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Inge Frantzen (Hrsg.)

Kerzenschein und Pl채tzchenduft Ein Vorlesebuch f체r die Adventsund Weihnachtszeit


Über die Herausgeberin Inge Frantzen ist gelernte Industriekauffrau und hat mehrere Jahre in einem großen Konzern als Sekretärin gearbeitet. Freiberuflich ist die heute 42-Jährige als christliche Beraterin tätig und schreibt regelmäßig Artikel und Rezensionen für die christliche Zeitschrift „Neues Leben“. Außerdem hält sie Seminare, leitet Freizeiten und organisiert Veranstaltungen für Singles. Privat liest und tanzt sie gerne oder schaut sich mit Freunden gute Filme an. Außerdem singt sie leidenschaftlich gern in einer Band.


Inge Frantzen (Hrsg.)

Kerzenschein und Pl채tzchenduft Ein Vorlesebuch f체r die Adventsund Weihnachtszeit


Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100 Das für dieses Buch verwendete FSC-zertifizierte Papier München Super liefert Mochenwangen.

Die Bibelzitate wurden der folgenden Bibelübersetzung entnommen: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Inspiration zur Entstehungsgeschichte von „Stille Nacht, heilige Nacht“ aus „Die lieben alten Weihnachtslieder“ von E. E. Ronner. © 2007 Gerth Medien GmbH, Asslar, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 1. Auflage 2007 Bestell-Nr. 816 186 ISBN 978-3-86591-186-5 Umschlaggestaltung: Hanni Plato Satz: Die Feder GmbH, Wetzlar Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany


Inhalt 20. November . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Dezember: Meisenliebe (Helmut Frantzen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11/13 2. Dezember: Der Hirte im Hochhaus (Annekatrin Warnke) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17/18 3. Dezember: Stromausfall (Elisabeth Büchle) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25/26 4. Dezember: Der Mann an der Tankstelle (Kirsten Winkelmann) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31/32 5. Dezember: Ein Stern für Papa (Nicole Schol) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43/44 6. Dezember: Ein unvergesslicher Nikolausabend (Inge Frantzen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51/52 7. Dezember: Eine verrückte Nacht (Frauke Bielefeldt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57/58 8. Dezember: Mäuseweihnacht (Michael, Natalie, Marika, Niklas Büchle) . . . . . . . 65/66 9. Dezember: Weihnachten im Hospiz (Eva Breunig) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69/70 10. Dezember: Der Schneesturm (Elisabeth Büchle) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75/76 11. Dezember: Rudi Rentier hat ein Problem – Teil I (Antje Balters) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81/82


12. Dezember: Rudi Rentier hat ein Problem – Teil II (Antje Balters) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91/92 13. Dezember: Weihnachten (Claudia Hörster) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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14. Dezember: Der Weihnachtsengel (Elisabeth Büchle) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105/106 15. Dezember: Damit niemand mehr einsam sein muss (Frauke Bielefeldt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111/112 16. Dezember: Projekt „Herbergssuche“ – Teil I (Eva Breunig) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117/118 17. Dezember: Projekt „Herbergssuche“ – Teil II (Eva Breunig) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125/126 18. Dezember: Weihnachten 1899 (Tanja Kristina Zieres) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133/134 19. Dezember: Weihnachtsfreude (Silvia Renz) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143/144 20. Dezember: Eine ganz besondere Weihnachtsfeier (Inge Frantzen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149/150 21. Dezember: „Stille Nacht, heilige Nacht …“ – Teil I (Inge Frantzen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157/158 22. Dezember: „Stille Nacht, heilige Nacht …“ – Teil II (Inge Frantzen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167/168 23. Dezember: Mitmachstory (Annekatrin Warnke) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177/178 24. Dezember: Die Weihnachtsgeschichte . . . . . . 183/184 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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20. November

„Mama, was bedeutet eigentlich das Wort ,Advent‘?“ Mit diesen Worten stürmte Kevin in die Küche. „Wie kommst du denn jetzt aus heiterem Himmel plötzlich darauf?“, wollte Anne wissen, die gerade das Mittagessen zubereitete. „Na ja, als ich gestern bei Karsten war, hat seine Mutter gesagt, dass sie sich sehr auf die Adventszeit freut, und da ist mir wieder eingefallen, dass ja schon bald der 1. Dezember ist. Da krieg ich doch bestimmt wieder einen Adventskalender und darf bis Weihnachten jeden Tag ein Türchen aufmachen. Als ich so darüber nachgedacht hab, ist mir aufgefallen, dass ich überhaupt nicht weiß, was Advent eigentlich bedeutet.“ „Nun, ,Advent‘ kommt aus dem Lateinischen und heißt übersetzt ,Ankunft‘. Die Adventszeit ist die Vorbereitungszeit auf Weihnachten und wirklich eine ganz besondere Zeit des Jahres. Es gibt eine Menge Bräuche, die man in dieser Zeit pflegt – es wird gebastelt, man backt Plätzchen, kauft einen Adventskranz …“ „… und am 6. Dezember kommt der Nikolaus und bringt Geschenke …“ Auf Kevins Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. „Ja, auch der Nikolaus kommt und bringt den braven Kindern Geschenke“, antwortete Anne augenzwinkernd. 7


„Und was hat es mit dem Adventskalender auf sich? Wurde der nur für die Kinder erfunden, damit uns die Zeit bis Weihnachten nicht so lang wird?“ Anne musste lachen. „Nun ja, nicht so ganz. Anfangs diente er noch als richtiger Kalender für den ganzen Zeitraum der Adventszeit. Die fängt nämlich nicht erst am 1. Dezember an, sondern am 1. Adventssonntag. Heute müsste er eigentlich ,Dezemberkalender‘ heißen, weil er immer erst am 1. Dezember beginnt.“ „Puh, das ist ganz schön kompliziert …“ Kevin kratzte sich am Kopf. „Ach, eigentlich ist es ganz einfach“, antwortete Anne und goss das Nudelwasser ab. „Früher fand man hinter den einzelnen Türchen des Adventskalenders immer nur ein Bild mit einem Motiv aus der Weihnachtsgeschichte, sodass der Bezug zur Weihnachtszeit gewahrt blieb. Heute werden die Kalender mehr und mehr zu Geschenkverpackungen und haben manchmal überhaupt nichts mehr mit der Weihnachtszeit zu tun.“ Kevin wurde nachdenklich. „Mein Kalender war letztes Jahr mit Schokoladenfiguren gefüllt.“ „Kevin, sei doch so gut, und sag deinem Bruder, dass das Mittagessen fertig ist. Wir können in fünf Minuten essen“, unterbrach Anne seine Gedanken. Kevin trabte in den Flur und brüllte aus Leibeskräften: „T-IM-O … E-S-S-E-N!“ Dann setzte er sich an den Tisch und wartete darauf, dass sein Bruder und seine Mutter dazukamen, denn er hatte plötzlich einen Bärenhunger.

찐 앰 찐 „Ich hätte gerne in diesem Jahr nur einen Adventskalender mit Bildern – ohne Schokolade“, meinte Kevin unvermittelt, als die ganze Familie einige Stunden später um den Abendbrottisch versammelt war. Anne und Timo starrten ihn irritiert an, und Timo fragte: „Hey, Bruderherz, ist alles klar mit dir? Seit wann verzichtest du denn freiwillig auf Schokolade?“ 8


