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Davide,

Luca

Ich habe meinen fünf Jahre alten Sohn auf dem Flughafen Tempelhof verloren.

Luca

33 Jahre, Italiener, Diplom der Kunsthochschule in Bologna. Mehrere Kollektivausstellungen, Künstlerresidenzen in London und Berlin. Nebenjob an der Kasse bei Saturn.

Luca

Ich suche ihn seit über zwei Stunden … Helfen Sie mir, ihn zu finden …

Tempelhof Der berühmte Flughafen im Zentrum Berlins, Ort der alliierten Luftbrücke (1948/49). Die USA brachten Lebensmittel und andere Hilfsgüter in das von den Sowjets umzingelte Westberlin.

Luca 2010 wurde er in einen zwölf Quadratkilometer grossen Park umgewandelt.

In Tempelhof gehen jeden Tag ca. fünf Kinder verloren. Keine Sorge, wir finden ihn.

Er ist mit dem Rad Richtung Radarturm gefahren, ich hab gerade auf eine SMS geantwortet und plötzlich war er verschwunden. Raus aus dem Park.

Solange er nicht raus aus dem Park ist ...

Vielleicht versucht er, nach Hause zu fahren.

Das wäre ein Problem.

Ganz allein.

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He he … Ups! Ich glaub, sie hat dich gehört …

Lass mich! Wer fasst dich denn an?

HEY! Schau mal, Giovi!

Wooow …

Jaaa! Sooo schön!

Haben sie hier nicht „Die Fabelhafte Welt der Amélie" gedreht?

Sei still.

Die war voll schön. Michieli, warum, glaubst du, sind wir in Paris?

So ein beknackter Film.

Ähh …, zur Klassenfahrt …

Weil du Penner kein Französisch verstehst. Aber du stehst auf Französisch! Stimmt’s, Sara?

Und was ist das deiner Meinung nach?

Eine Gelegenheit, um mit deiner Dummheit zu prahlen? Antworte.

Ähh …, ein bisschen Ablenkung … Michieli, das hier ist der Alfred-DreyfusPlatz. Sagt dir der Name was? Diese blöde Kuh … DreyfusAffäre? „J’accuse" ?

Man fragt auf Klassenfahrt nicht ab.

War dieses Jahr dran.

Und dann, von wegen Fahrt mit der Klasse. Nicht mal aufs Ausflugsboot wollte sie mit … … na zum Glück! Keine Antwort?

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Was gibt’s, warum so lange Gesichter?


Lieber Gianmaria, du wolltest eine Karte aus Oslo, ich schick sie dir aus Moss …

Moss ist eine Kleinstadt 50 km südlich von Oslo. Fürs Erste bleibe ich hier. Die Vermieterin war gleich sehr gastfreundlich.

Auch die Nachbarn wollten mich kennenlernen; eine Italienerin in Norwegen ist was Exotisches.

… ist das okay?

Look,the fjords!

oh…

Ich bin froh, dass ich gefahren bin. Ich weiß, dass du gerade sehr leidest.

Jetzt müsste ich schon an der Uni sein, aber die Ereignisse von heute Nacht haben meine Pläne etwas durchkreuzt.

Mir hingegen geht es gut.

Ich denke, es war die richtige Entscheidung.

Wie seltsam, dass mein letzter Blick gestern vor dem Zubettgehen ausgerechnet auf das Nachbarhaus fiel. 23

„Alles aus Holz“, habe ich gedacht.


Verschwunden – Laura G. aus Rieti, in der Nacht vom 23. zum 24. August, vom Campingplatz Idrusa in Otranto. 23 Jahre, 1,73 m gross, kurze, braune Haare, braune Augen. Sie trug ein grünes T-Shirt, schwarze Shorts und Ledersandalen. Wer sie gesehen hat, melde sich bitte dringend unter 080XXXXXXXX. War das nicht die aus dem Zelt gegenüber?

Ja, das ist sie. C’est horrible.

Verrückt. Das kann ich gar nicht glauben.

Lass uns von hier weggehen. Das macht mir Angst.

Irgendwann kommt immer der Moment im Sommerurlaub, in dem ich mich frage: Wozu das alles? Annelise und ich fliegen mit einem Billigflieger nach Neapel, lassen uns die Kamera klauen und fahren sofort nach Bari weiter.

Halb sieben. Eine halbe Stunde Verspätung.

Der Bus kommt nicht mehr. Pas grave! Sollen wir ein Auto mieten?

