleicht ein Zweifrontenkrieg gegen das schwerfällige Russland: Das hatte nach einem schnellen, effektiven Waffengang geklungen, nach ein paar Tagen Abenteuer an der frischen Luft, nach Hurrageschrei und Ballerei, bevor man als verdienter Held wieder zurückkehrte in den heimischen Pütt. 1870/71 hatte die ganze Chose im Grunde schließlich auch nur ein paar Monate gedauert, wenn man Axels Geschichtslehrer glauben durfte. Also, raus aus dem Förderkorb und der Enge der Familie, rein in die Uniform, ab zum Bahnhof − ein Freiwilliger im Infanterie-Regiment 78. Axel hatte das Herz bis zum Hals geschlagen, als er den Bahnsteig in Bochum hinunterstolziert war. Der einundzwanzigjährige Hauer Rudolph leistete seinen Dienst am Vaterland – auch wenn ihm das Vaterland so übermäßig nicht am Herzen lag, aber das Bild an sich, der Arbeitsmann, der Soldat, das gefiel ihm durchaus. Er wollte den Franzosen zeigen, wie weit sie gehen durften. Über Belgien nach Frankreich sollte die Reise gehen, Paris in die Zange nehmen: Strategische Gedanken machten sich Andere; auch unter Tage fragte Axel Rudolph nicht, wohin ein Stollen führte, sondern schlug an Kohle heraus, was drin war. Ein funkelnagelneues Schreibheft hatte er eingesteckt und schon zu Hause großspurig »Mein Kriegstagebuch« darauf geschrieben, darin wollte er notieren, was er erlebte und sah. Dann war alles schnell ganz anders gekommen. Der Frankreichfeldzug mühte sich durch Belgien; sie wurden beschossen und schossen selbst. Axel hatte gestaunt über die verwüsteten belgischen Dörfer, über verbrannte Kirchen, halbnackte Leichen am Wegesrand im Dorf Battice, als sie nicht mehr in Eisenbahnwaggons vorrückten, sondern zu Fuß.

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»Infanterist« klang imposant; aber die Ulanen hatten Pferde unter dem Hintern gehabt, während er Rucksack und Waffe durch die belgischen Wiesen schleppen musste. Achtzehn Kilo Marschgepäck, zwanzig Kilometer am Tag, kaum mehr als sechs Stunden Schlaf jede Nacht: Krieg war anstrengender als erwartet. Man kam nicht recht voran, geriet in Schießereien mit bewaffneten Trupps des belgischen Militärs. Ein- oder zweimal hätten sie im Wirrwarr der Feldwege und kleinen Wälder fast eigene Truppenteile unter Beschuss genommen. Die Tage vergingen viel zu langsam. Immer wieder gegnerisches Feuer, Tote in den Schützengräben, Männer mit abgerissenen Gliedmaßen, Verblutende. Axel hatte nie so etwas gesehen und glaubte immer wieder zu träumen. Er bereute schon, so schnell aufgesprungen zu sein auf den Zug Richtung Frankreich. Unter Tage gab es schlagende Wetter und elende Plackerei, aber es flogen einem immerhin keine Bombensplitter und Trümmer gesprengter Forts um die Ohren. Dann war ihm ein Riesenstück davon gegen den Kopf geflogen, hatte ihm die Nase und das Schlüsselbein gebrochen und die letzten Reste seiner Kriegseuphorie endgültig beseitigt. Das war Ende 1914 gewesen. Axel hatte etliche Wochen im Feldlazarett zugebracht, hatte, wenn es der brummende Schädel zuließ, sein Kriegstagebuch mit allerhand Geschichten und den Erzählungen der Kameraden gefüllt. Nach seiner leidlichen Genesung war er zu einer Landwehr-Division an die Ostfront geschickt worden. Er hatte das Ruhrgebiet aus dem Zugfenster gesehen, Essen, Oberhausen, und hätte am liebsten die Notbremse gezogen. Dann wurde die Landschaft unversehens eine andere – Sümpfe, mäandernde Flussläufe, der Wintereinbruch mit schneidender Kälte. Doch der Krieg war noch immer derselbe. Belgien war schlimm gewesen, aber die Ostfront war die Hölle. Ab Februar 1915 lagen sie in einem endlos scheinenden Stellungskrieg, Axel machte seine Verletzung noch immer zu schaffen, und niemand konnte sagen, wie das alles weitergehen sollte. Am östlichen Abschnitt des Narew, bei Lomscha, belauerten sich Russen und Deutsche in großen Aufgeboten; es ging nicht vor und nicht zurück. In kleinen Reihen lagen sich die bei-

