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Baden-WĂźrttemberg

Eine Frage der Ehre

Es gibt 5,3 Millionen Ehrenamtliche in Baden-WĂźrttemberg. Wir haben mit acht von ihnen gesprochen.

01 2016


01/2016 Inhalt

Aus der Stiftung 20 Wichtig ist das Ent­d ecken von Leidenschaft und Obsessionen Der Schriftsteller Heinrich Steinfest im Interview

24 Neue Wälder im Turbotempo

Freiburger Biologen helfen China beim Aufforsten

26 Volle Drohnung

Wie der Journalismus neuen Schwung erfährt

29 Der Stadtentdecker

Der zwölfjährige Admir fotografiert Freiburg

32 Komm mit in das gesunde Boot

Ehrenamt 4 Engagement ist eigensinnig S  oziologe Stefan Selke und Jurist Thomas Klie diskutieren

8 Ich bin mehr Hip-Hop- Fan als Rollstuhlfahrer P hil Hensel ist Inklusionsbegleiter in Freiburg

als Lesepate

14 Licht hat auch e ine dunkle Seite

Matthias Engel will die Nacht schützen

16 Warum hast du den Mann nicht verstanden Ronald Heymann ist in der

11 Jede Nacht ist anders Ingrid Leonhardt wacht an

17 Ich teile gern Zeit mit anderen Menschen K  ornelia Wahl engagiert sich bei

Krankenbetten

12 Ein Land, das Holland hieß D  ie Angst der Umweltaktivistin Myrthe Baijens

34 Teamwork auf zwei Kontinenten

Schüler aus Ghana und D ­ eutschland entwickeln eine Ausstellung

37 Adleraugen aus 13 So sein, wie du bist dem Drucker R oland Lorson betreut Grundschüler

10 Ich sehe mich als einen, der Brücken schlägt Ayoub El Mkhanter heißt ­Neuzuwanderer willkommen

Erfolgreiches Programm für Kindergärten und Grundschulen

Bewährungshilfe aktiv

City-Kidz

18 Reine Ehrensache

Zahlen und Fakten zum Ehrenamt

So entstehen die kleinsten Linsen für die Medizin

3 9 Verwende deine Jugend

Wie es um die Jugendbeteiligung im Land bestellt ist

42 Es ist ein Mythos, dass Armut uns nichts kostet Das sagt der Soziologe Andreas Haupt

44 Tablet am Zahnrad

Ein schwäbischer Maschinenbauer probt die Industrie-Revolution

4 8 Kurz und knapp 50 Perspektivwechsel

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Christoph Dahl, Geschäftsführer Baden-Württemberg Stiftung

Liebe Leserinnen und Leser,

HERAUSGEBERIN Baden-Württemberg Stiftung gGmbH Kriegsbergstraße 42 70174 Stuttgart Telefon +49 (0) 711 248476-0 Telefax +49 (0) 711 248476-50 info@bwstiftung.de www.bwstiftung.de www.facebook.com/bwstiftung VERANTWORTLICH Christoph Dahl, Geschäftsführer Baden-Württemberg Stiftung KONZEPTION UND REDAKTION Julia Kovar-­Mühlhausen, Nicolas Krischker TEXT Anette Frisch, Iris Hobler, Rolf Metzger, Baden-Württemberg Stiftung GESTALTUNGSKONZEPT UND REALISATION agencyteam Stuttgart GmbH DRUCK Druckerei Schefenacker GmbH & Co. KG, Deizisau HINWEIS Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die männliche Form verwendet wird. © Juni 2016

mehr als 48 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg engagieren sich ehrenamtlich. Das ist nahezu jeder zweite Bürger im Land. Ehrenamt ist für eine Gesellschaft von enormer, unverzichtbarer Bedeutung. Wenn sich Menschen für eine Sache freiwillig engagieren, ist das eine sehr persönliche Entscheidung und sie sind mit dem Herzen dabei. Sie verschenken: Zeit, Wissen, Fürsorge. Und sie bekommen zurück: Dankbarkeit, Freundschaft, Freude und oftmals Erfüllung und Selbstbewusstsein. Auch für die Baden-Württemberg Stiftung sind ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger unersetzlich. Sie engagieren sich in unseren Programmen und Projekten auf vielfältige Weise, füllen sie mit Leben und machen sie oft überhaupt erst möglich. Ohne Ehrenamtliche geht es nicht, das hat aktuell die Flüchtlingskrise sehr eindrucksvoll gezeigt. Deshalb widmen wir unsere Ausgabe der Perspektive Baden-Württemberg dem Ehrenamt, genauer gesagt den Persönlichkeiten dahinter. Wir haben mit Menschen gesprochen, die sich in verschiedenen Bereichen und teils ungewöhnlichen Projekten einbringen. Ingrid Leonhardt zum Beispiel hält nachts Sitzwachen ab und steht schwerkranken Patienten bei; Ronald Heymann ist seit mehreren Jahren ehrenamtlich als Bewährungshelfer tätig; und Hobby-Astronom Matthias Engel möchte den Sternenhimmel retten. Wir geben Menschen aus unseren Projekten eine Stimme und lassen Forscher, Wissenschaftler, Pädagogen und Künstler zu Wort kommen, die sich mit viel Leidenschaft engagieren. Wie beispielsweise eine Schülergruppe aus Bad Mergentheim, die mit Schülern und Studenten aus Ghana eine Ausstellung zum Thema Mobilität auf die Beine gestellt hat. Oder das Team rund um Professor Thomas Laux, das an Turbopflanzen forscht. Und auch der Schriftsteller Heinrich Steinfest, der als Schirmherr der Kulturlotsen seinen Beitrag dazu leisten möchte, dass Kinder eine Leidenschaft für etwas entwickeln. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die durch ihr Engagement anderen Menschen helfen und Baden-Württemberg dadurch lebens- und liebenswerter machen. Insbesondere jenen gilt mein Dank, die uns in den letzten Jahren unterstützt haben. Viel Freude und Inspiration bei der Lektüre wünscht Ihnen Ihr

Christoph Dahl

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ÂťEngagement ist eigensinnigÂŤ

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01/2016 Dossier: Ehrenamt

Stefan Selke, 48, ist Soziologe und Autor eines Buches, das die ehrenamtliche Tafelbewegung untersucht. Thomas Klie, 61, ist Jurist und Vorsitzender der Sachverständigenkommission, die den zweiten Engagementbericht der Bundesregierung erstellt. Zwei Professoren, die sich mit unterschied­l ichen Aspekten von freiwilligem Engagement beschäftigen. Eine Diskussion.

Interview_Iris Hobler Fotos_Christian Mader

W     Für beide Professoren war das Streit­ gespräch, das in der Evangelischen Hochschule in Freiburg i. Br. stattfand, das erste Zusammentreffen.

ie wichtig ist ehrenamtliches Engagement für eine Gesellschaft? Klie: Keine Gesellschaft kommt ohne die Verantwortung aus, die ihre Bürgerinnen und Bürger übernehmen. Sei es ehrenamtlich oder sei es in einer der vielen anderen Formen freiwilliger Tätigkeit. Engagement kann an Geselligkeit oder an einem konkreten politischen Ziel orientiert sein, an Institutionen gebunden oder informell sein, es kann auf politischen Widerspruch ausgerichtet sein oder auf Konsens. Wir sprechen also über ein außerordentlich heterogenes Gebiet, das wissenschaftlich noch lange nicht vollständig erschlossen ist. Selke: Ist Engagement wirklich essenziell für eine Gesellschaft? Es wird meiner Ansicht nach dann schwierig, wenn es verlangt wird. Und genau den Eindruck habe ich: In Deutschland wird Freiwilligkeit mehr und mehr in eine Pflicht umgewandelt.

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Haben Sie ein Beispiel? Selke: Ich führe zurzeit Gespräche mit Bewerbern für eine Stelle an der Hochschule. Jeder, wirklich jeder Bewerber betont, was er oder sie schon alles freiwillig gemacht hat. Dabei hat das mit dem Inhalt der Stelle, die wir besetzen wollen, nichts zu tun. Da stellt sich doch die Frage: Warum denken diese jungen Menschen, dass ihr Engagement sie für den Job qualifiziert? Hier scheint mir etwas aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Engagement wird zur Pflichtübung, und das korrumpiert seinen eigentlichen Wert. Klie: Darum betonen wir im zweiten Engagementbericht die Freiheit, aus der Engagement erwächst, als Tugend. So, wie Aristoteles sie verstanden hat. Abgesehen vom öffentlichen Ehrenamt, das seit Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute Bürgerpflicht ist, darf Engagement nicht zur Pflicht werden. Da bin ich bei Ihnen: Bürgerschaftliches Engagement generiert sich aus der Freiheit des Menschen, der zum Gelingen der Gesellschaft beitragen möchte. >>>


»Wir müssen Fragen sozialer Ungleichheit aufgreifen« Um Ihr Beispiel von den Bewerbern aufzugreifen: Sind freiwillig geleistete Tätigkeiten nicht ein Zeichen für soziale Kompetenz? Selke: Natürlich sollte man einen Bewerber nicht nur nach seiner Abi-Note beurteilen. Aber wenn ich weiß, dass jemand ehrenamtlich gearbeitet hat, sagt das noch nicht viel über Kompetenzen aus. Klie: Das sehe ich anders. Die Bereitschaft, mitverantwortlich zu leben und sich sozialen und politischen Anliegen zu öffnen, zählt zu den wichtigen Persönlichkeitsmerkmalen. Wir konzentrieren uns hierzulande sehr stark auf die MINT-Fächer. Die sind aber nicht alles. Ich halte es für sinnvoll, Orte zu schaffen, an denen sich junge Menschen in Sorgehaltungen üben. Engagement schafft Gelegenheit zum sozialen Lernen.

Hochkomplex sei das Phänomen des Engagements, sagt Thomas Klie: „Noch haben wir in diesem Bereich keine entfaltete Forschung.“

Was weiß die Wissenschaft über die Menschen, die sich hierzulande engagieren? Klie: Der Großteil der mehr als 30 Millionen Engagierten hat einen höheren Bildungsstand und ein höheres Einkommen. Wenn wir über das in Studien sichtbar werdende freiwillige Engagement sprechen, besteht die Gefahr, dass wir nur einen Teil der Gesellschaft in den Blick nehmen. Engagement bedeutet Teilhabe an der Gesellschaft, und deshalb müssen wir Fragen der sozialen Ungleichheit aufgreifen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel? Klie: Eines meiner Forschungsinstitute hat im Auftrag des Landes Brandenburg eine kleine Studie in Cottbus durchgeführt und nach in der Pflege Engagierten gesucht. Wir haben kaum jemanden gefunden. Dann sind wir direkt in die Stadtteile gegangen. Dort fanden wir nachbarschaftliche Netzwerke, die gegenseitige Hilfe so selbstverständlich sichergestellt haben, dass keine organisierte Nachbarschaftshilfe mithalten kann. Sehr beein­ druckend! Wir haben gefragt, warum sie sich nicht unterstützen lassen, etwa von der Freiwilligen­ agentur. Die Reaktion war: Lassen Sie uns damit in Ruhe. Wir machen das unter uns und für uns.

Selke: Menschen mit weniger Bildung und Einkommen setzen sich auch ein, aber anders. Es gibt beispielsweise Armutsnetzwerke, in denen Menschen sich selbst organisieren. Sie sind aber viel weniger Teil der öffentlichen Debatte und schaffen es nicht, sichtbar zu werden …

Selke: Man muss sehr genau hinschauen, wenn Bürger etwas tun, was Aufgabe des Staates wäre. Aus gesellschaftswissenschaftlicher Perspektive wird inzwischen deutlich, dass sich immer stärker fordernde Aktivierungslogiken entwickeln, die in viele Bereiche der Gesellschaft eindringen.

Klie: … und sie wollen es auch nicht unbedingt. Ich nenne das gern stilles Engagement. Nehmen Sie die ehemaligen sozialistisch geprägten Bundesländer: Da finden wir in hohem Maße solidarisches Verhalten in Nachbarschaften, das aber bewusst unter dem öffentlichen Radar bleiben möchte.

Was meinen Sie mit Aktivierungslogik? Selke: Wenn man die Sprache öffentlicher Diskurse analysiert, zeigt sich, dass die Menschen regelrecht dazu gedrängt werden, freiwillig aktiv zu sein. Das gilt für junge Menschen, für alte Menschen, für Arbeitslose. Es wird kaum hinterfragt, es schleicht

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sich ein. Sei aktiv! Dieser Imperativ ist die Voraussetzung dafür, dass der Staat seine Verantwortung lockert. Ich will Politikern gar nicht unterstellen, dass sie das bewusst tun. Aber es ist eine sehr feine Wechselwirkung zwischen einer scheinfreiwilligen Reaktion auf die Aktivierungsforderungen und staatlichem Rückzug. Klie: Ich glaube, wir können da ganz beruhigt sein. Die Bürgerinnen und Bürger in einem aufgeklärten Land lassen sich nicht so einfach instrumentalisieren. Das wird gern versucht. Aber es wird nicht funktionieren. Selke: Was stimmt Sie da optimistisch? Klie: Weil eines der wichtigsten Motive für das Engagement ist, die Gesellschaft im Kleinen mitzugestalten, sich zu entfalten, Freude zu haben. Nicht: dem Staat zu dienen. Engagement ist eigensinnig und lässt sich nicht dauerhaft domestizieren. Selke: Damit tun Sie so, als ob Engagement eine natürliche Konstante ist. Genau das glaube ich nicht. Es ist vielmehr eine Folge davon, dass den Menschen suggeriert wird, es sei gut für sie. Niemand sagt: Liebe Bürger, ersetzt bitte den Staat. Aber es gibt subtile

In seinem Buch „Schamland. Die Armut mitten unter uns“ betrachtet Stefan Selke die Tafelbewegung in Deutschland kritisch.

Suggestionen. Dass es einen glücklicher macht und bereichert, wenn man sich engagiert. Dass es gut ist, wenn man im Alter noch aktiv ist. Und es wird immer schwieriger zu sagen: Das will ich aber nicht. Ohne das Wollen vieler Menschen hätte es nicht funktioniert, mehr als eine Million Flüchtlinge aufzunehmen. Muten wir uns zu viel zu? Klie: In dieser Krisensituation hat sich gezeigt, dass wir in Deutschland über eine vitale und innovative Zivilgesellschaft verfügen. Sie hat das sich in Teilen offenbarte Versagen des Staates kompensiert und eine politische und humanitäre Kultur gezeigt. Aber auch Ambivalenzen wurden deutlich: Es gibt diejenigen, die zu Demonstrationen von Pegida gehen und die AfD wählen. In der Summe sehe ich die Chance, dass sich verkrustete Strukturen der klassischen Engagementszene gegenüber einer enorm kreativen und vielfältigen Art des Engagements öffnen. Selke: Da werden verkrustete Strukturen aufgebrochen – und dann liegt die Aufgabe bei denen, die sich freiwillig des Themas angenommen haben. Die Gefahr der Verstetigung ist groß. Hier sind die Tafeln in Deutschland ein Beispiel. Da gibt es 60.000 Ehrenamtliche, die alle wie selbstverständlich in der Daseinsvorsorge aktiv sind, seit mehr als 20 Jahren. Kaum jemand stellt die Frage danach, ob man nicht etwas an den Ursachen von Armut ändern müsste. Klie: Das stimmt so nicht. Wir wissen, dass Strukturmerkmale von Regionen wie Arbeitslosigkeit und Armut eine geringe politische und bürgerschaftliche Beteiligung begünstigen. Strukturpolitik ist Voraussetzung für Engagement. Deshalb werden wir der Bundesregierung vorschlagen, ein Monito­ ring zu installieren, das den strukturpolitischen Handlungsbedarf sichtbar macht. Selke: Wenn das bedeutet, dass Politik für Engagierte gemacht wird, dann wäre ich einverstanden. Nicht wenn es bedeutet: Engagement statt Politik.  <<<

»Menschen werden dazu gedrängt, freiwillig aktiv zu sein« 7


Eine Frage der Ehre: Acht Menschen aus Baden-Württemberg erzählen, warum sie sich ehrenamtlich engagieren.

