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Hans-Jürgen Schmelzer, geboren 1938 in Frankfurt/Oder, wuchs zunächst in der Magdeburger Börde auf, später im Rheinland, wohin die Familie aus der DDR geflüchtet war. Er studierte Germanistik und Romanistik in Tübingen, Bordeaux und Bonn, arbeitete dann von 1968 bis 2000 als Lehrer im Höheren Lehramt. Von 1975 bis 1987 war er freier Mitarbeiter bei der Zeitung »Die Welt«.

Das Buch würdigt die enormen Leistungen der Menschen beim Wiederaufbau ihrer Heimat und erzählt von den mitunter tragischen Lebensgeschichten der Neusiedler, die die Oderbruchregion entscheidend mitgestalteten.

Von ihm sind zahlreiche Musikerund Schriftsteller-Biografien erschienen – so über Johannes Brahms, Theodor Fontane, Georg Friedrich Händel, Hermann Hesse, Friedrich Schiller und Heinrich von Kleist. Zuletzt erschienen »Meines Vaters Felder – Biografie einer Landwirtsfamilie im Oderbruch« sowie »Verlorene Felder – Stunde Null im Oderbruch 1945/46«.

ISBN 978-3-86124-733-3

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Verwaiste Felder

Hans-Jürgen Schmelzer erzählt in diesem Band anhand reichen Quellenmaterials vom Schicksal des Ortes Sachsendorf und seiner Bewohner nach 1945. Er spannt dabei einen erzählerischen Bogen von der Rückkehr der Menschen in ihr zerstörtes Dorf über die Jahre des Neuanfangs unter der kommunistischen Herrschaft bis in die heutige Zeit.

Hans-Jürgen Schmelzer

Hans-Jürgen Schmelzer

Verwaiste Felder Schicksale im Oderbruch nach 1945

Die Presse über Hans-Jürgen Schmelzers Bücher »Meines Vaters Felder« und »Verlorene Felder«:

»Dokumentarisch, aber dennoch bildhaft, informativ und spannend.« Preußische Allgemeine Zeitung »Ein glaubwürdiger Einblick in die Lebensbedingungen in der sowjetischen Besatzungszone, der Zeugnis ablegt über ein umstrittenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte. Erschütternd und spannend.« ekz Informationsdienst »Akribisch recherchiert, dicht an der Zeit und erfrischend sachlich beschreibt der Autor anschaulich, mit welchen Widrigkeiten die Menschen im Osten Deutschlands in den ersten Nachkriegsjahren zu kämpfen hatten.« Märkische LebensArt »Ein Stück Zeitgeschichte.« Märkische Oderzeitung »Ein humanes Buch, das dem Heute eine Art Legitimation liefert.« Deister- und Weser-Zeitung

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Hans-JĂźrgen Schmelzer

Verwaiste Felder Schicksale im ­Oderbruch nach 1945

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Meinen verstorbenen Geschwistern Angela von Bünau und Kurt Schmelzer posthum zugeeignet

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Inhalt

Vorwort 

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  1 Für immer fern der Heimat Von Oderbruch und Börde an den Rhein

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  2 Misstrauen und Misswirtschaft Briefwechsel mit einem Sachsendorfer

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  3 Im Westen Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies

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 4 Schicksalsjahre Von Not und Flut

47

  5 Ohne Glas und ohne Mörtel Wiederaufbau in Sachsendorf

54

  6 Vom Schwarzen Meer ins Oderbruch Dobrudschadeutsche Siedler

70

  7 Die Zwangskollektivierung Bauern und Siedler im »Arbeiter- und Bauernstaat«

87

  8 »Mach mit, Kamerad!« Jugend im Oderbruch

104

  9 Neue Zeiten? Jahre des Umbruchs

118

10 Ehe die Mauer fiel Sachsendorf vor der Wende

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11 Veränderte Feldflur Von planwirtschaftlicher Hybris

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12 Die Kinder von Golzow Ein Oderbruchdorf im Film

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13 Nach dem Mauerfall Sachsendorf und die Wende

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14 Zurück auf Vaters Felder? Hoffnungen nach der Wiedervereinigung

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15 Kriegsgefangener sucht Gutsbesitzer Französisches Zwischenspiel 

182

16 »Sie haben mein Elternhaus gekauft« Ein Gut wird verhökert

190

17 Vertane Chancen Das Nein des Europäischen Gerichtshofs

200

18 »Hier ruh’t mein Glück« Nachbarn, die zurückkehrten

207

19 Verklungen und verjährt Zerstobene Träume

217

20 Was aus ihnen geworden ist Die Kinder von Golzow als Bundesbürger

222

21 Abgehängt? Sachsendorf heute

228

22 In Vaters Elternhaus Besuch in Rathstock

237

23 Land der Biber und Nachtigallen Hoffnung für das Oderbruch?

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Anhang Anmerkungen257 Quellen und Literatur 264 Danksagung267 Der Autor 269

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»Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn.« Friedrich Schiller, Die Bürgschaft

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Vorwort

Dieser letzte Band meiner Sachsendorfer Oderbruchgeschichte, die sich hauptsächlich auf dem Grund und Boden abspielt, den meine Familie 1945 verloren hat, handelt von der Zeit nach der endgültigen Ausweisung des letzten Besitzers bis in unsere Tage. Es zählen dazu die vierzig Jahre kommunistischer Herrschaft sowie die Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung. Dass die von den Besatzern 1945 vorgenommene Bodenreform trotz ihrer Rechtswidrigkeit im Einigungsvertrag 1990 nicht aufgehoben wurde, traf uns ehemalige Besitzer zwar schmerzlich – zumal wir nicht beobachten konnten, dass sich dieses Versäumnis zu irgendeinem Vorteil für Land und Leute ausgewirkt hätte –, brachte aber nicht unsere Liebe zur alten Heimat zum Erlöschen. So freuen wir uns über jede günstige Entwicklung zwischen Dolgeliner Höhen und Reitweiner Sporn, die wir zum Nutzen der Bewohner feststellen können. Eher traurig ist es, wenn wir uns vom Gegenteil überzeugen müssen. Ein Großteil meiner Schilderungen ist den Leistungen und der Bewährung der Menschen beim Wiederaufbau von Sachsendorf und der Wiederurbarmachung der kriegsverwüsteten Felder gewidmet. Ebenso gilt mein Augenmerk den zahllosen Neuansiedlern von jenseits der Oder und vom Schwarzen Meer, für die das Oderbruch neue Heimat wurde. Wer vermag die Tragik zu ermessen, die diese Menschen spürten, als der sozialistische Staat ihnen mit der Zwangskollektivierung das durch jahrelange Entbehrung Erworbene wieder nahm! Wie viel Einsatz, wie viel Idealismus, wie viel Aufbruch und Begeisterung wurden auf diese Weise bestraft, ja im Keim für immer erstickt! Schon das ist wert, für alle Zeit festgehalten zu werden. Vorwort

