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Einleitung

Herausfordernder Glaube Jeder Mensch, der auch nur einen Funken Achtung vor dem Verstand hat, muss den christlichen Glauben ablehnen. George H. Smith, Atheist1 Der christliche Glaube ist kein irrationaler Sprung ins Ungewisse. Wenn man sie objektiv untersucht, sind die Behauptungen der Bibel durch die Vernunft und durch Indizien rational und gut gestützt. Charles Colson, Christ2

William Franklin Graham kam zur Ruhe und sammelte sich. Er hielt sich an beiden Seiten des Rednerpultes fest. Er war 80 Jahre alt und litt an der Parkinson-Krankheit, aber er schaute wach und aufmerksam in die Menschenmenge im RCA Dome in Indianapolis und sprach mit klarer, kräftiger Stimme. Es gab keine Anzeichen von Zögern oder Unsicherheit, keine Unklarheiten. Seine Predigt enthielt im Wesentlichen dieselbe schlichte und offene Botschaft, die er bereits seit 50 Jahren predigte. Graham verwies auf das Chaos und die Gewalt auf der ganzen Welt und sprach dann die inneren Qualen, den Schmerz und die Verwirrung des Einzelnen an. Er redete über Sünde, über Vergebung, über Erlösung und über Einsamkeit sowie über Verzweiflung und Depressionen, die so viele Menschen belasten. Die Zuhörer blickten ihn gespannt an. „Wir wollen doch alle geliebt werden“, sagte er in seinem vertraut melodischen Tonfall, als er zum Ende seines Vortrags kam. „Wir möchten alle, dass uns jemand liebt, und ich möchte Ihnen sagen, dass Gott Sie liebt. Er liebt Sie so sehr, dass er seinen Sohn für Ihre Übertretungen geopfert und ihn am Kreuz hat sterben lassen. Und er liebt Sie so sehr, dass er in Ihr Leben hineinkommen und dessen Richtung 7


ändern möchte, damit er einen neuen Menschen aus Ihnen machen kann, wer immer Sie auch jetzt sind. Sind Sie sicher, dass Sie Jesus kennen? Es kommt der Augenblick, in dem der Geist Gottes Sie anspricht, Sie ruft, Sie auffordert, Ihr Herz zu öffnen, in eine Beziehung zu Gott zu treten und diese Entscheidung auch konkret zu machen. Heute Abend sind hier bestimmt Hunderte von Menschen, die gerne Sicherheit hätten, sie aber nicht haben. Sie wären gern sicher, dass sie vor Gott treten, wenn sie auf dem Heimweg von dieser Veranstaltung einen tödlichen Verkehrsunfall hätten.“ Graham forderte die Zuhörer eindringlich auf, nach vorn zu kommen und eine Entscheidung für Christus zu treffen. Und das taten sie auch – zuerst gingen ein paar einzelne Menschen zögerlich nach vorn, und dann öffneten sich die Schleusen, und Einzelpersonen, Paare und ganze Familien strömten in den leeren Raum vor der Bühne. Schon bald standen sie dicht gedrängt, und die Masse, die die Bühne umgab und immer weiter nach hinten ins Auditorium reichte, umfasste insgesamt fast 3 000 Menschen. Manche waren von trauriger Selbsterkenntnis ergriffen, andere blickten einfach nur zu Boden, beschämt über ihre Vergangenheit; viele strahlten aber auch übers ganze Gesicht – befreit, voller Freude – endlich zu Hause! Die Aussage einer Frau war typisch. „Meine Mutter ist an Krebs gestorben, als ich noch klein war“, sagte sie zu einem der Seelsorger. „Damals dachte ich, ihr Tod sei eine Strafe Gottes, aber heute Abend habe ich begriffen, dass Gott mich liebt. Es ist, als hätte ich das verstandesmäßig schon seit langem gewusst, aber nicht mit dem Herzen begriffen. Heute Abend habe ich inneren Frieden gefunden.“3 Was ist Glaube? Das musste man an diesem schwülen Sommerabend keinem dieser Menschen erklären. Der Glaube war für sie geradezu greifbar. Sie streckten sich nach Gott aus, fast als erwarteten sie, ihn körperlich zu umarmen. Der Glaube wusch alle belastende Schuld von ihnen ab. Der Glaube ersetzte Verzweiflung durch Hoffnung. Der Glaube gab ihrem Leben eine neue Richtung und einen neuen Sinn. Der Glaube öffnete ihnen den Himmel. Der Glaube war wie kühles Wasser, das ihre ausgedörrten Seelen durchtränkte. Aber Glaube ist nicht immer so einfach, selbst nicht für Menschen, die sich so verzweifelt danach sehnen. Manche Menschen haben un8


