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Die Musik von Coco Schumann verlegt von Im Handel oder unter www.trikont.de erhältlich sind die CDs Coco Now ! – Coco Schumann Quartett Live Rex Casino (CD + DVD) Double / Fifty Years in Jazz

Mehr Informationen im Internet     Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.   Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.   © be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg 2014 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Zeichnungen (Aquarelle): Niels Schröder, Berlin Konzept und Texte: Caroline Gille, Berlin Umschlaggestaltung, Innentitel und Grundlayout: hawemannundmosch, Berlin Layout und Lettering: Caroline Gille, Berlin Handlettering: Niels Schröder, Berlin Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Schrift: Futura Book und AdPro LT Std Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-89809-111-4   www.bebraverlag.de  

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»Ich bin Musiker. Ein Musiker, der im KZ gesessen hat, und kein KZler, der Musik macht.« Diesen Satz habe ich in vielen Interviews während der letzten Jahre immer wieder gesagt. Denn Musik ist mein Leben. Meine Musik ist das, was mich ausmacht – und nicht, dass ich als Sohn einer Jüdin 1935 durch die Nürnberger Rassegesetze zum Juden erklärt wurde und von 1943 bis 1945 in den Konzentrationslagern von Theresienstadt, Auschwitz und Kaufering inhaftiert war. Erst sehr spät – da war ich schon über sechzig Jahre alt – habe ich angefangen, über diese Jahre meines Lebens zu sprechen. Natürlich gehört diese Zeit zu mir. Es liegt mir auch daran, darüber Auskunft zu geben, damit so etwas nie wieder passieren kann. Aber nicht der Judenstern und ich, sondern meine Gitarre und ich zählen. 1997 erschien meine Autobiografie. Nun erzählen Caroline Gille und Niels Schröder in Zeichnungen und Texten die Geschichte meines Lebens ganz neu. Man erfährt, was ich erlebt habe, wie ich überlebt und immer gerne weitergelebt habe. Das Leben hat sich unglaublich böse, aber auch entsetzlich schön gezeigt. Ein paar Zeilen aus George Gershwins Song »I got rhythm« passen gut als Motto für mein Leben, sein Bruder Ira hat sie für das Musical »Girl Crazy« im Jahr 1930 getextet. Das Lied ist einer der meistgespielten Jazzstandards aller Zeiten geworden: »I got rhythm, I got music, I got my girl – how could I ask for anything more?«

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Ein Fr端hlingsabend in Berlin

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GroĂ&#x;artiger Abend, vielen Dank! Aber sagen Sie mal, wie hat das mit lhnen und der Musik eigentlich angefangen?

Das ist eine lange Geschichte ...

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berlin Berlin 1924-1936 prolog 1924–1936

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Ja, wissen Sie, das Leben hat sich ...

... unglaublich böse und entsetzlich schön gezeigt.

Als Coco Schumann am 14. Mai 1924 in Berlin geboren wird, hat sich die Reichshauptstadt

ln Berlin entstehen große Kinos und Theater. Die Straßen werden zu Flaniermeilen und Laufstegen, auf denen sich die Menschen zeigen. Überall schießen Bars, Nachtclubs, Weindielen und russische Teestuben aus dem Boden. Ehemalige Offiziere

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vom Ersten Weltkrieg erholt, die Goldenen Zwanziger Jahre stehen in prachtvoller Blüte.

lassen sich in den Ballhäusern als Eintänzer engagieren. Auch die Mode spiegelt das neue Lebensgefühl: Die Frauen zeigen sich mondän und selbstbewusst mit Bubikopf und Zigarettenspitze, die Herren tragen Knickerbocker und Schiebermütze.


Berlin ist eine echte Weltstadt geworden, sie ist immer im Wandel und sogar nachts von großen Leuchtreklametafeln hell erleuchtet. Vier Millionen Menschen leben hier _

nach New York und London ist Berlin in den 1920er Jahren drittgrößte Stadt der Welt. Statt des Kaisers regiert nun ein Parlament, Reichstagspräsident ist Friedrich Ebert.

