Am Rande Berlins (Leseprobe)

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Mit zahlreichen Abbildungen

Am Rande Berlins

Die Untersuchung von Florian Bielefeld bietet erstmals einen Überblick über die gesamte Geschichte dieser Einrichtung und eröffnet verschiedene Perspektiven auf die Lebenswelt obdachloser Menschen in Berlin vom Kaiserreich über die Jahre der Weimarer Republik bis in die Zeit des Nationalsozialismus.

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Das 1887 eröffnete städtische Obdach von Berlin, umgangssprachlich »Palme« genannt, galt anfangs als mustergültige Einrichtung. Allerdings offenbarten sich schon bald grundlegende Mängel wie eine regelmäßige Überbelegung, hygienische Probleme oder auch tätliche Übergriffe des Aufsichtspersonals. In der Folge wurde die »Palme« weit über die Stadtgrenzen hinaus als Symbol großstädtischer Armut und Spiegelbild wirtschaftlicher und sozialer Krisen bekannt.

F LOR I A N BI E L E F E L D

Am Rande Berlins Das städtische Obdach »Palme« 1887–1940

Bielefeld_Palme_Umschlag.indd Alle Seiten

22,– € [D]

ISBN 978-3-95410-273-0

www.bebra-wissenschaft.de

17.02.21 14:58



FLORIAN  BIELEFELD

Am Rande Berlins Das städtische Obdach »Palme« 88–


Gedruckt mit freundlicher Unterstützung des Landesarchivs Berlin

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2021 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Astrid Volpert, Berlin Umschlag: typegerecht, Berlin Satzbild: Friedrich, Berlin Schrift: Linux Libertine O 10/13pt Druck und Bindung: FINIDR, Český Těšín ISBN 978-3-95410-273-0 www.bebra-wissenschaft.de


Inhalt

Einleitung.................................................................................................................... 7 Armut und Armenfürsorge im Berlin des 19. Jahrhunderts...................................10 Das Berliner Arbeitshaus »Ochsenkopf«................................................................18 Die ersten Asyle für Obdachlose in Berlin.............................................................  26 Neubau und Einrichtung des städtischen Obdachs »Palme«................................  32 »Palme«, »Wiesenburg« und »Hoffnungstal« – widerstreitende Konzepte der Fürsorge für Obdachlose....................................... 48 Probleme und Krisen einer vermeintlichen Musteranstalt................................... 58 Massenvergiftung in der »Palme« 1911/12.............................................................. 69 Die »Palme« in der Weimarer Republik.................................................................  78 Die »Palme« als Teil »Weimarer Kultur«............................................................... 89 Das Ende einer vermeintlichen Musteranstalt...................................................... 108 Schlussbemerkung................................................................................................... 121

Quellen- und Literaturverzeichnis......................................................................... 125 Abbildungsverzeichnis............................................................................................ 139 Der Autor................................................................................................................. 143


»Die Palme? Was ist denn das? Ein botanischer Garten?« »Mensch! De Palme, det weeßte nich? Det is de Herberje zur Heimat (…)! Wo die Penna und die Stroma schlafen, wenn se sonst keene Bleibe haben!« Hans Fallada, Ein Mann will nach oben

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Einleitung

Im Herbst 1887 eröffnete das städtische Obdach von Berlin, das umgangssprachlich »Palme« genannt wurde. Der große Neubau im Nordosten der Stadt diente zur kurzzeitigen Aufnahme einer wachsenden Zahl obdachloser Menschen und galt wegen der großzügigen Planungen und modernen Ausstattung anfangs als mustergültige Anstalt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Kommune lediglich unzureichende und provisorische Unterkünfte bereitgestellt – ein Missstand, dem mit dem Neubau endlich abgeholfen werden sollte. In der alltäglichen Praxis offenbarten sich allerdings schon wenige Jahre nach der Eröffnung grundlegende Mängel in der Unterbringung: Eine regelmäßige Überbelegung des Obdachs, hygienische Probleme sowie tätliche Übergriffe des Aufsichtspersonals beschäftigten in wachsendem Maße die Öffentlichkeit und begründeten den schlechten Ruf dieser Einrichtung. In den folgenden Jahrzehnten sollte die »Palme« auf diese Weise immer wieder Schlagzeilen machen und wurde vielen Zeitgenossen weit über die Stadtgrenzen hinaus als Synonym für großstädtische Armut bekannt. Hier manifestierten sich die wirtschaftlichen und sozialen Krisen zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert besonders drastisch. Zu jener Zeit befand sich Berlin mitten im Prozess eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels, der sich mit der Reichsgründung von 1871 nochmals beschleunigt hatte. Insbesondere seit der Mitte des 19. Jahrhunderts waren im Zuge einer rasant zunehmenden Industrialisierung und einer wachsenden Mobilität breiter Bevölkerungsschichten unzählige Menschen verstärkt in die Stadt gezogen. Durch die enorme und stete Zuwanderung vor allem aus den ländlichen Gebieten in der Hoffnung auf bessere Arbeits- und Lebensbedingungen stieg die Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahrzehnte übermäßig an, sodass die Urbanisierung gerade im Großraum Berlin in ungeahntem Tempo voranschreiten sollte. Als ein gesellschaftliches Zentrum in Deutschland wurde Berlin zur Metropole, hatte bereits einige Jahre nach der Reichsgründung mehr als eine Million Einwohner und wuchs ungebrochen weiter. Infolge dieser Entwicklungen nahmen auch die sozialen Pro­ bleme in der Stadt dramatisch zu: Neben einer weit verbreiteten Armut waren es vor allem Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot, die zunehmend das Leben großer Teile der städtischen Bevölkerung prägten und häufig in existenzielle Not führten. Hinzu kamen die teils katastrophalen Wohn- und Lebensverhältnisse, die in sozialer und

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gesundheitlicher Hinsicht für viele Menschen eine Gefahr darstellten. Eine mangelhafte Absicherung im Alter oder im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Invalidität verschärfte die Probleme in der Stadt zudem. Innerhalb dieser komplexen Zusammenhänge entwickelte sich kurz- oder langfristige Obdachlosigkeit zu einem weiteren drängenden Phänomen großstädtischer Armut, das in wachsendem Maße der öffentlichen Fürsorge bedurfte.1 In den bisherigen Untersuchungen zur Geschichte des städtischen Obdachs »Palme« lag der Fokus meist auf der Zeit bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs.2 So fehlte bislang ein umfassender Überblick über den gesamten Zeitraum im Bestehen dieser Einrichtung. Daher werden nun neben dem bereits bekannten umfangreichen historischen Material auch weniger bekannte Aspekte dieser Geschichte vorgestellt.3 Ausgehend vom öffentlichen Umgang mit Armut und Obdachlosigkeit im Allgemeinen, über die zum Teil kontrovers geführten politischen Debatten in der Berliner Stadtverordnetenversammlung rund um den Neubau des städtischen Obdachs, wird auch der architektonische Charakter des neuen Bauensembles in den Blick genommen. Hinzu kommen die vielen andauernden Probleme und akuten Krisen, die die Geschichte dieser Einrichtung in der öffentlichen Wahrnehmung nachhaltig geprägt haben. Die zahlreichen literarischen und künstlerischen Zeugnisse teils berühmter Zeitgenossen bieten zudem eine ganz eigene Sichtweise auf die Verhältnisse rund um die »Palme«. Darüber hinaus wird hier auch die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg 1 Trotz verschiedener historischer Bezeichnungen für obdachlose bzw. wohnungslose Menschen im Untersuchungszeitraum werden hier hauptsächlich die Begriffe »obdachlos« respektive »Obdachlosigkeit« benutzt werden, da sie schon im 19. Jahrhundert geläufig waren und auch heute noch im allgemeinen Sprachgebrauch Verwendung finden. Grundsätzlich zur Begriffsgeschichte vgl.: Wolfgang Ayaß, »Vagabunden, Wanderer, Obdachlose und Nichtsesshafte«: eine kleine Begriffsgeschichte der Hilfe für Wohnungslose, in: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit 44, Nr. 1 (2013), S. 90-102. Im Folgenden wird bei Personenbezeichnungen, die auf alle Geschlechter bezogen sind, aus Gründen einer besseren Lesbarkeit die männliche Form verwendet. 2 Vgl. dazu: Karin Kerner/Klaus Trappmann, Aus dem dunkelsten Berlin, in: Jochen Boberg/ Tilman Fichter/Eckhart Gillen (Hg.), Exerzierfeld der Moderne. Industriekultur in Berlin im 19. Jahrhundert, Berlin 1984, S. 268-279; Jürgen Scheffler, »Weltstadt« und »Unterwelt«. Urbanisierung, Armenpolitik und Obdachlosigkeit in Berlin 1871–1914, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 26, Heft 2 (1990), S. 158-181. 3 Weitere Untersuchungen zur Geschichte des Obdachs seien hier noch besonders hervorgehoben: Künstlerhaus Bethanien (Hg.), Wohnsitz: Nirgendwo. Vom Leben und Überleben auf der Straße, Berlin 1982, hier S. 113-136. Unter dem Titel »›Wiese is nich, dafür haben wa de Palme!‹. Obdachlose im alten Berlin« bietet der Katalog zur Ausstellung »Wohnsitz: Nirgendwo« umfangreiches Material zur Geschichte des städtischen Obdachs »Palme« und anderer Einrichtungen der Obdachlosenfürsorge in Berlin. Zahlreiche zeitgenössische Fotografien finden sich auch in folgendem Bildband: Diethart Kerbs (Hg.), Im Obdachlosenasyl. Bilder aus dem städtischen Obdach »Die Palme«. Berlin 1894–1932, Berlin 1987.