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Da die zwangskollektivierten landwirtschaftlichen Betriebe die Größe von kleinen Landkreisen annahmen, in denen Orte wie Sachsendorf, Rathstock, Tucheband, Reitwein wie Brotbrocken in einer Kantinensuppe fast ganz verschwanden, begnügt sich meine Beschreibung nicht mit dem Gebiet Sachsendorf, Werder, Hathenow. Sie verfolgt ebenso Entwicklungen in Nachbarorten wie Rathstock, Reitwein, Friedersdorf, Alt-Madlitz, Wulkow, Sieversdorf … Die Darstellung steht mehr oder weniger stellvertretend für die Verhältnisse des gesamten Oderbruchs. Nicht die mitleidig-nachsichtige Formel »Menschen unter dem Sozialismus haben auch etwas aufgebaut« soll gelten, wohl aber: Trotz des sie knebelnden, sie in jeglicher Eigeninitiative behindernden, gesinnungsschnüffelnden Sozialismus haben die Deutschen jenseits der Elbe möglicherweise noch Bewundernswerteres geleistet als das, was Deutsche im Westen über Jahrzehnte in tiefstem Frieden, ohne Angst, ohne Entbehrung an Leistungen erbracht haben. Dafür verdienen nicht zuletzt meine Landsleute im Oderbruch hohe Anerkennung. Hans-Jürgen Schmelzer Hameln, im Mai 2019

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Vorwort

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1 Für immer fern der Heimat Von Oderbruch und Börde an den Rhein

Sachsendorf im September 1946. Hans-Adolf Schmelzer, der enteignete Gutsbesitzer, hat vor einigen Tagen sein Heimatdorf für immer verlassen. Der russische Kommandant war ins Dorf gekommen, hatte sich von Paul Böhme, dem Bürgermeister des Ortes, in Schmelzers Wohnung führen und diesem, weil er ihn nicht antraf, ausrichten lassen: »Muss fort! In andere Dorf.« So vernichtend diese Aufforderung den Abwesenden auch traf, konnte er vielleicht noch von Glück sagen, dass er nicht abgeholt, eingesperrt, zu Zwangsarbeit verschleppt wurde – ein Schicksal, das unzählige ehemalige Großgrundbesitzer zwischen Elbe und Oder teilten, die sich nicht rechtzeitig, noch ehe sie gewaltsam enteignet wurden, aus dem Staub gemacht hatten. Immerhin war die allgemeine Bodenreform schon ein Jahr lang in Kraft. Gutsbesitzern war es seitdem bei Strafe untersagt, in ihrem Betrieb und in ihrem Heimatdorf tätig zu sein. Anlass für das plötzliche Erscheinen des russischen Kommandanten waren die schlechten Ertragsergebnisse des Gutsbetriebs, dessen Wirtschaft von den verantwortlichen Leitern teils aus Unfähigkeit, teils aus Fahrlässigkeit buchstäblich gegen die Wand gefahren worden war. Die Gefahr lag in der Luft, dass Belegschaft des Guts und Dorfbewohner, eine bevorstehende Hungersnot befürchtend, Sturm laufen und nach dem alten Besitzer rufen würden, der als Einziger am Ort wirklich wusste, wie man mit dem heruntergewirtschafteten Unternehmen endlich wieder gute Ernten erzielen könnte. Hans-Adolf Schmelzer leistete der Aufforderung des Kommandanten Folge und reiste in die Magdeburger Börde zu seiner Familie, die im Dorf Schwaneberg auf dem Gut einer Kusine Unterschlupf gefunden hatte. Auch die Kusine war enteignet worden. Man hatte sie Von Oderbruch und Börde an den Rhein

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Hans-Adolf Schmelzer fährt übers Feld, Aufnahme aus den Dreißigerjahren

mit Sack und Pack in das völlig zerbombte Magdeburg verwiesen, wo sie wenig später gramgebeugt an einer Krebserkrankung starb. HansAdolf Schmelzer bewirbt sich in dem noch immer blühenden Schwaneberger Gutsbetrieb um eine Anstellung als Gespannführer, was ihm wegen seiner ehemaligen Parteizugehörigkeit zur NSDAP abgeschlagen wird. Gisela Schmelzer, seine Frau, vermerkt bitter in einem Brief an ihre in Bayern lebende jüngste Schwester: Na ja, zum Mistladen muss man in einem volkseigenen Betrieb natürlich würdig sein.1 Ungefährlich ist das untätige Herumsitzen für Hans-Adolf Schmelzer keinesfalls. Schon bald wird er für einige Wochen im Winter zur Demontage nach Magdeburg abkommandiert. Er kehrt mit hohem Fieber zurück. Gisela schreibt an ihre Schwester: Es ist nur so, dass Hans durch vier Monate russische Kriegsgefangenschaft gesundheitlich mehr heruntergekommen ist, als man erst dachte. Er ist recht steif – mehr als es sonst in seinem Alter (44) der Fall sein würde – und natürlich auch schlapper als normalerweise.2 12

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Anfang 1948 droht Hans eine erneute Abkommandierung. Sie hätte, wäre er ihr gefolgt, seinen sicheren Tod zur Folge gehabt. Das Ziel: Aue im Erzgebirge, Arbeitseinsatz im Uranbergbau. Es gelingt ihm, sich durch einen Amtsarzt, der eine Nierenerkrankung diagnostiziert, für die nächsten Wochen arbeitsunfähig schreiben zu lassen. Diese Frist nutzt er, um sich in die britische Besatzungszone abzusetzen. Freunde im Rheinland verschaffen ihm eine Hilfsarbeiterstelle in einer frisch gegründeten Fabrik für Stahlfenster. Da Hans-Adolf Schmelzer unter den zwei Dutzend Arbeitern als Einziger im Besitz eines Führerscheins ist, vertraut man ihm das Steuer eines schrottwürdigen Lieferwagens an, in dem er Zubehör wie Gummidichtungen, Beschlagteile und mehr für den Betrieb heranschaffen soll. So kam ich, vermerkt er in einem Lebensbericht, mehrmals in der Woche auf solchen Fahrten über Land und lernte die nähere und weitere Umgebung meines Wohnortes [Uerdingen am Niederrhein] kennen.3 Hans-Adolf Schmelzer ist noch immer mit ganzer Seele Landwirt. Seinem ehemaligen Sachsendorfer Kolonnenführer Paul Krüger, einst Arbeiter auf seinem Hof, berichtet er im Mai 1949: Mittlerweile ist es schon stark Frühjahr geworden. Hier ja eigentlich schon bald Sommer, sah man doch gestern schon die ersten roten reifen Kirschen auf dem Markt. Eine überreiche Blütezeit hatte dieses fruchtbare Land fast zu einem Märchenland gemacht. Das ist nun längst vorbei. Die Zweige biegen sich schon unter der Last des Fruchtbesatzes, die Rosen blühen, der Roggen steht dicht davor. Man mäht den ersten Rotklee. Die Kartoffeln decken völlig ihren Acker. Und die Rüben sind verzogen. Durch das hohe Gras der Koppeln können sich die unzähligen Kühe und Pferde, die darauf schon seit Wochen weiden, kaum durchfressen.4 Erinnerungen

Wie anders waren die Verhältnisse im rauen Klima der Heimat. HansAdolf Schmelzer erinnert sich mit Wehmut und vertraut sich seinem ehemaligen Vorarbeiter Krüger an: Wie viel schwerer war es doch da in unserer Heimat, dem Acker eine befriedigende Frucht abzuringen! Und wie schwer mag das heute sein, nachdem der Krieg auf dem Acker dort so viele Von Oderbruch und Börde an den Rhein

