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DA S N E U E BE R L I N E R S C H L O S S

Über 200 Farbfotos zeigen aus verschiedenen Perspektiven, wie das neue Berliner Schloss in den Himmel wächst, und do­ kumentieren auch Ereignisse hinter dem Bauzaun – vom Ausbau der Kellergeschosse bis zum Einzug der ersten Museumsobjekte.

K I T T Y K L E IS T- H E I N R I C H

Die Fotografin Kitty Kleist-Heinrich hat den Bau des Humboldt Forum vom ersten Spatenstich an mit der Kamera begleitet. Ihre großformatigen Panoramabilder und überraschenden Detailaufnahmen bieten einen lebendigen Einblick in die Entstehung dieses symbolträchtigen Neubaus im ­Herzen der deutschen Hauptstadt.

K I T T Y K L E IS T- H E I N R I C H

DA S N EU E BER L I N ER SCH L OS S

Mit einem Vorwort von Andreas Conrad

In Kooperation mit

ISBN 978-3-8148-0243-5 www.bebraverlag.de

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K I T T Y K L E IS T- H E I N R I C H

DAS N EU E BERLI N ER SCH LO S S Vom Stadtschloss zum Humboldt Forum Mit einem Vorwort von Andreas Conrad

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Für Mama

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© berlin edition im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2020 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Katrin Endres, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin (Foto: Kitty Kleist-Heinrich) Schrift: Seravek Druck und Bindung: Graspo, Zlín ISBN 978-3-8148-0243-5

www.bebraverlag.de

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Inhalt Andreas Conrad – Der lange Weg zum Schloss

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2013 – Das Jahr der Grundsteinlegung

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2014 – Die Bauarbeiten schreiten voran

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2015 – A  nlieferung der ersten Sandsteinelemente | Richtfest | Die erste Führung auf der Baustelle

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2016 – F  assadenarbeiten | Versetzung der »Großen

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2017 – B  efestigung des Uferwegs | Anlieferung der

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Wappenkartusche«

Kolossalfiguren aus dem Bode-Museum

2018 – U  mzug der Exponate aus Dahlem | Ankunft des

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2019 – Abbau der Humboldt-Box | Einzug der Tresortür |

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Grundriss Erdgeschoss

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Anhang 

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Südseeboots

Das Schloss von außen und innen

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Der lange Weg zum Schloss Andreas Conrad

Auf der frühesten Abbildung des Berliner Schlosses ist von ihm fast nichts zu sehen, ja es ist nicht mal sicher, ob es sich bei dem Dargestellten überhaupt um das Schloss handelt. Im November 1536 war Pfalzgraf Ottheinrich aus seiner Residenz Neuburg an der Donau an den polnischen Hof in Krakau gereist, um eine überfällige Mitgift einzutreiben. Zu seinem Tross gehörte ein namentlich unbekannter Künstler, der von den durchreisten Städten Skizzen anfertigen sollte, die als Grundlage später ausgeführter Stadtansichten dienten. Seine Vedute der Doppelstadt Berlin-Cölln, in der man im Februar 1537 weilte, gilt als deren älteste bildliche Darstellung. Leicht lassen sich die das Stadtbild prägenden Bauten identifizieren: Tore, Türme, Kirchen, sogar die Richtstätte ist zu sehen, wo ein gewisser Hans Kohlhase, Vorbild der Novellenfigur Heinrich von Kleists, drei Jahre später sein Leben ließ. Im Hintergrund aber, zwischen Marien- und Petrikirche, ragen sechs bewimpelte Turmspitzen in die Höhe. Dort lagen die vielleicht schon zweitürmige, wahrscheinlich aber noch turmlose Domkirche und das Schloss, damals ein eher schlichter, wohl kaum von vier Türmen gekrönter Bau. Gut möglich, dass der Künstler hier seine Fantasie spielen ließ wie bei den blauen Bergen, mit denen er die Stadt umgab. Fast fünf Jahrhunderte liegen zwischen dem Urbild des Berliner Schlosses und den in diesem Buch versammelten Fotografien, die den Wiederaufbau der ehemaligen Hohenzollern-Residenz, nun als Sitz des Humboldt Forum, dokumentieren. Ersteres der sichtbare Anfang eines Strangs der Berliner Geschichte, dessen bildlich nicht fixierter Teil sogar noch ein knappes Jahrhundert weiter zurückreicht; letzteres der sich in einer fotografischen Langzeitstudie manifestierende vorläufige Abschluss einer Entwicklung, die Berlins »schlosslose« Phase beendet, die siebzig Jahre lang währte.

