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Susanne Fischer-Rizzi Nomi Baumgartl

Mit Tieren verbunden Die geheimnisvolle Beziehung zwischen Mensch und Tier

AT Verlag


Widmung Fßr meine Mutter, die mich die Liebe zu den Tieren lehrte, und fßr meinen Vater, dem ich die Liebe zu den Wäldern verdanke.


Inhalt

Dieses Buch ist eine unveränderte Neuauflage des ursprünglich unter dem Titel »Tierverbündete« erschienenen Werks. 3. Auflage, 2016 © 2004 AT Verlag, Baden und München Umschlagbild: Martin Bienerth, Andeer Lithos: AZ Grafische Betriebe AG, Aarau Druck und Bindearbeiten: Firmengruppe APPL, aprinta druck, Wemding Printed in Germany ISBN 978-3-03800-916-0 www.at-verlag.ch

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Grossvater Bär Im Kraftfeld der ungezähmten Tiere Die Macht der Wildnis Das uralte Lied Von der Frau, die sich mit dem Bären vermählte Viele Botschaften und ein Auftrag

16 16 20 22 25 26

Spurensuche In den Kathedralen der Steinzeit Mit dem Tiergeist sprechen Das Rentier mit dem goldenen Geweih Die Herrin der Tiere Die Schöne und das Biest

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Zwölf Tierverbündete

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Der Bär Ge-bär-en Der König der Wälder kehrt zurück Mit Bären kuscheln

46 47 50 54 56 60

Der Delfin Ein glücklicher Morgen Freundschaft Meister der Töne Ins Blaue Heilung

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Der Fuchs Was Großvater Fuchs seinem Enkel erzählt Stadtfüchse Augen-Blicke Was die Füchsin erzählte

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Die Hausgrille Ein Lied von den Freuden des Sommers Der gute Geist des Hauses Das Reich zwischen den Grashalmen


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Der Hund Die Geschichte einer langen Freundschaft Mein Hundeleben Treu wie Argos Deine Nähe heilt mich

160 160 166 172 175

Das Schwein Wildschweine – Gaias Gedanken Schweinerei Perlen vor die Säue Chantal

98 99 101 103 108

Die Katze Die Schöne Von Katzen, Mäusen und Göttinnen Wild thing Weisheit der wunderbaren Katze

178 178 180 183 186 189

Der Wolf Auf den Spuren der Wölfe Das Wolfsrudel und der Menschenclan Vom Gesang der Wölfe Wer hat Angst vorm bösen Wolf? Wolfsfrauen

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Der Luchs Der Herr des Nebels Dem Luchs begegnen Sternenauge Rückkehr auf samtenen Pfoten

192 192 194

Die Krone der Schöpfung Der Thron schwankt Der kluge Hans

196 196 198 201 206

Alle meine Verwandten Er sprach mit den Tieren Freundschaft mit Menschenaffen Wolfskinder Sich kümmern

210 213 216 217 218

Adressen Bibliografie Bildnachweis Dank Stichwortverzeichnis

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Das Pferd Das Pferd der Morgenröte Der Wind wird dich tragen Wie die Pferdegeige entstand Der Traum Pferdegöttinnen

136 136 139 140 143

Der Rabe Rabengeplauder Rabenspiele Das Geheimnis der Raben Rabenschläue

144 144 148 151 156

Das Rind Ur-Zeiten Von heiligen Kühen und Stieren Wie geht es eigentlich der Kuh? Die Sanftäugigen


Grossvater Bär

Kodjakbär.

6 Grossvater Bär


Im Kraftfeld der ungezähmten Tiere

»Was ist der Mensch ohne die Tiere? Wären alle Tiere fort, so stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Geistes. Was immer den Tieren geschieht, geschieht bald auch den Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde.« Aus der Rede des Häuptling Seattle an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, 1855

