Bezirk Affoltern
Freitag, 19. Juli 2019
5
«Die Gesundheit spiegelt sich im Haar» Serie «Sag mal, ...?»: Coiffeuse Filomena Calabrese im Gespräch über Haare Es sind ja nur Haare – oder? Nein, sagt Coiffeuse Filomena Calabrese. Das Haar ist ein Informationsträger. Darin verbergen sich die Geheimnisse der Menschen. Welche das sind, erzählt die 42-Jährige im Interview.
unangenehmer als mir, wenn die Haare nicht gewaschen sind oder nach Stall oder Küche riechen.
«Anzeiger»: Zum Einstieg ein Klischee: Es heisst, dass sich viele Frauen nach einer grossen Veränderung in ihrem Leben eine neue Frisur zulegen. Stimmt das? Das erlebe ich tatsächlich häufig, ja. Zum Beispiel nach einer Geburt, einer Hochzeit, oder einfach, weil sie eine Typveränderung brauchen.
Welche Promifrisuren sind momentan besonders beliebt? Die Jungs wollen oft die Frisur ihrer Fussballvorbilder, von Cristiano Ronaldo zum Beispiel. Bei den Damen sind es eher Schauspielerinnen, die gerade im Gespräch sind. Die Mèches von Heidi Klum sind auch begehrt.
Greifen Sie dann sofort zur Schere? Wenn eine Kundin zu mir kommt und sagt, sie brauche Veränderung in ihrem Leben, dann greife ich das natürlich auf. Diese Momente muss man nutzen.
Wie oft kommen Kundinnen mit unrealistischen Wünschen zu Ihnen? Sehr oft. Sie haben eine sehr konkrete Vorstellung und glauben dann, mit dieser Frisur aus dem Salon zu laufen, obwohl das so nicht geht, weil jedes Haar anders ist.
Gibt es gar keine Tabus für Sie? Doch, ich behandle keine Kundinnen mit Läusen. Aber nicht, weil ich mich ekle, sondern weil diese Parasiten hochansteckend sind.
Oft sind das Spontanaktionen. Die Kundin könnte ihren Entscheid schon am nächsten Tag bereuen … Wenn ich den Eindruck habe, dass die Kundin zweifelt, rate ich ihr eher, vorerst nur ein Stück abzuschneiden, damit sie sich an den neuen Look gewöhnen kann. Im Vorgespräch versuche ich herauszuspüren, ob die Kundin für die neue Frisur wirklich bereit ist.
...............................................................
«Oft haben die Kundinnen eine sehr konkrete Vorstellung und glauben, mit dieser Frisur aus dem Salon zu laufen, obwohl das so nicht geht.» ...............................................................
...............................................................
«Ich beobachte die Kundin, sobald sie zur Türe hereinkommt. Wie ist sie gekleidet? Trägt sie Makeup? Wer ist sie?» ............................................................... Wie gelingt es Ihnen, Ihre Kundin in so kurzer Zeit einzuschätzen? Indem ich sie beobachte, sobald sie zur Türe hereinkommt. Wie ist sie gekleidet? Trägt sie Make-up? Wer ist sie? Während des Gesprächs achte ich auf weitere Details, die für den gelungenen Schnitt entscheidend sind. Wie trägt sie ihren Scheitel? Mit welcher Hand streicht sie sich durch das Haar? Ist die Kopfhaut gesund, oder ist sie gereizt, schuppig? Und natürlich schaue ich mir das Haar genauer an, berühre es, und spüre dadurch, wie es dem Haar geht. Was verrät Ihnen das Haar über Ihre Kundin?
Die 42-jährige Filomena Calabrese führt das «Beauty House Alfilo» in Affoltern seit über 20 Jahren mit ihrem Bruder Alfi Calabrese. (Bild Mohammed Shahin) Eine Menge! Ich sehe, ob das Haar mit einem Billig-Shampoo gewaschen wird, oder ob es regelmässig gepflegt wird und gesund ist. Wenn ich es aufhelle, sehe ich, ob das Haar zuhause gefärbt wurde. Bei langen Haaren sind diese Farbrückstände teils mehrere Jahre sichtbar. Die Gesundheit spiegelt sich im Haar. Mattes Haar deutet oftmals auf einen Eisen- oder Vitaminmangel hin. Wenn eine Kundin gesundheitlich angeschlagen ist, leidet auch das Haar. Durch die Medikamente fällt es aus, verliert Glanz und Sprungkraft. Eine veränderte Haarqualität kann aber auch hormonell bedingt sein.
sie neue Pflegeprodukte verwende, doch sie verneinte. Einen Monat später kam sie wieder und sagte mir, dass sie schwanger sei.