Am Anfang war ein Hammerschlag, mit dem Kurfürst Friedrich II., genannt »Eisenzahn«, am 31. Juli 1443 die Grundsteinlegung seines neuen Schlosses am Cöllner Spreeufer bekräftigt haben soll. Zuvor war Tangermünde Residenz gewesen, in Berlin stand für herrschaftliche Besuche nur das Hohe Haus in der heutigen Klosterstraße bereit. Friedrich hatte Konflikte innerhalb der städtischen Bevölkerung für sich zu nutzen gewusst, die Rechte der beiden Städte rigoros beschnitten und sich die Schlossbaustelle im Cöllner Norden gesichert. Sogar die alte Stadtmauer musste dort weichen, ein weiterer Affront gegen die Bürger, die sich im Frühjahr 1448 mit einem Aufstand, bekannt als »Berliner Unwille«, zu rächen suchten und dabei sogar die Baustelle fluteten. Geholfen hat es nichts: 1451 war das Ur-Schloss bezugsfertig, der mittelalterliche Vorläufer des Spreeflügels. Davon blieb nicht allzu viel übrig, als 1538 Joachim II. sich daran machte, ein richtiges, seinen Wohn- und Repräsentationsbedürfnissen angemessenes Schloss zu errichten. Es entstand »a primis fundamentis«, auf den ersten Grundmauern, ein um einen südlichen Querflügel erweiterter Neubau im Stil der Renaissance. Der spätere Schlossplatz diente als »Stechbahn« für Turniere, Blickfang an der Hofseite des neuen Flügels war der »Wendelstein«, eine offene Wendeltreppe nach Torgauer Vorbild. Der Spreeflügel bekam sogar eine Wendelrampe, die »Reitschnecke«, damit der Kurfürst auch hoch zu Ross zu seinen Gemächern gelangte. Unter seinem Sohn Johann Georg näherte sich das L-förmige Schloss allmählich einem Quadrat an. Der florentinische Baumeister Graf Rochus zu Lynar, der auch die Spandauer Zitadelle vollendete, fügte dem nördlichen Spreeflügel 1579 erst einen weiteren Querflügel und diesem später die Hofapotheke an, außerhalb 7

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Darstellung der Doppelstadt Berlin-Cölln aus dem Reisealbum des Pfalzgrafen Ottheinrich, Ansicht von Nordosten her kommend, 1536

des eigentlichen Schlossareals, entsprechend dem kurfürstlichen Wunsch nach Geheimhaltung der dortigen alchemistischen Versuche. Weiter entstand nach Lynars Plänen ein vierter Querflügel an der Schlossplatzseite, sogar mit Innentoiletten, einem Novum im Schloss. Doch erst unter dem folgenden Kurfürsten Joachim Friedrich wurde der künftige Kleine Schlosshof durch Ergänzung dieses Flügels zum Karree geschlossen. Zugleich entstanden langgestreckte, schlichte Riegelbauten mit Wohnungen und Ställen in Verlängerung des Nordflügels und rechtwinklig dazu nach Süden, die nun mit dem dortigen ehemaligen Dominikanerkloster den Großen Schlosshof umfassten. So wenig das Bild dem des vollen-

deten Schlosses entsprach: Die endgültige Grundform und Größe eines Rechtecks mit innerem Querflügel war gefunden. Leider hatte sich dort mittlerweile auch ein Quälgeist der Hohenzollern eingenistet, der in vielen Legenden festgehalten ist: das Schlossgespenst, die »Weiße Frau«. Erstmals soll sie Johann Georg erschienen sein – als Geist der »schönen Gießerin« Anna Sydow, Mätresse Joachims II., die nach dessen Tod vom Sohn in der Spandauer Zitadelle weggesperrt wurde, wo sie starb. Sehr viel bedrohlicher jedoch waren die Gäste, die das Schloss des ab 1619 regierenden Georg Wilhelm heimsuchten. Als Bauherr tat er sich nicht hervor, die Weltgeschichte ließ ihm dazu keine Ge-

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legenheit. Er musste vielmehr versuchen, sich durch die Klippen des 30-jährigen Krieges zu lavieren. Gleichwohl geriet auch sein kleines Reich in den Sog des gesamteuropäischen Konflikts, dessen zentrale Figuren nacheinander in seiner Residenz auftauchten. Die Berlin-Besuche des kaiserlichen Feldherrn Wallenstein 1628 und 1630 verliefen noch halbwegs freundschaftlich, Kontributionszahlungen waren dennoch zu leisten. Der schwedische König Gustav Adolf dagegen trat 1631 sehr energisch auf, drängte seinen Schwager Georg Wilhelm nachdrücklich zum Bündnis – mit Erfolg. Auch Nachfolger Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, musste sich nach seinem Regierungsantritt 1640 erst einmal um sein darbendes Land kümmern. Immerhin wurde von ihm mit dem Ausbau des Nordflügels begonnen, der Alabastersaal im Querflügel entstand, und der Lustgarten wurde angelegt. Erst unter seinem Sohn Friedrich III. erhielt das Schloss wieder entscheidende Impulse. Das war schon seinem Streben nach der Königswürde geschuldet. 1701 war er erfolgreich, krönte sich in Königsberg als Friedrich I. zum König »in Preußen«, nicht »von« – es gab ja noch das polnische Westpreußen. Als Baumeister verpflichtete er 1694 Andreas Schlüter, der das Renaissance- in ein Barockschloss umwandelte, die Gebäudeflügel um den östlichen Innenhof an drei Seiten mit neuen Fassaden versah, samt säulengeschmückten Portalen, üppigem Figurenschmuck und großem Rampen- und Treppenhaus für den Spreeflügel. Zum Verhängnis wurde Schlüter der vom König gewünschte Ausbau des »Münzturms« an der Nordwestecke des Schlosskomplexes. Der Untergrund war ungeeignet, der Turm neigte sich, musste abgebrochen werden. Schlüter war seinen Posten los. Sein Nachfolger Johann Friedrich von Eosander trieb ab 1707 die nur in Ansätzen vorhandene Westerweiterung des Schlosses voran, verlängerte den noch unter Schlüter aufgestockten Lustgartenflügel und begann mit dem Westflügel, samt dem prächtigen, heute seinen Namen tragenden Portal. Doch 1713 starb Friedrich I., und sein lieber in Truppen als Schlösser investierender Nachfolger Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, entließ den Baumeister. West- und Südflügel wurden noch komplettiert, die Arbeiten ansonsten abgebrochen. Lieber als in Berlin hielt sich Friedrich Wilhelm I. ohnehin in Potsdam und Königs Wusterhausen auf. Sein Sohn Friedrich II. hielt es mit Sanssouci ähnlich.