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den Seiten gegenüber, schwere Artillerie hatte hier kein Ziel. Stattdessen wurden nach und nach unter allergrößter Geheimhaltung Kisten an die Front geschickt, die die neueste Erfindung der Rüstungsindustrie enthielten: Giftgas. Axel war kalter Schweiß ausgebrochen, als das Gerücht im Feldlager die Runde machte. Für ihn als Bergmann waren giftige Gase, die Angst vorm Ersticken allgegenwärtig. Die Gefahren und Qualen des Erdinneren hatte er hinter sich gelassen – jetzt sollte auch hier in der freien Natur die Luft verpestet werden? Schon im April hatten deutsche Chlorgaseinsätze drüben in Belgien begonnen; das schwere Gas sank in die französischen Schützengräben und tötete Tausende. Hier bei Lomscha sollte dem Chlorgas das noch giftigere Phosgen, das Grünkreuz, beigesetzt und mit Granaten verschossen werden. Axel hatte Respekt vor den russischen Gewehrkugeln, doch die Vorstellung, unversehens in eine Giftgaswolke zu geraten, versetzte ihn in Angst und Schrecken. Ein einziger Atemzug des Gases reichte, und die Lunge füllte sich mit ätzender Salzsäure, an der man nach Stunden einen qualvollen Tod starb. Anfang Juni, urplötzlich, war der Befehl da. Die Gasminen wurden geladen und abgeschossen, es war ein diesiger, fast nebeliger Tag. Der Überraschungsangriff hatte eine durchschlagende Wirkung. Axel hockte in seiner Deckung und sah, wie die tödliche Wolke die feindlichen Gräben überzog, dichter wurde, verwirbelte und sich ausbreitete. Drüben wurde gestorben, ein paar Tausend Russen lagen jetzt gekrümmt in den Schützengräben und husteten Blut unter unsäglichen Schmerzen. Leichter Wind kam auf, der sich drehte. Noch immer flogen Gasminen über den Abschnitt, ohne dass auf die Änderung der Windrichtung geachtet wurde. Hätte man nicht die vordersten eigenen Reihen längst evakuieren müssen? Axel geriet in Panik, er wollte hier nicht hocken bleiben, bis der Wind den fauligsüßen Tod herübertrug, er wollte nicht in die Falle gehen. Rechter Hand standen Büsche, er hechtete hinüber, um nicht zur Zielscheibe für übrig gebliebene Schützen auf der Gegenseite zu werden, und fand sich hinter einem kleinen Hügel wieder, vor einem unübersichtlichen Gelände, in das eben ein leichter Nebelschwaden zog – oder war das schon das Gas, das verdammte? Axel rannte im Zickzack durch die Fluss-

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landschaft, sprang über Wasserläufe, rutschte fluchend aus, verlor einen Stiefel im Morast. Die Waffe hatte er im Schützengraben liegen gelassen. Und das war wohl auch besser gewesen, denn so war er unbewaffnet, als er hinter einem kleinen Birkenwäldchen ganz unversehens in die Mündungen von zwei russischen Gewehren blickte.