Diese Geschichte würde ich Ihnen lieber persönlich erzählen. An einem Lagerfeuer oder irgendwo an einem schönen Ort draußen in der Natur. Ich muss sie hier zu Papier bringen, denn nur so verstehen Sie, warum ich dieses Buch schrieb. Und warum ich möchte, dass Sie am Ende ein Teil dieser Geschichte werden, die von der Verbundenheit zwischen Menschen und Tieren erzählt. Ein paar ganz persönliche Dinge, die sich auf der Reise ereigneten, werde ich auslassen, auch jene, von denen die Indianer meinten, man solle sie nicht aufschreiben. Aber es könnte sein, dass Sie darüber zwischen den Zeilen lesen ... Geschichten sind Geschenke. Manche sind voller Weisheit und Kraft und zum Überleben notwendig, so ließen mich meine indianischen Freunde wissen. Seither ist mir aufgefallen, dass hier die meisten Menschen kaum mehr Zeit zum Zuhören haben wie auch für vieles andere nicht mehr. Für eine Achtsamkeit jedoch, wie ich sie bei den Indianern kennen lernte, braucht man Zeit. Deshalb konnte uns auch das, was ich hier erzähle, passieren, denn wir hatten wichtige Zeichen nicht wahrgenommen. Es war vor zwei Sommern weit oben im Norden Kanadas, im menschenleeren Bundesstaat Yukon, dem Wolfsblut-Land Jack Londons. Alles, was sich ereignete, ist noch so lebendig in mir, als wäre es erst gestern geschehen. Wir, eine kleine Gruppe von zehn Reisenden, waren in Kanus unterwegs auf einem der großen Flüsse, die durch die nördlichen Wälder fließen. Einmal unberührte Natur zu erleben, wilden Tieren in ihrer ursprünglichen Umgebung zu begegnen, dieser Wunsch und etwas Abenteuerlust hatten uns die Reise antreten lassen. Die braunen, kraftvollen Wasser des Pelly River trugen unsere Kanus durch wildes Land weit weg von allen Zeichen der Zivilisation. Als wir zu Beginn unserer Reise die Kanus vorsichtig ins Wasser schoben, schien es, als dulde der ungezähmte Fluss uns nur auf seinem Rücken und verberge unbekannte Gefahren. Eine Indianerin begleitete uns. Sie gehörte zum Stamm der Vuntut Gwitchin, und diese Wälder waren ihre Heimat. Grossvater Bär 7


Mir schien sie sehr in sich gekehrt und schweigsam, doch ich spürte, wie sie uns beobachtete. Wir hatten sie gebeten, mitzureisen und ihr indianisches Wissen über die Welt, durch die wir fuhren, mit uns zu teilen. Unendliche Wälder säumten die Ufer des Flusses, sie waren so dicht, dass es unmöglich war, sie zu durchqueren. Nicht einmal Platz für unsere Zelte fand sich dort. Diese Wälder sind die Heimat vieler Tiere, und wir wünschten uns, sie in ihrem natürlichen Lebensbereich beobachten zu können. Hier leben Schwarzbären, Grizzlys, Wölfe, Elche, Hirsche, Pumas, Vielfraße und Kojoten. Bald nachdem wir unsere Reise auf dem Pelly begonnen hatten, zeigte sich schon ein junger Schwarzbär am rechten Ufer. Er erinnerte mich an den Traum, den ich etwa zwei Wochen vor unserer Abreise gehabt hatte. Darin wurde unsere Gruppe von einem Bären angegriffen. Ich hatte mich entschieden, die Reise trotzdem anzutreten. Das durch diesen Traum ausgelöste Unbehagen sollte nicht von mir Besitz ergreifen. Doch ich wollte vorsichtig und sehr achtsam sein. Die Weißkopfseeadler, die uns schon vom ersten Tag an oben in den Lüften kreisend begleiteten und deren Anblick uns alle berührte und begeisterte, schienen mir meinen Entschluss, hier zu sein, zu bestätigen. Endlose Gebirgsketten zu beiden Seiten des Flusses reihten sich aneinander, und der Wald schien von einer tiefen Stille ergriffen. Ich habe schon viel Zeit in Wäldern Europas verbracht und fühle mich dort zu Hause. In dieser Wildnis empfand ich mich jedoch anfangs als klein und verletzlich. Auch den anderen erging es so. Das konnte ich an ihren Gesichtern ablesen. Die Gegenwart der Bären zwang uns, mit allem, was einen starken Geruch ausströmte, besonders vorsichtig zu sein. Wir verwendeten unparfümierte Seife, verschlossen die Lebensmittel in Plastiktonnen, vergruben selbst das Spülwasser in der Erde. Die außerordentlich gute Nase der Bären könnte sonst von unseren Gerüchen Witterung aufnehmen und sie anlocken. In Whitehorse, wo wir unseren Proviant eingekauft hatten, erzählte mir ein Jäger, dass ein Bär einen Schokoladenkeks in der Wildnis auf dreißig Kilometer Distanz riechen kann. Ob Jägerlatein oder nicht, wir waren vorsichtig. Am ersten Abend schlugen wir unser Lager auf einer Kiesbank nahe den Wassern des Pelly auf. Wir stärkten uns an einer köstlichen Karibu-Suppe, die Shirley, unsere indianische Begleiterin, gekocht hatte. Lange blieb ich in dieser ersten 8 Grossvater Bär

