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Thorsten Riewesell | Silvia Hilli Weber (Hrsg.)

Wunden und Wunder Ermutigende Geschichten f端r junge Leute


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Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100 Das FSC-zertifizierte Papier Holmen Book Cream für dieses Buch liefert Holmen Paper, Hallstavik, Schweden.

© 2010 by Gerth Medien GmbH, Asslar, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 1. Auflage 2010 Bestell-Nr. 816 560 ISBN 978-3-86591-560-3 Umschlaggestaltung/Illustration: Sabrina Müller Lektorat und Satz: Nicole Schol Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany


Inhalt Vorwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Erlebt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Löschpapier (Titus Müller). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vertraust du mir? (Christine Schlachter) . . . . . . . . Von Wunden und Wundern (Lea Forst). . . . . . . . . . Es gibt Tage (Jan P. Heußner) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schmetterling (Katie Müller) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Weg und die Wahrheit und das Leben (Jean C. M. Kristensen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Meine Geschichte als Rollstuhlfahrer (Thomas Gröger) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Du und ich (Lena Vösgen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das kranke Schaf und seine Bedeutung (Silvia Hilli Weber). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Rucksack (Lilly Schönherz) . . . . . . . . . . . . . . . . Glaube Liebe Hoffnung (Christiane Kathmann) . Das Sehnsuchtsglas (Sabine Ullmann) . . . . . . . . . Ich brauche dich (Danilo Wilkens) . . . . . . . . . . . . . Freier Fall in Gottes Hände (Daniela Hofheinz) . Welpenschutz (Friederike Schwencke) . . . . . . . . . .

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Du sprichst in mein Leben (Claudia Graumann) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99

Erdacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Ein neuer Anfang (Christiane Kathmann) . . . . . Aimee (Agnes Peter) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ich schaue dich an (Janet Kuschert) . . . . . . . . . . . Jenseits der Tränen (Christiane von Abendroth) . . . . . . . . . . . . . . . . . Wundenheiler (Melissa C. Feurer) . . . . . . . . . . . . . Des Regens Wege(n) (Anne-Christine Samen) . . Lebenswende (Renate Keller) . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Schrei meines Herzens (Johanna Sternberg) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jahrestag (Fredrik Wagener) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ich staune (Katharina Hahn) . . . . . . . . . . . . . . . . . Gnade (Amira Shoukry) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Äpfel (Anne-Christine Samen) . . . . . . . . . . . . . . . . Was auch immer hilft (Maike Hartwig) . . . . . . . . Momente des Glücks! (Aline Scherzberg) . . . . . .

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Vorwort Als wir einen Autorenwettbewerb zum Thema „Von Wunden und Wundern“ ins Leben gerufen haben, hätten wir nicht gedacht, dass die Reaktionen darauf so zahlreich und vielfältig sein würden. Unzählige Autorinnen und Autoren haben uns an ihrem Leben teilhaben lassen. An ihren „Wunden“. Durch Berichte und Gedichte über Schwierigkeiten mit Eltern und Mitmenschen, über Zweifel und die erste Liebe, über den Umgang mit Tod und anderen Arten von Verlusten … Andere haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen und Geschichten über Erfahrungen verfasst, die so oder ähnlich aussehen könnten und vielleicht sogar teilweise echten Erfahrungen entlehnt sind. Wie will man bei alldem eine Entscheidung fällen, welche Geschichten und Gedichte es nun „verdient“ haben, in dieses Buch aufgenommen zu werden? Wir – das sind Thorsten Riewesell vom EC, die beiden Autoren Silvia Hilli Weber und Titus Müller sowie Nicole Schol vom Verlag Gerth Medien – haben versucht, eine bunte Mischung aus Selbsterlebtem und Erfundenem zusammenzustellen, in der ihr euch (hoffentlich) wiederfinden könnt. 7


All diese Erlebnisse – ob sie nun authentisch sind oder fiktiv – haben eines gemeinsam: Sie richten den Blick auf einen Gott, dessen Wunder um so vieles größer sind als all die Wunden, die uns das Leben zufügt. Oder um es mit dem Psalmisten zu sagen: „Gott, unser Retter, du erhörst treu unsere Gebete und antwortest uns mit wunderbaren Taten. Du bist die Hoffnung aller Menschen …“ (Psalm 65,6). Menschen, die zu Jesus gehören, bekommen ebenfalls Krebs, müssen ihre Kinder beerdigen oder kämpfen gegen ihre Vergangenheit an. Was sie aber von Menschen unterscheidet, die nicht mit Jesus unterwegs sind, ist nicht, dass es in ihrem Leben keine Stürme gibt, sondern wen sie im Sturm entdecken: einen unerschütterlichen Jesus. Und genau diese Entdeckung wünschen wir auch euch! Die Herausgeber

