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Abenteuer GOTT Glaube online


Abenteuer Gott Glaube online

Autor: Johann-Christoph Tiedeke

© Selbstverlag 3. Auflage

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Vervielfältigung in irgendeiner Form (Fotokopie, Microfilm oder andere Verfahren) oder Verarbeitung durch elektronische Systeme ohne schriftliche Einwilligung des Autors und des Verlages sind verboten.

Alle Bibelstellen - mit wenigen Ausnahmen - wurden der Lutherübersetzung 1956 entnommen.

Umschlaggrafik: sunnje / PIXELIO

Druckerei: Booksfactory (www.booksfactory.de)


Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG Vorspruch Vorwort

009 010

GLANZ DURCHS SCHLÜSSELLOCH Amen, Amen Und der mich kämmt Die kleine Tür Schule des Kreuzes Das Heulen der Pfaffen Lektion im Flur Leere Brunnen Beten von ganzem Herzen Vergebliche Suche Papa Vogt´s Ehrfurcht Der Verrat Die Brief bombe Das ungezogene Kind Kinderglaube Die zweite Chance Irina

012 013 015 018 020 021 022 024 028 031 033 038 044 046 049 052

LEBEN AUS DEM GEIST Der Kopfschmerz-Engel Erste Heilung Geistes-Gegenwart

055 057 060


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WENDEGESCHICHTEN Ein System bricht zusammen IM Saulus Der Runde Tisch Tage der Befreiung Die Rückfallquote

063 065 068 070 075

HEISSER OKTOBER Sieben Leben Kristallnacht Stoß-Gebete Null Bock! Schalom! Todesangst Kindermund Herrn Ty´s graue Haare

079 081 091 095 099 103 107 108

HEILUNG UND HILFE Herzinfarkt! Die richtige Tür Komplexe satanische Strategien Das große Schiff

111 114 117 120

TRANSFORMATION ZUM BETER Korrektur von oben Feuerzungen Der nasse Pullover Evi Die Sturmflut Die seltsame Heilung Abgeben! Die letzte Ecke Mein Versorger Der Hubschrauber

122 125 130 132 134 145 147 148 150 153


Inhaltsverzeichnis

5

Die Einkaufspaten Der deutsche Thron

156 159

IM NATIONALEN EINSATZ Yes, Sir! Eine Portion Erweckung Hรถhenluft Vier Wecker

161 164 168 171

LEHRLING IM GEBETSDIENST Die Hochzeit Der Scheck aus Amerika Todeskampf Engel im Kuhstall Knie-Arbeit Das Auto als Ball Fahr-Erlaubnis Mattis Kampf Kultur-Portestantismus Ein Zentimeter Wasser Die ausgebaute Sicherung

173 178 180 184 188 191 193 197 200 201 204

BERLINER Kร„MPFE I Fasten! Cast out! Zweieinhalb Tassen Tee Eis-Heilige Der Schlag Der Anschlag Der Aussteiger Gรถttliche Versorgung

206 209 212 219 221 223 227 229


6

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ZUR BUßE BERUFEN Der nasse Teppich Verrückt! Das schwarze Geheimnis In der Zwickmühle Der Blaue Brief Geh, Bischof, geh!

231 235 240 242 246 248

BERLINER KÄMPFE II Die Invasion Der Konflikt der Priester Geistlicher Wachschutz Die Daumenprüfung Glocken im Dickicht Abtreibung am Fließband Millenium Der dunkle Stern Ein Zehntel hört Daumen im Schraubstock Die schöne Stimme Die sechste Runde Das Kirchweihfest Die richtige Falschmeldung

251 255 258 261 264 266 270 273 279 282 288 290 299 301

EIN BETER WERDEN Im Hintergrund Der beste Akustiker Die grüne Straße Der große Fisch Das Tor von Calais Die drei Weisen aus dem Polenland Tod eines Terroristen Brief des HERRN

306 310 312 316 318 321 324 326


Inhaltsverzeichnis

7

Die Morgenbeter von Egenhausen Wieder der Hubschrauber TV-Gebete Botschaft nach Gaza Die Pferdekur Gesegnete Schuhkartons

330 333 334 337 339 341

ZU HAUSE UND IM WELTWEITEN EINSATZ Das Hauptquartier Göttliche Finanzpolitik Die Wolke der Zeugen Neunzig Grad Verbeugung Der Geist von Amerika Das Geburtstagsgeschenk Der alte Beter Blut im Schuh Und hätten der Liebe nicht Der räuberische Nikolaus Das ungebrochene Versprechen

343 348 350 354 357 360 365 369 373 374 377

BETEN IM FERNEN UND NAHEN OSTEN 1000 Münzen für Korea Der heiße Ofen In der Zelle Kreuz-Wege Der vierte Tunnel Die kleinste Kirche Koreas Die Verlängerung Das längste Frühgebet Das erste Gebetscamp Einen Steinwurf weit Die verschwundene Mauer Der See-Krieg Doppelt verfolgt

378 381 384 386 388 392 394 397 399 407 411 413 415


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Die geteilte Stadt Beten unter Raketen Im Bundestag Die zweite Geige Nachspruch

419 422 428 432 436

PRAXISANLEITUNG Online mit Gott - Zwรถlf Thesen Online mit Gott - Die sechs Schritte

437 443


Teil 1 - Einleitung

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Vorspruch Wenn ein Bauer krank ist, versucht er zuerst, sich selbst zu helfen. Dann geht er zum Arzt, und, wenn der nicht gleich helfen kann, zur „weisen Frau„ oder zum Kurpfuscher ... Genau so verhält es sich mit dem deutschen Volke: Es hat seinen Heiland verlassen und sich andere Götter und Führer gesucht.