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· TRANSSIBIRIEN ·

Russland war unendlich groß, und Axel Rudolph hatte den Eindruck, das ganze Land der Breite nach zu Fuß durchwandern zu müssen. Nach seiner Festnahme hatten sie ihm alles abgenommen, was militärisch oder auch sonst von Nutzen war – den Kompass, das schmale silberne Zigarettenetui, das er sich damals in Bochum voll Stolz vom ersten Lohn gekauft hatte, um in Streichers Tanzlokal ein bisschen angeben zu können. Immerhin hatten sie ihm seine Notizen gelassen und die Bleistiftstummel. Dann war er mit einem ganzen Trupp anderer Gefangener eingesperrt worden. Schließlich, als immer mehr hinzugekommen waren und ihre Gruppe schon an die tausend Mann ging, hatte man sich auf den Weg ins Hinterland gemacht, zu Fuß, in einem Marschtempo, das in der stechmückenumsurrten Augusthitze für die Verletzten unter ihnen kaum zu halten war. Zwanzig, dreißig Kilometer waren in dem noch immer morastigen, unwegsamen Gelände eine Strecke, die an die Leistungsfähigkeit aller ging, und in diesem Tempo marschierten sie nun schon zwei Wochen täglich. Tote blieben zurück, Verletzte wurden mühsam von den anderen getragen und gestützt. Hunger herrschte; die Verpflegung war unzureichend und sporadisch. Ab und zu gab es ein paar Kopeken Verpflegungsgeld, mit dem man in Bauernhöfen am Wegesrand etwas kaufen konnte – aber die Menschen dort hatten selbst wenig und waren kaum in der Lage, der tausendköpfigen Kolonne auch nur genug Wasser zu geben, von Brot ganz zu schweigen. So soffen sie aus den Bächen und Gräben und stopften in sich herein, was auf den abgeernteten Feldern noch zu finden war. Die russischen Wachmänner machten keinen großen Ärger, nur die Kosaken, die den Zug mit ihren Pferden flankierten, wurden mit jedem Kilometer gereizter; offenbar waren sie eigentlich für anspruchsvollere Aufgaben ausgebildet und ließen jetzt ihren Hass an den Gefangenen

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aus. Wer nicht mehr konnte, wurde weitergeprügelt, bis er tot zusammenbrach; wer aus der Reihe heraustorkelte, wurde mit dem Pferd in den Graben gedrängt und übel zugerichtet. Immerhin nahm die Bevölkerung ihren Marsch immer gleichmütiger auf, je weiter sie sich von der Front entfernten. Anfangs hatte es noch wütende Angriffe mit Steinen und Beschimpfungen gegeben; weinende, verzweifelte Frauen hatten die Gefangenen für den Tod ihrer eigenen Männer bestrafen wollen und mussten von den Wachmannschaften mitunter mit aufgepflanztem Seitengewehr von Racheaktionen abgebracht werden. Hier draußen in der Nähe von Mosty hatten die Leute den Krieg noch nicht selbst erlebt und bestaunten die ausgemergelten Fremden mit gebührendem Abstand. Die Spätsommertage waren brütend heiß und windstill, doch in den Nächten, die er meist in einer endlosen Reihe von Männern lang ausgestreckt auf dem Boden liegend verbrachte, ahnte Axel schon, dass es sehr bald viel kälter werden würde. Ringsum schnarchten die Männer, Verletzte und Heimwehkranke weinten im Halbschlaf, entfernt schnaubten die Pferde der Kosaken. Axel hatte nur eine vage Vorstellung davon, was ihm bevorstand. Von sibirischen Arbeitslagern war die Rede, aber wenn die Strapazen so weitergingen, würde nur ein geringer Teil von ihnen überhaupt lebend ankommen. Axel kramte sein Schreibheft hervor, aber erschöpft, wie er war, brachte er nur wenige Zeilen zustande. Der Himmel dehnte sich gewaltig über dem duftenden, verbrannten Gras der Steppe, und über den tausend erschöpft schlafenden Männern lag eine Nachtschwärze, die nirgends von den Lichtern eines Dorfes oder Gehöfts gebrochen wurde, so menschenleer war es schon hier. Axel dachte zurück an die Zeche, den Ruhrpott – so anders war es auf Sohle 3 im Grunde gar nicht gewesen, dort lag er eingezwängt in seinem Stollen, kaum Luft zum Atmen, immer den Schweißgeruch anderer Männer um sich; hier lagen die Nachbarn nicht weniger eng neben ihm. Hier war der schwarze Himmel über ihn gestülpt wie ein Sack; drüben in Bochum umgab ihn die absolute Schwärze von Fels und Kohle. Freiheit, die Arme ausstrecken, über die Steppe laufen, wohin er selbst es wollte: Er hätte alles gegeben dafür.

