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Vermischtes

Dienstag, 14. Mai 2013

Ein Baum in der Mongolei ist ein Baum auf dem Planeten «Gold und Staub» – Lesung aus dem neuen Roman von Galsan Tschinag in der Buchhandlung Scheidegger Affoltern hat wieder einmal einen kulturellen Höhepunkt erlebt. Der Tuwinische Häuptling, Schamane, Schriftsteller und Umweltaktivist Galsan Tschinag aus dem Altaigebirge in der Westmongolei las und sang in der Buchhandlung Scheidegger. Aufrüttelnd und bewegend der Brückenschlag von Tradition zu modernsten Problemlösungen. ................................................... von denise bohnert Über dreissig Bücher hat er bisher herausgegeben auch in Schweizer Verlagen – in deutscher Sprache. Wie kommt das? In den Sechzigern kam der junge Tuwine nach Leipzig, damals noch DDR, und studierte Germanistik. Als Mensch mit einem vollkommen anderen Hintergrund lernte er sich in der westlichen Zivilisation zurechtzufinden. Seine Sprachkenntnis ist so fundiert, dass er frei seinen eigenen, immer mit Humor durchsetzten Stil entwickeln konnte und die deutschsprachige Leserschaft in den Genuss kommt, Zugang zu seiner und der Tuwinischen Lebenskultur aus erster Hand zu erhalten. Gerade auch in der heutigen Zeit stellt sich dies als sehr wertvoll für sein Volk und dessen Anliegen heraus. In der Heimat mit Berufsverbot als Deutschdozent an der Universität von Ulaanbaatar belegt, empfing er im Westen eine ganze Reihe Literaturpreise und 2002 das Bundesverdienstkreuz.

Aeschbacher, Scheidegger, Sternstunde Spezielle Bekanntheit erlangte er in der Schweiz, als Tschinag Anfang 2010 in Kurt Aeschbachers Fernsehshow geladen war und mit diesem sogleich eine herzliche Beziehung schaffte und ihn zu einem Besuch einlud. Aeschbacher nahm die Einladung an und reiste im folgenden Sommer in die mongolische Steppe, um ein paar Wochen

Der Tuwinische Schamane Galsan Tschinag liest aus «Gold und Staub». (Bild Denise Bohnert)

als Geselle an der Seite des Schamanen zu leben und in einem Film darüber zu berichten. Er durfte ihm bei Heilungen assistieren und konnte auch selbst von seinem langjährigen Tinnitus geheilt werden. Eine ruhige Stimmung herrscht vor der Lesung in der Lagerhalle der Scheidegger Buchhandlung, Galsan Tschinag – mongolisch verzierte Lederfinken und ein Hemd mit dem typischen seitlichen Verschluss schmücken den hochwangigen, silberhaarigen Schriftsteller – betrachtet sein Publikum freundlich. Martin Grob ist hocherfreut diesen aussergewöhnlichen Gast zu begrüssen, eine Exklusivität, wie er betont. Als Begleiter mit auf der Bühne ist Ueli Mauch, als Pfarrer von Mettmenstetten regional bekannt, Mongoleikenner und Freund von Galsan Tschinag. Er entzündet einen Wacholderzweig, Sefi – das ist Tradition, und legt seinem «Bruder» eine Ehrenschärpe um, begleitet von ehrerbietigen Begrüssungsworten.

Liebe und Goldfieber Als Erstes lobt der Gast die Schweiz: «Ein liebes Land, das noch nie von sich

aus einen Krieg begonnen hat und seine Menschen satt macht.» Anwesend sind auch Vorstandsmitglieder des Vereins «Open hearts for Mongolia», der sich dort für Umweltprojekte einsetzt. Tschinags Traum ist es, in der mongolischen Wüste – durch Raubbau und Abholzung entstanden – eine Million Bäume zu pflanzen. Der Häuptling hat die nomadisierenden Gruppen seines Volkes im ganzen Land zusammengerufen und ins Altaigebirge geführt, wo mittlerweile zwei Tage im Jahr gefeiert werden, an denen jeder Tuwine einen Baum pflanzt, 276 000 bis jetzt. «Aber jetzt beginne ich mit der Lesung, sonst vergesse ich es noch, wenn ich einmal den Mund aufmache, bringe ich ihn nicht mehr zu.» Und er rezitiert ein Liebesgedicht, das er schrieb, als er im Fernsehstudio auf seinen Auftritt in Sternstunde Philosophie wartete: «Wie gut, dass es neben den vielen Sternen und der Sonne noch dich gibt und du weisst, dass es mich gibt ... Du bist mir was dem Vogel die Luft, was dem Fisch das Wasser ... Mit dir bin ich im Mittelpunkt des Lebens.» Auch in seinem neusten Band «Gold und Staub» spielt die Liebe zu einer schönen Kasa-