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näher betrachtet. Bis zur Umnutzung der Anlage in ein Krankenhaus im Jahr 1940 bewegte sich die Fürsorge für Obdachlose alles in allem zwischen einer notdürftigen Unterstützung, sozialer Kontrolle sowie entschiedener Repression und systematischer Verfolgung. Auch wenn die Quellenlage für die letzten Jahre im Bestehen der »Palme« zunehmend weniger Informationen über die alltägliche Praxis vor Ort verrät, können für diesen Zeitabschnitt dennoch einige Entwicklungen nachgezeichnet werden, die direkt oder indirekt Einfluss auf das Leben von obdachlosen Menschen in und außerhalb der »Palme« genommen haben. Insgesamt werden somit verschiedene Perspektiven auf die Geschichte dieser Einrichtung und die Lebenswelt von obdachlosen Menschen in Berlin vom deutschen Kaiserreich über die Jahre der Weimarer Republik bis in die Zeit des Nationalsozialismus eröffnet.

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Armut und Armenfürsorge im Berlin des 19. Jahrhunderts

Bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte die öffentliche Armenfürsorge in Berlin eine grundlegende Neuausrichtung erfahren.1 Mit der Einrichtung einer eigenen »Armenkasse« zur Finanzierung fürsorgerischer Maßnahmen, dem Bau eines allgemeinen Armenhauses sowie der Bildung einer ständigen Kommission zur Organisation und Verwaltung der öffentlichen Fürsorge in der Stadt waren damals vonseiten des preußischen Staates richtungsweisende Entscheidungen getroffen worden.2 Ziel war es demnach, einerseits eine bessere Versorgung der städtischen Armenbevölkerung zu gewährleisten und andererseits auch dem Betteln in der Stadt gezielt entgegenzuwirken. Diejenigen, die scheinbar mutwillig nicht für ihr eigenes Auskommen sorgten, obwohl sie gesund und arbeitsfähig erschienen, sollten zur Arbeit angehalten werden. Andere wiederum, die durch hohes Alter, Krankheit oder andere Umstände in eine existenzielle Notsituation gelangt waren, hatten nun aber grundsätzlich einen Anspruch auf Unterstützung durch die öffentliche Armenfürsorge. Nach Prüfung der Bedürftigkeit konnte die Hilfeleistung dann notdürftige finanzielle Zuschüsse, eine Zuteilung von Brot und Brennholz oder auch medizinische Grundversorgung sowie im Todesfall eines Bedürftigen ein unentgeltliches Begräbnis umfassen.3 Neben einer solchen »offenen« Armenfürsorge bestand mit der Möglichkeit zur Aufnahme in einer öffentlichen Armenanstalt auch eine »geschlossene« Armenfürsorge, die allerdings erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen entscheidenden Ausbau und wachsende Differenzierung erfuhr.4 Darüber hinaus befanden sich in der Stadt noch zahlreiche konfessionelle Hilfseinrichtungen 1 Vgl. dazu: Johann Carl Friedrich Weitling, Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals und Waisenhauses, Berlin 1852, S. 2ff.; Hermann Schwabe, Das Armenwesen in Berlin, in: Arwed Emminghaus (Hg.), Das Armenwesen und die Armengesetzgebung in europäischen Staaten, Berlin 1870, S. 68-88, hier S. 68f. 2 Ebd. 3 Allgemein zur Organisation und Ausgestaltung der frühen Armenfürsorge in Berlin vgl.: Friedrich Nicolai, Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, aller daselbst befindlicher Merkwürdigkeiten, und der umliegenden Gegend, Bd. 2, Berlin 1786³, S. 626-647, hier bes. S. 640-647. 4 Vgl. dazu: Rudolf Virchow (Hg.), Die Anstalten der Stadt Berlin für die öffentliche Gesundheitspflege und für den naturwissenschaftlichen Unterricht, Berlin 1886, S. 74-90, hier bes. S. 77ff.

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sowie private Stiftungen und Vereine, deren Mitglieder sich in ihrer sozialen Arbeit verschiedener Armutsphänomene annahmen.5 Im Rahmen umfassender sozialpolitischer Reformen wurde im Jahr 1808 unter der Ägide des Staatsministers Karl Freiherr vom und zum Stein (1757–1831) für Preußen die »Städteordnung« erlassen, womit auch für Berlin eine kommunale Selbstverwaltung bestimmt worden war.6 Als Teil eines gesamtgesellschaftlichen Reformprozesses zielte diese Initiative darauf ab, die Verwaltung in den Städten effektiver gestalten zu können und den Gemeinschaftssinn innerhalb des städtischen Bürgertums zu befördern. Neben anderen Verantwortungsbereichen stellte die Organisation der Armenfürsorge hierbei einen wichtigen Aspekt dieser neuen Ordnung dar.7 Die politische Verantwortung für die Armenfürsorge konnte in Berlin letztlich allerdings erst zum 1. Januar 1820 in kommunale Hand übergehen.8 Hierzu gehörte anfangs die Verwaltung mehrerer Armenanstalten wie des großen Friedrichs-Waisenhauses, des 5 Vgl. dazu: Zentrale für private Fürsorge (Hg.), Die Wohlfahrtseinrichtungen von Groß-Berlin nebst einem Wegweiser für die praktische Ausübung der Armenpflege in Berlin, Berlin 1910⁴; Hartmut Dießenbacher, Soziale Umbrüche und sozialpolitische Antworten. Entwicklungslinien vom 19. ins frühe 20. Jahrhundert. Soziale und geschichtliche Umbrüche: Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und Nahrungsproduktion, in: Gesine Asmus (Hg.), Hinterhof, Keller und Mansarde. Einblicke in Berliner Wohnungselend 1901–1920, Reinbek bei Hamburg 1982, S. 10-31, hier S. 21-26; Klaus Duntze, Berlin auf dem Wege zur Weltstadt im 19. Jahrhundert. Soziale Notstände und kirchliche Bemühungen zur Abhilfe, in: Berliner Theologische Zeitschrift 9, Heft 1 (1993), S. 105-134; Uta Motschmann u. a., Wohltätigkeitsvereine – Vereine der Armenfürsorge und Stiftungen zur Erziehung und Ausbildung, in: Uta Motschmann (Hg.), Handbuch der Berliner Vereine und Gesellschaften 1786–1815, Berlin/Boston 2015, S. 869-949. 6 Zum umfassenden Reformprozess in Preußen im frühen 19. Jahrhundert vgl.: Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800–1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1984², S. 33–69. Von nicht unerheblichem Einfluss auf die zukünftige Entwicklung Berlins waren weitere liberale Reformgesetze im Rahmen dieses Prozesses. Mit dem »Oktoberedikt« von 1807 und der Aufhebung der »Gutsuntertänigkeit« wurde die »Bauernbefreiung« eingeleitet und der Beginn einer Freizügigkeit begründet, die im Übergang von einer feudalen Agrar- zu einer Industriegesellschaft die Grundlage für die spätere Mobilität unzähliger Menschen vom Land in die Stadt bildete. Vgl. dazu: Ilja Mieck, Von der Reformzeit zur Revolution (1806–1847), in: Wolfgang Ribbe (Hg.), Geschichte Berlins, Bd. 1: Von der Frühgeschichte bis zur Industrialisierung, München 1987, S. 405-602, hier S. 443; Arno Pokiser, Armut und Armenfürsorge in Berlin 1800–1850. Von den Schwierigkeiten im Umgang mit neuen Phänomenen, in: Hans-Jürgen Mende (Hg.), Neue Streifzüge in die Berliner Kulturgeschichte. Von Arbeitern und Armen, Schriftstellern und Schützen, Spaßvögeln und Streithähnen, Vereinen und Verkehrswegen, Berlin 1995, S. 19-85, hier S. 21. 7 Allgemein zur Organisation der Armenfürsorge in Berlin nach Verabschiedung der »Städteordnung« vgl.: Ludovica Scarpa, Gemeinwohl und lokale Macht. Honoratioren und Armenwesen in der Berliner Luisenstadt im 19. Jahrhundert (= Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 77), München u. a. 1995, S. 14-33. Vgl. auch: Berthold Grzywatz, Armenfürsorge im 19. Jahrhundert. Die Grenzen der kommunalen Daseinsvorsorge, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47, Heft 7 (1999), S. 583-614, hier bes. S. 586-596. 8 Schwabe, Das Armenwesen in Berlin, S. 70.