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Erlebt


Löschpapier Gestern saß er noch hinter mir: Michael. Kerngesund, breitschultrig, mit einem hellen Blick wie Schneeglöckchen im frostigen Frühlingslicht. Ich habe ihn bewundert, weil er so gut zeichnen konnte. In den Pausen hat er mit seinem Lachen gute Laune verbreitet. Michaels Stuhl im Klassenzimmer ist leer. Wir reden nicht darüber, dass Michael tot ist. Wir denken alle daran, aber wir sagen nichts. Er hatte einen Ruderwettkampf auf der Elbe. Seine Mannschaft lag in Führung. Er hat alles gegeben, und plötzlich hörte sein Herz auf zu schlagen. So erzählte man uns. Warum ist ein Herz plötzlich still? Ich male auf Löschpapier. Seit ich Schulhefte habe, seit der ersten Klasse, sind die Löschblätter mein ausgelagerter Denkplatz. Die faserigen Seiten fauchen, wenn ich mit den Fingern darüberfahre, und es ist gar nicht so leicht, eine Seite vom Block zu reißen. Meistens gibt es Fetzen am oberen Rand, oder ein Teil der Gummirinde löst sich mit der Seite ab, dieses Gummizeug, das die Blätter zusammenhält. Ich male Foltermühlen für die Lehrer. Acht oder zehn Kammern kritzele ich auf das Löschpapier. Zur 10


Falltür in der ersten Kammer zeigt ein Pfeil, und ich schreibe an die Seite: Lehrer hier rein. Förderbänder bringen sie von einem Raum zum nächsten. Sie werden in Säurebecken gebadet, zwischen Nagelrollen durchgezogen, gerädert, gestreckt und aufgespießt. Dabei gehe ich gerne zur Schule. Ich werde viel gelobt hier, die Lehrer mögen mich und geben mir gute Zensuren. Bei den Folterkammern denke ich auch nicht an bestimmte Lehrer. Ich finde die meisten sympathisch. Es gehört irgendwie zur Feindschaft zwischen Schülern und Lehrern dazu, dass man sich insgeheim Grausamkeiten an den Hals wünscht. Wir verstehen uns gut und trotzdem ist allen klar: Letztendlich halten die Lehrer zusammen und die Schüler halten dagegen. Feindschaft bedeutet ja nicht, dass man sich anschreien muss. Man kann freundlich miteinander reden, kann sich sogar Sachen schenken oder Mitleid empfinden. Ich male Foltermühlen und versuche, nicht an Michael zu denken. Was ist jetzt mit ihm? Fliegt irgendwo seine Seele rum? Ist von Michael nur noch ein Hauch übrig, schweben seine Gedanken irgendwo zwischen den Sternen im Weltall? Eine traurige Vorstellung. Michael in einer Gedankenwolke, und die Wolke wimmert ein einsames Lied. Das glaube ich nicht. Er wohnte in meinem Haus, zwei Eingänge weiter. Ich möchte nicht wissen, wie es seinen Eltern geht, und seiner kleinen Schwester. Manchmal träume ich auf dem Löschpapier. Letzte Woche habe ich Indianer aufs Papier gemalt. 11