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Wunden gerissen hat. Können Siedler mit zwei Pferden das überhaupt bewältigen, wo Dampfpflug und Trecker schon ihre Not hatten? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Grübelte man doch schon damals immer, wie man die Bodenbearbeitung noch verbessern könnte.5 So gesehen, mochte man es als eine glückliche Fügung betrachten, dass sein stiller Traum, nach einer Missernte am Ende doch zum rettenden Verwalter des Guts Sachsendorf bestimmt zu werden, gescheitert war. Angesichts der Zerstörungen auf der Feldflur, den fehlenden Maschinen und Ackerfahrzeugen sowie der verschwindenden Anzahl von benötigtem Zugvieh (die wenigen Tiere, die zur Verfügung standen, waren ausgehungert) hätte Sachsendorf trotz umsichtiger Führung schwerlich die Erträge erzielen können, die die Besatzung als Ablieferungssoll forderte. Verfehlte Sollerfüllung machte den dafür Verantwortlichen unweigerlich zum Sündenbock. Er wanderte ins Gefängnis. Sachsendorf war wie das östlich benachbarte Rathstock in den letzten Kriegswochen Front gewesen, hatte ähnlich wie das Nachbardorf Podelzig an die achtmal zwischen Eroberern und Rückeroberern gewechselt. Die Hauptkampflinie war mitten durch den Ort hindurchgegangen. Einer der Frühheimkehrer, der dem mörderischen Kessel bei Halbe entkommen war, schrieb über die Rückkehr in sein Dorf: Es war der 7. Mai 1945, als wir unser Dorf wiedersahen. Schon von weitem fiel uns auf, dass der Kirchturm nicht mehr zu sehen war. Der Ort, wo ich meine Kindheit verlebte, bot einen Anblick, den ich nie vergessen werde. Anstelle der Höfe waren Trümmerhaufen, in denen zwischen eingestürzten und durchschossenen Mauern noch vereinzelt Balken qualmten. Der Kirchturm war wie abgerissen, seine Trümmer waren in das Kirchenschiff gestürzt, wo wir Weihnachten noch alle im Gottesdienst gewesen waren. Überall – in den Gärten, auf dem Kirchhof, in den Höfen – lagen Tote, manche waren auf der Straße von Panzern zerfahren, dazwischen Pferde mit aufgedunsenem Leib und zerschossene Fahrzeuge. Am Wegkreuz nach Alt-Zeschdorf stand ein ausgebrannter Panzer, in ihm eine verkohlte Leiche …6 Den ersten zurückgekehrten Sachsendorfern hatte sich ein ähnlich grauenvolles Bild geboten. 14

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Hans-Adolf Schmelzer mit seiner Frau im Einspänner, Anfang der Vierzigerjahre

Gisela Schmelzer, auf der Suche nach ihrem vermissten Mann, näherte sich am 3. August 1945 von den Dolgeliner Höhen dem ein halbes Jahr zuvor mit fünfzig Gespannen und 395 Menschen verlassenen Heimatdorf. Sie schrieb an ihre Schwester: Der Wind trieb die Distel- und Unkrautsamen von den überwucherten, brachliegenden Feldern über die Dolgeliner Chaussee, Reste von Geschützen und Panzern lagen im Feld, und Sachsendorf lag, ach so fremd, dort hinten. Die Kirchturmspitze, der Schornstein der Brennerei, die Zuckerfabrik waren nicht mehr zu sehen – Trümmer und Ruinen. Wenn man mir das auch erzählt hatte und ich mir keine Illusionen gemacht hatte, war die Wirklichkeit doch viel, viel schlimmer.7 Ihr Mann, den sie kurz darauf völlig unerwartet auf dem Gutshof wiedertraf – er war Tage zuvor aus der russischen Gefangenschaft entlassen worden –, zog Bilanz: achtzig Prozent der Bausubstanz total zerstört, zwanzig Prozent unbedingt reparaturbedürftig und, da kein Baumaterial vorhanden, gleichfalls verloren. Als er ein gutes Jahr später Sachsendorf endgültig den Rücken kehren musste, war noch nichts wiederaufgebaut. Von Oderbruch und Börde an den Rhein

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Die auf 350 Seelen geschrumpfte Bevölkerung fand er in gotterbärmlicher Lage. Zu zwei, drei Familien zusammengepfercht in notdürftig wind- und regendicht hergerichteten Kellerräumen, feucht und ohne Licht. Die Menschen zu Skeletten abgemagert. Wovon sollten sie leben? Das Gemüse in den Gärten von durchziehenden Truppen zertrampelt und verdorben. Aus geschrotetem Getreide hergestelltes feuchtes Brot, ein paar in den Mieten aufgelesene Kartoffeln waren die Tagesnahrung. Kein Fett, kein Fleisch. Die Bewohner, von den Besatzern vom Morgengrauen bis in die späte Dunkelheit zur Arbeit gepresst, erkrankten an Typhus, Diphtherie, Ruhr. Die Sterberate war so hoch wie in den zurückliegenden fünf Kriegsjahren nicht. Auch der mangels Kochsalz verbreitete Genuss roten Viehsalzes aus Beständen der Gutsschäferei wirkte sich gesundheitsschädlich aus. Sachsendorf nach dem Krieg

Hans-Adolf und Gisela Schmelzer verschafften sich einen Überblick über die Schäden. Betraten zunächst das Gelände, das ihnen einmal als Gutsgarten vertraut war: Es empfing sie eine Gespensterlandschaft. Kein einziger Baum unbeschädigt, die Kronen abgeschossen oder zu Tarnungszwecken abgehackt, der Rest durch Beschuss verstümmelt. Ehemalige Wege und Nutzflächen bis zur Unkenntlichkeit von mannshohem Kraut überwachsen. Passieren lebensgefährlich wegen des nicht auszumachenden Netzes von Laufgräben, Kampfunterständen, Schutzbunkern, Granattrichtern. Hans besah seine Ackerflur, die ihm nicht mehr gehörte, und notierte: Die Feldmark des Guts sieht nicht viel anders aus. Von den im Mai zurückgekehrten Leuten sind nur zehn Morgen Zuckerrüben und achtzig Morgen Kartoffeln bestellt. Die ganze übrige brachliegende Ackerfläche steht unvorstellbar dicht voll hohem, jetzt Samen tragendem Unkraut. Sie ist durch Artilleriestellungen, Bunkeranlagen, Lauf- und Splittergräben völlig zerwühlt und kreuz und quer dicht bei dicht durchzogen.8 Hans-Adolf Schmelzer musste feststellen, dass diese Anlagen ohne jede Rücksicht auf landwirtschaftliche Belange in den Boden getrieben worden waren und man durch den Aushub von Unterständen ganze Gräben zuge16