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Arbeitshauses, einiger kleinerer Hospitäler sowie der Armenschulen.9 Hinzu kam noch die Organisation eines bürgerschaftlichen Ehrenamtes bei der individuellen Hilfe für verarmte Bürger innerhalb der »offenen« Armenfürsorge, einem System, das ansatzweise schon im 18. Jahrhundert existierte, nun aber erstmals in kommunale Hand überging und dann sogar noch bis ins 20. Jahrhundert bedeutsam bleiben sollte.10 Infolgedessen wurden der neu eingerichteten städtischen Armendirektion mehrere »Armenkommissionen« unterstellt, die jeweils aus einer gewissen Anzahl von Mitgliedern des Berliner Bürgertums bestanden und in einzelnen Bezirken der Stadt über die jeweilige Bedürftigkeit und erforderliche Unterstützung der Armenbevölkerung entschieden.11 Weitere richtungsweisende Maßgaben hinsichtlich der Armenfürsorge folgten zur Mitte des 19. Jahrhunderts: Mit der preußischen Gesetzgebung vom 31. Dezember 1842 zur »Aufnahme neu anziehender Personen« sowie der »Verpflichtung zur Armenpflege« wurden frühere Reformen bezüglich der Freizügigkeit und Armenfürsorge in Preußen entscheidend fortgeschrieben.12 Mit diesem Gesetzespaket war es nun prinzipiell für alle Staatsbürger möglich, durch einen längerfristigen ordentlichen Aufenthalt in einer neuen Gemeinde im juristischen Sinne heimisch zu werden und somit auch Anspruch auf deren Unterstützung im Falle der Bedürftigkeit zu haben. Das vormals geltende »Heimatrecht« war damit aufgehoben; es basierte auf dem Grundsatz, dass ein Anspruch auf Unterstützung durch die öffentliche Fürsorge an einem Ort entweder seit Geburt bestand oder später durch explizite Einbürgerung erlangt worden war.13 Anderenfalls konnten Betroffene mit dem Auftreten der Bedürftigkeit an ihre Heimatgemeinde verwiesen werden, die dann für die Versorgung aufzukommen hatte. Infolge der veränderten Rechtslage galt nun aber das Prinzip des »Unterstützungswohnsitzes«, wodurch die Niederlassung in einer neuen Gemeinde und die Erlangung eines Anspruchs auf Hilfe im Bedarfsfall grundsätzlich erleichtert wurde.14 Diese Rahmenbedingungen bezüglich der Freizügigkeit sollten sowohl die Mobilität der Menschen auf der Suche nach Arbeit als auch die

9 Ebd. Demnach wurden die Armenschulen aber bereits im Jahr 1837 wieder von der Armenfürsorge getrennt und organisatorisch der Verwaltung des städtischen Schulwesens zugeordnet. 10 Vgl. dazu: Grzywatz, Armenfürsorge im 19. Jahrhundert, S. 586ff. u. S. 610f. 11 Vgl. dazu: Schwabe, Das Armenwesen in Berlin, S. 72f. 12 Zur Entstehung dieser Gesetze vgl.: Harald Schinkel, Armenpflege und Freizügigkeit in der preußischen Gesetzgebung vom Jahre 1842, in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 50, Heft 4 (1963), S. 459-479. 13 Vgl. dazu: Christoph Sachße/Florian Tennstedt, Armenfürsorge, soziale Fürsorge, Sozialarbeit, in: Christa Berg (Hg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. IV: 1870–1918. Von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, München 1991, S. 411-440, hier S. 412f. 14 Ebd.

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weitere wirtschaftliche Entwicklung im Allgemeinen befördern.15 Gleichzeitig mag es auch zur Entlastung der Armenfürsorge beigetragen haben, indem sich die Menschen nun leichter an einem anderen Ort neue Erwerbsmöglichkeiten suchen konnten. Ergänzt wurden diese Maßgaben durch das Gesetz über die »Bestrafung der Landstreicher, Bettler und Arbeitsscheuen«, wie es bereits wenige Tage später am 6. Januar 1843 veröffentlicht worden war. Demnach drohte Personen, die mittelund arbeitslos durchs Land zogen, ohne glaubhaft nachweisen zu können, dass sie sich selbst versorgen konnten oder unmittelbar um Arbeit und ein Unterkommen bemühten, eine Gefängnisstrafe bis zu sechs Wochen sowie die anschließende Überweisung in eine »Korrektionsanstalt«, wobei es sich in der Regel um eine längerfristige strafrecht­liche Unterbringung im Arbeitshaus gehandelt hat.16 Hier wurden die Menschen während der Haft dann meist einer harten Arbeitsdisziplin unterworfen. Insgesamt bewegte sich die Armenfürsorge im 19. Jahrhundert in einem Spannungsfeld zwischen einer notdürftigen Hilfe und Unterstützung der Armenbevölkerung sowie sozialer Disziplinierung und entschieden repressiver Maßnahmen bei Zuwiderhandlung gegen die Arbeitsmoral als Teil der gesellschaftlichen Normen. Im Übergang von einer ländlichen Agrargesellschaft hin zu einer modernen Industriegesellschaft stiegen die Anforderungen an das Fürsorgesystem in Berlin über das gesamte 19. Jahrhundert kontinuierlich an. So waren die Kosten für die Armenfürsorge gegen Ende der 1830er Jahre sogar an die Spitze des städtischen Etats getreten.17 In jener Zeit hatte sich in weiten Teilen der Bevölkerung eine gravierende Verarmung herausgebildet, die bereits von den Zeitgenossen unter dem 15 Ebd. 16 Vgl. dazu: Wolfgang Ayaß, Die »korrektionelle Nachhaft«. Zur Geschichte der strafrechtlichen Arbeitshausunterbringung in Deutschland, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 15, Nr. 3/4 (1993), S. 184-201, hier bes. S. 187ff. Die Gesetzgebung aus dem Jahr 1843 bezüglich der »Bestrafung der Landstreicher, Bettler und Arbeitsscheuen« fand nahezu unverändert Eingang in das preußische Strafgesetzbuch von 1851 und wurde nach der deutschen Reichsgründung weitgehend in das Reichsstrafgesetzbuch (RStGB) von 1871 übernommen. Demnach konnten Landstreicher, Bettler und Obdachlose nach den §§ 361 und 362 noch bis zur Reform des Strafgesetzbuchs (StGB) und Schließung der Arbeitshäuser im Jahr 1969 verurteilt werden, bis auch die letzten Relikte dieses Straftatbestands 1974 endgültig abgeschafft wurden. Vgl. dazu auch: Dieter Bindzus/Jérôme Lange, Ist Betteln rechtswidrig? – Ein historischer Abriß mit Ausblick, in: Juristische Schulung 36, Heft 6 (1996), S. 482–486, hier S. 485. Zu den Strafbestimmungen und der allgemeinen Praxis bezüglich der Arbeitshaushaft in Berlin und anderen deutschen Großstädten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vgl.: Andreas Roth, Kriminalitätsbekämpfung in deutschen Großstädten 1850–1914. Ein Beitrag zur Geschichte des strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens (= Quellen und Forschungen zur Strafrechtsgeschichte, Bd. 7), Berlin 1997, S. 295-347, hier bes. S. 330-347. 17 Vgl. dazu: Pokiser, Armut und Armenfürsorge in Berlin 1800–1850, S. 23. Noch bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts machten die Ausgaben für das Armenwesen den größten Posten im städtischen Etat aus. Vgl. dazu: Scarpa, Gemeinwohl und lokale Macht, S. 30.

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Schlagwort »Pauperismus« zusammengefasst worden war und eine neue massenhafte Erscheinung dauerhafter Armut beschrieb.18 Zahlreiche Menschen lebten damals unter schwierigsten Bedingungen am absoluten Existenzminimum und konnten ihre Lebenshaltungskosten trotz Beschäftigung sowie langer und harter Arbeit häufig kaum decken. Hiervon war gerade auch die große Zahl von lohnabhängigen Arbeitern bedroht, deren Anteil an der städtischen Bevölkerung im Laufe des 19. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahrzehnte wesentlich zugenommen hatte.19 Diese Entwicklung war Ausdruck eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels, der besonders durch die zunehmende Industrialisierung und Verstädterung befördert worden war und in wachsendem Maße auch die Arbeits- und Lebensbedingungen in Berlin bestimmte. Die veränderten sozialen Verhältnisse spiegelten sich auch an einer wachsenden Zahl von Handwerkern und Arbeitern, die im Falle von Arbeits- und damit häufig einhergehender Obdachlosigkeit notgedrungen auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle durchs Land zogen.20 Aufgrund einer stark wachsenden Mobilität breiter Bevölkerungsschichten stieg in einem gesellschaftlichen Zentrum wie Berlin über das gesamte 19. Jahrhundert der Zuzug besonders stark an. Allein in den Jahren zwischen 1820 und 1905 sollte die städtische Bevölkerung von knapp 200.000 Einwohnern über gut 400.000 zur Mitte des Jahrhunderts auf mehr als zwei Millionen anwachsen. Dieser massive Anstieg der Einwohnerzahlen in der Stadt resultierte neben einem natürlichen Bevölkerungswachstum großenteils aus einer ungebrochenen Zuwanderung, die trotz einer gleichzeitigen Abwanderung regelmäßig einen »Wanderungsgewinn« produzierte.21 18 Allgemein zu Begriff und Bedeutung des »Pauperismus« vgl.: Günther Schulz, Armut und Armenpolitik in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert, in: Historisches Jahrbuch 115, Heft 2 (1995), S. 388-410. 19 In den Jahren zwischen 1820 und 1880 verdoppelte sich der Anteil der Arbeiterschaft an der städtischen Bevölkerung Berlins etwa von 30 auf 60 Prozent. Vgl. dazu: Rüdeger Baron, Die Entwicklung der Armenpflege in Deutschland vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, in: Rolf Landwehr/Rüdeger Baron (Hg.), Geschichte der Sozialarbeit. Hauptlinien ihrer Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Weinheim und Basel 1983, S. 11-71, hier S. 41. 20 Vgl. dazu: Jürgen Scheffler, »Die wandernde Bevölkerung«, in: Ursula Röper/Carola Jüllig (Hg.), Die Macht der Nächstenliebe. Einhundertfünfzig Jahre Innere Mission und Diakonie 1848–1998, Berlin 1998, S. 174-181, hier bes. S. 176f. 21 Vgl. dazu: Mieck, Von der Reformzeit zur Revolution (1806–1847), S. 478-483; Günter Richter, Zwischen Revolution und Reichsgründung (1848–1870), in: Wolfgang Ribbe (Hg.), Geschichte Berlins, Bd. 2: Von der Märzrevolution bis zur Gegenwart, München 1987, S. 605-687, hier S. 660f.; Michael Erbe, Berlin im Kaiserreich (1871–1918), in: Wolfgang Ribbe (Hg.), Geschichte Berlins, Bd. 2: Von der Märzrevolution bis zur Gegenwart, München 1987, S. 691-793, hier S. 693-698. Bereits in den Jahren rund um die deutsche Reichsgründung von 1871 war schon mehr als die Hälfte der »Berliner« nicht in der Stadt geboren worden. In der Altersgruppe der 20- bis 45-Jährigen betrug deren Anteil damals sogar rund drei Viertel der Einwohnerschaft. Vgl. dazu: Richard Böckh (Hg.), Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin 4 (1876/78), S. 8-10.