„Ich hab den ganzen Nachmittag nachgedacht und da ist mir eine Idee gekommen“, antwortete Kevin geheimnisvoll. „Na, da bin ich aber gespannt, was das wohl für eine Idee ist“, grinste Timo. „Lass hören und reich mir dabei doch gleich mal die Butter rüber.“ „Na ja, wir sind doch hier im Haus ungefähr 24 Leute … und ebenso viele ,Türchen‘ hat ein Adventskalender … Wie wäre es denn, wenn wir uns jeden Abend treffen und alle gemeinsam ein Türchen am Adventskalender öffnen würden?“ „Hm, und wie stellst du dir das genau vor?“, wollte Timo wissen. „Willst du etwa jeden Abend alle in unsere kleine Wohnung einladen, damit wir uns dann gemeinsam ein Kalenderbild von dir anschauen, und dann geht jeder wieder nach Hause?“ „Wir könnten uns zum Beispiel immer zu einer festen Zeit im Partykeller treffen, gemeinsam ein Türchen öffnen und uns zusammen das Bild anschauen, das sich dahinter verbirgt. Wem dann dazu eine Geschichte einfällt, der darf sie erzählen – und zwar jeden Tag ein anderer, damit auch wirklich alle drankommen.“ „Die Idee ist gar nicht so schlecht“, meinte Anne nachdenklich. „Das wäre wirklich mal was anderes und würde sicherlich spannend werden, aber wie willst du alle unter einen Hut bekommen?“ „Na ja, die meisten halten doch eh nach dem Abendessen eine Familienandacht und die 15 Minuten könnten doch alle bis Weihnachten dann mal gemeinsam verbringen …“ „Bruderherz, wenn ich so darüber nachdenke … Die Idee gefällt mir … Ich bin dabei!“ Timo biss gierig in sein Käsebrot. „Jetzt musst du nur noch alle informieren und fragen, was sie davon halten.“ „Wir wollten doch sowieso schon lange mal wieder mehr gemeinsam machen“, fügte Anne hinzu. „Vielleicht können wir ja mit denen, die möchten, an den Wochenenden auch mal basteln oder gemeinsam Plätzchen backen.“ „Coole Idee, Mama, du bist die Beste!“ „Na, noch hat ja niemand zugesagt …“ 9


1. Dezember

„Heute Abend geht’s endlich los – ich bin schon ganz gespannt auf das erste Bild und die erste Geschichte. Es haben wirklich alle zugesagt.“ Kevin strahlte aus allen Knopflöchern. „Ja, das hast du prima hinbekommen“, lobte Anne ihren 8-Jährigen und zerzauste seine blonden Locken. „Ich bin sehr stolz auf dich, dass du so etwas auf die Beine gestellt hast und dass du deinen Adventskalender mit uns allen teilen möchtest … Apropos Adventskalender … Den hab ich dir ja noch gar nicht gegeben … Wart mal einen Augenblick.“ Anne verschwand im Schlafzimmer und erschien kurz darauf mit einem großen Päckchen, das in goldenes Seidenpapier eingewickelt war. „Hier, mein Schatz, das ist für dich – dein Adventskalender für dieses Jahr.“ Mit strahlenden Augen drückte Kevin das Päckchen an sich. „Den nehm ich so mit und pack ihn dann im Partykeller mit allen gemeinsam aus.“ „Ganz wie du willst“, antwortete Anne. „Dann mal los.“

찐 앰 찐 „Schön, dass ihr alle gekommen seid“, begrüßte Kevin die Hausgemeinschaft mit roten Wangen. Er war schon ganz schön 11


aufgeregt, denn 24 Personen waren schließlich keine Kleinigkeit. Aber er kannte ja alle aus der Gemeinde, deshalb hatte er sich auch überhaupt erst getraut, den anderen diese Aktion vorzuschlagen. „Hey, Kevin, das ist wirklich eine super Idee“, meinte Onkel Max, der im Türrahmen lehnte. „Wirklich, das find ich richtig klasse, dass du deinen Adventskalender mit uns teilen willst.“ „Okay … Also, dann pack ich mal aus.“ Kevin war inzwischen vor Vorfreude so aufgeregt, dass er kaum den Tesastreifen abbekam, mit dem das Geschenkpapier befestigt war. Die Augen der Anwesenden waren gespannt auf das Päckchen in seinen Händen gerichtet. Alle hielten den Atem an, als ein wunderschöner Adventskalender zum Vorschein kam. „Aber, Mama, dddder ist ja ddddoch mit Schokolade“, stammelte Kevin. „Ich wollte doch einen haben, in dem nur Bilder drin sind.“ „Nur keine Aufregung“, antwortete Anne seelenruhig. „Ich hab zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und die Bilder mit den Weihnachts- und Wintermotiven befinden sich unter der Schokolade. So hast du doch für jeden Tag eine Leckerei für dich.“ Kevin dachte kurz nach und meinte dann: „Also, ich finde, die Schokolade sollte derjenige bekommen, der an dem betreffenden Tag die Geschichte erzählt – er hat sie dann am meisten verdient.“ „Nun, Kevin, dann spann uns nicht länger auf die Folter und mach das erste Türchen auf – wir platzen fast vor Neugier“, meinte Onkel Max nervös. Mit zitternden Fingern öffnete Kevin das Türchen mit der Nr. 1 und holte die Schokolade heraus. Zum Vorschein kam das Bild eines Vogels, der im Schnee auf Futtersuche ist. „Hm“, meinte Kevin, „wem fällt zu diesem Vogel eine Geschichte ein?“ „Da kann ich etwas erzählen, das Käthe und ich erlebt haben“, antwortete Opa Karl ganz spontan. „Auch wenn es schon einige Jahre her ist, kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, denn es hat mich damals tief berührt …“ 12


Meisenliebe Helmut Frantzen

Wir saßen im Esszimmer bei einer Tasse Tee und einem Stückchen selbstgebackenen Kuchen. Es war schon recht kühl geworden, aber das spürten wir beide nicht. Im Kachelofen flackerte ein munteres Feuer und das trockene Holz verbrannte laut knisternd und verbreitete eine behagliche Wärme im Raum. Käthe und ich schauten nachdenklich durchs Fenster auf die Terrasse, auf der ein Futterhaus stand, in dem wir verschiedene Körnersorten, aber auch Rosinen und Apfelstückchen für die Vögel deponiert hatten. Ich weiß noch, dass ich zu Käthe gesagt habe: „Die Vögel sollen auch spüren, dass heute Sonntag ist.“ Und Käthe meinte: „Selbst wenn viele Vögel im Winter gen Süden fliegen, die Kohlmeisen bleiben uns auch im Winter treu.“ Abwechselnd flogen auch tatsächlich, laut piepsend, die größeren gelb-schwarz-gefärbten Kohlmeisen und die etwas kleineren Blaumeisen den Futterplatz an, und es war eine Freude, ihnen vom Warmen aus dabei zuzuschauen. Doch dann ereignete sich plötzlich etwas Merkwürdiges: Eine Kohlmeise flog immer wieder gegen die Fensterscheibe und machte dabei ein Geräusch, als ob sie anklopfen würde. Piepsend und zirpend, ja geradezu krakeelend, schwebte sie für kurze Zeit flügelschwingend in der Luft. Dann verschwand sie für einen Augenblick, um anschließend wieder und immer wieder das gleiche Ritual zu veranstalten. Wir konnten uns nicht erklären, was den Vogel zu diesem merkwürdigen Verhalten bewegen mochte. Er wollte doch sicherlich nicht zu 13


uns in die Stube?! Wieder und wieder kam die Meise und wir öffneten schließlich die Terrassentür und suchten draußen nach einer Antwort. Aber auch hier fanden wir keine Erklärung für dieses seltsame Verhalten. „Puh, es ist schon lausig kalt geworden“, meinte Käthe nach einer Weile und wir begaben uns wieder in die warme Stube. Noch einige Male kam die Meise, klopfte an und schwebte eine Weile flügelschlagend mit eingeschaltetem „Vortrieb“, wie ich es nannte, an der Scheibe. Dann ließ sich die Kohlmeise mit dem auffälligen weißen Punkt auf der Brust plötzlich nicht mehr sehen. Für Käthe und mich war die Sache damit erledigt und irgendwann hatten wir den seltsamen Vogel völlig vergessen. Als im nächsten Jahr dann der Frühling seinen Einzug hielt, waren im Garten, auf Balkon und Terrasse Großreinemachen angesagt. „Du musst auch die Kellerlöcher noch sauber machen!“, rief Käthe mir zu, als ich die Terrasse betrat. Vor dem Esszimmerfenster befand sich ja der Lichtschacht für den Kellerraum. Ich nahm also den Gitterrost auf und erstarrte … Unten im Schacht lag ein mumifiziertes Kohlmeisenpärchen. Plötzlich fiel mir die Meisengeschichte vom Spätherbst wieder ein, und ich hatte auf einmal eine Erklärung für das merkwürdige Verhalten der Kohlmeise, die immer wieder gegen unsere Fensterscheibe geflogen war: Vermutlich war einer der Partner damals durch den Rost geschlüpft, um Körner zu ergattern, die dort hinuntergefallen waren. Dann hatte er jedoch nicht mehr zurückgekonnt, weil das Gitter von unten nur fliegend erreicht werden konnte, ein Herauskommen mit geöffneten Flügeln aber durch die engen, nur wenige Zentimeter großen Maschen nicht möglich war. Der andere Partner hatte uns zwar zu Hilfe holen wollen, aber wir beide, Käthe und ich, hatten die Zeichen des in Panik geratenen Vogels leider nicht verstanden. Man kann nun darüber rätseln, ob es nach den missglückten Rettungsversuchen ein letzter Hilfsakt werden sollte, der 14