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schüttet hatte. Brücken und Übergänge lagen ausnahmslos zerstört im Wasser. Die Dränagerohre waren bei den Bodenarbeiten beschädigt worden, Granateinschläge, riesige Bombenkrater besiegelten das Schicksal dieser technischen Musteranlage. Ganze Schläge waren in Seen verwandelt, wassergefüllte Trichter in den Äckern betrugen bis zu sechzig Schritt Durchmesser. Große Areale waren noch immer vermint, mit Stacheldraht abgezäunt. Such- und Sprengkommandos gingen beim Versuch, die Gefahrenherde zu entfernen, in die Luft. Immer wieder verzeichnete man durch Minen zu Tode gekommene Menschen. Gräben und Felder übersät von fortgeworfenem, zerstörtem oder zerschossenem Kriegsgerät. Panzerwracks, russische wie deutsche, ragten wie Mahnmale in die Luft. Ein Kapitel für sich die Toten. Nachdem schon der größte Teil der gefallenen Soldaten gleich nach Kriegsschluss aufgesucht und beerdigt worden sein soll, liegen doch überall noch sehr viele kaum oder gar nicht mehr zu identifizierende tote Soldaten herum, die niemand mehr Zeit und Lust hat zu bestatten. Während für die gefallenen Russen im Dorf vor dem ehemaligen Försterhaus ein Begräbnisplatz eingerichtet werden musste, über dessen sorgsame Pflege die Russen wachen, sind die Deutschen da begraben worden, wo man sie aufgefunden hat. So finden sich an jedem Weg- und Grabenrand Grabstätten deutscher Soldaten, die nur in dem auf einem Holz hängenden Stahlhelm erkennbar sind.9 Dass Hans-Adolf Schmelzer als enteigneter, aus der Heimat zu verweisender Großgrundbesitzer über ein Jahr in seinem Dorf verblieb, ja sogar auf seinem ehemaligen Gutshof leben und in einem der zwei dort halbwegs intakt gebliebenen Gebäude eine beheizbare Bleibe finden konnte, während ein Großteil der Dorfbevölkerung in Ruinen vegetierte, will uns heute nahezu unglaublich erscheinen. Die Liebe und Dankbarkeit der Menschen, deren Arbeitgeber er gewesen war, muss in der Tat groß gewesen sein. Er schrieb dazu: Mir selbst ging es in dieser Hinsicht fast gut, da meine früheren Leute mich in rührender Weise unterstützten, indem sie mir Milch von ihren Kühen, auch Butter brachten, als auf dem Hof Beschäftigte mir dieses und jenes Essbare zukommen ließen, das sie ergattern konnten. Diese Anhänglichkeit der Leute war dann letzten Von Oderbruch und Börde an den Rhein

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Endes aber der Grund dafür, dass im September 1946 plötzlich ein neuer russischer Kommandant meine Ausweisung verlangte, gegen die sich Bürgermeister Böhme vergebens wehrte.10 Am Tag vor seinem endgültigen Abschied blickte Hans-Adolf Schmelzer den letzten Erntefuhren seines Gutsbetriebs nach, einer jammervollen Karikatur einstiger Herrlichkeit. Er schrieb an seine Frau: Gestern kamen die letzten Erntefuhren herein. Winterweizen von Schlag IV. Je Fuhre knapp 1 Ztr. Erdrusch. Manche Fuhren nur Disteln. Zusammengefahren als Futter für die Kühe.11 Dass die Erträge von 1946 nicht im Entferntesten an das Niveau vergangener Jahre anschließen konnten, viel schlimmer noch: eine einzige Katastrophe waren, durfte man nicht allein der neuen Betriebsführung anlasten. Einerseits hatten Grund und Boden durch das Kriegsgeschehen einen solchen Schaden genommen, dass die Flur kilometerweit nicht mehr bearbeitet werden konnte. Hans notierte: Der größte Teil der Feldmark liegt völlig brach. Teilweise hat sich auf ihnen ein Unkrautwuchs herangebildet – besonders auf den feuchteren Schlägen Schilfwuchs –, der einen zwingt, sich einen Weg mit der Sichel zu bahnen … über das Vorwerk Werder bis Podelzig ziehen sich förmlich Schilfwälder bis zu zwei Meter hoch.12 Andererseits muss berücksichtigt werden, dass die von den neuen Machthabern zur Betriebsleitung bestimmten Personen keine gelernten Landwirte waren, also kaum darüber Bescheid wussten, wann oder wie man Korn einsäte, auf welche Weise man Hackfrucht behandelte, Viehfutter gewann, Bodendüngung vornahm … HansAdolf Schmelzer über die Fehler: Es ist nur noch Schlag IV und V eingesät worden, da die Trecker keinen Brennstoff hatten. Schlag XX hat man Ende November noch mit der Hand eingesät. Die ganze Saatarbeit ist derart mangelhaft ausgeführt worden, dass es ein Wunder sein müsste, wenn hieraus auch nur eine leidliche Ernte erwachsen würde. Der handgesäte Roggen ist so wenig eingeeggt worden, dass ihn die Krähen fressen werden. Das dampfgepflügte Saatland ist so unterschiedlich tief gepflügt, dass einiges Korn obenauf, das andere tief eingewühlt liegt. Die Drillspuren sind krumm und schief, so dass an ein Hacken im Frühjahr mit einer Maschine nicht zu denken ist …13 18

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Der eigentliche Fehler der neuen Betriebsleitung indes war ihre innere Einstellung. So betrachtete sie die Verantwortung, die sie von heute auf morgen an sich gerissen hatte, letztlich nicht als Ehre und hohe Verpflichtung, der sie sich mit Leistungen würdig erweisen musste, sondern eher als erkämpftes Privileg, das ihr dank der kommunistischen Vergangenheit ihrer Mitglieder längst zugestanden hatte und dessen diese sich endlich erfreuen durften. Die vom russischen Kommandanten persönlich bestimmten Vorgänger Schlossermeister Behnisch und Gutsaufseher Kaul hatte man erst einmal wegdrängen müssen. In ihrer neuen Position versuchten die neuen Dorfmächtigen nicht, sich menschlich zu bewähren. Sie nahmen sich vielmehr kraft der angeeigneten Würde allerlei heraus, zumal ihnen das kommunistische System gewisse Eigenmächtigkeiten erlaubte. Beispielsweise lag die Belieferung der Menschen mit Zuteilungen von Lebensmitteln, Seife, Tabak grundsätzlich in der Hand der Dorfoberen (von Betriebsführern und Bürgermeister, deren Ehefrauen und wichtigen Gliedern des Gemeinderates). Sie deckten sich mit den Lieferungen zunächst selbst reichlich ein, danach erst kamen die Bewohner und Betriebsangehörigen an die Reihe. Wer es sich mit der Spitze verdorben hatte oder nach deren Urteil schlecht arbeitete, bekam wenig. Wer ihr schöntat, nach dem Mund redete, bekam mehr. Die Betriebsleiter selbst beschafften sich Schwerarbeiterkarten, durch die ihnen Sonderzulagen an Fleisch, Zucker, Tabak zustanden, obwohl sie keine Schwerarbeit leisteten. Die ausgehungerte Bevölkerung musste ohnmächtig zusehen, wie die Führungsclique Nahrungsgüter der Betriebsgemeinschaft – Kartoffeln und Getreide – privat an fremde Abnehmer verkaufte, sich auf Kosten der Belegschaft selbst bereicherte. Zur Schau getragenes ladenneues Schuhwerk, teure Kleidung zeigten, wie gut man zu leben verstand und wie viel besser man es hatte als die einfache Bevölkerung. Hass und Erbitterung schlug ihnen im Dorf entgegen, doch die Habgier schien die Betriebsleiter mit Blindheit geschlagen zu haben. Sie schienen nicht zu bemerken, dass sie im Dorf im Nu ihre Autorität verspielt hatten. Selbst Bewohner, die sich den Versprechungen des Kommunismus zu öffnen bereit waren, witterten den Braten. Der stank nach übelster Bonzenwirtschaft. Von Oderbruch und Börde an den Rhein