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Erst in Minsk war der Gewaltmarsch zu Ende. Das russische Oberkommando hatte die Stadt zu einem Tummelplatz der Militärs gemacht, doch mehr als die Truppenpräsenz rührte die Männer das schnörkellose Weiß der barocken Mariinsky-Kathedrale, an der sie ohne Halt vorbeigetrieben wurden. Der Anschein von Rückkehr in einen zivilisierten Teil der Welt trog – am Ostbahnhof warteten schon die tepluschki, die Viehwaggons, in endlosen Reihen. Enttäuschung schwappte durch die Masse der Gefangenen, Unruhe brach aus, ein Klageton aus vielen Kehlen. Was haben sie erwartet, dachte Axel Rudolph – Theaterkarten? Doch auch ihm rollten die Tränen übers Gesicht, als er zwischen den Lücken der Bretterverschläge hindurch die Stadt wie ein letztes Bollwerk der Menschlichkeit am Horizont verschwinden sah. Offenbar waren die Waggons schon früher für solche Transporte verwendet worden; der Abnutzungsgrad des einfachen Ofens und der mehrstöckigen Schlafpritschen an den Wänden deutete darauf ebenso hin wie der bestialische Gestank, der ihnen entgegengeschlagen war und der sie von nun an begleiten sollte, den sie selbst noch verschlimmern würden auf den endlosen Schienenkilometern. Vierzig Mann hätten Platz auf den schmalen Pritschen gehabt, sie waren zwanzig mehr, dazu die vier Wachmänner, und schliefen reihum auf dem rüttelnden, exkrementeverschmierten Boden des Waggons. Sanitäre Einrichtungen gab es nicht, die Notdurft wurde aus der aufgeschobenen Tür des tepluschki verrichtet. Nach zwei Tagen gab es den ersten Zwischenhalt im Schienengewirr der Güterbahnhöfe außerhalb Moskaus. Eine in ihren gewaltigen Abmessungen kaum zu überblickende Lagerhalle, in der Mitte der Giebelwand eine kleine Tür, durch die Axel Rudolph von der endlosen Reihe zerlumpter Männer geschoben wurde: Das war die Durchgangsstelle Ugreskaja. Als Axel die ersten Schritte in die hölzerne Halle tat, blieb er unwillkürlich stehen; der Anblick war überwältigend. Die Ugreskaja war ein menschliches Bergwerk, eine Zeche des Elends, in der ein Gewirr von Balken und Bretterverschlägen sich zwanzig Meter oder höher ins Dunkel der Halle hinaufwand. Es gab wackelige Übergänge und zusammengezimmerte Türme aus den Abfällen eines früheren Sägewerks, eines Kistenlagers oder geplünderter Viehwaggons. Und vor allem: Es gab