die zweite Meise ebenfalls in das Kellerloch hatte fliegen lassen, oder ob es die Bereitschaft zum gemeinsamen Sterben war. Käthe und ich waren jedenfalls beide tief berührt – zum einen von der Intelligenz der Kohlmeise beim Warn- und Rettungsversuch, zum anderen aber vor allem von der grenzenlosen Liebe, die offensichtlich bis in den Tod bestanden hatte. (Vorlesedauer ca. 5 Minuten)

찐 앰 찐 „Eine schöne, wenn auch ein bisschen traurige Geschichte“, sinnierte Onkel Max. „Ich finde, das war ein toller Auftakt für unsere Advents- und Weihnachtsgeschichten, die wir jeden Abend miteinander teilen wollen, denn die Geschichte hat ja irgendwie auch eine geistliche Botschaft. Auch der Sohn Gottes, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, ist ja gekommen, um uns zu retten und sich aus Liebe für uns zu opfern – bis in den Tod. Es ist doch immer wieder wichtig, sich daran zu erinnern. Danke, Karl und Käthe, dass ihr dieses Erlebnis mit uns geteilt habt. Ich bin schon ganz gespannt auf morgen …“

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2. Dezember

„Nun, dann schauen wir mal, wer heute eine Geschichte beizusteuern hat“, meinte Anne mit erwartungsvoller Miene. „Die Meisengeschichte ist mir gestern jedenfalls noch lange nachgegangen, und ich habe mich gefragt, ob ich die Botschaft des Vogels wohl verstanden hätte. Wie oft ist es doch so, dass auch wir Hilferufe von Menschen nicht richtig verstehen und falsch deuten – wie gut, dass Gott da so ganz anders ist und alles mitbekommt. Nun, Kevin, wie sieht’s mit dem zweiten Türchen aus … Wir sind alle gespannt, welches Bild sich heute dahinter verbirgt und welche Geschichte wir dazu hören werden.“ „Schaut mal, das ist ein Hirte“, rief Kevin ganz aufgeregt, als er die Schokolade aus dem zweiten Türchen gefischt hatte. „Jetzt bin ich aber mal gespannt, wem von euch Stadtleuten dazu was einfällt …“ „Da kann ich was erzählen“, meinte Timo sofort ganz aufgeregt. „Mein Freund Olli hat da mal was Hammermäßiges erlebt …“

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Der Hirte im Hochhaus Annekatrin Warnke

Olli war sauer. Er war an jenem Adventssonntag im Jahr 2006 bestimmt der wütendste 12-jährige Junge im gesamten Kreis Pinneberg. Er saß an seinem vorsintflutlichen Computer – auch wieder die Spende irgendeines reichen Wohltäters – und hämmerte sein Referat in die Tasten. Morgen begann die letzte Schulwoche vor den Weihnachtsferien, und er musste noch diesen bescheuerten Text abliefern. „Du brauchst eine glatte Vier in Religion“, hatte die blöde Rüttgers gesagt. „Zwei blaue Briefe zum Halbjahrszeugnis kannst du dir nicht leisten. Wenn du ein gutes Referat schreibst, kannst du deine mündlichen Leistungen erheblich verbessern. Das Thema lautet: ,Was die Bibel über Weihnachten sagt.‘ Du musst nur die Evangelien gründlich lesen, um das herauszufinden. Viel Erfolg!“ Olli schnaubte und blies sich seinen überlangen Pony aus den giftig-grün funkelnden Augen. Seine dunkelbraunen, lockigen Haare sähen gar nicht schlecht aus, wenn er sie mit Gel zurückkämmen könnte. Aber selbst für das Gel fehlte ihm das Geld. Wahrscheinlich würde er wieder einen großen Tiegel von seiner Ma zu Weihnachten bekommen. Dabei wünschte er sich so sehr ein neues Handy! Aber für das Schickimickiteil, das ihm vorschwebte, fehlte eben auch das Geld. Seine Mutter war alleinerziehend und sein Erzeuger drückte 18


sich seit Jahren erfolgreich um den Unterhalt. Angeblich war er arbeitslos – wohnte aber mit seiner neuen Perle und Ollis kleiner Halbschwester in einem riesigen Haus. Das gehörte seiner neuen Frau – angeblich –, genauso wie das gutgehende Fotostudio. Olli seufzte. Seine Ma war zu stolz, um irgendetwas einzuklagen. Sie hielt sich und ihn mit ihren Schichten als Nachtschwester über Wasser. Mehr als diese mickrige Zweizimmerwohnung in einem hässlichen Hochhaus war da nicht drin. Seine Klamotten musste Olli irgendwie selbst finanzieren. Zumindest, wenn er nicht ständig auf die abgelegte Kleidung wohlmeinender Spender angewiesen sein wollte. Die Leute aus der Gemeinde fanden es toll, alleinerziehenden Müttern unter die Arme zu greifen. Olli hasste es, von Geschenken zu leben, und trug deshalb morgens um fünf Zeitungen aus. Manchmal schlief er dann im Unterricht vor Müdigkeit fast ein. Kein Wunder, dass seine mündlichen Leistungen überall im Keller waren! Dabei war es doch so wichtig, dass er einen guten Schulabschluss machte. Sonst käme er ja nie aus dieser Armut raus! Olli seufzte noch einmal. Nun musste er sich sogar mit der Bibel abquälen, um eine Chance zu haben, nicht sitzenzubleiben! Maria und Josef also – das „traute, hochheilige Paar“, wie es in diesem bescheuerten Weihnachtslied hieß. Und dann: „Holder Knabe im lockigen Haar“. Meine Güte, wie blöd war das denn!? Wer hatte je von einem Neugeborenen mit lockigem Haar gehört? Meistens hatten die Babys doch sogar eine Glatze! Olli wusste schon, warum er mit diesem ganzen süßlichen Weihnachtsgetue nichts am Hut hatte. Das war einfach nur kitschig: „Süßer die Glocken nie klingen“ – und Engelchen und Harfen … Nee, also wenn schon Märchen, dann doch lieber Harry Potter! Der war wenigstens spannend! Aber ein „himmlisches Kind“ in „reinlichen Windeln“, das war doch einfach nur blöd! Je mehr Olli allerdings in den Evangelien der Bibel las, umso deutlicher erkannte er, dass diese Berichte sich doch sehr von so manchem Weihnachtslied unterschieden. Von 19