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Geschenkte Freiheit

Hans-Adolf Schmelzer hatte sich dazu erzogen, Dinge, die nicht zu ändern waren, Verluste, die sich nicht ungeschehen machen ließen, nicht unnötig zu betrauern. Er versuchte nach vorn zu blicken, bereit, alles Neue zu begrüßen, soweit es Reizvolles und Vorteilhaftes bot. Seinen ehemaligen Kolonnenführer in Sachsendorf lässt er aus dem fernen Rheinland wissen: Nun sehe ich frohe, freie Menschen um mich. Ordnung und Sauberkeit außen und innen. Gewiss gibt es auch hier Not (Juni 1948) und Sorgen. Aber sie werden gemeinsam getragen und ist nicht einer des anderen Deibel. Und Hunger hier? Mein lieber Krüger, die Lebensmittelmarken geben halt nicht so viel, dass man dick wird. Aber man bekommt, was draufsteht, und das in bester Qualität. Zum Beispiel nicht bittere Hafernudeln, sondern prima Eiernudeln. Darüber hinaus Fisch, Rosinen, Trockenmilch …14 Auf seinen Touren mit dem Firmenlieferwagen fährt er im Mai 1949 die holländische Grenze entlang, nahezu 180 Kilometer bis nach Bremen. Ihm gehen die Augen über: Hier steht ja überall eine unheimliche Ernte! Da wird die Lebensmittelkartenwirtschaft wohl bald auf hören. Es gibt ja auch Fleisch und alles andere jetzt schon frei zu kaufen. Doch immer noch plagt ihn die Sehnsucht nach der alten Heimat. Er will seinen alten Vorarbeiter Krüger nach den neuen Betriebsleitern in Sachsendorf, Paul und Ernst Böhme, befragen, vielleicht auch wissen, wer jetzt Sachsendorfer Bürgermeister ist. Ist denn überhaupt im Oderbruch alles Land wieder bestellt?, fragt er. Wie mögen die Erträge sein? Er sieht den Freund bei der Arbeit am Graben: Sie werden es am Graben dieses Jahr leichter haben. Die Arbeit der zwei letzten Jahre muss doch vieles gebessert haben. Finden Sie da immer noch Nützliches? Und was macht der Fischfang? Auch Wild müsste es nun wieder geben. Haben Sie noch Vorrichtungen für eine Erlegung?15 Trotz solcher Fragen, die deutlich zeigen, dass sich die Heimat nicht aus der Seele drängen lässt, freut Hans-Adolf Schmelzer sich doch seiner geschenkten Freiheit. Er muss keinen Arbeitgeber fürchten, der ihm beim Vorstellungsgespräch einen Strick daraus dreht, dass er Großgrundbesitzer war. Ich habe es satt, mich meiner Vergangenheit 20

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wegen schief ansehen zu lassen, zumal von Menschen, die meist sehr froh sind, wenn ihre eigene Vergangenheit im tiefsten Dunkel ruht. Und weiter schreibt er Paul Krüger: Ich habe mir weder Beruf noch Stand noch Besitz beim Klapperstorch bestellen können; das ist mir ohne mein Zutun zugefallen. Und ich habe stets danach gestrebt, an der Stelle, an die mich das Leben nun mal geführt hatte, so zu handeln, wie ich es vor den von mir abhängigen Menschen und mir selbst verantworten konnte. Ich rechne mich weder zu den Junkern noch zu den Militaristen noch zu den Kapitalisten, sondern ich war Landwirt, der sich verpflichtet fühlte, den überkommenen Besitz zum Besten seines Betriebs, seines Volks und für sich selbst zu verwalten. Allein das habe ich zu tun versucht und fühlte mich einzig dem Betrieb und meinen Leuten verantwortlich. Diese Verantwortung ließ mich bis zum Schluss aushalten und später bis zum bitteren Ende beim Treck bleiben.16 Diese Verantwortung machte Hans-Adolf Schmelzers Leben aus, diese Fakten konnte niemand bestreiten. Hätte er den Entwicklungen nach dem Krieg, als es gefährlich wurde, ausweichen können? Er beteuert: Sie werden mir glauben, dass ich Möglichkeiten genug gehabt hätte, gleich anderen den Schritt zum Westen zu tun, doch dann hätte ich meine Leute im Stich lassen müssen. Und das konnte und durfte ich nicht tun. Er empört sich gegen das Ostregime, das ihn wie einen Straftäter behandelte, und ist froh, ihm entkommen zu sein: Soll ich mich nun ein ganzes Leben danach als schäbigen Menschen ansehen lassen? Mich ducken und drücken lassen von Leuten mit undurchsichtiger Vergangenheit, die heute glauben, das große Wort führen zu dürfen? Soll ich Regierende über mir sehen, die ihre Ehre … vergessen haben, nur um ihren Posten zu halten, ihren Magen füllen zu können? Lange genug glaubte ich, es tun zu müssen, nur um der Heimat nahe zu bleiben. Nun aber habe ich den Schritt aus diesem Chaos getan und bin froh, dass ich es getan habe.17 Hans-Adolf Schmelzer genießt die um vieles erträglicheren Lebensverhältnisse im Westen. Freilich herrscht in den frühen Jahren 1947/48 auch in der britischen Zone hier und da Mangel. Und doch waren die Existenzbedingungen nicht im Entferntesten mit denen in der Sowjetzone vergleichbar. Er verdeutlicht das Paul Krüger mit Beispielen: Es heißt drüben, es würden so viele Lebensmittel hierhergeschleppt. Na, mein Von Oderbruch und Börde an den Rhein

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Lieber, »schwarz« kostet 1 Pfund Brot hier 6 RM [Reichsmark], in Leipzig 20 RM. 1 Pfund Mehl [in der britischen Zone] 11, in Leipzig 34 RM, 1 Ztr. Kartoffeln in der Lüneburger Heide 30, anderswo 100, in Berlin sogar 350 bis 400 RM. Und so ist es mit anderem auch … Bin ich auf Reisen, kann ich mich in jeder Stadt für 1,50 bis 3 RM sattessen. Gebe ich 25 Gramm Nährmittel (Lebensmittelmarken), schaffe ich den Liter dicke, gute Suppe dafür kaum. Wo können Sie das wohl in Ihrer gesegneten Zone?18 Obwohl der felderlose Landwirt mit seinem kargen Hilfsarbeiterlohn und dem Entschluss, die Familie baldmöglichst zu sich ins Rheinland zu holen, sich selbst keinerlei Luxusgüter leisten kann, weiten sich seine Augen angesichts der kurz nach der Währungsreform urplötzlich knospenden Prosperität ringsum. Die Schaufenster füllen sich, die Menschen rackern und verdienen Geld, während allmählich die Löhne steigen. Paul Krüger berichtet er nach Sachsendorf: Man bestaunt immer wieder die unbeschreibliche Warenfülle in den Läden. Es ist alles sehr teuer, doch wird auch recht gut verdient. 80 bis 100 DM sind der übliche Wochenverdienst unserer Leute, meist Schlosser oder Schweißer.19 Am Sachsendorfer Graben hatte Hans-Adolf Schmelzer 15 Pfennig Stundenlohn erhalten. Ein Jahr später, im Mai 1949, hat er einen Brief seines Stiefvaters20 aus Groß-Ottersleben bei Magdeburg erhalten und kann kaum fassen, was er liest: Die Nachrichten von drüben sind so, dass man sich nicht vorstellen kann, dass die Menschen sich wohlfühlen. Wenn man uns um Bleistifte oder Radiergummi und anderen Kleinkram bittet oder sich über Käse und andere einfache Lebensmittel freut, so ist uns das unglaublich, angesichts des unerhörten Überflusses hier, und dass überhaupt der Wohlstand hier in so krassem Gegensatz zu dem Mangel drüben steht. In meinem Betrieb kommen etwa fünfzig Prozent der Arbeiter per Motorrad zur Arbeit. Und was für Maschinen die fahren! Da kann man sich gar nicht vorstellen, dass sich Menschen … für ein Regime einsetzen, dass sie nicht hochkommen lässt. Noch weniger kann man es verstehen, dass sich an den Grenzen Polizisten finden, die auf Deutsche schießen, die über die Grenze verschwinden wollen.21

