Bezirk Affoltern
Freitag, 4. März 2016
Zu einer Zeit, als jeder noch so kurze Ausflug per Postkarte mitgeteilt wurde Sonderausstellung im Ortsmuseum Affoltern am Albis in Zwillikon Das Ortsmuseums zeigt in einer Sonderausstellung zum Kunstmaler, Fotografen und Lithografen Conrad Steinmann, geboren 1866 in Neftenbach, gestorben 1933 in Affoltern, eine Auswahl aus dessen Werk. Einen Schwerpunkt bildet die umfassende Sammlung der Kunstpostkarten aus dem Besitz des Museums. ................................................... von ursula grob Conrad Steinmann lebte von 1899 bis zu seinem Tode 1933 in Affoltern am Albis. Er war ein angesehner und geachteter Bewohner von Affoltern. In vielen Häusern der Gemeinde sind heute noch Bilder des Malers anzutreffen. Weniger bekannt sind seine erstklassigen Kunstpostkarten, die er für den Litho Verlag Heinrich Schlumpf in Winterthur entwarf. Nach seiner Rückkehr aus Paris 1890 musste er feststellen, dass es damals wie heute schwierig ist, als Künstler zu existieren. Bei einem Freund erlernte er deshalb den Beruf des Fotografen. Zu gleicher Zeit vor der Jahrhundertwende war die Zeit des mobilen und touristischen Aufbruchs. Postkarten stellten dank des aufkommenden Massentourismus, der die Schönheit der besuchten Orte aufzeigen sollte,
persönlich 34 Jahre in Affoltern gelebt Conrad Steinmann wurde als jüngster von drei Söhnen des Sekundarlehrers Conrad Steinmann und der Anna geb. Wieland am 11. Februar 1866 geboren. Der Familie gehörte ein kleiner Bauernhof der vor allem von seiner Mutter bewirtschaftet wurde. Der frühe Tod seines strengen Vaters erlaubte ihm, nun seinen Beruf frei zu wählen und ein Kunststudium in Winterthur und Paris zu absolvieren. Nach seiner Rückkehr nach Neftenbach 1890 lernte er Fotograf, arbeitete als solcher und gestaltete neben der Malerei Lithografien für die Kunstpostkarten. 1897 heiratete er Maria Mathilde Schmid. 1899 kaufte er in Affoltern am Albis ein Haus, in dem er mit seinen vier Kindern und seiner Frau bis zu seinem Tod 1933 lebte und arbeitete.
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zur sache Geschichte der Postkarte als Kommunikationsmittel Die Postkarte wurde zu einem wesentlichen Kommunikationsmittel. Jeder kleinste Ausflug wurde per Postkarte mitgeteilt. Der neu entdeckte Massentourismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts brauchte ein Werbemedium, das die Schönheit der besuchten Orte aufzeigen sollte. Mehrere Faktoren verhalfen der Postkarte zu ihrer Bedeutung. Dank der rasanten Entwicklung der drucktechnischen Möglichkeiten, von der manuellen zur leistungsfähigen maschinellen Massenproduktion, ermöglichte dies der ausufernden Nachfrage ein preiswertes und für jedermann erschwingliches Angebot bereitzustellen. Zum andern waren die Drucktechniken vom Kunsthandwerklichen geprägt. Das Drucken war noch eine Kunst und ihm haftete etwas Luxuriöses an. Bereits zu jener Zeit wurden die Ansichtskarten aus Kostengründen im Ausland, d.h. in Frankfurt am Main und Leipzig gedruckt; notabene druckten diese Firmen für die meisten Länder in Europa. Zustellung innert vier Stunden
Ansichtskarte von Affoltern am Albis aus dem Atelier C. Steinmann. (Bilder zvg.) einen florierenden Wirtschaftszweig dar. Dies war für Conrad Steinmann die Chance, für den Postkartenund Lithoverlag Heinrich Schlumpf in Winterthur Kunstpostkarten zu entwerfen. Der Künstler hatte nachgewiesenermassen bereits 1892 die ersten Adresse: Fräulein Anna Gigax Schauspielerin Lithografien zu & 1. Liebhaberin im Spoer’schen Theater Zürich III. Wien für diesen Verlag gestaltet. Ab 1897 bis 1902 erar- terische Qualität der Karten machten beitete er über 200 Entwürfe für die Conrad Steinmann zu einem der Serie «Schweizer Künstlerkarten». Sie bekanntesten