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018 2016

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Bezirk Affoltern

Freitag, 4. März 2016

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«Ein schweizweit einmaliges Projekt» «Wohnen über 50 am Lindenbach» verbindet Eigentumswohnungen und gemeinsame Begegnungsräume 32 Personen zwischen 51 und 86 Jahren wohnen seit Anfang Februar in den 19 Wohnungen des Mehrfamilienhauses am Lindenbach in Obfelden unter einem Dach. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben grössere Wohneinheiten zurückgelassen, wo jetzt Platz für meist junge Familien entstanden ist. Die Eigentumswohnungen der Siedlung Lindenbach sind verhältnismässig klein. Dafür gibt es zahlreiche gemeinsam genutzte Räume (siehe Kasten). Der «Anzeiger» hat sich mit Bewohnerinnen und Bewohnern getroffen und sich mit ihnen über den Wechsel vom Eigenheim zur Wohnung unterhalten. Die Antworten stammen von verschiedenen Personen. «Anzeiger»: Durch Ihren Wegzug ist in Ihrem bisherigen Wohnraum Platz für Neues entstanden. Wie wurde dieser Platz ausgefüllt? Nach dem Tod meines Mannes habe ich eine Anschlusslösung gesucht und hier gefunden. Das Haus habe ich an eine junge Familie verkauft, die es wieder richtig belebt. Ich habe unseren Bauernhof verpachtet und hier eine optimale Lösung für mich gefunden. In ein paar Jahren wird hoffentlich eines meiner Kinder mit seiner Familie den Hof übernehmen. Ich habe in einer Mietwohnung in Bickwil gewohnt. Besonders schön ist es für mich, hier mit anderen Menschen, die auch im Säuliamt verwurzelt sind, wohnen und leben zu können. Ich habe 60 Jahre lang in einem Zweifamilien-Chalet in Obfelden gewohnt. Das Chalet habe ich verkauft, es wurde abgebaut und findet seine neue Heimat in Murg am Walensee. Das schönste ist für mich, dass ich in meiner Heimat, in Obfelden, bleiben kann. Bei uns gab es eine Quartier-interne Rochade. So wohnt jetzt eine befreundete Familie in unserem Haus. ...............................................................

«Umziehen heisst, für sich das Verhältnis zwischen Ort und Raun neu zu definieren» ............................................................... Die Wohnungen im Lindenbach sind verhältnismässig klein – da es grosszügige Gemeinschaftsräume gibt – wie ging die Trennung von Dingen, für die es in der neuen Wohnung keinen Platz mehr gab? Wir wussten bereits seit mehreren Jahren, dass wir hierherziehen werden. Wir konnten uns also Stück für Stück von gewissen Dingen verabschieden. Einfach war es trotzdem nicht.

Das Mehrfamilienhaus «Wohnen über 50 am Lindenbach» in Obfelden liegt zentral und trotzdem am Siedlungsrand. (Bild zvg.) Raum hat verschiedene Dimensionen – er steht für jenen Platz den man räumlich hat und jenen, den man gefühlt einnimmt. Umziehen hiess für mich deshalb auch, einen neuen Ort zu bewohnen und neuen Raum einzunehmen. Die Trennung von all diesen Dingen hiess für mich auch, mich noch einmal mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen und sie gehen zu lassen. Wir haben einen Unmenge Dinge weggeworfen. Schlussendlich haben wir so viel mitgenommen wie wir auch weggegeben haben. Es war schockierend zu sehen, wie viele Dinge wir besessen haben. Häuser bieten einfach unglaublich viel Platz – den man automatisch auch nutzt. Auf der Nordseite grenzt die Siedlung Lindenbach an die Dorfstrasse und die Bushaltestelle Toussen, auf der Südseite an die Landwirtschaftszone. Wie ist es, an dieser kontrastreichen Wohnlage zu leben? Wir hatten die Idee für diese Siedlung bereits vor einigen Jahren. Als das Grundstück zum Verkauf stand, haben wir sofort ein Depot einbezahlt, um die Zeit zu gewinnen, das Detailprojekt zu planen. Die Lage scheint mir für den dritten Lebensabschnitt optimal. Hier an der Strasse ist es viel lebendiger als im ruhigen Quartier. Manchmal schaue ich einfach aus dem Fenster und beobachte den Verkehr und das Kommen und Gehen an der Bushaltestelle. ...............................................................