Im Herbst 1806 zog erneut ein unwillkommener Gast ein. Napoleon nutzte das Schloss über Wochen als Hauptquartier, verhängte dort am 21. November mit dem »Berliner Dekret« die Kontinentalsperre gegen Großbritannien. Die war längst Geschichte, als 1840 Friedrich Wilhelm IV. den Thron bestieg. Ihm, der schon als Kronprinz ein Faible fürs Schloss hatte, ist die noch von Eosander geplante, 1845 von Albert Dietrich Schadow und Friedrich August Stüler begonnene Kuppel über dem Westflügel zu verdanken. Und er trieb auch, von Stüler beraten, den Innenausbau voran. Nach Renaissance und Barock zog nun der Klassizismus ins Schloss ein. Unter Friedrich Wilhelm IV. wurde es aber auch Schauplatz dramatischer Ereignisse. 1844 überstanden er und seine Frau dort einen Attentatsversuch, vier Jahre später musste er am Schloss dem Leichenzug mit den Märzgefallenen barhäuptig die letzte Ehre erweisen. Nachfolger Wilhelm I. ließ selbst nach dem Erlangen der Kaiserwürde 1871 wenig am Schloss ändern. Nur der Apothekerflügel wurde verkleinert, um Platz für die heutige Karl-Liebknecht-Straße zu schaffen. Die unter dem Großen Kurfürsten an der Schlossfreiheit gegenüber dem Westflügel entstandenen Wohnhäuser blieben entgegen dem Wunsch der Stadt unbehelligt, während Wilhelm II. dort ab 1895 das Nationaldenkmal für seinen Großvater errichten ließ. West- und Südflügel wurden Terrassen vorgelagert, den dadurch ausgelösten Rechtsstreit mit der Stadt entschied der Hof für sich, unter Verweis auf die Abtretungsurkunde von 1443. Wilhelm II. begann noch mit der Erweiterung des Eosanderflügels, ließ den dortigen Weißen Saal neu gestalten, verpasste dem Schloss eine moderne Haustechnik, doch im November 1918 hatte es als Residenz ausgedient. »Ich kenne keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr. Wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder«, so hatte der Kaiser am 1. August 1914 von der Brüstung über Portal IV einer Menschenmenge zugerufen. Es war derselbe Ort, von dem aus am 9. November 1918 Karl Liebknecht »die freie sozialistische Republik Deutschland« verkündete. Und es war auch dieses dem Lustgarten zugewandte Portal, das am Heiligabend 1918 schwer beschädigt wurde, als es zu Kämpfen zwischen der im Schloss und dem nahen Marstall verschanzten Volksmarinedivision und Regierungstruppen kam. 9

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Das Berliner Schloss unter Wilhelm II., Ansicht der Westfassade mit dem Eosanderportal und drei Kuppeln, rechts das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal, um 1900

In der Weimarer Zeit wurde das Schloss Kulturort. 1921 zog das Kunstgewerbemuseum ein, auch die Verwaltung der preußischen Krongutverwaltung, der späteren Staatlichen Schlösser und Gärten, hatte dort ihren Sitz. Im Mai 1944 traf eine Bombe den Lustgartenflügel, nach einem Angriff am 3. Februar 1945 brannte das Schloss fast völlig aus, nur der Bereich um den Weißen Saal blieb halbwegs verschont. Das Schloss war eine Ruine, aber reparabel. Schon 1946 gab es dort wieder Ausstellungen. Doch den in Ost-Berlin herrschenden Kommunisten war es ein verhasster Junkerbau. Auf dem III. Parteitag der SED im Juli 1950 wurde der von Walter Ulbricht, dem neuen Generalsekretär des ZK, forcierte Abriss beschlossen und zwischen dem 6. September und 30. Dezember vollzogen. Nur Portal IV wurde 1962/64 unter Verwendung von Originalteilen rekonstruiert und in die Fassade des neuen Staatsratsgebäudes eingefügt, als Er-

