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„Die Kirche ist die Königin der Zeremonien“ Eigenwillig: Barbis Ruder, die Gewinnerin des Kunstpreises der Erzdiözese „Gnade“ war das Motto des Kunstpreises der Erzdiözese Freiburg. Gewonnen hat ihn Barbis Ruder, weil, so die Juryentscheidung, sie deutlich mache, „dass nicht immer ganz klar ist, wer denn nun Gnade schenkt und wer sie empfängt“. Im Interview sagt Barbis Ruder, was ihr Video „Wertschöpfungskette 1B Kanon“ mit Gnade zu tun hat und wie die Kirche mit solchen Preisen ihre Marke pflegt.

Konradsblatt: Frau Ruder, Sie haben den Kunstpreis der Erzdiözese Freiburg gewonnen, der unter dem Thema „Gnade“ stand. Sind Sie begnadet? Barbis Ruder: Hmm. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: nein. Ich habe vielleicht Glück, aber ich arbeite auch hart. Vielleicht bin ich in dem Sinne begnadet, dass ich bestimmte Fähigkeiten habe und diese ausbauen konnte.

In Ihrem Video liegen Sie in einem hautfarbenen, enganliegenden Anzug auf der Straße. Man hat fast den Eindruck, als seien Sie nackt. Inwieweit ist dies ein Sinnbild für „Gnade?“. Ich habe dieses Video gemacht, bevor ich vom Kunstpreis hörte, und dachte: Das passt ins Thema rein. Der Film wurde also nicht speziell auf das Thema hin produziert. Eine Bedeutung ist: Ich ersuche die Gnade der Institution, in der Szene liege ich ja vor Konradsblatt 34-35 · 2015

einer Galerie. Andererseits habe ich auch das Glück, da liegen zu können.

So schutzlos wie Sie sich im Video zeigen, hat man fast den Eindruck, Sie muss ein ungnädiges Schicksal dorthin geworfen haben. Ja, es ist ein Ausgeliefert sein, eine Schutzlosigkeit. Ein Ansuchen an die Gnade dieses Kulturund Kunstmarktes. Als Betrachter sieht man zuerst eine nackte Person. Wenn man genauer hinschaut, wird man sozusagen entlarvt. Der Betrachter ist hier auch schutzlos. Es gibt verschiedene Blickrichtungen in dem Film.

Man sieht auch erst auf den zweiten Blick den Teppich, auf dem Sie liegen. Genau. Dann sieht man erst, dass alles sehr inszeniert ist. Für mich ist ein Bild immer da, aber es gibt viele verschiedene Arten es zu sehen. Auch ich selbst ändere meine Meinung darüber mit der Zeit. Ein Bild an sich ist klar, aber seine Bedeutung kennt man nicht mal in dem Moment, in dem es fertig ist.

Ist Ihre Kunst eher intuitiv? Ja, sie ist sehr intuitiv, doch ich setzte und strukturiere sie dann ganz genau. Sie kommt aus einem Ort heraus, der mir wichtig ist. Es hat viel mit Gefühl zu tun, viel mit inneren Bildern und der Sinn-

Fotos: Arzner, Barbis Ruder, VG Bild Kunst, Helena Wimmer

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Die Preisträgerin „Mein Glück ist es, dass mir die Rolle der Wütenden und Ungewöhnlichen liegt“, schreibt Barbis Ruder über sich. Wer ihre kurzen Videos gesehen hat, glaubt ihr das aufs Wort: Sie zieht sich mitten auf einer Brücke um, dabei hat sie einen durchsichtigen Kunststoff-Trichter über den Kopf. Oder sie läuft des Nachts immer wieder gegen eine Litfassäule. „Wertschöpfungskette“ hat sie diese Videoreihe genannt, aus der auch der Beitrag stammt, mit dem sie beim Kunstpreis der Erzdiözese Freiburg den ersten Preis gewann. Allerdings leiste sie diesen Körpereinsatz nicht aus dem Drang zur Selbstdarstellung heraus, sagt sie, sondern, „um gesellschaftliche Belastung durch Normierung und Zwänge“ deutlich zu machen. Diese greifen, wenn beispielsweise Frauen kein natürliches Verhältnis mehr zu ihrem Körper haben, weil es ihnen von der Werbe-, Diätund Fitnessindustrie genommen wurde. Barbis Ruder (im Internet: www.barbisruder.com) wurde 1984 in Heidelberg geboren.

Sie studierte an der Universität in Freiburg Musikwissenschaften, machte dann aber ihr Diplom in Kultur- und Leisuremanagment an der ISW Business School in Freiburg und der Hochschule im niederländischen Breda. In Wien studierte sie später Transmediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst. Dort gab sie ihre Diplomarbeit „Down Dog in Limbo“ ab. Sie wird diese Performance Ende August in Radolfzell während der Preisverleihung präsentieren. Auch hier wieder mit vollem Körpereinsatz. Thomas Arzner


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Erzbistum „Wertschöpfungskette 1B Kanon“, so heißt das Video mit dem Barbis Ruder den Kunstpreis der Erzdiözese Freiburg gewonnen hat.

