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Das Weihnachtsfest, an dem ich reich wurde Wenn man in einer Kleinstadt wohnt, kann Shoppen in einem großen Einkaufszentrum zu einem Megaevent werden – besonders für meine Mutter. Als ich 13 war, waren meine Mutter und ich zur Weihnachtszeit in Portland. Es war Samstag und das ganze Einkaufszentrum war über und über mit Weihnachtsschmuck dekoriert, die Waren stapelten sich und die Menschen drängten sich dicht an dicht. Ich fand das toll. Meine Taschen waren mit Bargeld gefüllt. Einen Teil davon hatte ich mir selbst verdient, der Rest stammte von Verwandten, die der Ansicht waren, dass es besser sei, wenn ich mir meine Geschenke selbst aussuchte. Die meisten Weihnachtsgeschenke für meine Familie hatte ich schon besorgt, und ich freute mich darauf, das ganze Geld für ein paar coole Klamotten oder vielleicht für ein Videospiel auszugeben. Meine Mutter ist bei einer Shoppingtour die beste Begleiterin, die man sich vorstellen kann. Sie liebt den Feiertagsduft, die Musik und natürlich liebt sie es, all die schönen Sachen zu bestaunen, die man bei uns in der Kleinstadt nicht bekommt. Am meisten liebt sie jedoch Menschen. Mit ihrer besonderen Art kann sie hinter die Fassaden der Leute blicken und sehen, wie der Mensch, der ihr gegenübersteht, wirklich ist. Und bei diesem Dezemberausflug ins Einkaufszentrum traf sie Carla. Carla gehörte zu der Sorte Mädchen, die von den meisten Leuten zuerst aus den Augenwinkeln gemustert 10


werden, bevor ihre Blicke sich dann geringschätzig abwenden. Sie trug verwaschene Klamotten, finsteres Make-up und hatte keine Jacke an. Sie war ein Teenager, aber die Bitterkeit und der Schmerz in ihrem Gesicht ließen sie viel älter wirken. Meine Mutter setzte sich direkt neben Carla. „Alles in Ordnung?“ „Mir geht’s gut“, murmelte Carla, ohne aufzublicken. Diese Antwort bekommt man oft zu hören, egal, wie derjenige, der sie gibt, sich tatsächlich fühlt. Meine Mutter ließ sich nicht beirren. Liebevoll bohrte sie so lange nach, bis Carla ihr erzählte, was in ihrem Leben los war. Tränen rannen über Carlas Gesicht, als sie ihre Vergangenheit schilderte. Sie wusste nicht, wer ihre wirklichen Eltern waren, und war ihr ganzes Leben von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht worden. Als sie 18 wurde, warfen ihre letzten Pflegeeltern sie raus, weil der Staat keine finanzielle Unterstützung mehr für sie leistete. Jetzt war sie obdachlos und hatte noch nicht einmal eine Jacke. Ihr trauriges Dasein fristete sie unter einer Brücke. Ab und zu wagte sie sich ins Einkaufszentrum, um sich aufzuwärmen und nach weggeworfenen Essensresten zu suchen. Meine Mutter spürte, dass sie noch mehr belastete, und hörte nicht auf, Fragen zu stellen. Carla brach erneut in Tränen aus und berichtete, dass sie nur einen Tag zuvor ihr neugeborenes Baby zur Adoption freigegeben hatte. Sie konnte in ihrer Situation einfach nicht für ein Kind sorgen. 11


Genau in diesem Moment kam ein junger Mann auf uns zu – Carlas Freund. Seine Kleidung war zerlumpt und für den nordwestlichen Winter war er viel zu dünn angezogen. Unbehaglich trat Rick mit seinen ausgelatschten Sneakers abwechselnd von einem Fuß auf den anderen, während Carla erklärte, dass auch er ein Pflegekind gewesen und mit 18 an die Luft gesetzt worden war. Rick und Carla lebten schon seit längerer Zeit auf der Straße. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie es sein musste, ohne Eltern zu leben, die einen liebten und für einen sorgten. Ich hatte mir nie Gedanken um die nächste Mahlzeit machen müssen oder darüber, was ich wohl anziehen könnte. Mein größtes Problem war, darauf zu achten, dass nicht der komplette Boden in meinem Zimmer von meinen Klamotten übersät war. Während ich diesen beiden unglücklichen Teenagern zuhörte, wie sie unter bitteren Tränen ihre trostlose Geschichte erzählten, verlor das Einkaufszentrum immer mehr an Anziehungskraft. Das Herz wurde mir schwer und auch die Begeisterung für das neuen „Zeug“, das ich mir kaufen wollte, nahm ab. Was konnten wir für die beiden tun? Einfach nur für sie beten, mitfühlend dreinschauen und dann weitergehen? Das konnte es ja wohl nicht sein! Was meine Mutter und ich in den nächsten beiden Stunden taten, wird für immer in meinem Gedächtnis haften bleiben. Ja, wir gingen einkaufen, aber wir gingen in Begleitung von zwei neuen Freunden: Carla und Rick. Ihr hättet den Ausdruck auf ihren Gesichtern sehen 12