Worte von Superintendent Lic. Martin Albertz vom 03.10.1933 auf einem Treffen des evangelischen Kirchenkreises Berlin-Spandau, gefunden in einem Bericht von sechs verräterischen Theologiestudenten an die Kreisleitung der NSDAP ...


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Vorwort Mit diesem Buch möchte ich darüber Zeugnis ablegen, wie Gott mich zu einem Beter gemacht hat - und wie durch das Beten mein ganzes Leben ein Fest und Abenteuer geworden ist. „Normal“ ist das nicht - aber IHM hat es gefallen, mich so erstaunlich zu verändern, umzuformen und zu gebrauchen, dass ich aus dem Staunen gar nicht mehr herauskomme. Eine Auszeit in der Reich-Gottes-Arbeit gibt mir die Chance, den Blick zurückzuwenden und ein paar Bilder und Erinnerungen festzuhalten, bevor sie ganz vergessen sind. Diese Zeilen sollen zuerst mir selbst dienen und mir sagen: „Vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat!“ Wenn sie darüber hinaus andere Menschen ermutigen würden, sich ins Gebet rufen zu lassen, den HERRN zu hören und darauf mit Ge-hor-sam zu antworten - so wäre die Arbeit des Aufschreibens und Festhaltens nicht vergeblich gewesen.

Johann-Christoph Tiedeke


Teil 1 - Einleitung

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Nachwort zum Vorwort Inzwischen sind fünf weitere Jahre ins Land gegangen. Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich viel länger und intensiver an diesem Buch arbeiten müssen als gedacht. Oft war ich wochenlang damit beschäftigt, Recherchen anzustellen, alte Quellen zu erschließen und Erinnerungen festzumachen. Oft wurde ich in der Nacht geweckt, weil dem HERRN bestimmte Passagen nicht gefielen oder er mich in eine noch größere Tiefe führen wollte. Jeden Tag brauchte ich neue Inspiration und Ermutigung. Jetzt scheint die Arbeit zu einem gewissen Abschluss gekommen zu sein. Der Druck, der so viele Jahre auf mir lastete, ist weg. Ich möchte schon in diesem Vorwort darauf hinweisen, dass dies keine Biografie oder Selbstdarstellung ist. Ich habe in diesem Buch nur das aufgeschrieben, was ich mit dem HERRN erlebt habe: Wie ER mich geführt und bewahrt, erzogen und trainiert, geprüft und in Dienst gestellt hat. Es beschreibt die Kämpfe und Abenteuer, aber auch die Segnungen und Kraftwirkungen, die eine lebendige Gottesbeziehung hervorbringt. Mir geht es nicht um meine Person, sondern allein um diese Beziehung. Denn es gibt für uns Menschen nichts Schöneres, als in Einklang mit unserem Schöpfer und Erlöser zu sein. Es ist mein Gebet, dass dieses Buch helfen möge, dass wir Menschen werden wie Ananias; Menschen, die wieder fähig sind, auf IHN zu hören und in diesem Dialog mit ihrem Gott überwunden, gereinigt, geheiligt und brauchbar werden. Wenn Du es satt hast, ein (atheistisches) Waisenkind des Lebens zu sein, wenn Du Sehnsucht hast nach mehr als dem Kindergarten normaler Kirchlichkeit, wenn Du wirklich erleben willst, dass Sein Reich komme und Sein Wille geschehe - dann lies dieses Buch und stürze Dich dann selbst in das größte und schönste aller Abenteuer: Das Abenteuer GOTT!


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Amen, Amen! In Deutschland muss immer beim Urschleim angefangen werden. Dabei weiß ich nicht sehr viel vom Gebetsleben meiner Vorfahren. Zehn Generationen vor mir ist ein Vorfahre Küster gewesen; mehr weiß die Historie nicht von ihm. Weder sein Name noch weitere Daten sind überliefert. Ein Vorfahre lebte als Havelberger Domherr von 1530-1580. Die Vorfahren einer meiner Großmütter waren Hugenotten. Einer meiner Urgroßväter sang im dörflichen Kirchenchor. Ein anderer war Bäcker und predigte den wartenden Frauen das Evangelium. Von seiner Frau habe ich die Bibel und einige handgeschriebene fromme Gedichte geerbt. Mein Vater und mein Großvater waren sich sicher, dass die Gebete dieser Frau (und ihrer Töchter) sie in den Gefahren der beiden Weltkriege bewahrt haben. Beide wurden nach dem Weltkrieg Pfarrer. Im Pfarrhaus wurde vor und nach den Mahlzeiten gebetet. Gebete enden normalerweise mit dem Wort „Amen“. Das war natürlich auch bei uns zu Hause so. Meine Mutter weiß nun zu berichten, dass ich bereits im zartesten Kleinkindalter mit lauter Stimme „Amen, Amen, Amen!“ rief. Ich hatte längst mitbekommen, dass nach diesem Wort die eigentliche Mahlzeit begann – und ich dann abgefüttert wurde. War dieses „Amen“-Schreien also Ausdruck einer frühen Gebetsleidenschaft oder nur die Frucht f leischlicher Esslust und ungezügelten Appetites, der den väterlichen Gebeten ihre Länge und Würde nehmen wollte? Jedenfalls hat der HERR diese frühen Schreie schon gehört und beschlossen, Sein „Amen“ dazuzusetzen ...