Nacht in der Wildnis wach im Schlafsack liegen. Ich lauschte hinaus in das Dunkel des unendlichen Waldes. Die Sprache seiner Geräusche konnte ich noch nicht verstehen. Die Wildnis erschien mir wie ein riesiges Es, das mein kleines Ich umgab. Irgendwann schlief ich dann doch unter dem Polarlicht und den glitzernden Sternen ein. Im Schlaf und im Traum fielen die Grenzen, und das Es, die Wildnis, nahm Besitz von mir. Sie erweiterte sich einfach in mich hinein. Die Zeltwand, mein Schlafsack, meine Zivilisation waren kein Hindernis für sie. In dieser Nacht träumte ich davon, durch die Wälder zu gehen. Schon in der nächsten Nacht traten die wilden Tiere in meine Träume, und mir schien, als habe sich meine Seele mit ihnen bereits verbun-


den. Würden sie sich mehr und mehr zeigen und mir etwas vom Geheimnis dieses wilden Waldes vermitteln? Etwas geschah mit mir. Ich erwachte in einem großen Glücksgefühl, denn ich spürte nun die Präsenz der Tiere, die uns hier umgaben und sicher auch beobachteten. Am Morgen fanden wir ihre Spuren nahe an unserem Lager. Wir waren in ihr Kraftfeld eingetreten. Einige der anderen Reisenden erzählten später, als alles vorüber war, sie hätten wie ich von Tieren wie Bären und Adlern geträumt. Von Träumen und Tieren begleitet, glitten wir weiter hinein in das menschenleere Land.

Die Macht der Wildnis Die Tiere begegneten uns nicht nur in unseren Träumen. Eine Elchkuh stakste auf hohen Beinen mit ihrem Kalb durch das Dickicht, Biber schwammen mit den Schwänzen laut aufklatschend im Wasser, Wildgänse weckten uns mit schrillen Rufen am Morgen, und Wölfe hinterließen ihre Spuren. Wir fühlten uns mehr und mehr eins mit dem Wald und dem Fluss und waren glücklich. Hatte uns dies zur Unachtsamkeit verleitet? Gegen Ende unserer Reise geschah das Unfassbare. Die Macht der Wildnis erteilte uns eine Lektion über eines ihrer wichtigsten Gesetze, die Achtsamkeit. An diesem Tag hatten wir stundenlang gegen den Wind gepaddelt und waren erschöpft. Eine Mitreisende fühlte sich krank, und es kam uns gerade recht, deshalb früher als geplant an einem unbekannten, auf unserer Route weniger weit entfernten Platz das Lager für die Nacht aufzuschlagen. Wir nahmen uns nicht wie sonst genügend Zeit, um den Lagerplatz gründlich zu inspizieren und uns auf ihn einzustellen. Die vielen Bärenspuren und ganz frischer, von Beeren durchsetzter Bärenkot blieben unbeachtet. Der Platz war eine große Kiesbank, deren Rückseite zum Wald hin mit Weidengestrüpp und Pappeldickicht bewachsen war. Das Zelt mit der Kranken hatten wir etwas abseits aufgebaut. Nach einem kräftigen Abendessen saßen wir ums Feuer und blickten auf das gegenüberliegende Ufer. Es war wie eine Bühne, auf der, wie wir uns ausmalten, die Tiere des Waldes ein komisches Theaterstück aufführten. Die Tiere kamen dabei nicht besonders gut weg. Wir hatten nicht bemerkt, dass einer von uns eine

Schale Essen zum Krankenzelt gebracht hatte. Dort stand es nun, zwar im Zelt, doch zu nahe am Dickicht, und verströmte einen verlockenden Duft. Außerdem bekam die Kranke gerade eine Massage mit duftendem Öl. Ich befand mich etwas entfernt vom Lager am Ufer des Pelly, um Wasser und Kräuter für einen Tee zu holen. Da brachen die Schreie los. Sie waren voller Todesangst. Ein mächtiger Schwarzbär hatte die verlockende Witterung von all unseren Unachtsamkeiten aufgenommen: vom gebratenen Speck des Abendessens und vom Massageöl. Seine Nase hatte ihn direkt zum Zelt am Rande des Lagers geführt. Lautlos war er aus dem Dunkel des Dickichts zum Zelt geschlichen und hatte die Zeltwand wie dünnes Papier entzweigerissen. Mit seinen messerscharfen Krallen verletzte er eine der beiden, die sich zu dieser Zeit im Zelt befanden, am Rücken. Nun nahm er den Kopf der anderen in sein riesiges Maul, ließ wieder los und biss sich in ihrem Arm fest. Wir schrien, bewarfen den Bären mit dem, was wir gerade in Händen hatten, traten auf ihn, um das Tier so von seinem Opfer abzulenken. Das Gewehr funktionierte nicht, kein Bärenspray war griffbereit! Wir fühlten uns unerträglich hilflos. Plötzlich stürmte Shirley, unsere indianische Begleiterin, mit erhobenem Paddel, laute Schreie ausstoßend auf die Unglücksstelle zu und schlug auf den Bären ein. In all dem Chaos erkannte ich, dass sie ganz in ihrer Kraft war, so wie ich es einmal über Medizinmänner vom Stamm der Mic-Mac-Indianer gelesen hatte: mit den Tieren in vollkommener Verbundenheit und gleichzeitig absolut achtsam sein; die Kraft ganz durch sich hindurchfließen lassen. Der Bär war so überrascht, dass er von seinem Opfer abließ. Dann schaute er die Indianerin an, schien ihre Kraft zu erkennen und trollte sich. Shirley erzählte uns später, dass sie genau wusste, dass uns dieser wütende Bär nach ihrer Attacke auf ihn alle nacheinander hätte töten können. Sie kannte solche Fälle. Doch sie wusste, dass nur diese Art von Eingreifen das Opfer vor dem Tod bewahren konnte. Mit weiterem Lärm gelang es uns, das Tier zu vertreiben und endlich die schwer Verletzte zu verbinden und zu versorgen. Wir wussten nun, dass es sich um einen territorialen Bär handelte, in dessen Revier wir eingedrungen waren und der hier wahrscheinlich auch seine Beute, einen Elch oder einen Hirsch, vergraben hatte. Er verteidigte sein Territorium. Grossvater Bär 9


