Skip to main content

Weltwissen für Kinder (Leseprobe)

Page 1

In Kooperation mit

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD -ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © edition q im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2020 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Nele Robitzky, Berlin Umschlag: Manja Hellpap, Berlin Satz: typegerecht berlin Schriften: Georgia, Franklin Gothic Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-86124-738-8 www.bebraverlag.de

WeltwissenfürKinder.indb 4

07.02.20 19:07


Vorwort W

as ist ein ökologischer Fußabdruck? Und was hat er damit zu tun, wie viele Insekten bei uns herumfliegen? Wer war Alexander von Humboldt? Wieso ist es fürs Klima wichtig, dass Mädchen zur Schule gehen? Und was haben Kinder eigentlich für Rechte? Wenn man einmal anfängt, Fragen zu stellen, kommen immer weitere nach. Es gibt so viel zu wissen! Um sich die Welt zu erschließen, könnt ihr in der Schule aufpassen, im Internet surfen, Dokumentarfilme schauen, Zeitung lesen oder in Büchern wie diesem nach den Antworten suchen. Als der Tagesspiegel im September 2000 den Kinderspiegel an den Start brachte, wussten wir nicht genau, wie sich die Sache entwickeln würde. Wir wussten nur: Wir wollen richtigen Journalismus für Kinder machen – mit Reportagen, Berichten, Interviews, Kritiken, Kommentaren. Uns war klar, dass die Seiten cool aussehen und die Texte unterhaltsam und spannend geschrieben sein mussten. Wir legten uns ins Zeug, und viele Kolleg*innen in der Redaktion machten mit. 2003 bekamen wir Verstärkung. Als die Berliner Humboldt Universität zum ersten Mal Vorlesungen für Kinder veranstaltete, schickten wir unser erstes sechsköpfiges Kinderreporterteam ins Rennen. Dafür gab es damals noch kein Vorbild. Wir dachten: Lass die Kinder mal schreiben, irgendwas werden wir schon daraus machen, wir sind ja Profis. Doch wir hatten unsere neun- bis zwölfjährigen Kinderreporter*innen vollkommen unterschätzt. Was wir von ihnen bekamen,

waren Texte von Expert*innen für die eigene Zielgruppe. Ist doch logisch – kein Erwachsener kann so gut einschätzen, was bei Kindern ankommt, wie Kinder selbst! Auch mit der Hilfe unserer Kinderreporter*innen entstehen Jahr für Jahr Artikel zu Themen, die so unterschiedlich sind wie die große weite Welt. Der Krake als eins der klügsten Tiere ist uns so wichtig wie der Philosoph Karl Marx, der die Weltgeschichte mit seinen Ideen nachhaltig beeinflusst hat. Wir finden die Geschichte von Henri, dem Jungen mit Downsyndrom, so spannend wie das, was unsere Kinderreporter*innen über Freundschaft zu sagen haben oder unser 15-jähriger Schülerpraktikant über die Schrammen, die er sich beim American-Football-Training holt. Seit etwa 2015 schreiben wir viel mehr über Politik und Umwelt als früher, denn die Zeiten sind stürmischer geworden. Der Kinderspiegel vertritt die Ansicht, dass die Natur geschützt werden muss und dass alle Menschen gleich sind, egal welche Hautfarbe, Religion, ob Junge oder Mädchen, arm oder reich. Um das umsetzen zu können, muss man es schaffen, möglichst ohne Vorurteile aufeinander zuzugehen. Und dabei hilft es, so viel wie möglich übereinander und über die Welt wissen. Auf den folgenden Seiten findet ihr ausgewählte Artikel, die diese Idee unterstützen − Weltwissen für Kinder. Wir sind sehr stolz darauf, dass ihr nun das erste Kinderspiegel-Buch in den Händen halten könnt und wünschen viel Freude beim Lesen! SUSANNA NIEDER REDAKTEURIN DES KINDERSPIEGELS

VORWORT

WeltwissenfürKinder.indb 5

5

07.02.20 19:07


r e ß o r g n Riese

k c u r d b Fußa

6

WeltwissenfürKinder.indb 6

RIESENGROSSER FUSSABDRUCK

07.02.20 19:07


Stellt euch ein Stück Erde vor, das jedem zusteht, um auf seine Art zu leben. Wir Deutschen brauchen viel zu viel.

S

teaks sind lecker, Autos bequem, und Urlaub am Mittelmeer ist noch toller als eine Wanne voll heißem Schaumbad. Nicht zu vergessen der Computer, der wie das Smartphone immer eingeschaltet bleibt. Und nach spätestens zwei Jahren gibt’s einen neuen.

Nur haben all diese schönen Dinge den Nachteil, dass sie sehr viel Energie verbrauchen. Die steckt beim Auto beispielsweise im Kraftstoff (also im Benzin oder im Diesel), der im Motor zu Kohlendioxid verbrannt wird. Im Chemieunterricht werdet ihr die chemische Bezeichnung lernen: CO₂. Aus einer Tankfüllung von 60 Litern Kraftstoff werden rund 150 Kilo CO₂.

Wegen des CO₂, das dabei entsteht, gehört Autofahren zu den Dingen, die dem Klima schaden. Beim Flugzeug ist der Schaden noch größer, weil das CO₂ in großer Höhe stärker wirkt. Was Kohlendioxid bewirkt, könnt ihr im Kasten auf der nächsten Seite nachlesen.

Der Autoverkehr schadet unserem Klima

In Wirklichkeit sind es eher 200 Kilo, weil der Sprit schon eine lange Reise hinter sich hat, die ihn vom Ölbohrloch in Arabien oder Russland per Schiff oder Druckleitung zur Raffinerie führte. Dort wurde aus dem Öl Benzin oder Diesel gemacht, das per Zug und per Lastwagen zur Tankstelle gebracht wurde.