Teil 2 - Glanz durch`s Schlüsselloch

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... und der mich kämmt 1957-64 Mein Vater war Pfarrer. Er hatte für die Familie keine Zeit. Ich erinnere mich an zwei besonders einprägsame Szenen: Einmal waren wir dabei, den Hühnerstall sauber zu machen. Das ist eine schwere Arbeit - und so war mein Vater mit dabei. Als er schon über und über voll ist mit der gewaltig stinkenden Hühnerkacke, da werden Rufe aus dem Pfarrhaus laut. Zuerst haben wir uns im Hühnerstall versteckt. Aber das nützte am Ende alles nichts. Denn im Nachbardorf wartete eine große Hochzeitsgesellschaft vor der Kirche! Eine Dusche gab es damals nicht. So zog er seine Amtstracht über und fuhr mit Mutter los. Die Leute waren sehr aufgebracht. Meine Mutter erzählt: „Mich ließen sie kaum durch. Ich musste doch die Orgel spielen! Vater wäre am liebsten in der Erde versunken. Aber Gott hat geholfen: Vater predigte wunderbar und konnte so manches gut machen. Nach der Trauung wurde er sogar zur Festtafel eingeladen!“ Vater lehnte dankend ab; er schämte sich zu sehr. Da wurden er und Mutter für den nächsten Tag zum Essen eingeladen. Dort fragte mein Vater, was denn bei der ganzen Warterei das Schlimmste gewesen sei. Antwort: Die neuen Stöckelschuhe der Damen - besonders der Braut, die etwas zu klein waren und in denen sie nun so lange stehen musste. Ein anderes Mal hatte Mutter Tag um Tag gebettelt und gedrängt, Vater sollte doch wenigstens einige Stunden mit uns Kindern verbringen. Schließlich klappte es: Wir fuhren mit dem Auto, einem F 8 mit Holzkarosse, eineinhalb Kilometer bis nach Fuhrmannsruh, um dort im Wald Pilze zu suchen. Das machte wirklich Spaß! Doch das Auto war noch kaum verlassen da begann im Dorf die Sterbeglocke zu läuten und den Beginn einer Beerdigung hörbar zu machen. Ich sehe meinen Vater zum Auto sprinten und davonfahren. Mutter und Kindern war die Lust am Pilzesuchen sogleich vergangen. Wir mussten den Heimweg zu Fuß antreten. Meine Mutter hatte also allein die Aufgabe, uns Kinder mit dem Glauben vertraut zu machen. Sie hatte dazu auch wenig Zeit und Ruhe. Aber wenn


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wir abends im Bett lagen, dann wurde aus der Kinderbibel vorgelesen, dann wurden die Bilder angeschaut und erklärt. Sie betete und sang mit uns. Mutter war eine ausgebildete Sängerin und bald konnten wir auch kompliziertere Lieder mitsingen. Eins ist mir wegen seiner so schönen barocken Melodie im Gedächtnis geblieben: „Der lieben Sonne Licht und Pracht hat nun den Tag vollführet“. Es gefiel mir gut. Ein anderes hatte in der Mitte den Text: „Der mich liebt und der mich kennt - und bei meinem Namen nennt.“ Das mit dem „Kennen“ war mir noch zu hoch. Also sang ich: „Der mich liebt und der mich kämmt ...“. Das war ein außerordentlicher Beweis meiner Wertschätzung des Herrn Jesus! Hatte ich doch lange blonde Locken, die das Kämmen zu einer Qual machten. Außer meiner Mutter erlaubte ich niemandem, meine Lockenpracht durchzukämmen, denn es tat oft weh. Aber Seiner Liebe traute ich. Noch immer durchflutet mich in der Erinnerung ein warmes Gefühl und warte ich darauf, einmal von IHM gekämmt zu werden ...


Teil 2 - Glanz durch`s Schlüsselloch

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Die kleine Tür 1959-64 Meine Eltern waren meinetwegen in einem Zwiespalt. Einerseits meinten sie, an mir besondere Fähigkeiten und Begabungen entdecken zu können. Andererseits war mein Vater in dem Kirchenkampf, der damals mit dem DDR-Staat tobte. Der Kampf ging vor allem um die Jugend. Der Staat wollte durch die sogenannte Jugendweihe die Jugendlichen an sich und seine Ideologie binden und die Tradition der Konfirmation brechen: Treffen der Jungen Gemeinden wurden aus fadenscheinigen Gründen verboten. Mal reichten angeblich die Toilettenplätze nicht, mal fehlte der Küche ein Quadratmeter. Das öffentliche Abhalten der Straßensammlung wurde erlaubnispflichtig - und mein Vater zu Geldstrafen verurteilt als wir trotzdem sammeln gingen. Diesen Kampf bekamen auch wir Kinder zu spüren. Nachdem mein Vater eine Kanzelabkündigung der Kirchenleitung verlesen hatte und in einer Predigt der Name des Grundschuldirektors gefallen war, da war die Feindschaft zwischen Schule und Kirche manifest. Es war mehr als klar, dass ich in diesem Staat niemals eine höhere Schulausbildung würde machen können. Nun sind aber christliche Väter und Mütter auf der ganzen Welt gleich: Sie wollen das Beste für ihre Kinder und sind bereit, dafür große Opfer zu bringen. Meine Eltern waren da keine Ausnahme. So suchten sie schon nach einer Lösung des Problems, als ich noch gar nicht zur Schule ging. Mit knapp fünf Jahren begann meine musikalische Grundausbildung. Jede Woche wurde ich zu einer Kantorin in die Kreisstadt gefahren. Es war wie eine Bestätigung, als mein Vater ein gutes Jahr später mein absolutes Gehör entdeckte, da ich im Urlaub die verschiedenen Kirchen der Stadt Havelberg anhand der Glockentöne unterschied. Sobald wir an ein Klavier kamen, testete er mich eingehend und fand heraus, dass ich die Höhe jedes beliebigen Tones sofort richtig benennen konnte. Ich konnte ja auch schon Noten lesen, bevor ich den ersten Buchstaben malte. Da keimte in meinen Eltern eine vage Hoffnung: Sollte vielleicht durch diesen musischen Bereich eine gute Ausbildung möglich sein?