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Menschen, Tausende, die wie Höhlenbewohner in den Verschlägen hausten, dahinvegetierten; Menschen, die jede Ecke füllten, jeden Gang und jede auch noch so enge Nische. Wer war Universitätsprofessor gewesen, wer Metzger, Böttcher, Bergmann wie er? Ob er nun Axel Rudolph hieß, 1893 in Köln am Rhein geboren war oder nicht − was spielte das hier noch für eine Rolle? Diese Masse Mensch, das waren Gefangene, ins Elend Gespülte des furiosen, großen Krieges, der auf der Erde wütete, sie waren Verlierer, die sich ängstlich vor dem Abtransport versteckten, die keine Pläne hatten und kaum Hoffnungen. Axel Rudolph konnte nicht wegsehen von diesen Eingeweiden des Krieges, und der beißende Gestank nahm ihm den Atem, bis wattige Schwärze über ihm zusammenschlug; einer der Ohnmachtsanfälle, die Überbleibsel der Kriegsverletzung waren – oder einfach ein Vorwegnehmen des eigenen Endes, das ganz offensichtlich unmittelbar bevorstand. Dann doch wieder: die Viehwaggons. Sie hatten ihn aussortiert − nach welchen Kriterien, geplant oder nicht, wer wusste das –, aussortiert und erneut verladen für eine weitere, diesmal noch unendlich längere Reise nach Osten. Draußen fiel der erste Schnee, die Landschaft wurde weiß und konturlos, ab und zu klaffte darin die schwarze Zackenlinie eines Bachlaufs, dann kam wieder für Stunden nichts als das weiße Trudeln. Die wenigsten Stationen hatten Namensschilder, die Wachmänner murmelten bereitwillig die Litanei herunter: Kurgan, Wargaschi, Lebjashja, Mamljutka, Tokuschi … Ortsnamen vielleicht, oder Erfindungen. Nicht erfunden war das Ungeziefer, das ihnen trotz der Kälte zu schaffen machte, die Läuse, Flöhe, Wanzen; es gab keine Rettung vor ihrem Biss. Nur selten verkündete einer der Wachtposten mit dumpfer Stimme einen der prodovolstvennye punkty, der Verpflegungspunkte. Doch was es da gab, spottete jeder Beschreibung. Wer Glück hatte, konnte einem Bauern ein trockenes Stück Brot abschwatzen oder im Gedränge einem der staunenden Einheimischen in die Tasche greifen; insgesamt wurde die Verfassung der knapp tausend Gefangenen immer schlechter, je weiter die Reise ging. Durchfallepidemien grassierten und machten auch den nicht Kranken das Leben zur Hölle; die Holzöfen fielen aus oder sorgten

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auf den oberen Betten für unerträgliche Hitze, während unten am Boden zum Gotterbarmen gefroren wurde. Nach sechstausend Kilometern hatte der Zug vierundsechzig Mal eine seiner Schiebetüren geöffnet, um einen steifen Leichnam ins weiße Nichts fallen zu lassen; einen Professor, Metzger oder Böttcher. Ein Bergmann war noch nicht dabei gewesen; Axel Rudolph sah aus zusammengekniffenen Augen, von Husten gequält, durch einen der Bretterschlitze in einen klaren, klirrend kalten Morgen hinaus, als der Gefangenenzug das Lager von Irkutsk im südlichen Sibirien erreichte.

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· AUF DER FLUCHT ·

Flucht war das einzige Gesprächsthema abends auf den Pritschen – wenn man überhaupt eine Pritsche zum Schlafen hatte. Der Flucht galt das Murmeln bei der mittäglichen Suppe, wenn überhaupt Wasser für Suppe da war. Flucht war der letzte Gedanke der Sterbenden, die der Flecktyphus dahinraffte oder deren Amputationsstümpfe sich entzündeten und schwarz wurden. Der Gedanke an Flucht war allgegenwärtig, auch wenn draußen der bitterste Winter herrschte und berittene Kosaken Jagd auf jeden Ausreißer machten. Die Offiziere versuchten es am häufigsten; sie hatten noch Geld und glaubten, damit draußen weiterzukommen. Oder sie vertrauten sich den Chinesen an, die als Brotlieferanten ins Lager kamen und gegen horrende Summen nächtliche Schleuseraktionen organisierten. Wer unbemerkt an den Wachtposten vorbeigekommen war, der wurde von den Chinesen in Empfang genommen und fortgebracht an die mongolische Grenze oder sonst wohin. Doch wenn man Pech hatte – und das hatten sie alle –, dann wurden die Chinesen der menschlichen Fracht schnell müde und verdienten ein zweites Mal gutes Geld, wenn sie den Befreiten kurzerhand an den nächstbesten Kosaken verkauften, der ihn halbtot schlug und für ein Kopfgeld wieder zurück ins Lager brachte, wo der Dunkelarrest wartete oder Schlimmeres. Die Bewachung der Lager war nachlässig, weil ständig neue Züge mit Kriegsgefangenen ankamen, für die Platz geschaffen werden musste. Im Sommer 1915, als Axel Rudolph auf wackeligen Beinen aus dem Waggon kletterte, waren schon mehr als hunderttausend Männer im heruntergekommenen Randbezirk von Irkutsk interniert; alte Fabrikhallen, Lagerschuppen und ganze Barackengassen wurden zum Gefangenenlager umgerüstet, ohne dass es auch nur Betten, Latrinen oder Kochmöglichkeiten gegeben hätte. Ein Holzofen heizte unzulänglich einen Schuppen, durch den der Wind pfiff und in dem an die zweihundert Männer nachts auf