«Bewusst mit ausgewählten Mitmenschen zusammenleben» ............................................................... Ich habe vorher direkt an der Hauptstrasse gewohnt. Jetzt finde ich es hier herrlich ruhig. Ich habe für Veränderungen immer viel Eingewöhnungszeit benötigt, deshalb habe ich

Die Siedlung Lindenbach im Detail In der Siedlung Lindenbach in Obfelden wohnen 32 Personen, zwischen 51 und 86 Jahren. Das Durchschnittsalter beträgt 64 Jahre. Die 19 Wohneinheiten bieten zwischen zweieinhalb und viereinhalb Zimmer und wurden als Wohneigentum erworben. Die Erwerbssumme beinhaltete auch den Einkauf in die eigens gegründete Genossenschaft, der die öffentlichen Räume gehören. «Die Bastel-, Werk-, Fitness- und Begegnungsräume stehen allen offen und leben von den Initiativen der Bewohnerinnen und Bewohner. So entstehen immer wieder neue positive Dynamiken», erläutert der für die Umsetzung des Gebäudes verantwortliche Bauführer Bernhard Borner und ergänzt: «Bisher mussten wir nur für die Benutzung der Waschküche ein Nutzungsreglement aufhängen. In allen anderen Räumen ergibt sich die Nutzung situativ.»

Genossenschaftssitzungen als Gefäss für Diskussionen Rund alle drei Monate ist eine Genossenschaftssitzung geplant, an der

erwartet, dass ich auch nach dem Umzug Mühe haben werde. Dem war aber überhaupt nicht so. Ich glaube, der Wechsel war für alle sehr positiv, da wir bewusst mit Mitmenschen zusammengezogen sind. Alle haben einen tollen Ausblick, bis in die Berner Alpen und gleichzeitig sind wir mitten im Dorf. Diese ruhige und gleichzeitig zentrale Lage ist ein absolutes Privileg.

Im Haus gibt es zahlreiche genossenschaftlich organisierte Gemeinschaftsräume. Werden diese auch benutzt? Das Leben im Bistro-Gemeinschaftsraum hat sicher etwas darunter gelitten, dass alle noch mit Einrichten beschäftigt waren. Die anderen Räume sind aber bereits stark belebt. Beispielsweise in der Waschküche treffe ich fast immer jemanden. Der Wellness- und Fitnessraum wird bereits rege benutzt. Ein SMS genügt meistens und 14 der 32 Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung Lindenbach treffen sich zu einem Spielabend eine Stunde später treffen sich minim gemeinsamen Aufenthaltsraum. (Bild Salomon Schneider)

gemeinschaftliche Belange diskutiert werden. «Dies war bereits in der Planungs- und Bauphase so. Deshalb hat sich auch so schnell ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Wir haben zusammen ein Zuhause gebaut», freut sich Bernhard Borner, der selber auch eine Wohnung in der Liegenschaft hat.

Zahlreiche gemeinsame Räume Die Wohnungen werden durch zwei Treppenhäuser verbunden. Zwischen den Treppenhäusern befindet sich ein Gang. Alle Räume sind also trockenen Fusses erreichbar. Die Wohnungen sind so konzipiert, dass jede Einheit von der ruhigen Südlage profitiert. Diese Hausteile werden gemeinsam genutzt: Der grosse Aufenthaltsraum mit Küche, zwei Ateliers, zwei Gästezimmer, der Bewegungsraum, die Sauna, der Swimmingpool, der grosse Garten, ein Nissan Leaf Elektroauto. Da Vieles gemeinsam genutzt werden kann, benötigen die einzelnen Bewohnenden weniger Raum für sich, haben aber vielfältigere Möglichkeiten, sich zu betätigen als dies im bisherigen Eigenheim möglich war.

destens drei Personen in der Sauna oder zum Fitness. Zudem besuchen wir einander sehr oft, um gemeinsam zu essen. Wir haben jahrelang in einem vergleichbar grossen Wohnblock anzeige

Intelligente Gebäudesteuerung Durch die 80-Kilowattstunden-Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach können dank Einspeisung die Nebenkosten des Hauses grösstenteils gedeckt werden. Die Fotovoltaik-Anlage ist so mit den Geräten und der Heizung gekoppelt, dass ein Maximum selbst hergestellten Stroms genutzt wird. Wenn die Geräte Strom brauchen könnten, fragen sie bei der Fotovoltaik-Anlage an, ob überzähliger Strom produziert wird. Wenn nicht, warten sie, bis Strom produziert wird oder die eingestellte Toleranz überschritten wird. Dann ziehen sie Strom aus dem Stromnetz. Das gesamte Gebäude ist barrierefrei umgesetzt. Schwellen bei Türen und Duschen gibt es also nicht. Die kontrollierte Wohnraumlüftung funktioniert so, dass alle Zimmer Zuluft erhalten, die Abluft aber nur über die Nasszellen reguliert wird. So bleibt das Raumklima feuchter als bei Minergie-Systemen. Als Heizung wurde eine Erdsonden-Wärmepumpe eingebaut. (sals)

gewohnt. Wir haben aber bereits jetzt mehr Kontakt zu den Mitbewohnern als in all den Jahren zusammen. Interview: Salomon Schneider


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