ich mich verkaufe. Ich freue mich total über den Preis und darüber, dass man hier offener ist, auch für Arbeiten, die etwas provokativer oder anders sind, so wie meine. Aber es stimmt: So ein Kunstwettbewerb wirkt wie ein subtiles Marketing. Städte, Länder, Großkonzerne oder Banken schreiben ebenso Kunstwettbewerbe aus. Das ist Werbung für die eigene Marke und in dem Sinne ist Kirche eine Marke. Wobei sie eine der ältesten Institution ist, die das macht. Sie hat das System etabliert – Kirche und Kunst sind schon seit Langem verbunden.

lichkeit. Als ich mit meinem Körper auf der Straße lag, war ich völlig ausgeliefert, obwohl ich es mir ausgesucht hatte. Vor der Aktion dachte ich: Ich lege mich vor die Galerie und es sieht aus, als ob ich nackt bin. Das klingt einfach. Aber es war eine Überwindung. Ich lag dort an einem Sonntagvormittag um sechs, es kamen Besoffene vorbei, sie machten irgendwelche Fotos und auch die Polizei war da. Das wurde zur Mutprobe. Die Aktion ist aber auch eine Art des Ungehorsams. Man macht das ja eigentlich nicht.

Sie liegen vor einer Galerie und das Kunstmuseum ist um die Ecke: Der Kunstmarkt treibt Sie als Thema in Ihrer Kunst um, oder? Ich habe zuerst Kulturmanagement studiert und dann begonnen Kunst zu machen – weil ich immer schon eigene Projekte verwirklichen wollte und ein Schreibtischjob wohl nicht zu meiner Eigenwilligkeit passt. Diese Idee des Marktes und des Wertschöpfens aus der Kunst heraus, ist schon lange ein Thema, das vor allem im Kulturmanagement ein Dauerbrenner ist. Für mich kommen die Werte aus dem Inhalt der Kunst und den kann man mit Geld gar nicht be-

ziffern. Aber meine Erfahrung in der Kultur- und Kreativindustrie ist, dass immer nur Zahlen und Geld richtig zählen und dass Prozesse möglichst effizient gestaltet werden müssen. Dementgegen möchte ich wahre Werte setzen.

In Ihrer Diplomarbeit schreiben Sie, dass Sie mit der Kommerzialisierung der Kunst ein Problem haben. Als Künstlerin, die von ihrer Arbeit leben will, können Sie sich aber diesem Markt nicht entziehen, oder? Das sind die Widersprüche, in denen wir alle leben. Es ist immer die Frage, wie man damit umgeht. Wobei ich keine letztliche Antwort habe. Natürlich ist man als Künstler abhängig vom Markt. Mit den Performances, die ich mache, ist das noch ziemlich klar, man wird für die Auftritte entlohnt. Aber ich bin nicht – oder noch nicht – Teil des spekulativen Kunstmarktes. Das ist ein wesentlich undurchschaubarer und unheimlicherer Mechanismus.

Wenn die Kirche einen Kunstwettbewerb veranstaltet, beugt sie sich dann nicht den Regeln des Markets? Ich habe beim Kunstpreis der Erzdiözese nicht das Gefühl, dass

Am 30. August bekommen Sie den Preis verliehen. Es wird ein Weihbischof zugegen sein, vor der Preisverleihung wird eine Messe im Radolfzeller Münster gefeiert. Ist das nicht ein seltsamer Rahmen für eine Performance-Künstlerin aus Wien? Ja, es ist sehr seltsam, einerseits – auch weil ich die Kirche als sehr konservativ empfinde. Andererseits ist sie die Königin der Zeremonien. Jeder Gottesdienst ist ja im Prinzip eine Performance. Ich bin christlich erzogen worden, war drei Jahre auf einer Klosterschule. Diese Dramaturgie hat in meiner Geschichte durchaus einen Einfluss. So gesehen ist meine Kunst gar nicht so weit von Kirche und Gottesdienst entfernt, gleichzeitig ist sie extrem weit entfernt. Die Arbeit, die ich jetzt zeige, hat nicht absichtlich etwas Religiöses, aber wie in einem Gottesdienst spielt sie sich in einem sehr konzentrierten Raum ab. Fragen: Thomas Arzner Der Kunstpreis wird am Sonntag, 30. August, um 11.00 Uhr in Radolfzell in der Villa Bosch durch Weihbischof em. Paul Wehrle verliehen. Die Laudatio hält die Jury-Vorsitzende Ruth Loibl. Davor, um 9.15 Uhr, ist ein Gottesdienst im Radolfzeller Münster.

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Weitere Preisträger

Zweiter Preis Für ihre Skulptur „Gnade Dukis US F“ wurde Young Hun Lee der zweite Preis zuerkannt. „Sie lässt in ihren eigenartigen Plastiken auf eine sehr sinnliche Art und Weise die Verunsicherung lebendig werden, die wir heute oft mit göttlicher Gnade verbinden“, schreibt die Jury dazu. Young Hun Lee wurde 1977 in Oberhausen geboren, sie lebt und arbeitet in Nürnberg. Unter anderem studierte sie in Seoul Bildende Kunst mit Schwerpunkt Bildhauerei.

Dritter Preis Andreas Exner heißt der dritte Preisträger. Er wird für seinen „Gnadenrock“ ausgezeichnet. Exner spiele mit bekannten Symbolen, die jeder aus seinen eigenen Erfahrungen heraus interpretieren kann, schreibt die Jury. Der Künstler wurde 1962 in Gelsenkirchen geboren, er lebt und arbeitet in Frankfurt. Im Internet: www. andreasexner.net

34-35 · 2015 Konradsblatt

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