»Ich bin mehr Hip-Hop-Fan als Rollstuhlfahrer« 8


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 hil Hensel hat als einer der Ersten den Zertifikationskurs zum Inklusions­begleiter an der Akademie Himmelreich in Kirchzarten absolviert. Gemeinsam mit anderen ehrenamtlich Engagierten setzt sich der 32-Jährige dafür ein, dass das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung besser läuft.

Sie haben sich als Inklusionsbegleiter qualifiziert. Was kann man sich darunter vorstellen? In der Schulung ging es vor allem darum, klarzukriegen, was Inklusion eigentlich bedeutet und wie sie sich im Alltag umsetzen lässt. Wir waren eine Gruppe von zehn Teilnehmern, ein bunt gemischter Haufen aus Alt und Jung, behindert und nicht behindert. Die Weiterbildung lief über ein halbes Jahr an Wochenenden. Mit den drei Dozenten haben wir über unterschied­l iche Themen gesprochen, wie es beispielsweise um Inklusion in Deutschland steht oder wie die Rechtslage aussieht. Ein weiterer Schwerpunkt waren Rollenspiele. Die haben mich beeindruckt. Was hat Ihnen daran so gut gefallen? Wir haben Übungen zum Thema Anti-Bias gemacht. Bias bedeutet so viel wie Schieflage. Die entsteht dadurch, dass die Mehrheit definiert, was normal ist, und Menschen mit Behinderung aus diesem Raster fallen. In den Rollenspielen ging es darum, die eigene Position zu stärken und herauszuarbeiten, dass Behinderung erst einmal kein Nachteil ist, sondern Möglichkeiten eröffnet, aus der Behinderung heraus Positives zu bewirken. Wie sieht Ihre Arbeit als Inklusionsbegleiter konkret aus? Generell ist mein Verständnis, dass ich mit meinem Engagement den Prozess der Inklusion mitgestalte, und zwar ganz konkret aus meinem Lebensumfeld heraus. Letzte Woche habe ich zum Beispiel eine Stadt­ führung für Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres gemacht. Ich habe ihnen gezeigt, wo es für Rollstuhlfahrer oder Blinde schwierig ist, sich in der Stadt zu bewegen. Ich habe ihnen von meinem Alltag und meinem Leben erzählt. Man merkt, dass da ganz viel Interesse ist. Die Leute trauen sich aber oft nicht, zu fragen. Das finde ich schade. Man muss sich mehr begegnen. Weil Begegnung Hemmschwellen abbaut? Ganz genau. Mir ist es wichtig, dass man miteinander ins Gespräch kommt. Ich verstehe Inklusion als etwas sehr Persönliches, das nur bedingt mit Gesetzen oder Rechtsfragen zu tun hat. Andererseits muss sich auch strukturell etwas verändern.

Phil Hensel studiert Heilpädagogik und engagiert sich bei der Initiative „Freiburg für alle“. Sein Lieblingsmotivationssong ist „Der beste Tag meines Lebens“ von Kool Savas.

Und was muss sich ändern? Das Bild, das viele Nichtbehinderte von Rollstuhlfahrern haben, ist einseitig und oft zu pauschal. Kategorien wie Rollstuhlfahrer, Menschen mit Down-Syndrom oder mit geistiger Behinderung funktionieren nicht. Solche Verallgemeinerungen greifen nicht. Man muss immer das Individuum im Blick haben. Ich bin Rollstuhlfahrer, klar. Aber ich bin auch Hip-Hop-Fan. Und zwar mehr Hip-Hop-Fan als Rollstuhlfahrer. Die Qualifikation wurde von der Baden-Württemberg Stiftung in Kooperation mit der Lechler-Stiftung im Rahmen des Programms Inklusionsbegleiter gefördert: www.wir-sind-inklusionsbegleiter.de

Text: Anette Frisch; Foto: Christian Mader

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»Ich sehe mich als einen, der Brücken schlägt«

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kommen, mit den ganzen Gesetzen und Regeln.“

er mit Ayoub El Mkhanter spricht, dem fällt sofort der melodiöse, sanfte Akzent auf – diese typisch französische Färbung. Der Student ist in Marokko aufgewachsen, in der Millionenstadt Casablanca. Französisch und Arabisch sind seine Muttersprachen. Seit zehn Jahren lebt er in Deutschland, studiert derzeit International Business und Intercultural Studies in Heilbronn, und zwar auf Englisch. Vier Sprachen also: der ideale Welcome Guide! Welcome Guides, das ist ein Netzwerk in Heilbronn. Seit 2015 qualifiziert die städtische Stabsstelle Partizipation und Integration Menschen, die Neuzuwanderer auf ihrem oft komplizierten Weg durch deutsche Behörden und Beratungsstellen begleiten. Dafür ist Ayoub El Mkhanter, ebenso wie 56 weitere Guides, in mehreren Kursen entsprechend qualifiziert worden. Wie füllt man welche Formulare aus? Wie sehen die rechtlichen Aspekte aus? Wie geht man mit Konflikten um? Wie mit stressigen Situationen? Diese Kurse, sagt El Mkhanter, waren wichtig, um die eigene Rolle zu finden. „Ich sehe mich als einen, der Brücken schlägt. Ich weiß ja selbst, dass es nicht ganz einfach ist, in Deutschland anzu-

Im Durchschnitt arbeitet er wöchentlich vier bis fünf Stunden ehrenamt­lich; dafür erhält er eine kleine Aufwandsentschädigung. Vor einigen Monaten hat Ayoub El Mkhanter ein Praktikum bei der Stadt Heilbronn begonnen, das er für sein Studium braucht. Eine seiner Auf­gaben ist die Mitarbeit an einer neuen Web­seite, die für Neuankömmlinge Informationen in 14 Sprachen bereitstellen wird. Außerdem steckt er mitten in der Qualifizierung zum sogenannten kulturellen Mittler, einem weiteren Ehrenamtsnetzwerk, das in Heilbronn zur besseren Verständigung bei Gesprächen in Beratungsstellen beitragen soll. Ayoub El Mkhanter sagt, dass die Tätigkeit als Welcome Guide für ihn keine Arbeit ist: „Es macht mir Freude und es stimmt mich fröhlich, dass ich helfen kann.“

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Das Engagement als Welcome Guide und die Begegnungen mit den Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, haben El Mkhanter motiviert, seine beruflichen Perspektiven zu überdenken. Es ist nicht mehr der Job in einem Unternehmen, der ihn reizt, sondern interkulturelle Tätigkeiten bei entsprechenden Trägern. „Für eine gute Integration ist es wichtig, Menschen aus anderen Kulturen wertschätzend zu begegnen. Dazu will ich einen Beitrag leisten, auch mit meinem künftigen Beruf.“

Text: Iris Hobler; Illustration: Bernd Schifferdecker


und die Älteste 81. Natürlich ersetzen wir das Pflege­ personal nicht. Wir unterstützen die Schwestern, indem wir ganz allein für den Patienten da sind. Wir sind in einem Kurs auf unsere Tätigkeit sehr gut vorbereitet worden. Fachärzte, Psychiater und Experten der Palliativmedizin haben Vorträge gehalten und sich sehr viel Zeit für anschließende Gespräche genommen. Wir haben sogar auf Stationen hospitiert. Die Vorbereitung hat mir viel gegeben und ich empfinde meine Tätigkeit als Bereicherung. Unsere Sitzwachengruppe trifft sich regelmäßig. Wir tauschen uns intensiv aus und haben einen starken Zusammenhalt. Auch das Team vom Marienhospital ist immer für uns da. Niemand bleibt mit seinen Erlebnissen allein.

»Jede Nacht ist anders«

Viele von uns sind durch persönliche Erfahrungen zur Sitzwache gekommen. Ich habe meinen Mann und meinen Bruder gepflegt und begleitet. Sie sind daheim gestorben. Warum ich mich engagiere? Aus Dankbarkeit! Weil es mir selbst so gut geht, ich gesund bin und etwas weitergeben möchte. Ich halte auch einiges aus. Die Angst des Patienten und auch die Schmerzen. Eine Situation hat mich tief berührt. Ein 50-jähriger Mann lag im Sterben. Seine Ehefrau war hilflos und konnte nicht bei ihm ausharren. Sie war einfach überfordert. Für ihren Mann war das Loslassen dadurch schwerer. Eine halbe Stunde, nachdem ich abgelöst wurde, starb er. Jede Nacht ist anders.“

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s gibt Nächte, da habe ich nichts zu tun. Diese Nächte sind in gewisser Weise anstrengender. Ich sitze im Zimmer und höre auf den Atem des Patienten und die Töne der Instrumente. Setzt der Atem aus? Piepst was? Auch wenn die Patienten nicht mehr ansprechbar sind, sie fühlen, dass jemand im Raum ist, und das beruhigt sie. Nicht jede Nacht verläuft so. Vor zwei Tagen war ich auf der Gynäkologie bei einer 85-jährigen Dame. Sie war sehr unruhig und verwirrt. Sie räumte ihre Sachen aufs Bett, weil sie mit mir weggehen wollte. Ich habe ihr gut zugeredet und dann alles wieder eingeräumt. Wichtig ist für mich der Respekt vor dem kranken Menschen. Dass man vollkommen auf seine Bedürfnisse eingeht und sich selbst zurücknimmt. Seit drei Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich als Sitzwache im Marienhospital. Ich verbringe vier Stunden bei einem Patienten. Häufig nachts, aber auch tagsüber gibt es Schichten. Im Marienhospital sind wir 40 Sitzwachen. Die Jüngste ist 35 Jahre alt

Text: Anette Frisch; Fotos: Christian Mader

Ingrid Leonhardt, 70, engagiert sich als Sitzwache im Marienhospital Stuttgart.

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Myrthe Baijens, 23, studiert Erneuerbare Energien an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg am Neckar. Sie kam 2014 über das Stipendium der Baden-Württemberg Stiftung vom niederländischen Leeuwarden nach Deutschland.

»Ein Land, das Holland hieß«

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anchmal habe ich Angst, dass wir Menschen das Chaos, das wir mit dem Klima anrichten, nicht mehr in den Griff bekommen. Vielleicht werden meine Enkel oder Urenkel in Büchern lesen, dass es mal ein Land gab, das Holland hieß und das leider wegen der Erderwärmung vom Meer verschluckt wurde. Meine Hoffnung treibt mich an, doch etwas verändern zu können. Auch wenn ich nur ein kleiner Mensch bin; wir sind doch viele, die sich für unser Klima engagieren. Und wir bewirken etwas. Noch vor ein paar Jahren hätte niemand gedacht, dass der Kohleausstieg zu einem Thema wird. Jetzt ist er

es. Und wenn Deutschland dabei vorangehen würde, wäre das ein großes Signal an die Welt. Ich bin seit vielen Jahren Aktivistin. Mit der Hochschulgruppe von Global Marshall Plan habe ich im letzten Jahr in Tübingen die Weltklimawoche organisiert. An jedem Abend kamen interessierte Menschen zu Vorträgen, Filmen und einem Poetry-Slam. Außerdem setze ich mich für Fossil Free ein. Diese Kampagne hat an kleinen Universitäten in den USA begonnen. Wir sprechen mit Städten, Pensionskassen und anderen Institutionen, um sie davon zu überzeugen, nicht in fossile Brennstoffe zu investieren.

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Zu meinem Engagement gehört auch, manchmal bewusst gegen Normen zu verstoßen. Etwa im Rahmen der Aktion Ende Gelände, bei der wir Kohlebagger für einen Tag gestoppt haben. Der Abbau dort ist für mich illegaler als unser ziviler Ungehorsam dagegen. Noch ist mein Klimaaktivismus ehrenamtlich, aber ich möchte ihn zu meinem Beruf machen. Vielleicht bei 350.org oder bei Greenpeace. Oder in der Politik. Als Ministerin für Energie würde ich vieles anders machen. Aber jetzt schreibe ich erst mal meine Bachelorarbeit. Darüber, wie sich Mensaküchen nach­haltig be­treiben lassen.“

Text: Iris Hobler; Foto: privat


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»So sein, wie du bist«

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onnerstag früh, 7.45 Uhr. Roland Lorson trifft die achtjährige Azra und den siebenjährigen Efe im Klassenzimmer der Schillerschule in Wiesloch. In der nächsten Dreiviertelstunde gehört seine ganze Aufmerksamkeit den beiden. Roland Lorson, im beruflichen Leben selbstständiger Coach und Mediator, ist ihr Lesepate. Wie sind Sie auf dieses Ehrenamt aufmerksam geworden? Ich habe in der Zeitung gelesen, dass die Bürgerstiftung Lesepaten sucht. Erst habe ich noch gezögert, aber dann dachte ich: Du möchtest gern etwas für die Gemeinschaft tun. Und so habe ich mich bei der Stiftung gemeldet. Was macht ein Lesepate? Viele Kinder haben Probleme damit, Sätze und Zusammenhänge in Texten zu verstehen. Ich übe es mit ihnen. In den letzten fünf Jahren habe ich als Lesepate neun Kinder begleitet und unterstützt. Ein Schuljahr lang, einmal pro Woche. Lesen ist für Sie … Freiheit! Wer lesen kann, der kann sein Leben gestalten. Und mit welchem Erfolg bringen Sie den Kindern das Lesen bei? Jede einzelne Stunde ist ein Erfolg, weil die Kinder immer etwas mitnehmen. Eine Lehrerin hat mir mal gesagt, dass ein Junge nach dem Lesen mit mir immer ganz fröhlich sei. Das ist mir wichtig: den Kindern zu vermitteln, dass Sprache und Lesen Freude machen. Wie genau tun Sie das? Ich bin mit meiner ganzen Aufmerk­ samkeit bei den Kindern und in diesem

Text: Iris Hobler; Foto: Antonio Bello

Roland Lorson ist der Lesepate von Efe. Ein Schuljahr lang treffen sie sich einmal in der Woche und lesen gemeinsam. Oder sprechen über Star Wars, Efes Lieblingsfilm.

Moment. Was gestern war oder aus welcher Kultur ein Kind kommt, das ist unwichtig. Jetzt sitzen wir hier gemeinsam, und dieses Kind ist klasse und einmalig. Ich vermute, diese Einstellung fördert die verborgenen Talente. Sie schätzen die Kinder … Ja. Die Zeit mit ihnen bereitet mir große Freude. Ich tauche ein in eine andere Welt. Kinder erlauben dir, so zu sein, wie du bist. Sie sind direkt und ehrlich. Und wenn sie lieber die Sonne aufgehen

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sehen wollen, als zu lesen, dann lasse ich mich darauf ein und wir sprechen erst mal über die Sonne. Was bedeutet Ehrenamt für Sie? Ehrenamt ist Geben und Nehmen gleich­ zeitig. Wir Menschen sollten uns viel stärker als Gemeinschaft verstehen und uns gegenseitig unterstützen. Mein Leben bis hierher hat mich gelehrt, dass wir ein neues Bewusstsein brauchen. Ich trage ein kleines bisschen dazu bei.

Die Lesepaten sind ein Projekt der Bürgerstiftung Wiesloch (www.buergerstiftung-wiesloch.de), die auch Partnerin beim diesjährigen Kinderliteratursommer ist. Mehr zu diesem Festival auf Seite 49.


