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36 Kultur

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) will nach Einschätzung des Gewaltforschers Wilhelm Heitmeyer die Menschheitsgeschichte umschreiben. Das sei der Grund für die Zerstörung jahrtausendealter archäologischer Schätze durch die Extremisten. „Dafür müssen andere Kulturen zerstört und die Erinnerung an sie ausgelöscht werden“, sagte Heitmeyer der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Islamisten wollten „eine unantastbare überlegene kulturelle Identität und Ordnung erschaffen“.

Neue Tour für Schwindelfreie am Speyerer Dom Wer den Speyerer Dom aus einer neuen Perspektive erleben will und schwindelfrei ist, kann künftig in 30 Meter Höhe an einem geführten Rundgang rund um den Kaiserdom teilnehmen.

Der Weg führt durch die Zwergengalerie, eine den gesamten Dom umlaufende, offene Säulengalerie. Da hier zuletzt für Renovierungsarbeiten Drahtseilsicherungen angebracht wurden, hat sich das Domkapitel nun entschieden, den außergewöhnlichen Rundgang künftig für kleine Besuchergruppen zu öffnen. Wie das Bistum mitteilte, ist eine Besichtigung der Zwergengalerie nur nach Anmeldung unter domfuehrungen@bistumspeyer.de möglich. Die einstündige Führung kostet für Kleingruppen mit bis zu fünf Personen 400 Euro, die laut Bistum direkt in den Erhalt des Kaiserdoms fließen. Konradsblatt 37 · 2015

Fotos: Arzner

Forscher: IS will Geschichte umschreiben

Bei der Verleihung des Kunstpreises (von links): Kuratorin Isabelle von Marschall, die Künstler Andreas Exner (3. Preis), Young Hun Lee (2. Preis), Barbis Ruder (1. Preis), Weihbischof em. Paul Wehrle, Stadtrat Christof Stadler und Ruth Loibl, Vorsitzende der Jury.

Gnade, die aneckt Der Kunstpreis der Erzdiözese Freiburg wurde in Radolfzell verliehen Zum dritten Mal hatte die Erzdiözese Freiburg einen Kunstpreis ausgeschrieben. „Gnade“ war das Thema. Jetzt wurden die Preise verliehen. Von Thomas Arzner Eine Frau, eingespannt auf einer Konstruktion aus Stahl und Plastik, die Hände und Füße in speziellen Halterungen. So reckt sie ihr Hinterteil in die Luft – die Yogastellung „der Herabschauende Hund“ stand Pate für die Performance „Down Dog in Limbo“. Es war der Beginn der Preisverleihung zum Kunstpreis der Erzdiözese, der in diesem Jahr unter dem Leitwort „Gnade“ stand. Die Frau in der Performance war die Trägerin des ersten Preises, Barbis Ruder. Minutenlang blieb sie so zwischen Himmel und Erde, bekleidet in einem engen, hautfarbenen Anzug. Das alles in der ehrwürdigen Villa Bosch in Radolfzell, mit Parkett am Boden und Stuck an der Decke. Dieses Schauspiel ist nicht jedermanns Sache. Und auch die Werke, die ausgezeichnet wurden, sind nicht unbedigt das, was man gefällig nennt: ein Video mit einer Frau, die scheinbar nackt vor einer Galerie auf der Straße liegt („Wertschöpfungskette 1B“ – Kanon von Barbis Ruder). Eine unförmige Gestalt, die an ein Monster erinnert („Gnade Dukis us F“ von Young Hun Lee). Ein Rock aus gelbweißem Stoff,

der oben zugenäht ist („Gnadenrock“ von Andreas Exner). Das alles eckt an (siehe auch Konradsblatt 34-35). Aber das war wohl eine der Absichten der Jury, die die drei Werke aus den insgesamt knapp 750 Einsendungen auswählte: Werke zu bestimmen, über die man nachdenken muss.

Die Kirche ist auf die Künste angewiesen Mit dem Schauspiel der ersten Preisträgerin Barbis Ruder und den Improvisationen auf dem Piano von Jan Esra Kuh blieb sich der Kunstpreis also bei der Preisverleihung treu. Weihbischof em. Paul Wehrle verlieh die Preise. Aufgabe der Kunst sei es, so Wehrle, auch als kulturelles Gedächtnis zu fungieren. „Deshalb vermag im Gefäß von Kunst und Kultur mancher Sinngehalt aufbewahrt und überliefert werden“, sagte er. Die Kirche sei so auf die Künste angewiesen: „Die Kirche braucht die Kunst ganz ähnlich wie zum Beispiel das Wort, um ihren Auftrag erfüllen zu können – um das Unsagbare, das Geheimnis des Lebens gleichsam anzeigen zu können.“ In der Kunst liege ein „Anspruch auf Wahrheit“, sagte Wehrle. Deshalb befasse sich Kirche mit Kunst und deshalb schreibe das Erzbistum Freiburg einen Kunstpreis aus. „Gnade“ wiederum, das Thema zu dem die Kunschschaffenden gearbeitet haben, sei ein Urwort des christ-

lichen Glaubens und ein Schlüsselbegriff in der Heiligen Schrift. „Gnade meint den Inbegriff göttlicher Zuwendung zur Schöpfung insgesamt und konkret zum Menschen“, so der Weihbischof. Über die drei Werke sprach die Künstlerin Ruth Loibl aus Rheinfelden: Alle seien sehr verschieden, aber sie hätten eines gemeinsam: den Begriff der Blindheit. Die Frau im Video habe die Augen geschlossen, das Tier habe keine Augen und auch der geschlossene Rock trage eine gewisse Form von Blindheit in sich. Der Kommunikationskanal zwischen den prämierten Werken und den Betrachtern sei demnach nicht das Auge, sondern die Materialität der Werke, durch die der Mensch „körperhaft erfasst“ werde. Erfassen lassen sich alle drei ausgezeichneten Werke – und andere Arbeiten der ausgezeichneten Künstler – nun in der Ausstellung zum Kunstpreis in der Villa Bosch in Radolfzell.

Die Ausstellung Die Ausstellung zum Kunstpreis ist bis 4. Oktober in der Villa Bosch in Radolfzell zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 14.00 bis 17.30 Uhr. Jeweils an den Sonntagen sind um 16.00 Uhr Führungen durch Kuratorin Isabelle von Marschall oder Kunsthistorikerin Andrea Dietz.

Gnade, die aneckt  

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