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Für einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet

JOSEPH WEIBEL

Gute Frage: Wann wir uns zum ersten Mal getroffen haben? Das Corpus Delicti liegt auf dem Sitzungstisch im Büro des Grenchner Stadtpräsidenten: ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 2000, vom 24. November genau genommen. François Scheidegger, damals seit zehn Jahren patentierter Anwalt, wurde als juristischer Berater einer Immobilienseite in der «Solothurner Zeitung» vorgestellt Er beantwortete Leserfragen mit juristischem Hintergrund, ich betreute diese Immobilienseite redaktionell Seine Anwaltskanzlei hatte er damals an der Weissensteinstrasse in Solothurn Das war der Beginn von zahlreichen Begegnungen mit einer besonderen Persönlichkeit, die sowohl auf politischer als auch beruflicher Ebene immer wieder für Überraschungen gesorgt hat Die Wahl als Grenchner Stadtschreiber 2002 führte zu einer bisher zwei Jahrzehnte dauernden «Grenchen-Story» – auf eine eigene und ganz spezielle Weise Da sitzen wir also am Sitzungstisch im Stadtpräsidentenbüro im ersten Stock des Hôtel de Ville «Ist das jetzt eine Aufarbeitung meiner Lebensgeschichte?», fragt François Scheidegger Nein. Ist es nicht Vielmehr eine Momentaufnahme Da zeigt er ein eingerahmtes MandalaBild. Das habe er heute beim Geburtstagsbesuch der 100-jährigen Elise Jeker erhalten Solche Begegnungen, wie auch jene mit Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, empfindet er noch heute als spannende Intermezzi in seiner nicht immer einfachen Tätigkeit

Warum Franz François heisst Wir sind mitten im Gespräch Er möchte den politischen Alltag seines Amtes –was war, was ist und vielleicht noch sein wird – für einmal aussen vor lassen. Wir einigen uns auf eine kleine Einschränkung: Ausnahmen sind erlaubt Erste Frage: Wieso heisst er mit Vornamen François und nicht Franz? Seine Mutter stammt aus dem Welschland Da heisst Franz eben François Ganz einfach Ausserdem hätten sie zu Hause nur Französisch gesprochen.

Deutsch habe er erst im Sandkastenalter gelernt Gut gebrüllt, François Scheidegger Das ist noch nicht alles Als hätte sie gedacht, wohin es einen ihrer beiden Söhne später verschlagen würde, unterrichtete sie lange Zeit Italienisch an der Volkshochschule in Grenchen, ging zum Einkauf in die Stadt und regelmässig dort zum Friseur Interessant!

François Scheidegger ist musikalisch begabt, ebenso wie seine spätere Frau Veronika In der Stadtmusik Solothurn lernten sie einander kennen und lieben. Sie spielte auf dem Kornett Er war Marschtambour Veronika Scheidegger spielt heute in der Stadtmusik in Grenchen.

Ein längeres Engagement hatte François Scheidegger beim Tambourenverein Solothurn 16

Jahre war er Instruktor, 1990 wurde er mit den Tambouren Schweizer Meister, 1996 Weltmeister Sechs Jahre führte er als Obmann den Schweizerischen Tambourenverband.

Das ganz grosse Geschenk

Die Geschichte aus der Zeit in Solothurn ist noch eine andere François Scheidegger war später auch vier Jahre Präsident (2000 bis 2004) der Stadtmusik Solothurn. Dazu gibt es eine besondere Reminiszenz Die Stadtmusik wünschte sich eine neue Uniform Eine Stange Geld Präsident Scheidegger schrieb dem Solothurner Mäzen William De Vigier einen freundlichen Brief und bat um eine Spende Tatsächlich zeigte sich der Unternehmer wohlgesinnt und stellte der Stadtmusik eine Million Franken in Aussicht Er wolle aber zuvor wissen, wie man dieses Geld verwenden wolle François Scheidegger unterbreitete dem Mäzen zahlreiche Vorschläge, bis er überzeugt war und die Million sprach Gehen wir zurück in den damaligen Alltag François Scheidegger wurde 2002 als Stadtschreiber von Grenchen gewählt und zog unmittelbar mit seiner Frau und Sohn Matthias von Bellach nach Grenchen in ein Eigenheim Wie gross war das Muss eines Fast-Solothurners, wenn er durch eine Wohnsitzpflicht nach Grenchen zügeln musste? «Es war kein Muss und schon gar kein Problem » Dass er eigentlich nie als ehemaliger Bellacher oder Solothurner in Verbindung mit seiner damaligen und heutigen Funktion gebracht wurde, ist der beste Beweis dafür, dass seine Aussage keine Floskel ist Für viele Bellacher war damals klar, dass er der nächste Gemeindepräsident würde Für alte «Bäucher» ist er noch immer «üse François».