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»Licht hat auch eine dunkle Seite«

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ls sich Matthias Engel aufmacht, den Sternenhimmel zu beobachten, fehlt ihm ein geeigneter Standort. Der sollte richtig dunkel und möglichst hoch gelegen sein. Rund 50 Kilometer von seiner Heimatstadt Stuttgart entfernt findet Engel so einen Ort: Die Gegend um den ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Die ist dünn besiedelt und es gibt nur wenig Straßenverkehr. Von hier aus schaut Engel durch sein Teleskop in einen der letzten von künstlichem Licht nicht beeinträchtigten sternenklaren Nachthimmel Baden-Württembergs. Mit dem himmlischen Zustand kann es schon in wenigen Jahren vorbei sein.

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Nomen est omen: Zwischen Matthias Engel und dem Sternenhimmel über der Schwäbischen Alb besteht eine besondere Verbindung.


Blick in den winterlichen Sternenhimmel über der Burgruine Bichishausen im Großen Lautertal, Schwäbische Alb.

Denn immer mehr Gemeinden rüsten auf zu helle LED-Beleuchtung um oder achten nicht darauf, wie sie das Licht ihrer Straßenlaternen ausrichten. Was dazu führt, dass es teilweise ungenutzt in die Umwelt ausstrahlt. Matthias Engel möchte das ändern. Er will die Nacht schützen und die Öffentlichkeit für das Thema Lichtverschmutzung sensibilisieren. Was gar nicht so leicht ist. „Licht ist ein Zeichen für Fortschritt und Urbanität“, sagt der promovierte Ingenieur. „Vielen ist gar nicht bewusst, dass es auch negative Auswirkungen haben kann. “Denn falsch ausgerichtetes Licht kostet nicht nur jede Menge Energie – es ist auch schädlich für Mensch und Natur. Weil das Auge zum Beispiel die Fähigkeit verliert, sich an Dunkelheit anzupassen; oder weil es den Tag-Nacht-Rhythmus von Tieren so

durcheinander­bringt, dass es zu Verschiebungen im Ökosystem kommen kann. Es gibt aber noch ein weiteres Thema, das dem 35-Jährigen am Herzen liegt. Er möchte, dass die Schwäbische Alb ein offizieller Sternenpark wird. Das ist eine Region, die sehr dunkel ist und wo sich Sterne besonders gut beobachten lassen. In Deutschland gibt es bislang nur drei der sogenannten Dark Sky Parks: den Nationalpark Eifel, das UNESCO-Bio­ sphärenreservat Rhön und Brandenburgs Naturpark Westhavelland. 2011 hat Matthias Engel aus seinem persönlichen Interesse ein ehrenamt­liches Projekt gemacht und die Initiative „Sternenpark Schwäbische Alb“ gegründet. Mit weiteren „Schützern der Nacht“ klärt

Text: Anette Frisch; Fotos: Till Credner, AlltheSky.com; privat

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Engel Gemeinden über eine umweltgerechte Beleuchtung auf, organisiert Ausstellungen und Sternen­führungen oder hält Vorträge zum Thema Lichtverschmutzung. Wie 2015 bei der Zukunftsakademie der Stiftung Kinderland, wo der Stuttgarter Jugendlichen „die dunkle Seite des Lichts“ näherbrachte. Matthias Engel ist zwar stolz darauf, dass die Verantwortlichen des Biosphärengebiets Schwäbische Alb und das Umweltministerium die Arbeit der Sternenaktivisten sehr schätzen – „ohne das Engagement der Ehrenamtlichen wäre aber kaum etwas zu erreichen“, sagt er. „Von offizieller Seite wird noch zu wenig dafür getan, Lichtverschmutzung zu vermeiden.“ www.sternenpark-schwaebische-alb.de


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»Warum hast du den Mann nicht verstanden« Ronald Heymann hat früher Sozialarbeit studiert; davon profitiert er bei seiner Arbeit für Neustart.

lustlos, manchmal auch voller Abwehr. Schließlich ist er ja zur Bewährungsstrafe verdonnert worden. Wenn meine Klienten mich dann kennen, sind wir schnell auf einem guten Weg. Sie merken, dass ich sie ernsthaft dabei unterstützen möchte, mit eigener Kraft die Kurve zu bekommen. Und das gelingt den meisten. Muss es aber nicht. Einer meiner Klien­ ten, ein sehr sympathischer junger Mann, war mehrfach beim Klauen er­w ischt worden. Ich dachte, er sei auf einem guten Weg, als er anfing, in einem Restaurant zu jobben. Als dort ein Diebstahl begangen wurde, beteuerte er seine Unschuld. Ich habe ihm geglaubt und ihn zu seiner Aussage bei der Polizei begleitet. Kurz darauf wurde er bei einem schweren Einbruch gefasst. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Er hatte sich mit dem organisierten Verbrechen eingelassen. Ich hatte nichts weniger erwartet als ausgerechnet das! Acht Jahre Bau waren die Konsequenz.

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onald Heymann, 60, ist technischer Sachbearbeiter. Ihn rufen die Kunden an, wenn sie Reklamationen haben. Dann ist Zuhören gefragt, Verbindlichkeit und Offenheit: Eigenschaften, die ihm auch bei Neustart helfen, einer gemeinnützigen Gesellschaft, die straffällig gewordene Menschen bei der Resozialisierung unterstützt. Ronald Heymann engagiert sich hier seit acht Jahren – und ist dabei auch schon an Grenzen gelangt.

Ich habe oft gegrübelt: Was ist falsch gelaufen? Warum hast du den Mann nicht verstanden? Das war für mich eine schwierige Grenzerfahrung. Ich weiß ja, dass der Knast ihn nicht besser machen wird. Der Austausch mit den Hauptamtlichen im Verein hat mir damals geholfen zu erkennen: Hier geht’s auch um mich und um meinen Selbstzweifel. „Ich finde gut Zugang zu Menschen, selbst wenn sie vielleicht schwieriger sind. Das hat mich wohl auch motiviert, als ehrenamtlicher Bewährungshelfer anzufangen. Ich betreue die eher leichten Fälle. Junge Männer, die durch Betrug, Diebstähle oder Prügeleien auffällig geworden sind. Der Anfang ist oft nicht so einfach. Da komme ich mit meiner Neugier und meiner Portion Enthusiasmus, und der andere ist bestenfalls

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Die Arbeit bei Neustart hat für mich einiges relativiert. Vieles, über das ich mich früher aufgeregt habe, ist Kleinkram im Verhältnis zu dem, was die meisten meiner Klienten erlebt haben. Schwere familiäre Brüche, Knastväter, Alkoholismus in der Familie. Da ist es für mich wichtig, die persönliche Distanz gut zu wahren. Immer siezen, dem anderen nichts abnehmen. Sondern klarmachen: Lösen musst du deine Probleme selbst.“ www.neustart.org

Text: Iris Hobler; Foto: privat


»Ich teile gern Zeit mit anderen Menschen«

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Kornelia Wahl ist die Patin von Admir. Die beiden stehen auf ihrem Lieblingsplatz in Freiburg: dem Münsterplatz.

m Oktober 2015 startete in Freiburg das Projekt City Kidz. Erwachsene übernehmen eine Patenschaft für ein Kind, dessen Familie geflüchtet ist, und entdecken gemeinsam mit ihm die Stadt. Das Besondere: Die Kinder fotografieren ihre Eindrücke. Kornelia Wahl engagiert sich seit Beginn für City Kidz.

„Ich bin als Imageberaterin selbstständig und kann mir meine Zeit frei einteilen. Ich wollte immer schon etwas mit Kindern machen. Eine Freundin hatte mich auf das Projekt aufmerksam gemacht. Und dann habe ich mich beworben. Bei der Auftaktveranstaltung von City Kidz im Rathaus haben wir unsere Patenkinder und deren Familien kennengelernt.“

Admir ist mit seiner Familie vor sechs Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen. Der 12-Jährige geht in die 6. Klasse einer Förderschule und trifft Kornelia Wahl an einem Nachmittag der Woche. Dann planen die beiden, was sie unter­nehmen möchten. Gemeinsam mit der 60-Jährigen war Admir beispielsweise Schlitten fahren mit anschließendem Picknick im Schnee, hat im Mundenhof Tiere fotografiert, ist den Münsterturm hochgeklettert oder hat das Naturkunde­ museum besucht. Wenn Admir nicht mit Kornelia Wahl unterwegs ist, spielt er auf dem Gelände der Gemeinschaftsunterkunft. Sein Vater ist sehr ängstlich und möchte nicht, dass Admir allein unterwegs ist. „Die Familie ist froh, wenn Admir aus der Enge rauskommt und andere Dinge erlebt. Er lebt mit seiner achtköpfigen

Text: Anette Frisch; Foto: Sina Leppert

Familie in zwei Zimmern. Tagsüber lehnen die Matratzen, auf denen sie schlafen, an den Wänden. Ich frage mich oft, wie man das aushält.“ Zurzeit kümmert sich Kornelia Wahl darum, dass Admir eine andere Schule besuchen kann. Eine, die seine Talente stärker fördert. Sie schaut sich um und spricht mit Lehrern. Eigentlich ist das nicht ihr Job, aber sie fühlt sich verantwortlich. „Die Familie ist mir ans Herz gewachsen, es ist eine emotionale Nähe entstanden. Das bleibt nicht aus, wenn man dort ein- und ausgeht.“ Nach den Sommerferien werden Admir und Kornelia Wahl getrennte Wege gehen. Die Patenschaft endet dann. Admir wird, wenn er möchte, eine neue Patin bekommen. Und Kornelia Wahl ein neues Patenkind. Dass sie sich weiterhin ehrenamtlich engagiert – das steht für die Freiburgerin fest. „Wenn Glück nicht so ein großes Wort wäre, würde ich sagen, ich bin glücklich. Ist es da nicht selbstverständlich, dass man von diesem Glück etwas abgeben möchte? Menschen etwas Gutes tun, denen es weniger gut geht? Wenn ich Geld übrig habe, spende ich. Und wenn ich Zeit übrig habe, teile ich sie mit anderen Menschen.“ Was Admir in Freiburg entdeckt hat, lesen Sie auf Seite 29.

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Reine Ehrensache In Baden-Württemberg engagiert sich fast jeder Zweite freiwillig. Die Grafik zeigt, warum sich Menschen für andere einsetzen und wo in der Welt die Bevölkerung besonders hilfsbereit ist.

1

Myanmar

2

USA

3

Neuseeland

7

Niederlande

8

Sri Lanka

9

Irland

16

Guatemala

19 20 23 28 40 58 74 78 102 129 144

Thailand Deutschland Österreich Schweden Schweiz Spanien Frankreich Polen Japan Russland China

Wer gibt am meisten? Der World Giving Index ermittelt die Hilfsbereitschaft eines Landes. In den Index fließen drei Faktoren ein: wie viel ein Land spendet, wie viele Freiwillige sich engagieren und wie viele Menschen Fremden helfen.

Bereiche, in denen sich Ehrenamtliche engagieren ...

18

16,3 %

Sport

9,1 %

Schule und Kindergarten

Infografik: Golden Section Graphics, Anton Delchmann


.

  01/2016 Dossier: Ehrenamt

61In%Baden-Württemberg engagieren

Weil ich sich überdurchschnittlich viele Menschen. mit anderen Generationen in Kontakt komme.

43,643,6 % 43,6 % %

80

%

Weil es mir Bürger engagieren Spaß macht.

48,2

der deutschen sich ehrenamtlich. Das sind 30,9 Mio. Einwohner.

%

61%

Weil ich mit anderen Generationen in Kontakt komme.

80

61%

Weil ich mit anderen Generationen in Kontakt komme.

%

61%

Weil es mir Spaß macht.

80

57%

Weil ich die Gesellschaft mitgestalten möchte.

Weil ich mit anderen Generationen in Kontakt komme.

%

Weil es mir Spaß macht.

Ein Tag im Leben eines Baden-Württembergers: 2:03 Std.

57%

Weil ich die Gesellschaft mitgestalten möchte.

0:24 Std.

Essen,Trinken, Sonstiges

57% 34 Weil% ich die

Ehrenamtliches Engagement

Weil ich Gesellschaft mich mitgestalten weiterqualifiziere. möchte.

57%

45,7 % 45,7 % *

Weil ich die Gesellschaft mitgestalten möchte.

*

41,5 41,5%% *

5:41 Std.

*

Freizeit

34%

6:29 Std.

9:23 Std.

Arbeit, Ausbildung, Hausarbeit, Familie

Ausruhen und Körperpflege

27.315.600.000 €

Weil ich mich weiterqualifiziere.

34%

Wenn sich 30,9 Mio. Ehrenamtliche 2 Std. / Wo. engagieren, multipliziert mit dem Mindeststundenlohn von 8,50 Euro, ergibt sich dieser monetäre Gegenwert.

Weil ich mich weiterqualifiziere.

9,0 % Kultur

8,5 %

Sozialer Bereich

QUELLEN: Deutsches Zentrum für Altersfragen, Freiwilligensurvey 2014 | Charities Aid Foundation, World Giving Index 2015 | Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Zeitverwendungserhebung | Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg * von 100 % der männl. und weibl. Survey-Teilnehmern

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»Wichtig ist das Ent   von Leidenschaft und Obsessionen«

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decken

  01/2016 Aus der Stiftung

Text_Anette Frisch Fotos_Burkhard Riegels, Wilhelm Betz

Der Autor Heinrich Steinfest ist Schirmherr des KulturlotsenProjekts der Stiftung Kinderland am Eltern-Kind-Zentrum Stuttgart-West. Im Interview spricht er darüber, warum es wichtig ist, die Talente von Kindern frühzeitig zu fördern.

Herr Steinfest, Sie haben kurz vor dem Abitur die Schule verlassen. Was war passiert? Oje, das hätte ich damals in dem Interview mit der ZEIT nicht gestehen dürfen. Jetzt muss ich mich erklären. – Nun, es war so, dass ich nach Jahren der Talent­ verleugnung und einer Fokussierung auf meine Defizite schlichtweg atemlos dastand, außerstande, noch durchs Ziel zu laufen. Solche Momente kommen im Leben vor und da hilft dann auch kein Zusammenbeißen der Zähne. Der Schritt in die Kunst erschien mir da genau der richtige Weg, um wieder etwas Luft zu kriegen. Natürlich, das ist ein steiniger Weg, wie gern gesagt wird, aber diese Steine waren mir so viel lieber. Steine, mit denen ich mich anfreunden konnte. Außerdem hatte ich Kafka im Gepäck. Man sollte immer eine Flasche Wasser und ein gutes Buch dabeihaben. Ich würde also auf die Frage nach den drei Dingen, die man auf eine einsame Insel mitnehmen möchte, antworten, zwei genügen. Was hat Kafka in Ihnen ausgelöst? Ich habe zum ersten Mal gespürt, wie viel Trost von der Literatur ausgehen kann. Gar nicht so sehr Rat, sondern eben Trost. Indem da einer unsere Ängste mit Sprache einfängt und sie dadurch bannt. Mir war, als könnte ich meine ganze Furcht vor dem Leben wie eine kleine Skulptur in der Hand halten. Ihr Wesen erkennen. Und daraus lernen, meinerseits solch tröstliche Skulpturen zu verfertigen. Ihre Lehrerin hat damals Ihr Sprachtalent entdeckt und Sie in Ihrer Entscheidung bestärkt. Wie wichtig war das für Sie? Sie hat einfach gesagt, ich würde das auch ohne den Abschluss hinbekommen, da in der Regel Romane nicht aus Abschlüssen herauswachsen. >>>

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»Zur Kultur gehört der Streit ganz unmittelbar dazu«

Auch beim Projekt Kulturlotsen des Eltern-Kind-Zentrums Stuttgart-West geht es darum, Talente von Kindern zu fördern und sie zu begleiten. Sind Sie deshalb Schirmherr geworden? Zunächst habe ich einen persönlichen Bezug zum Eltern-Kind-Zentrum. Ich lebe seit 16 Jahren im Stuttgarter Westen und bin seit 14 Jahren Vater eines Sohnes. Und als der klein war, habe ich diesen Ort immer mal wieder aufgesucht. Ein offener Ort, und zugleich ein geschützter. Und natürlich begreift man am besten den Nutzen einer Sache, wenn man selbst mal deren Nutznießer war. Für mich besitzen die Kulturlotsen einen zukunftsweisenden Modellcharakter. Wie meinen Sie das? Bei den Kulturlotsen geht es darum, dass Erwachsener und Kind über die Kultur miteinander ins Gespräch kommen und

Vertrauen zueinander entwickeln. Der Pate lockt das Kind sozusagen wie ein Bergführer – und Talführer – in die Kultur hinein und erfährt dadurch auch etwas über das Kind. Er führt nicht nur, sondern lässt sich auch führen, ebenfalls verlocken, weil ja auch das Kind etwas über die Topographie der Kultur weiß. Woraus ein „Zugleich“ entsteht, ein Dialog. Das hat mich animiert, das Projekt zu beschirmen. Es ist also gar nicht klar, wer hier der Kulturlotse ist? Genau das meine ich! Der Begriff sagt ja erst einmal gar nicht aus, wer wen lotst. Man meint zunächst einmal den Erwachsenen, aber es wird ja auch der Erwachsene aus seinem weltlichen Leben herausgerissen. Für ihn ist das keine Alltagssituation. Er kümmert sich ja nicht um die Enkelin oder den eigenen Sohn oder die eigene Tochter. Die beiden

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Der Schriftsteller Heinrich Steinfest (55) lebt seit 16 Jahren in Stuttgart. Er ist in Albury, Australien, geboren und in Wien aufgewachsen. Für seine Kriminalromane ist er mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet worden, wie auch mit dem Heimito-von-Doderer-Preis. Im Herbst erscheint sein neuer Roman „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“ im Piper Verlag.