chin eine Rolle; sie will Gold abschöpfen, das goldgelbe Mark aus dem Kamelberg pressen, der dadurch verstümmelt und ermordet wird. Er, Häuptling wie seine Vorväter, will sein Volk beschützen, sein Land retten. «Vor meinem inneren, wichtigeren Auge sehe ich den Altai grün. Als Mann des Ostens mit Kenntnis und Erfahrung des Westens träume ich das Leben und lebe den Traum. Mit Dingen, die werden wollen, klappt es immer.» Der Goldraub und auch der rasante Abbau anderer Rohstoffe wie Silber, Kupfer, Steinkohle und Uran sind bittere Realität. Die Mongolei wird ausgeschlachtet und ausverkauft, 40 % des Landes sind im Besitz ausländischer Konzerne und den Einheimischen nicht mehr zugänglich; 100 Milliardäre besitzen 90% des Landesreichtums, 2,7 Millionen Mongolen teilen sich die restlichen 10%; Amerikaner, Kanadier, Chinesen, Franzosen, Koreaner, Russen reissen sich um die Bodenschätze, haben bereits ganze Berge abgetragen. Jeder transportiert Stücke ab, und wenns auf dem Rücksitz eines Motorrads ist. Die Goldadern ziehen sich durch weisses Gestein – die weissen Felsen stehen nicht mehr. Zeugen einer Ewigkeit, die es nun nicht mehr gibt.

Himmelsakupunktur mit Regenmaschine Aber aufgeben ist Galsan Tschinags Sache nicht. Nebst seinem Baumprojekt, das weitherum unterstützt wird – für 18 Franken kann man einen Baum spenden – hat er zusammen mit Ingenieuren (nach Plänen von Wilhelm Reich) eine Regenmaschine entwickelt, die 15 km von Ulaanbaatar seit einem Jahr in Betrieb ist. Durch die Abholzung und die Klimaveränderung ist der sommerliche Regen ausgeblieben, der für Pflanzen und Vieh unentbehrlich ist. Diese Maschine, zur Hauptsache aus acht grossen in den Himmel gerichteten Stahlrohren bestehend, vermag es tatsächlich, Wolken anzuziehen und Niederschläge zu bewirken; Bilder davon

sind im Internet zu finden. «Mit dieser Himmelsakupunktur will ich den verlorenen Regen in die Heimat zurückholen. Letzten Sommer gab es viel Regen, liegts an der Maschine? Sie wird nicht geschadet haben. Mein Hauptberuf ist Menschen- und Tierheiler, nun bin ich auch zum Erdund Himmelsheiler geworden. Die Liebe der Menschen ist eine Kraftquelle, jeder Leser, jede Leserin ist ein zusätzlicher guter Geist.»

Schlaflieder für Steine Die Tuwa sind gebildet und mit Elektronik flächendeckend versorgt, traditionell aber schriftlos, überliefern sie ihr Wissen erzählend und singend. Jeden Abend singt Tschinag Schlaflieder für die Berge, die Steine, die Herde und für seine Bäumlinge, sanft, damit die Kleinen keinen Schreck bekommen. Bald erscheint von ihm auch eine CD; Martin Grob bittet Galsan zum Schluss eine Kostprobe zu geben, was dieser gerne tut «Ihr seid alle Bäume, kein grosser Unterschied, wir wollen alle leben.» Und nun wirft er die Arme hoch und lässt seine kräftige Stimme erschallen, erfüllt die nüchterne Halle mit Hochlandweite, der Gesang mündet schliesslich in das Wort Hurra, das ursprünglich der Kraftruf der Hunnen war – «unser Beitrag zur Entwicklung der Weltkultur!» Was für ein Schlusswort! Und noch lange schreibt der «weltbeste Signierer», wie ihn einmal die Frankfurter Rundschau bezeichnete, in jedes Buch einen individuellen Spruch mit schwungvoller Unterschrift. Infos über Galsan Tschinag unter www.galsan.info; Bilder der Regenmaschine dort unter ›Nachrichten ›Beitragstitel #27. Näheres über die Bäume: www.open-hearts-for-mongolia.ch, Spendenkonto CH83 0900 0000 6034 0878 3. Googelt man «Aeschbacher Mongolei», finden sich die Sendung von 2010 sowie der Film über Aeschbachers Sommerjob. Unter sternkopien@sf.tv kann man eine DVD der Sternstunde Philosophie (Oktober 2005) bestellen. Die CD mit den schamanischen Gesängen wird bald in der Buchhandlung Scheidegger erhältlich sein, die Bücher sowieso.