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dem Boden lagen und ihre Köpfe auf einen Holzklotz legten, weil es keine Kissen, keine Matratzen, kein Stroh gab. Selbst die Moskauer Inspekteure, die ab und an die Irkutsker Lager bereisten, fanden die Zustände unhaltbar – ohne dass diese Erkenntnis irgendetwas geändert hätte. Axel Rudolph schmiedete keine Fluchtpläne, noch nicht. Das trügerische weiße Gleißen draußen, wenn an einem der schöneren Tagen die Sonne über die Steppe strich und die Schneelast auf den Barackendächern plötzlich kostbar glänzte, rührte auch ihn an. Doch die Sekunden, in denen er frei sein wollte, hinauswandern in diese wilde, herrliche Welt, verstrichen folgenlos. Kohlengruben, Schützengräben, Viehwaggons und dieses Lager, mehr hatte er noch nicht gesehen in seinem Leben, und ob er draußen wirklich überleben konnte, war ihm nicht klar. Zu viele Gefangene kamen geschunden und halb erfroren wieder zurück, und dass die anderen, die nicht zurückkamen, es jemals bis in die Heimat geschafft hatten, war alles andere als sicher. Immer wieder luden die Aufseher einen steif gefrorenen Leichnam in der Gasse zwischen den Hütten ab, einen, der zusammengebrochen war in den eisigen Nächten dort draußen, ein Lehrstück für die anderen. Dann geschah etwas, das alle Fluchtgedanken überflüssig machte. Sie hatten am Nachmittag mit zwanzig Mann außerhalb des Lagers mit dem Ausheben einer Grube begonnen, wahrscheinlich einer Grube für all die Toten, die hier täglich anfielen. Mit den Spaten und zwei schweren Spitzhacken mühten sie sich ab, etwas Erde aus dem auch jetzt im März noch hart gefrorenen Boden zu kratzen. In einer langen Reihe grub jeder, so gut es ging, bewacht von bewaffneten Posten, die bei jedem Wort einschritten, das die Gefangenen untereinander wechselten. Die Wachtposten froren, sie bewegten sich nicht, und ihre ramponierten Winteruniformen, über die sie noch allerhand beschlagnahmte Lumpen gezogen hatten, waren nur ein unzureichender Schutz gegen die Kälte. Die Plackerei ging über Stunden; immerhin fror man so nicht, doch die verschwitzten Sachen gefroren einem am Leib, und viele waren längst zu schwach für jede körperliche Arbeit. Axel hatte zwei, drei Stunden vor sich hin gearbeitet, seinen Rhythmus gefunden oder eine