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Mein Vater war ein gebranntes Kind: Trotz guter Schulnoten hatte er bei den Nazis nicht studieren dürfen. Sein „Ungenügend“ im Fach Sport hatte ihn zu einem Menschen zweiter Klasse gestempelt, dem ein Hochschulstudium verwehrt wurde. Er wollte mir ein ähnliches Schicksal ersparen ... Aber als ich in der dritten Klasse der Grundschule war, eskalierte der Kirchenkampf in unserem Dorf. Während einer Schul-Eltern-Versammlung, bei der auch mein Vater zugegen war, erklärte der Schuldirektor stolz, die Religion sei nun für immer abgelebt und überwunden. Vor zwei Jahren sei der erste Kosmonaut ins Weltall gestartet, habe mit seiner Rakete die Welt umrundet und den Himmel erforscht. Man habe ihm extra ein Bullauge in die Rakete gemacht und er habe den ganzen Himmel beobachten können, aber keinen Gott gesehen. Daher käme für die Kinder nur eine atheistisch-wissenschaftliche Bildung in Frage. Auf diese primitive Argumentation, die aus der sowjetischen Atheismus-Propaganda stammte, hatte mein Vater reagieren müssen - und diese Argumentationskette vor allen Leuten zerpflückt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Reaktion traf uns Kinder. Meine Lehrerin kam einen Tag später wild entschlossen in die Klasse. „Wer von euch geht zur Christenlehre?“ fragte sie zielgerichtet. „Meldet euch!“ Fünf oder sechs Hände gingen zögerlich nach oben. Wir Christenlehrekinder ahnten nichts Gutes. Mit dem unbeirrbaren Stolz des wissenschaftlichen Materialismus sagte sie zu den anderen Kindern: „So, nun steht mal auf und lacht die alle aus!“ Aber dennoch (oder vielleicht gerade darum?) fingen verschiedene „Zufälle“ an, sich zu vernetzen und zu verweben, und zeigte sich unerwartet und ziemlich weit weg eine kleine unscheinbare Tür für mich. Eine Tür zum Abitur. Sie war 180 Kilometer entfernt, hieß „Dresdner Kreuzchor“ und lag ziemlich hoch. Um hineinzugelangen mussten mehrere Stufen in Form schwerer musikalischer Prüfungen erklommen werden. Meiner Ausbilderin, einer Gubener Kantorin, fiel erst einmal das Herz in die Hosen. „Die Aufnahmeprüfung ist ja wie fürs Konservatorium!“ sagte sie zu meiner Mutter. Wie sollte ich die als 10-Jähriger bestehen? Aber meine Eltern waren bereit, einen hohen Preis zu zahlen, um mir die beste Ausbildung zu ermöglichen. Sie ertrugen meine schäumenden Wutanfälle und Lustlosigkeiten. Ich konnte ja noch nicht ermessen, wie viel für mich davon abhing. Immer wieder überredeten sie mich zu üben, ließen mir aber auch Zeit zum Spielen und Toben.