RIESENGROSSER FUSSABDRUCK

WeltwissenfürKinder.indb 7

7

07.02.20 19:07


Ökologischer Fußabdruck Um zu beschreiben, wie viel CO₂ jeder Mensch verursacht, hat man sich das Bild des ökologischen Fußabdrucks ausgedacht. Ökologie ist die Lehre von der Umwelt. Den Fußab-

Wir Menschen produzieren viel zu viel

Müll

druck könnt ihr euch vorstellen als das Stück Erde, das jeder braucht, um auf seine Art zu leben. Wer oft Auto fährt und mit dem Flugzeug fliegt, verbraucht viel Energie, die aus Kohle, Öl oder Gas gewonnen wird. Damit hinterlässt er einen großen Fußabdruck. Auch, wer viel Müll verursacht, also zum Beispiel oft für ein einziges Getränk Plastikflaschen oder Einwegbecher kauft und wegschmeißt. Auch viel shoppen macht den Fußabdruck größer. Für ein T-Shirt muss Baumwolle angebaut und gewässert werden, für ein Smartphone müssen besondere Metalle aus Bergwerken gegraben oder mit großem Energieeinsatz geschmolzen werden. Wenn alle Menschen so leben würden wie in Deutschland oder den USA, wäre die Erde viel zu klein.

Was bewirkt Kohlendioxid? Je mehr Kohlendioxid oder CO2 in der Luft ist, desto stärker kann die Sonne die Erde erwärmen. Das CO2 bleibt nämlich in der Atmosphäre hängen, die unseren Planeten wie eine Hülle umgibt. Es wirkt wie die Glasscheiben in einem Treibhaus: Wenn die Sonne durchscheint, wird es darunter heiß. Deshalb spricht man vom Treibhauseffekt und von Treibhausgas. Bäume wandeln Kohlendioxid in Sauerstoff um, den alle Lebewesen zum Atmen brauchen. Deshalb ist es sehr wichtig, Bäume zu pflanzen und vor allem keine

8

WeltwissenfürKinder.indb 8

Wälder abzuholzen. Sie sind für das Klima dringend notwendig. Wenn die Erde sich weiter erwärmt, hat das unabsehbare Folgen. Wüsten breiten sich aus, es gibt mehr Unwetter, Gletscher schmelzen, das Wasser in den Meeren dehnt sich aus und lässt zusammen mit dem Schmelzwasser die Meeresspiegel steigen. Das heißt, es gibt Überschwemmungen, ganze Inseln sind schon jetzt gefährdet. Wenn wir nicht weniger umweltschädliche Gase in die Luft pusten, werden sie versinken.

RIESENGROSSER FUSSABDRUCK

07.02.20 19:07


Und was hat das mit dem Steak zu tun?

Was man für das Klima tun kann

Sehr viel: Damit wir Fleisch essen können, müssen erst mal Tiere gefüttert worden sein – mit Pflanzen, die auf Feldern wachsen, auf denen ebenso gut Getreide oder Gemüse für Menschen hätte angebaut werden können.

Die größte CO2-Bombe der meisten Deutschen ist allerdings die Wohnungsheizung. Von den etwa zehn Tonnen CO2, die ein Deutscher im Jahr verursacht, macht die Heizung etwa zwei Tonnen aus, manchmal noch mehr. Man kann den Energieverbrauch aber stark beeinflussen. Durch gekippte Fenster im Winter verzieht sich zum Beispiel viel mehr Wärme nach draußen, als wenn man immer mal kurz und kräftig lüftet.

Oder noch schlimmer: auf Feldern, für die Regenwald abgeholzt wurde, obwohl der ein super CO₂-Speicher ist. Das passiert beispielsweise in Südamerika, wo große Rinderherden gezüchtet werden. Die brauchen besonders viel Platz und Grünfutter – und pupsen oft, wobei Methan in die Luft gelangt. Das ist ein noch viel stärkeres Treibhausgas als CO₂. Dann muss das Fleisch nach Deutschland gebracht werden: tiefgekühlt (Strom!) per Schiff (Öl!) und vom Hafen mit Lastwagen (Diesel!) zum Supermarkt. Auch deshalb sind die Autobahnen so voll mit Lastwagen: Fleisch aus Amerika, Erdbeeren aus Spanien, Fisch aus Norwegen. Und die Plastikverpackungen, in denen all das steckt, sind auch aus Erdöl hergestellt.

Ein weiterer großer Posten ist der Stromverbrauch. Auch hier könnt ihr viel machen – indem ihr den Computer und alle anderen Geräte ausschaltet, wenn sie nicht gebraucht werden. Eure Eltern können auch Ökostrom mit Gütesiegel bestellen. Der kostet kaum mehr als Strom aus Kohle und Gas, verursacht aber fast kein CO2. Das lohnt sich also richtig. So, wie es sich auch lohnt, zu überlegen, wie man sich bewegt und wofür man sein Geld ausgibt. Mit dem Rad zur Schule statt im Auto der Eltern? Ist gesund und bringt dem Klima viel! Öfter mal auf Fleisch verzichten? Lohnt sich sehr! Im Sommer an die Ostsee statt ans Mittelmeer? Schont das Klima enorm! Das Handy so lange benutzen, wie es funktioniert? Sehr vernünftig! Und das ist deshalb sogar cooler, als ständig was Neues zu kaufen – auf Kosten der Erde, die unter unserem großen Fußabdruck ächzt.

Unter www.fussabdruck.de könnt ihr euren eigenen ökologischen Fußabdruck testen.

RIESENGROSSER FUSSABDRUCK

WeltwissenfürKinder.indb 9

STEFAN JACOBS

9

07.02.20 19:07


e t u e h t s i r i M » « n e h c a r D h c a so n reichsten ine der erfolg e t is e k n u F lso Cornelia nnen. Es ist a ri to u a h c u rb e d aden deutschen Kin Schreibblock t: g a s ie s s s da it kein Wunder, ck, 12, hat m u tr ie P a ik n n A n de gibt es nicht! ndere spanne a le e vi h c o n d ihr geredet un n Dinge erfahre Cornelia Funke, woher kommen die Ideen für Ihre Bücher? Guck dich mal um. Was ist mit dem Plastikpapagei? Was wäre, wenn in diesem Blumenkasten winzige Kreaturen leben würden, über die man schreiben könnte? Es gibt so viele Geschichten in der Welt, dass ich davon vielleicht ein Prozent schreiben kann. Das ist fast so, als würdest du dir vorstellen, auf dem Schreibtisch stünden Hunderttausende von kleinen Figuren, die dir alle ihre Geschichte zuschreien, und du musst entscheiden, welche davon du erzählst.