Kunstkartenlithografen wurden nach Regionen geordnet, nach seiner Zeit. Die älteste Karte der den heute immer noch beliebten Sammlung trägt den postalischen Ausflugs- und Feriendestinationen. Stempel von 25.8.1899. Ebenso spanSchwerpunkte sind die Stadt Zürich nend wie die Bilder sind die Rückund der Zürichsee, Baden, Stadt Bern, seiten der Kunstkarten, wie das abgeInterlaken und Berner Oberland, bildete Beispiele zeigt. Luzern, Rigi und Vierwaldstättersee, Graubünden, Schaffhausen und WinMit hoher Qualität gepunktet terthur. Das Museum besitzt 150 dieser Nach 1901 hatte Conrad Steinmann Künstlerkarten, die nun in der Ausstel- sein eigenes Atelier und fertigte dort lung zu bestaunen sind. Interessant Postkarten zu Affoltern und Umgesind auch die verschiedenen Kolorie- bung an. Aus Konkurrenzangst führte rungen je nach Druckserie, die dank dies zu Unstimmigkeiten mit Heinrich einigen doppelten Karten auch aufge- Schlumpf und dieser entzog ihm wähzeigt werden können. Und als Leihga- rend einiger Zeit seine Aufträge. Die be sieht man auf zwei Postkarten die hohe Qualität von Steinmanns Arbeit Original-Lithografien. Die hohe gestal- liess die Zusammenarbeit jedoch wie-
der aufleben. Viele der SchwarzWeiss-Ansichtskarten aus dem eigenen Atelier sind ebenfalls im Museum vorhanden und werden in der Ausstellung gezeigt. Wie viele verschiedene Motive es davon gibt, ist leider nicht bekannt, da die Karten nicht nummeriert wurden. Conrad Steinmann verdiente den Lebensunterhalt ebenso als Porträtfotograf und fertigte Vermählungs- und Glückwunschkarten an. Mit diesen Einnahmen konnte er schlecht und recht seine sechsköpfige Familie ernähren. Schwierig wurde es, als die Aufträge von der Lithoanstalt Schlumpf 1904 völlig ausblieben. Im Weitern sind an der Ausstellung über 30 seiner Ölbilder zu sehen, die einen umfassenden Überblick über sein malerisches Werk zeigen. Auf dieses wird in einem weiteren Artikel im «Anzeiger» eingegangen. Zudem sind im Museum auch Dokumente zum Leben von Conrad Steinmann und seiner Familie ausgestellt. Vernissage morgen Samstag, 5. März, um 11 Uhr. Die Enkelin des Künstlers wird anwesend sein und aus seinem Leben berichten. Ausstellung bis Mai immer am ersten Samstag im Monat von 10 bis 16 Uhr, zusätzlich zum Internationalen Museumstag, Sonntag, 22. Mai, von 14 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung unter 044 761 77 42 / 079 313 73 17. Quellen: Dieter Weidmann: Von der Ansichtskarte bis zur Künstlerkarte. – Deutscher Kunstverlag; Paul Bächtiger Horgen; Familienarchiv Conrad Steinmann.
1870 wird die Postkarte in vielen Ländern eingeführt und ab 1872 sind diese genormt auf 88 x 144 mm. Für den Versand wird das Porto auf die Hälfte eines Briefes reduziert. Ab 1885 werden Bildpostkarten offiziell zugelassen. In den ersten Jahren war die Rückseite nur für die Adresse bestimmt. Erst seit 1905 kann auf der Rückseite ein Mitteilungstext neben der Adresse angebracht werden. Eine Flut von Karten überschwemmte nun die Post. So wurden 1890 16,9 Millionen Ansichtskarten durch die schweizerische Post versandt. 1895 waren es bereits 21,3 Millionen, 1900 verdoppelte sich die Zahl auf mehr als 55,2 Millionen um 1910 einen einmaligen Höhepunkt von 102,3 Millionen zu erreichen. Es war aber auch durchaus üblich sich per Postkarte noch am selben Tag zu verabreden! In unserer Sammlung der Kunstkarten von Conrad Steinmann finden wir solche Beispiele. Dies lässt sich anhand der Poststempel verifizieren. Die Karten wurden um 1900 dreimal gestempelt. Stempel 1 mit Versandort Datum und Zeit auf der Marke, der zweite Stempel daneben mit den gleichen Angaben und der dritte vom Zielort mit Ort, Datum und Zeit. So ist festzustellen, dass eine Karte von Bern nach vier Stunden in Zürich eintraf!