innerung an Liebknechts vergebliche Proklamation. Zurück blieb ein gigantischer Aufmarsch- und Kundgebungsplatz, unter dem sich weiterhin die gemauerten Fundamente des alten Schlosses verbargen. Mit dem Bau des 1976 eröffneten Palasts der Republik parallel zum Spreeufer verschwanden dort selbst diese Reste zugunsten der massiven Betonwanne, auf der das langgestreckte Mehrzweckgebäude – zugleich Sitz der DDR-Volkskammer und Veranstaltungsort samt Restaurants, Theater und anderem mehr – errichtet wurde. Die Diskussion, das Schloss wiederaufzubauen, begann bereits im ersten Jahr nach dem Mauerfall, erst zögerlich, dann intensiver, zumal die Zukunft des Palasts der Republik rasch immer ungewisser wurde. Beim Bau war das Stahlträgerskelett mit Spritzasbest ummantelt worden. Gestützt auf ein Gutachten galt das Gebäude nun als Gesundheitsgefahr und wurde am 19. September 1990 durch einen Beschluss des DDR-Ministerrats geschlossen. In den folgenden Jahren wurde die Frage »Sanierung oder Abriss« wie auch die einer noch möglichen Nutzung auf Landes- wie Bundesebene sehr kontrovers diskutiert, bis 1993 der Gemeinsame Ausschuss von Bundesregierung und Berliner Senat sich einstimmig auf Abriss festlegte. 1997 startete die Asbestsanierung, danach war nur noch der Rohbau übrig, der ebenfalls entsorgt wurde. Ende 2008 war vom Palast nichts mehr zu sehen. Der Abrissbeschluss bedeutete noch kein Votum zugunsten eines Schlossneubaus, im Gegenteil: Solch eine Rekonstruktion wurde ausdrücklich ausgeschlossen, vielmehr sollten auf der leergeräumten Fläche Neubauten fürs Auswärtige Amt, ein Kongresszentrum und eine Bibliothek entstehen. Man schwärmte von einer lebendigen Mischung aus ministerieller und urbaner Nutzung, allenfalls »Fassaden-Überlegungen« wollte der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen nicht ausschließen. Eine Attrappe auf Zeit brachte die Wende in der Diskussion. Um den Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien hatte sich im Spätsommer 1992 der Förderverein Berliner Schloss gegründet, laut Satzung zwecks Unterstützung des Wiederaufbaus »in weitestgehender Originaltreue seiner Fassaden und Höfe sowie wichtiger historischer Innenräume für Bildungs- und kulturelle Zwecke«. Der Verein begann Spenden zu sammeln, suchte nach den auf Schutt-

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plätzen verstreuten Resten originaler Bausubstanz – und schenkte der Stadt für ein Jahr eine Illusion des Schlosses: Im Sommer 1993 wurde vor dem Palast der Republik eine riesiges Gerüst aufgebaut und mit Kunststoffplanen verkleidet. Auf ihnen hatte die Pariser Künstlerin Catherine Feff mit vielen Helfern die Schlossfassaden aufgemalt und so im Maßstab 1:1 ein Modell des Hohenzollernpalasts geschaffen, eine Art Fototapete von fast 10.000 Quadratmetern. Ein Scheingebilde, das aber die Öffentlichkeit daran erinnerte, was Berlin verloren hatte, und ahnen ließ, was mit einer Rekonstruktion wiedergewonnen werden könnte. Die Schlosssimulation, im Inneren durch Ausstellungen ergänzt, war nicht unumstritten, erwies sich aber als großer Publikumserfolg. Nur 100 Tage sollte sie stehen, daraus wurde über ein Jahr. Der Wiederaufbau begann wahrscheinlicher zu werden, bot aber weiterhin erhebliches Konfliktpotenzial und löste eine jahrelange, teilweise bis heute andauernde Debatte aus. Die Befürworter verwiesen auf den herausragenden kulturgeschichtlichen Wert des alten Schlosses, mit dessen Abriss die lange geteilte Stadt ihr Gravitationszentrum verloren habe. Diese Leerstelle gelte es mittels einer Rekonstruktion wieder zu schließen, was dank der guten bauhistorischen Dokumentation möglich sei. Die Gegner befürchteten eine rückwärtsgewandte Disneyland-Architektur, eine Rundumkulisse, bloße Tünche für die durch NS-Diktatur und Krieg geschlagene, zu Recht weiterhin sichtbare Wunde im Stadtbild, wenn nicht gar ein Wiedererstarken der dunklen Seite des Preußentums. Sie forderten eine moderne Bebauung, die dem Geist der Gegenwart entspreche und einen Mittelpunkt urbanen Lebens schaffe, warnten vor den Kosten – und überhaupt: Wozu sollte so ein neues altes Schloss gut sein? Mit welchen Inhalten könnte man es füllen? Ein Frage, die auch nach dem im Mai 1994 entschiedenen »Internationalen Städtebaulichen Ideenwettbewerb Spreeinsel« offenblieb. Insgesamt 1105 Teilnehmer waren es in der ersten Phase, in der zweiten nur noch 52. Sieger wurde der damals unbekannte Berliner Architekt Bernd Niebuhr, der einen Neubau in Anlehnung an die Schlosskubatur vorschlug. Doch schon bei der Vorstellung der Preisträger kündigte die damalige Bundesbauministerin Irmgard Schwaetzer an, dass der Palast der Republik vorerst stehenbleibe. Beim Wettbewerb war man noch von neuen Ministeriumsbauten