Frustriert von diesem Fehlstart erreichen wir Otranto, wo die Nachricht über diese verschwundene Frau – im Urlaub wie wir – uns in die Realität zurückholt: Alles läuft gut, wir können uns nicht beklagen. Via via vieni via con me

Niente piu' ti lega a questi luoghi

Neanche questi fiori azzurri Nichts hält mich hier, das stimmt. Ich habe in Apulien die Grundschule besucht, aber ich bin kein Apulier, sondern in der Romagna geboren. Ich bin aber auch kein Romagnolo, meine Eltern stammen aus dem Friaul. Mehr noch, nach zehn Jahren, in denen ich zwischen Deutschland, Ägypten, Norwegen und Frankreich unterwegs war, bin ich vielleicht nicht mal mehr Italiener. Auch für Annelise ist hier alles anders als in ihrer Normandie: die üppigen Farben des Mittelmeerraums, das satte Blau, das rostige Rot, das dunkle Grün der Pinien. Und das glühende Grau der fast leeren Staatsstrasse. Bist du müde? Nein.

Wenn du müde bist, sag es mir, ja?

ok.

Im Radio wird gemeldet, dass gestern Abend auf diesen Strassen fünf junge Leute bei einem Verkehrsunfall gestorben sind.


Angela, hoffentlich hast du mein Telegramm aus Neapel bekommen.

Am Sonntag bin ich frühmorgens mit Herrn Schmidt nach Ischia aufgebrochen, wo wir in Villa Drago ein Zimmer für zwei Wochen gefunden haben.

Die Heilbäder helfen mir ein bisschen, aber es ist noch zu früh, um wirklich positive Effekte feststellen zu können. Meine Tage sind entsetzlich langweilig: Ich stehe um fünf Uhr morgens auf und gehe zum Heilbad. Dort warten bereits über zwanzig Personen, die meisten sind alt und krank.

Fa‘ Fresch Comm‘a Germania Ahahah!

Meine Schulter schmerzt heute etwas weniger, aber ich kann immer noch nicht malen.

Ich trinke einen Kaffee ohne Milch, weil sie keine haben, und warte fast eine Stunde, bis ich ins Bad gehen kann.

Freschett‘ a Mattin‘ Dotto‘!

Sie sprechen in einem mir unverständlichen Dialekt.

Eh la Germania Hehe! Um sieben gehe ich zum Frühstücken in eine Bar in der Nähe. Kaffee und ein altes Brötchen. Den Rest des Tages schaffe ich es nicht, noch irgendetwas zu tun.

In der Wanne, die zu klein für mich ist, langweile ich mich zu Tode und gucke die ganze Zeit auf die Wanduhr, ob die halbe Stunde um ist.

Fünf Minuten hier drin sind so lang wie eine Stunde draussen.

Ich sitze auf den Felsen und lese Ariost. Es gelingt mir nicht, etwas anzufangen und ich habe keinerlei Inspiration für ein Bild. Zurück von seiner Thermalkur, machte sich der Maler Arnold Böcklin an die Arbeit und begann sein berühmtestes Gemälde, „Die Toteninsel", von dem er fünf Versionen malte. 43


1. Großmutter N’Guyen Ich war in verschiedenen Ländern, bevor ich nach Frankreich kam.

Mit zwanzig habe ich geheiratet. In sechs Jahren bekam ich fünf Kinder.

Zuerst habe ich Croissants verkauft, dann Lebensmittel, Kleidung, Benzin. Ich lebte in einer Kleinstadt im Flachland.

Ich schaffte es, zwei Läden aufzumachen mit einer Wohnung darüber. Ich stand um sechs auf, wusch Wäsche, breitete die Ware aus und öffnete den Laden. Danach kümmerte ich mich um die Kinder. Ich kam niemals vor Mitternacht zur Ruhe.

Ein Leben ohne Probleme.

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Die Frage, die sich an diesem Punkt ergibt, ist:

Warum gerade ich?

Wenn es einen gibt, der sich immer an die Regeln gehalten hat,

natĂźrlich im Rahmen des MĂśglichen,

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Im Gebirge gibt es noch mehr davon.

Je voller der Marmor davon ist, umso leichter ist er.

Wie eine Art „Faser", die den Effekt der Schwerkraft verringert.

Erinnern Sie sich, was vor einem Monat passiert ist?

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Mir geht’s gut. Uns geht’s gut. Keine Ahnung, ich denke, mir geht’s gut. Aber hört bitte auf, mich zu fragen, wie es mir geht. Ich schaue mich um. Ich versuche, die Unterschiede zum Paris von vorher zu finden.

Der alte Bahnhof Ornano ist vor einem Jahr in ein Lokal namens „La Recyclerie" umgewandelt worden. Es wird fast nur von Weissen besucht, obwohl das Viertel fast nur von Afrikanern bewohnt wird.

Seit Samstagnacht ist es in eine wütende Dunkelheit getaucht, ein schwarzes Loch zwischen neonbeleuchteten Döner- und Handyläden. 87


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Die Tage der Amsel Leseprobe  
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