Inwiefern? Ich habe es mal erlebt, dass eines Tages eine langjährige Kundin zur Türe hineinkam. Ihr Haar glänzte, ich war begeistert und wollte wissen, ob
Fettiges Haar, dreckige Ohren. Alles kein Problem für Sie? Bei Kopfverletzungen ziehe ich Handschuhe an. Ich erlebe es eher umgekehrt: Den Kundinnen ist es oftmals
Haben Sie niemals Hemmungen, fremde Menschen an deren Kopf zu berühren? Nein, in diesem Beruf sollte man keine Berührungsängste haben. ...............................................................
«Ich sehe, ob das Haar mit einem Billig-Shampoo gewaschen wird.» ...............................................................
«Asra» erstmals im Rietberg Museum
Hilfswerk für beeinträchtigte junge Menschen in Indien Gibt es für den «Asra»-Abend einen schöneren Ort als das Rietberg Museum ? Am 10. Juli fand dieser traditionelle Anlass im Pavillon des Museums für die Kunst der Welt in Zürich statt. Action for Self-Reliance and Alternatives (Asra) ist ein spezialisiertes Hilfswerk mit Sitz in Zürich, das sich seit gut 20 Jahren in Delhi, Indien, für behinderte und sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche einsetzt. Einmal im Jahr lädt «Asra» Gönnerinnen und Gönner zu einem Informationsabend ein. Diesmal jedoch nicht ins Kirchgemeindehaus in Küsnacht wie in den vergangenen Jahren, sondern in den Sommerpavillon des Rietberg Museums in Zürich Enge. Für das Catering war die Stiftung Arbeitskette, die sich für die berufliche Integration von psychisch und/oder körperlich beein-
trächtigten Jugendlichen und Erwachsenen in der Schweiz einsetzt, zuständig. Die rund 150 Gäste wurden von Andy Hünerwadel, Präsident der AsraStiftung, willkommen geheissen. In kleinere Gruppen aufgeteilt, nahmen die Gäste anschliessend unter kundiger Leitung an Führungen durch die Indien-Sammlung des Museums teil. Diese umfasst hinduistische, buddhistische und jainistische Kunst aus Nord- und Südindien. Wie diese Welt mit der Arbeitsrealität kontrastiert, mit der «Asra» in den Slums von Delhi zu tun hat! In Delhi werden Kinder medizinisch untersucht, therapiert und falls nötig zur Behandlung in Spitäler eingewiesen. Anderen werden Grundkenntnisse in Lesen und Schreiben beigebracht, damit sie in den staatlichen Schulen mithalten können. Auf Unterstützung der Eltern ist kaum zu zählen, da diese in
vielen Fällen Analphabeten sind. Später absolvieren die Buben und Mädchen eine Ausbildung, beispielsweise im Nähen, einem Handwerk oder in der Körperpflege. «Asra» führt eine vom Staat anerkannte ComputerSchule und hilft anschliessend bei der Stellensuche. Wer sich selbstständig machen will – beliebt sind eigene Verkaufsläden –, kann einen Kleinkredit beantragen. Im Herbst 2018 wurde zudem eine Schule eingerichtet, in der geistig behinderte Kinder gefördert werden. Mit rund 400 000 Franken Spendeneinnahmen zählt «Asra» zu den kleinen oder mittelgrossen Hilfswerken der Schweiz. 2018 konnten dank ehrenamtlicher Arbeit aller «Asra»-Gremien über 97 % der Einnahmen in Delhi eingesetzt werden. Jakob Schmid, Bonstetten. Mitgründer und Ehrenpräsident, www.asra.ch
Wie überbringen Sie diese schlechten Nachrichten, ohne zu enttäuschen? Ich versuche es auf einem sanften Weg zu erklären. Ich würde niemals sagen, dass eine Frisur nicht machbar ist. Ich erkläre ihnen dann, dass wir versuchen können, in diese Richtung zu gehen. Der Klassiker ist die Hochsteckfrisur. Die Kundin bringt ein Bild mit, bei dem die Haare seitlich zu einem halben Berg frisiert sind, hat selber aber wenig Haar. Dann sage ich ihr, wenn das Ergebnis so ähnlich aussehen soll, dann müssen wir mit künstlichen Haarteilen arbeiten. Das mache ich bei Hochsteckfrisuren eigentlich immer. Und auch bei anderen Frisuren besteht die Möglichkeit, zusätzliche Haarsträhnen zu verwenden, die am Haaransatz modelliert werden. Während der Behandlung bleibt Zeit zum Plaudern. Worüber reden Sie mit Ihren Kundinnen? Zuerst muss ich herausspüren, ob die Kundin heute überhaupt mit mir reden möchte. An manchen Tagen