Also holen Sie sich die Geschichten aus Ihrer Umgebung? Ja. Geschichten kommen von außen. Aber die Werkzeuge, die du benutzt, um sie zu schreiben, die kommen von dir. Das heißt, ich fahre meine Antennen hoch, und je älter ich werde, desto mehr Sender empfange ich. Ich bin jetzt wahrscheinlich so auf 120 Sendern, deswegen weiß ich kaum noch, welchen ich anstellen soll.

Sie schreiben in kurzer Zeit mehrere Bücher. Kommen Sie da nicht durcheinander? Nein, das Wunderbare ist ja, ich schreibe die Bücher erst mal mit der Hand. Das heißt, ich führe für jedes Buch Notizbücher, pro Buch werden es ungefähr 20. Dafür habe ich in meiner Schreibscheune einen langen Arbeitstisch mit fünf Abteilungen, und in jeder Abteilung liegt ein Projekt.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus? Wenn ich morgens in die Scheune komme, frage ich mich: Was will ich heute machen? Das ist ungefähr so, wie wenn du dir morgens überlegst, was du essen willst. An manchen Tagen sage ich: Ich arbeite zwar gerade an »Reckless«, aber mir ist heute mehr nach Drachen.

10

WeltwissenfürKinder.indb 10

»MIR IST HEU T E SO NACH DR ACHEN«

07.02.20 19:07


Cornelia Funke und Reporterin Annika Pie truck

Verändern sich die Charaktere einer Geschichte in Ihrer Vorstellung? Die verändern sich alle. Immer öfter zeichne ich die Figuren erst mal, ich bin ja auch die Illustratorin. Sehr oft gucke ich mir Fotos von vor 150 Jahren an. Während ich anfange, die Figur zu zeichnen, verändert sich das Gesicht schon.

Klingt spannend, das probiere ich auch! Wenn du eine Geschichte schreibst, guck dir mal Fotos an und frag dich: Wer sieht am ehesten wie mein Typ aus? Du wirst sofort merken, dass die Figur dann größer wird, weil ein Menschengesicht dir so viel erzählt. Aber nimm kein berühmtes Gesicht. Nimm eins, von dem du nicht weißt, was es bedeutet.

Stimmt es, dass Sie weitere Verfilmungen Ihrer Bücher untersagt haben? Es gibt viele kleine Projekte, die ich erlaube. Aber ich bin sehr vorsichtig mit »Reckless«, weil ich daran noch arbeite. Und bei »Tintenherz« habe ich gesehen, wie viel in einem Film geändert wird.

Manchmal nimmt einem der Film ja auch die eigene Fantasie. Ich glaube nicht, dass das passieren muss. Meine Tochter liebt die Harry-Potter-Bücher und auch die Filme. Ich hab sie mal gefragt, ob der Film die Bilder ausgelöscht hat, die sie beim Lesen hatte, und sie sagte Nein.

Aber vielleicht hat man sich ja die Figuren anders vorgestellt? Die dürft ihr euch weiter anders vorstellen.

»MIR IST HEU T E SO NACH DR ACHEN«

WeltwissenfürKinder.indb 11

11

07.02.20 19:07


Wenn ich mir den Film anschaue, bevor ich das Buch lese, habe ich die Figuren schon im Kopf. Das stimmt natürlich. Wobei ich es manchmal auch gut finde, erst den Film zu gucken und dann das Buch zu lesen. Weil das Buch länger ist, fängt es dann an, seine eigenen Bilder zu machen. Ich glaube, Bücher sind so mächtig, dass Filme sie nicht löschen.

Sie haben doch bestimmt auch manchmal Schreibblockaden, oder? Nein, die gibt es nicht, das ist ein Märchen. Das ist so, wie zu sagen, die Erde sei flach! Das stimmt überhaupt nicht! Was passieren kann, ist, dass du ins Labyrinth deiner Geschichten gehst und die geschriebene Geschichte sich vor dir versteckt. Das heißt, du läufst in die Hecke. Aber jetzt weißt du, die Geschichte hat dich ausgetrickst. Also gehst du wieder dahin zurück, wo du deinen Weg verloren hast, und suchst einen neuen. Wenn du merkst, deine Geschichte macht die Tür zu oder sagt: So geht’s jetzt nicht weiter, solltest du eigentlich aufgeregt werden, weil du dann den Geheimnissen etwas näherkommst.

Wie kommt man der Geschichte dann am besten wieder auf die Spur? Setz dich einen Moment lang ganz still in die Ecke oder geh spazieren und frag dich: Wo habe ich zuletzt das Gefühl gehabt, die Geschichte geht leicht voran? Oder: Was habe ich nicht gesehen? Habe ich vielleicht eine Figur falsch eingeschätzt? Du wirst dich wundern, was da kommt! Es kann sein, dass dir klar wird: Mein Gott, da hat sich noch eine Figur versteckt, die ich gar nicht habe vorkommen lassen.

Wie kommt es, dass Sie sich in Malibu, wo Sie jetzt leben, nie einsam fühlen? Bei mir ist es nicht so, dass ich immer nur Menschen als Gesellschaft haben möchte. Oft sitze ich abends allein auf meiner Terrasse, höre den Eulen und den Falken zu, höre die Kaninchen, die sich über meine Kräuter hermachen, habe meine beiden Hunde Jake und Tabby neben mir, die anfangen zu heulen, wenn sie Kojoten hören. Da bist du wirklich nicht einsam.

Was hat Sie dazu gebracht, in die USA zu ziehen? Ich war vor vielen Jahren mit meinen Kindern und meinem Mann zur größten amerikanischen Buchmesse in Los Angeles eingeladen. Wir haben in einem Hotel am Strand gewohnt und uns alle in die Stadt verliebt. Danach sagten meine Kinder dauernd: »Wann fahren wir wieder nach Los Angeles?« Wir sind oft hergekommen und schließlich hergezogen.

12

WeltwissenfürKinder.indb 12

»MIR IST HEU T E SO NACH DR ACHEN«

07.02.20 19:07


Hat sich das Leben in den USA verändert, seit Donald Trump regiert? Ja. Wir können es uns alle nicht mehr leisten, uns nicht für Politik zu interessieren. Wir haben gelernt: Demokratie kriegst du nicht in den Schoß gelegt, dafür müssen wir alle was tun.