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Groschenroman.indb Abs1:27

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Ahnung davon, was früher in der Zeche sein Arbeitsrhythmus gewesen war. Jetzt taten ihm die Arme weh. Die Dämmerung brach herein, aber die Posten gaben noch nicht das Zeichen zum Aufbruch. Der Schweiß rann ihm über die Stirn, der Atmen ging stoßweise, und in seinen Ohren wurde ein sirrendes Geräusch langsam immer lauter. Dann erlosch die Welt von einer Sekunde auf die andere, der graue Schnee stürzte ihm entgegen. Dunkelheit. Als Axel Rudolph die Augen öffnete, schien alles wie vorher; lange konnte sein Ohnmachtsanfall nicht gedauert haben. Da lag sein Spaten, seine Kleidung war kaum mehr gefroren als vorher, es war noch nicht völlig dunkel. Aber die Mitgefangenen und die Posten waren weg. Er war draußen, unbewacht. Ein eisiger Schrecken durchfuhr ihn. Sie hatten ihn für tot gehalten oder für sterbend und kurzerhand hier liegen gelassen. Morgen würde genug Zeit sein, seine Leiche ins Lager zu holen. Oder ihn gleich hier draußen als Ersten in die neue Grube zu werfen. Ein Mann weniger über Nacht im Lager – das war ein halber Meter mehr Platz für die anderen, ein Kanten Brot mehr. Axel unterdrückte den ersten Impuls, hinüberzulaufen zum Tor im Bretterzaun, anzuklopfen und um Aufnahme zu bitten. Er zwang sich, aufzustehen, ein bisschen auf der Stelle zu treten, die klammen Glieder in Bewegung zu halten. Und nachzudenken. Am nordöstlichen Horizont zeigte ein Lichtschein unter den tief ziehenden Wolken die Lage von Irkutsk an, aber Rudolph machte sich keine Illusionen – im »Paris Sibiriens« gab es Licht und Wärme, aber er würde im Nu auffallen und festgenommen werden. Doch zwischen dem Lager und der Stadt lag der Güterbahnhof, wo auch die Züge mit den Gefangenen hielten, und in diese Richtung stapfte Axel jetzt, ohne sich nach der dunklen Silhouette des Gefangenenlagers umzusehen. Der Güterbahnhof war bewacht; zweimal duckte er sich vor den Blicken einer Fußpatrouille, zwei Männern mit geschultertem Gewehr und langem, schwerem Mantel, die allerdings mehr mit ihren Tabakspfeifen beschäftigt waren und einer Schnapsflasche, die hin und her gereicht wurde. Bahnsteige gab es nicht, nur ein Hauptgebäude, in dem Licht

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Groschenroman.indb Abs1:28

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brannte, mit einer lang gezogenen Laderampe. Seitlich verloren sich die Umrisse großer Schuppen im Dunkel. Axel, der angestrengt hinüberspähte, fiel ein Dach auf, das schwarz war, schwarz wie Kohle in dem grauweißen Dämmern ringsum und nicht mit Schnee bedeckt. Ein Dach, auf dem der Schnee schmolz. Minuten später stand er vor dem Lokschuppen, von dessen Traufe Wasser tropfte. Hier schliefen die schweren Dampflokomotiven, viele Tonnen heißer Stahl, noch glühend von der langen Reise durch Steppe und Taiga. Der Schuppen war mit riesigen Toren fest verschlossen, und sicher kam auch hier die Patrouille regelmäßig vorbei, aber er fand an der Rückseite des Gebäudes eine rostige Feuertreppe, die sich hinaufwand in die Nacht. Oben gab es eine Dachluke, die er mit klammen Fingern aufzerrte, dann war er auf einem Spitzboden hoch oben über den Maschinen. Im First des Schuppens sammelte sich die warme Feuchtigkeit der Lokomotiven, die wie große schwarze Tiere unter ihm in der Dunkelheit ruhten. Es mochten fünfzehn Grad sein hier oben, vielleicht mehr, eine Temperatur, die ihn wie der Luxus einer heißen Dusche einhüllte nach den Stunden im Frost. Axel zog aus, was er ausziehen konnte, breitete seine weite Jacke auf dem Holzboden aus, atmete den Geruch von Öl, Kohlenstaub und Ruß ein, einen Duft, wie er ihn schöner noch nie gerochen zu haben glaubte. Augenblicke später war er eingeschlafen. In diesem Lokschuppen wartete Axel Rudolph auf den Sommer. Tagsüber harrte er im Versteck aus; abends unternahm er vorsichtige Erkundungsgänge in die Umgebung, bog Schlüssel aus Blechresten oder durchstöberte den Aufenthaltsraum des Zugpersonals nach Essbarem. Einmal schob man einen demolierten Speisewagen der Transsibirischen Eisenbahn vor den Lokschuppen, in dem Axel Schwarzbrot, Kaffee und sogar den vollkommen absurden Luxus einer Flasche Krimsekt fand. An diesem Abend feierte er oben unterm Dach inmitten seiner kulinarischen Schätze eine einsame kleine Party, ohne Musik, ohne Begleitung, aber mit einem ordentlichen Schluck Sekt. Was mochte zu Hause passiert sein in all den Monaten? Und der Krieg, wie war er weitergegangen? Im Gefangenenlager hatten Neuankömmlinge wenigstens sporadisch Neuigkeiten mitge-