Teil 2 - Glanz durch`s Schlüsselloch

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Dann kamen die Prüfungen. Ich war sehr gut vorbereitet und bestand sofort. Allerdings gab es Beanstandungen am Niveau meiner schulischen Ausbildung! Die Heimatschule musste nachbessern und bei der Frau des Direktors erhielt ich Einzel-Sportunterricht! Von den Leistungen her konnte ich mich nun sehen lassen. Aber würde die Dorfschule durch eine schlechte Beurteilung (die wir ja niemals zu sehen bekamen) nicht vielleicht doch noch meine Aufnahme zu verhindern suchen? Erst im Jahre 2001, also nach 37 Jahren, fand ich im Schularchiv der Kreuzschule die interne Beurteilung meines dörflichen Schuldirektors. Er charakterisierte treffend die feindliche Haltung des Pfarrers Tiedeke. Da mein Vater bei manchen Problemen aber auch wieder sehr konstruktiv und mitfühlend-hilfsbereit gegenüber der Schule gehandelt hatte, meinte der Herr Direktor, ihm auch Heuchelei und Heimtücke unterstellen zu müssen. Aus all diesen Gründen hat er (zu meiner großen Überraschung) den Schulwechsel sogar befürwortet: Um mich dem negativen Einfluss meines Vaters zu entziehen! Der „Feind“ befürwortete also meine Schulversetzung und so konnte ich im September 1964 mit einem Koffer und einem großen Teddybären ins Internat nach Dresden ziehen. Mich in diesem Alter loszulassen und abzugeben kostete meine Eltern viel Herzblut und manche schlaflose Stunde, besonders im ersten Vierteljahr. Mir fiel die Umstellung auf den Internatsbetrieb besonders schwer, weil ich ja zu Hause viel Freiraum im Denken, Entscheiden und Handeln gehabt hatte. Bis Weihnachten aber war meine Position dort so gefestigt, dass meinem weiteren Bildungsweg nichts mehr im Wege stand. Das ist auch in einem Schreiben erkennbar, das der Dresdner Stadtschulrat unter dem Datum des 17.10.1969 an meine Eltern schickte. „... lediglich deshalb, um den künstlerischen Belangen des Dresdner Kreuzchores zu genügen“ - und nur „unter dem Vorbehalt ..., dass Ihr Sohn seine staatsbürgerliche Haltung ... weiter verbessert,“ so schrieb er etwas sauertöpfischresignativ, werde meiner Aufnahme in die Abiturstufe „stattgegeben“. Gegen Seinen Willen konnte die einmal geöffnete Tür nicht mehr geschlossen werden!


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Schule des Kreuzes 1964-1972 Schola crucis, schola lucis, (Schule des Kreuzes, Schule des Lichtes) imus, Domine, quo ducis. (Wir gehen, Herr, wohin Du uns führst.) (Wahlspruch der Kreuzschule) An der Kreuzschule eröffnete sich mir nun eine neue Welt: Der Schlafsaal mit 60 Betten; ein Leben nach der Uhr, ohne Freizeit und ohne Eltern. Zwar gab es nun eine Perspektive für mich. Aber das Problem Staat - Kirche setzte sich nun auf höherer Ebene fort. Die sozialistische Schulleitung wollte durchaus nicht gehen, wohin der Herr führte. Die Choristen aber kamen - gemäß 750-jähriger Tradition - nur aus christlichen Familien. So tobte im Verborgenen der Kampf der „Schule des Kreuzes“ mit dem „Roten Kloster“, wie die Schule in Dresden genannt wurde. Dieser wurde auch hier auf dem Rücken der Schüler ausgetragen. Im Laufe der Zeit nahm er an Schärfe zu und gewannen die „Roten“ mehr und mehr an Einfluss. Da wurden uns die gesungenen Bibelworte wichtig, die sich durch die Musik lebenslang dem Gedächtnis einprägten. Das Gebetsleben hier war bestimmt von vorgedruckten Gebeten, die in den Morgen- und Abendandachten fest in den Tageslauf integriert waren. Sie drückten viel aus von unserem Empfinden. Sie waren ein Bollwerk im Strom der Zeit, Fixpunkte, bei denen eine Mechanik anlief, die man an sich vorbeilaufen lassen, in die man sich aber auch einklinken konnte. Einmal geschah es, dass ein Erzieher morgens verschlafen hatte und wir zu spät geweckt wurden. Damit wir pünktlich zur Schule kämen verbot der Erzieher die Morgenandacht vor dem Frühstück. Ich war damals in der 7. Klasse. Wir 13-Jährigen verabredeten uns, diesen Eingriff nicht unwidersprochen hinzunehmen. Wir hatten gleich die erste Unterrichtsstunde mit diesem Mann, der auch Physiklehrer war. In der Stunde waren wir sehr aufmerksam, so dass der Lehrer meinte, uns am Ende ein besonderes Lob aussprechen zu müssen. Um so mehr saß dann unsere „Ohrfeige“. Denn auf seinen obligatorischen Pioniergruß,


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mit dem jeder Unterricht begonnen und beschlossen wurde, antwortete zu seiner größten Überraschung niemand. Der stumme Protest kollektiver Verweigerung verschlug dem nicht zurückgegrüßten Lehrer die Sprache. Das hatte es noch nie gegeben! Schließlich sagte einer: „Tschüss“, ein anderer „Grüß Gott!“ – und so verließen wir den Physikraum. Schon in der nächsten großen Pause musste die ganze Klasse ins Internat und unser Klassenlehrer, selbst ehemaliger Chorist, versuchte, die „Rädelsführer“ zu ermitteln. Das misslang. Wütend sprang er auf, so dass sein Stuhl an die Wand krachte. Aber alles Drohen fruchtete nicht. So bekam jeder von uns einen Direktorverweis. Ich ließ ihn dann unter der Hand wissen, warum wir das gemacht hatten. Er kam wieder in Wut. „Schouhann-Christoph“, sagte er in breitestem Sächsisch eindrücklich zu mir: „Du wirscht oouch nochemal eingebuchdet!“. Immerhin ist meines Wissens die Andacht niemals mehr zur Disposition gestellt worden. Dass ausgerechnet wir Kleinen Flagge zeigten und so vehement reagierten - ohne doch von den Älteren aufgehetzt worden zu sein - das zählte wahrscheinlich mehr, als wenn der ganze Chor protestiert hätte ... So machte ich schon damals praktische Erfahrungen damit, dass Seine Kraft in den Schwachen mächtig ist! Trotz dieser heroischen Verteidigung des morgendlichen Gebets war ich noch weit davon entfernt, ein Beter zu sein.