Der Vollblut-Politiker

In die Politik kam er schon früher Er war während über drei Amtsperioden Gemeinderat von Bellach, neun Jahre im Kantonsrat und seit seiner Wahl als Stadtpräsident ist er infolgedessen auch seit knapp zehn Jahren im Grenchner Gemeinderat Und wie kam er zur FDP? Seine Antwort ist gleichermassen überraschend wie pragmatisch: Im Kanton Solothurn sei das damals einfach gewesen. Wer bürgerlich gesinnt, aber nicht katholisch war, ging fast automatisch zur FDP Ganz einfach! Geprägt hat ihn auch die Zeit in der Studentenverbindung Wengia, welche die liberalen Grundsätze hochhält Schliesslich sei das Erfolgsmodell Schweiz ein freisinniges Produkt Es geht ihm um gesellschaftliche Werte, Ideologien sind ihm eher suspekt

> STECKBRI EF

François Scheidegger Zivilstand: Verheiratet, zwei Kinder (16, 20) Beruf: Rechtsanwalt und Notar Wohnort: Grenchen

> FÜN F FRAGEN

Meine Lieblingsdestination: München

Lieblingsspeise: Berner Platte

Aufsteller der Woche: Besuch des Musicals «Cats» in Basel mit der Familie

Auf was kann ich nicht verzichten: Kaffee am Morgen

Ich würde nie: Bungee Jumping machen

Der Anwalt

François Scheidegger ist aber in erster Linie patentierter Anwalt, seit 1990 In seinem angestammten Beruf arbeitete er von 1990 bis 2002 und von 2009 bis 2013 als Amtsgerichtspräsident Ist Jurist seine Leidenschaft? Eigentlich habe er lange Zeit Zahnarzt oder Tierarzt werden wollen. Dann zog es ihn zur Juristerei. Er liebäugelte nach der Patentierung mit einem Doktorat oder einem Auslandsaufenthalt, verbunden mit einer Tätigkeit im diplomatischen Dienst Es kam wieder einmal anders, wie so oft in unserem Leben. Anstatt Diplomat wurde er Mitarbeiter und später Partner in einer Solothurner Anwaltskanzlei – bis zur Wahl als Stadtschreiber von Grenchen. Diese Zeit ist ihm in guter Erinnerung – sowohl die Arbeit als Jurist und später als Stadtschreiber Es kam eine neue Herausforderung, die des Amtsgerichtspräsidenten von Solothurn-Lebern Auch in dieser Epoche blieb er ein Grenchner Und es war wohl eine Fügung des Schicksals, dass eine seiner aufsehenerregendsten Gerichtsverhandlungen ausgerechnet der Dreifachmord von Grenchen war, der national als «Schenkkreismord» für Schlagzeilen sorgte Im Nachhinein betrachtet er diese vier Jahre am Solothurner Gericht als eine kurze, aber sehr eindrückliche Zeit

Die Familie

Wenn man täglich im Schaufenster steht – als Stadtpräsident ganz besonders –, so färbt das zwangsläufig auch auf das Privatleben und folglich auf die ganze Familie ab «Das ist nicht einfach, für meine Frau, die Kinder und für mich selbst.»

Vielleicht sucht gerade deshalb die Familie im Urlaub die Abgeschiedenheit Sie reist durch halb Europa Verschiedene Destinationen, im Sommer immer gut zwei Wochen, standen schon auf der Reiseliste Meistens sind die Reisen thematisch und geschichtsbezogen, Schlachtfelder wie Bibracte, Waterloo, Leipzig und Verdun gehörten deshalb auch schon zum Programm Das Überraschende sind nicht die Destinationen, sondern die Art des Reisens Scheideggers sind oft mit dem Wohnwagen unterwegs Früher war es ein Camper Versuchsweise Weil François Scheidegger anfänglich vom Vorschlag seiner Frau nicht sonderlich begeistert war Zwischenzeitlich habe er das kleine und feine Zuhause auf Rädern schätzen gelernt Er fühle sich frei und ungebunden

Hobby oder Leidenschaft?

Ist das Hobby? «Nein», sagt er, «das ist Leidenschaft.» Hobbys kämen bei ihm zu kurz Fragt man ihn danach, nennt er: Familie, Lesen, Reisen. Und der Sport? Gute Frage Er fährt im Winter gerne Ski Saisonal ungebunden sind die regelmässigen Gänge mit dem Familienhund, einem Labradoodle

Er findet die Fragen nach Sport, Hobbys, Freizeit immer ein bisschen floskelhaft Übrigens nimmt er der geplanten Frage den Wind aus den Segeln, was er dereinst im Ruhestand tun werde Kommt Zeit, kommt Tat! Bien dit, Herr Stadtpräsident!

Familienhündinunterwegs

Schneeschuh-Trails sind eröffnet

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