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Dabei handelte es sich offenbar in vielen Fällen um kleine Gewerbetreibende, Handwerksgesellen oder auch Tagelöhner, die meist auf der Suche nach einer Arbeitsstelle und in der Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation in die Stadt kamen, wie ein zeitgenössischer Bericht nahelegt.22 Demnach hätten sich durch die starke Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und eine in zunehmendem Maße indus­ trielle Produktionsweise die Arbeitslöhne in vielen Bereichen derart verringert, dass zahlreiche Menschen dem wirtschaftlichen Ruin und einer wachsenden Verarmung preisgegeben würden.23 Aus diesem Grund wird der Lohn häufig nicht zur Deckung der Lebenshaltungskosten ausgereicht haben, weshalb in den Jahren um 1850 offenbar etwa ein Viertel der gesamten Einwohnerschaft Berlins von drückender Armut betroffen war, wovon wiederum schätzungsweise rund 15.000 Personen wie Bettler, Prostituierte und andere soziale Randgruppen akut von Obdachlosigkeit bedroht gewesen sein dürften.24 Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich zudem in zunehmendem Maße gezeigt, dass das Wohnungswesen gerade in Berlin äußerst problematisch aufgestellt war.25 Damals lebten in einigen Gegenden der Stadt zahlreiche Menschen unter ärmlichsten Bedingungen.26 Diese Missstände fanden ihren sichtbaren Ausdruck in den »Mietskasernen«, die in Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer mehr das Stadtbild prägten.27 Hier offenbarten sich besonders in den feuchten und 22 Allgemein zu den Arbeitsverhältnissen in Berlin zur Mitte des 19. Jahrhunderts vgl.: Friedrich Sass, Berlin in seiner neuesten Zeit und Entwicklung, Leipzig 1846, S. 243-302, hier bes. S. 245264. Bemerkenswert ist, dass gleich zu Beginn des Buches bei der Beschreibung der Lebensverhältnisse in Berlin auf das problematische Wohnungswesen und die Obdachlosigkeit vieler Menschen in der Stadt verwiesen wird. 23 Ebd. 24 Vgl. dazu: Wolfgang John, Ohne festen Wohnsitz. Ursache und Geschichte der Nichtsesshaftigkeit und die Möglichkeiten der Hilfe, Bielefeld 1988, S. 235. 25 Allgemein zur problematischen Entwicklung der Wohnverhältnisse in Berlin und anderen deutschen Großstädten in jener Zeit vgl.: Hans Jürgen Teuteberg/Clemens Wischermann, Wohnalltag in Deutschland 1850–1914. Bilder, Daten, Dokumente (= Studien zur Geschichte des Alltags, Bd. 3), Münster 1985. 26 Die Reportage »Erfahrungen eines jungen Schweizers aus dem Vogtlande« des damaligen Studenten und späteren Pädagogen Heinrich Grunholzer (1819–1873) liefert eine knappe, eindrückliche Beschreibung eines Zeitgenossen über die damaligen Wohn- und Lebensverhältnisse in einem Berliner Armenviertel, in: Bettina von Arnim, Dies Buch gehört dem König, II., Berlin 1843, S. 534-598. Vgl. dazu: Johann Friedrich Geist/Klaus Kürvers, Das Berliner Mietshaus, Bd. 1: 1740–1862. Eine dokumentarische Geschichte der »von Wülcknitzschen Familienhäuser« vor dem Hamburger Tor, der Proletarisierung des Berliner Nordens und der Stadt im Übergang von der Residenz zur Metropole, München 1980, hier bes. S. 214-243. 27 Die Stadtentwicklung Berlins vollzog sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich auf Basis des »Bebauungsplans der Umgebungen Berlins« von 1862, der heute meist als »Hobrecht-Plan« bezeichnet wird. Benannt nach dem federführenden Bauingenieur und Stadtplaner James Hobrecht (1825–1902) basierte dieser Plan vor allem auf einem weiträumi-

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dunklen Keller- sowie den schlecht isolierten Dachwohnungen zum Teil katastrophale soziale und hygienische Verhältnisse.28 Darüber hinaus waren viele Berliner Haushalte wegen ihrer prekären wirtschaftlichen Lage gezwungen, »Schlafgänger« aufzunehmen. Hierbei handelte es sich um Personen, die in einem eigentlich fremden Haushalt für kurze Zeit eine Schlafstelle mieteten, ohne dort tatsächlich zu wohnen.29 Allein im Jahr 1871 sollen im Durchschnitt etwa 20 Prozent der Arbeitnehmer auf diese Weise in Berlin untergekommen sein; Zählungen von 1890 zeigen zudem, dass mehr als die Hälfte solcher Haushalte eine Schlafstelle, 29 Prozent zwei und knapp 15 Prozent einen Schlafplatz für drei oder noch mehr Personen angeboten haben.30 Andere wiederum sahen sich gezwungen, in ihrer Not als »Trockenwohner« in feuchte Neubauten einzuziehen, was gesundheitlich äußerst schädlich gewesen sein muss. Diese meist kurzfristigen Mietverhältnisse dienten dazu, die Wohnungen gen Straßennetz und großen Baublöcken als Grundlage für den weiteren Ausbau der Stadt. Aufgrund einer unzulänglichen Bauordnung für Berlin sowie der Vielzahl von Bauherren, die an einer möglichst profitablen Ausnutzung des Baugrunds interessiert waren, beförderte dieser Plan indirekt die dichte Bebauung mit mehrgeschossigen Mietshäusern und häufig sehr engen Hinterhöfen, wo großenteils schlechte soziale und hygienische Verhältnisse herrschten. Vgl. dazu: Johann Friedrich Geist/Klaus Kürvers, Das Berliner Mietshaus, Bd. 2: 1862–1945. Eine dokumentarische Geschichte von »Meyer’s Hof« in der Ackerstraße 132–133, der Entstehung der Berliner Mietshausquartiere und der Reichshauptstadt zwischen Gründung und Untergang, München 1984, hier bes. S. 142-169; Richter, Zwischen Revolution und Reichsgründung (1848–1870), S. 663-667. 28 Vgl. dazu: Rosmarie Beier, Leben in der Mietskaserne. Zum Alltag Berliner Unterschichtsfamilien in den Jahren 1900 bis 1920, in: Gesine Asmus (Hg.), Hinterhof, Keller und Mansarde. Ein­ blicke in Berliner Wohnungselend 1901–1920, Reinbek bei Hamburg 1982, S. 244-270, hier bes. S. 263-268; Elisabeth Gransche und Franz Rothenbacher, Wohnbedingungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft 14, Heft 1 (1988), S. 64-95, hier bes. S. 72f. Relativierend in der Beurteilung des Wohnungswesens und der Wohnverhältnisse in deutschen Städten zur Zeit der Industrialisierung und Urbanisierung bemerkte der Historiker Clemens Wischermann: »Sicherlich vervielfachten sich manche sozialen oder auch hygienischen Probleme in den Großstädten, und an­ dere wie Fragen der sozialen Einbindung traten neu hinzu. Doch für die Land-Stadt-Wanderer dürften die Wohnungsverhältnisse in der Stadt, so beengt und schlecht sie vor allem zu Beginn der Urbanisierung auch waren, immer noch besser gewesen sein, als das, was die meisten vom Lande her gewohnt waren.« Clemens Wischermann, Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobilität in deutschen Großstädten 1870–1913, in: Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Stadtwachstum, Industrialisierung, Sozialer Wandel. Beiträge zur Erforschung der Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert (= Schriften des Vereins für Socialpolitik. Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Neue Folge, Bd. 156), Berlin 1986, S. 101-133, hier S. 103. 29 Vgl. dazu: Gerhard A. Ritter/Klaus Tenfelde, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914 (= Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert, Bd. 5), Bonn 1992, S. 594-598. 30 Vgl. dazu: Ernst Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in Berlin, Berlin 1897, S. 31-34. Demnach sollen um die Jahrhundertwende insgesamt rund 100.000 Menschen als »Schlafgänger« in der Stadt untergekommen sein.

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nach dem Austrocknen der frisch verputzten, feuchten Wände eines Neubaus möglichst schnell regulär vermieten zu können. Hinzu kamen die unzähligen Dienstmädchen in der Stadt, die als Hausangestellte zwar eine kleine Kammer oder zumindest eine Schlafstelle zur Verfügung gestellt bekamen, jedoch zur Finanzierung einer eigenen Wohnung sicherlich nicht in der Lage gewesen wären und mit dem Verlust ihrer Arbeitsstelle zwangsläufig auch die Unterkunft verloren.31 Diese großstädtischen Massenphänomene waren Ausdruck eines vielschichtigen gesellschaftlichen Wandels sowie ein Spiegelbild der prekären Lebenssituation und verdeckten Obdachlosigkeit zahlreicher Menschen, die im Berlin des späten 19. Jahrhunderts allgegenwärtig waren.