Können Amerikaner und Deutsche trotz Trump noch Freunde sein? Weißt du, in Deutschland und Europa gibt es im Moment genauso viele schlimme Sachen, auch wenn sie vielleicht nicht Donald Trump heißen. Es geht um die Freundschaft zwischen Menschen. Ich glaube, in Deutschland und Amerika schlagen wir uns gerade mit denselben Problemen herum.

Wenn Sie die Chance hätten, Trump zu treffen, was würden Sie ihm empfehlen? Ich glaube nicht, dass man alle Menschen überzeugen kann, so zu denken wie man selber. Und ich glaube ganz bestimmt, dass viele Leute versucht haben, Mister Trump davon zu überzeugen, sich anders zu verhalten, und das vergebens getan haben.

Würden Sie eine Demonstration unterstützen? Ja, natürlich, und ich habe auch schon ganz viel getan. Man muss klarmachen, dass die Welt nicht wegguckt. Das ist in Europa genauso wichtig. Wenn die Rechtsradikalen hier etwas machen, dann müsst ihr alle deutlich zeigen: Das wird gesehen, und wir sind dagegen. Wenn wir schweigen, dann riskieren wir, dass grausame Dinge passieren. Wir Deutschen wissen besser als viele andere Völker, wie ernst es dann werden kann.

Bekannte Bücher von Cornelia Funke: TINTENHERZ, Dressler Verlag, ab elf Jahren In den »Tintenwelt«-Bänden wandern die Charaktere zwischen ihrer eigenen und der Welt der Bücher. Spannend, aber oft grausam. Cornelia Funkes erfolgreichstes Kinderbuch gibt es neu mit Illustrationen von Max Meinzold. HERR DER DIEBE, Dressler Verlag, ab zehn Jahren DIE FEDER EINES GREIFS, Dressler Verlag, ab zehn Jahren DRACHENREITER, Dressler Verlag, ab zehn Jahren

»MIR IST HEU T E SO NACH DR ACHEN«

WeltwissenfürKinder.indb 13

13

07.02.20 19:07


! t i e b r A e i d An erzählen, Sieben Leute n Beruf lieben warum sie ihre

Michael Kempf, Sternekoch im Restaurant »Facil« in Berlin

Der Koch Ich habe als Kind jeden Sonntag in der Küche gestanden und Kuchen oder Torten gebacken, manchmal ganz alleine. Damals hat es mich auch begeistert, die Gerichte abzuschmecken, wenn wir mit der Familie ins Restaurant gegangen sind. In der Realschule war Kochen dann ein wichtiger Teil des Unterrichts. Da habe ich angefangen, auf vorgewärmten Tellern anzurichten und nicht, wie vorgeschrieben, in Schüsseln »aufzutischen«. Während der Schulzeit machte ich in einigen Restaurants Praktika in der Küche und fand so meinen späteren Ausbildungsplatz. Dort habe ich die Liebe zu diesem Beruf entdeckt. Für mich war es sehr wichtig, dass der Küchenchef mich gefördert hat. Man braucht als junger Mensch einen Mentor und einen Partner, der sich wirklich kümmert und an einen glaubt. Mein Traum nach der Ausbildung war, mir eines Tages eigene Gerichte auszudenken und selbst einen Michelin-Stern zu erkämpfen, die wichtigste Auszeichnung für Köche.

14

WeltwissenfürKinder.indb 14

AN DIE ARBEIT!

07.02.20 19:07


Christin Wanke, Maßschneidermeisterin

Die Schneidermeisterin Einen besseren Beruf als Schneiderin konnte ich mir nie vorstellen. Ich hatte als Kind nie das an, was ich wollte, da habe ich mir selber Sachen gemacht, zum Beispiel ein goldenes Oberteil. Im Schülerpraktikum in der 9. Klasse haben sie mir gesagt: »Den Schneiderberuf gibt’s nicht mehr.« Ich habe trotzdem eine Lehrstelle gefunden und mit 16 Jahren angefangen. Dieser Beruf lässt einen nicht mehr los, weil jedes Kleidungsstück wie ein neues Rätsel ist, das gelöst werden muss. Mittlerweile bin ich Maßschneidermeisterin. Ich mag meinen Beruf, weil ich abends immer etwas in der Hand halte und sehe, was geklappt hat und was nicht. Die Menschen freuen sich, wenn sie endlich die Kleider bekommen, die sie haben wollen. Und es wird immer besser, weil ich immer mehr kann. Ich arbeite sieben Tage die Woche, und es fällt mir nicht auf, weil es solchen Spaß macht!

AN DIE ARBEIT!

WeltwissenfürKinder.indb 15

15

07.02.20 19:07


Knut Weber, Cellist bei den Berliner Philharmonikern

Der Cellist Wenn man von Beruf Musiker werden möchte, muss man das normalerweise sehr früh entscheiden. Denn mit Musik Geld zu verdienen bedeutet auch, dass man sein Instrument viele, viele Jahre gelernt haben muss. Ich habe schon mit sechs Jahren begonnen, Cello spielen zu lernen, dachte aber nie, dass ich das später zu meinem Beruf machen würde. Erst kurz vor meinem Schulabschluss wurde mir klar, dass ich kaum mehr Zeit gehabt hätte, auf meinem Cello zu spielen, wenn ich ein anderes Studium gewählt hätte. Ab da wusste ich, dass es mein größter Wunsch ist, Cellist zu werden. Als ich in einem Jugendorchester zum ersten Mal erlebt habe, wie toll Orchestermusik klingen kann, konnte ich mir sehr gut vorstellen, das mein ganzes Leben zu machen. Dass ich dann in einem der berühmtesten Orchester der Welt landen würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen. Das Schönste an meinem Beruf sind die Konzerte. Besonders spannend ist es, Konzerte in fremden Ländern zu geben. Manchmal sind die Leute im Publikum von der Schönheit der Stücke und des Klangs so überrascht, dass sie anfangen zu weinen.