Die Fassade des Schlosses nach Kriegsende

auf der Spreeinsel ausgegangen. Das hatte sich zwischenzeitlich erledigt, das Ergebnis war Makulatur. Die Planungen zur Zukunft des Schlossareals waren damit ins Stocken geraten. Nun rückte seine Vergangenheit wieder ins Blickfeld. 1995 begannen archäologische Ausgrabungen, die 2008 wiederaufgenommen wurden und in deren Verlauf man den gesamten beim Palastbau verschonten Untergrund des Schlosses freilegte. Überraschende Funde kamen zutage, sie reichten von einem Kellerraum des um 1300 errichteten Dominikanerklosters über Ventilatoren der unter Wilhelm II. installierten Dampfheizung bis zu einer Sprengpatrone von 1972, die beim Vorbereiten des Baugrunds für den Palast offenbar nicht gezündet hatte. Teile dieses Bodendenkmals, eine »Schlosskeller« genannte Fläche südlich des Eosanderportals, wurden später in das neue Schloss integriert, als archäologisches Fenster in die Vergangenheit. Bis sich dessen Zukunft aus den zähen Debatten herauskristallisierte, dauerte es noch eine ganze Weile. Ende Mai 1996 gab es 11

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Der Palast der Republik mit dem Fernsehturm im Hintergrund, 1986

einen weiteren Beschluss des Gemeinsamen Ausschusses Berlin/ Bonn über den Palastabriss, mit der überraschenden Option, den Volkskammersaal in einen Neubau zu integrieren, der in Höhe, Länge und Breite dem alten Schloss entsprechen solle. Füllen wollte man ihn mit einer beliebig wirkenden Mischung aus Kongresszentrum, Bibliothek, Restaurants und Geschäften – eine sinnstiftende Lösung war damit nicht in Sicht. Der letztlich richtungsweisende Vorschlag kam im Jahr 2000 vom damaligen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann. Seine Idee sah den Umzug der außereuropäischen Sammlungen aus den Dahlemer Museen ins neue Schloss vor. Ein gefeierter Perspektivenwechsel, bedeutete er doch die Entwicklung eines lediglich für die Stadt wie auch das Land identitätsstiftenden Geschichtsortes zu einer Stätte, an der sich National-

und Weltkultur, ohnehin vielfach verwoben, begegnen und in einen gleichberechtigten Dialog treten sollen. Das Schloss würde so ein Zeichen setzen – symbolhaft für das von Weltoffenheit bestimmte Bild, das Deutschland, vor nicht allzu langer Zeit erst wiedervereinigt, von sich zu geben bemüht war. Die im selben Jahr von Bundesregierung und Berliner Senat eingesetzte Expertenkommission »Historische Mitte Berlin« verfolgte diese Idee weiter und votierte in ihrem Abschlussbericht im Frühjahr 2002 für das Schloss als Sitz eines künftigen Humboldt Forum. Der Name erinnert an die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, Naturforscher der erste, Bildungsreformer der zweite, und verweist »auf den Humanismus (res et verba), die große Geschichte deutscher und Berliner Wissenschaft, aber auch auf die Faszination des kulturell Entfernten«, wie es im Abschlussbericht hieß. Hauptnutzer sollten die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin, die Sammlungen der Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin sein. Eine vollständige Rekonstruktion des historischen Baus schloss die Kommission aus, plädierte jedoch für historische Fassaden an der Süd-, West- und Nordseite sowie im Schlüter-Hof, bei moderner Gestaltung der teils mittelalterlichen, teils der Renaissance entstammenden Ostseite. Auf dieser Grundlage kam es am 4. Juli 2002 im Bundestag zu einer historischen und wegweisenden Abstimmung: Fast mit Zwei-Drittel-Mehrheit votierte das Parlament in namentlicher, nicht fraktionsgebundener Abstimmung für die von der Kommission empfohlene Rekonstruktion. Die Entscheidung über die vorgeschlagene Nutzung und Finanzierung fiel noch deutlicher aus. SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte sich ausdrücklich für das Schloss in alter Gestalt ausgesprochen, die Berliner Koalition aus SPD und PDS lehnte die historischen Fassaden ab. Doch auch hier, wie im Bundestag, verlief die Linie zwischen Befürwortern und Gegnern nicht eindeutig nach Parteigrenzen. Schlossfreunde, die gemeint hatten, nun gehe es zügig voran, sahen sich allerdings getäuscht. Erst im Herbst 2005 bescheinigte eine vom Bundesbauministerium und der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Auftrag gegebene Studie die Machbarkeit des Neubaus in der empfohlenen Weise, ergänzend wurde