31 Allgemein zu den schwierigen Lebensbedingungen und der problematischen Unterbringung von Dienstmädchen in Berliner Haushalten in der Zeit um die Jahrhundertwende vgl.: Oscar Stillich, Die Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin, Berlin/Bern 1902, hier bes. S. 192-217.

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Das Berliner Arbeitshaus »Ochsenkopf«

In der Geschichte der öffentlichen Armenfürsorge gehörten Zucht- und Arbeitshäuser in Deutschland seit dem 17. und 18. Jahrhundert zu zentralen Institutionen der Fürsorge, die häufig sehr unterschiedliche Funktionen erfüllten.1 Einerseits dienten sie als Straf- und Erziehungsanstalt für Bettler, Kleinkriminelle oder auch Prostituierte, die hier zur Maßregelung und Disziplinierung eingewiesen wurden und zu diesem Zweck diverse Arbeiten zu verrichten hatten. Andererseits wurden diese Einrichtungen in vielen Fällen aber auch als allgemeines Armenhaus genutzt, in dem insbesondere verarmte alte und hilfsbedürftige Personen, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder auch obdachlose Familien und Waisenkinder notdürftig versorgt und mit ihrem gesundheitlichen Zustand entsprechenden Arbeiten beschäftigt wurden.2 In Berlin bestand eine solche Einrichtung seit dem frühen 18. Jahrhundert, wurde dann 1742 in ein ehemals der Schlachter-Innung gehöriges Haus am Halleschen Tor verlegt, dessen Fassade mit Ochsenköpfen verziert gewesen sein soll und daher bis weit ins 19. Jahrhundert hinein im Volksmund als »Ochsenkopf« bezeichnet wurde.3 Allerdings war das Arbeitshaus wegen Platzmangels bereits 1758 an den späteren Alexanderplatz verlegt worden, wobei der eigenwillige Name aber unverändert fortbestehen sollte. Als eine zentrale Armenanstalt der Stadt diente das Haus dann regulär zur Aufnahme von rund 600 Personen, die sich hier zur Mitte des 19. Jahrhunderts aus den unterschiedlichsten Personenkreisen und Altersklassen zusammengesetzt haben: Bettler, Landstreicher und Kleinkriminelle sowie Menschen mit unheilbaren Leiden oder psychischen Erkrankungen, Prostituierte und auch Obdachlose wurden hier im Falle der Bedürftigkeit oder eben auch zu disziplinarischen

1 Allgemein zur Bedeutung der Zucht- und Arbeitshäuser als Teil der Armenfürsorge vgl.: Christoph Sachße/Florian Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge, Bd. 1: Vom Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg, Stuttgart u. a. 1998², S. 113-125. 2 Ebd., hier bes. S. 115ff. 3 Zur Entstehungsgeschichte und frühen Einrichtung des Berliner Arbeitshauses vgl.: Johann Gottfried Andrae, Geschichte des Irren- und Arbeitshauses zu Berlin. Auszug aus einer größeren Schrift über diesen Gegenstand, Berlin 1844.

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Zwecken zentral untergebracht, was eine massive Überbelegung zur Folge hatte.4 In der Unterbringung einer solch großen Zahl von Menschen unterschiedlichen Alters und unabhängig von ihrer Lebenssituation oder der gesundheitlichen Verfassung offenbarten sich im Berliner Arbeitshaus unhaltbare Zustände, die schon von den Zeitgenossen angeprangert wurden.5 In seinem 1846 veröffentlichten Bericht über die Verhältnisse in den preußischen Gefängnissen kritisierte der französische Philantroph Benjamin Appert (1797–1873) die Situation im Berliner Arbeitshaus deutlich: »Kein Ausdruck des Tadels würde hinreichen können, um eine Vorstellung von der fehlerhaften Einrichtung, von der Vermischung der Inhaftirten in diesem Haus zu geben, welches zugleich Hospital, Herberge, Bettler-Niederlage, Gefängniß und Bäckerei ist, und wo Unordnung, Wirrwarr und die Localitäten eine vollständige Vereinigung aller Uebelstände bilden. (…) Alle Arten des Unglücks scheinen sich in diesem höllischen Aufenthalt zu vereinigen: das Verbrechen und das Elend, die Liederlichkeit und das Laster, die verwahrloseste Jugend und das hülflose Alter, die Faulheit und die Bosheit!«6 Dieser Bericht verstand sich als direkter Appell an den preußischen König, für eine Verbesserung der augenblicklichen Lage zu sorgen. Zu diesem Zweck müssten die verschiedenen Abteilungen des Arbeitshauses möglichst voneinander getrennt und in entlegenere Stadtteile verlegt werden. In Reaktion darauf verteidigte der Prediger am Arbeitshaus die Praxis vor Ort gegen die seines Erachtens allzu harten Anschuldigungen Apperts.7 Dieser habe bei seinem Besuch doch nur einen sehr oberflächlichen Eindruck erlangen können. Zudem sei es nicht richtig, dass die verschiedenen Insassen des Arbeitshauses »in wilder ›Unordnung‹« untergebracht seien, auch wenn er selbst einräumt, dass es in der alltäglichen Praxis schwierig sei, eine differenzierte Betreuung der verschiedenen Gruppen von Menschen zu gewährleisten.8 In die-­ ser Hinsicht beklagten auch andere zeitgenössische Autoren die augenscheinlichen 4 Vgl. dazu: Rüdiger Hachtmann, »… mißverstandene politische Freiheit« – Das Berliner Arbeitshaus im Jahre 1848, in: Jürgen Wetzel (Hg.), Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 1992, Berlin 1992, S. 63-82, hier bes. S. 64-66. 5 Ausführlich zur Einrichtung des Berliner Arbeitshauses zur Mitte des 19. Jahrhunderts vgl.: C. F. Schütze, Nachtseiten der Berliner Gesellschaft. Sociale Lebensbilder der neuesten Zeit, Bd. 3: Das Arbeitshaus in Berlin und seine Bewohner, oder: Die Proletarier und Verbrecher der Residenz, Berlin 1846. 6 Zit. nach: Johann Gottfried Andrae, Das Urtheil des Herrn Appert über das hiesige Arbeitshaus, in seinem Buche: Voyage en Prusse (Reise in Preußen), Berlin 1846, S. 4. Zur Person Benjamin Apperts vgl.: Thomas Nutz, Strafanstalt als Besserungsmaschine. Reformdiskurs und Gefängniswissenschaft 1775–1848 (= Ancien Régime. Aufklärung und Revolution, Bd. 33), München 2001, S. 258-262. 7 Vgl. dazu: Andrae, Das Urtheil des Herrn Appert über das hiesige Arbeitshaus, S. 5-11. 8 Ebd., S. 6.

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Probleme im Berliner Arbeitshaus und verwiesen auf die schlechte gesundheitliche Verfassung vieler Personen und hohe Sterblichkeit; aus diesem Grund sei es notwendig und wünschenswert, Menschen mit unheilbaren, chronischen oder psychischen Erkrankungen sowie die Obdachlosen an anderer Stelle und getrennt voneinander unterzubringen.9 Die Sterblichkeitsrate im Berliner Arbeitshaus soll tatsächlich in etwa dreimal so hoch gewesen sein wie in den Gefängnissen jener Zeit.10 Auch wenn dies zum Teil der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass hier viele alte und sterbenskranke Menschen Aufnahme fanden, erklärt es kaum einen solch eklatanten Unterschied. Vielmehr dürften die Lebens- und Arbeitsbedingungen für den Gesundheitszustand der Menschen äußerst schädlich gewesen sein. Die extrem langen Arbeitszeiten und teils sehr anstrengenden Tätigkeiten, die täglich zu verrichten waren und vor allem disziplinarischen Charakter hatten, dürften körperlich und moralisch an den Kräften der Leute gezehrt haben.11 Bei Arbeitsverweigerung oder Zuwiderhandlung gegen die Vorschriften drohte den Insassen zudem Nahrungsmittelentzug oder sogar brutale Prügelstrafe.12 Trotz dieser schockierenden Zustände und einer wachsenden öffentlichen Kritik änderte sich an der Einrichtung des Berliner Arbeitshauses grundsätzlich nichts, was neben anderen Aspekten die Unzufriedenheit mit den sozialen Missständen und den Einrichtungen der Fürsorge in der Stadt in weiten Teilen der Bevölkerung damals immens verstärkt haben dürfte. Es scheint nicht von ungefähr, dass Apperts Bericht am Vorabend der Revolution von 1848 einen Eindruck der mangelhaften Fürsorge im Arbeitshaus vermittelte. Besonders in den beiden Jahren zuvor war die Zahl der Insassen enorm angestiegen, was als Spiegelbild einer allgemeinen Verarmung im Vormärz gedeutet werden kann.13 Als es im Jahr 1848 im Rahmen der Forderungen nach liberalen gesellschaftlichen Reformen in Berlin zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen dem Militär und weiten Teilen der Bevölkerung kam, war es offenbar auch im Arbeitshaus zum Aufstand gekommen. Während der revolutionären Märztage in Berlin, bei denen bei Barrikadenkämpfen rund 300 Aufständische ums Leben kamen, rückte auch das Arbeitshaus am Alexanderplatz in den Fokus der erregten Volksmenge. Nach einem Sturm auf den »Ochsenkopf« und dem Ausbruch zahlreicher Insassen regte sich vor allem in den Wochen und Monaten danach unter den »Häuslingen« verstärkt 9 Rudolf Leubuscher, Ärztlicher Bericht über das Arbeitshaus im Jahre 1851, nebst Bemerkungen über die Einrichtungen desselben, in: Deutsche Klinik. Zeitung für Beobachtungen aus deutschen Kliniken und Krankenhäusern 4, Nr. 8 (1852), S. 87-91, hier bes. S. 90f. 10 Vgl. dazu: Sachße/Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge, Bd. 1, S. 248. 11 Vgl. dazu: Hachtmann, »… mißverstandene politische Freiheit«, S. 68-72. 12 Ebd. 13 Ebd., S. 66.