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Für immer fern der Heimat

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2 Misstrauen und Misswirtschaft Briefwechsel mit einem Sachsendorfer

Hans-Adolf Schmelzers Briefwechsel mit Paul Krüger reicht bis in die Kriegsjahre zurück. Damals schrieb der Sachsendorfer Gutsbesitzer jedem seiner von der Wehrmacht eingezogenen Arbeiter ins Feld. Allein drei doppelseitige Berichte an den Gefreiten Paul Krüger haben sich erhalten. Auch der Soldat muss seinem Chef geschrieben haben. HansAdolf Schmelzer kommt zehn Jahre nach seinem Abschied aus der Heimat darauf zurück: Sie haben doch immer für die Dinge, die um Sie her geschehen, einen offenen Blick gehabt und sich für vieles interessiert. So habe ich mich schon früher immer über Ihre Briefe gefreut, die Sie aus Norwegen, oder wo Sie sonst im Krieg waren, schrieben.1 Schmelzer hatte dem Frontsoldaten detailliert über die Ereignisse im Betrieb berichtet – über erfrorene Frühsaat, eine mühsam eingedämmte Viehseuche, über den Einsatz französischer Kriegsgefangener, über Todesfälle im Dorf. Monat Mai, Fünfzigerjahre. Hans-Adolf Schmelzer hat sich schon länger nicht mehr bei Paul Krüger gemeldet. Er erklärt ihm das so: Sie schrieben vor Zeiten eine Karte aus Mecklenburg, gaben Ihre dortige Anschrift nicht an und hatten außerdem die Karte nur mit P.K. gezeichnet. So war ich im Zweifel, ob Sie Sachsendorf nur noch besuchsweise oder aus anderen Gründen verlassen hatten … Nach Sachsendorf schreiben hat wenig Wert, weil man dorthin nur schreiben kann, was allgemein üblich ist, während man mit anderem den Menschen eventuell nur Schwierigkeiten macht. So habe ich den Briefwechsel mit Leuten in der Heimat fast ganz gelassen, allenfalls nur denen geschrieben, die mir hierfür eine Anschrift in West-Berlin angegeben haben. Auf dem Weg kann nichts passieren. So mancher möchte, dass ich ihm schreibe; doch ich riskiere es einfach nicht. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn jemand durch meine Unachtsamkeit Schaden hätte.2 Briefwechsel mit einem Sachsendorfer

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Dass er den Briefwechsel mit Paul Krüger gelegentlich aufgeben musste, kam ihn hart an. Krüger war ein aufgeschlossener, kritischer Kopf, der die Augen aufmachte, eine Meinung hatte. Hans-Adolf Schmelzer liebte die Auseinandersetzung mit ihm. Dass er der Heimat endgültig den Rücken hatte kehren müssen, war schon fast ein Jahrzehnt her, als er Krüger schreibt: Ob man sie je wiedersieht? Man hofft es; doch man glaubt es nicht. Und doch hängt man an ihr. Nicht an dem Besitz allein, sondern eben an Land und Leuten, in die hinein man geboren wurde und gehört. Als Landmensch wird man sich in der Stadt nie wohlfühlen. Und am meisten macht sich das jetzt im Frühjahr bemerkbar, wo es einen hinauszieht in die Natur und wo man in sich das Verlangen hat, sich mit ihr und ihren Gewächsen zu beschäftigen.3 Inzwischen hat die SED eine neue Gesellschaftsordnung in der Sow­jetischen Besatzungszone etabliert. Es gibt zwei deutsche Staaten, eine scharf bewachte Grenze trennt Ostdeutsche von Westdeutschen. Hans-Adolf Schmelzer hätte gern Paul Krügers Urteil dazu gewusst. Am 28. August 1952 schreibt er: Die Nachrichten, die Zeitungen und Rundfunk uns von drüben bringen, schildern die Zustände drüben schlecht. So schlecht oft, dass man glauben möchte, es sei übertriebene Propaganda. Sie, Paul Krüger, sind mir als ein Mensch des klaren und nüchternen Sehens und Denkens bekannt. Wenn Sie einmal sehr viel Zeit haben, und es beginnt ja nun bald die Zeit der langen Abende, würden Sie mir einen Gefallen damit tun, wenn Sie mir einmal schrieben, wie es nun wirklich aussieht. Das heißt, natürlich nur, wenn solch ein Schreiben Ihnen keinen Ärger machen könnte, falls es in unrechte Hände gelangt. Es ist nicht wenig, was Schmelzer zu erfahren versucht: Wir hören und lesen jetzt davon, dass das Privateigentum drüben nun völlig enteignet wird. Dass private Geschäfte stillgelegt, Häuser, insbesondere Mietshäuser, enteignet werden und es letzten Endes nur HO- und Konsumläden geben wird. Ist das wirklich so? Und wenn es so ist, wie wirkt sich das für den Verbraucher aus? Ist die Masse der Menschen f ü r diese Regelung? Ich stelle mir vor, dass man in Zukunft dann wohl billiger kaufen könnte, dass aber die Qualität der Ware leiden müsste, da ja nur die Konkurrenz der Geschäftsleute untereinander sie antreibt, Gutes zu schaffen und zu liefern.4 24

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Noch mehr beschäftigte den ehemaligen Gutsbesitzer das Los der selbstständigen Bauern. Er habe erfahren, dass landwirtschaftliche Betriebe zusammengelegt, also sogenannte Kolchosen geschaffen würden und dass die davon Betroffenen darüber sehr erleichtert und erfreut wären. Ist das so, und wie wirkt sich das aus?, will er von Paul Krüger wissen und macht keinen Hehl aus seinen eigenen Überlegungen: Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass früher da, wo der Besitzer [eines Guts, der Verf.] selbst die Wirtschaft betrieb, die besten Felder zu sehen und die erträglichsten Verhältnisse für die Arbeiter festzustellen waren. Es gab wohl einige Inspektoren, die besser als ihre Besitzer wirtschafteten, doch hatten diese gewöhnlich kein Interesse am Ergehen der Leute und sahen in erster Linie danach, viel herauszuwirtschaften.5 Misswirtschaft in der Börde