Das Ergebnis der Wahlen zum zweiten deutschen Reichstag, die am 4. Mai 1924 abgehalten werden, lässt erahnen, dass politisch bald ein anderer, rauerer Wind wehen wird: Die extremen Parteien, sowohl auf der rechtén wie auf der linken Seite, verzeichnen großen Zulauf. Vieles wird sich ändern.

Adolf Hitler ist die schillernde Führerfigur der NSDAP. Nach dem Novemberputsch 1923 war er zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, aber schon bald wegen guter Führung entlassen worden. Das hat ihm viel öffentliche Aufmerksamkeit gebracht: lhn, seine Partei und seine Ziele kennt nun jeder. 11


Ein echter Schumann! Er sieht ja wirklich ganz wie sein Vater aus.

Als Coco, oder, wie er eigentlich heißt: Heinz Jakob Schumann, an einem sonnigen Maitag des Jahres 1924 zur Welt kommt, wird er von einer großen christlich-jüdischen Familie willkommen geheißen. Seine Großeltern, viele Tanten und zahlreiche Onkel freuen sich über seine Geburt. Er ist das erste Kind von Alfred Schumann und seiner Frau Hedwig, geborene Rothholz. Sein Vater stammt aus einer thüringischen Handwerkerfamilie und ist Dekorateur und Polsterer von Beruf. Bei seiner Hochzeit mit Hedwig Rothholz tritt er

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Aber die Grübchen hat er von Hedwig. O, wie niedlich!

in die Jüdische Gemeinde ein. Alfred Schumann ist sehr stolz darauf, dass er — mehrfach verwundeter — Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg war. Coco Schumanns Mutter Hedwig ist eine deutsche Jüdin. Als eines von acht Kindern des Friseurmeisters Louis Rothholz ist sie im Frisiersalon ihres Vaters tätig. Louis Rothholz, den Patriarchen der Familie, ziert ein prächtiger Kaiser-Wilhelm-Bart. Er hat seine Wohnzimmerwand mit Helm und Säbeln dekoriert und erzählt seinem Enkel gern und oft von der Kaiserzeit.


Wie es die jüdische Tradition vorsieht, erhält Coco Schumann wenige Tage nach seiner Geburt die Brit Mila. So wird er ein sogenannter »Mischling ersten Grades«, wie es in der Sprache der Nationalsozialisten heißen wird. Die Familie Schumann wohnt zu dieser Zeit in einer Wohnung nahe dem Rosenthaler Platz, in der Gormannstraße. Mit seinem Vater besucht Coco oft die prachtvolle große Synagoge in der Oranienburger Straße. Jüdisches Leben prägt ihn von Beginn an.

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Die Familie Schumann pflegt j端dische und christliche Traditionen. Ostern wird bei ihnen genauso gefeiert wie Pessach, und an Weihnachten steht neben dem Weihnachtsbaum ein Chanukka-Leuchter. Coco Schumann verlebt eine unbek端mmerte Kindheit.

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Für Schumanns sind die Sederabende etwas ganz Besonderes. Zum Auftakt des Pessachfestes erinnert man sich an den Auszug des Volkes lsrael aus Ägypten. Coco Schumann

mag die traditionellen Klöße*. Als Jüngster am Tisch stellt er die seit Jahrhunderten überlieferten Fragen, erst dann dürfen alle von den Speisen der Sederplatte essen.

Weshalb ist dieser Abend anders als die anderen? Weshalb das Eintauchen? Warum nur Matze? Wozu die bitteren Kräuter? Warum entspannen wir uns und essen auf der linken Seite wie die Könige?

* Rezept 6 zerbröselte und 6 in Stücke gebrochene Matzescheiben in 250 ml Hühnerbrühe einweichen, mit 3 Eiern, Zimt, Zucker, Mandeln und 60 ml Sonnenblumenöl mischen, ruhen lassen, zu KlöSSchen formen und in siedendem Salzwasser 15 min ziehen lassen.