Wir befanden uns ohne Satellitentelefon mitten in der Wildnis, mit einer schwer Verletzten Hunderte von Kilometern von menschlichen Behausungen entfernt. Es wurde bereits dunkel, und später setzte auch noch Schneeregen ein. Die Kraft des Bären, die Macht der Wildnis hatte uns getroffen, und ich konnte verstehen, warum unsere Vorfahren im Bären ein Symbol für die Macht der Natur über den Menschen sahen. Genau das hatten wir hier erfahren. Wir waren mit wenig Vorsicht in den Lebensbereich, das Kraftfeld eines mächtigen Tieres eingetreten, ohne auf die Zeichen des Ortes zu achten und sie zu deuten. Von nun an übernahm Shirley die Führung unserer Gruppe. Wir hatten ihre Kraft gespürt und vertrauten uns ihr an. Sie wusste, der Bär würde bald zurückkommen, er würde uns nicht in seinem Revier dulden. Die Verletzte lagerten wir vorsichtig und gut eingebettet in einem Kanu, hektisch warfen wir unsere Ausrüstung in die restlichen Kanus. Bis auf ein Boot trieben schon alle auf dem Fluss, gerade schob einer von uns das letzte ins Wasser. Da kehrte der Bär zurück. Er raste auf uns zu. Wir schafften es gerade noch zu entfliehen. Der Pelly schien mir jetzt wie eine rettende Hand. Wir hofften alle, dass der Fluss auf unserer Seite sein würde, denn Stromschnellen, herausragende Baumstämme, verborgene Strömungen und der einsetzende Schneeregen könnten uns auf dem weiteren und ungewissen Verlauf unserer Reise durch die Nacht gefährlich werden.

Das uralte Lied Wir paddelten die ganze Nacht hindurch mit nur einer kurzen Unterbrechung. Wir wussten, weit vor uns, mit mindestens zwei Tagen Vorsprung, war eine andere Gruppe auf dem Pelly unterwegs. Wir hatten sie am Anfang unserer Reise getroffen. Diese Gruppe besaß ein Satellitentelefon und deshalb mussten wir sie erreichen. Unsere Verletzte sollte so schnell wie möglich mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Wir konnten sie nicht lange so befördern, die großen Bisswunden würden sich schnell infizieren. Zudem verengte sich der Pelly River auf unserem weiteren Weg in einem Canyon. Dort ragten gefährliche Felsnadeln aus den Stromschnellen. Shirley feuerte uns an, sang Lieder, machte Mut, und wie durch ein 10 Grossvater Bär

Der Bär schlägt die Schamanentrommel. Skulptur moderner Inuits (Eskimos).