16

WeltwissenfürKinder.indb 16

07.02.20 19:07


Hanneke Schönhals, Winzerin aus Biebelnheim in Rheinhessen

Die Winzerin Ich bin Winzerin geworden, weil ich gerne an der frischen Luft bin, weil es Spaß macht, etwas Gutes herzustellen und weil auf einem kleinen Weingut alle mit anpacken – Freunde, Familie, Mitarbeiter und sogar Kunden. Unsere Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Draußen im Feld lese ich Trauben und fahre Traktor, drinnen arbeite ich im Weinkeller. Es gehört auch zum Beruf, sich um die Website zu kümmern, Briefe zu schreiben und unsere Weine zu verkaufen. Als Winzerin kann ich mit meinem Vater zusammenarbeiten und mit ihm Mittagspause machen, das gefällt mir. Und wir tun mit ökologischem Weinbau etwas Gutes für die Umwelt. Die Arbeit ist körperlich so anstrengend, dass ich abends total k.o. bin, das hatte ich mir nicht so vorgestellt. Dafür kann ich so viel essen, wie ich will, und nehme nie zu! Und abends schlafe ich immer zufrieden ein. Was mir besonders gefällt, sind die schönen, großen Feste, die wir auf unserem Weingut feiern. Nur wenn ein Kunde mal zu viel trinkt und ich unfreundlich werden muss, gefällt mir das nicht. Aber das kommt zum Glück nur selten vor.

AN DIE ARBEIT!

WeltwissenfürKinder.indb 17

17

07.02.20 19:07


Cosima und Dirk Butenandt, Tierärzte mit eigener Klinik in Rosenheim in Bayern

Die Tierärzte Als Kinder hatten wir oft den Eindruck, dass uns nur das geliebte Haustier wirklich versteht, der Rest der Welt war oft verwirrend. Die Treue des Tiers gab uns Sicherheit. Wir wollten beide schon immer Tierärzte werden. Außerdem sind wir sehr gerne draußen in der Natur. Auch die landwirtschaftlichen Nutztiere hatten es in unserer Kindheit noch ganz gut, Kühe auf der Weide im Sommer waren damals völlig normal. Das Leben als Tierarzt sieht schon anders aus. Wir sind mittlerweile fast nur noch drinnen. Glücklicherweise arbeiten wir im Kleintierbereich, sodass die meisten Tiere zu uns kommen, damit ihnen geholfen wird. Bei den Nutztieren, also bei Kühen, Schweinen, Hühnern, sieht es leider anders aus. Hier steht vor allem der Nutzen für den Menschen im Vordergrund. In unserem Beruf ist es auch normal, nachts zu arbeiten oder dann, wenn die meisten Menschen frei haben wie an Weihnachten. Manchmal hätten wir dann auch gerne eine Pause. Wir finden aber trotz hin und wieder sehr anstrengender Zeiten, dass wir einen schönen Beruf haben. Uns ist zumindest noch nie langweilig geworden.

18

WeltwissenfürKinder.indb 18

AN DIE ARBEIT!

07.02.20 19:07


Monika Aurich, Deutschlehrerin am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Berlin

Die Lehrerin Ich war eine unmögliche Schülerin. Ich war unaufmerksam, habe geschwänzt, gequatscht und mich über die Lehrer lustig gemacht. Im Schulchor bin ich mal vor der Aufführung rausgeflogen. So jemanden wie mich hätte ich nicht unterrichten wollen, deshalb wollte ich selbst nie diesen Beruf ergreifen. Ich habe Deutsch und Politik studiert und wollte Journalistin werden. Aber dann habe ich ein Praktikum an einer Schule in Kreuzberg gemacht. Ich stand vor einer 8. Klasse und hatte solchen Spaß! Die Lehrerin sagte zu mir: Sie können das. Und dann bin ich doch Lehrerin geworden. Ich habe meine Entscheidung nie bereut, es macht mir immer noch Spaß, mit jungen Menschen zu reden, ihre Ideen zu hören, sie für etwas zu begeistern und ihre Aufmerksamkeit auf Kleinigkeiten zu lenken. Diese Arbeit wird wirklich nie langweilig, weil alle Schüler so unterschiedlich sind und immer etwas Neues kommt. Mittlerweile bilde ich sogar selbst Lehrer aus.

AN DIE ARBEIT!

WeltwissenfürKinder.indb 19

19

07.02.20 19:07


Forschen r e u e t n e b A s al e 1769 in umboldt wurd H n vo r e d n a er Alex r er war, was e W . n re o b e g senBerlin-Tegel ihr diesen Wis m ru a w d n u t r gemacht ha erfahrt ihr hie t, te ll o s n e n n schaftler ke

I

n Berlin gibt es die Humboldt Universität, mehrere Humboldt-Schulen, den Humboldthain, ein Museum namens Humboldt Forum.

Wer waren diese Humboldts? Sie hießen Wilhelm und Alexander und wurden 1767 und 1769 in Berlin-Tegel geboren. Als Kind hielt man Alexander für wenig begabt, weil er nicht so schnell dasselbe lernen konnte wie sein zwei Jahre älterer Bruder. Da hatten sich die Lehrer aber gründlich verschätzt. Während Wilhelm dem preußischen König diente und dafür sorgte, dass die Menschen hier mehr und besser lernen konnten, bereiste Alexander fünf Jahre lang Süd- und Nordamerika, schrieb darüber viele Bücher und wurde der berühmteste und wichtigste Wissenschaftler seiner Zeit.

20

WeltwissenfürKinder.indb 20

In einem Zeitalter, in dem man noch mit Kutschen fuhr, kletterte er auf Vulkane wie den über 6000 Meter hohen Chimborazo in Ecuador in Südamerika und gab erst auf, wenn er auch auf allen Vieren nicht mehr weiterkam. Immer hatte er Messgeräte dabei und sammelte Pflanzen und Tiere, um sie zu erforschen. Im Kanu auf dem Fluss Orinoco in Venezuela wurde er fast von Insekten aufgefressen, aber er sammelte und arbeitete immer weiter. Später war Humboldt ständig in Europa unterwegs und unternahm noch mit 60 Jahren eine lange Reise durch Russland. Er verglich das, was er aus Südamerika kannte, mit anderen Orten und begriff als Erster, dass alles in der Welt zusammenhängt.