Süße und Kitsch stand da gar nichts. Im Gegenteil – Olli las von Anstrengung, Ablehnung und Angst. Das musste man sich ja nur einmal bildlich vorstellen: Eine hochschwangere Frau war gezwungen, eine elend lange Reise zu unternehmen, bloß, weil so ein durchgeknallter Kaiser eine Volkszählung angesetzt hatte! Und dann die Angst, die sie gehabt haben musste, als sie merkte, dass das Kind bald kam – und niemand würde ihr und ihrem Mann ein Zimmer vermieten! Klar, die ganzen Pensionen und Hotels jener Zeit waren ja wegen dieser Volkszählung ausgebucht! Olli wollte gar nicht wissen, welche Ängste Josef um seine geliebte Frau ausgestanden hatte. Und dann landeten die beiden außerhalb der Stadt, dort, wo Menschen sich eigentlich nicht aufhalten wollten, in einem Stall. Was musste das für eine Qual gewesen sein, unter solchen Umständen ohne fachkundige Hilfe ein Kind zur Welt zu bringen! Der Tiergestank, der Dreck, kein heißes Wasser, das Blut – alles so ganz anders als in diesen Weihnachtsliedern … „Du bist ja schon mittendrin in der Geschichte“, sagte da plötzlich eine tiefe Stimme hinter Olli. „Gut so – es klappt also immer noch! Die Bibel ist nämlich ein lebendiges Buch, weißt du!“ Olli zuckte zusammen und drehte sich blitzschnell mit seinem Drehstuhl herum. Jetzt nahm er auch den penetranten Geruch deutlich wahr, der ihm schon seit einiger Zeit in der Nase gekribbelt hatte. Ein stechender Geruch nach Schweiß, nach feuchter Wolle und nach Tier – irgendwie. Olli war zwar ein Stadtkind, aber er dachte, so ähnlich müsste wohl ein Stall riechen. In seiner Zimmertür stand eine merkwürdige Gestalt. Sie war groß und hager und schien das winzige Zimmer, das nicht viel mehr als eine Abstellkammer war, fast völlig auszufüllen. Der Raum lag bis auf das bläuliche Flimmern des Computerbildschirms und das spärliche Funzeln der kleinen Schreibtischlampe im Dunkeln. Etwas Licht kam von der Flurlampe und fiel durch die Tür auf das Bett, den Schrank und den fremden, so stark riechenden Mann, um den herum die Luft zu flimmern schien. Er trug eine Art Kleid aus dicker, 20


brauner Wolle. Das Ganze sah aus wie eine olle Decke mit Ärmeln, die bis zu den Füßen reichte. Diese Füße waren nackt und sehr schmutzig und steckten in einer Art Sandale. Sie sahen ein bisschen aus wie sehr alte, müllige Birkenstocks. „Wwwer sind Sssie?“, stotterte Olli, der furchtbar erschrocken war. „Ich heiße Benjamin und bin Hirte. Und so was wie ein Zeitenwanderer“, sagte die Gestalt und setzte sich einfach auf Ollis Bett. „Darf ich dir meine Geschichte erzählen?“, erkundigte er sich. „Sie hilft dir bestimmt bei deinem Referat“, fügte er noch hinzu. Bei dieser wunderbaren Aussicht vergaß Olli seine Furcht und nickte. „Es war eine kalte Nacht in Bethlehem vor sehr langer Zeit“, fing der Fremde an zu erzählen. „Die meisten Leute in unserer Stadt feierten die Volkszählung. Du weißt schon: Viele Menschen begegneten sich, es gab Wein und gutes Essen, die Stimmung war super, man erzählte sich Geschichten am Kaminfeuer der Gasthäuser …“ „Es triefte zuckrig vor Gemütlichkeit bei den wohlhabenden Menschen der Stadt“, ergänzte Olli, dem das Ganze sehr bekannt vorkam. „Genau“, nickte Benjamin, „nur wir Hirten waren mal wieder außen vor. Wir, die lausigen Knechte der Reichen, froren uns auf dem Feld den Hintern ab, weil wir auf die Schafherden aufpassen mussten.“ „Die nicht mal euch gehörten“, stellte Olli fest. Ihm war, als würde er die Situation der Hirten ganz genau kennen. „Du sagst es“, pflichtete Benjamin ihm dann auch nickend bei. „Und ich“, fuhr er fort, „war wie immer besonders schlecht drauf. Ich war der Letzte unter den Loosern, weißt du? Ein Ausgestoßener von Geburt an. Ich hatte keinen Vater – deshalb war meine Mutter immer eine Geächtete gewesen.“ Olli schluckte. Es hatte bestimmt Zeiten gegeben, in denen alleinerziehende Mütter noch schlimmer dran gewesen waren als heute. 21


„Stimmt“, sagte Benjamin. Hilfe! Der konnte wohl auch Gedanken lesen! „Stimmt“, wiederholte Benjamin noch mal und dann erzählte er weiter: „In jener besonderen Nacht, da saß ich also wieder abseits von den anderen, so weit weg vom Feuer, dass ich fror. Ich weiß noch, dass ich mir missmutig die Reste unseres kärglichen Essens aus den Zähnen pulte und mir wünschte, nie geboren worden zu sein. Dann war da auf einmal dieses überirdische Licht und ich hörte diese Stimme aus einer anderen Welt. ,Freuet euch‘, sagte sie, ,denn euch ist heute der Heiland geboren.‘“ Benjamin schluckte an dieser Stelle und Tränen traten in seine Augen. Es schien, als erlebe er alles gerade in diesem Moment. „Wow“, erwiderte Olli, „es stimmt also wirklich, was in der Bibel steht? Und du hast die Engel gesehen? Wie sehen die denn aus?“ „Jedenfalls nicht wie die komischen dicken Kinder mit den Stummelflügeln, die auf euren Papierservietten abgedruckt sind“, grummelte Benjamin. „Diese Putten sind eine echte Beleidigung für Engel“, fuhr er fort. „Engel kannst du nämlich gar nicht beschreiben! Aber du spürst es, wenn einer da ist! Und du verstehst, was er sagt! Damals zweifelte jedenfalls keiner von uns daran, dass das stimmte, was der Engel sagte! Wir brachen sofort auf, um das versprochene Zeichen zu finden – ein Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Ja, auch wir waren ziemlich überrascht darüber, dass so was ein Zeichen dafür sein sollte, dass der König der Könige, der Retter der Welt geboren war! Wir hatten immer gedacht, er käme in einem Palast zur Welt und wir verachteten Hirten würden höchstens von ihm hören! Dass er kommen würde, wussten wir als Juden ja. Aber ein stinkender Stall – das war selbst für uns eine Zumutung! Allerdings – wenn du es von einem Engel hörst, dann glaubst du es natürlich!“ „Natürlich!“, bekräftigte Olli, obwohl er sich eine Engelsbotschaft nicht so recht vorstellen konnte. Aber wenn es einer sagte, der dabei gewesen war … Olli staunte über sich selbst. 22


Er war alles andere als leichtgläubig – und dieser fremde Hirte konnte ihm ja auch einen vom Pferd erzählen! Andererseits – Benjamin hatte etwas an sich, dass Olli es einfach glaubte, dass der damals dabei gewesen war. „Du läufst jetzt also seit über 2.000 Jahren durch die Gegend?“, hakte er nach. „Ich kann es ja selbst nicht erklären“, antwortete Benjamin. „Als wir in jener Nacht vom Stall aufbrachen, da habe ich ein Versprechen gegeben. Weißt du, wir hatten alles so vorgefunden, wie die Engel es gesagt hatten. Ein ganz normales Baby – mit stinkenden Windeln übrigens, die ,reinlichen‘ Windeln sind erfunden. Dann waren da die erschöpfte Mutter, ein Vater, der als Geburtshelfer Großes geleistet hatte – und eben diese Krippe. Alles war so einfach, so arm – ja und irgendwie auch normal. Keine Heiligenscheine, keine sprechenden Tiere oder so. Aber für uns Hirten war es die Bestätigung der Engelsbotschaft, und wir knieten nieder und beteten unseren Heiland, unseren König an. Und ich versprach, bis an die Enden der Erde zu gehen, um diese Botschaft weiterzutragen.“ „Und du läufst jetzt seit mehr als 2.000 Jahren durch die Welt und erzählst, was du erlebt hast?“, fragte Olli noch mal. Diesen Gedanken fand der Junge ausgesprochen gruselig. „Mir kommt es gar nicht so lange vor“, sagte Benjamin. „Ich werde zu Menschen geführt, die anfangen zu verstehen, dass die Bibel ein lebendiges Buch ist. Solche Leute gibt es immer wieder seit 2.000 Jahren. Manche von ihnen glauben später, sie hätten mit einem Engel gesprochen. Andere – wie du – denken, sie hätten geträumt. Aber das Gespräch verändert sie trotzdem. Leb wohl, Olli!“ Nach diesen Worten schien Benjamin sich aufzulösen, auch sein Geruch verschwand, und Olli blieb allein zurück. Er dachte später tatsächlich, er habe geträumt. Für sein Referat „Was die Bibel über Weihnachten sagt“ bekam er aber eine Eins. (Vorlesedauer ca. 10 Minuten)

