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072 2015

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Bezirk Affoltern

Freitag, 11. September 2015

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Innerhalb des Gefängnisses das Leben ausserhalb der Mauern widerspiegeln Auch im Gefängnis Affoltern gehört Resozialisierung zu den ersten Zielen – Gespräch mit dem neuen Leiter Negative Vorkommnisse in Gefängnissen – auch in Affoltern – produzieren Schlagzeilen, die dann haften bleiben. Auf der anderen Seite ist es nicht einfach, die erfolgreiche Arbeit mit Insassen bekannt zu machen. Sie hat im Vollzug nur ein Ziel: Resozialisierung, die eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglicht. ................................................... von werner schneiter Wegen drei Vorfällen, die inzwischen abgehakt sind, geriet das Gefängnis Affoltern landesweit in die Schlagzeilen. Das hallt natürlich nach. Wann immer über diese Vollzugsanstalt gesprochen wird, dann im Zusammenhang mit diesen Vorkommnissen. Christian Klein ist seit Anfang Mai dieses Jahres Leiter des Gefängnisses, kennt dieses Problem und muss damit leben, dass damit der gesamte Strafvollzug in ein schlechtes Licht gerückt wird. Zu Unrecht, wie er betont und mit Nachdruck beifügt: «Wir haben nicht nur hohe Standards im Justizvollzug. Wir haben auch ein professionelles, zweistufiges Personal-Auswahlverfahren. Wir tun alles, damit die Anforderungen erfüllt werden.» Trotzdem könne man nicht garantieren, dass hier immer alles reibungslos verlaufe – auch in allen anderen Branchen sei das unmöglich. Seinem Team, das aus 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besteht, attestiert Christian Klein professionelle Arbeit, Teamgeist und die notwendige Motivation. Es sei wichtig, Mitarbeitende in Prozesse einzubeziehen, Neuerungen zusammen anzugehen, wofür auch eine gute Sitzungskultur notwendig sei. Für Klein sind solcherlei Voraussetzungen nicht selbstverständlich, weil Mitarbeitende in einem schwierigen Umfeld agieren – nicht einfach Aufseher sind, sondern in ihrer täglichen Arbeit mit Sozialkompetenz ausgestattet sind. «Es braucht da ein grosses Mass an Bodenhaftung und Standfestigkeit», sagt der Gefängnisleiter und schiebt nach: «Es ist natürlich nicht gerade motivationsfördernd, wenn eine Institution wie die unsere mit einem negativen Ereignis assoziiert wird.» Kommt hinzu, dass der «Normalbürger» sehr wenig weiss über den Vollzug in einem Gefängnis. Hier will Christian Klein Gegensteuer geben, indem er zum Beispiel Besuche von Berufsschulklassen dazu nutzt, über Arbeit und System zu informieren – Schülerinnen und Schüler tragen

Vom Bodstadel nach Affoltern Christian Klein, 38-jährig, stammt aus Deutschland. Er ist an der Grenze zu Luxemburg aufgewachsen und hat früher als Pflegefachmann, Rettungssanitäter gearbeitet. Nachdem er 1999 in die Schweiz kam, war er acht Jahre in einer psychiatrischen Klinik und ein Jahr im Bereich der Drogentherapie beschäftigt. Ab 2008 war er in der Sicherheitsabteilung der Strafanstalt Bostadel tätig – zu Beginn als Stellvertreter, die letzten drei Jahre als Leiter. Seit Anfang Mai ist er Leiter des Gefängnisses Affoltern. Klein ist verheiratet, Vater von drei Kindern und in der Zentralschweiz wohnhaft. (-ter.)

Christian Klein, seit Anfang Mai Leiter des Gefängnisses Affoltern: Wiedereingliederung der Insassen in die Gesellschaft als oberstes Ziel. (Bild Werner Schneiter) dann das weiter. «Viel mehr Möglichkeiten, andere Assoziation zu bewirken, haben wir nicht», fügt er bei.

Bildung und Arbeit gleichgestellt Affoltern ist seit 2001 ein reines Vollzugsgefängnis mit 65 Plätzen für Strafen von bis zu zwei Jahren. Es war vor einigen Jahren Pilotprojekt für Bildung im Strafvollzug. Inzwischen gibt es landesweit 28 Gefängnisse, in denen Insassen sogenannten Bist-Unterricht erhalten. Affoltern ist aber immer noch führend in Sachen Schuldauer. Kein anderes Gefängnis erteilt so viel Unterricht. Für alle Strafgefangenen ist ein halber Tag Schulbildung pro Woche Pflicht. Der Stoff wird von zwei Lehrpersonen für bunt durchmischte Gruppen vermittelt. Ausländer, die in Affoltern rund 80 Prozent ausmachen, erhalten natürlich auch Deutsch-Lektionen. «Schule im Gefängnis» bezeichnet Christian Klein als Erfolgsgeschichte. «Jede externe Unterstützung – dazu gehört auch die Prävention – hilft im Vollzug und ist geeignet, die Eigenverantwortung der Insassen zu stärken. Und genau das ist ein zentrales Element, um die Verurteilten auf ihr Leben ausserhalb der Gefängnismauern vorzubereiten. Hilfreich ist da auch die Arbeit im Gefängnis, die der Bildung gleichgestellt ist. «Glücklicherweise können wir in Affoltern alle beschäftigen», sagt Christian Klein. Das wiederum ist nicht selbstverständlich, weil Gefängnisse in Konkurrenz zu sozialen Einrichtungen stehen und die Wirtschaftslage eine Rolle spielt. «Im Gefängnis Affoltern wird gute Arbeit geleistet», fügt der Leiter bei und zählt auf, was hier von Bedeutung ist: Akquisition, Kundenbetreuung und Qualitätskontrolle.

Sich innerhalb des Gefängnisses am Leben ausserhalb orientieren Schule und Arbeit – da sind sich Insassen und Betreuungsteam sehr nahe. Nähe und Sicherheit – ist das ein Problem? Das Gesetz regelt Grundsätze im Strafvollzug, zu denen natürlich die Sicherheit gehört. Die Insassen erhalten innerhalb dieser Bestimmungen einen Rahmen,

darin können sie sich bewegen. «Wir haben hier einen Mikrokosmos und versuchen, das Leben ausserhalb des Gefängnisses widerzuspiegeln. Das Leben innerhalb von Gefängnismauern hat sich am Leben ausserhalb dieser anzeige

Mauern zu orientieren – und nicht umgekehrt», hält Christian Klein fest. Er räumt ein, dass es auch immer wieder zu Verfehlungen kommt, alles andere wäre ja erstaunlich. Und dass Insassen Grenzen ausloten, wenn ein

neuer Gefängnisleiter seine Arbeit aufnimmt, ist auch klar. Bei Verstössen ist es wichtig, durch geeignete disziplinarische Massnahmen Konsequenzen aufzuzeigen und im besten Fall eine Verhaltensänderung zu erreichen.


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