FORSCHEN ALS ABENTEUER

07.02.20 19:08


Wie besessen Von seinen Reisen kam Humboldt mit Kisten voller Gesteinsproben, kleinen Tieren, Pflanzen und Notizbüchern zurück.

oldt. Dieses Gemälde zeigt Alexander von Humb 1806 ch Weits g Geor Gemalt hat es Friedrich

Er war nicht nur ein Abenteurer, der immer wieder sein Leben riskierte, um die Welt zu erforschen. Er war auch ein Wissenschaftler, der sehr genau arbeitete. Seine riesigen Sammlungen beschrieb und zeichnete er ab, ordnete alles ein und brachte allein über seine Amerikareise 34 Bücher heraus. Er arbeitete so besessen, dass er wenig schlief, ständig experimentierte und sogar seinen Schreibtisch über und über vollkritzelte, wenn ihm das Papier ausging. Trotzdem verlor er nie den Überblick. Er konnte sich am Ende seines Lebens sogar noch genau an Dinge erinnern, die er Jahrzehnte früher gesehen hatte.

Aufzeichnungen aus Humboldts Forschungs-Tagebuch

FORSCHEN ALS ABENTEUER

WeltwissenfürKinder.indb 21

21

07.02.20 19:08


Die Dahlie gibt es dank Humboldt auch in Europa

Humboldt-Pinguine

Gegen Sklaverei und Unterdrückung Als Humboldt 1799 in Südamerika ankam, war einer seiner ersten Eindrücke ein Sklavenmarkt. Dort wurden junge Männer und Frauen verkauft, die man aus Afrika verschleppt hatte. Humboldt war entsetzt. Südamerika war 300 Jahre vorher von den spanischen Eroberern unterworfen worden, seither regierten sie dort mit harter Hand. Fast so wie Sklaven wurden die Ureinwohner behandelt. Sie mussten in Bergwerken und auf Farmen schuften und konnten sich kaum am Leben erhalten. Viele dachten früher, es gäbe verschiedene Sorten von Menschen, von denen manche weniger wert seien als andere. Humboldt dachte und schrieb viel fortschrittlicher. Alle Menschen, egal wie sie aussahen und wo sie herkamen, waren seiner Ansicht nach gleich und sollten frei leben dürfen. Doch frei waren damals die wenigsten Menschen auf der Welt. Auch Humboldt selbst musste später dem König von Preußen am Hof Gesellschaft leisten, weil er Geld brauchte.

22

WeltwissenfürKinder.indb 22

Nach Russland durfte er nur reisen, weil er versprach, nichts darüber zu schreiben, wie dort die Menschen behandelt wurden.

Wissen für alle Zu Humboldts Zeiten waren Bildung und Wissenschaft Männern aus reichen Familien vorbehalten. Doch Humboldt sorgte dafür, dass auch einfache Leute seine Bücher zu lesen bekamen. Seiner Ansicht nach musste ein Forscher die Natur auch mit dem Herzen sehen und sie mitreißend beschreiben. Das tat er! Zurück in Berlin, hielt er Vorträge an der Universität, die für alle gedacht waren. Er erzählte so spannend, dass es jedes Mal Menschenaufläufe und Verkehrsstaus gab, wenn er sprach. Ihm hörten Prinzen und Wissenschaftler, aber auch Dienstboten und Kutscher zu. Und die Hälfte seines Publikums waren Frauen, die damals noch lange nicht studieren oder wählen gehen durften. Humboldt war immer großzügig mit seinen Informationen. Er konnte wohl manchmal ziemlich fiese Bemerkungen über andere ma-

FORSCHEN ALS ABENTEUER

07.02.20 19:08


chen, aber eigentlich war er der geborene Teamarbeiter. Seine Reisen unternahm er immer mit anderen Forschern gemeinsam. Auch später kannte er unglaublich viele einflussreiche Menschen und brachte Wissenschaftler zusammen, damit sie sich austauschen konnten.

Für Natur und Klima Heute wissen wir, dass alles auf der Welt zusammenhängt. Weil wir mit Fabriken und Autos zu viel Dreck in die Luft pusten, erwärmt sich das Klima. Dadurch schmelzen Gletscher, Unwetter und Dürren entstehen, es gibt Überschwemmungen, weil der Meeresspiegel steigt. Vor 220 Jahren war Humboldt der Erste, der das Verhalten der Menschen mit dem Klima in Zusammenhang brachte, man könnte ihn den Großvater der Klimabewegung nennen. Er untersuchte zum Beispiel einen südamerikanischen See, der immer mehr Wasser ver-

lor. Humboldt fand heraus: Das kam daher, dass die Bäume außenherum abgeholzt worden waren, um Platz für Ackerbau zu schaffen. Baumwurzeln halten das Erdreich zusammen, in dem Wasser gespeichert wird. Bäume spenden Schatten und Kühle, Felder dagegen brauchen Wasser, das dann im See fehlt. Genau dasselbe Problem haben wir heute, wenn zum Beispiel in Brasilien immer mehr Regenwald zerstört wird, um Felder anzulegen. Dass das Klima auf der ganzen Welt zusammenhängt, hat Humboldt durch Klimamessungen auf seinen Reisen erkannt. Als er später nach Russland fuhr, sah er dort erste kleine Fabriken, aus deren Schornsteinen Dampf und Abgase quollen. 1829, also schon vor 190 Jahren, schrieb er: Abholzung, Bewässerung und Abgase verändern das Klima. An diesem Beispiel sieht man, wie stark Alexander von Humboldt mit seinen Erkenntnissen die Wissenschaft beeinflusst hat. SUSANNA NIEDER

Der Fluss Orinoco in Südamerika

FORSCHEN ALS ABENTEUER

WeltwissenfürKinder.indb 23

23

07.02.20 19:08


Besuch im Müritz Bärenwald occo, Hier können R andere Luna und 15 in der Bären fast wie . Sie haben Wildnis leben ter sich Schlimmes hin

Balou ist mit 2,20 Meter der größte Bär im Wald

W

er den Bärenwald Müritz in Mecklenburg-Vorpommern besucht, muss Geduld haben. Es ist ein bisschen so, wie in einem großen Wald spazieren zu gehen, in dem auch Bären wohnen. Nur dass hier überall hohe Zäune und viele Infotafeln stehen, auf denen man etwas über Braunbären erfahren

24

WeltwissenfürKinder.indb 24

kann. Im Bärenschutzzentrum am Plauer See sind die Gehege viel größer als in jedem Zoo. Nach neueren Vorschriften sollen Bären dort 500 Quadratmeter Platz haben, es werden aber auch viele auf zu kleinem Raum gehalten. Im Bärenwald teilen sich zwei bis drei Bären rund 5000 Quadratmeter. Das ist so