01/2016 Aus der Stiftung

Wertvolle Freundschaften Bildung findet durch Beziehung statt und Beziehung durch gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen. Im Projekt „Kul-

Kultur hier wirklich alles ist: Nicht nur das, was man sofort assoziiert wie etwa einen Theaterbesuch, sondern ebenso gemeinsames Kochen oder Sport und vor allem die Philosophie. Das Leben erdenken. Sätze finden, die einem erklären, was man ist.

turlotsen – Welten verbinden für Kinder und Zukunft“ des Eltern-Kind-Zentrums Stuttgart-West (EKiZ) kommen Erwachsene und Kinder zusammen, um gemeinsam Kultur zu erleben und erlebbar zu machen. Jede Patenschaft ist individuell und wird von den Kindern und ihren Lotsen selbst gestaltet. Dadurch entstehen Partnerschaften, die Kinder stärken und auch die Familien entlasten. Das EKiZ möchte mit dem Kulturlotsen-Projekt zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen,

Und wenn die Obsession Computerspiele sind? Das ist ja grundsätzlich nichts Schlechtes. Wichtig ist, das Kind nicht allein mit den Dingen zu lassen, sondern auf seine Interessen einzugehen und miteinander zu reden. Da darf es auch Sachen geben, über die man streitet. Zur Kultur gehört der Streit ganz unmittelbar dazu. Und vor allem, wie man streitet. Die Streittechnik. Eine gute Streittechnik könnte uns alle retten.

deshalb spricht es vor allem auch Kinder aus bildungsfernen Milieus an. Im Anschluss an die Förderung durch die Stiftung Kinderland wird das Kulturlotsen-Projekt des EKiZ bis Ende 2016 vom SWR-Programm Herzenssache unterstützt. Weitere Infos unter www.eltern-kind-zentrum.de/kulturlotsen

müssen sich miteinander bekannt machen und eine Menge Dinge annehmen, die ihnen vielleicht am anderen zunächst gar nicht so vertraut sind. Diese Vertrautheit, die die Blutsverwandtschaft suggeriert, fehlt ja zunächst. Darum geht es, dass man sich mit dem anderen und sich selbst auseinandersetzt. Das sind wertvolle Erfahrungen.

Wäre das nicht eher Aufgabe der Familie? Ich denke, dass das Kind beim Lotsen über gewisse Dinge sprechen kann, die in der Familie nicht immer so leicht möglich sind. Der Kulturlotse ist der „vertraute Fremde“. Deshalb ist es auch so wichtig, dass bei den Kulturlotsen keine Vorgaben bestehen. Im Grunde erhalten Kinder bei den Kulturlotsen eine Auszeit von der Überforderung, einen intellektuellen Freiraum, der auch ohne Schnelligkeit und Zielvorgabe besteht.

Warum glauben Sie, dass Talente in der Schule untergehen? Gegenfrage: Glaubt jemand ernsthaft, dass der immense Druck, der besteht, das Beste aus uns herausholt? W. H. Auden schrieb einmal in einem Gedicht: „Alles, worum wir beten können, ist, dass Künstler, Meisterköche und Heilige uns lang noch das Leben erheitern.“ Das mit den Heiligen ist natürlich schwierig, aber man kann vielleicht versuchen, den Künstler und Meisterkoch, der in einem jedem von uns steckt, zum Vorschein zu bringen. Anzustoßen. Aufzuwecken. Oder wie bei Ihnen dazu führen, die Schule vorzeitig zu verlassen ... Auf die Geschichte habe ich im Übrigen auch viele negative Kommentare bekommen. Das sei nun wirklich ein schlechter Rat für junge Menschen, einfach so von der Schule zu gehen. Wobei ich das niemandem geraten habe. Es war für mich, den damals Atemlosen, allein der richtige Weg, und ich habe gewusst, worauf ich mich einlasse. Mit allen Konsequenzen. Aber der Punkt, der mir so wichtig erschien, war es, einen Zuspruch erfahren zu haben. Eine Inspiration. Eine Begleitung. Und dass der Weg vorbei am Gymnasium nicht notwen<<< digerweise ins Fegefeuer führt.

Kultur bewegt Das Projekt des Eltern-Kind-Zentrums ist eines von 14 Vorhaben, die die Stiftung Kinderland im Rahmen ihres Programms An die Hand nehmen – Kulturlotsen für Kinder von 2011 bis 2014 mit insgesamt 750.000 Euro gefördert hat. Ziel war es, insbesondere benachteiligten Kindern die

Warum ist Kultur für die persönliche Entwicklung so wichtig? Mir fällt dazu ein Satz ein, den ich vor Ewigkeiten gelesen habe und der mich sehr beeindruckt hat. Er ist von Antoine de Saint-Exupéry: „Eine Kultur beruht nicht auf dem Gebrauch der erschaffenen Dinge, sondern auf der Glut, die sie hervorbringt.“ Und darum geht es bei den Kulturlotsen. In den Kindern diese Glut zu erwecken. Entscheidend ist das Entdecken von Leidenschaft und Obsessionen. Wobei

Teilhabe am kulturellen Leben in der Region zu ermöglichen. Im Februar­2016 wurde das Patenschaftsprogramm mit der Veröffentlichung der Begleitforschung abgeschlossen. Wissenschaftler der Dualen Hochschule Baden-Württemberg stellten die Ergebnisse vor: 580 Paten und mehr als 1.500 Kinder haben in den drei Jahren am Kulturlotsen-Programm teilgenommen. „Gerade für Kinder ist es wichtig, in die beeindruckende Welt der Künste eintauchen zu können“, so Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung. „Mit unserem Programm haben wir viele junge Menschen erreicht, die bisher keinen Zugang zur kulturellen Bildung hatten. Das ist ein toller Erfolg!“ Die Schriftenreihe kann auf der Homepage der Baden-Württemberg Stiftung heruntergeladen oder bestellt werden. www.bwstiftung.de/publikationen

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Neue Wälder im Turbotempo

Text_Rolf Metzger

Illustration_Bernd Schifferdecker

China will riesige Waldflächen neu aufforsten. Für Wachstum und Entwicklung der Pflanzen sorgen Stammzellen.

Aus ihnen entstehen ständig neue Wurzeln und Zweige.

Freiburger Forscher helfen dabei – mit einem neuen Verfahren, das Bäume rasch vermehrt. Durch eine Kombination von Kreuzen und Klonieren entstehen schnell wachsende Bäume in großer Zahl.

S

sagt Biologe Prof. Thomas Laux von der Universität Freiburg. Das unterscheidet sie von Menschen und Tieren. Ihnen wächst allenfalls verletzte Haut nach, aber nie ein Arm oder eine Niere. Laux forscht seit Jahren, wie es Bäumen und anderen Pflanzen gelingt, sich zu regenerieren und neue Teile ihres Organismus herzustellen. „Verantwortlich für

eit fast 10.000 Jahren steht „Old Tjikko“ in einer schwedischen Berg­ region. Diese Fichte ist der älteste Baum der Welt und der knorrige Methusalem gönnt sich keine Ruhe: Bis heute bildet er Nadeln, Zweige und Wurzeln. „Pflanzen wachsen immer und können stetig neue Organe bilden“,

24


01/2016 Aus der Stiftung

Die Form der Blüte des Chinesischen Tulpenbaums gab ihm seinen Namen.

»Wir helfen den Pflanzen, ihre Fähigkeiten effektiver zu nutzen«

Superbäume aus dem Labor

das Wachstum bei allen Lebewesen sind Stammzellen“, sagt Laux. Das sind zelluläre Alleskönner, die sich in verschiedene Zelltypen verwandeln können. So entsteht aus ihnen zum Beispiel ein neuer Ast oder eine Wurzel. Das Ungewöhnliche an pflanzlichen Stammzellen ist ihre enorme Beharrlichkeit: „Sie bleiben Hunderte oder Tausende Jahre lang aktiv und behalten dennoch ihre Wandlungsfähigkeit“, erklärt der Biologe.

Gewichtige Winzlinge Wie ihnen das gelingt, hat Laux mit seinem Team herausgefunden: Biomoleküle sorgen dafür, dass stets genügend Stammzellen vorhanden sind. Diese sammeln sich an bestimmten Stellen der Pflanze und verwandeln sich entweder in Organoder in neue Stammzellen. „Eine zentrale Rolle dabei spielen sogenannte Mikro-RNAs“, sagt Laux. Das sind kleine Ribonukleinsäuren, die als Botenstoffe in und zwischen den Zellen unterwegs sind. Diese Mole­k üle transportieren Informationen und steuern so die Aktivität der Stammzellen. Das gewonnene Wissen nutzt Laux nun, um Pflanzen mit „Turboeigenschaften“ zu entwickeln – in einem neuen Forschungsprojekt, das die Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen des Programms Nicht-­ kodierende RNAs finanziert. Ziel ist, dass Bäume besonders ertragreich und schnell wachsen. Dazu setzt der Freiburger Forscher bei einem Effekt an, den Biologen „Heterosis“ nennen: „Beim Kreuzen bestimmter Varianten einer Pflanzenart entstehen Nachkommen mit außergewöhnlichen Eigenschaften“, erklärt Laux. Sie tragen besonders viele Früchte oder wachsen schneller als ihre „Eltern“. Doch diese einzigartigen Merkmale gehen bei der weiteren Fortpflanzung rasch wieder verloren. Damit sie viele schnell gedeihende Exemplare erhalten, müssen die Züchter daher ständig neue Kreuzungen herstellen – ein aufwändiger und langwieriger Prozess.

Die Forscher aus Freiburg nutzten Tulpenbäume für ihre Experimente.

Um ihn zu umgehen, bilden Laux und sein Team Klone aus künstlichen Embryonen und vervielfältigen so die Pflanzen der ersten Zuchtgeneration. Das geht schnell, ist aber erst bei wenigen Pflanzenarten möglich. Bei Bäumen etwa war dieses Verfahren oft recht ineffektiv. Die Freiburger Forscher dagegen schafften es nun, die Kombination von Kreuzen und Klonieren erstmals auch für das Vermehren von Bäumen nutzbar zu machen. Sie verwendeten dazu unter anderem Chinesische Tulpenbäume. Die Biologen sorgten mithilfe der steuernden Mikro-RNAs dafür, dass die jungen „Turbobäume“ besonders viele hochproduktive Stammzellen in sich trugen. Klingt wie Gentech­nologie, ist aber keine, betont Laux: „Wir helfen den Pflanzen einfach, ihre Fähigkeiten effektiver zu nutzen.“

Freiburger Hilfe für die Grüne Mauer Gemeinsam mit chinesischen Kollegen der Nanjing Forestry University wollen die Biologen aus Freiburg die neue Methode nun in der Praxis testen. „In China hat der wachsende Wohlstand zu einer stark steigenden Nachfrage nach Holz geführt“, sagt Laux. Die Menschen brauchen es als Brennstoff oder Baumaterial. Zwischen 2000 und 2015 hat sich der Verbrauch von Holz in China mehr als verdoppelt. Viele Wälder wurden dafür gerodet. Dem stellt die Regierung in Peking seit einigen Jahren große Pflanzungsaktionen entgegen – etwa durch das Setzen der Grünen Mauer im Norden des Landes, des größten Aufforstungsprojekts der Welt. Schnell wachsende Bäume, die sich mithilfe von winzigen, aber wirkungsvollen RNA-Molekülen rasch vermehren lassen, sollen China und anderen Ländern beim Wiederaufforsten helfen. <<<

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Volle Drohnung


01/2016 Aus der Stiftung

Text_Anette Frisch Fotos_KD Busch/Katrin Spannblöchl

Max Ruppert möchte dem Journalismus mit Drohnen neuen Schwung verpassen. An der Hochschule der Medien in Stuttgart hat er damit begonnen.

D

as Ding, das da durch die Abenddämmerung schwirrt, hört sich an wie ein Hornissenschwarm. Nur wenige Meter von Max Rupperts Balkon entfernt, bleibt es in der Luft stehen. Rote Lämpchen blinken. Ruppert ist auf Augenhöhe mit der Drohne – und er ist aufgebracht. „Hey, was soll das?“, ruft er vom fünften Stock hinunter in den Garten. „Filmst du mich etwa?“ Diese Begegnung mit dem unbemannten Flugobjekt ist mehr als drei Jahre her. Für Ruppert war sie ein Schlüsselmoment. „Ich fühlte mich in dem Augenblick beobachtet und bedroht, aber irgendwie war ich auch fasziniert“, erzählt der 41-Jährige in seinem Büro an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Und dieses „irgendwie“ hat bei dem Kommunikationswissenschaftler und TV-Journalisten dazu geführt, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Mittlerweile zählt Ruppert zu den wenigen Experten in Deutschland, wenn es um Drohnenjournalismus geht.

Bekannt aus Film und Fernsehen

Max Ruppert (re.) und Thomas Maier (li.) sorgen an ihrer Hochschule für neue Perspektiven.

Kein Tatort oder Polizeiruf kommt heute ohne Drohne – oder „Copter“, wie es im Fachjargon heißt – aus. Mit einer Kamera ausgestattet, lassen sich ungewöhnliche Aufnahmen machen. Beispielsweise der rasante Flug knapp über der Wasser­ oberfläche des Bodensees oder eine Nahaufnahme von der Spitze des Ulmer Münsters. „Kein Hubschrauber kommt so nah an Objekte heran wie ein Copter“, sagt Ruppert. Außerdem sei es einfacher und günstiger, eine Drohne loszuschicken, als einen Kamerakran aufzubauen oder Aufnahmen mit dem Helikopter zu machen. Für Ruppert steht fest: „Drohnen werden im Journalismus und in der

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Medienproduktion in den nächsten Jahren immer häufiger eingesetzt, weil sie neue Möglichkeiten eröffnen.“ Die sieht der Stuttgarter beispielsweise beim Datenjournalismus. Mit Sensoren ausgestattete Drohnen können Informationen aus der Luft sammeln, die am Boden zu Grafiken verarbeitet werden. Ein weiteres Feld sieht Ruppert bei der investigativen Recherche, wo es bereits erste Ansätze gibt. 2013 filmte ein Reporter etwa die Proteste auf dem Taksim-Platz in der Türkei mit einer Drohne und dokumentierte damit die brutale Vorgehensweise der Polizei – bis der Copter von den Beamten abgeschossen wurde.