sollen, als meine Mutter und ich mit ihnen Klamotten einkaufen gingen. Meine Mutter griff nach Carlas Hand und ging mit ihr geradewegs in die Frauenabteilung. Rick und ich sahen uns indessen die Männersachen an. „Die Hose sieht klasse aus“, sagte ich, als Rick aus der Umkleidekabine kam. „Bist du sicher, dass diese Jacke warm genug ist?“ Nachdem Rick und ich eine Jacke, eine Hose und ein paar T-Shirts für ihn ausgesucht hatten, gesellten wir uns zu den anderen und sahen zu, wie Carla ihre neuen Kleidungsstücke vorführte. Ihr Gesicht strahlte. Noch nie hatten meine Mutter und ich so viel Spaß beim Einkaufen gehabt! Wir gingen zur Kasse und meine Mutter griff nach ihrem Portemonnaie. Sanft hielt ich sie davon ab und klopfte auf meine Tasche mit dem Bargeld. „Lass mal, Mom, diesmal bezahle ich.“ Was bekam ich also in diesem Jahr zu Weihnachten? Ich würde sagen, ich wurde reich beschenkt! Jacob Andrew Shepherd, 13 Jahre *

Um große Dinge zu vollbringen, müssen wir nicht nur handeln, sondern auch träumen, nicht nur planen, sondern auch glauben. Anatol France

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Muschelsuppe Als ich noch zur Schule ging, verließ ich meinen ersten Freund für einen anderen Jungen. Nach nicht allzu langer Zeit war ich schwanger und mein neuer Freund hatte mich verlassen. Das war in Weed in Kalifornien. Ich wartete auf das Geld, das er für mich überweisen wollte, aber es kam nie an. Da stand ich nun: obdachlos, allein und mit dem Wunsch zu sterben. Mit dem wenigen Geld, das ich noch hatte, ging ich in einen Laden und kaufte mir Rasierklingen. Damit wollte ich meinem Leben ein Ende bereiten. Dank der überdramatischen Emotionen, die für Teenager nicht unüblich sind, konnte ich keine andere Alternative sehen, obwohl ich tief in meinem Innern hoffte, dass es noch andere Möglichkeiten für mich gab. Nach dem Einkauf hatte ich nur noch weniger als einen Dollar übrig. Der Hunger trieb mich zum Imbissstand hinter dem Laden. Ich hoffte, dass ich dort für das wenige Geld, das ich noch hatte, etwas zu essen bekam. Das Einzige, was ich mir leisten konnte, war eine kleine Tasse Muschelsuppe. Ich mochte keine Muschelsuppe, bestellte sie aber trotzdem. Während ich dort wartete, begann ich, um irgendein Zeichen zu beten, das mir zeigte, dass ich noch am Leben bleiben sollte. Meine Gedanken wurden unterbrochen, als die Kellnerin eine große Schüssel Muschelsuppe vor mir hinstellte. „Aber mein Geld reicht nur für eine Tasse Muschelsuppe“, flüsterte ich ihr zu. 14


Sie stellte ein großes Glas Milch neben die Suppenschüssel und sagte: „Das ist schon in Ordnung so, mein Kind. Du siehst aus, als ob du es nötig hast!“ Sie tätschelte mir kurz die Hand. Schnell senkte ich meinen Blick, weil meine Augen sich mit Tränen füllten. Ich wusste, dass mein Gebet erhört worden war und dass ich sehen sollte, dass es auch noch freundliche Menschen auf dieser Welt gab. Irgendwie würde ich es schon schaffen. Ich rief meinen Vater an und er besorgte mir eine Busfahrkarte zurück nach Hause. Meine Rückkehr zur Schule half mir, mit meiner Schwangerschaft und der Fehlgeburt, die ich nur einen Monat später hatte, klarzukommen. Etliche Jahre nach meinem Schulabschluss erneuerte ich die Bekanntschaft mit einem wundervollen Mann, nämlich mit dem, den ich damals für einen anderen verlassen hatte. Später heirateten wir und bekamen zwei hübsche Töchter. Das Mitgefühl jener Kellnerin habe ich bis zum heutigen Tag nicht vergessen. Sie konnte nicht wissen, wie viel ihr Verhalten mir bedeutete, aber sie hat mir beigebracht, dass jede freundliche Tat nie umsonst ist, auch wenn sie zu dem Zeitpunkt noch so gering erscheint. Vielleicht würde es ihr gefallen, wenn sie wüsste, dass ich heute nicht nur Mutter und Großmutter bin, sondern auch eine Frau, die gelernt hat, Muschelsuppe zu mögen. Denise Jolly