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darin noch ein Luxushotel samt Tiefgarage als Teil des Schlosskomplexes vorgeschlagen – was bald schon aus Kostengründen fallengelassen wurde. Ohnehin bremste die Haushaltslage das zügige Voranschreiten der Planungen, zudem hatte es im November 2005 einen Regierungswechsel von der rot-grünen Koalition Gerhard Schröders zur Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD unter Kanzlerin Angela Merkel gegeben. Es dauerte dann noch bis zum November 2007, dass der Architekturwettbewerb für das Schlossprojekt ausgelobt wurde. Den Teilnehmern waren die barocken Nord-, West- und Südfassaden, drei barocke Fassaden des Schlüterhofs und der Entwurf einer Kuppel vorgeschrieben, frei waren sie bei der Gestaltung der Ostfassade. Als Kostenrahmen wurden vom Haushaltsausschuss des Bundestags 552 Millionen Euro festgelegt, 440 Millionen Euro finanziert durch den Bund, 32 Millionen Euro durch das Land Berlin und weitere 80 Millionen Euro, die der Förderverein an Spenden für die barocken Fassaden einsammeln wollte. Vier Jahre später bewilligte der Haushaltsausschuss weitere 38 Millionen Euro. In der ersten Wettbewerbsrunde hatten sich 158 Architekturbüros beteiligt, für die zweite wurden 30 Teilnehmer ausgewählt, von denen der Italiener Franco Stella am 28. November 2008 den ersten Preis zugesprochen bekam. Der Architekt selbst spricht von der »Idee des Gebäudes als einheitlicher barocker und moderner Palast« und sieht seinen Entwurf als »singuläre Kombination aus Alt und Neu«: Alt, das sind die Kubatur des Gesamtgebäudes, die rekonstruierten barocken Fassaden, die Kuppel. Neu ist die Dreiteilung des Innenbereichs in die Eingangs- und Veranstaltungshalle »Humboldt-Foyer«, den Schlüterhof und – dazwischen – den öffentlichen Durchgang zwischen Nord- und Südflügel, die »Passage«. Neu ist schließlich, als augenfälligstes Element, die moderne Rasterfassade des Spreeflügels. Stella hat dessen horizontale und vertikale Gliederung der Struktur der barocken Flügel entlehnt und verweist auf die Nähe zu den Loggien-Fassaden öffentlicher Renaissance-Paläste – gleichwohl wurde dieser Teil seines Entwurfs in der Öffentlichkeit teilweise heftig kritisiert. Es hatte in der Jury durchaus Vorbehalte gegen das Projekt gegeben. Vor der Entscheidung betonte der Vorsitzende Vittorio Lampugnani gegenüber dem Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«, er sei

»ein Gegner der Behauptung, das alte Schloss wäre das Beste, was an dieser Stelle stehen kann«. Dennoch war die Entscheidung für Stella einstimmig gefallen – was nicht verhinderte, dass es bei der daraus folgenden Auftragsvergabe juristische Komplikationen gab: Der unterlegene Mitbewerber Hans Kollhoff machte beim Bundeskartellamt einen Verstoß gegen die Vergaberichtlinien geltend, erst eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Düsseldorf beendete im Dezember 2009 den Rechtsstreit zugunsten Stellas und des Bundes. Während also der Schlossbau selbst in der prämierten Form kurzfristig in Frage zu stehen schien, ging es inhaltlich immerhin voran: Am 2. Juli 2009 war von der Bundesregierung die Stiftung Humboldt Forum Berliner Schloss gegründet worden. In deren Stiftungsrat sind neben dem Bundestag, der Bundesregierung und dem Land Berlin auch die drei »Akteure« vertreten: die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – Staatliche Museen zu Berlin, die Humboldt-Universität und anfangs die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die später durch das Stadtmuseum Berlin mit der Kultur­ projekte Berlin GmbH abgelöst wurde. Die Stiftung ist zugleich Bauherrin, Eigentümerin und spätere Betreiberin des Humboldt Forum, koordiniert die Interessen der Akteure und soll mit dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung Planung und Fortschritt der Bauarbeiten steuern. Deren Start freilich verzögerte sich erneut um Jahre: Mitte 2010 beschloss das Bundeskabinett, den an sich binnen Jahresfrist geplanten Baustart angesichts leerer Kassen zu verschieben. Gebaut wurde trotzdem, noch kein Schloss, doch immerhin ein Ausguck für die künftigen Bauarbeiten: Im Sommer 2011 wurde vis-à-vis dem Lustgarten die Humboldt-Box eröffnet, mit fünf Stockwerken 31 Meter hoch, von polygonaler, für die Öffentlichkeit gewöhnungsbedürftiger Architektur, doch für siebeneinhalb Jahre mit seiner Ausstellung die beste Möglichkeit, sich über das künftige Humboldt Forum zu informieren und von der Dachterrasse aus die Bauarbeiten zu verfolgen. Ein offenkundig attraktives Angebot: Schon nach gut einem halben Jahr waren es 250.000 Besucher. Zu sehen bekamen die Schaulustigen zunächst nur die freigegrabenen Fundamente des alten Schlosses und auf der Fläche des abgeräumten Palasts der Republik als Zwischenlösung eine akkurat gemähte Liegewiese. Aber auch ohne Grundsteinlegung hatten 13

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Die Grundfläche des ehemaligen Palasts der Republik der DDR nach dem Ende der Abrissarbeiten, 2009

die Arbeiten längst angefangen. Ende 2011 war östlich der Humboldt-Box eine Musterfassade entstanden, ein Ausschnitt aus dem späteren zweiten und dritten Geschoss. In der Monate zuvor gegründeten »Schlossbauhütte« in Spandau arbeiteten Bildhauer und Steinmetze bereits an Repliken der barocken Zierelemente für die Fassaden. Und auch die Vorbereitung des Baugrunds hatte begonnen. Dabei wurden 3000 Eichen- und Kiefernpfähle geborgen und die meisten später versteigert. Sie waren einst als Fundament für das alte Schloss in den sumpfigen Untergrund gerammt worden. Am 12. Juni 2013 war es endlich so weit: Grundsteinlegung. Vor 1000 geladenen Gästen fügte Bundespräsident Joachim Gauck einen neuen Sandsteinblock auf einen, der noch dem originalen Schloss entstammte, und klopfte ihn mit einem symbolischen Hammerschlag fest. Eingemeißelt hatte man die Jahreszahlen 1443 und 2013 – Alt- und Neubau sollten so symbolisch miteinander verbunden werden.