Wildwest am Himmel Legal ist ein solcher Einsatz allerdings nicht. Der Reporter hätte eine offizielle Aufstiegsgenehmigung gebraucht, die er im Zweifel nicht erhalten hätte. Als Journalist weiß Ruppert, dass bei investigativen Recherchen rechtliche Grenzen überschritten werden können. Profis sind sich darüber im Klaren – bei Laien sieht das möglicherweise anders aus. Seit es Copter in Elektromärkten schon ab 70 Euro gibt, herrscht „Wildwest-Stimmung am Himmel“. Grundsätzlich kann jeder eine Drohne steuern, der Lust dazu hat. Er darf sie allerdings nicht über Menschen fliegen lassen und muss das Gerät stets im Blick haben. Das allerdings wissen die Wenigsten. „Es ist nicht einfach, einen Copter zu fliegen. Wenn man den nicht richtig steuert und kontrolliert, kann es gefährlich werden“, sagt Thomas Maier. Er ist wie Ruppert akademischer Mitarbeiter an der HdM und ein erfahrener Modellflugzeug-Pilot. Seit drei Jahren baut und fliegt er Multicopter. Die tech>>>


»Copterjournalismus ist unweigerlich mit technischen, rechtlichen und ethischen Fragen verzahnt«

Den Hexa-Copter haben die Studierenden selbst gebaut. Die Propeller sind sehr scharfkantig, deshalb sollte das Fliegen gelernt sein.

nische Expertise des 30-Jährigen floss in das zweisemestrige „Copter Communication Camp“ ein, das Ruppert ab dem Sommersemester 2015 an der HdM entwickelt und durchgeführt hat. Sein Ziel: Das Thema Copter Communication an der Hochschule zu verankern und mit dem Camp eine neue Seminarform auszuprobieren. Gefördert wurde Rupperts Vorhaben im Rahmen eines Fellowship für Innovationen in der Hochschullehre von der Baden-Württemberg Stiftung und dem Stifterverband.

Die Mischung macht’s 15 Studierende aus unterschiedlichen Fakultäten nahmen am Camp teil. Darunter angehende Informationsdesigner, Journalisten, Medieninformatiker und Studierende der Druck- und Medientechnik. Die Heterogenität war Max Ruppert wichtig, denn „Copterjournalismus ist unweigerlich mit technischen, recht­ lichen und ethischen Fragen verzahnt“. Gerade Letzteres führt bei der Thematik immer wieder zu hitzigen Diskussionen. Beispielsweise über Datenschutz oder die Angst vor Überwachung. „Wenn es darum geht, gibt es schlimmere Dinge“, sagt Thomas Maier. „Beispielsweise Ihr Smartphone, das Sie überall ortet.“ Außerdem seien Multicopter so laut, dass man sie auf jeden Fall bemerkt. „Dennoch muss das Bedrohungspoten­

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zial der fliegenden Systeme für Menschen und Tiere im Einsatz ernst genommen werden.“ Eine weitere Besonderheit des Camps war die enge Verknüpfung von Technik und ihrer praktischen Anwendung. Dazu zählte beispielsweise, dass die Teilnehmer zwei Copter bauten – und dafür weltweit Teile bestellen mussten, dass sie eine Aufstiegsgenehmigung beantragen und dafür den gesamten bürokratischen Prozess durchlaufen mussten, oder den Copter mit einem Sensor ausstatteten, um die Feinstaubwerte in der Luft zu messen. „Meines Wissens nach sind wir die einzige deutsche Hochschule, die das in der Form so macht“, so Ruppert.

Willkommen im MakerSpace Ruppert bekommt auch nach Abschluss seines Camps im Februar regelmäßig Anfragen. Von Studierenden, die sich einen Copter gern für eine Filmproduktion ausleihen möchten. Oder von den Agrarwissenschaftlern der Uni Hohenheim, die für Forschungsprojekte einen Copterpiloten suchen. „Wir haben durch das Camp viel Know-how aufgebaut“, sagt Ruppert. Dass das nicht verloren geht, daran arbeiten Ruppert und Maier derzeit. Sie haben sich mit dem Copter-Communication-Projekt für einen Raum im geplanten MakerSpace der Hochschule beworben – eine Art Hightech-Werkstatt, in der Studierende rund um die Uhr tüfteln können. <<< volledrohnung.wordpress.com drohnenjournalismus.tumblr.com


01/2016 Aus der Stiftung

L e se n S me h r z u i e rP Korne lia at i n W a u f S e i t ahl e 1 7.

Der Stadtentdecker „Das Foto mag ich sehr gern. Da habe ich vom Münster­ turm herunterfotografiert. Wir mussten 209 Stufen gehen, bis zur Kasse. Dann nochmal 56 bis nach oben. Von hier aus sind die Menschen so klein, dass man meint, sie zerdrücken zu können.“

Der zwölfjährige Admir und Kornelia Wahl sind über das Projekt City Kidz zusammengekommen. Auf ihren Streifzügen durch Freiburg und Umgebung hat Admir Fotos gemacht – und dabei interessante Dinge entdeckt.

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„Das Fahrrad steht immer im Bächle. Es ist so eine Art Werbung. Als ich einmal dran vorbeigegangen bin, war es so, als würde der Frosch Fahrrad fahren. Genau wie jetzt auf dem Foto.“

„Das Krokodil schwimmt im Gewerbebach. Der fließt mitten durch die Stadt. Ob ich Angst vor dem Krokodil habe? Warum? Es ist nett, es macht nichts.“ „Die Rutsche steht im Badeparadies in Titisee. Es gibt dort Rutschen, die sind 120 und 180 Meter lang. Ich finde die Farben echt cool.“

30


01/2016 Aus der Stiftung

„Man guckt nicht immer nach oben, sondern manchmal auch auf den Boden. Da habe ich die Spalten zwischen den Steinen entdeckt. Die finde ich toll. Sie sehen aus wie ein Labyrinth.“

„Das war bei unserem ersten Treffen. Da waren Konni und ich im Mundenhof. Der Bulle war ein bisschen böse. Er hat mich provoziert, er ist immer mit den Hörnern nach vorn gekommen. Ein bisschen hatte ich Angst vor ihm.“

City Kidz Admir kam mit seiner Familie vor sechs Jahren aus dem Kosovo nach Freiburg. Über City Kidz hat er Kornelia Wahl, seine Patin auf Zeit, kennengelernt (s.  S.  17). Das Projekt des Freiburger Vereins Kommunikation und Medien startete im Oktober 2015. Es ermöglicht Patenschaften, bei denen Kinder mit Fluchterfahrung individuell betreut werden. Dabei treffen sich Pate und Patenkind einmal wöchentlich und verbringen Zeit miteinander. Das Besondere: Die Kinder können ihre Eindrücke kreativ verarbeiten, indem sie zum Beispiel Fotos machen oder Bilder malen. Im Rahmen ihres Programms Pädagogische Freizeitangebote für Kinder mit Flucht­ erfahrung fördert die Stiftung Kinderland das Projekt City Kidz drei Jahre lang. Weitere Informationen: www.citykidz.de

Text: Anette Frisch; Fotos: Admir, Sina Leppert

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Komm mit in das gesunde Boot

Einfach mal innehalten Die Kinder beobachten, wie auf einer großen Uhr mit Sekundenzeiger eine Minute vergeht. Danach schließen sie die Augen und versuchen, eine Minute lang still zu sitzen.

Es ist gesund, sich regelmäßig zu bewegen und sich abwechslungsreich zu ernähren: Eine Binsen­ weisheit, und dennoch zeigen Studien, dass die körperliche Aktivität tendenziell abnimmt und immer mehr Menschen sich eine ungesunde Lebensweise angewöhnen. Vorbeugung findet idealerweise so früh wie möglich statt: im Kindesalter. Genau da setzt das Programm Komm mit in das gesunde Boot der Baden-Württemberg Stiftung an. Schon im Kinder­ garten vermittelt es den Mädchen und Jungen Freude an der Bewegung, sensibilisiert sie für eine gesunde Ernährung und gibt ihnen Anregungen, wie sie die eigene freie Zeit sinnvoll und abwechslungsreich gestalten.

60

Minuten So lange sollten Kinder und

In den zehn Jahren, die es das Programm bereits gibt, ist es an mehr als einem Drittel aller Grundschulen und in mehr als 550 Kindergärten in Baden-Württemberg umgesetzt worden. Und es geht weiter: Die Stiftung hat die Finanzierung bis Ende 2018 verlängert.

Jugendliche im Alter von fünf bis 17 Jahren jeden Tag körperlich aktiv sein, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In Deutschland macht das nur jedes siebte Kind.

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Text: Iris Hobler; Fotos: Franz Scholz


01/2016 Aus der Stiftung

Kinder gehen auf eine span-

Die wissenschaftliche Evalua-

nende Entdeckungsreise beim

tion des Programms durch ein

Fühlspaziergang. Sie schließen

Team der Universität Ulm

immer mal wieder die Augen und

zeigt: Das gesunde Boot wirkt,

ertasten Dinge, die sie jeden

ist ökonomisch effektiv und

Tag sehen. Den Baumstamm, das

bei allen Beteiligten – Kin-

Treppengeländer, die Hecke,

dern, Pädagogen und Eltern –

die Pflastersteine  ...

in hohem Maße akzeptiert.

2.739 Lehrer × gesundes Boot = 65.000 Schüler von Grund- und Sonderschulen, die Finn und Fine kennen. Plus 26.500 Jungen und Mädchen aus Kindergärten Baden-Württembergs, die mit im Boot sitzen. Finn und Fine sind übrigens die Identifikationsfiguren des Programms und wahre Experten, wenn’s um Gesundheit geht.

Zu wenig Obst, Gemüse und Ballaststoffe

Die Eltern sitzen mit im gesunden Boot. Über spezielle Informationen und die sogenannten Elternbriefe werden sie mit in das Programm einbezogen. Diese Briefe gibt

Zu viel Fleisch und Süßigkeiten:

es in vier Sprachen: Deutsch,

Dadurch ist schon bei den Drei-

Russisch, Türkisch und

bis Sechsjährigen die Ernährung

Englisch. Und Arabisch wird

gekennzeichnet.

derzeit vorbereitet.

„Abrakadabra – ich verzaubere euch in Elefanten“: Ein

Übergewicht

Kind ist der Zauberer, die anderen bewegen sich wie die Tiere, die der Zauberer sich

Eltern geben laut der Stu-

Mehr als neun Prozent der Drei- bis

die „Kinder und Medien“ (KIM)

Sechsjährigen in Deutschland wiegen

an, dass ihre Kinder an einem

zu viel; bei den Sieben- bis Zehn-

durchschnittlichen Tag 93 Minu-

jährigen sind es bereits 15 Prozent.

ten fernsehen, 36 Minuten das

Verglichen mit Zahlen aus den 1980er

Internet nutzen, 33 Minuten

und 1990er Jahren, so sagen Wissen-

an Computer, Konsole oder im

schaftler, ist das ein Anstieg um

www.gesundes-boot.de

Internet spielen.

50 Prozent.

KIM-Studie unter www.mpfs.de

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ausdenkt. Gelingt es ihm, ein anderes Kind zu fangen, übernimmt das die magische Rolle.


Teamwork auf zwei Kontinenten Die eine Schule liegt in Bad Mergentheim. Die andere in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Ein Ausstellungsprojekt brachte die Schüler einander näher.

Das Projektteam der Kaufmännischen Schule aus Bad Mergent­ heim hatte viel Unterstützung beim Umsetzen der Ausstellung.

M

obil – nicht nur auf Rädern, sondern auch im Kopf: Unter diesem Motto stand der beo – Wettbewerb Berufliche Schulen, den die Baden-Württemberg Stiftung alle zwei Jahre ausruft. „Mobilität ist einerseits ein menschliches Grundbedürfnis. Andererseits wandelt es sich in unserer immer stärker technisierten und globalisierten Welt ständig“, sagt Christoph Dahl, Geschäftsführer der Stiftung. „Mit unserem Thema haben wir den Bogen bewusst weit gespannt. Die Schüler sollten Mobi­ lität räumlich, virtuell und nachhaltig interpretieren können.“ Acht eingereichte Projektideen wurden finanziell gefördert. Eines der Projekte war schon in der Durchführung besonders auf virtuelle Mobilität angewiesen: Das Projektteam des Wirtschaftsgymnasiums Bad Mergentheim stellte gemeinsam mit einem Team von der Accra Academy in Ghana – rund 5.000 Kilometer Luftlinie entfernt – eine Ausstellung auf die

Beine. „One world – two realities. A chance to connect different worlds“, so der Titel der Schau, die sich mit Mobilität in Deutschland und in Ghana befasste. Wieso ausgerechnet Ghana? Klaus Huth, Lehrer am Wirt­ schaftsgymnasium: „Vor einem Jahr war Gershon Awudi, ein Lehrer der Accra Academy, für drei Wochen als Austausch­ lehrer an der Kaufmännischen Schule Bad Mergentheim. In unseren Gesprächen entstand die Idee, dass die Schüler hier und in der ghanaischen Hauptstadt Accra irgendwann einmal etwas gemeinsam machen könnten.“ Als Klaus Huth die beo-Ausschreibung in die Hände fiel, konkretisierte sich das deutsch-­a frikanische Vorhaben. Die eingereichte Projekt­ skizze überzeugte und noch vor den Sommerferien 2015 kam die Förderzusage. Von September 2015 bis zur Ausstellungseröffnung im Februar 2016 lief das Projekt parallel zum ganz normalen Unterricht. Intensiv beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit Aspekten von Mobilität, standen im Austausch mit jungen Menschen in Ghana und entwickelten im Kontakt mit den Experten des Deutschordensmuseums in Bad Mergentheim Ideen für die Sonderausstellung, die von Februar bis April in den repräsentativen Räumen des ehemaligen Schlosses zu sehen war. Was unterscheidet den Handel in Deutschland von dem in Ghana? Wie hoch sind die Bruttoinlandsprodukte der beiden Länder? Wie sieht der Schulalltag in einem afrikanischen Land aus? Themen der Ausstellung, die eine Ahnung von den großen Unterschieden zwischen beiden Ländern vermittelten. Klaus Huth fasst zusammen, was für alle am Projekt Beteiligten eine wichtige Einsicht war: „Für uns in Deutschland ist eine große Beweglichkeit in unserem Alltag absolut selbstverständlich. Erst in der Begegnung mit einer anderen Kultur konnten wir das auch erkennen und wertschätzen.“ <<< Mehr zum beo-Wettbewerb unter www.beo-bw.de

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Text: Iris Hobler; Fotos: KD Busch; privat


01/2016 Aus der Stiftung

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»Wir haben gelernt, wie man Pläne über den Haufen wirft und neu beginnt«

ea, Mareike und Simon: Die drei 18-Jährigen gehen aufs Wirtschaftsgymnasium der Kaufmännischen Schule in Bad Mergentheim und haben gemeinsam mit elf Mitschülerinnen und zwei Lehrern die Ausstellung im Deutschordensmuseum auf die Beine gestellt. Ein Projekt, das allen viel abverlangte.