Wunder erreichten wir die rettende Gruppe am nächsten Tag. Auf einer Insel, die dem steilen Ufer vorgelagert war, zogen wir das Boot mit der Verletzten vorsichtig an Land. Die meisten von uns waren mit ihren Booten ans Ufer gefahren, um mit der anderen Gruppe Kontakt aufzunehmen, per Satellitentelefon Hilfe herbeizurufen oder einfach erschöpft ins Moos zu sinken. Ich saß am Boot bei der Verwundeten. Auch Shirley war in unserer Nähe. Wir waren glücklich, hier angekommen zu sein, und froh, dass bald Hilfe für die Verletzte kommen würde. Endlich lag das Schreckliche hinter uns ... Aus dem Unterholz des gegenüberliegenden Ufers erschien ein großer, dunkler Körper. Das konnte nicht sein, schon wieder ein Bär! Diesmal war er nicht von Speisen angelockt worden, sondern wahrscheinlich vom Geruch des Blutes. Was würde er tun? Der Bär sprang ins Wasser und schwamm auf uns zu, so unfassbar schnell, dass uns pure Panik erfasste. Wir saßen in der Falle. Wir konnten die Verletzte weder aus dem Boot heben noch sie schützen. Der Bär kam rasch näher, sein massiger Körper durchpflügte das Wasser. Shirley wandte sich an uns: »Ich werde jetzt für ihn singen, damit er umkehrt. Singt mit!« Es war ein Lied in ihrer Sprache, das vom Großen Geist erzählte, der alles miteinander verbindet. Unser Gesang ließ den Bären wissen, wie Shirley später erklärte, dass wir mit ihm verwandt sind. Ich weiß nicht mehr, ob ich wirklich mitsang, und falls ja, woher ich das Lied kannte. Es schien mir so alt wie die Erde selbst. Vielleicht stammte es aus einer Zeit, in der

Menschen und Tiere noch Verbündete waren, sich respektierten, voneinander lernten und miteinander sprechen konnten. Der Bär nahm das Lied wahr, lauschte, kehrte um, schwamm zurück ans Ufer und verschwand im Wald. Wieder hatte Shirley etwas vom Wissen ihrer Vorfahren angewandt und uns damit gerettet: »Die Ahnen waren nah, sie halfen uns, mit dem Bärengeist zu sprechen«, erklärte sie uns später. Unsere Sicht des Verhältnisses zwischen Tieren und Menschen war nun erheblich in Frage gestellt. Wie ist es möglich, einen Bären mit einem Lied zu beeinflussen? Ich habe danach viel über dieses Lied und die Reaktion des Bären nachgedacht. Der Gesang gehörte zu einem uralten, faszinierenden Wissen, das die Indianer dieser Wildnis beherrschten und teilweise noch heute anwenden, um inmitten vieler Bären überleben zu können. Dieses Wissen diente auch dazu, eine magische Verbindung zwischen Mensch und Tier aufrechtzuerhalten. Wir sollten bald, nachdem dieses Abenteuer überstanden war, tiefer in diese Weisheit eingeweiht werden.

Von der Frau, die sich mit dem Bären vermählte Der Hubschrauber hatte die Verletzte ins weit entfernte Krankenhaus davongetragen. Wir Zurückgebliebenen traten den Rest unserer Reise an. Nun war der Fluss zu unserem Verbündeten und Vertrauten geworden, wir wussten, auch in höchster Gefahr hatte er uns sicher auf seinen Schultern getragen. Der Bär, der uns auf der Kiesbank angefallen hatte, wurde später von den Männern der Royal Canadian Mounted Police vom Hubschrauber aus erschossen. Als sie sich ihm näherten, wollte er sein Revier erneut verteidigen. Sie meinten, solch ein Bär könne in Zukunft weiter Menschen anfallen und es wäre zu gefährlich, ihn leben zu lassen. Shirley weinte über den Tod des Bären, und wir begriffen schon jetzt, dass wir einige Fehler begangen hatten, die zu diesem tragischen Ausgang der Geschichte geführt hatten. Unsere Unachtsamkeit hatte den Tod des Bären zur Folge. Als wir endlich dort ankamen, wo der Klondike-Highway den Pelly River kreuzt, wo es eine Straße, Autos und eine Brücke gab, wartete dort Shirleys indianische Familie auf uns. Von diesem Moment an bis zu unserem Abflug Grossvater Bär 11


Talisman aus einem Bärenzahn.

waren sie ständig in unserer Nähe. Die Indianer hatten mit uns etwas Besonderes vor. Der Gedanke, dass wir das Land verlassen könnten, ohne uns mit dem Bären versöhnt zu haben, war für sie unerträglich. Sein Tod wäre für sie dann sinnlos gewesen. Sie wollten uns etwas von ihrer Art, sich mit den Tieren zu verbinden, übermitteln. Dadurch, so hofften sie, könne auch das Trauma, das der Unfall in jeder und jedem von uns hinterlassen hatte, geheilt werden. Unsere indianischen Freunde wie auch der Medizinmann betreuten uns auf wirksame und, wie es zunächst aussah, »archaische« Weise. Später erschien mir dies wie eine geniale, moderne Psychotherapie, um Menschen schnell und effektiv von einem Trauma zu befreien. Die Indianer vertrauten zuerst auf die heilende Kraft des Erzählens. Immer wieder berichteten wir uns gegenseitig von unserer ganz persönlichen Warte aus, was geschehen war. Dies fand in Redestabrunden statt. Wir saßen im Kreis, und im Anschluss an Gebete und Räucherungen kreiste ein hölzerner Stab, der jeder und jedem das Recht zum Reden ohne Unterbrechung gab, solange sie oder er den Redestab in den Händen hielt. Wir staunten, als Shirley die Geschichte unserer gemeinsamen Reise erzählte. Es war, als wäre sie gleichzeitig in eine uns unbekannte Welt gereist. Wie ihre Ahnen seit Urzeiten in diesem Land hatte sie während der Reise in magischem Kontakt mit den Tiergeistern des Waldes gestanden. Diese sprachen in Träumen zu ihr, und auch tags war sie mit ihnen verbunden. Shirley nannte den Bären »Großvater«, und es stand für sie fest, dass die uns beglei12 Grossvater Bär