Jede Speise, die sich auf dem Sederteller befindet, hat eine althergebrachte, symbolische Bedeutung: Maror, Bitterkräuter oder auch Meerrettich, erinnert an die Zeit, als das Volk lsrael in ägyptischer Sklaverei war. Karpas, ein grünes Kraut, z.B. Salat oder Petersilie, verweist auf die ersten Früchte, die geerntet werden konnten. Charroset, ein

Fruchtmus aus Äpfeln, Mandeln, Nüssen und Feigen, steht für den Lehm bei den Arbeiten in Ägypten. Ei und Fleischknochen symbolisieren die Opfergaben, die lsrael darbrachte. Salzwasser ruft die Tränen in Erinnerung, die in der Gefangenschaft in Ägypten vergossen wurden. Außerdem steht Wein für den Propheten Elia auf dem Tisch. 15


Coco Schumanns liebste Beschäftigung ist das Herumstreunen im Scheunenviertel, sogar noch als die Familie nicht mehr dort wohnt. Er läuft an den Schlangen von Arbeitslosen vorbei, in die sich mittlerweile auch sein Vater eingereiht hat. 1932 sind fünfeinhalb Millionen Menschen ohne Arbeit.

ln »Medine finster«, wie die Leute das Scheunenviertel nennen, gibt es nicht nur ehrbare Bürger, wie es Coco Schumanns Eltern und Verwandte sind. Hier leben auch eine Menge zwielichtige Gestalten, unter ihnen Kleinund nicht ganz so kleine Kriminelle, und natürlich viele Bordsteinschwalben.

Komm, Kleiner, zieh mal Leine, mit so ‘ nem Knirps mach ‘ ich mich ja strafbar.

Grüß Dich, Heinz! Hallo, Onkel Willi!

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Schön, dass du mal wieder vorbeikommst. Geht`s Dir gut?

Besonders gern besucht Coco Schumann seinen Onkel Willi, der ein Fuhrgeschäft in der Linienstraße betreibt und Pferde hat.

Grüß mal zu Hause! Und nicht vergessen: lmmer sauber bleiben!


Bei Schumanns gibt es viel Musik: Das Grammofon spielt von Schlagern bis Operetten alles, was die Zeit zu bieten hat, der Rundfunkempfänger tut ein Übriges. Cocos Lieblingsonkel Arthur, eigentlich auch Friseur,

ist zugleich Musiker und deswegen bewundertes Vorbild seines kleinen Neffen: Er spielt nämlich Schlagzeug in einer Zigeunerkapelle, die im Prater auftritt, einem Biergarten mit angeschlossener Gastwirtschaft.

Platten zu hören und anderen beim Musizieren zuzugucken, ist für Coco Schumann bald nicht mehr genug. Eines frühen Morgens, nach dem Geburtstag seiner Großmutter, bei der die Kapelle von Onkel Arthur aufgespielt hat, lässt er lautstark von sich hören. Da ist er gerade einmal vier Jahre alt.

Bist du von allen guten Geistern verlassen? Es ist mitten in der Nacht!

Von nun an steht für ihn fest: Er will Musiker werden. Dieser Entschluss lässt ihn nicht mehr los. Und wird bald Wirklichkeit.

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Zunächst werden andere Töne vernehmbar, die Politik gibt den Takt vor: Am 30. Januar 1933 wird die Regierungsgewalt im Deutschen Reich auf die NSDAP und ihre Verbündeten, die DNVP und den Stahlhelm, übertragen.

Reichspräsident Paul von Hindenburg vereidigt Adolf Hitler als Reichskanzler. Mit der selbsternannten Machtergreifung finden die demokratischen Jahre der Weimarer Republik ihr Ende.

Die Nationalsozialisten verfolgen einen systematischen Antisemitismus. Schumanns bekommen das bedrohlich nah zu spüren.

Das geht Sie nichts an! Los, gehen Sie weiter!

