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Die lange Geschichte der Elise Jeker-Wocher
from 20230126_WOZ_GSAANZ
by AZ-Anzeiger
Im Pflegezentrum Sunnepark drehte sich vor einer Woche alles um Elise Jeker-Wocher Die gebürtige Baslerin, die seit über 60 Jahren in Grenchen lebt, ihren 100 Geburtstag. Aussergewöhnlich ist nicht nur ihr hohes Alter, sondern auch sie selbst.
JOSEPH WEIBEL (TEXT UND BILD)
Ich treffe eine taffe Frau, geistig wach, die mit verhohlenem Schalk von ihrem langen Leben erzählt – im noch fast reinen Basler Dialekt «Den vergisst man nicht», sagt die gebürtige Baslerin, die nur ein Fünftel ihres bisherigen Lebens am nördlichen Zipfel der Schweiz verbracht hat Seit einiger Zeit ist Elise Jeker an den Rollstuhl gebunden, weil die Beine nicht mehr so wollen. Ihr Gehör sei auch nicht mehr so gut Mit 100, denkt man sich unausgesprochen, muss man auch nicht mehr alles hören. Aber erzählen, das kann Elise Jeker noch ganz gut Dass sie, die gebürtige Baslerin, mit ihrer Familie in Grenchen gelandet ist, ist kein Zufall, sondern gegeben Warum? Ganz einfach: Ihr Mann war Kantonspolizist, und die wurden damals im Rotationsverfahren an immer neue Standorte versetzt Die letzte Station der polizeilichen Wanderjahre war Grenchen – vor gut 60 Jahren Eine lange Zeit Tatsächlich Meint sie auch Aber zum Lebensmittelpunkt ist Grenchen für sie nie geworden «Das hat nichts mit der Stadt zu tun, sondern mit meiner Vorgeschichte » Wir sind gespannt und drehen das Rad um 100 Jahre zurück
Es war der 19 Januar 1923, als Elise Jeker, gebürtige Wocher, im Kantonsspital Basel zur Welt kam Ihre Eltern stammen aus dem Elsass und wohnten im Grenzgebiet Weil sie aber in der Schweiz geboren wurde, erhielt sie automatisch das Bürgerrecht 1931 zog die Familie nach Flüh im Solothurner Bezirk Thierstein, unweit der französischen Grenze, und zog in ein neu errichtetes Einfamilienhaus Flüh, sagt die Frau, die seit über 60 Jahren in Grenchen wohnt, «ist mein Daheim».
«Du bleibst Hausfrau»
Mit 20 Jahren heiratete sie Kantonspolizist Ernst Jeker Eine Berufslehre blieb ihr verwehrt, ihr Vater gab ihr einen damals üblichen Rat auf ihren künftigen Weg: «Du bleibst Hausfrau, der Mann ist der Ernährer » Daran hielt sie sich auch –vorerst Das noch junge Ehepaar verliess Flüh, nachdem ihr Mann nach Matzendorf auf die Polizeistation beordert worden war Als junge Frau habe sie sich schon sehr über die «Dienstwohnung» gewundert – in einem alten Bauernhaus ohne geringsten Komfort Kein Bad, kein Warmwasser, kein nichts Im Stall gab es ein Plumpsklo Die beiden fügten sich in ihr Schicksal und wurden im Thal schnell heimisch Hier kamen die beiden Söhne Ruedi und Franz auf die Welt Der jüngere am 7. Juli 1944, der ältere am 8. August 1945 Vier Jahre später wurde die erweiterte Familie für ihr Ausharren belohnt Sie konnten in ein vom Kanton zur Verfügung gestelltes schmuckes Einfamilienhaus einziehen.
Ein paar Jahre später ging die Reise weiter – nach Trimbach Und hier brach Elise Jeker mit dem Ratschlag ihres Vaters und half fortan mit, die Familie gemeinsam mit ihrem Mann zu ernähren Im Warenhaus Von Felbert in Olten fand sie eine Anstellung im Verkauf Ihre Tätigkeit sollte nicht um des Komforts willen sein, sondern ihren Söhnen eine Ausbildung ermöglichen, was ihr selbst in ihrer eigenen Jugend verwehrt geblieben war Als die Familie Anfang der sechziger Jahre nach Grenchen zog, wechselte das Warenhaus, nicht aber ihr Job Sie übernahm in der EPA in Grenchen die Geschirrabteilung, wie sie heute erzählt In dieser Zeit gingen die Söhne in die Kanti Solothurn und später an die Hochschule

Matzendorf war ihr zweites Daheim So richtig angekommen sei sie aber an den verschiedenen Stationen in den zwei Jahrzehnten einzig in Matzendorf –ein Dorf im Thal und nicht wirklich der Nabel der Welt Sie fand aber Zugang zu den Einheimischen – und vor allem zur Fasnacht «Wissen Sie», sagt sie, «als richtige Baslerin liebt man die Fasnacht über alles » Und von diesem Treiben schien sie in Matzendorf besonders angetan gewesen zu sein. Beim Abschied sagte sie noch einmal: «Vergessen Sie nicht, die Fasnacht zu erwähnen Das ist mir ganz wichtig.»
Ihre Erzählungen beginnen oder enden oft wieder in diesem Matzendorf Zum Beispiel erzählt sie die Reminiszenz von einer im Dorf stationierten Einheit und dem Soldaten, der in der einzigen Zelle im Posten für fünf Tage in scharfen Arrest versetzt wurde, weil er den Feldweibel angepöbelt hatte «Das war kein Zuckerlecken für den Mann», erinnert sie sich Wenn ihr Gatte unterwegs gewesen sei, habe sie dem Inhaftierten Kaffee und Butterbrote gebracht Ihren weichen Kern bekamen auch andere zu spüren. Aber auch ihre harte Schale in Form eines störrischen Kopfes Den habe schon ihre Mutter gehabt Da war