glaublichen Hunger nach geistlicher Gewissheit, aber irgendetwas hindert sie daran, eine solche Gewissheit wirklich zu erleben. Sie wünschten, sie könnten diese Art der Freiheit wirklich spüren und schmecken, aber es gibt Hindernisse, die den Weg dorthin blockieren. Einwände machen ihnen zu schaffen. Zweifel verhöhnen sie. Innerlich möchten sie Gott am liebsten entgegeneilen, aber ihr Verstand sorgt dafür, dass sie wie gelähmt stehen bleiben. Sie sehen im Fernsehen die Berichte über all die vielen Menschen, die in Veranstaltungen von Billy Graham zum Glauben kommen und ihr Leben Jesus anvertrauen, aber sie schütteln dabei nur den Kopf. Wenn es doch so einfach wäre, seufzen sie in sich hinein. Wenn da doch nicht all die vielen Fragen wären! Bei Charles Templeton – ironischerweise einstmals ein enger Freund und Mitprediger von Billy Graham – ist aus diesen Fragen über Gott erbitterte Opposition gegen den christlichen Glauben geworden. Genau wie Billy Graham, hat auch Templeton früher in großen Veranstaltungshallen vor gewaltigen Menschenmassen gepredigt und die Menschen aufgefordert, ihr Leben Jesus zu unterstellen. Manche Kenner der Szene sagten sogar voraus, Templeton werde Billy Graham eines Tages als Evangelist überflügeln. Aber das ist lange her. Das war in der Zeit, bevor die lähmenden Fragen auftraten. Inzwischen ist Templetons Glaube – immer wieder durch beharrliche und hartnäckige Fragen unter Beschuss geraten – versickert. Vielleicht für immer. Vielleicht.

Vom Glauben zum Zweifel Man schrieb das Jahr 1949. Dem 30-jährigen Billy Graham war nicht bewusst, dass ihm Weltruhm unmittelbar bevorstand und er großen Einfluss auf Menschen ausüben würde. Die Ironie der Situation lag auch besonders darin, dass er in der Vorbereitung auf die Evangelisationen in Los Angeles, die ihm als Prediger zum Durchbruch verhelfen sollten, von Ungewissheit geplagt war – nicht, was die Existenz Gottes betraf oder die Gottheit Jesu –, sondern seine Zweifel hatte er in 9