In den knapp zwei Jahren von 1946 bis 1948, die Hans-Adolf Schmelzer nahezu untätig bei seiner Familie auf Gut Schwaneberg Kreis Wanzleben hatte zubringen müssen, hatte er Muße gehabt, die Wirtschaft eines enteigneten, inzwischen volkseigenen Musterguts zu studieren. Darüber äußert er sich Paul Krüger gegenüber wie folgt: Mit volkseigenen Gütern habe ich nach dem Kriege die Erfahrung gemacht, dass Betriebe allerersten Rufes schon nach drei Jahren verwirtschaftet waren und inzwischen völlig verdorben sind, obwohl sie keinerlei Kriegsschäden erlitten hatten. So zum Beispiel ein Gut [Schwaneberg, der Verf.] von etwa 3000 Morgen, das in seiner Provinz das angesehenste war mit Getreideerträgen, die um etwa 3 bis 4 Ztr. höher lagen als Sachsendorf, also um 18 Ztr. je Morgen und mit einer weit bekannten Pferde- und Schafzucht. Der Ernteertrag liegt heute um etwa 8 bis 10 Ztr. je Morgen. Der früher völlig unkrautfreie Acker ist heute völlig verdistelt, so dass man oft vor Unkraut nicht sehen kann, ob Kartoffeln oder Rüben auf dem Acker stehen und Getreide wegen der noch grünen Disteln in den Garben nicht eingefahren werden kann. Die Pferdezucht ist zerschlagen, die Schafzucht beinahe erledigt. Und ich denke mir, dass es so überall aussieht, wo Menschen das Regiment führen, die weder durch das im Betrieb steckende eigene Vermögen noch durch andere Bindungen an demselben interessiert sind. – Wie beurteilen Sie die Sache?6 Briefwechsel mit einem Sachsendorfer

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Hans-Adolf Schmelzer kannte den Gutsbetrieb seiner enteigneten Kusine Anni Schwechten in Schwaneberg in der Magdeburger Börde recht gut. Als ihr Vater, Hans’ Onkel Ernst Dietrich, noch lebte, hatte er unter ihm als junger Mann ein Jahr lang, 1923/24, Inspektordienste geleistet. Von jener Zeit kannte er noch viele Arbeiter, kam gelegentlich mit ihnen ins Gespräch. Im Unterschied zu seinem eigenen Gut, auf dem die Unterkünfte der Angestellten alle zwei Jahre überholt wurden, hatte er die Leutewohnungen in Schwaneberg verdreckt, beengt und verbaut erlebt. Kein Wunder, dass sich die polnischen Arbeiter, ehe sie nach Kriegsende in die Heimat zurückkehrten, mit Plünderungen und Zerstörungswut an der Besitzerin rächten. Ihre Unterkünfte waren vollkommen verlaust gewesen. Und doch hätten die Schwaneberger Gutsangestellten die kümmerlichen Verhältnisse im volkseigenen Betrieb liebend gern gegen die von vor 1945, als der Hof noch in Privatbesitz war, eingetauscht. Hans-Adolf Schmelzer berichtet Paul Krüger von dem, was er in Schwaneberg zu hören bekommen hatte: Ohne Herren taugt die Sache nichts. Wenn wir früher einen Wunsch hatten, so gingen wir damit ins Büro, und wenn der Beamte für unser Anliegen nicht zu bewegen war, gingen wir zum Besitzer, und der kümmerte sich dann darum und stellte Notstände ab. Heute gehen wir ins Büro und wissen, dass uns nicht geholfen wird. Sind Dächer kaputt, so hat man kein Material für uns. Ist anderes zu machen, hat man keine Leute usw. Es kümmert sich keiner um uns. Dabei laufen so viele Handwerker im Hof herum wie niemals zuvor.7 Er verglich den Inspektor seiner Kusine mit dem von den Kommunisten eingesetzten neuen: Der alte Inspektor [Güldenpfennig, der Verf.], der noch Herz für seine Leute hatte und ihnen zuzustecken versuchte, was irgend möglich war, musste natürlich gehen. Der neue kennt niemanden, betrachtet die Leute nur als Arbeitskräfte, die er möglichst billig halten will. Er zog vor Weihnachten hier ein. Beanspruchte eine ganze Etage im Gutshaus für sich, die Frau und zwei kleine Kinder. 21 Menschen [untergebrachte Flüchtlinge, der Verf.] mussten seinetwegen umziehen, damit er das erreichte. Es schafft allgemeinen Unwillen, dass er sich nun das Ganze noch vor Jahren von oben bis unten neu hergestellte 26

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Haus wieder neu tapezieren und streichen lässt. Dafür sind nun Handwerker in Mengen da.8 Hans-Adolf Schmelzers Einblick in die Hierarchie der neuen ländlichen Kommunistenaristokratie erweiterte sich noch, als ein Güterdirektor, den die Besatzungsmacht als Direktor für über 45 landwirtschaftliche Großbetriebe eingesetzt hatte, mit Frau und fünfjähriger Tochter das Parterre des geräumigen Schwaneberger Gutshauses bezog. Der Tagesablauf dieses geradezu über ein Fürstentum gebietenden Mannes sah nach seinen Beobachtungen so aus: Morgens um 8 Uhr im BMW nach Magdeburg ins Büro. Nachmittags 15 Uhr aus der Stadt zurück. Schlummern im Liegestuhl der Gutshausveranda. Hatte Hans als Leiter eines einzigen Guts auch nur e i n e n Wochentag im Leben ab 15 Uhr die Zeit gehabt, sich im Liegestuhl zu aalen? Merkwürdig nur, dass die arbeitende Belegschaft daran keinerlei Anstoß zu nehmen schien, während man früher ein solches vermeintliches Faulenzerleben den Gutsbesitzern angelastet hatte. Und wie standesbewusst sich die neuen Gutshausbewohner mit Personal umgaben: eine Köchin, zwei Dienstmädchen, eine Putzfrau. Ein nahes Obstgut schätzte sich glücklich, den Herrn Direktor mit Kirschen, Pflaumen, Weintrauben zu überschütten. Ein zweites Gut lieferte Geflügel, Honig, Schnaps. Schon drei Monate lang hatten manche Dorfbewohner keine einzige Kartoffel mehr im Haus – wie sollte man eine Hauptmahlzeit für die Familie bestreiten ohne eine einzige Kartoffel? Das waren nicht die Sorgen der neuen Herrschaften im Gutshaus. Sie erhielten täglich Kartoffeln in Fülle, sogar zum Verfüttern für die Hühner. Sah so der Sozialismus aus? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person? Schon in einem Brief an Paul Krüger vom Januar 1948 erinnert sich Hans-Adolf Schmelzer an weitere Ungereimtheiten, die er noch selbst in Schwaneberg erfahren hatte: Im vergangenen Frühjahr hat man uns Küken verkauft. Zu ganz vernünftigen Preisen. Die Ernährung der Küken beruhte auf 25 Pfund Futtergetreide, das meine Frau für ihre Halbtagsarbeit auf dem Acker verdiente und das ihr auch über Winter gegen Bezahlung weiter gegeben wurde. Seit 1. Januar gibt man plötzlich nur an Leute Getreide, Briefwechsel mit einem Sachsendorfer