Dass die DDR Indianerbücher druckt, werde ich nie verstehen. Die erzählen doch alle von Amerika! Kein Wunder, dass ich beim Lesen Sehnsucht bekomme, dahin zu reisen. Die Romane wecken das Fernweh in mir. Ich habe die Umrisse von Nordamerika gemalt und einen Indianer im Federkopfschmuck. Da will ich hin, nach Nordamerika, irgendwann im Leben. Darf aber keiner wissen. Wir sollen ja lernen, dass die Amerikaner böse Imperialisten sind. Am Freitag hat mich der Pioniervorsitzende kontrolliert. Mein Freund! Er hatte Gehilfen dabei, damit sie mich festhalten, falls ich abhauen wollte. Tut mir leid, hat er gesagt, und hat mich traurig angesehen. Genauso gut hätte er sagen können: Pflicht ist Pflicht. Sie haben meinen Ranzen durchsucht. Den Löschpapierblock hatte ich zum Glück am Abend vorher zu Hause ausgepackt. Michael ist auf dem Wasser gestorben. Ich stelle ihn mir vor, wie er in den Elbfluten untergeht. Aber das ist Unsinn. Die anderen im Boot haben ihn sicherlich ans Ufer gerudert. Hätte man ihn nicht wiederbeleben können? Hatten die da keine Krankenwagen? Ich meine, bei Sportwettkämpfen, da muss es doch Krankenwagen geben! Auf dem Löschpapier steht in millimetergroßen Buchstaben der Name eines Mädchens, in das ich verliebt bin. Ich würde sie nie ansprechen, dafür bin ich zu schüchtern, und was soll ich ihr auch sagen? Ich beobachte sie nur auf dem Schulhof und freue mich, dass es sie gibt. Meine Liebe ist zart, 12


eine gläserne Rose oder eine Schneeflocke, ja, eine Schneeflocke, das ist es. Wenn ich den Namen des Mädchens aufschreibe, dann sehe ich das Gesicht einer Fee, höre eine weiche Stimme und sehe ihre Schritte und ihr Lächeln. Ich schreibe den Namen wie ein Geständnis aufs Löschpapier, in winzigen, kaum lesbaren Buchstaben, damit es mein Banknachbar nicht sieht. Irgendwie tröstet es mich, ihren Namen zu schreiben. Manche brüllen ihre Liebe in die Welt. Das sind eben Goldgräber, die selbst staunen, dass sie etwas gefunden haben, und die um ihr Nugget herumtanzen, als könnten sie es dadurch größer machen. Für mich sind ameisengroße Buchstaben auf Löschpapier das Äußerste. Ich glaube, die Seelen bilden keine Wolken im Himmel. Sie sind eher wie Löschpapier. Alles, was mich ausmacht, finde ich auf meinen Löschpapierseiten. Die Gewaltträume, Amerika, der Name des Mädchens. Wir haben alle in uns drin einen Löschpapierblock und zeichnen darauf und schreiben hin, was uns wichtig sein soll. Das Löschpapier in der Brust – das ist so etwas wie der Fahrplan fürs Leben. Jeden Tag zeichnen wir unsere Entscheidungen auf lachsfarbene Seiten und bestimmen damit, wer wir sein wollen. Löschpapier. Heißt das, dass wir nach dem Tod verschwinden? Michael gibt es jetzt nur noch auf den Fotos seiner Familie. Er kriegt dieses Jahr kein Zeugnis. Im Klassenbuch werden die Lehrer seinen 13


Namen durchstreichen, und irgendwo im Amt schreibt jemand auf eine Karteikarte: verstorben. Seine Strümpfe zieht keiner mehr an. Sein Bett, sein Stuhl, sein Fahrrad – was wird damit? Die Spuren, die er auf der Welt hinterlassen hat, werden nach und nach verschwinden. Ich schreibe „Gott“ auf mein Blatt. Gott vergisst Michael nicht. Er weiß alles über ihn, nicht eine Sekunde seines Lebens ist ihm entgangen. Gott weiß, wie sein erster Schrei geklungen hat, als er auf die Welt kam. Gott kennt jeden seiner Gedanken, seine Ängste, seine Hoffnungen. Er weiß, was Michael im Boot auf der Elbe dachte, als es in seiner Brust zu schmerzen begonnen hat. Und er hält es aus, das zu wissen. Ich darf in der Schule nicht erwähnen, dass ich in der Bibel lese, aber ich hoffe heimlich, dass es wahr ist, was ich darin gelesen habe: dass Gott einen toten Menschen wieder lebendig machen kann und dass er die Ewigkeit nicht aus Grausamkeit in unser Herz gelegt hat (damit wir merken, wie schlimm der Tod ist), sondern weil er sie uns schenken will, eines Tages. Für Michael, der in der Schule hinter mir saß und nach einem Ruderwettbewerb auf der Elbe einen leeren Stuhl hinterließ. Titus Müller, Jahrgang 1977, studierte Literatur und Geschichte in Berlin. Er schreibt historische Romane (zuletzt erschien „Die Jesuitin von Lissabon“). 14

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