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„Mann, ich hab richtig Gänsehaut“, sagte Tanja, nachdem Timo geendet hatte. „So was müsste mir auch mal passieren, das war wirklich hammermäßig. Die Abende fangen richtig an, mir Spaß zu machen, und ich bin schon ganz gespannt, wann ein Bild kommt, zu dem ich was zu erzählen habe.“ „Ja, das war wirklich eine super Idee von Kevin“, stimmte Antonia Tanja zu. „Ich freu mich echt auf all die Geschichten, die wir in den nächsten Wochen noch hören werden.“

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3. Dezember

„Das dritte Türchen sollte heute mal jemand anderes öffnen.“ Kevin hielt den Adventskalender in die Runde. „Na, wer möchte?“ „Dann gib mal her“, meinte Onkel Paul. „Ist zwar schon lange her, dass ich ein Adventskalendertürchen aufgemacht habe, aber so was verlernt man ja nicht …“ Mit seinen dicken Fingern pulte Onkel Paul ganz vorsichtig an dem dritten Türchen herum, bis es endlich aufging. Er nahm die Schokolade heraus und zum Vorschein kam ein kleiner Stern. „Das ist doch endlich mal ein richtig adventliches Symbol“, meinte Thomas. „Ja, und dazu fällt mir gleich etwas ein, das meine Schwiegertochter mal erlebt hat“, meinte Tante Paula und begann zu erzählen.

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Stromausfall Elisabeth Büchle

Zufrieden lächelnd steckte Sibilla das soeben erstandene Geschenk in ihre ohnehin schon prall gefüllte Einkaufstasche und wandte sich von der Kasse ab. Aus dem Lautsprecher erklang eine bekannte Weihnachtsmelodie, und die junge Frau freute sich, dass es keines dieser lauten, modernen Stücke war, sondern ein sanftes, leises Lied, welches von der Ankunft Jesu erzählte. Die künstlichen Kerzen an den riesigen Tannenbäumen in dem großen Einkaufszentrum warfen ihr helles Licht auf die zum Verkauf angebotenen Auslagen, und die roten und goldfarbenen Schleifen und Dekorationsstücke erzeugten tatsächlich eine fröhliche, einladende Stimmung. Gut gelaunt, da sie bereits vor dem zweiten Advent alle Weihnachtsgeschenke für ihre Familie, die Bekannten und Geschäftskollegen beisammen hatte, schlenderte Sibilla weiter durch die überfüllten Hallen, ließ sich mitreißen von dem berauschenden Gefühl der erwartungsvollen Vorfreude und der begeistert einkaufenden Menschen um sich herum. Sie freute sich über das funkelnde Glitzern in den Augen der Kinder, die lachenden jungen Frauen, die sich an ihr vorbeischoben und einen sehr gelassenen Eindruck machten, und über die Paare, die Hand in Hand von einem Regal zum nächsten schlenderten und unendlich viel Zeit darauf zu verwenden schienen, das passende Geschenk für den geliebten Menschen zu finden. Sibilla lachte leise vor sich hin, als sich ein ausgesprochen rundlicher Nikolaus mit wallendem weißem Bart und etwas 26


zerzaust wirkenden weißen, langen Locken vor einige kleinere Buben kniete, um diesen ein paar Nüsse und Mandarinen zu schenken. So liebte sie die vorweihnachtliche Zeit. Irgendwie waren die Menschen glücklich, also spürte auch sie dieses tiefe, ruhige Glück in sich, das eine wohlige Wärme durch sie hindurchströmen ließ. Sibilla wandte sich um und prallte gegen einen Mann. Der Zusammenstoß war so heftig, dass ihr ihre Tasche aus den Fingern glitt. Mit einem lauten Rumms landeten die sorgfältig ausgesuchten und bereits mit grünem und rotem Papier verpackten Geschenke auf dem harten, von feuchten Schuhen verschmutzten Steinfußboden. Sie vernahm das Splittern von Glas, sah, ohne eingreifen zu können, wie ein Paar derbe Männerstiefel eines der davonkullernden Päckchen unachtsam unter ein Regal kickten, und beobachtete zeitgleich, wie eines der Geschenkpapiere aufriss und der weiche Mohairstoff des sich darin befindenden Schals sich mit der braunen, matschigen Brühe des hereingetragenen, schmutzigen Schnees vollsog. Entsetzt versuchte sie, ihre Geschenke wieder einzusammeln, und stopfte sie unachtsam zurück in die Tasche. Den Mann, der den Zusammenstoß verschuldet hatte, sah sie nicht mehr. Dafür stolperte eine Frau über sie und beschimpfte sie unfreundlich. Als Sibilla sich endlich wieder erhob, waren die Knie ihrer Hose feucht und verschmutzt, einige ihrer Geschenke zerstört oder nicht mehr auffindbar, und ihre rechte Schulter schmerzte unangenehm. Hilflos sah sie sich um. Plötzlich war die Musik aus den Lautsprechern viel zu laut, die weihnachtliche Beleuchtung zu grell und bunt und die Menschen um sie herum viel zu viele. Sie bemerkte eine genervt aussehende Mutter, die ihre beiden Kinder fest an den Händen gepackt hielt und eilig hinter sich herzog, sodass diese immer wieder gegen die Beine anderer Passanten stießen. Sie hörte, wie ein Mann seiner Frau vorwarf, dass sie für solchen Firlefanz kein Geld übrig hätten, und in einer Ecke stand eine verhärmt wirkende, ältere Dame, die lustlos in einem Korb mit Sonderan27


geboten kramte. Ein kleines Mädchen versteckte sich mit deutlicher Panik im Gesicht hinter den Beinen ihrer Mutter, als der zerzauste Nikolaus auf es zusteuerte, und doch schob die Frau das Kind wieder nach vorne auf den bärtigen Unbekannten zu, damit es sein Geschenk überreicht bekam. Zwei junge Männer griffen in ein Regal mit Computerspielen und zurück blieben einige Zellophanverpackungen. Die Spiele verschwanden in irgendwelchen Jackeninnentaschen und die Männer zwischen sich vorwärts drängenden Menschenmassen. Sibilla schwirrte der Kopf. Jegliches fröhliche Glücksgefühl war verschwunden und einer fast panischen Verzweiflung gewichen. Energisch, beinahe rücksichtslos kämpfte sie sich durch die Menschen auf den Ausgang zu und trat erleichtert auf die Straße, um dort von einem viel zu schnell vorbeifahrenden Auto von oben bis unten mit schmutzigem Schneematsch vollgespritzt zu werden. Mit offenem Mund blickte sie an sich herab und konnte nur mühsam ihre aufkeimende Wut unterdrücken. Die Reklametafeln blinkten grell mit der weihnachtlichen Straßenbeleuchtung um die Wette. Die kalte Luft roch nach Abgasen und war erfüllt von dem ungeduldigen Hupen und dem lauten Geräusch der dicht hintereinander vorbeifahrenden Fahrzeuge auf der mehrspurigen Fahrbahn. Enttäuscht und unwillig trat Sibilla den Heimweg an. Nachdem sie mehrere von Menschen überfüllte Straßen überquert hatte, gelangte sie zu dem großen Park. Vor diesem standen, dicht gedrängt um ein Feuer in einer alten Blechtonne, mehrere dunkel gekleidete Personen und wärmten sich ihre Hände. Sie trugen zerschlissene Mäntel und unzureichend wärmende Mützen, Handschuhe und Stiefel. Aus einem Impuls heraus drückte Sibilla einer der frierenden Frauen ihre Einkaufstasche in die Hand und ging dann die wenigen Stufen in den Park hinein. Dort wurde der Verkehrslärm ein wenig leiser, sodass sie sogar den Schnee unter ihren Füßen knirschen hörte. Gegen die Lichter der weit in die Höhe 28