Anders als bei parallelen Berliner Großprojekten wie der Staatsoper und dem Flughafen Berlin Brandenburg schritten die Bauarbeiten am Schloss zügig voran. Ende 2014 war der Rohbau mit seinen noch nackten Betonfassaden fertig, ein halbes Jahr später, am 12. Juni 2015, wurde Richtfest gefeiert und dabei auch ein Wunschtermin zur Eröffnung genannt: der 14. September 2019, der 250. Geburtstag Alexander von Humboldts. Dass der Richtkranz einer neuen Kuppel aufgesetzt werden konnte, war einem anonymen Spender zu verdanken, der erst wenige Monate vor der Grundsteinlegung einen höheren Millionenbetrag zugesagt hatte. Auch von anderer Seite kamen später Spenden, um die Kuppel nach historischem Vorbild zu gestalten, samt Engeln, der Laterne und dem Kreuz an der Spitze, was im Sommer 2017 eine kurze, kontroverse Diskussion auslöste. Das originale Kreuz habe auf die in der Kuppel gelegene Kapelle verwiesen, die es nun nicht mehr gebe, argumentierten die Kreuzgegner. Das christliche Symbol passe nicht zum offenen, die Weltkulturen und -religionen ohne Hierarchisierung zeigenden Humboldt Forum. Kreuzbefürworter beriefen sich auf das historische Vorbild und bestritten, hier werde erneut eine christliche Leitkultur beschworen. Mit dem einstimmigen Votum des Stiftungsrats, alles bleibe wie geplant und die Kuppel erhalte ihr Kreuz, war das Thema erledigt. Auch der Kompromissvorschlag der Gründungsintendanz, das Kreuz an der Ostfassade durch den Schriftzug »Zweifel« zu ergänzen, den der norwegische Künstler Lars Ø Ramberg 2005 für den Palast der Republik geschaffen hatte, war so vom Tisch. Als Mitglieder dieser Gründungsintendanz, damit betraut, die inhaltlichen Konzepte des künftigen Humboldt Forums weiterzuentwickeln, waren im Mai 2015 der Brite Neil MacGregor, zuvor Direktor des British Museum in London, Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und der Kunsthistoriker Horst Bredekamp vorgestellt worden. Das Trio, das bis zum Sommer 2018 amtierte, als Hartmut Dorgerloh, zuvor Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Generalintendant wurde, sah sich zunächst mit einem überraschenden Wechsel bei Berlins Beitrag zum künftigen Museum konfrontiert. Statt der Ausstellung »Welt der Sprachen«, konzipiert von der Zentral- und

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Landesbibliothek, sollten nun das Stadtmuseum und die Kulturprojekte Berlin GmbH die Geschichte Berlins präsentieren. Auch geriet mehr und mehr der Ausstellungsbestand der Staatlichen Museen mit seinem oft kolonialen Hintergrund in den Fokus der Diskussion. Schon bei Grundsteinlegung und Richtfest hatte es kleinere Demonstrationen gegeben, die sich gegen die Ausstellung vermeintlicher Raubkunst richteten. Es geht beispielsweise um Kunstwerke wie die Benin-Bronzen. 1897 wurden sie im Verlauf einer britischen Strafexpedition aus dem Königreich Benin im heutigen Nigeria geraubt und später europaweit verkauft, auch nach Berlin. Einige 100 Objekte befinden sich im Ethnologischen Museum. Die Debatte gewann an Schwung, als die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy im Sommer 2017 aus der Experten­ kommission des Humboldt Forum austrat und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz unter anderem mangelnde Forschung zur Herkunft ihrer Sammlungen vorwarf – eine Kritik, die von den Gründungsintendanten als unzutreffend zurückgewiesen wurde. Unproblematisch war dagegen die Geschichte des Bootes von der Insel Luf in Papua-Neuguinea, das nach umfangreicher Restaurierung im Frühjahr 2018 als erstes Großobjekt aus den Dahlemer Museen zu seinem künftigen Ausstellungsort im Schloss transportiert wurde. Dort hatte man in der Außenwand eigens eine erst hinterher verschlossene Öffnung ausgespart: Das 1903 vom Geschäftsführer einer deutschen Handelsgesellschaft erworbene und ans damalige Museum für Völkerkunde weiterverkaufte Langboot hätte durch keine Tür gepasst. Noch schien alles nach Plan zu verlaufen: In Dahlem restaurierte man die rund 20.000 Objekte, ein Bruchteil ihrer Sammlungen nur, mit denen das Ethnologische und das Asiatische Museum ihre Ausstellungsflächen bestücken wollen. Das Stadtmuseum und die Kulturprojekte GmbH planten ihre neun Themenräume, in denen nicht die Stadt Berlin für sich, sondern stets in Wechselwirkung mit der Welt, ihrer Vernetzung und Internationalität gezeigt werden soll. Und auch die Humboldt-Universität bereitete ihre Auftaktausstellung vor. Schon prunkte das Schloss mit seinen barocken Fassaden, außen am Nord-, West- und Südflügel, innen mit einer historischen Fassade im Humboldt-Foyer, zweien in der »Passage« und dreien im Schlüterhof.