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Das Heulen der Pfaffen 1968 Wo hätte ein Heranwachsender wie ich auch das Beten lernen können? Zu Hause werden die Eltern sicherlich manchmal gebetet haben. Aber das war für uns Kinder weder sichtbar noch hörbar. Einzige Ausnahme waren die fest formulierten Tischgebete, die die angeregte Unterhaltung vor der Mahlzeit für Sekunden gleich einem Fremdkörper unterbrachen. Sie wurden mit der Zeit so unbedeutend, dass man sofort wieder vergessen hatte, ob schon gebetet worden war oder nicht. Einmal, ich muss etwa 14 gewesen sein, da animierte ich meinen Vater zu beten. Ich tat es dreimal. Und tatsächlich betete er auch drei Mal, weil er so wenig bei der Sache war, dass er nach wenigen Augenblicken das Gebet wieder vergessen hatte. Unter vier Augen stellte ich ihn zur Rede. Danach ging es für eine Weile etwas besser. Aber aus tiefstem Herzen zu beten, das lernte ich weder zu Hause noch im Konfirmandenunterricht, wo wir Gebetsbausteine aus dem Gesangbuch herunterbeteten. Und auch die gottesdienstlichen Gebete waren zum Beten-Lernen keine echte Anregung. Dazu waren sie zu steif, altbacken und allgemein. In der Kreuzkirche wurden sie sogar von den Pfarrern gesungen, was uns jugendliche Sänger meist abstieß: Entweder konnten die Pfarrer nicht singen, oder sie klangen geziert wie Opernsänger. Besonders ärgerte es mich, wenn die „Schwarzen“ sich liturgisch vor dem Altar hinknieten und „Ich armer, elender, sündiger Mensch“ jaulten. Stolz auf meine Leistungskraft verachtete ich diese Art Demut und fand sie verlogen und falsch. Wie froh bin ich, dass das Knien mir inzwischen eine ganz natürliche Gebetshaltung geworden ist, und ich gerade zu Luthers Beichtgebet jetzt ein ganz inniges Verhältnis habe. Heute bete ich es jeden Morgen. Doch noch immer staune ich darüber, wie ER es geschafft hat, meine einstige Verachtung in eine tiefe Ehrfurcht zu verwandeln; und aus meiner pubertären Auflehnung gegen Beugung und Buße ein großes Ja zu diesen unerlässlichen Glaubensschritten werden zu lassen!


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Lektion im Flur August 1969 Mit dem Großvater mütterlicherseits hatten wir Kinder nicht sehr viel im Sinn. Er hatte uns lieb. Aber er besuchte uns nur selten und hatte Eigenschaften, die uns Heranwachsenden auf den Geist gingen: Pflichtbewusstsein, peinliche Genauigkeit und moralische Integrität - das war nicht gerade eine Freude für uns. Um so beeindruckender war für mich ein Erlebnis, das ich hier wiedergeben will. Wir hatten den Opa und seine zweite Frau, die Tante Rete, einige Jahre nicht gesehen. Sie waren in den Westen gezogen. Nun war ihr Besuch zum ersten Mal wieder möglich. Also wurde alles für die wenigen Tage vorbereitet, die sie bei uns bleiben durften. Vater holte sie mit seinem Trabant vom Bahnhof ab. Opa ist nicht mehr ganz jung und wir denken uns, dass sie nach der weiten Reise einen ruhigen Abend mit uns verleben und dann erschöpft zu Bett gehen werden. Als es klingelt stürzen wir alle zur Tür, um die seltenen Gäste zu begrüßen. Vater bringt das Gepäck in den Flur, Mutter will ihnen aus dem Mantel helfen. Da passiert etwas Erstaunliches. Kaum haben wir uns begrüßt und ein Dutzend Sätze gesprochen, da fragt der Großvater: „Ist heute nicht Mittwoch?“ Wir bejahen. Da kommt sofort die nächste Frage: „Wo ist hier die nächste neuapostolische Gemeinde?“ Meine Eltern sind stumm vor Erstaunen. Aber ich kann Antwort geben: Es ist hier gleich um die Ecke; nur 5 oder 6 Häuser weiter. Großvater schaut auf die Uhr, sie nicken sich zu und sind so schnell verschwunden, wie sie gekommen sind. Das gute Essen muss warten - und wir auch. Meine Mutter hat Tränen in den Augen, fühlt sich zurückgesetzt. Mir fällt es leichter, mit dieser Überraschung fertig zu werden. Am Ende bleibt in mir das Erstaunen darüber, mit welcher Konsequenz die beiden ihren Glauben leben und Glaubensgeschwister suchen. Ich bewundere ein bisschen, dass sie es schaffen, Familie und Tradition, aber auch Hunger und Müdigkeit hintenan zu stellen. Als sie nach zwei Stunden wieder zurück sind, kommen wir nicht mehr zu kurz ...