tenden Adler von ihren Ahnen als Botschafter zu uns geschickt worden waren. »Habt ihr es nicht gesehen? Die Adler, die uns immer mit wachsamen Augen begleitet hatten, wandten sich ab, als wir mit unseren Kanus an der Kiesbank des Bären landeten. Ich sollte noch nicht eingreifen, nur da sein. Euer Theaterspiel am Fluss, bevor der Bär angriff, hat den Bärengeist wütend gemacht. Es war nicht gut, sich über ihn lustig zu machen. Die Tiergeister lieben es nicht, wenn wir Menschen in Überheblichkeit den Wald betreten. Glaubt nicht, dass die Menschen über allen anderen Lebewesen stehen. In eurer Kultur werden die Tiere verachtet, denn ihr Menschen glaubt, besser als sie zu sein. Der Bär war euer Großvater, und um euch dies alles zu lehren, ist er gestorben.« Nach der Redestabrunde wurde uns sehr ausführlich die Geschichte »Von der Frau, die den Bären heiratete« erzählt. Darin wird von einem indianischen Mädchen berichtet, das sich mit einem Bären vermählt. Ihrer Ehe entspringen zwei Söhne, die Bären- und Menschenblut in sich vereinen. Später, nach einem Streit im Dorf, flüchten die beiden Kinder in die Wälder und leben dort fortan unter Bären. Sie begründen die verwandtschaftliche Verbindung von Menschen- und Bärengeschlecht. Erstaunt habe ich später während der Recherchen zu diesem Buch festgestellt, dass jene Geschichte immer wieder leicht verändert in allen Kulturen der nördlichen Hemisphäre, wo Bären leben, erzählt wird und sehr bekannt ist. Es war wider alle Vernunft zu glauben, solche Erzählungen könnten uns die Angst vor Bären nehmen. Doch langsam verstanden wir die Bedeutung dieser Geschichte, sie vermittelte gleichzeitig Sichtbares und Unsichtbares, und sie wirkte auf verschiedenen Ebenen. Ihre einfache Botschaft war die Gewissheit von der Verbundenheit und der Verwandtschaft alles Lebendigen. Die Heirat mit einem Bären symbolisiert eine sehr intime Vertrautheit mit den wilden Tieren des Waldes und mit allen Lebewesen. Wer Tiere als Verwandte ansieht, die alle vom gleichen Großen Geist geschaffen wurden, kann mit ihnen sprechen, sie verstehen und ihre Lieder singen. Sie werden dann zu Botschaftern und Lehrern für die Menschen. Ich erinnerte mich an die Legende von Franz von Assisi, der mit dem Wolf und den Vögeln redete. Im Mittelalter und noch lange danach galt die Fähigkeit der Mystikerinnen und Mystiker, mit den Tieren zu sprechen, als ein untrügliches Zeichen für Heiligkeit. Solche Legen-


Die Verwobenheit von Tier- und Pflanzenreich. Giovanni Battista della Porta, 1588.

den gewähren uns einen flüchtigen Blick in ein verlorenes Paradies, in dem Menschen und Tiere friedlich miteinander leben. Erst wenn wir aufhören, uns für die Überlegenen zu halten, werden sich die Türen zu dieser anderen Dimension des Austauschs mit den Tieren auftun. Wir sind dann offen für mystische Erfahrungen, neue Gedanken und eine veränderte Sichtweise. Zu solchen Einsichten und Überlegungen hatte uns »Großvater Bär« bewegt. Während der Betreuung durch die Indianer, die Heilung und Wissensvermittlung zugleich bedeutete, durften wir einen Blick in die uralte Weisheit dieses Volkes werfen und sahen danach den Sinn unserer Reise mit anderen Augen.