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Groschenroman.indb Abs1:29

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bracht; alle paar Wochen gab es für den einen oder anderen sogar einen um Monate verspäteten Brief von daheim – aber hier konnte ringsum die Welt untergehen, und er würde es als Allerletzter merken. Im Frühsommer war seine Garderobe aus den in Spinden und Waggons gefundenen Bahnarbeiterbeständen so weit vervollständigt, dass Axel aufgeregte, aber unauffällige Spaziergänge bei Tag machen konnte. Er ging zügig und scheinbar zielstrebig, vermied das Zusammentreffen mit anderen Menschen und bemühte sich um einen grimmigen, abweisenden Gesichtsausdruck. Das gelang so gut, dass er seine Wanderungen ausdehnte, Irkutsk zwar als zu gefährlich vermied, aber sich stattdessen auf den Weg nach Südosten machte. Im Lokschuppen ließ er nichts zurück, das auf seine Anwesenheit schließen ließ; die Matratze, die er sich aus einigen gefundenen Waggonsitzen gebaut hatte, versteckte er weit oben im Gebälk. Mit schmalem Reisegepäck war er unterwegs Richtung mongolische Grenze. In den ersten Tagen bemühte er sich, einen möglichst großen Abstand zwischen sich und das Kriegsgefangenenlager zu bringen; von einem einzigen Kosakenreiter abgesehen, vor dem er sich angststarr in einer Ginsterhecke versteckte, begegnete ihm nichts mehr, das mit diesem schrecklichen Ort in Zusammenhang stand. Am Südufer des Baikalsees folgte er der Selenga südwärts, vermied größere Orte und lebte vom mitgenommenen Proviant. Das Land wurde bergiger, waldreicher. Je weiter er sich an der zerklüfteten Grenze zur Mongolei südostwärts hangelte, umso weniger fürchtete er noch die Patrouillen des Militärs. Die mongolischen Burjaten lebten ein einfaches, entbehrungsreiches Leben als Holzfäller, Ziegenhirten oder Erzsammler; nach anfänglichem Zögern trat Axel hin und wieder vor eine Jurte, wurde auf ein Begrüßungsglas eingeladen oder für eine Nacht beherbergt. Er verschenkte freigiebig die Leinenservietten mit dem Schriftzug der Transsibirischen Eisenbahn, die als Willkommensgabe sehr begehrt waren. Die Burjaten zeigten ihm die essbaren und die giftigen Beeren und Pilze; er lernte, Fallen zu stellen und eine Schlafhütte aus Blättern und Ästen zu bauen. Und im Herbst traf er irgendwo an der Grenze, am Ufer des Flusses Modonkul, auf eine kleine Erzgrube, die in den imposanten

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Groschenroman.indb Abs1:30

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Groschenroman (Leseprobe)  

Eine unglaubliche Lebensgeschichte: Der Bochumer Bergmann Axel Rudolph steigt Anfang der 1930er Jahre vom zeitweiligen Obdachlosen zum gefei...

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