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die ein Schwein halten. Also schweben die Hühnerhalter in der Luft. Jetzt, da die Küken inzwischen Hennen geworden sind, die endlich anfangen, Eier zu legen! Gleichzeitig bietet man uns fürs Frühjahr neue Küken an, für die man drei Pfund Getreide je Stück verlangen müsste. Wie passt das nun zusammen? Und wenn nur Schweinehalter Getreide bekommen, weshalb erhalten Direktor und Inspektor, für welche der Betrieb selbst für beide ein Schwein füttert, weiter für ihre paar Hühner im Monat je 1 ½ Ztr. Korn?9 Im selben Brief erinnert er sich an die Kriegsjahre zurück. Wie hatte e r gehandelt, als die Lebensmittel knapp wurden? Hatte die Kriegswirtschaft dem Gutshaushalt einen Liter Milch täglich zugebilligt, sorgte er dafür, dass nur diese Menge und nicht ein Tropfen mehr verbraucht wurde. Stand der Familie ein halbes Pfund Butter zu, so kam in den Haushalt auf keinen Fall mehr. Und so habe ich, schreibt Hans-Adolf Schmelzer, auch niemals einen Bezugschein beantragt, weil ich mir sagte, es gibt Leute, die weniger haben und das wenige Erhältliche nötiger brauchen als ich. Heute sieht nur jeder zu, wo und wie er am meisten für sich ramschen kann, ob daneben andere Not leiden oder zugrunde gehen, spielt keine Rolle. Ja, mein Lieber, sieht so Kommunismus, sieht so Sozialismus aus? Ich stelle mir diesen ganz anders vor.10 Auch wie es um den Betriebsrat eines Dreitausend-Morgen-Unternehmens bestellt war, das nun allen gehören sollte, hatte Hans-Adolf Schmelzer auf dem enteigneten Gut Schwaneberg seiner Kusine Anni Schwechten gesehen: Ich erlebte hier eine Betriebsratswahl, wo nun der als Vorsitzender gewählt wurde, der vordem auf seinen Vorgänger weidlich geschimpft und täglich dessen Versagen nachgewiesen hatte. Was wollte er nicht alles tun und ändern, sobald er etwas zu sagen haben würde. Nun, er wurde gewählt, tat sich darauf wahnsinnig wichtig. Und vom ersten Tag an war es nun sein Bestreben, nicht etwa seine Versprechen und Vorhaben einzulösen, vielmehr vor der Betriebsleitung Bücklinge zu machen, sich glücklich zu schätzen, wenn er ins Gespräch einbezogen, dazu ins Gutshaus gebeten wurde, wo es Schnaps, Zigarre, auch edle Zigaretten gab. Im Nu waren alle guten Vorsätze vergessen. Der unbedingte Wunsch, das eigene Ich herauszustellen, persönliche Vorteile einzuheimsen, wog entschieden stärker als alle Empörung über allgemein beklagte Missstände. Und so muss ich feststellen, 28

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Paul Krüger im Feld 1941/42

dass in früheren Zeiten sehr viel mehr Gutes in sozialer Hinsicht tatsächlich getan wurde, während heute nur darüber gequasselt wird.11 Über vielerlei habe er in den letzten Jahren nachgedacht, schreibt er weiter, manches habe er hinzugelernt, etwas Grundlegendes aber habe sich in seinem Denken gehalten: Sozialismus sei etwas grundsätzlich anderes als soziales Denken. Nach wie vor überwiege in den Köpfen der Menschen, die sich Sozialisten nannten, das Bonzentum, dem es im Wesentlichen um Posten gehe, die man ergattern bzw. um jeden Preis halten wolle. Schon früher habe ein Betriebsführer, der sozial eingestellt war, mehr für die arbeitenden Menschen tun können als sich für Sozialismus stark machende Parteigenossen. Paul Krügers Antwortbriefe sind nicht erhalten. Krüger war ein Mann, der über die Zustände und Ärgernisse seiner Zeit seine persönlichen Ansichten hatte, die keineswegs mit denen seines ehemaligen Chefs übereinstimmen mussten. Eines schien Krüger nie zu begreifen: Wie hatte sich der ehemalige Gutsbesitzer Schmelzer in den Kriegsjahren dazu herbeilassen können, für das jetzt im Ort regierende rote Briefwechsel mit einem Sachsendorfer

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Brüderpaar Böhme UK-Stellung zu erwirken, sodass beide nicht an die Front mussten? Hans antwortet: Es ist das ja sicher eine Frage, die nicht leicht verständlich ist für jedermann. Doch ich kann nur wieder wie damals sagen: Ich habe in den bei mir Arbeitenden immer in erster Linie den Menschen gesehen und ihn nicht danach beurteilt und behandelt, welcher politischen Richtung er zuneigte. Und so habe ich es für meine Pflicht angesehen, mich, soweit es irgend möglich war, schützend vor jeden zu stellen und ihn in der Heimat zu halten. Es war das oft sehr schwierig, und ich habe viele gehen lassen müssen, die ich gern behalten hätte. Am leichtesten war es bei all denen, die irgendeine besondere Funktion ausübten wie Treckerführer, Schäfer usw. Die konnte ich halten und habe sie gehalten, so lange es ging. Somit auch die Brüder B., und ich würde trotz der gemachten Erfahrung jederzeit wieder so handeln. Denn sobald man die Leute seines Betriebes nach Politik beurteilt und behandelt, bringt man Unsicherheit und Unzufriedenheit unter sie. Wer immer unter den von mir in meinem Unternehmen Eingestellten seine ihm gestellte arbeitsmäßige Aufgabe erfüllt, muss wissen, dass seine Existenz gesichert ist. Anders geht es nicht.12 In einem der drei Briefe, die Schmelzer Paul Krüger ins Feld geschrieben hatte, am 12. Mai 1942, hieß es am Ende: Geben Sie Nachricht, ob und wann ich für Sie Ernteurlaub beantragen kann! Für immer verlassen

Mai 1956. Zehn Jahre liegt es inzwischen zurück, dass Hans-Adolf Schmelzer sein Heimatdorf, seine Felder für immer verlassen hat. Er sitzt im Lohnbüro der Fensterfabrik, das er inzwischen leitet. Auch mit der Kassenführung hat man ihn betraut, trotzdem bezahlt man ihn weiter als ungelernte Hilfskraft. Immerhin ist er sein eigener Herr und hat ein paar Leute unter sich. Der Betrieb, in den er seinerzeit als 21. Angestellter eingetreten war, ist inzwischen auf eine Belegschaft von 300 Personen angewachsen, die achtzig Angestellten im Büro nicht mitgerechnet. Bei der Lohnauszahlung, zu der die Werksangehörigen am Freitagnachmittag in einer Schlange antreten, um sich die Tüte mit ihren Beträgen abzuholen, kommt Hans mit allen in Berührung. Er freut sich, dass er mit ihnen gut zurechtkommt, manchem 30

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Verwaiste Felder (Leseprobe)  

Hans-Jürgen Schmelzer erzählt anhand reichen Quellenmaterials vom Schicksal des Ortes Sachsendorf und seiner Bewohner nach 1945. Er spannt d...

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