B E S U C H I M B Ä R E N WA L D M Ü R I T Z

07.02.20 19:08


Das ist Michal

Luna liebt Wasser

Die Bärin Sylvia wälzt sich gern in Sägespänen! Sie lebt mit ihrem Bruder Pavle im Park

B E S U C H I M B Ä R E N WA L D M Ü R I T Z

WeltwissenfürKinder.indb 25

25

07.02.20 19:08


Dushi genießt das schöne Wetter

Rocco lebte lange in einem Käfig. Im

Bärenwald kann er sein Leben genießen

viel wie ein Fußballfeld, nur dass es Hügel, Höhlen, Bäume und Teiche zum Baden gibt. Deshalb können sich die Bären gut beschäftigen und auch verstecken. Sie sind schließlich nicht hier, um sich anschauen zu lassen, sondern weil es ihnen in ihrem alten Zuhause so schlecht ging. Die Tierschützer von »Vier Pfoten« haben viele von ihnen gerettet. In Deutschland geben viele Zoos Bären inzwischen freiwillig an den Bärenwald Müritz ab. Aber in Ländern wie Bulgarien, Serbien, Rumänien und Russland gibt es immer noch Tiere, die als Tanzbären gehalten werden. Das ist ganz gemeine

26

WeltwissenfürKinder.indb 26

Tierquälerei! Die Bären werden gezwungen, sich aufzurichten und tanzähnliche Bewegungen zu machen, dafür müssen sie Nasenringe tragen. In verschiedenen Ländern wie Bulgarien, der Ukraine und Kosovo gibt es inzwischen auch Bärenwälder, in denen Tanzbären endlich ein gutes Leben führen können.

Das soll auch Rocco. In Albanien lebte er in einem winzigen, verrosteten Metallkäfig auf einem Betonboden. Ein Mann hielt ihn wie einen Hund als Haustier in seinem Garten. Erst, als ihm das zu teuer wurde, konnten die Tierschützer Rocco aus dem Käfig befreien. Schon nach seiner ersten Nacht im Bärenwald Müritz lief Rocco aufgeregt in seinem Gehege herum und nahm nach wenigen Minuten sein erstes Bad. Braunbären lieben Wasser und können gut schwimmen. Für die 17 Bären ist dieser Bärenwald die einzige Möglichkeit, nach ihrer Rettung ein gutes Leben zu führen, denn einfach so in einem

B E S U C H I M B Ä R E N WA L D M Ü R I T Z

07.02.20 19:08


Wald auswildern kann man sie nicht. Sie sind zu sehr an Menschen gewöhnt und haben ihre Scheu verloren, würden sich also nicht von Dörfern und Häusern fernhalten und auch nicht von Haustieren wie Ziegen und Schafen, die eine leichte Beute für sie sind. Das ist dann wieder gefährlich für die Bären, weil sich viele Menschen sehr vor den Raubtieren fürchten. Immer wieder werden Bären erschossen, weil sie Menschen zu nahe kommen. Es gibt in Europa einfach nicht mehr genug Platz für wilde Tiere. Daran sind die Menschen schuld, weil sie Wälder abholzen und sich auch in einsamen Gegenden ansiedeln. Eigentlich sind Braunbären Einzelgänger. Sie fressen vor allem Pflanzen wie Gräser, Nüsse, Pilze, Blätter und im Sommer und Herbst Beeren. Ein Bär bekommt im Bärenwald im Jahr 1400 Kilo Obst, 720 Kilo Gemüse, 660 Kilo Brot und Getreide und nur 240 Kilo Fleisch. Gefährlich sind Bären vor allem dann, wenn sie gereizt werden und nicht genug zu fressen finden. Im Bärenwald bekommen sie ihr Fressen nicht einfach in einem Trog serviert. Die Tierpfleger verstecken es überall im Gehege. Im Herbst buddeln sich auch Bären, die in Gefangenschaft geboren wurden, eine Höhle, in der sie Winterruhe halten können. Wenn es kalt wird, fressen sie sich eine Fettschicht an und ziehen sich in ihre Höhlen zurück, die sie erst im Frühling wieder verlassen. Die Bärin Luna hat vor ihrem ersten Winter im Park sogar zwei Höhlen gegraben. Sie war in einem Vergnügungspark in einem Käfig eingesperrt. Jetzt hat sie einiges aufzuholen.

Auf in den Bärenwald Vor gut 200 Jahren gab es wahrscheinlich auch im Bärenwald Müritz an der Mecklenburgischen Seenplatte frei lebende Braunbären. Damals lebten Bären überall auf der Welt. Heute gibt es noch etwa 200 000 Bären in freier Wildbahn, darunter sind auch die Grizzlybären in Nordamerika, die sehr groß und schwer werden können. In Europa leben die meisten Bären in Rumänien und Russland, in Österreich gibt es noch etwa 25 in den Alpen. Im Bärenwald kann man sie fast wie in der Wildnis beobachten, deshalb lohnt sich ein Ausflug. Der Bärenwald wird von der Tierschutzorganisation »Vier Pfoten« betrieben und finanziert sich durch Spenden und Eintrittsgelder. Infos: www.baerenwald-mueritz.de Adresse: Bärenwald Müritz, Am Bärenwald 1, 17209 Stuer

GRIT THÖNNISSEN

B E S U C H I M B Ä R E N WA L D M Ü R I T Z

WeltwissenfürKinder.indb 27

27

07.02.20 19:08


Die 68er

ndern. lt, sich zu verä e W ie d n n a g be entlich Vor 50 Jahren l weniger ord e vi r h e s d n u nter Sie wurde bu

a«

Der artige Heintje sang das Lied »Mam

Der unartige Jimi Hendrix schlug mit der Gitarre um sich

Wilde Kerle und sanfte Barden. Die Popmusik erobert die ganze Welt Heintje kam aus Holland und sang auf Deutsch. Lieder wie »Oma so lieb, Oma so nett« und »Mama« hörten viele Kinder und Omas gerne. Bei denen war die Welt noch in Ordnung! Viele Jugendliche wollten dagegen nicht mehr so lieb und so nett sein. Sie ließen sich die Haare wachsen, zogen sich extra bunt und schlampig an, rauchten verbotenes Zeug und hörten Popmusik, bei der ihren Eltern die Ohren rauchten. Jimi Hendrix zum Beispiel veranstaltete mit seiner E-Gitarre nicht nur einen Höllenlärm, er zertrümmerte auch gelegent-

28

WeltwissenfürKinder.indb 28

lich eine auf der Bühne. Einmal zündete er sogar eine Gitarre an. Die Band vor ihm hatte ihre schon zu Klump gehauen. Wilde Kerle waren das. Es gab aber auch Barden, die alte Lieder sangen oder neue schrieben und dazu sanft die Saiten zupften. Bands wie die Beatles machten Musik, die ihr bestimmt auch noch gerne hört. Ab jetzt war Popmusik überall.