Geschichten haben wir in die Ausstellung integriert. Sie haben also im Laufe des Projektes noch die Konzeption verändert? Lea: Wenn wir etwas gelernt haben in >>> diesem Projekt, dann wie man

Was hat Sie gereizt, an dieser Ausstellung mitzuarbeiten? Lea: Am Wirtschaftsgymnasium haben wir keine Fächer wie Kunst oder Musik. Deshalb war es eine gute Gelegenheit, etwas Kulturelles zu machen. Simon: Mich hat vor allem die Zusammenarbeit mit den Jungen des Internats aus Accra interessiert. Was sie denken, wie ihr Alltag aussieht. Dieser direkte Kontakt war eine super Gelegenheit, mein Englisch zu verbessern. Mareike: Ich wollte mehr über die Fluchtproblematik erfahren. Das ist ja auch eine Form von Mobilität: Da machen sich Menschen auf den Weg, aber unfreiwillig. Jedenfalls haben wir zu Anfang vorgehabt, am Beispiel von Ghana Gründe für die Flucht nach Europa darzustellen. Zu Anfang? Mareike: Unser Ansprechpartner in Accra, Derice, hat recherchiert, dass Flucht gar kein großes Thema in Ghana ist. Da hatten wir ganz einfach falsche Vorstellungen. Wir haben dann beschlossen, Gründe für Flucht trotzdem als Ausstellungsthema beizubehalten, weil es uns gerade alle bewegt und betrifft. In Bad Mergentheim haben wir zwei junge Männer ausfindig gemacht, die vor ein paar Monaten aus Syrien und Gambia geflohen sind. Ihre

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Lea (links), Simon und Mareike vor dem Deutschordensmuseum in Bad Mergentheim, dem Ort ihrer Ausstellung.


»Mir ist klar geworden, wie verwöhnt wir sind« Pläne über den Haufen wirft und neu beginnt. Das fing schon mit der Kontaktaufnahme zu den Jungs in Accra an. Wir wussten anfangs nicht, dass die Schüler im Internat keine Handys und Laptops benutzen dürfen. Und zu Hause sind sie ja nicht oft. Also sind unsere Mails einige Wochen lang ins Leere gelaufen. Simon: Als die Kommunikation allmählich funktionierte, haben wir uns auf die verschiedenen Themen und Aufgaben geeinigt. Wir wollten ja Informationen über Mobilität direkt aus dem Land, und uns war die Sicht der ghanaischen Schüler wichtig, ihre eigenen Erfahrungen. Stattdessen schickten viele von ihnen Texte aus Wikipedia … Mareike: Im Nachhinein glaube ich, dass viele der Jungs mit ihren 16 Jahren einfach zu jung waren. Ein paar haben super mitgearbeitet, aber die meisten hatten einfach kein Interesse. Deshalb haben wir Kontakt zur Uni aufgenommen und zwei Studentinnen gefunden, die uns unterstützt haben. Das lief dann sehr gut.

Lea: Und dann ist die Verpflichtungserklärung trotz Einschreiben verloren gegangen. Also haben wir sie erneut ausgefüllt und per Express versendet. Ende Januar hat die deutsche Botschaft den Vieren dann einen Termin gegeben: für den 23. März! Wir haben mit der Botschaft telefoniert, die Stiftung hat sich eingeschaltet, alles vergeblich. Drei Wochen vor der Vernissage wussten wir also, dass wir nicht gemeinsam auf der Bühne stehen würden. Simon: Das war echt bitter. Wir machen ein Mobilitätsprojekt, und schaffen es nicht, unsere Partner hierherzubringen. Diese ganze Bürokratie sorgt dafür, dass Mobilität eine Einbahnstraße ist.

beo fördert den Teamgeist Seit 15 Jahren gibt es den beo – Wettbe­ werb Berufliche Schulen der Baden-Württemberg Stiftung. Mehr als 800 Projektgruppen aus über 200 beruflichen Schulen

Waren Sie mit der Vernissage trotzdem zufrieden? Lea: Unbedingt! Sana, das ist eine Ghanaerin, die seit etwa 20 Jahren in Bad Mergentheim lebt, hat für den Abend afrikanisch gekocht, Kartoffeln mit Yams. Sie hat Trommeln mitgebracht und wir haben Musik gemacht, getanzt und gesungen. Der rote Saal des Museums war voll. Wir hatten 200 Gäste! Hat das Projekt etwas für Sie ganz ­persönlich verändert? Simon: Ich habe gelernt, anderen zu vertrauen und ihre Arbeit zu schätzen. Bisher war ich eher derjenige, der alles am liebsten selbst macht … Lea: Mein Problem ist, dass ich schwer nein sagen kann. Damit habe ich mir viel Stress bereitet. Ich werde künftig besser Grenzen ziehen. Mareike: Mir war gar nicht klar, wie viele Vorurteile ich habe. Erst als ich die Flüchtlinge kennen gelernt habe, sind mir meine Berührungsängste deutlich geworden. Ich bin heute viel offener.

und Ausbildungsbetrieben haben bereits

Diese beiden Studentinnen und zwei von den Jungen aus dem Internat sollten bei der Vernissage Ende Februar mit auf der Bühne im Museum stehen – warum hat das nicht geklappt? Simon: Es ist wahnsinnig kompliziert, für einen Besuch in Deutschland ein Visum zu bekommen. Unser Lehrer, Klaus Huth, musste eine sogenannte Verpflichtungserklärung ausfüllen. Da wurde sein Einkommen abgefragt und das seiner Frau, die Zinsbelastung des Hauses und solche Dinge. Mareike: Außerdem mussten wir im Vorhinein eine Haftpflicht- und eine Krankenversicherung für jeden Besucher abschließen, Geld für die Pässe überweisen und die Flüge buchen. Alles, obwohl nicht klar war, ob die Visa für die drei Wochen überhaupt ausgestellt werden.

daran teilgenommen. Die jungen Menschen stellen in Projekten zu thematischen Schwerpunkten Kreativität, Teamgeist und Engagement unter Beweis. Und zeigen so auch anschaulich, was die duale Ausbildung in Baden-Württemberg zu leisten vermag. In diesem Jahr gingen die beo-Trophäe und der Jurypreis in Höhe von 1.500 Euro an das Projektteam der Beruflichen Schule im Mauerfeld Lahr. Die Schüler hatten eine webbasierte Plattform entwickelt, mit deren Hilfe sich Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung leichter im öffentlichen Nahverkehr der Stadt bewegen können. Die zweite Auszeichnung und den Publikumspreis über 500  Euro erhielt das Team der Gewerbeschule Breisach, das ein klassisches Kart mit einem Elektromotor ausgestattet hatte.

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Und was haben Sie über Mobilität gelernt? Lea: Zu Anfang war das für mich nur ein Begriff mit einer ungefähren Bedeutung. Jetzt ist es viel mehr: Beweglichkeit im Geist, Improvisation, sich öffnen, Freiheit … Mareike: … aber es gibt eben auch eine Kehrseite. Da sind Jungs, jünger als ich, und die sind monatelang über viele Grenzen hinweg unterwegs. Zu Fuß, mit Bus, Auto, Schiff. Und ich beschwere mich, wenn ich mal mit dem Zug fahren muss. Simon: Mir ist klar geworden, wie verwöhnt wir sind. In Deutschland fährt der Bus auch, wenn ich allein drinsitze. In Ghana fährt der Bus erst, wenn er voll ist. Von Deutschland aus fliege ich relativ einfach in alle Welt – für viele Afrikaner ist das utopisch. <<<


01/2016 Aus der Stiftung

Adleraugen aus dem Drucker E

ndoskope ermöglichen es Ärzten, tief in den menschlichen Körper hineinzublicken, ohne zu Schere oder Skalpell greifen zu müssen. Geschwüre im Magen, Polypen im Darm, Ablagerungen in der Lunge oder Schädigungen der Gebärmutter lassen sich mit den millimeterdünnen, schlauchartigen Instrumenten aufspüren und untersuchen. Kleine optische Linsen, lichtleitende Glasfasern und mitunter auch eine winzige Kamera an der Spitze des Endoskops liefern aufschlussreiche Bilder aus dem Körperinneren. Doch trotz des enormen Fortschritts bei der schonenden Diagnostik, den die Endoskopie den Medizinern in den letzten Jahrzehnten beschert hat, ist der Zugang zu einigen besonders engen Körperregionen, etwa zum Tränenkanal am Auge oder zu Speichelkanälen im Mund, bislang sehr schwierig.

Superschlanke Endoskope, die nicht dicker sind als ein menschliches Haar, könnten das ändern. Die Basis dafür legten Wissenschaftler der Universität Stuttgart. Ihr Trick: Sie stellen die Linsen, die für das Objektiv eines Endoskops benötigt werden, nicht auf herkömmliche Weise durch Gießen, Pressen oder Schleifen von Glas oder Kunststoff her, sondern lassen sie von einem 3D-Printer drucken. „Damit können wir Linsen produzieren, die nur wenige Zehntelmillimeter klein sind und dennoch exzellente optische Eigenschaften haben“, sagt Prof. Harald Giessen, Leiter des 4. Physikalischen Instituts der Universität Stuttgart. Dass das geht, bewies Dr. Timo Gissibl aus Giessens Forscherteam in den letzten Jahren im Rahmen seiner Doktorarbeit, für die er mit dem Nachwuchs­ preis 2015 der Deutschen Gesellschaft >>>

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Ein feiner Spion: Winzige Linsen aus dem 3D-Drucker, angebracht an ultradünnen medizinischen Endoskopen, ermöglichen einen scharfen Blick in Körperregionen, die bislang für solche Instrumente unzugänglich waren.

Text: Rolf Metzger; Fotos: © edwardolive/istock.com; Timo Gissibl, Universität Stuttgart


Filigrane Linsen: Die Aufnahmen eines Elektronenmikroskops offenbaren die Details der Optiken aus dem 3D-Drucker: wenige Mikrometer kleine Linsen auf einer Glasfaser (links). Mehrere frei geformte Linsen lassen sich an einem Stück drucken (rechts).

für angewandte Optik ausgezeichnet wurde. Mit einem 3D-Drucker stellte der Physiker etliche Linsen unterschiedlichster Form her sowie komplette Objektive, die von vornherein aus mehreren Linsen bestehen. Die Hohlräume zwischen ihnen werden beim Drucken des Objektivs einfach ausgespart. Die bestmögliche Gestalt der optischen Elemente errechnet Kollege Simon Thiele per Software am Computer, bevor sie mithilfe von Laserlicht aus einer speziellen lichtempfindlichen Flüssigkeit Zeile für Zeile und Schicht für Schicht gedruckt werden.

Mit Laserlicht zur Linse Das Projekt wurde von der Baden-Württemberg Stiftung finanziert, die im Rahmen des Programms Internationale Spitzenforschung II auch den Weg für die Anschaffung des speziellen 3D-Druckers ebnete. Mit diesem Gerät schaffte es Gissibl ebenfalls, die Endoskopoptik direkt auf eine feine Glasfaser aufzubringen – eine enorme Vereinfachung bei der Fertigung des medizinischen Instruments. Der Stuttgarter Physiker, der mit Forscherkollegen des Instituts für Technische Optik (ITO) zusammenarbeitete, konnte nebenbei noch ein weiteres Manko der Endoskopie beseitigen. „Ein großes Problem bei solchen Untersuchungen ist die Beleuchtung“, sagt Institutsleiter Giessen. Wenn das Endoskop etwa in den Magen oder Darm geschoben wird, lässt eine Lampe, deren Licht über eine Faser aus Quarzglas in den Körper gelangt, die Mitte besonders hell erscheinen – der Rand dagegen wird nur schwach beleuchtet. Dazu kommt ein optischer Effekt, den auch Fotografen kennen und der im Fachjargon als Vignettierung bezeichnet wird: Er sorgt dafür, dass die Objektivhülle den Rand des Bildes abschattet. Deshalb geht auch dort die Helligkeit teilweise verloren. „Ein doppeltes Ärgernis“, meint Giessen. Mithilfe des 3D-Druckers lassen sich diese störenden Einflüsse durch ein geschicktes Design der

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Linsen vermeiden. „Mit dem dreidimensionalen Drucken ist es zum ersten Mal möglich, beliebig geformte optische Elemente herzustellen“, betont Timo Gissibl – etwa Linsen mit unterschiedlich starker Krümmung oder Dellen in der Oberfläche. Herkömmliche Fertigungsverfahren sind dazu kaum in der Lage. Für die Zukunft der medizinischen Praxis bedeutet die enorme Flexibilität bei der optischen Gestaltung: Die Bilder des Endoskops werden gleichmäßiger ausgeleuchtet und hochaufgelöst, krankhafte Veränderungen am Körpergewebe werden sich dadurch besser und frühzeitiger als bisher erkennen lassen.

Scharfblick für Minidrohnen In einem neuen Forschungsprojekt wollen die Stuttgarter ihr pfiffiges Verfahren weiterentwickeln. „Unser Ziel ist es, optische Linsen direkt auf einen winzigen Mikrochip zu drucken“, sagt Simon Thiele vom ITO. Dass das funktioniert, haben Timo Gissibl und er im Labor bereits gezeigt. Nun wollen die beiden Forscher die Technologie zur Produktreife bringen. Was am Ende entstehen soll, sind scharfe digitale Augen für Maschinen, Fahrzeuge oder Flug­objekte. „Hummelgroße fliegende Drohnen würden damit zu findigen Spähern“, sagt Harald Giessen. Mit derartigen Adleraugen ließen sie sich zwar glänzend für Spionagezwecke nutzen – aber auch, um Brücken oder Türme auf Schäden zu inspizieren. In Fabriken könnte das winzige Chip-Auge Robotern ein künstliches Augenlicht geben. An Ideen, wie sich ihre Erfindung nutzen ließe, mangelt es den Forschern also nicht. Für ihre bisherigen Entwicklungen, über die sie in renommierten Fachmagazinen berichtet haben, sind mehrere Patente angemeldet. Für medizinische Anwendungen entwickeln sie derzeit neuartige ultradünne Endoskope, für die der Eingang zum Tränen­kanal kein Hindernis mehr darstellen wird. <<<


01/2016 Aus der Stiftung

Verwende deine Jugend! Das Projekt In Zukunft mit UNS! wird im Auftrag

der Baden-Württemberg Stiftung vom Landesjugend­ ring Baden-Württemberg in enger Abstimmung mit der Landeszentrale für politische Bildung durchge-

führt. Es ist Teil des Stiftungsprogramms Bürger­

beteiligung und Zivilgesellschaft. Ziel des Projekts ist es, junge Menschen zu motivieren und zu

qualifizieren, sich für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen einzusetzen. Weitere Infos ­unter www.beteiligungslotse.de

Seit Ende 2015 soll in Baden-Württembergs Städten und Gemeinden nichts mehr ohne die Stimmen der Jugend­ lichen entschieden werden. Früher konnten sie bei kommunalen Vorhaben, die ihre Interessen berühren, beteiligt werden – mit Paragraf 41 der geänderten Gemeindeordnung müssen Kommunen sie einbeziehen. Im Februar trafen sich mehr als 80 Akteure aus Kommunen und Jugendarbeit zur Tagung „Jugendbeteiligung wirksam gestalten“ an der Evangelischen Akademie Bad Boll. In Workshops diskutierten die Teilnehmer Möglichkeiten, wie Jugendliche noch stärker ins Gemeindeleben eingebunden werden können. Die zweitägige Veranstaltung war ausgebucht und wurde von der Baden-Württemberg Stiftung und der Jugendstiftung des Landes gefördert. Wie es um die Jugendbeteiligung im Land bestellt ist? Das sagen die Teilnehmer:

Birthe Tillmann, 29, ist Jugendreferentin beim Kreisjugendring Ravensburg

Jede Gemeinde funktioniert anders „Jugendliche sind politisch sehr interessiert. Sie reagieren emotional, haben eine feste Meinung, möchten etwas bewegen. Vielen ist nicht bewusst, dass genau das schon Politik ist. Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, Kommunen bei der Planung von Beteiligungsmodellen zu beraten. Dabei schaue ich mir mit den Jugendlichen und Verantwortlichen aus Stadt und Vereinen die Situation vor Ort an. Gemeinsam entwickeln wir Möglichkeiten, die zur Kommune passen. Jede Gemeinde funktioniert anders.“ >>>