Doch der avisierte Eröffnungstermin Mitte September 2019 wurde immer zweifelhafter. Ein knappes Jahr vorher war nur noch von einem Soft Opening zum Humboldt-Geburtstag die Rede, mit etappenweiser Eröffnung des regulären Museumsbetriebs zum Jahresende. Im Juni 2019 musste man bekennen, dass es auch damit in diesem Jahr nichts mehr werde. Die zentrale Kälteanlage sei nicht korrekt montiert worden, das Computerprogramm müsse nachjustiert werden, und ohnehin leide man im technischen Bereich unter Personalmangel. Die Eröffnung verschiebe sich daher auf den Herbst 2020. Finanziell sei man aber im Plan, die 78 Millionen Euro, die zusätzlich zur bewilligten Bausumme, parallel zur Steigerung der Baukosten, bereitstünden, würden nur zu einem Drittel benötigt. Die öffentliche Aufregung hielt sich diesmal in Grenzen, und kurz danach konnte sogar unter großem Medieninteresse ein weiteres Ausstellungstück des Humboldt Forum vorgeführt werden, das in den Räumen der künftigen Berlin-Ausstellung zwischen den Themenbereichen »Freiraum« und »Grenzen« seinen neuen, symbolkräftigen Standort gefunden hatte: die tonnenschwere Eingangstür des legendären Techno-Clubs »Tresor« im ehemaligen Wertheim-Kaufhaus in der Leipziger Straße. Anders aber als früher den Amüsierlustigen wird sie allen Schlossbesuchern auf ihrem Bummel durch die Berlin-Geschichte stets offenstehen. Quellen Josef H. Biller/Frank D. Jacob/Angelika Marsch (Hrsg.): Die Reisebilder ­Pfalzgraf Ottheinrichs aus den Jahren 1536/37. Weißenhorn 2000 Michael Malliaris/Matthias Wemhoff: Das Berliner Schloss. Geschichte und Archäologie. Berlin 2016 Angelika Marsch: Die Ansicht von Berlin aus dem Jahre 1537. Entdeckung – Historische Einordnung – Interpretation. In: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2004 Richard Schneider: Das Berliner Schloss in historischen Photographien. Berlin 2013 Hansjürgen Vahldiek: Berlin und Cölln im Mittelalter. Studien zur Gründung und Entwicklung. Norderstedt 2011 Verein für die Geschichte Berlins (Hrsg.): Das Berliner Schloss. Berliner ­Geschichte – Zeitschrift für Geschichte und Kultur. Berlin 2017 15

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Das Jahr der Grundsteinlegung

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Am 14. Juni, dem Tag nach der Grundsteinlegung: Das Fundament ist gelegt, es wird eifrig gebaut. Wegen der U5-Baustelle gibt es nur noch wenige Stellen, die einen direkten Blick auf den Schlossplatz erlauben. Der schmale Pfad fĂźhrt zur Anlegestelle der Stern- und Kreisschifffahrt. Von der LiebknechtbrĂźcke aus sieht man das ganze Spektakel recht gut

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Die Baustelle am Kupfergraben, durch den Zaun fotografiert

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Blick vom Schinkelplatz, ebenfalls im Juni. Zwei prominente Berliner Bauten und ein Provisorium begleiten die Aufbauphase: der Berliner Dom, die Humboldt-Box und der Fernsehturm (v. l. n. r.)

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Die Baustelle vom Spreeufer aus betrachtet

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Blick vom Schinkelplatz auf den Dom und den Fernsehturm. Ob das 2019 noch mรถglich ist?

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Am 4. November gibt es einen exklusiven Blick auf den Schlossplatz und den Fortschritt der Bauarbeiten zu sehen. Das Fundament ist bereits gut erkennbar und ragt aus dem Boden heraus. Was jetzt noch nach nichts aussieht, wird einmal das Humboldt Forum im Berliner Schloss

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November 2013, ein kleiner Schlenker zum sogenannten "Archäologischen Keller" unter dem Berliner Schloss. Dieser Ort ist im Rohbau bereits fast fertig. Vor Baubeginn hatten Archäologen der Berliner Denkmalpflege die unter dem Platz erhaltenen Reste des Schlosskellers ausgegraben. Etwa 820 Quadratmeter an der südwestlichen Gebäudeecke konnten erhalten werden und können später von den Besucherinnen und Besuchern besichtigt werden

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Die Bauarbeiten schreiten voran

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Baustellenimpressionen im Januar

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Das neue Berliner Schloss (Leseprobe)  

Über kaum ein Projekt ist in den letzten Jahren so viel diskutiert worden wie über den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Die Tagessp...

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