Viele Botschaften und ein Auftrag Als der Medizinmann an unserem letzten Tag in Kanada den Bärengeist zu uns in den zeremoniellen, heiligen Raum der Schwitzhütte rief, war es fast so, als käme ein Verbündeter. Einer, der uns geholfen hatte, uns selbst zu überprüfen, ob wir mit dem, was uns umgibt, in Achtsamkeit und Mitgefühl verbunden sind. Die Betreuung durch die Indianer, ihre Geschichten und Erklärungen über die Verbundenheit von Mensch und Tier, hatte uns Einsicht in die innere Dynamik des Angriffs des Bären vermittelt und uns gezeigt, dass es im menschlichen Verhalten oft schwierig ist, zwischen Würde und Überheblichkeit zu unterscheiden. Grossvater Bär 13


Das Erschütterndste war dabei für uns die Konfrontation mit der Illusion der Unverletzbarkeit des Menschen und mit der eigenen Angst. Gleichzeitig hat uns »Großvater Bär« etwas vom wunderbaren Wissen über die Verbundenheit aller Geschöpfe gelehrt, die in dieser Geschichte für uns Reisende wie ein Spiegel unserer eigenen Unzulänglichkeiten und Ängste waren. Wir lernten auch, mehr auf unsere Träume zu achten und so innere und äußere Botschaften miteinander zu verbinden. Gestärkt, versöhnt und ohne panische Angst vor Bären verließen wir Kanada. Der Bär, so schien es, hatte für mich jedoch noch einen Auftrag, den Shirley mir übermittelte: »Schreibe auf, was hier geschehen ist. Erzähle vom Bären und von den anderen Tieren. Lass jene, die das Buch lesen, wissen, dass die Tiere unsere Verbündeten sind und dass es wichtig ist, in Harmonie mit Mutter Erde zu leben.« Nachdem ich wieder zurück in Deutschland war, überdachte ich meinen Auftrag. Ich hatte nie daran gedacht, ein Buch über Tiere zu schreiben. Bis jetzt hatte ich mein Leben der Heilpflanzenkunde verschrieben, und davon handelten auch meine bisherigen Bücher. Ich bin keine Zoologin, doch seit meiner frühesten Kindheit verbindet mich eine innige Liebe zur Tierwelt. Warum sollte ich nicht die Pflanzenwelt mit der Tierwelt verbinden? So wie beides in der Natur untrennbar miteinander verbunden ist. Im Laufe der Arbeit an diesem Buch begriff ich, dass das eine ohne das andere nicht zu verstehen ist. Pflanzen und Tiere sind im Netz des Lebendigen nahtlos miteinander verknüpft. Mir fiel die Schautafel von Giovanni Battista della Porta ein, der bereits 1588 die Affinität zwischen Pflanzen- und Tierwelt veranschaulicht hatte. Einige Wochen wartete ich auf die indianischen Geschichten von Tieren und Menschen, die mir Shirley für das Buch zur Verfügung stellen wollte. Doch es kam nichts. Hatte ich etwas falsch verstanden? Dann ließ mich der Medizinmann wissen, dass es nicht gut sei, seine indianischen Erzählungen über Tiere für das Buch zu verwenden. Er riet mir, hauptsächlich meinen eigenen Wurzeln zu folgen. Ich sollte »beide Welten« der Tiere beschreiben: die magischunsichtbare, die uns geheimnisvoll erscheint, wie auch die diesseitige mit ihren faszinierenden biologischen Fähigkeiten. Nun begann meine Spurensuche in der eigenen europäischen Kultur. Ich suchte nach Zeichen einer alten und 14 Grossvater Bär

»Ich habe im Verlaufe meine Lebens gelernt, dass alle Menschen eine Neigung zu einem bestimmten Tier, einem Baum, einer Pflanze oder einem Fleckchen Erde haben. Wenn sie dieser Vorliebe mehr Beachtung schenken würden (...) dann würden ihnen ihre Träume sagen, wie sie ein reines Leben führen könnten. Ein Mensch soll sein Lieblingstier auswählen und es studieren, bis er die Unschuld seines Verhaltens versteht und seine Laute und seine Bewegungen deuten kann. Die Tiere wollen sich dem Menschen mitteilen ...« Brave Buffalo, Medizinmann der Teton-Sioux