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Obdachlose im Berliner Arbeitshaus »Ochsenkopf«, 1857

Widerstand gegen die Bedingungen der Unterbringung und allgemeinen Zustände vor Ort.14 Doch selbst dieser Aufruhr führte letztlich keine unmittelbare Verbesserung der Verhältnisse im Arbeitshaus herbei.15 Der literarisch tätige Arzt Max Ring (1817–1901), der damals einige volkstümliche Beschreibungen des Lebens in Berlin verfasst hat, skizziert im Jahr 1857 die Eindrücke seines Besuchs im Arbeitshaus am Alexanderplatz und zeichnet dabei ein bedrückendes Bild.16 Demnach handele es sich hier um einen »Kehrichtwinkel, wo der Ausschuß, das Gerümpel, der Schmutz, die Armuth und das unverschuldete Elend sich zusammenfinden« würden. Weiterhin berichtet er von den bedrücken14 Ebd., S. 72-78. 15 Zur späteren Einrichtung des Arbeitshauses vgl.: Gustav Rasch, Die dunkeln Häuser Berlins, Berlin 1861, S. 1-36; Gustav Rasch, Berlin bei Nacht, Berlin 1871, S. 129-141. 16 Zu den folgenden Ausführungen vgl.: Max Ring, Das Berliner Arbeitshaus, in: Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt, Nr. 34 (1857), S. 464-467.

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den Lebensumständen der Menschen und den teils schlimmen Bedingungen in den verschiedenen Abteilungen. Von Selbstmord, Arbeits- und Prügelstrafe sowie dem Leid einiger sterbenskranker Menschen ist dabei die Rede: »Nicht der Tod, sondern das Leben unter solchen Verhältnissen ist das Schrecklichste«. Einerseits begrüßt er zwar die Tatsache, dass »kleine Herumtreiber oder obdachlose Kinder« mit dem Anfertigen von Zigarrenkisten oder einem Schulunterricht hier auf ein arbeitsames und geregeltes Leben vorbereitet würden. Darüber hinaus würde sich das Arbeitshaus durch eine »musterhafte Ordnung und Reinlichkeit« auszeichnen. Andererseits kritisiert er, dass so viele unterschiedliche Gruppen von Menschen im »Ochsenkopf« untergebracht seien und bedauert vor allen Dingen die Obdachlosigkeit vieler Familien, die hier in ihrer größten Not Unterkunft nehmen müssten. Meist hätten diese durch Kündigungen der Vermieter ihre Wohnung verloren und würden nun vor allem wegen zu hoher Mieten oder aufgrund einer großen Zahl an Kindern schwerlich ein neues Domizil finden. Die kritische Lage auf dem Wohnungsmarkt sollte in den kommenden Jahrzehnten weiter äußerst angespannt bleiben. Vor allem in den Jahren zwischen 1869 und 1872 offenbarte sich ein akuter Mangel an kleinen günstigen Wohnungen, sodass in den statistischen Erhebungen für Berlin von 1869 sogar explizit 500 obdachlose Familien erfasst wurden.17 Eine öffentliche Fürsorge für Obdachlose gab es damals im eigentlichen Sinne nicht. In solchen Fällen war das alte Arbeitshaus am Alexanderplatz noch immer für die meisten Menschen die letzte Anlaufstation, wie es ein zeitgenössischer Bericht nahelegt: »Ich hatte das Unglück, für meine Familie am 1. Okt. keine Wohnung erhalten zu können und mußte deshalb ihre vorläufige Aufnahme im sogenannten ›Ochsenkopf‹ zulassen. (…) Dort bot sich mir nun ein Bild des Jammers und Elends, daß mich Staunen und Entsetzen überkam bei dem Gedanken: hier soll Deine Familie wohnen, das ist das Unterkommen, wofür die Väter der Stadt gesorgt haben (…)! Man denke sich einen geräumigen Saal mit einem ziemlich großen Brettertisch als einziges Meublement, dann 70 bis 80 Stand Betten, bestehend aus Strohsack und wollener Decke. Mit diesem ›Comfort‹ ausgestattet, dient ein solcher Saal einer Anzahl von 70 bis 80 Frauen, Kindern und Säuglingen als Wohn-, Schlaf- und Speisezimmer. Welche Luft hier herrscht, vermag ich nicht zu schildern. (…) Möchten sich die Behörden doch einmal dort hin bemühen, um mit eigenen Augen dieses Bild der Entsittlichung und Entwürdigung der Menschheit zu sehen, die Schamröthe müßte sie überkommen.«18 17 Vgl. dazu: Geist/Kürvers, Das Berliner Mietshaus, Bd. 2: 1862–1945, S. 120f. 18 F. Gläser, Einsendungen von Arbeitern. Die Obdachlosen im Berliner »Ochsenkopf«. (Aus Berlin), in: Neuer Social-Demokrat, Nr. 66, 1. Dezember 1871.

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Die Baracken von Obdachlosen in Berlin, 1872

Die Wohnungsnot und Obdachlosigkeit zahlreicher Familien entwickelte sich in jener Zeit zunehmend zu einem gravierenden Problem in der Stadt und rückte verstärkt ins öffentliche Interesse.19 Da auch ganzen Familien im Falle von Ob­ dach­losigkeit als einzige Notunterkunft der Stadt die Räume des Arbeitshauses mit den unwürdigen Zuständen offen standen, begannen viele Menschen sich selbst zu helfen. So entstand unter anderem vor dem Kottbusser Tor eine große Barackensiedlung, wo sich mehrere Familien im Sommer 1872 notgedrungen häuslich eingerichtet hatten. Wiederum war es Max Ring, der die Lage vor Ort in seinem »Besuch in Barackia«20 eindrücklich zusammenfasste und die Notwendigkeit für den Bau günstiger Wohnungen in der Stadt betonte. Hierbei erfuhr der Leser, dass sich nahe der Hasenheide, im Süden der Stadt, mehrere einfache Hütten befanden, in denen sich über die Zeit offenbar mehr als 70 Familien niedergelassen hatten. Dem Bericht 19 Th. Coßmann, Berliner Wohnungsnoth, in: Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen, Nr. 4 (1872), S. 57f.; E. Hosang, Die berliner Wohnungsnoth, in: Über Land und Meer. Allgemeine Illustrirte Zeitung, Nr. 46 (1872), S. 11 u. S. 14. Vgl. auch: G. Assmann, Die Wohnungsnoth in Berlin, in: Zeitschrift für Bauwesen 23, Heft III-V (1873), Sp. 111-130. 20 Zu den folgenden Ausführungen vgl.: Max Ring, Ein Besuch in Barackia. Berliner Lebensbild, in: Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt, Nr. 28 (1872), S. 458-461.

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zufolge zeichnete sich diese Kolonie besonders durch eine ganz eigene Ordnung und Organisation aus. Außerdem wurde bei der Beschreibung dieser Ansiedlung ein idyllisches, fast romantisches Bild gezeichnet. Der ironische Unterton des Autors vermittelte allerdings, dass es sich für die Menschen eben nicht um eine einfache oder gar komfortable Situation gehandelt hat. Deshalb sei es dringend notwendig, der Wohnungsnot in Berlin Abhilfe zu schaffen und endlich ein zweckmäßiges Asyl für obdachlose Familien einzurichten, so das Fazit des Artikels. Weitere provisorische Siedlungen dieser Art waren zur selben Zeit auch noch vor anderen Toren der Stadt aufgeschlagen worden. Alternativ hatten sich mehrere Familien in ihrer Not in leerstehenden Rohbauten oder Abrisshäusern einquartiert, um einer Obdachlosigkeit zu entgehen.21 Daran zeigt sich deutlich, dass die Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt damals dramatisch gewesen sein muss und die Unzufriedenheit darüber in der Stadt stetig zunahm. Die wachsende Entrüstung und aufgestaute Wut der Berliner Bevölkerung über die Zustände auf dem städtischen Wohnungsmarkt offenbarten sich exemplarisch an der Kündigung eines Mieters in der Blumenstraße östlich des Alexanderplatzes.22 Dieser war mit seiner Familie aus der Wohnung geworfen worden, was in der Nachbarschaft Protest und Widerstand auslöste. Beinahe zeitgleich wurden zudem ganz in der Nähe die Baracken mehrerer Familien von Polizei und Feuerwehr auf Befehl niedergerissen, was die Empörung und den Unwillen der Menschen in der Umgebung weiter befördert haben dürfte. Infolge dieser Geschehnisse kam es im Sommer 1872 über einige Tage in der umliegenden Nachbarschaft der Blumenstraße zu gewaltsamen Protesten und Auseinandersetzungen mit der Polizei, an der sich zwischenzeitlich einige tausend Menschen beteiligt haben sollen. Die Situation eskalierte derart, dass es in jenen Sommertagen zu zahlreichen Festnahmen kam, in deren Folge mehrere Angeklagte zu harten Strafen wegen Landfriedensbruchs verurteilt wurden. Der Unmut und Widerstand der Bevölkerung gegen die Exmission des Mieters in der Blumenstraße, den Abriss der Baracken vor dem Frankfurter Tor sowie der rigide Umgang mit dem Protest gingen als »Blumenstraßenkrawall« in die Geschichte ein.23 Diese Ereignisse machten deutlich, welch soziale Sprengkraft Wohnungsnot und drohende Obdachlosigkeit in der Stadt entwickeln konnten. Trotzdem 21 Vgl. dazu: Statistisches Bureau der Stadt Berlin (Hg.), Berlin und seine Entwickelung. Städtisches Jahrbuch für Volkswirthschaft und Statistik 6 (1872), S. 248-251, hier S. 249. 22 Zu den folgenden Ausführungen über die Geschehnisse in der Blumenstraße vgl.: Geist/Kürvers, Das Berliner Mietshaus, Bd. 2: 1862–1945, S. 114-120. 23 Vgl. dazu: Eduard Bernstein, Die Geschichte der Berliner Arbeiter-Bewegung. Ein Kapitel zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, Erster Teil: Vom Jahre 1848 bis zum Erlaß des Sozialistengesetzes, Berlin 1907, S. 257-261.