ragenden Hochhäuser konnte sie ihren Atem als kleine, weiße Wölkchen in den nachtschwarzen Himmel steigen sehen. Unwillkürlich blieb sie stehen und schob ihre klammen Hände tief in die Taschen ihrer Jacke, froh, die Einkaufstasche nicht mehr tragen zu müssen. In diesem Augenblick geschah es. Die Lichter hinter sämtlichen Fenstern verlöschten gleichzeitig. Die beleuchtete Auto- und Zugbrücke über dem Fluss verschwand in der nächtlichen Dunkelheit. Die bis in den Park hinein blinkenden und flimmernden Weihnachtsdekorationen und Reklameschilder verglommen langsam – und dann war es plötzlich vollkommen dunkel. Der Verkehr kam zum Erliegen, da Ampeln ausfielen und Straßenbahnen stehen blieben. Die Motorengeräusche und das stete Hupen verstummten ebenso wie die Musik aus den Einkaufshäusern. Es wurde ruhig. Staunend drehte die junge Frau sich einmal um sich selbst. Der gefrorene Schnee unter ihren Schuhen knirschte vernehmlich, der eisige Wind brannte auf ihrem Gesicht und brachte die blätterlosen Bäume zum Knacken. Die Büsche raschelten laut, und für einen kurzen Moment war das leise Zwitschern eines Vogels zu hören, als wundere auch er sich über die plötzlich hereingebrochene Stille und Dunkelheit. Sibilla spürte das Schlagen ihres Herzens. Für einen Moment empfand sie Furcht. Doch dann legte sie den Kopf ein wenig in den Nacken und blickte zum dunklen Himmel hinauf. Millionen von hell glänzenden, blinkenden Sternen lachten ihr freundlich zu und malten Bilder in das unendliche Schwarz des Universums. Fasziniert betrachtete sie die unendliche Weite und eine nie gekannte friedliche, glückliche Ruhe legte sich auf sie. Ein strahlendes Lächeln legte sich auf ihr vor Kälte gerötetes Gesicht. Dies war ein wunderbares, atemberaubendes Weihnachtsgeschenk. Stille in einer lauten, geschäftigen Stadt, und ein Blick auf das von Gott wunderbar geschaffene Himmelszelt, frei von störenden, künstlichen Lichtern und fernab der Hektik dieser Zeit. 29


Minutenlang stand sie einfach nur da, blickte in den Himmel und fragte sich, ob Maria, Josef und die Hirten in der Heiligen Nacht wohl einen ebensolchen wunderbaren Blick gehabt hatten. Ihre Augen wurden groß und rund. In die Stille hinein glaubte sie plötzlich eine leise Melodie zu hören. Es klang wie der Gesang von Engeln, die Gott lobten und ihm dafür dankten, dass er den Retter als kleines Kind auf diese Erde gesandt hatte. Vielleicht sang da gerade eine Mutter mit ihren Kindern, um diese die Angst vor der plötzlichen Dunkelheit vergessen zu lassen. Aber das war Sibilla gleichgültig. Für sie klang es wie ein Engelschor, und als die Lichter wieder angingen, die Beleuchtungen wieder grell zu blinken begannen und die Autos wieder hupten und lärmten, nahm sie die vorherige Stille, das heimelige Licht und die leise Melodie mit nach Hause. Und mit diesen auch das Gefühl, Jesus ganz nah gewesen zu sein. (Vorlesedauer ca. 8 Minuten)

찐 앰 찐 „Eine schöne Geschichte, vielen Dank“, meinte Tante Helga und blickte mit feuchten Augen in die Runde. „Jesus nah sein, das wünsche ich mir auch. Die Advents- und Weihnachtszeit ist oft so hektisch und es bleibt wenig Zeit zur Besinnung. In der Geschichte ist es fast so, als hätte Gott die Zeit einfach angehalten und dieser Frau für einige Sekunden Ruhe und Besinnung geschenkt.“ „Ja, das dachte ich auch“, erwiderte Susanne und nickte, „aber meistens muss man selbst darum kämpfen. Ich wünsche mir, dass wir alle es schaffen, uns diese stillen Momente der Besinnung in diesem Jahr nicht nehmen zu lassen. Vielleicht sind es für uns diese kurzen Geschichten am Abend, wo ein solcher Ort der Ruhe und Besinnung im Alltagsstress möglich ist. Ich merke jedenfalls, dass mir das total guttut.“ „Ja, so geht’s mir auch“, meinte Stefan – und Kevin strahlte … 30


4. Dezember

Selbstbewusst blickte Svenja in die Runde. „Heute möchte ich gerne eine Geschichte erzählen, die ich heute Morgen in der Schule von meiner Freundin gehört hab.“ „Aber, Schatz, du weißt doch, dass wir immer zuerst ein Türchen aufmachen und dann schauen, welches Bild im Kalender ist“, beschwichtigte Susanne ihre Tochter. „Wenn die Geschichte dann zu dem Bild passt, kannst du sie erzählen, ja?“ „Aber, Mama, wenn ich sie heute nicht erzählen kann, vergesse ich sie bestimmt wieder“, ereiferte sich Svenja. „Nun, warten wir doch erst einmal ab, was heute im Adventskalender drin ist – dann sehen wir weiter“, meinte Onkel Max diplomatisch. „Svenja, mach du doch dann heute einfach mal das vierte Türchen auf.“ Mit klopfendem Herzen nahm Svenja den Kalender aus Kevins Händen und öffnete ehrfürchtig das vierte Türchen. Nachdem sie die Schokolade herausgenommen hatte, lachte ihr das Bild eines braunen Lebkuchenherzens entgegen. „O Mama, das passt“, jubelte Svenja aufgeregt. „Darf ich jetzt erzählen?“

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Der Mann an der Tankstelle Kirsten Winkelmann

Milena zerrte zum wiederholten Male am Pullover ihrer Mutter. „Bitte, Mami, darf ich?“, bettelte sie und hüpfte wie ein kleiner Gummiball neben ihrer Mutter auf und ab. Dabei wogten ihre langen blonden Locken neckisch hin und her. Etwas entnervt setzte ihre Mutter die Thermoskanne mit frischem Kaffee, die sie gerade ins Wohnzimmer bringen wollte, auf dem Küchentisch ab. „Schatz“, entgegnete sie, „du hast jede Menge Kuchen gegessen. Da müssen es nicht auch noch Süßigkeiten sein!“ „Aber Oma hat gesagt, dass das Geld ganz für mich allein ist!“, protestierte Milena. „Und ich kann damit machen, was ich will!“ Sie zauberte einen gekonnten Hundeblick in ihre strahlend blauen Augen. Die Mutter seufzte. Ihr war im Augenblick mehr nach Kaffee als nach einem Streitgespräch. „Dann geh halt! Aber beeil dich. Oma und Opa können nicht zum Abendessen bleiben!“ „Danke!“, jubelte Milena und eilte hinaus in den Flur. „Zieh dir eine Jacke an!“, rief ihr die Mutter hinterher. Als Milena auf die Straße hinaustrat, wusste sie, dass ihre Mutter recht gehabt hatte. Der Unterschied zwischen der kuscheligen Wärme im Inneren des Hauses und den Außentemperaturen war immens. Es war Ende November. Ein eisiger Wind pfiff um die Häuserecken und trug einen feinen Nieselregen mit sich. Milena fingerte hektisch am Reißverschluss 32