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Text: Anette Frisch; Fotos: Christian Mader


Jugendliche müssen begleitet werden Herbert Stemmler, 58, leitet das Kinderund Jugendreferat der Stadt Rottweil

Markus Dehnert, 31, arbeitet in der Verwaltung des Kreisjugendrings Göppingen

Sich trauen, zu vertrauen „In Geislingen gab es einen kleinen Skatepark. Ich war damals im Vorstand des Stadtjugendrings. Gemeinsam mit dem Jugendgemeinderat haben wir uns beim Oberbürgermeister dafür eingesetzt, den Platz zu einem inklusiven Skatepark auszubauen. Heute geben wir dort nicht nur Workshops für Anfänger. Wir haben auch Leihrollstühle und bieten Jugendlichen ohne Behinderung an, damit zu fahren und sich auszuprobieren. Wenn man gemeinsam Politik machen will, müssen sich Erwachsene noch mehr trauen, Jugendlichen zu vertrauen. Das fehlt mir manchmal noch zu sehr.“

„Wir haben in der Vergangenheit mehrere Versuche gestartet, Jugendliche konsequent in die Gemeinde einzubinden. Durch ein Jugendforum zum Beispiel. Das hat einige Zeit funktioniert. Wir wollten auch einen Jugendgemeinderat. Aber der ist nicht zustande gekommen. Das Interesse der Jugend­ lichen verlor sich auf dem Weg dorthin. Heute denke ich, vielleicht waren das nicht die richtigen Beteiligungsmodelle. Vielleicht passen ein Jugendbeirat oder eine Zukunftswerkstatt besser zu unserer Gemeinde. Gleichgültig für welches Modell wir uns entscheiden: Mir ist klar geworden, dass wir in der Kommune die Jugendlichen begleiten und unterstützen müssen. Und dafür brauchen wir zusätzliche Ressourcen.“

Politik geht nicht von 0 auf 100

Anne-Marie Berg, 19, engagiert sich im Jugendgemeinderat Pforzheim und macht derzeit ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei der Jugendstiftung Baden-Württemberg

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„Jugendliche sind stark darin, eine Idee zu finden. Das habe ich im Jugendgemeinderat oft genug erlebt. Da wird schnell mal gefordert, ein Gebäude abzureißen und durch ein Café zu ersetzen. Aber natürlich lassen sich Gebäude nicht einfach so abreißen. Und das ist es, was Erwachsene an Jugendlichen oft kritisieren und was Jugendliche lernen müssen: dass Engagement Beständigkeit und Ausdauer braucht. Politik geht nicht von 0 auf 100, manchmal funktioniert etwas nicht und dann muss man einen anderen Weg suchen. Der Jugendgemeinde­rat ist eine gute Vorbereitung darauf, wie Politik funktioniert. Ich bin zwei Jahre lang aktiv gewesen und mit meiner Stadt zusammengewachsen. Ich werde mich immer dafür interessieren, was sich politisch in Pforzheim tut.“


01/2016 Aus der Stiftung

Wir müssen auch die erreichen, die wir sonst nicht im Blick haben Daniel Mühl, 30, betreut als Programmreferent des Landesjugendrings Baden-Württemberg unter anderem das Projekt In Zukunft mit UNS!

„Die große Herausforderung besteht darin, auch Jugendliche zu erreichen, die wir sonst nicht im Blick haben. Die schulischen oder außerschulischen Bildungsangebote sind viel zu sehr auf Gymnasien ausgerichtet und zu wenig auf Haupt- oder Werk­ realschulen. Wir brauchen neue Methoden und Formate. Die Stadt Herrenberg macht das zum Beispiel ganz gut. Hier gehen junge Menschen, die in Beteiligungsprozessen involviert waren, an diese Schulen und erklären, was Beteiligung eigentlich ist und wie sie in der Kommune funktioniert. Diesen ersten persönlichen Kontakt brauchen Jugendliche, um überhaupt ein Interesse fürs Thema zu entwickeln.“ <<<

Isabell Kasalo, 26, arbeitet bei der Fachstelle für Jugendbeteiligung beim Stadtjugendausschuss in Karlsruhe

Wir möchten eine stadtweite lebendige Jugendbeteiligung „Jugendbeteiligung spielt in Karlsruhe eine wichtige Rolle. Wir haben letztes Jahr bereits unsere dritte Jugendkonferenz veranstaltet. Und es wird auch nächstes Jahr eine geben. Unsere Herausforderung ist derzeit, die vorhandenen Beteiligungsformen in Verbänden, Vereinen, Schulen und der Jugendarbeit zu bündeln und sie als festen Bestandteil der kommunalen Politik zu integrieren. Wir möchten, dass sich eine stadtweite lebendige Jugendbeteiligung entwickelt.“

Es gibt viele Arten, sich zu engagieren „Jugendliche müssen nicht unbedingt partei­ politisch aktiv sein, um etwas zu verändern. Es gibt viele Arten, sich zu engagieren. Beispielsweise das Jugendhaus mitgestalten, Kinder bei einer Ferien­f reizeit betreuen und dort Beteiligung vorleben oder sich in einem Verein engagieren. Mit unserem Projekt haben wir den Blick auf Jugendbeteiligung deutlich erweitert und dazu beigetragen, dass sich der Diskurs in Baden-Württemberg weiterent­w ickelt hat.“

Nikolaj Midasch, 33, ist beim Landesjugendring tätig und koordiniert das Projekt In Zukunft mit UNS!

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»Es ist ein Mythos, dass Armut uns nichts kostet« Über Armut lässt sich trefflich streiten. Ist die Armutsquote aussagekräftig? Wer ist besonders betroffen? Wie lässt sich wirkungsvoll gegensteuern? Der Soziologe Andreas Haupt nähert sich dem Thema auf neuen Wegen. Herr Haupt, Ihre Leidenschaft gehört der Armut. Warum? Andreas Haupt: Ich verstehe mich als Ungleichheitsanalytiker. Mich hat schon während meines Soziologiestudiums in Jena interessiert, wie Ungleichheit entsteht, etwa bei Bildungschancen oder bei Erbschaften. Es war der nächste logische Schritt, mich mit Armut und Reichtum in Deutschland zu befassen. Was Sie zurzeit ganz intensiv tun, nämlich im Rahmen Ihrer Habilitation … Ja. Mich stellen die gängigen Modelle, mit denen Armut erklärt wird, nicht zufrieden. Ich möchte anders an Verteilungen herangehen und mehr über die Ursachenkomplexe forschen, sozusagen die Verteilungslogik verstehen. Die Basis dafür ist ein ganz neues statistisches

Verfahren, das ich für die Armutsforschung einsetze. Meine Habilitation wird eine Art Lehrbuch, in dem ich dieses Verfahren diskutiere und erweitere. Haben Sie ein Beispiel dafür, was Sie anders machen? Nehmen Sie junge Menschen, die ausziehen und den eigenen Haushalt gründen. Sie spielen für den Anstieg der Armutsquote eine sehr kleine Rolle. Daraus könnte man folgern, dass es jungen Haushalten auch nicht schlechter gehe. Wir können mit unserem neuen Verfahren hingegen statistisch belegen: Die ökonomische Situation junger Haushalte hat sich in den letzten 30 Jahren stark verschlechtert. Das schlägt sich nur deshalb nicht in der Armutsquote nieder, weil immer weniger junge Menschen den eigenen Haushalt gründen.

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Andreas Haupt, 33, wird seit Mai 2015 über das Eliteprogramm für Postdoktorandinnen und Postdoktoranden der Baden-Württemberg Stiftung gefördert. Damit finanziert er sein For­s chungsprojekt am ­Institut für Soziologie, Medienund Kultur­w issenschaften des KIT für die nächsten zwei Jahre.

Text: Iris Hobler; Fotos: privat; © estherpoon/fotolia.com


01/2016 Aus der Stiftung

Eine Entwicklung, die man beispielsweise aus Italien oder Spanien kennt.

12,5 Millionen arme Menschen in Deutschland

Ihre Methode erlaubt es Ihnen also, Ursachen nachzuweisen, die so bislang allenfalls vermutet wurden? Exakt. Wir sind mit unserer Methode in der Lage, falsche Schlüsse zu enttarnen und zielgenauere Maßnahmen zu empfehlen.

Nach einer Definition der EU gelten Menschen als von Armut gefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren gesellschaftlichen Einkommens verfügen. Haushalte mit einer Person und einem Einkommen von weniger als 892 Euro netto pro Monat sind nach dieser Definition hierzulande arm; bei einer

Seit rund 18 Jahren steigt die Armutsquote in Deutschland. Und über die Gründe wird viel diskutiert. Was haben Sie dazu herausgefunden? Wir können belegen, dass es ganz eindeutig der Arbeitsmarkt ist, der die Zahl der von Armut Betroffenen in die Höhe treibt. Erstens werden im Durchschnitt deutlich niedrigere Löhne gezahlt als etwa in den 1990er Jahren. Zweitens sind immer mehr Frauen auf dem Arbeitsmarkt – und das eher im unteren Teil der Lohnschere, die sich weiter öffnet. Drittens verändern sich die sogenannten Erwerbsbiographien. Immer weniger Menschen arbeiten mehrere Jahrzehnte ununterbrochen. Sie zahlen weniger in die Rentenversicherung ein, erhalten künftig also eine geringere Rente. Das ist ein Armutsrisiko, dessen Ausmaß uns jetzt noch gar nicht richtig klar ist. Bislang wird aber öffentlich vor allem darüber diskutiert, dass demographische Veränderungen wie der Anstieg von Singlehaushalten oder die Alterung der Gesellschaft Ursachen für den Anstieg der Armutsquote seien. Oder ein womöglich ineffizientes Sozialsystem. Das alles können wir auf Basis unseres Verfahrens als Ursachen nicht bestätigen. Im Gegenteil: Günstige demographische Entwicklungen haben das Ausmaß der Armutsentwicklung sogar entscheidend gedämpft, wie etwa eine hohe Zahl gut situierter Rentner oder deutlich weniger junge Menschen mit eigenem Haushalt. Sie vergleichen in Ihrer Arbeit die Entwicklung der Armutsquoten in Deutschland und den USA. Was sind erste Ergebnisse?

Familie mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 1.872 Euro netto. Laut aktuellem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind in Deutschland derzeit 12,5 Millionen Menschen arm – das sind rund 15 Prozent der Bevölkerung.

In beiden Ländern polarisiert sich der Arbeitsmarkt zunehmend: Es gibt immer mehr gering verdienende Menschen, aber auch immer mehr Spitzenverdiener. Interessanterweise ist die Armutsquote in den USA jedoch konstant. Ein Grund könnte der dort bereits deutlich höhere Mindestlohn sein. Aber auch der sogenannte Earned Income Tax Credit spielt vermutlich eine Rolle. Das sind staatliche Transferleistungen an Haushalte mit geringem Arbeitseinkommen, die dafür sorgen, dass sich deren Arbeit lohnt. Diese Zusammenhänge untersuchen wir momentan genauer. Würde die Armutsquote sinken, wenn wir in Deutschland den Mindestlohn anheben? Das wäre eine Maßnahme, um Haushalte nachweislich besser zu stellen und die Armutsgefährdung zu reduzieren. Über 14 bis 16 Euro müssten wir schon reden, vor allem wenn der Mindestlohn gegen drohende Altersarmut helfen soll. Mit Blick auf die immer weiter steigenden Mieten wäre es außerdem sinnvoll, die Eigenheimzulage erneut aufzulegen. Damit hätten auch Menschen mit geringem Einkommen die Chance auf Eigentum. Eine wirkungsvolle dritte Maßnahme wäre es, bezahlbare und flexible Ganztagsbetreuung für Kleinkinder zu schaffen, damit die Erwerbstätigkeit alleinerziehender Frauen unterstützt wird.

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16 Euro Mindestlohn! Die Gewerkschaften fordern bescheidene 10 Euro. Wie lassen sich Ihre Vorschläge bezahlen? Hohe Einkommen und Erbschaften angemessen besteuern, beispielsweise. Und warum sollen sehr gut verdienende Menschen nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze in die Sozialkassen einzahlen? Oder anders gefragt: Wenn starke Schultern mehr tragen sollen als schwache, warum hört das bei einer bestimmten Stärke der Schultern auf? Sie plädieren für mehr Solidarität … Die in unser aller Interesse ist. Es ist ja ein Mythos, dass Armut uns nichts kostet. Arme Menschen sind gesundheitlich stärker belastet, und sie konsumieren weniger. Während Besserverdiener ihr Geld an Banken, Versicherungen und Fonds weltweit verteilen. Das ist absurd. Sie sind einer von 212 Postdocs, die von der Baden-Württemberg Stiftung seit 2012 mit insgesamt 14,8 Millionen Euro gefördert worden sind. Was bedeutet die Teilnahme am Programm für Sie? Diese Förderung versetzt mich in die Lage, eigenverantwortlich mit Mitteln und Personal umzugehen. Das und der Kontakt zu anderen Wissenschaftlern im Netzwerk sind für meine persönliche Entwicklung äußerst gewinnbringend. <<< Mehr zum Eliteprogramm für Postdocs unter www.bwstiftung.de


Tablet am Zahn  Die vierte industrielle Revolution hat ­begonnen – auch bei mittelständischen Unternehmen in Baden-Württemberg. Was das bedeutet, lässt sich in Fellbach betrachten.

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urz vor Ende der Spätschicht ist Schluss an Maschine 8. Mit lautem Krachen bricht eine Fräse. Doch den Mitarbeiter, der die Maschine überwacht, bringt das nicht aus der Ruhe. Er nimmt einen Tablet-Computer zur Hand und scannt damit einen QR-Code an der Fertigungsstation, wo Zahnräder ausgefräst werden. Sofort hat er alle Daten zu dem betroffenen Auftrag im Blick. Wenige Fingerbewegungen über das Display genügen, ihn zu sperren und festzulegen, wer sich um die Behebung der Störung kümmern soll. Um den Schaden deutlich zu machen, fotografiert der Mitarbeiter das Werkzeug und fügt das Bild dem elektronischen Bericht bei, der unmittelbar auch bei den Kollegen der Arbeitsvorbereitung eingeht. Keine Viertelstunde später kann es an der Fräsmaschine mit einem anderen Auftrag weitergehen. Die Anlage steht in der „Urbanen Produktion“ – einer hochmodernen Fertigungshalle, die die Wittenstein bastian GmbH 2012 in Fellbach bei Stuttgart eröffnet hat. In dem Werk stellt das Unternehmen, das Teil der Wittenstein AG mit Hauptsitz in Igersheim (MainTauber-Kreis) ist, verschiedene Varianten von Zahnrädern her – als Komponenten für Getriebe, Servomotoren oder elektromechanische Antriebssysteme

der Wittenstein AG und für Kunden im In- und Ausland. Die Urbane Produktion ist ein Vorreiter für die Industrieproduktion der Zukunft. Denn der Fellbacher Zahnradhersteller hat dort in den letzten Jahren erste Schritte hin zur sogenannten Industrie 4.0 unternommen. Dieser vor rund fünf Jahren in Deutschland geprägte Begriff steht für eine radikale Änderung von Prozessen und Arbeitsweisen in der produzierenden Industrie. Dahinter stehen der Einzug der Digitalisierung in alle Bereiche der Fertigung sowie eine weitgehende Vernetzung von Menschen, Maschinen und Produkten – das „Internet der Dinge“. Industrie 4.0 gilt als die vierte Stufe der industriellen Revolution (siehe Infografik).