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Der Unterschied zwischen gewöhnlich und außergewöhnlich ist das gewisse Etwas. Verfasser unbekannt

Fahranfänger Ich nenne ihn Aaron, auch wenn das nicht sein richtiger Name ist. In einem Frühling betete er um eine besondere Möglichkeit, Gott im Sommer dienen zu können. Er bat Gott um eine Stelle als Mitarbeiter in einer Kirche oder bei einer christlichen Organisation. Nichts geschah. Der Sommer kam, immer noch nichts. Aus Tagen wurden Wochen und Aaron sah schließlich der Realität ins Auge: Er musste irgendeine Stelle finden, egal, was für eine. Er ging die Stellenangebote durch, und das Einzige, was ihm möglich schien, war eine Stelle als Busfahrer am Südrand von Chicago. Es war nichts, womit man angeben konnte, aber es würde ihm helfen, das Schulgeld für den Herbst zu verdienen. Nachdem er die Strecke kennengelernt hatte, war er sich selbst überlassen – ein Neuling in einem gefährlichen Stadtteil. Es dauerte nicht lange, bis Aaron erkannte, wie gefährlich sein Job wirklich war. Eine kleine Bande rauflustiger Jugendlicher hatte den jungen Fahrer als Opfer auserkoren und begann, ihre Spielchen mit ihm zu treiben. An mehreren Vormittagen stiegen sie hintereinander ein, gingen direkt an ihm vorbei, ohne zu zahlen, ignorierten seine Warnungen und fuhren so lange, bis sie sich entschlossen, auszusteigen – 16


und die ganze Zeit über machten sie freche Bemerkungen über ihn und andere im Bus. Schließlich beschloss Aaron, dass es reichte. Am nächsten Morgen, als die Bande wie gewöhnlich ohne zu bezahlen in den Bus eingestiegen war, sah Aaron einen Polizisten an einer Ecke stehen. So fuhr er an den Straßenrand und berichtete ihm den Verstoß. Der Beamte forderte die Jugendlichen auf, zu zahlen oder auszusteigen. Sie zahlten – aber unglücklicherweise stieg der Polizist aus. Und sie blieben drin. Als der Bus um die nächste Ecke gebogen war, fiel die Bande über den jungen Fahrer her. Als er wieder zu sich kam, war sein ganzes Hemd blutig, zwei Zähne fehlten, beide Augen waren zugeschwollen, sein Geld war weg und der Bus war leer. Nachdem er zur Endstation zurückgekehrt war und das Wochenende freibekommen hatte, ging Aaron in seine kleine Wohnung, sank auf sein Bett und starrte voller Zweifel an die Decke. Aufgebrachte Gedanken schwirrten ihm im Kopf herum. Verwirrung, Ärger und Enttäuschung gaben dem Feuer seiner körperlichen Schmerzen noch mehr Brennstoff. Er verbrachte eine unruhige Nacht und rang mit Gott. „Wie ist das möglich? Wo ist Gott in all dem? Ich wollte ihm ehrlich dienen. Ich habe um einen Dienst gebetet. Ich war bereit, ihm überall zu dienen, alles zu tun – und das ist der Dank, den ich bekomme!“ Am Montagmorgen beschloss Aaron, gegen die Jugendlichen Anzeige zu erstatten. Mithilfe des Beamten, der die Bande aufgefordert hatte zu zahlen, und ver17