Junge gegen Alte Der Krach hatte sich schon einige Zeit angekündigt. 23 Jahre nach dem Zweiten Welt-

DIE 68ER

07.02.20 19:08


e bewundert – und gehasst

Der Studentenführer Rudi Dutschke wurd

krieg wollten die Jungen von ihren Eltern ein paar Antworten haben. Damals war Deutschland noch in DDR im Osten und BRD im Westen aufgeteilt. Vor allem die Studierenden an den Universitäten der BRD wollten wissen: Wie konnte es passieren, dass die Deutschen die ganze Welt mit Krieg überzogen hatten? Was hatten Vater und Mutter dagegen getan – oder hatten sie etwa mitgemacht? Doch die Alten schwiegen oder schlugen mit harten Regeln zurück. Der Riss ging nicht nur durch die Familien, sondern durch die ganze Gesellschaft. Schon vor den Deutschen hatten die jungen Leute in den USA angefangen, gegen den Krieg zu protestieren, den ihr Land in Vietnam in Asien führte. Auch in Frankreich demonstrierten Studierende gegen die Regierung – ab 1968 war ziemlich was los auf den Straßen. Während der nächsten 20 Jahre gehörten

DIE 68ER

WeltwissenfürKinder.indb 29

Demonstrationszüge zum Alltag. Die Jungen forderten: Wir wollen Antworten auf unsere Fragen! Wir wollen mitreden! Weg mit den starren, strengen Regeln! Lasst uns gemeinsam bestimmen, wie wir leben wollen! Die Welt soll gerechter werden! Der Anführer der protestierenden westdeutschen Studierenden hieß Rudi Dutschke. Wenn man heute Aufnahmen seiner Reden hört, ist man platt, wie hart auch die jungen Leute damals klangen. Wie die Alten waren sie in einer harten Welt groß geworden. Viele ihrer Väter waren nicht aus dem Krieg zurückgekehrt oder kamen nicht damit zurecht, was sie dort erlebt und gemacht hatten. Die Welt hat sich 1968 verändert. Bis Alte und Junge wieder miteinander reden konnten, hat es noch Jahre gebraucht.

29

07.02.20 19:08


Das Stück »Maximilian Pfeifferling« vom Grips Theater mochte die Autorin, weil Kinder darin laut pfeifen durften

Dreckspatzen im Kinderladen 1968

Grips Theater Theater, in dem Kinder die Dinge selbst in die Hand nehmen und nicht immer brav sind? So etwas gab es vor 1968 nicht. Dann gründete Volker Ludwig in Berlin das Grips Theater, das so heißt, weil Kinder Grips haben und ihn anstrengen sollen – die Großen übrigens auch. Die Schauspieler, die hier die Kinder darstellten, pfiffen gellend, tanzten johlend über die Bühne und benahmen sich auch sonst nicht so, wie man es damals von Kindern erwartete. Zum Grips kamen weitere Theater dazu, in denen es um Kinder geht.

Berlin in zwei Hälften Vor 50 Jahren war auch Berlin durch die Mauer in einen West- und einen Ostteil getrennt. Der Ostteil war die Hauptstadt der DDR. Der Westteil lag wie eine eingeschlossene Insel mitten in der DDR. Er gehörte aber zur BRD, der westlichen Hälfte Deutschlands. Wer in der DDR lebte, durfte nicht einfach in den Westen reisen. Wenn die West-Berliner in die BRD wollten, mussten sie über bestimmte Autobahnen fahren, die »Transit« genannt wurden. Heute kann man sich das kaum noch vorstellen, aber für die Kinder von West-Berlin war es ganz normal, in einer eingeschlossenen Stadt zu leben. Längst nicht alle wohnten so nah an der Mauer wie die Kreuzberger Kinder auf dem Foto. Die meisten merkten es also nicht die ganze Zeit. Die brave Autorin mit großen Schwestern und Opa 1967

30

WeltwissenfürKinder.indb 30

DIE 68ER

07.02.20 19:08


So nah an den Häusern stand die Berliner Mauer an manchen Stellen

Als Kind konnte man 1968 auch in West-Berlin leben, ohne überhaupt mitzubekommen, was für Straßenschlachten sich Studierende und Polizisten am Kurfürstendamm lieferten. In Heiligensee oder Lichtenrade lief alles erst mal so weiter wie gewohnt. Aber Mädchen durften jetzt Hosen tragen – das war neu.

Kinder, haut aufs Blech! Bis vor 50 Jahren wurde von Kindern erwartet, dass sie den Mund halten und tun sollten, was man ihnen sagte. Wenn das nicht klappte, gab es Strafen, sogar Schläge. Ab 1968 probierten Erwachsene aus, wie man Kinder auch anders groß werden lassen kann. Viele junge Leute wohnten – ganz anders als ihre Eltern – mit Freunden zusammen. Sie gründeten Kinderläden, in denen die Kinder machen durften, was

DIE 68ER

WeltwissenfürKinder.indb 31

sie wollten. Sie mussten sich nicht waschen, nicht aufräumen und keine Regeln befolgen. Herrlich, aber auch ziemlich durcheinander und anstrengend für die Schwächeren. Später führten die Erwachsenen doch wieder Regeln ein. Es dauerte Jahre, bis die neuen Ideen im ganzen Land angekommen waren. Wer damals groß wurde, hatte altmodische und neumodische Lehrer. Nicht immer waren die altmodischen die schlechteren. Die Eltern versuchten entweder, besonders streng zu sein, oder es irgendwie besser zu machen als ihre eigenen Eltern. Das war oft nicht leicht. Heute geht es in Familien deutlich entspannter zu als damals. SUSANNA NIEDER

31

07.02.20 19:08


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Weltwissen für Kinder (Leseprobe) by BeBra Verlag - Issuu