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Am 15. September 1935 treten die Nürnberger Gesetze in Kraft. Das »Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« definiert, wer als Jude und wer als Arier gilt. Coco Schumann und sein Vater erleben bald, was es heißt, in dieser Zeit Sohn bzw. Ehemann einer Jüdin zu sein.

Heute haben sie mir wieder nahegelegt, dass ich mich von dir scheiden lassen soll.

Aber was immer das für Konsequenzen haben wird: lch möchte, dass du weißt, dass ich euch nie im Stich lassen werde.

Habt ihr alle von zu Hause die fünf Pfennige mitgebracht, wie ich es euch aufgetragen habe?

... und hier einen Nagel einschlagen!

Mein Vater ist ein Held!

Dann darf jetzt jeder deutsche Junge nach vorne kommen ...

Du nicht, Schumann! Jeder deutsche Junge, habe ich gesagt!

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berlin prolog Berlin 1936-1943 1936–1943

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Eigentlich ist Coco Schumann ein ganz normaler Junge. Aber er ist auch aus zwei Gründen ein besonderer Junge: Zum einen hat er ein großes Talent, die Musik. Zum anderen ist er »Mampe«, wie der Berliner sagt — also Halbjude, wie es bei den Nationalsozialisten heißt. »Mampe halb und halb« ist nämlich der

Name für einen traditionellen Magenbitter aus Bitterorangen. Der Schulunterricht jedenfalls beschäftigt Coco Schumann nur sehr am Rande. Da kommt es ihm gelegen, dass er die Schule wechseln muss. Auf der neuen Einrichtung trifft er einen Deutschlehrer, der sich auch nach dem Unterricht um ihn kümmert. Sein Deutschlehrer Dr. Ballin gibt ihm nach der Schule Gitarrenunterricht.

Eine Fünf...

Na ja, du bist eben Musiker.

lch glaube, jetzt habe ich ‘s raus, Herr Dr. Ballin.

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Coco Schumanns große Leidenschaft für die Musik bekommt einen besonderen Schub, als er 1938 beginnt, auf die Schule der Jüdischen Reformgemeinde zu gehen.

Nun leg aber mal die Gitarre weg und hör gut zu.

Junge, das swingt!


So kann das nur einer — der große Django Reinhardt.

Coco Schumann hat von Anfang an einen eigenen Stil drauf — eine Art Mixtur aus Django Reinhardts melancholischem Swing und der rhythmischen Akkordspielweise Freddie Greenes. Außerdem hat er die jüdische Musik in den Ohren, die von sich aus swingt. Sein Vater unterstützt ihn, wo er nur kann.

Hier, mein Junge, hast du Geld für den Unterricht bei Ballin. Sag aber Mutter nichts, sie möchte ja nicht, dass du immer soviel Musik machst.

Sagen Sie bitte, wo ist mein Sohn?

Der kleine Schmeling? Der haut sich da drüben.

Neben der Musik hat er noch eine Leidenschaft: das Boxen. Er ist Mitglied des jüdischen Sportclubs »Bar Kochba«. Jedem, der zu ihm »Jude« sagt, gibt er eins auf die Nase — schon um in Form zu bleiben.

Wenn er nicht Musik macht oder boxt, hilft Coco Schumann nachmittags nach der Schule bei einem jüdischen Klempnermeister aus. Das Handwerk wird ihm später noch sehr nützlich werden. 23


Na, Heinz, was darf ’ s sein? Wie immer? Ja, bitte Erdbeere und Schokolade mit extra viel Sahne!

Schon Anfang 1936 ist etwas Besonderes passiert: Coco Schumann kauft sich ein Eis in der Weba-Eisdiele und begegnet einer Gruppe Swings, musikbegeisterte Jugendliche, die sich auch politisch engagieren. Ganz schön großes Eis für so ‘ nen kleinen Steppke, was? Sollen wir dir tragen helfen? Nicht, dass du uns hier noch zusammenbrichst.

Nicht schlecht, der Kleine. Haut zu wie ’ n Großer. Wer bist denn du?