ihrer Jacke herum und zog ihn anschließend ganz bis unter das Kinn. Dann nahm sie die Beine in die Hand und eilte die Straße hinunter, bis zu der kleinen Tankstelle, die sich dort an der Ecke befand. Ohne die Zapfanlagen auch nur eines Blickes zu würdigen, stürmte sie auf die breite Glastür zu, wartete, bis sich diese von selbst öffnete, und betrat dann den kleinen Laden. Sie war in der Tat jeden zweiten Tag hier und kannte ihn wie ihre Westentasche. Hinten die Zeitschriften, rechts das Eis, links die Süßigkeiten. Milena lächelte verklärt. Sie liebte diesen Ort. Weil man hier so schöne Sachen kaufen konnte. Weil alles so hell erleuchtet war. Weil sie ganz allein hierher kommen konnte. Wie eine Große. Die Freude wurde ein wenig getrübt, als Milenas Blick auf den Besitzer der Tankstelle fiel, der wie immer hinter der Kasse stand. Er war groß, hager und bestimmt schon Anfang siebzig. Was Milena störte, war jedoch nicht sein Alter, sondern vielmehr dieser finstere, fast verkniffene Gesichtsausdruck, der mit ihm verwachsen zu sein schien. Milena versuchte, den alten Mann zu ignorieren, und ging langsam auf die Süßigkeiten zu. Dann beschäftigte sie sich mit den Preisen und errechnete akribisch, wie sie ihren Euro am sinnvollsten einsetzen konnte. Schließlich entschied sie sich für eine Packung „Tictac“, orange, und zwei Lutscher. Selbstbewusst nahm sie ihre Einkäufe und schlenderte damit zur Kasse hinüber. Außer ihr war kein Kunde da, sie musste also nicht warten, sondern konnte ihre drei Artikel sofort auf den Tresen legen. Der Alte blickte stur an Milena vorbei. Nur das Piepen der Kasse zeigte, dass er sich mit ihren Einkäufen beschäftigte. „89 Cent“, sagte er schließlich. Seine Stimme klang müde und teilnahmslos. „Ich hab heute Geburtstag“, verkündete Milena stolz. „Ich bin jetzt sieben!“ Der Alte zuckte gelangweilt die Achseln. „89 Cent“, wiederholte er. 33


Milenas Blick verfinsterte sich. „Wie alt bist du?“, fragte sie und legte ihren Kopf zur Seite. „Zu alt“, knurrte der Mann. „Willst du das Zeug jetzt kaufen oder nicht?“ Milena schluckte und legte mit einer fast patzigen Bewegung ihren Euro auf den Tresen. Der Alte nahm ihn, fütterte damit die Kasse und legte dann ein 10- und ein 1-Cent-Stück neben Milenas Süßigkeiten. Milena seufzte tief. „Lachst du eigentlich nie?“, fragte sie den alten Mann. Zum ersten Mal sah dieser auf. Sein Blick war kalt. „Du hast es erfasst.“ Milena hob stolz ihr Kinn. „Und warum nicht?“, gab sie zurück. „Ich hab nichts zu lachen.“ „Du hast doch jede Menge Bonbons“, widersprach Milena und nahm ihren Teil der Pracht an sich. „Ich hasse Bonbons“, konstatierte der Alte. Milena nahm ihr Geld vom Tresen und steckte es zu den Süßigkeiten in ihre Jackentasche. „Und was magst du?“ Es kam keine Antwort. „Kinder jedenfalls nicht“, stellte Milena fest, drehte sich um und verließ hüpfend den Laden.

찐 앰 찐 Als Milenas Geburtstag vorüber war, kehrte im Haus ihrer Eltern der typische Vorweihnachtsstress ein. In diesem Jahr fiel dieser allerdings noch etwas schlimmer aus als sonst. Milenas Eltern waren Mitglied einer kleinen Kirchengemeinde, die sich in diesem Jahr etwas Besonderes vorgenommen hatte … „Spielst du mit mir ,Memory‘?“, erkundigte sich Milena. „Später“, antwortete ihre Mutter. Sie saß nun schon seit Stunden – so erschien es jedenfalls Milena – am Computer und hämmerte auf der Tastatur herum. „Dann lies mir was vor“, quengelte Milena. Sie hatte an die34


sem Tag niemanden zum Spielen gefunden und langweilte sich zu Tode. „Erst müssen die Einladungszettel fertig werden“, murmelte ihre Mutter geistesabwesend. „Was denn für Einladungszettel?“ „Na, die für Heiligabend …“, antwortete ihre Mutter und drückte schwungvoll die Enter-Taste. Kurz darauf begann der Drucker zu rattern. „Darf man sonst nicht hingehen?“, verlangte Milena zu wissen. Ihre Mutter zog irritiert die Augenbrauen hoch. „Was meinst du?“ Aber dann lächelte sie plötzlich. „Ach so …“ Sie schüttelte den Kopf. „Die Einladungszettel sind doch nicht für uns! Sie sind für Fremde. Wir haben uns nämlich überlegt, dass Heiligabend eine gute Gelegenheit ist, einmal Leute einzuladen, die sonst gar nicht gerne in die Kirche gehen. Ist dir schon mal aufgefallen, dass immer nur dieselben Leute in unsere Gemeinde kommen?“ Milena zuckte die Achseln. „Siehst du“, freute sich ihre Mutter. „Und genau das wollen wir ändern. Wir laden die ganze Stadt ein. Und es gibt Geschenke!“ Sie strahlte. „Wäre doch gelacht, wenn unsere Räume an Heiligabend nicht aus allen Nähten platzen.“ Dann zog sie voller Begeisterung das erste fertige Blatt aus dem Drucker. Aber als sie es betrachtete, verfinsterte sich ihre Miene. „Das ist ja überhaupt nicht mittig“, schimpfte sie und ließ das Blatt zu Boden segeln. Und schon im nächsten Moment tippte sie wieder auf der Tastatur herum. Milena stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf. „Ich weiß nicht, was ich spielen soll! Mir ist langweilig!“ Ihre Mutter verdrehte zuerst die Augen, erhob sich dann aber, griff in ihre Hosentasche und holte ein paar Münzen daraus hervor. Zwei davon reichte sie Milena. „Hier ist ein Euro“, sagte sie. „Geh doch zur Tankstelle und kauf dir was Süßes.“ Und dann wandte sie sich erneut ihrem Computer zu. 35


Milena hingegen blickte verzückt auf den unverhofften Geldsegen, drehte sich um und eilte in Richtung Haustür. Sie kam jedoch nicht weit, weil sie auf dem weggeworfenen Einladungszettel ausrutschte und zu Boden polterte. „Fang jetzt bloß nicht an zu heulen“, warnte ihre Mutter genervt. „Wer rumheult, kann auch nicht allein zur Tankstelle gehen!“ Milena verstand die Warnung, schluckte die aufkommenden Tränen hinunter und sammelte ihr Geld wieder ein. Dabei griff sie auch nach dem Einladungszettel. Ihr gefielen die bunten Geschenkpakete, die darauf abgebildet waren, und deshalb verstaute sie ihn in ihrer Hosentasche. Dann machte sie sich auf den Weg nach draußen. Nur wenige Minuten später betrat sie den erleuchteten Verkaufsraum, der zur Tankstelle gehörte. Auch heute war sie die einzige Kundin. „Hallo“, sagte sie halblaut, bekam aber auch an diesem Tag keine Antwort. Sie sah sich um. Der alte Mann stand hinter dem Tresen und zog genüsslich an einer Zigarette. Milena runzelte die Stirn. Einzelne Rauchschwaden waberten zu ihr herüber. Und das stank fürchterlich! Sie ging langsam zum Regal mit den Süßigkeiten hinüber, ließ den alten Mann aber nicht aus den Augen. Schließlich fasste sie sich ein Herz. „Man darf nicht rauchen“, warf sie in den Raum. Der Kopf des Alten ruckte herum. „Meinste, ja?“, antwortete er herablassend. Milena nickte. „Davon wird man krank.“ „Du musst es ja wissen!“ Die Stimme des Alten triefte vor Ironie. Sogar Milena begriff, dass seine Worte nicht freundlich gemeint waren. Ihr Blick verfinsterte sich. „Und schmecken tut es auch nicht“, fügte sie hinzu. „Mir schon“, gab der Alte zurück. „Aha“, sagte Milena und tat so, als würde sie sich mit den 36