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wurden kurze Zeit darauf weitere Baracken vor dem Landsberger Tor abgerissen. Die Familien, die nun wieder ohne Dach über dem Kopf waren, wurden wie in früheren Zeiten an das Arbeitshaus am Alexanderplatz verwiesen.24 Bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein gab es in Berlin neben dem berüchtigten städtischen Arbeitshaus »Ochsenkopf« von kommunaler Seite keine eigenen Unterkünfte für obdachlose Menschen. Erst mit der Anlage eines neuen großen Arbeitshauses Ende der 1870er Jahre südöstlich des Stadtgebietes am Rummelsburger See ging die Stadtverwaltung dazu über, die Unterbringung sukzessive zu differenzieren und einzelne Abteilungen der früheren Anstalt wie die Räumlichkeiten zur Aufnahme von obdachlosen Familien und alleinstehenden Obdach­ losen anderweitig unterzubringen.

24 Vgl. dazu: Die Berliner Baracken, in: Neuer Social-Demokrat, Nr. 100, 30. August 1872.

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Die ersten Asyle für Obdachlose in Berlin

Bevor sich die städtische Armendirektion von Berlin endlich dem massenhaften Phänomen der Obdachlosigkeit annahm, engagierte sich auf diesem Gebiet der Fürsorge allerdings eine private Initiative bürgerlicher Kreise. Mit der Gründung des »Berliner Asyl-Vereins für Obdachlose« wurde bereits im Herbst des Jahres 1868 die Notwendigkeit zur Schaffung von Unterkünften für obdachlose Menschen in der Stadt explizit benannt und von Vereinsseite mit aller Konsequenz angegangen. Zu den prominenten Mitgliedern des Vereins gehörten zahlreiche Vertreter des Berliner Bürgertums wie der Bankier Gustav Thölde (1819–1910), der bis zu seinem Tod den Vorsitz des Vereins inne hatte, der Kaufmann und sozialdemokratische Politiker Paul Singer (1844–1911) und auch der Arzt und Professor für Medizin an der Berliner Universität Rudolf Virchow (1821–1902). In einem ersten Aufruf »An die Einwohner Berlins!« wurde die Intention zur Gründung des Vereins formuliert: »Viel Elend und viel Noth bedarf der Hilfe in unserer großen Stadt. Aber kaum giebt es ein schreienderes Uebel, als das, zu dessen Heilung wir unsere Mitbürger hierdurch auffordern. Wir meinen das Elend der Unglücklichen, die nicht wissen, wo sie Nachts ihr Haupt hinlegen – wir meinen die Obdachlosen, für welche bis jetzt nur Polizeigewahrsam und Arbeitshaus existieren – und unter den Obdachlosen meinen wir zunächst die Frauen und Mädchen. Mag, was darunter verbrecherisch und lasterhaft, dahin kommen, wohin Verbrechen und Laster gehören; mag aber die unverschuldete Noth davor bewahrt werden, mit der Gemeinschaft, in die man sie bringt, dem Verbrechen und Laster zu verfallen.«1 Demnach sei es das zentrale Anliegen des Vereins, von nun an anständige Unterkünfte für obdachlose Menschen einzurichten und die Betroffenen von hier aus möglichst rasch in Arbeit zu vermitteln, damit sie wieder selbstständig für ihr Auskommen sorgen könnten. Im Gegensatz zu den einzigen bestehenden kommunalen Einrichtungen in der Stadt wie dem Polizeigewahrsam oder dem Arbeitshaus, wo die Obdachlosen von Kriminalisierung bedroht waren und Angaben zu ihrer Person machen mussten, betonte man in der Arbeit des »Asyl-Vereins für Obdachlose« von 1 Zit. nach: William Spindler, Das Asyl für Obdachlose zu Berlin. Ein Vortrag gehalten am 29. October 1869, Berlin 1870, S. 7.

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Beginn an die Anonymität der Aufnahme suchenden Personen.2 Ihnen sollte eine Unterkunft für die Nacht und bedingungslose Hilfe angeboten werden, ohne sie per se wegen ihrer Obdachlosigkeit zu kriminalisieren. Daher waren polizeiliche Kon­ trollen in den Einrichtungen des Vereins auch von Beginn an ausdrücklich untersagt. Daraufhin konnten schon im Januar 1869 die ersten provisorischen Räume für obdachlose Frauen, Mädchen und Kleinkinder in einem gemieteten Gebäude an der Wilhelm-, Ecke Dorotheenstraße unweit der Spree eröffnet werden.3 Bis zu fünf Nächte pro Monat durften Frauen und Kinder hier in der Regel um Aufnahme ersuchen.4 Allein im ersten Jahr der Vereinstätigkeit konnten so schon weit über 12.000 Personen untergebracht werden, darunter mehr als 2.000 Kinder.5 Bereits ein Jahr später wurde ein neues Asyl für obdachlose Frauen in einem eigens dafür errichteten Gebäude in der Füsilierstraße nahe des Alexanderplatzes eröffnet.6 Die hierdurch frei gewordenen Räume im vorherigen Provisorium wurden nun für die Aufnahme obdachloser Männer bereit gestellt, bis im Jahr 1873 von Vereinsseite auch ein eigenes Männerasyl in der Büschingstraße unweit des Friedrichshains eröffnet werden konnte.7 In beiden Einrichtungen wurden den Obdachlosen neben der Bereitstellung eines Schlafplatzes morgens und abends einfache Mahlzeiten gereicht. Darüber hinaus waren eigene Bade- und Waschgelegenheiten zur Körperpflege eingerich2 Vgl. dazu: Ebd., S. 12-19. 3 Ausführlich zur frühen Geschichte und Organisation der Vereinstätigkeit sowie der Einrichtung der ersten Unterkünfte vgl.: Friedrich Horn, Das Asyl für Obdachlose in Berlin, in: Der Arbeiterfreund. Zeitschrift des Centralvereins in Preußen für das Wohl der arbeitenden Klassen 7 (1869), S. 241-264; Hans Wohlgemuth, Das Asyl für Obdachlose in Berlin, in: SonntagsBlatt für Jedermann aus dem Volke, Nr. 28, 11. Juli 1869, S. 220ff.; H. S., Das Asyl für obdachlose Frauen und Mädchen in Berlin, in: Illustrirte Zeitung, Nr. 1341, 13. März 1869, S. 185f.; Berliner Asyl-Verein für Obdachlose (Hg.), Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose, Berlin 1882, hier bes. S. 5-26; Berliner Asyl-Verein für Obdachlose (Hg.), Festschrift des Berliner Asylvereins für Obdachlose aus Anlass seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens, Berlin 1893. 4 Spindler, Das Asyl für Obdachlose zu Berlin, S. 18. 5 Ebd., S. 25. 6 Zur Einrichtung des neuen Asyls für obdachlose Frauen und Mädchen vgl.: Das neue Asyl für obdachlose Frauen und Mädchen in Berlin, Füsilier-Straße, in: Baugewerks-Zeitung. Zeitschrift für praktisches Bauwesen, Nr. 52 (1870), S. 421f. Vgl. auch: Deutsches Bauhandbuch, Bd. 2: Baukunde des Architekten, Zweiter Halbband, Berlin 1884, S. 461f. Eher volkstümliche Darstellungen: Max Ring, Ein Abend im Asyl für Obdachlose, in: Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt, Nr. 4 (1870), S. 54-56. Lucius Mummius, Ein Besuch im berliner Asyl für Obdachlose, in: Illustrirte Volkszeitung. Zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie, Nr. 6 (1874), S. 138f.; E. Dely, Im Frauen-Asyl für Obdachlose in Berlin, in: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit 2, Heft 6 (1895), S. 353-356. 7 Zur Einrichtung des Asyls für obdachlose Männer vgl.: Gustav Schubert, Berliner Bilder. Das Asyl für Obdachlose, in: Illustrirte Zeitung, Nr. 2177, 21. März 1885, S. 279 u. S. 281; Hermann Heiberg, Asyl für Obdachlose in Berlin, in: Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt, Nr. 49 (1887), S. 813 u. S. 820.