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Leere Brunnen 1968-1970 Vielleicht hing meine Verachtung der schwarzberockten lutherischen Geistlichkeit auch damit zusammen, dass ich (wenigstens manchmal) mehr an Gebet gebraucht hätte, mehr an Substanz, mehr geistliche Infusion. Doch die alten Gebete waren wie fast ausgetrocknete Brunnen: zu wenig für eine durstige Seele. Das empfand ich besonders bei zwei Gelegenheiten. Wieder ging es um Widerstand. 1968 weigerte ich mich nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“, eine Resolution zu unterschreiben, die den Truppeneinmarsch begrüßte. Im Kreuzchor fand ich dafür viel Unterstützung, doch wurde unsere Verweigerung mit stalinistischer Härte verfolgt. Wenig später, nach einer Westreise des Chores, von der acht Sänger nicht zurückkehrten, bekamen wir es mit der Staatssicherheit zu tun, die das gesamte Internat mit „Wanzen“ bestückte und uns flächendeckend abhörte. Ich hatte das Pech, die ersten dieser Geräte zu entdecken - und war fest entschlossen, sie in der Elbe zu entsorgen. Ich brauchte zu Fuß etwa 15 Minuten bis zur Elbbrücke. Es wäre mir eine große Hilfe gewesen, wenn ich all meine Verfolgungs-Phantasien und Ängste hätte abgeben können. So war und blieb ich allein mit der Last - und mein Blutdruck stieg auf 180! Als ich 17 war, wurde an den Schulen die Offizierswerbung verstärkt und die vormilitärische Ausbildung der Jungen zur Pf licht. Diesmal haben von den etwa 70 Jungen meiner Klassenstufe nur noch zwei verweigert. Ich war einer davon. Uns wurde klar gesagt, dass es Ausnahmen nicht gäbe. Es sei schon ein Privileg, dass wir zum Abitur zugelassen seien. Der Staat habe ein Recht auf unsere Loyalität. Innerhalb von acht Tagen sollten wir unsere schriftliche Verweigerung widerrufen, sonst würden wir von der Schule f liegen. Ich informierte meine Eltern, die kompromisslos zu mir hielten, und ließ die Frist verstreichen. Dann rechnete ich jeden Tag mit meinem Rauswurf. Aber nichts geschah! Das vormilitärische Lager wurde abgehalten - und meine Kameraden


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hatten zu seufzen und zu fluchen. Ich meldete mich bei der Schulleitung und durfte mit den Mädchen eine solide Ausbildung zum DRK-Gesundheitshelfer machen. Die anderen kehrten zurück, und wir Verweigerer waren immer noch da. Erst Jahrzehnte später habe ich erfahren, dass unsere kleine Verweigerung mehrere Ministerien und Kirchenleitungen beschäftigt hat - bis man (wie bei den Bausoldaten) einen Kompromiss fand. Ich durfte schon damals lernen, dass es sich auszahlt, entschieden zu sein und bei wichtigen Entscheidungen keine Kompromisse zu machen. Oft muss man dann einen Preis bezahlen - aber die Früchte sind um so schöner und das Gewissen bleibt rein. Wie froh war ich später, wenn ich merkte, dass Gebete meine Entscheidungskraft stärkten und mir halfen, meine Angst zu überwinden.


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Beten von ganzem Herzen 25.6.1971 Für uns Choristen gab es eine jahrhundertealte Tradition der „Mucken“. Außerhalb des offiziellen Programms ließen wir uns für private Feiern und kleine Konzerte anheuern. So konnte man sich ein Taschengeld verdienen – oder einfach die Annehmlichkeiten eines Festes genießen. Ich hatte nun für einen Abend eine Einladung für einen Polterabend angenommen und ein kleines Quartett aus Klassenkameraden zusammengestellt. Dort angekommen sangen wir einige Lieder und ernteten viel Lob. Unter den Gästen waren viele Studenten, die uns zum Trinken herausforderten. Gegen 10 Uhr abends waren wir alle so voll, dass ich das Singen einstellen ließ. Gegen 11 wollten wir das Fest verlassen – bis Mitternacht hatten wir Ausgang – aber ich konnte nur einen meiner Leute finden. Er hockte apathisch in einer Ecke und war kaum noch ansprechbar. Schließlich fand ich den zweiten. Er saß auf einer der Toiletten und war dort eingeschlafen. Erst nach Mitternacht entdeckte ich Nummer drei. Das war ein Schock! Denn er lag mit dem Gesicht nach unten auf der Kellertreppe, die voller Scherben vom Polterabend war. Damals wurde noch viel Geschirr zerschlagen, so lagen die Scherben etwa eine Treppenstufe hoch. Dort war er lang hingestreckt und blutete mächtig aus der Nase. Sein Gesicht war von Scherben zerschnitten, die Unterlippe gespalten. Das schöne weiße Hemd war auf der Vorderseite voller Blut. Eigentlich war das ein Fall für den Rettungswagen. Aber wir waren im Chor sehr elitär erzogen. Ich fürchtete weniger die schulischen Disziplinarstrafen aber um so mehr die Schande, wenn sich in Dresden herumsprechen sollte, in welchem Zustand wir waren! So griff ich zur Selbsthilfe und brachte meine drei Invaliden zur nahen Straßenbahnhaltestelle. Ich setzte sie auf eine Parkbank. Nun kamen auch die Studenten – und schließlich auch die letzte Straßenbahn. Die Studenten stiegen lachend ein und fuhren ohne uns davon. Meine Leute waren zu apathisch; der mit dem Blutverlust war gar nicht mehr wach zu kriegen.