Chancen für die deutsche Industrie „Vor allem in Deutschland, wo der Anteil der produzierenden Industrie an der Gesamtwertschöpfung vergleichsweise hoch ist, bietet das eine Chance, die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu wahren“, sagt Dr. Peter Stephan. Der studierte Maschinenbauer ist stellvertretender Leiter des Zukunftsfelds Cyber-Physical-Systems bei der Wittenstein AG – und mit dafür verantwortlich,

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dass der Wandel der industriellen Fertigung am Standort Fellbach schon heute deutlich zu erkennen ist. Nicht immer unterstützten dort digitale Assistenzsysteme die Mitarbeiter im schnellen Umgang mit Störungen, berichtet Stephan: „Noch vor wenigen Jahren wurden Probleme beim Bearbeiten von Fertigungsaufträgen mündlich kommuniziert, ihre Ursachen dokumentierten die Mitarbeiter durch handschriftliche Vermerke, etwa auf Auftragspapieren.“ Die Umplanung des Produktionsbetriebs erfolgte eher nach bestem Wissen als nach einem Algorithmus. Und auch im Betrieb kommunizierten die Mitarbeiter Informationen weitgehend auf Papier: Zu Beginn jeder Schicht wurden die anstehenden Arbeitsaufträge ausgedruckt und mit Karteikärtchen in eine große Plantafel per Hand einsortiert.


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Aktuelle Daten im Blick In der Urbanen Produktion ist damit Schluss. „In mehreren Workshops mit den Mitarbeitern haben wir zunächst nach Medienbrüchen im Produktionsablauf gesucht, die die Planung behinderten und bremsten“, berichtet Stephan. Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen erfolgte die Umsetzung einer digitalen Plantafel sowie eines mobilen Störungsmanagements. Nun können Mitarbeiter in der Fertigung per App mit einem Tablet auf sämtliche Informationen über die in der Bearbeitung befindlichen Fertigungsaufträge zugreifen. Der Informationsfluss im Unternehmen wird beschleunigt und für alle Mitarbeiter und Abteilungen transparent. Auch die Produktionsplanung profitiert davon,

  01/2016 Aus der Stiftung

Fabrik der Zukunft: In der „Urbanen Produktion“ in Fellbach werden Zahn­ räder gefertigt – und dabei innovative Konzepte der Industrie 4.0 in der Praxis erprobt.

dass alle Daten digital erfasst werden: Sie kann stets auf einem aktuellen Informationsstand aufsetzen. Wo vor kurzem noch die Plantafel stand, hängen nun mehrere große Monitore. Verschiedene Symbole weisen die Mitarbeiter auf Besonderheiten hin, etwa auf die hohe Priorität eines Auftrags.

Mehr Transparenz, höhere Flexibilität „Neben qualitativ hochwertigen Standardprodukten, die hier in großer Zahl gefertigt werden, erfolgt am Standort Fellbach auch die Entwicklung und Produktion von Sonderverzahnungslösungen für Spezialanwendungen“, sagt Peter Stephan. „Die meisten dieser individuellen Produkte werden nur in

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kleiner Stückzahl oder als Unikat hergestellt.“ Dabei stecken Zahnräder und Antriebssysteme der Wittenstein AG beispielsweise in klassischen Werkzeugmaschinen, Produkten der Medizintechnik, in Ventilen für Ölförderanlagen in der Tiefsee oder in Bauteilen für das Großraumflugzeug Airbus A380. In dem Riesenjet ermöglichen sie ein elektronisch gesteuertes Öffnen und Schließen der Türen, die so schwer sind, dass sie sich von Hand nicht öffnen lassen. Die Herstellung von Spezialprodukten in teils sehr geringer Stückzahl pro Fertigungsauftrag zu vertretbaren Kosten macht es unabdingbar, transparente, effiziente und flexible Prozesse aufzubauen – und das ist nach wie vor eine enorme Herausforderung. „Industrie 4.0 bietet zentrale Konzepte und Ansätze, um genau das zu ermöglichen“, sagt Stephan. >>>

Text: Rolf Metzger; Fotos: Wittenstein AG


»Zur vierten industriellen Revolution gehören nicht nur vernetzte Fabriken, sondern auch smarte Produkte« das Netz. „Ein Unternehmen, das solche oder ähnliche digitale Dienstleistungen anzubieten beginnt, verändert die Beziehung zu seinen Kunden.“

Alle Infos digital: Dr. Peter Stephan (rechts) treibt die neue industrielle Revolution bei Wittenstein voran. Hier betrachtet er mit einer Kollegin am Tablet und auf der digitalen Plantafel die aktuellen Daten zum Produktionsablauf.

Frühes Engagement in der Forschung Die Wittenstein AG, die weltweit knapp 2.000 Mitarbeiter beschäftigt, beteiligte sich an einem mehrjährigen Forschungsprojekt. Gemeinsam mit Unternehmen wie Siemens, Trumpf und BMW sowie dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz DFKI in Kaiserslautern. Gleichzeitig gründete Wittenstein intern das Zukunftsfeld Cyber-Physical-Systems für die Realisierung von Industrie 4.0. Laut einer im Herbst 2015 veröffentlichten Studie der Impuls Stiftung des

Verbands der Deutschen Maschinenund Anlagenbauer VDMA agieren rund Drei Viertel der mittelständischen Unternehmen in Deutschland noch zurückhaltend. Gründe dafür liegen in den Kosten, die es mit sich bringt, neue Technologien ins Unternehmen zu holen, und bei der Herausforderung, Infrastruktur sowie Geschäftsmodell anzupassen. „Zur vierten industriellen Revolution gehören nicht nur eine intelligent vernetzte Fabrik“, sagt Stephan, „sondern auch smarte Produkte, die beispielsweise nach dem Verkauf mit dem Hersteller in Verbindung stehen.“ Das wiederum ermöglicht innovative Dienstleistungen – etwa eine Fernwartung von Maschinen über

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Allianz für den Mittelstand aus dem Land Um Unternehmen im Südwesten auf ihrem Weg zur Industrie 4.0 zu unterstützen, gründete der ehemalige Finanzund Wirtschaftsminister Nils Schmid im März 2015 die Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg. Zu dieser Allianz gehören rund 50 Verbände, Forschungseinrichtungen, Unternehmen sowie die Baden-Württemberg Stiftung. Seit Anfang 2016 finanziert sie mehrere Forschungsprojekte. Im Februar zeichnete die Allianz die Wittenstein AG als einer von „100 Orten für Industrie 4.0 in Baden-Württem­berg“ aus. Am Standort Fellbach will das Unternehmen den nächsten Schritt auf dem Weg zu Industrie 4.0 gehen: Es sollen weitere Werkzeuge und Hilfsmittel durch QR-Codes informationstechnisch erfassbar gemacht werden – und sich so in Planungsprozesse ein­be­ziehen lassen. „Die Fülle der Daten über reale Abläufe im Werk schafft künftig das Potenzial, bislang verborgene Zusammenhänge zu erkennen“, sagt Stephan: „zum Beispiel, ob der Zustand eines Werkzeugs noch ausreichend gut für die Bearbeitung eines Auftrags ist. Störungen wie an Maschine 8 lassen sich so künftig vielleicht vorhersehen und vermeiden.“ <<<


01/2016 Aus der Stiftung

Auf dem Weg zur Industrie 4.0 1784

1800

Erster mechanischer Webstuhl

1970

1900

Erstes Fließband: Schlachthöfe in Cincinnati

1969

Dritte industrielle Revolution: Elektronik, IT, Automatisierung

2025

1870

Erste industrielle Revolution: mechanische Fertigung, Dampfmaschine

Erste speicherprogrammierbare Steuerung (Modicon 084)

Zweite industrielle Revolution: Massenproduktion, elektrische Energie

1914 Fließbandfertigung bei Ford

Vision:

Smart Factory Für eine erhöhte Transparenz und erweiterte Planungsfähigkeit werden die Anlagen mit Sensorik ausgestattet und vernetzt

Smart Operations Die Smart Factory ermöglicht eine flexible Produktionsplanung und -steuerung

Factory Data-driven Services Durch die Vernetzung von Produkt, Hersteller und Kunde e  röffnen sich neue M  ärkte für Dienstleistungen

Smart Products Das Produkt denkt mit und steht auch nach dem Verkauf mit dem Hersteller in Verbindung

Nach dem Einzug von Maschinen, Fließband und Computern in die Fabriken bringen Digitalisierung und Vernetzung eine vierte industrielle Revolution.

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Illustration: Golden Section Graphics, Anton Delchmann


01/2016 Aus der Stiftung

Ausgezeichnet vorbereitet

Erfinder an Bord: Das Segelschiff ALDEBAR AN diente Schülerinnen und Schülern an Pfingsten als Forschungslabor.

Ein Preis vom Scheich Riesenerfolg für ein Team des Schülerforschungszentrums Südwürttemberg: Die jungen Forscher erhielten den Zayed Future Energy Prize 2016. Die Auszeichnung für zukunftsweisende Energieprojekte hat Scheich Zayed bin Sultan al-Nahyan aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ins Leben gerufen. Die Schüler aus Saulgau erhielten den mit 100.000 Dollar dotierten Preis für ein Konzept zur Gewinnung und Speicherung von erneuerbaren Energien – entwickelt im Rahmen des Programms mikro makro der Baden-Württemberg Stiftung. Inzwischen ist daraus mikro makro mint geworden: Sein Schwerpunkt liegt auf Projekten aus den MINT-Fächern. Nach der ersten Ausschreibung gingen 2015 über 150 Erfinderteams aus Schulen im Land an den Start, die mit bis zu 2.500 Euro gefördert werden. Einige der jungen Forscher konnten ihre Ideen in den Pfingstferien in einer besonderen Umgebung voranbringen, nämlich auf dem 14 Meter langen und modern ausgestatteten Forschungsschiff ALDEBARAN, das auf dem <<< Bodensee unterwegs war.

Um zu mehr Bildungsgerechtigkeit beizutragen, hat die BadenWürttemberg Stiftung 2006 das BoriS-Berufswahl-­SIEGEL ins Leben gerufen. Damit werden baden-württembergische Schulen ausgezeichnet, die Jugendliche individuell auf die Berufs- und Studienwahl vorbereiten – und zwar über die Standards der Bildungspläne hinaus. Zum zehnjährigen Jubiläum ist nun die Publikation „10 Jahre BoriS – eine Erfolgsgeschichte“ erschienen. Sie steht als PDF zum Download bereit oder kann über die Baden-Württemberg Stiftung bestellt werden. <<< www.bwstiftung.de Schriftenreihe Bildung Nr. 79

Kick it like a poet! Die Stärkung der Lesekompetenz bei Kindern und Jugendlichen ist der Baden-Württemberg Stiftung ein wichtiges Anliegen. Im Rahmen der Initiative kicken & lesen wurden im März zwölf neue Projekte ausgewählt, darunter eine Aktion der Falkenrealschule in Freudenstadt. Die jungen Akteure wollen einen großen Lesefußball bauen und ihn auf dem Marktplatz präsentieren. Außer eine finanzielle Unterstützung von bis zu 4.000 Euro zu erhalten dürfen die Jungs an einem kicken & lesen-Camp bei den Vereinen VfB Stuttgart und SC Freiburg teilnehmen. Zum Projektabschluss im Herbst werden alle Projekte für ihren erfolgreichen Doppelpass mit Ball und Buch im Rahmen eines Stadionbesuchs belohnt. <<< www.kickenundlesen.de

Die kicken&lesen-Camps finden beim VfB Stuttgart und SC Freiburg statt.

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Ein Sommer voller Literatur Slammen zum Licht Erneut bittet die Stiftung Jungforscher in die Arena. Beim zweiten WANTED Science Slam, der am 10. November 2016 gemeinsam mit dem Innovationsnetz Photonics BW veranstaltet wird, können sie das Publikum auf originelle Weise für ihr Forschungsthema begeistern. Dabei dreht sich alles ums Licht. Wie die Nachwuchsforscher ihre Arbeit „verkaufen“, bleibt ihrer Kreativität überlassen: Ob Gedicht, Gesang, Videoclip oder Cartoon – alles ist erlaubt. Nur unterhaltsam muss es sein – und erhellend für das Publikum, das am Ende entscheidet, welcher Slammer das Rennen macht. Beim ersten Science Slam im Frühjahr 2015 ging der Hauptpreis an Carsten Reichert von der Universität Stuttgart, der – verpackt in eine Science-Fiction-­Story – erklärte, wie man ein Smart­phone zum Mikroskop macht. Mit dem Slam zur Materialforschung im Juni 2016 ging die Veranstaltungsreihe unter dem Titel „WANTED – Wissenschaft anschaulich und verständlich“ weiter. Für den nächsten Slam im November kann man sich bei der Baden-Württemberg Stiftung bewerben. <<< www.bwstiftung.de

Kinder und Jugendliche haben in Baden-Württemberg ihren eigenen ­L iteratursommer: mit einer Vielzahl spannender Veranstaltungen. Woher kommst du und wer bist du? Die Frage nach Heimat und Identität ist eines der ganz großen Menschheitsthemen. In Zeiten von Globalisierung und Flucht ist es umso dringender, sie neu zu stellen. Genau das macht der achte Literatursommer der Baden-Württemberg Stiftung in seinen beiden Veranstaltungsreihen: Bis Ende Oktober greifen mehr als 200 Veranstaltungen unter dem Motto „Herkunft – Ankunft – Zukunft“ die vielfältigen Facetten von Heimat und Identität auf. 70 Kultureinrichtungen bieten unter anderem Lesungen, Symposien, Schreibwerkstätten, Musik und Performances. Zum ersten Mal wird es in diesem Jahr einen Deaf Slam geben, eine Art Poetry Slam in Gebärdensprache. Im Mittelpunkt der ersten Reihe steht die Vielfalt der literarischen Auseinandersetzung mit Aspekten wie Herkunft, Familie, Fremdheit, Landschaft und Sprache. Mit dabei sind die Autoren Ilija Trojanow, José F. A. Oliver und die Büchner-Preis-Trägerin Sibylle Lewitscharoff. Der parallel laufende Kinder- und Jugendliteratursommer steht unter dem Motto „Meine Heimat – Meine Zukunft“. Kinder und Jugendliche lernen, wie das schwierige und zugleich spannende Thema mit Phan­ tasie und großer Erzählkunst, mit Humor und Wärme behandelt werden kann. <<< Alle Termine im Programm unter www.literatursommer.de

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01/2016 Perspektivwechsel

»Die Zeit wirkt wie eingefroren«

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st das der Blick durch ein Kaleidoskop? Ein Teilchenflug in Lichtgeschwindigkeit? Oder kunstvolle Falttechnik? Nichts von alledem. Fotograf Boris Schmalenberger hat den Stuttgarter Fernsehturm aus einer ungewöhnlichen – und für viele sicher unbekannten – Perspektive fotografiert. Um die Aufnahme machen zu können, stellte sich Schmalenberger auf das Dach des Aufzugs, wählte eine lange Belichtungszeit und fuhr 150 Meter zur Aussichtsplattform hinauf – gesichert und begleitet von einem offiziellen Aufzugführer. Mit rund zwei Stundenkilometern dauerte der ungewöhnliche Aufstieg fünf Minuten. „Das war für mich wie Achterbahnfahren“, schwärmt der Stuttgarter. Das Rauschhafte spiegelt sich in dem Foto nicht wider. Im Gegenteil: „Die Zeit wirkt wie eingefroren.“ <<<

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Text: Anette Frisch; Foto: plainpicture/Boris Schmalenberger


Heimat und Identität in der Literatur

2016

LITERATURSOMMER 2016

DIE SCHÖNSTEN SEITEN DES SOMMERS Eine Veranstaltungsreihe der

Die Baden-Württemberg Stiftung präsentiert den Literatursommer 2016 zum Thema „Heimat und Identität in der Literatur“. Erleben Sie die schönsten Seiten des Sommers bei mehr als 200 Veranstaltungen im ganzen Land. Alle Termine unter www.literatursommer.de

Perspektive Baden-Württemberg 01/2016  
Perspektive Baden-Württemberg 01/2016  
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