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tet worden. Ansonsten war die Reinigung der Kleidung und Wäsche hier ebenso gewährleistet wie eine medizinische Grundversorgung und eventuelle Vermittlung einer Arbeitsstelle. Nach den gravierenden Problemen auf dem Berliner Wohnungsmarkt und den teils dramatischen Folgen in den frühen 1870er Jahren änderte sich schließlich auch die städtische Politik auf diesem Gebiet der Fürsorge. So wurde im Jahr 1877 in der Friedenstraße am Rande des Friedrichshains ein erstes städtisches »Asyl für Obdachlose« eingerichtet.8 Allerdings handelte es sich hierbei nur um vier einfache Holzbaracken, die sich bereits vorher auf dem Grundstück befunden hatten und nun provisorisch als Unterkünfte für alleinstehende Obdachlose umgenutzt wurden. Ursprünglich waren diese als Teil einer nebenan liegenden Krankenanstalt in der Palisadenstraße wohl während einer der letzten großen Pockenepidemien in Deutschland Anfang der 1870er Jahre kurzfristig zur notdürftigen Unterbringung von Pockenkranken aufgestellt worden.9 Allein in Berlin verstarben damals weit mehr als 6.000 Menschen an den Folgen dieser schweren Infektionskrankheit; in ganz Deutschland forderten die Pocken zwischen 1870 und 1873 insgesamt sogar rund 180.000 Opfer.10 Nach dem Ende dieser verheerenden Epidemie und der Eröffnung des ersten eigenen städtischen Krankenhauses im Friedrichshain im Jahr 1874 wurden diese Baracken wohl nicht mehr als Krankensäle genutzt und erfuhren einige Jahre später eine Umnutzung zur Unterbringung von alleinstehenden Obdachlosen für die Nacht. Nach der Errichtung des neuen Arbeitshauses 1879 am Rummelsburger See diente das Grundstück zwischen Palisaden- und Friedenstraße auch noch zur Aufnahme von obdachlosen Familien.11 Während diese aber anscheinend in einem festen Gebäude der alten Pockenanstalt in der Palisadenstraße untergebracht waren, fanden alleinstehende Obdachlose weiterhin Aufnahme in den zur Friedenstraße gelegenen Holzbaracken.12 Allerdings zeichnete sich früh ab, dass gerade die Unterkünfte für 8 Vgl. dazu: Virchow (Hg.), Die Anstalten der Stadt Berlin, S. 207. 9 Vgl. dazu: Schreiben »An das Königliche Polizei-Präsidium, III. (Bau)Abtheilung« vom 8. Mai 1871, in: LAB A Rep. 010-02, Nr. 4891; Virchow (Hg.), Die Anstalten der Stadt Berlin, S. 103f. 10 Vgl. dazu: Kaiserliches Gesundheitsamt (Hg.), Beiträge zur Beurtheilung des Nutzens der Pockenschutzimpfung nebst Mittheilungen über Maßregeln zur Beschaffung untadeliger Tierlymphe, Berlin 1888, S. 170; Bundesgesundheitsamt (Hg.), Gutachten des Bundesgesundheitsamtes über die Durchführung des Impfgesetzes unter Berücksichtigung der bisherigen Erfahrungen und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse (= Abhandlungen aus dem Bundesgesundheitsamt, Heft 2), Berlin 1959, S. 2. 11 Vgl. dazu: Virchow (Hg.), Die Anstalten der Stadt Berlin, S. 79 u. S. 207. 12 Vgl. dazu: Ebd.; Berichterstattung über die Vorlage, betreffend die Unterbringung obdachloser Familien in dem Krankenhause Pallisadenstraße 59/60, 13. Februar 1879, in: LAB A Rep. 000-0201, Nr. 1388.

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alleinstehende Obdachlose in keiner Weise den baulichen und sozialen Anforderungen an eine solche Einrichtung entsprachen. Zudem äußerte sich schon nach kurzer Zeit Protest gegen die Anlage eines Obdachs in dieser Gegend. Einige Anwohner forderten zum Beispiel durch die Eingabe einer Petition bei der Berliner Stadtverwaltung entschieden die Verlegung »nach einem (…) entlegeneren Stadttheile«.13 Da sich viele Obdachlose bereits vor der Öffnung des Asyls in den Eingängen der umliegenden Häuser aufhalten würden und daher des Öfteren polizeiliche Hilfe hinzugezogen werden müsse, sei es dringend notwendig, diese Einrichtung in eine andere Gegend zu verlegen, so die Argumentation.14 Darüber hinaus war der Magistrat im Sommer 1883 vonseiten des Polizeipräsidiums dringend ersucht worden, wegen der hohen Feuergefahr und anderer baulicher Mängel für eine baldige Beseitigung des Asyls an dieser Stelle Sorge zu tragen.15 Offenbar waren ohne Genehmigung einige Feuerstellen zu Wasch- und Kochzwecken sowie ein Ofen zur Desinfektion von Kleidungsstücken aufgestellt worden, die nicht den Baubestimmungen entsprachen.16 Insbesondere die katastrophalen Zustände in den provisorischen Holzbaracken dürften aber Anlass zur Klage gegeben haben, wie ein zeitgenössischer Bericht nahelegt. Beim Betreten einer dieser Baracken beschrieb der Autor seine ersten Eindrücke wie folgt: »War’s Wirklichkeit, war’s Traum, das sich den Augen bot? Ich stand dem grausigsten Elend gegenüber, das aus jedem Winkel der Baracke grinsend hervorschaute. (…) Wie ich die Anzahl von Menschen sah, die hier im Asyl eng aneinandergepfercht sich am Boden wälzten oder stehend den Morgen erwarteten, (…) wußte [ich] nicht, wohin ich mich wenden sollte.«17 Die Eindrücke, die er hier gewann, weckten bei ihm die Erinnerung an die Darstellung eines Schlachtfelds mit zahlreichen Toten und Verletzten, so die Fortsetzung seiner beklemmenden Schilderung. Schockiert von seinen Erlebnissen beschloss er, hier nicht wie geplant die Nacht zu verbringen. Beim Verlassen der Unterkunft schätzte er die Zahl der Obdachlosen auf etwa 200 Personen, die sich in je einer der vier Baracken aufhielten. Ähnlich schockiert äußerte sich ein anderer Autor über die untragbaren Verhältnisse: »Ich habe in der Nacht das städtische Asyl, das in der Friedenstraße liegt und 13 Vgl. dazu: Schreiben »An die hochedlen Stadtverordneten hiesiger Königl. Haupt- und Residenzstadt« vom 8. Januar 1881, in: LAB A Rep. 000-02-01, Nr. 1388. 14 Ebd. 15 Schreiben »An den Magistrat hiesiger Königlicher Haupt- und Residenzstadt« vom 27. August 1883, in: LAB A Rep. 010-02, Nr. 4891. 16 Schreiben »An den Magistrat hiesiger Königlicher Haupt- und Residenzstadt« vom 6. September 1883, in: LAB A Rep. 010-02, Nr. 4891. 17 Hans R. Fischer, Unter den Armen und Elenden Berlins. Streifzüge durch die Tiefen der Weltstadt, Berlin 1887, S. 11f.

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die ›Palme‹ genannt wird – die ›Friedenspalme‹, grausame Ironie – besucht, und ich muß sagen, es ist der furchtbarste menschliche Aufenthalt, den ich je gesehen habe. Es sind da einige Baracken, die wohl früher zu Lazarettzwecken gedient haben (…). Dieses hölzerne Lager ist das einzige, was die Stadt ihnen giebt; kein Kissen, keine Decke, nicht einmal das bißchen Spreu, das dem elenden Vieh gestreut wird, ist da.«18 Demzufolge fand der künftig im Volksmund für das städtische Obdach geläufige Name »Palme« bereits für die provisorischen Baracken des ersten kommunalen Asyls für Obdachlose Verwendung. Aufgrund der historischen Fotografie einer großen Topfpalme im Aufnahmeraum des Neubaus an der Prenzlauer Allee liegt zwar die Vermutung nahe, dass die kuriose Namensgebung auf dieses Motiv zurückzuführen sein könnte.19 Allerdings erscheint die Präsenz einer solchen Pflanze in den baufälligen hölzernen Baracken in der Friedenstraße wenig plausibel. Vielmehr mutet die spätere Aufstellung einer Topfpalme im städtischen Obdach wie ein zynisches Zitat auf die frühere Namensgebung an, deren Ursprung wahrscheinlich eher in der originalen Bezeichnung als »Friedenspalme« zu suchen ist und in direktem Zusammenhang mit dem Straßennamen am ehemaligen Standort entstanden zu sein scheint. Der Überlieferung nach gilt die Palme besonders in der christlichen Ikonographie seit jeher als Symbol des Friedens aber auch des Sieges.20 Palmenzweige wurden demnach bereits in der Antike als Schmuck von Grabstätten verwendet, um im christlichen Sinne symbolisch auf die Überwindung des Todes und das ewige Leben zu verweisen.21 Folglich läge die »grausame Ironie«, auf die der Schriftsteller und Journalist Paul Lindau (1839–1919) in seinem Bericht verwiesen hat, darin, dass das frühere städtische Obdach in der Friedenstraße im übertragenen Sinne als Grabstätte bzw. die Holzbaracken gar als riesige Särge charakterisiert wurden. Somit wäre die kuriose Namensgebung ursprünglich auf die äußerst schwierigen Lebensumstände der Menschen sowie die unwürdigen Bedingungen der Unterbringung vor

18 Paul Lindau, Im Fluge. Gelegentliche Aufzeichnungen: Berliner Stadtreisen. Aus der Berliner Verbrecherwelt, Leipzig 1886, S. 31. 19 Das Bild des Aufnahmeraums mit einer großen Topfpalme findet sich in einem historischen Fotoalbum aus dem städtischen Obdach. Dieses Album wird als Dauerleihgabe im Museum Europäischer Kulturen, Berlin aufbewahrt. 20 Zur Symbolik der Palme in der christlichen Ikonographie vgl.: Lucia Impelluso, Die Natur und ihre Symbole. Pflanzen, Tiere und Fabelwesen (= Bildlexikon der Kunst, Bd. 7), Berlin 2005, S. 25-31; Hildegard Kretschmer, Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008, S. 311f. 21 Ebd.

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