Musiker. Und Ihr?

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Auch Musiker. Wir machen die Musik aber nicht selbst. Sie wird für uns gemacht.


Hast du sowas schon mal gehört? Ganz neue Scheibe aus Übersee.

Klar — Duke Ellington, »ln my Solitude«. Otto Hardwick, Harry Carney, Johnny Hodges, Saxofon; Barney Bigard, Klarinette, Cootie Williams, Rex Stewart, Trompete; Tricky Sam Nanton, Lawrence Brown, Posaune; Sonny Greer, Schlagzeug. Anständiges Stück.

Anständiges Stück? lst das nicht ein bisschen untertrieben? Aber du scheinst dich ja auszukennen. Setz dich mal. lch bin Theodor Schulze, für Freunde: Teddy.

Heinz Schumann, habe die Ehre!

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Ab jetzt verbringt Coco Schumann viel Zeit mit den Swings: Sie machen Fahrradausflüge ins Umland ...

... sie gehen in einem der vielen Seen in und um Berlin schwimmen ...

... sie gucken Mädchen hinterher und lungern auf der Straße herum ...

... Und sie hören Musik auf Teddys Lidokoffer, einem transportablen Plattenspieler. 26


Abends gehen sie zum Musikhören und Leutegucken in einen der Nachtclubs — falls sie reingelassen werden.

Besonders gerne gehen sie in die »Dorett-Bar«. Dort spielt jeden Abend eine Band zum Tanz auf. Die Musik berauscht Coco Schumann und lässt ihn nicht mehr los. 27


Eine große Attraktion ist der berühmte »Delphi-Palast«. Dort geben die besten Bands

gefeierte Gastspiele. Aber Coco Schumann ist zu jung; hier darf er noch nicht rein.

O, das ist er ja wirklich, der grosse Teddy Stauffer, der König des Swing. Er sieht genau so aus, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe. Und der andere? Duke Herzog vielleicht, der Trompeter der Teddies? Oder Benny de Weille?

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Ach, wenn ich doch schon älter wäre! So gern wäre ich mit dabei, am liebsten auf der Bühne. Eins ist klar: lch werde Musiker! Egal, was Mutter sagt.

Aber selbst wenn ich es schaffe, Mutter zu überzeugen — sie hat doch ein weiches Herz —, uns Juden verbietet die Reichsmusikkammer ja aufzutreten. lrgendwie muss ich es schaffen!

Wo kommst du denn jetzt her? Weiß mein Herr Sohn eigentlich, wie spät es ist?

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Als jüdisches Kind darf Coco Schumann bald nicht mehr zur Schule gehen: lm Juli 1939 wird das 1935 erlassene »Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen« so angewendet, dass jüdische Schülerinnen und Schüler vom Besuch öffentlicher Schulen ausgeschlossen werden. Jetzt hat er viel Zeit.

Prima Wetter.

Oft ist Coco Schumann mit der Swing-Clique unterwegs. Im Sommer, wenn das Wetter schön ist, gehen sie zum C-Deck am Strandbad

»Alles wird gut«, gesungen auf das Motiv aus Beethovens Fünfter Symphonie, ist die Erkennungsmelodie der Swings, weil die BBC dieses »Ta Ta Ta Taaa« immer einspielt, bevor Nachrichten kommen.

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Wannsee, das immer mehr zum Treffpunkt für die »Halbjuden« wird. Hier lassen sich die vielen Verbote und Verordnungen umgehen.

Wenn sich Swings begegnen, haben sie noch ein Erkennungszeichen, um sicher zu gehen, dass sie Gleichgesinnte sind: Sie drehen am Jackettknopf, als würden sie einen Radiosender einstellen — BBC natürlich.

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I got rhythm (Leseprobe)  

»Ich bin Musiker. Ein Musiker, der im KZ gesessen hat, und kein KZler, der Musik macht.« Coco Schumann, Jahrgang 1924, zählt zu den wichti...

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