buch-tipp

Das seelische Hinken der Entwurzelten ................................................... von irene scheurer* «Die undankbare Fremde» ist ein Roman über die Schwierigkeit des Ankommens in der Fremde. Irena Brežná erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die mit ihren Eltern aus einem diktatorisch regierten Land emigriert und in der Schweiz Zuflucht findet. Die Familie versucht einen Zugang zur neuen Heimat zu finden, spürt aber immer wieder Widerstände. Vieles ist fremd und unverständlich. Die junge Frau vermisst ihre Freundinnen und ihr altes Zuhause, «wo es bekannte Lebensspuren gab». Im Gastland fühlt sie sich wie ein Ding, das von ihren Eltern in ein fremdes Haus gestellt worden ist. Sie tut sich schwer mit der Distanziertheit der Einheimischen, dem Individualismus und den starren Vorschriften. Als Teenager rebelliert sie gegen ihre Eltern und gegen das Gastland, das sie unter seine Regeln zwingt und von ihr Anpassung und Dankbarkeit erwartet. Doch sie weigert sich, kritiklos dankbar zu sein und kämpft um den Erhalt ihrer kul-

turellen Wurzeln. Um ihre Sprachwürde wiederzuerlangen macht sich die junge Frau mit grossem Eifer daran, die deutsche Sprache zu erlernen. Sie arbeitet später als Dolmetscherin und Irene Scheurer. schlägt so Sprach- (Bild zvg.) brücken zwischen Emigranten und Behörden. Die jeweils kursiv gesetzten Berichte, die in den Roman eingeflochten sind, geben einen berührenden Einblick in ihre Arbeit als Dolmetscherin und zeigen eine Vielfalt von Migrantenschicksalen.

Hochseilakt geglückt Im Laufe der Zeit legt sich die ablehnende Haltung der Erzählerin. Als Erwachsene akzeptiert sie ihr Fremdsein als Identität und versöhnt sich mit ihrem Schicksal und der Schweiz. Der Hochseilakt, sich anzupassen ohne sich dabei aufzugeben, ist ihr ge-

glückt. Die Autorin Irena Brežná hat in ihrem Roman «Die undankbare Fremde» weitgehend ihre eigene Geschichte niedergeschrieben. Sie ist 1968 als 18-Jährige von der Tschechoslowakei in die Schweiz emigriert und hat in Basel Slawistik, Philosophie und Psychologie studiert. Im Dezember 2012 erhielt sie für «Die undankbare Fremde» den eidgenössischen Preis für Literatur. Mit ihren präzisen Beschreibungen entwirft Irena Brežná ein spannend zu lesendes Porträt der Schweiz. Sie hält den Eidgenossen einen Spiegel vor, der nicht immer ein schmeichelhaftes Bild zurückwirft. Doch neben der bissigen Kritik bleibt auch Raum für Humor. Und so ist es – neben der subtil beschriebenen Emigrationserfahrung – vor allem die poetische und metaphernreiche Sprache, die das Buch zum wunderbaren Lesevergnügen mit Nachhall macht. «Die undankbare Fremde» von Irena Brežná. Verlag Galiani Berlin 2012, ISBN 978-3-86971-052-5.

Saisonstart mit Kinderflohmarkt Der Bauspielplatz Affoltern öffnet am Mittwoch, 15. Mai, seine Tore. Der Legotraktor, das Bärenpuzzle, die Schlumpfsammlung, welche eben noch das Heiligtum im Kinderzimmer waren, sind nicht mehr aktuell. Die Kinder sind wieder ein Jahr älter geworden; neues Spielzeug, andere Themen sind nun die Renner. Wohin mit den alten Sachen? Der Kinderflohmi auf dem Bauspielplatz ist die ideale Drehscheibe um Altes loszuwerden und günstig neue Dinge zu erstehen. Wer vom Feilschen Hunger oder Durst bekommt, für den stehen Kuchen und Sirup bereit – für die Erwachsenen auch Kaffee. Auch das ganze Hüttengelände steht zum Spielen offen, am Flohmarkttag allerdings noch ohne Werkzeug. Die Bausaison beginnt eine Woche später: Ab dem 22. Mai kann man wieder jeden Mittwoch Hämmern und Sägen geniessen! Kinderflohmarkt und Bau-Mittwoche jeweils von 14 bis 17 Uhr.

*Irene Scheurer ist Bibliothekarin in der Regionalbibliothek Affoltern

Weitere Infos unter bauspielplatz.ch

Kinderflohmarkt – eine ideale Drehscheibe, um Altes loszuwerden und günstig Neues zu erstehen. (Bild zvg.)


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