schätzt sie das Gespräch, an anderen möchte sie lieber einen Kaffee trinken, in einer Zeitschrift blättern und wieder gehen. Ich steige oft mit einem klassischen «Wie geht es dir?» in das Gespräch ein. Die Stammkundinnen antworten dann meist schon mit «Ja, weisch …» und erzählen los. Wie führt man als Coiffeuse souverän Smalltalk? Wichtig ist es, nicht ständig von sich zu reden, sondern die Kundin zu Wort kommen zu lassen. Ermahnen Sie Ihre Mitarbeiterinnen, wenn eine zu viel plaudert? Es kam schon vor, dass ich schon darauf hingewiesen habe, ja. Machen Sie sich manchmal Gesprächsnotizen? Zur Behandlung schon ja. Ich notiere mir beispielsweise die Farbmischung oder Spezialwünsche. Zu den Gesprächen mache ich aber keine Notizen. Ich kann mir Namen nur sehr schlecht merken, aber ich weiss noch sehr genau, worüber was wir das letzte Mal geredet haben. Ich erinnere mich, wenn sie in den Ferien war oder wenn das Kind krank war und greife das dann wieder auf. Gabs auch schon Tränen beim Blick in den Spiegel? Bei Bräuten passiert das öfters. Der Moment, wo sie sich mit Hochzeitsfrisur und Make-Up im Spiegel sehen, ist oft sehr emotional. Da müssen wir dann aufpassen, dass sie nicht zu fest weinen, wegen der Schminke. Und Tränen aus Enttäuschung? Es kann natürlich vorkommen, dass das Ergebnis nicht dem entspricht, was die Kundin sich vorgestellt hatte. Dann korrigiere ich den Schnitt, oder ich mache mit der Kundin einen neuen Termin ab. Die Kundinnen sollten nie mit einem schlechten Gefühl aus dem Laden gehen. Interview: Livia Häberling
Neue Serie: «Sag mal, ...?» In der Serie «Sag mal, ...?» spricht, diskutiert, philosophiert der «Anzeiger» mit Menschen über Themen mitten aus deren Leben. Die Serie erscheint in loser Folge. (lhä)
Einmaliger Einblick in den Justizvollzug Wie funktioniert eigentlich der Zürcher Justizvollzug? Das können interessierte Personen am Wochenende vom 21. und 22. September auf einem Parcours in Altstetten erfahren. Der Umgang einer Gesellschaft mit ihren Strafgefangenen sagt viel über die Gesellschaft selber aus. Im Rahmen des 20-Jahre-Jubiläums des Amts für Justizvollzug erhalten Interessierte am 21. und 22. September die Gelegenheit, auf einem Parcours an der Hohlstrasse 552 in Altstetten sich über diese Behörde zu informieren. Zu erfahren gibt es beispielsweise was in einer rückfallpräventiven Therapie passiert, warum und wann eine straffällige Person Hafturlaub erhält, welche Kriterien für eine vorzeitige Entlassung erfüllt sein müssen oder wie die Bewährungshelferinnen und
-helfer arbeiten. Die meisten Menschen, die heute in einem Zürcher Gefängnis sitzen, werden früher oder später wieder in Freiheit leben. Ziel des Amtes für Justizvollzug ist es, ihnen dabei zu helfen, in Zukunft straffrei zu leben und gute Nachbarn zu werden. Neben Wissenswertem und Interessantem bietet der Rundgang an der Hohlstrasse auch Ästhetisches: Der Zürcher Fotograf Paolo Dutto hat Mitarbeitende und Insassen der Gefängnisse Affoltern am Albis und Dielsdorf fotografiert. Die grossformatigen Bilder sind Zeugen einer Welt, die kaum jemand, der keine Straftat begangen oder keinen Job in einer Strafanstalt hat, je zu Gesicht bekommt. Im Rahmen einer Wanderausstellung gastieren die Bilder im September beim Amt für Justizvollzug. (pd.) Anmeldung und weitere Infos auf www.justizvollzug.zh.ch, «Einblick in den Justizvollzug».