einer neuen Verbundenheit zwischen Mensch und Tier, nach einem zwischenartlichen Dialog auf den verschiedensten Ebenen. Ich suchte nach einem Wissen, das uns helfen kann, das alte Band gegenseitiger Achtung und Verantwortung neu zu knüpfen. Gab es auch hier in unserer hoch entwickelten Welt Tierlehrer, Krafttiere und Tierverbündete? Lebten in unseren Wäldern einst Großvater Bär, Bruder Wolf und Adler als unsere Verbündeten? Wenn ja, warum ist dieses Wissen verloren gegangen, und warum sind wir gerade dabei, die Natur, von der wir selbst ein Teil sind, zu zerstören? Warum nehmen es die meisten Menschen hin, dass durch unsere Zivilisation so viele Tierarten aussterben? Ich fand heraus, dass es auch bei uns einst ein lebendiges Wissen um eine Verbundenheit zwischen Tier und Mensch gegeben hatte. Auch hier gab es Menschen, die mit Tieren sprechen und in ihnen Lehrer, Botschafter und Verbündete erkennen konnten. Die Menschen lebten im Gleichgewicht mit der Natur und entnahmen ihr nur, was sie brauchten. Das ist jedoch so lange her, dass sich das alte Wissen im Sagenhaften verloren hat. Könnte die Weisheitstradition unserer Vorfahren heute dazu beitragen, dass wir achtsamer mit uns und mit den Tieren, mit der ganzen Natur umgehen? Könnten die Tiere auch heute noch für uns Botschafter, Heiler und Lehrer sein? Ich suchte nach Antworten auf vielen Ebenen und folgte einem Strahl der Zeit, der von der Steinzeit bis in die Gegenwart reicht. Ich wollte magische Erfahrungen und wissenschaftliche Fakten zu den Tieren ergründen, sammeln und sie sich ergänzen lassen. Das Buch möchte auch gewohnte Sichtweisen über Menschen und Tiere in Frage stellen und zum Nachdenken über unser Verhältnis zur Natur und zu den Tieren anregen. Meine persönlichen Erfahrungen sind in die Texte eingewoben. Während meiner Recherchen wurden die Tierverbündeten, wie die Indianer die Tiere nannten, für mich lebendig. Ich begegnete ihnen, sie wurden zur direkt erlebten Erfahrung: Ich lief mit den Wölfen, schwamm mit Delfinen, sprach mit Raben. Ich war betroffen vom Leid der Schlachttiere. Tierseuchen wie BSE, Maul- und Klauenseuche und die Vogelgrippe, die gerade ausgebrochen waren, bestätigten mir, dass es für uns Menschen dringend notwendig geworden war, unser Verhältnis zu den Tieren neu zu überdenken, und verlieh meinem Auftrag eine weitere Bedeutung. Ich beobachtete und studierte die Tiere, um viel über ihre biologischen Fähigkeiten und ihre Bedürfnisse zu lernen. Kon-

rad Lorenz, der große Verhaltensforscher, hat dies einmal so ausgedrückt: »Der Mensch wird umso tiefer und nachhaltiger von der lebendigen Wirklichkeit der Natur bewegt werden, je mehr er über sie weiß.« Gleichzeitig suchte ich in Träumen, Visionen, Meditationen und Ritualen mit den Tieren Kontakt. Als ich der Anleitung verschiedener Lehrerinnen und Lehrer aus unterschiedlichen Traditionen folgte – der indianischen, tibetischen, samischen und alteuropäischen –, begegnete mir der Tiergeist und lehrte mich. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse und Erfahrungen sind im Folgenden zwölf Tiere beschrieben, mit denen wir hier seit langer Zeit verbunden sind und die deshalb in unserer Seele wohnen. Es gibt natürlich noch viele weitere Tiere, die eine bedeutende Rolle für das Leben der Menschen in Europa spielen, doch ich habe mich auf jene beschränkt, mit denen mich ein starkes persönliches Erleben verbindet. Wenn man ein Tier studiert und sich mit ihm auf gleicher Ebene trifft, dann geschieht etwas Faszinierendes. Man studiert nicht mehr »die Füchse« oder »die Wölfe«, sondern sieht plötzlich Persönlichkeiten. Und dann entdeckt man, dass auch die Tiere uns individuell erkennen – ein Gefühl von gegenseitigem Respekt, von Achtung und Annäherung entsteht – vielleicht sogar Freundschaft. Manchmal ergeben sich dabei »magische Momente«, das Tier lehrt uns etwas Besonderes. Folgen Sie mir also in diesem Buch auf meiner Reise durch das Tierreich. Wir werden dabei faszinierenden Tierverbündeten begegnen. Vielleicht wird Sie eines der Tiere besonders ansprechen, Sie rufen und mit Ihnen eine uralte Weisheit teilen. Ob ich den Auftrag, den ich von den Indianern erhalten hatte, gut ausgeführt habe, wird sich nun zeigen. Daran, ob ich in diesem Buch etwas von der Weisheit, die mich »Großvater Bär« und alle anderen lehrten, übermitteln konnte. Ob ich Sie damit berühre und anrege, sich für das Bündnis von Mensch und Tier einzusetzen.

Grossvater Bär 15


Zwölf Tierverbündete


9783038009160