schiedener Leute, die bereit waren, als Zeugen gegen die Rowdies auszusagen, wurden die meisten von ihnen geschnappt und ins örtliche Bezirksgefängnis gesteckt. Schon wenige Tage später gab es eine Gerichtsverhandlung. Aaron, sein Rechtsanwalt und die zornigen Bandenmitglieder, die wütend in seine Richtung schauten, gingen in den Gerichtssaal. Plötzlich wurde Aaron von ganz neuen Gedanken ergriffen. Diesmal waren es keine bitteren, sondern mitleidige. Die Jungen, die ihn angegriffen hatten, taten ihm leid. Der Heilige Geist hatte in ihm bewirkt, dass er sie nicht mehr hasste. Er bedauerte sie vielmehr. Sie brauchten Hilfe, keinen Hass. Was konnte er tun oder sagen? Plötzlich, nachdem es tatsächlich ein Schuldbekenntnis gab, stand Aaron (zur Überraschung seines Rechtsanwaltes und aller anderen im Gerichtssaal) auf und bat um die Erlaubnis, etwas zu sagen. „Euer Gnaden, ich möchte Sie bitten, die Bestrafung für diese Jungen zusammenzuzählen – die ganze Zeit, zu der sie verurteilt sind –, und mir zu erlauben, an ihrer Stelle ins Gefängnis zu gehen.“ Der Richter wusste nicht, was er sagen sollte, und auch die beiden Rechtsanwälte waren verblüfft. Als Aaron zu den Bandenmitgliedern (die ihn mit offenen Mündern anstarrten) hinüberschaute, lächelte er und sagte ruhig: „Weil ich euch vergebe.“ Als der Richter seine Fassung wiedergewonnen hatte, sagte er streng: „Junger Mann, Sie sind wohl verrückt. So etwas ist bisher noch nie vorgekommen.“ Aaron ant18


wortete: „Oh doch, Euer Ehren. Es ist vor über 19 Jahrhunderten schon einmal vorgekommen, als ein Galiläer die Strafe bezahlte, die die ganze Menschheit verdient hätte.“ Und dann erklärte er in den nächsten drei oder vier Minuten, wie Jesus Christus für uns starb, indem er Gottes Liebe und Vergebung bewies. Seine Bitte wurde ihm nicht gewährt, aber der junge Mann besuchte die Bandenmitglieder im Gefängnis, führte die meisten von ihnen zum Glauben an Christus und begann einen wichtigen Dienst für viele andere am Rande von Südchicago. Charles R. Swindoll Aus: „Die Kunst des selbstlosen Dienens“ *

„Nur ein Leben im Dienst für andere ist lebenswert.“ Albert Einstein

Ein denkwürdiger Einkauf Ich gehe gerne bei Goodwill1 einkaufen. Ich liebe es, mich durch all die alten Sachen hindurchzuwühlen, nach ausrangierten Kaschmirpullovern oder Paisleyröcken im Retrolook zu suchen. Ich liebe es, diese 1 Goodwill ist eine amerikanische Secondhand-Kette mit Filialen in Kanada und – unter anderem Namen – in 13 weiteren Ländern. Dort arbeiten vor allem Behinderte und sozial Benachteiligte.

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gefundenen Teile mit meinen eigenen Klamotten zu kombinieren. Aber als ich an jenem Morgen zu meinem LieblingsGoodwill-Laden fuhr, war der Grund meines Besuchs nicht der, dass ich nach coolen Klamotten suchte. Dieses Mal suchte ich Sachen, die ich in Kostüme für unser alljährliches Weihnachtsanspiel in der Kirchengemeinde verwandeln konnte. Ich öffnete die Tür zum Laden und, wie immer, kam mir eine Welle von Gerüchen entgegen: Staub, Mottenkugeln und Allzweckreiniger mit Kiefernölduft. Bis auf eine Angestellte, die auf einem Hocker an der Kasse saß, war der Laden leer. (Wer wollte schon den Samstag nach dem Erntedankfest hier verbringen?) Ich seufzte und begann, mich durch einen Stapel Langarmshirts zu wühlen und nach allem zu greifen, was auch nur im Entferntesten bunt aussah. Wie bin ich da bloß hineingeraten?, fragte ich mich und erinnerte mich dann sofort: Meine Mutter hatte mich als „Freiwillige“ angemeldet. Ein kühler Luftzug ließ mich aufblicken. Eine junge Frau trat mit ihrer kleinen Tochter durch die geöffnete Tür. Als die Mutter sich den Schnee von den Schuhen klopfte, bemerkte ich ihre zerfetzten Tennisschuhe – die Art von Stoffschuhen, die ich zum Rasenmähen anziehe. Mein Blick wanderte hoch zu ihrem zerknitterten Rock und ihrem viel zu großen Pullover. Und dann blickte ich ihr ins Gesicht. Sie sah noch so jung aus! Ihr Gesicht war rund und es lag ein unschuldiger Ausdruck darin. Sie schaute in meine Richtung, und ich senkte den Blick. Irgendwie fühlte ich mich 20