Teil 2 - Glanz durch`s Schlüsselloch

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Mir wurde langsam klar, dass er in Lebensgefahr sein könnte. Ich konnte im Dunkeln die Blutung nicht zum Stillstand bringen. Inzwischen war schon wieder fast eine Stunde vergangen und nun wusste ich, dass wir allein mit dieser Sache nicht fertig werden würden. Als ein Streifenwagen der Polizei langsam näher kam, machte ich mich bemerkbar. Aber die Polizisten übersahen mich und fuhren davon. Meine Angst wurde jeden Augenblick größer. In dieser Not rannte ich zurück zu dem Haus, wo wir gefeiert hatten. Aber dort war niemand mehr. Alles war dunkel und leer. Verzweifelt kam ich zurück und sah im Licht eines Streichholzes, dass mein verletzter Kamerad wieder sehr viel Blut verloren hatte. Es lief und lief. Alle Taschent��cher und Lappen trieften vor Blut. Ich kam in Panik, rief um Hilfe. Aber es kam keine Antwort. Ich blieb mit meiner Angst allein, denn die anderen hatten kein Gefühl für die Gefahr und schliefen gleich wieder ein wenn ich sie ansprach. Schließlich blieb mir nur noch die letzte und einzige Möglichkeit: Ich musste mich an Gott wenden. Aber würde er helfen? Ich begann zu beten: „Gott, lass ihn nicht sterben! Lass mich Hilfe finden!“ Wieder und wieder betete ich so. Dann sah ich Lichter. Sie kamen näher. Ich versuchte, das Auto anzuhalten, winkte mit meinem Regenschirm. Man bemerkte mich nicht. Wieder ein Auto. Ich rufe, winke, renne auf die Straße. Die Leute winken freundlich zurück. Der Fahrer fährt einen vorsichtigen Bogen um mich herum – und verzweifelt sehe ich die Rücklichter kleiner und kleiner werden und verschwinden ... Wieder bete ich. Da kommt so eine Idee in mir hoch: Die haben mich für einen Betrunkenen gehalten! Und ich bin es auch! Ich muss mich zusammenreißen, einen soliden Eindruck machen! Da kommt wieder ein Auto. Ich winke etwas vorsichtiger. Das Auto ist ein Taxi. Es hält! Ich falle auf den Vordersitz und atme tief. Es hat geklappt! Aber dieses Taxi würde meine Kameraden nicht befördern! Wie durch einen Nebel höre ich die Stimme des Fahrers: „Wohin?“ Ja, wo will ich eigentlich hin? Ich weiß es nicht. Jetzt, wo ein Auto da ist, macht sich auch bei mir der Alkohol bemerkbar. Der Fahrer wartet. Wo will ich hin? Ich sende wieder ein Stoßgebet zum Himmel. Sofort lichtet sich der Nebel in meinem Kopf. Ich nenne dem Fahrer die Adresse eines Chorkameraden, dessen Mutter Ärztin ist. Wenige Minuten später bin ich vor der Tür, bezahle – und vergesse


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Abenteuer Gott - Glaube online

meinen teuren Schirm. Das Taxi rauscht davon. Wieder geht ein Stoßgebet gen Himmel. Ich drücke auf den Klingelknopf. Wird einer da sein, werde ich Hilfe bekommen? Nichts rührt sich. Wieder packt mich die Angst. Mein Kamerad darf nicht sterben! Doch jetzt sehe ich Licht in einem der Fenster und bald darauf öffnet sich die Haustür. Noch im Flur erzähle ich aufgeregt die Geschichte dieser Nacht. Die Frau Doktor zieht sich an und nimmt ihren Koffer. Ihr Sohn ist auch startbereit. „Sag mir nur noch die Straße!“ Ich stocke und bleibe stumm. Mein Gehirn ist blockiert. „Ich weiß nicht mehr“ – stottere ich. Wir haben ein Problem. Dresden ist groß! „So können wir nicht fahren!“ Frau Doktor seufzt. Da kommt die Oma aus ihrer Stube, fragt, was los ist. Sie ist eine fromme Frau. Sie hat eine Idee. „Bete, dass dir was einfällt!“ Ich sehe noch einmal den kleinen Park vor mir, aber es ist zu dunkel; man kann nichts erkennen. Die Oma betet still. Da sehe ich die Straßenbahn wieder. Oben leuchtet die Nummer. Es ist eine zwölf. Ich sage, was ich weiß. „Nimm den Stadtplan mit“, sagt die Ärztin zu ihrem Sohn. „Wir fahren die Strecke ab!“ Wir brausen mit ihrem Wagen los. Mein Kopf wird immer schwerer, ich möchte nur noch wegtreten, nichts sehen, nichts hören, Ruhe haben. Aber ich muss aufpassen, dass ich die Haltestelle nicht verpasse. Schließlich kommt mir die Schwärze bekannt vor. Wir halten und rufen. Aber niemand antwortet. Mein Freund steigt aus – und entdeckt die Schnapsleichen. Einer liegt mitten auf der Erde. Der Verletzte blutet noch immer vor sich hin. Er ist kaum noch ansprechbar, aber noch am Leben! Wir sind nicht zu spät gekommen! Jetzt werden alle im Licht einer Taschenlampe untersucht und im Auto untergebracht. Wir fahren zuerst in die Klinik. Mein Kamerad wird schon erwartet und von den Ärzten in Empfang genommen. Es wird schon hell, als wir bei der Ärztin ankommen. Die beiden anderen sollen dort unter ärztlicher Kontrolle erst einmal ihren Rausch ausschlafen. Der eine Tenor erbricht sich und muss in die Badewanne. In einem rosa Unterrock von Frau Doktor sieht er anschließend richtig sexy aus.


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