Süßigkeiten beschäftigen. Aber sie war mit dem Thema noch lange nicht durch. Eine ganze Weile wanderte sie vor dem Regal auf und ab, dann meinte sie: „Du bist ganz schön komisch.“ Keine Antwort. Aber Milena ließ sich nicht beirren. „Weil du Sachen gut findest, die doof sind, und Sachen doof findest, die schön sind.“ „Das eine bezieht sich auf meine Glimmstengel“, sagte der Alte. Er wirkte direkt ein bisschen interessiert. „Aber das andere verstehe ich nicht.“ „Süßigkeiten“, entgegnete Milena. „Du magst keine Süßigkeiten.“ Der Alte sah sie nachdenklich an. „Du hast ein gutes Gedächtnis“, meinte er schließlich. „Weißt du noch mehr über mich?“ „Du lachst nicht“, antwortete Milena. Der alte Mann nickte und stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. „Da hast du recht.“ Auf einmal sah er gar nicht mehr böse, sondern einfach nur noch traurig aus. Sein Anblick traf Milena mitten ins Herz. Auf einmal hatte sie das Bedürfnis, ihm etwas Gutes zu tun. Ohne darüber nachzudenken, kramte sie in ihrer Hosentasche herum, nahm die beiden 50-Cent-Stücke heraus und lief zu ihm herüber. „Hier, schenk ich dir“, sagte sie und hielt ihm die Geldstücke hin. „Ich brauche sie nicht. Ich hab heute schon genug Süßigkeiten gegessen.“ Verdattert blickte der Alte erst ihr Geld und dann Milena selbst an. „Ich … nein“, protestierte er. „An … an Geld fehlt es mir nicht.“ „Oh“, erwiderte Milena und glaubte zu verstehen. Sie steckte das Geld wieder ein und kramte nunmehr in ihrer anderen Hosentasche herum. Umständlich holte sie einen völlig zerknüllten Zettel daraus hervor, faltete ihn auseinander und drückte ihn dem alten Mann in die Hand. „Das ist eine Einladung“, sagte sie und strahlte bis über beide Ohren. „Für Heiligabend. Gott ist dort. Und es gibt Geschenke.“ 37


Einen Moment lang wirkte der Alte völlig irritiert. Dann fing er sich, schüttelte erneut den Kopf und hielt ihr den Zettel wieder hin. „Ich glaube nicht an Gott. Und Geschenke brauche ich auch nicht“, erwiderte er schroff. Das Strahlen auf Milenas Gesicht erlosch so plötzlich, als hätte man es wie eine Kerze ausgepustet. Fast ein wenig ungläubig starrte Milena auf den Zettel, nahm ihn aber nicht zurück. Der Alte schluckte. Das kleine Mädchen sah in diesem Augenblick so zerbrechlich aus, dass er nun seinerseits das Bedürfnis hatte, sie zu trösten. „Na ja“, begann er, „früher hatte ich nichts gegen Gott. Aber dann …“ Milena blickte auf. Ihre Augen glänzten verräterisch. „Dann?“, flüsterte sie. Der Alte räusperte sich. „Dann … dann hat er mir meine Frau weggenommen.“ Milena erschrak. „Ist sie gestorben?“, fragte sie mit piepsiger Stimme. „Nein … nein!“, sagte der Alte. „Sie ist einfach weggegangen. Sie … sie wollte lieber mit einem anderen Mann verheiratet sein, verstehst du das?“ Milena nickte. „Bestimmt wollte sie einen Mann, der manchmal lacht“, meinte sie nachdenklich. Der Blick des Alten verfinsterte sich. „Du verstehst überhaupt nichts“, fuhr er sie an. „Früher war ich anders als heute, ja? Ich war viel freundlicher. Und … und fröhlicher war ich auch!“ Milena sah ihm in die Augen. „Warum ist deine Frau dann weggegangen?“, erkundigte sie sich. „Sie … na ja, ich schätze, sie wollte ein besseres Leben als das hier. Sie wollte … mehr Geld und so!“ Milena zog die Stirn in Falten. „Hast du Gott gefragt, ob er dir mehr Geld gibt?“, fragte sie schlicht. Die Augen des Alten weiteten sich. „Nein! Natürlich nicht …“ „Aha“, sagte Milena, machte aber nicht den Eindruck, als hätte sie verstanden. Eine ganze Zeitlang schien sie nachzu38


denken. Dann erkundigte sie sich: „Und wieso ist er dann schuld, dass sie weggegangen ist?“

찐 앰 찐 Als Milena bald darauf nach Hause zurückkehrte, kämpfte ihre Mutter immer noch mit dem Computer. Ihrer verkrampften Haltung nach zu urteilen hatte wieder einmal so einiges nicht geklappt. Milena hingegen hatte beste Laune. Sie summte „O du fröhliche“ und lutschte an einem Lolli herum. „Ich bin noch nicht fertig“, warnte ihre Mutter, kaum, dass Milena das Wohnzimmer betreten hatte. Milena nickte und schlenderte zum Sofa hinüber. „Ich hab jemanden eingeladen“, nuschelte sie an ihrem Lolli vorbei. „Wozu?“ Milena ließ sich aufs Sofa plumpsen und nahm den Lolli aus dem Mund. „Na, zu Heiligabend.“ Ihre Mutter hielt mitten in ihrer Bewegung inne und blickte auf. „Wie bitte?“ „Ich hab den ersten Zettel verteilt“, lächelte Milena stolz. „Er war ein bisschen zerknuddelt, aber man konnte noch alles lesen!“ „Du hast … was?“, entfuhr es ihrer Mutter. Dann sah sie auf den Fußboden und suchte die Umgebung ab. „Meinst du etwa den Zettel, den ich vorhin ausgedruckt habe?“ Milena nickte. „Aber du kannst doch keine Zettel verteilen, die noch gar nicht fertig sind!“, rief ihre Mutter. „Er war doch fertig“, behauptete Milena. „Es waren sogar Bilder drauf!“ „Ja, aber …“, stammelte ihre Mutter, „an wen hast du ihn denn weitergegeben?“ „An den Mann von der Tankstelle!“, antwortete Milena und war sicher, dass sie jetzt endlich ein Lob hören würde. Aber ihre Mutter reagierte vollkommen anders. „Ach so“, sagte sie und schien aufzuatmen. „Dann ist es nicht so 39


schlimm. Der alte Grummelpott wäre sowieso nicht gekommen.“

찐 앰 찐 Die Stimmung war so, wie sie nur an Heiligabend sein konnte. 52 Sonntage im Jahr wurde der kleine Gemeindesaal vom Tageslicht erleuchtet. Aber heute – und nur heute – war es hinter den Fensterscheiben so richtig finster. Und so mussten die vielen Hundert Kerzen am Weihnachtsbaum, auf dem Altar und noch an einigen anderen Stellen den Raum erhellen und eine anheimelnde Atmosphäre verbreiten. Das Licht der Kerzen spiegelte sich in Milenas Augen wider. Sie saß mit ihren Eltern in einer der vorderen Reihen und durchlebte mit all ihren Sinnen die Weihnachtsgeschichte, die – von Gemeindemitgliedern gespielt – bereits in vollem Gange war. Allein Milenas Mutter wirkte nicht sehr glücklich. Sie ließ sichtbar den Kopf hängen. Ihr Mann bemerkte es und legte liebevoll seine Hand auf die ihre. „Fühlst du dich nicht wohl?“, flüsterte er ihr zu. Seine Frau schluckte schwer. „All die viele Arbeit“, flüsterte sie zurück. „Und alles umsonst. Keine Gäste! Gar keine!“ „Das stimmt nicht ganz“, entgegnete ihr Mann und deutete mit dem Kopf nach hinten. „Sieh doch mal.“ Milena bekam mit, was er sagte und folgte seinem Blick. Und dann weiteten sich ihre Augen. In der letzten Reihe saß jemand, der hier eigentlich nicht hingehörte! Und den sie sonst mit Kaugummis und Bonbons in Verbindung brachte! Sie begann zu strahlen und winkte ihm ganz spontan zu. Und der Alte … lächelte. (Vorlesedauer ca. 16 Minuten)

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„Mann, Svenja, du hast ja richtig Talent“, staunte Stefan. „Ich wusste gar nicht, dass ich eine so begabte Tochter habe, die so toll Geschichten erzählen kann. Aber sag mal, was hat denn jetzt das Lebkuchenherz mit der Geschichte zu tun?“ „Mensch, Papa, das war doch das Symbol für das Herz vom Tankstellenmann“, antwortete Svenja entrüstet. „Eigentlich sieht das nur so hart aus, ist aber innen ganz weich, und der tut einfach ein bisschen Liebe brauchen.“ „Aha“, meinte Stefan und wischte sich verstohlen eine Träne aus seinem rechten Auge.

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