peinlich berührt. Plötzlich sah ich eine seidene Bluse im Diskolook, die meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Später, als ich ein Regal mit Damenwäsche durchstöberte, trat die junge Frau neben mich. Ich sah sie an, und dieses Mal war es mir unmöglich, ihrem Blick auszuweichen. Wie alt sie wohl ist? Sechzehn? Siebzehn? „Ich brauche so einen hier“, sagte sie und fingerte an einem pfirsichfarbenen Unterrock herum. „Bei einer Schwangerschaft leiern die Dinger einfach aus. Ich hab sieben Kinder.“ Ich wollte nach Luft ringen, aber der Kloß, der sich in meinem Hals bildete, hinderte mich daran. Ich nickte ihr zu, lächelte und ging weiter. Sieben Kinder! Ihre kleine Tochter hob kurz ihren Blick, als sie mich den Gang zu den „Wohnaccessoires“ herunterkommen sah. In der Hand hielt sie ein Stück Schwemmholz, in das oben ein paar hässliche Plastikblumen gesteckt waren. „Das wäre doch ein schönes Weihnachtsgeschenk für meine Mom.“ Zärtlich strich sie über die steifen Blüten. „Vielleicht frag ich meinen Opa, ob er das für sie kauft.“ Sie legte es zurück in das unaufgeräumte Regal. Wieder nickte ich und lächelte. Der Kloß in meinem Hals wurde von Minute zu Minute dicker. Endlich hatte ich ein paar Teile gefunden, die ich hoffentlich so umändern konnte, dass sie weitestgehend Ähnlichkeit mit einem Hirtenkleid und mit einem Engelsgewand hatten. Dann ging ich zur Kasse. Dort stand schon die junge Frau mit ihrer Tochter. Sie wollte gerade bezahlen. Ich betrachtete die Gegenstände, die sie sich 21


ausgesucht hatte: eine Plastikbabyflasche mit Clownsgesicht, ein paar Minisocken, ein kleiner Pullover, der mich farblich an verwelkte Rosenblätter erinnerte, und der pfirsichfarbene Unterrock. „Das macht 2 Dollar 85“, sagte die Kassiererin kaugummikauend. Die Frau zog eine zerknitterte Dollarnote und eine Handvoll Kleingeld aus ihrer Hosentasche. Sie zählte, zählte dann ein zweites Mal. „Sind Sie sicher, dass es so viel kostet?“ Die Angestellte ließ eine Kaugummiblase zerplatzen. „Registrierkassen irren sich nicht.“ „Ich ... ich muss etwas von den Sachen hierlassen.“ Ihre Hand schwebte wie ein farbloser Schmetterling über dem Haufen aus den Einkäufen. Dann griff sie nach dem Unterrock. „Nein, warte!“, rief ich und nahm einen Dollar aus meinem Portemonnaie. Sie wich einen Schritt zurück. „Ich will keine Almosen. Der Rock war ja bloß für mich. Den brauche ich nicht so dringend ...“ Mein Blick schweifte über die knallbunten Girlanden, die über der Kasse hingen. „Das sind keine Almosen“, erklärte ich und drückte ihr die Dollarnote in die Hand. „Das ist ein Geschenk. Fröhliche Weihnachten!“ Sie starrte auf das Geld und sah dann mich an. Ihr schüchternes Lächeln brachte ihr Gesicht fast zum Strahlen. „Na ja, dann – also, danke. Fröhliche Weihnachten auch für dich!“ Ich gehe immer noch gerne bei Goodwill shoppen. Aber jetzt reicht mein Blick weiter – der Kick, ein 22


Schnäppchen zu ergattern, und die Witze, die ich mit meinen Freunden manchmal über die Klamotten gerissen habe, die wir dort fanden, sind in den Hintergrund geraten. Wann immer es mir möglich ist, sehe ich mir die anderen Menschen, die dort einkaufen, an – ich sehe sie mir ganz genau an. Das sind Menschen, die akzeptiert werden wollen und die Freunde brauchen – und auch Unterröcke. Mary Lou Carney *

Wir mögen vielleicht nie etwas Großes vollbringen; doch jede gute Tat, die wir tun, und sei sie auch noch so gering, ist in Gottes Augen viel wert. Dwight L. Moody

Aus Liebe zu den Kindern Fünfzig Teenager strömten ungeduldig aus dem heißen, stickigen Bus. Die Fahrt von unserem Hotel in Oradea bis zu diesem Hotel in Felix in Rumänien hatte eine halbe Stunde gedauert. Dort hielten wir jeden Abend eine christliche Veranstaltung ab. An diesem Tag trafen wir uns zum letzten Mal. Wir wollten shoppen gehen und anschließend noch eine Veranstaltung im Park halten. Am nächsten Morgen sollte es dann weiter nach Wien gehen. 23


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