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Elena Massaro wird fehlen

Seit acht Jahren existiert die Anlauf- und Beratungsstelle Grenchen. Von Beginn an war Elena Massaro dafür besorgt, dass den Menschen der Region unmittelbare und unbürokratische Unterstützung in alltäglichen, persönlichen und beruflichen Fragen und Bedürfnissen gewährt wird. Nun tritt sie, 68-jährig, von ihrer Aufgabe zurück.

DANIEL MARTINY (TEXT UND FOTO)

Elena Massaro hat in den letzten acht Jahren im Büro der Anlauf- und Beratungsstelle in Grenchen viel erlebt «Eigentlich gibt es nichts, was es nicht gibt», sagt die 68-jährige gebürtige Italienerin, die nebst dem Telefondienst, der Buchhaltung und der Administration für alle weiteren Belange ebenfalls Ansprechperson war «Die Klientel war derart verschieden wie die Anliegen selbst » Sie habe in alle Sparten reinsehen können Sei es bei diversen Ämtern, bei Fragen im Umgang mit Behörden, Fragen rund ums Geld oder Versicherungen, um Sprache, Schule und berufliche Schwierigkeiten sowie natürlich bei alltäglichen Problemen, ob persönlich oder in der Familie

Kein Rücktritt vom Rücktritt Mitte Januar ist Elena Massaro vom Grenchner Verein «Dienst am Nächsten» in einer schlichten Feier verabschiedet worden Präsident Lukas Bäumle betonte nochmals, wie sehr man die «gute Seele des Hauses» vermissen werde Auf ihre Gründe des Rücktritts angesprochen meinte Elena Massaro: «Nach acht Jahren muss ich mich irgendwie abgrenzen können. Sieben Jahre lang lief alles problemlos Jetzt kann ich nicht mehr richtig abschalten und die Probleme verfolgen mich quasi 24 Stunden am Tag.» Sie sei auch weiterhin da, falls jemand dringend ihre Hilfe benötige «Einen Rücktritt vom Rücktritt» wird es jedoch nicht geben, betont die bisherige Ansprechpartnerin des Vereins «Ich organisiere weiterhin Spielnachmittage bei mir zu Hause und betreue einen alten Mann Mehr geht nicht mehr » Ruth Bachmann und Anita Reinmann treten ab sofort ihre Nachfolge an. rum sie sich ausgerechnet an diese Geschichte erinnert? «Da ist immer noch der Instinkt eines Polizisten im Herz » Nach dem Tod ihres Mannes zog sie von ihrem Eigenheim an der Eschenstrasse aus und in eine Mietwohnung an der Mazzinistrasse 35 Jahre lebte sie dort Sie rühmt ihre damaligen Nachbarn: «Wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander und halfen und unterstützten uns gegenseitig.» In dieser Zeit reiste sie oft mit der Bahn zu ihren beiden Söhnen und Familien Der jüngere Sohn Ruedi war Regierungsrat im Kanton Zürich, Franz praktizierender Arzt im sankt-gallischen Jona Stolz ist sie nicht nur auf ihre Söhne, sondern auch auf die mittlerweile fünf Grosskinder und ein Urgrosskind.

Alltag mit Struktur Mit 92 Jahren zog sie auf Rat ihrer Familie in das Pflegezentrum Sunnepark, nachdem die körperlichen Kräfte langsam nachgelassen hatten, und lebt seither in einem mit ihren Möbeln eingerichteten Zimmer ein Offizier – und sie erzählt noch einmal vom Soldaten in der Arrestzelle –, der unbedarft auf dem Posten auftauchte und nach dem unter Arrest stehenden Soldat sehen wollte Sie spedierte ihn gleich wieder weg mit den Worten, er habe hier nichts zu suchen «So störrisch konnte ich sein», sagt sie mit einem schon fast schelmischen Lächeln.

14 Jahre in der EPA Grenchen Es gäbe noch viele Geschichten, meint sie, winkt aber mit der Hand gleichzeitig ab, also wolle sie damit sagen: «Ach, das interessiert Sie sowieso nicht » Natürlich interessiert es mich Die lange Zeit, die sie und ihre Familie in Grenchen verbracht haben, ganz besonders Zum Beispiel die 14 Jahre als Verkäuferin in der EPA: Wie war das? Sie will nicht vom Alltag erzählen Sie überlegt einen Moment: «Diebstahl gab es eher selten » Sie erinnert sich indes an den Zwischenfall, als sie über Mittag allein im Geschäft war Sie hörte, wie jemand an der Kasse manipulierte, schaute nach, und entdeckte einen Mann, der hektisch in die Kasse griff und sich dann schleunigst aus dem Staub machte Sie verfolgte ihn und konnte erwirken, dass er kurz zu Boden ging und dabei einen Teil seiner Beute verlor Wa-

Vieles ist nicht mehr so, wie es war Das ist klar Aber ihr Alltag hat Struktur Sie malt sehr gerne Sie zeigt auf eine Kommode «Holen Sie sich den farbigen Ordner aus der vordersten Schublade», sagt sie Zeichnungen verschiedenster Art sind hier fein säuberlich abgelegt –unter anderem eine Bleistiftskizze vom «Wandfluh-Männli» Heute malt sie gerne Mandalas Sie liest aber jeden Tag die Zeitung, und immer um 18 Uhr sieht sie sich im Fernsehen eine Serie mit Gerichtsverhandlungen an Das interessiert sie ganz besonders Wir lachen beide, sie spricht es aus: «Berufskrankheit!»

Der heutige Tag, der 19. Januar 2023, ist ein besonderer Das weiss sie, so gut wie alle anderen auch 100 Jahre alt werden ist nicht Alltag Das ist speziell «Darum ist heute auch einiges los», schmunzelt sie Um 11 Uhr war der Stadtpräsident da; dann das festliche Mittagessen Am Sonntag trifft sich die ganze Familie zu einem Essen in Grenchen Und am Montagnachmittag macht die Kantonsregierung ihre Aufwartung Das alles, etwas Abwechslung im Alltag, nimmt sie mit stoischer Ruhe entgegen. Ruhigere Zeiten werden wieder kommen.

«So», sagt sie, «jetzt kommt glaub ich schon bald der nächste Besuch.»

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