Bezug auf die Frage, ob er sich wirklich voll und ganz auf das verlassen konnte, was in seiner Bibel stand. In seiner Autobiografie schreibt Graham, er habe damals das Gefühl gehabt, auf einer Streckbank zu liegen. Zu Gott hingezogen wurde er von Henrietta Mears, der klugen und mitfühlenden Pädagogin, die die moderne Wissenschaft genau kannte, aber gleichzeitig volles Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Bibel hatte. In die andere Richtung, also von Gott weg, wurde Graham von seinem Prediger-Kollegen und engen Mitstreiter, dem 33-jährigen Charles Templeton, gezerrt.4 Templeton war 15 Jahre zuvor Christ geworden, als ihn der Lebensstil bei den Sportjournalisten des Toronto Globe, zu denen er auch gehörte, zunehmend angewidert hatte. Als er eines Nachts von einem Zug durch die Strip-Lokale der Stadt nach Hause kam und sich verlogen und schmuddelig fühlte, ging er in sein Zimmer und kniete in der Dunkelheit vor seinem Bett nieder. „Plötzlich“, so erinnerte er sich später, „war es, als sei eine schwarze Decke über mir ausgebreitet worden. Mein Geist und mein Körper wurden von einem unglaublichen Schuldempfinden durchdrungen. Die einzigen Worte, die ich herausbrachte, waren: ,Herr, bitte komm. Komm herunter …‘“ Und dann: „Langsam begann die Last zu weichen, eine Last, die so schwer war wie ich. Sie ging durch meine Oberschenkel, meinen Rumpf, meine Arme und Schultern und war dann weg. Eine unbeschreibliche Wärme begann meinen Körper zu durchströmen. Es war, als sei ein Licht in meiner Brust angeschaltet worden, das mich gereinigt hatte. […] Ich wagte kaum zu atmen, aus lauter Angst, mein Gefühl könnte sich verändern oder dieser Augenblick könnte dadurch sogar beendet werden. Und ich hörte, wie ich immer wieder leise flüsterte: ,Danke, Herr. Danke. Danke. Danke. Danke.‘ Als ich dann später ganz ruhig in meinem Bett lag, war da noch immer dieses strahlende, überwältigende, alles durchdringende Glücksgefühl.“5 Nachdem er den Journalismus an den Nagel gehängt hatte, um als Evangelist zu arbeiten, lernten Templeton und Graham sich 1945 bei einer Evangelisation von Youth for Christ kennen. Sie waren Zim10


mergenossen und ständige Gefährten auf einer abenteuerlichen Tour durch Europa, auf der sie bei Evangelisationsveranstaltungen abwechselnd predigten. Templeton gründete eine Gemeinde, deren Gottesdienstraum mit 1 200 Plätzen schon bald aus allen Nähten platzte. Im American Magazine hieß es: „Er hat einen neuen Maßstab für Massenevangelisation gesetzt.“6 Seine Freundschaft mit Graham entwickelte sich weiter. „Er ist einer der wenigen Männer in meinem Leben, die ich wirklich geliebt habe“, erzählte Graham einmal einem Biografen.7 Aber schon bald begannen Zweifel an Templeton zu nagen. „Ich hatte mein Bekehrungserlebnis, als ich noch ein grüner Junge war“, erinnerte er sich später. „Mir fehlte das intellektuelle Handwerkszeug und auch die theologische Schulung, die nötig gewesen wären, um meine Überzeugungen zu stützen, als mich – was unvermeidlich war – Fragen und Zweifel zu quälen begannen. […] Mein Verstand hatte angefangen, meinen Glauben zu hinterfragen und manchmal auch die zentralen Überzeugungen des christlichen Glaubens zu widerlegen.“8

Ein Triumph des Glaubens Nun war da als Gegenpart zu Henrietta Mears der zweifelnde Templeton, der versuchte, seinen Freund von Henriettas wiederholten Versicherungen wegzuziehen, dass die Bibel zuverlässig sei. „Billy, du hängst 50 Jahre hinter der Zeit her“, argumentierte er. „Die Menschen akzeptieren nicht mehr, dass die Bibel vom Heiligen Geist eingegeben sein soll, so wie du es akzeptierst. Dein Glaube ist einfach zu simpel.“ Templeton schien das Tauziehen zu gewinnen. „Auch wenn ich vielleicht nicht unbedingt Zweifel hatte“, erinnerte sich Graham später, „so war ich doch auf jeden Fall beunruhigt.“ Er wusste, dass er nicht weitermachen konnte, wenn er sich nicht absolut auf die Bibel verlassen konnte. Die Großevangelisation in Los Angeles – das Ereignis, das Graham die Tür zu seinem weltweiten Dienst öffnen sollte – hing in der Schwebe. Graham suchte in der Bibel nach Antworten, er betete, er dachte nach. Bei einem bedrückten Mondscheinspaziergang in den Hügeln von San Bernadino erreichte sein inneres Ringen einen Höhepunkt. Er 11


schnappte sich seine Bibel, fiel auf die Knie und bekannte, dass er auf einige der philosophischen und psychologischen Fragen, die von Templeton und anderen gestellt wurden, keine Antworten hatte. „Ich versuchte, mit Gott im Reinen zu sein, aber da war etwas, das unausgesprochen blieb“, schrieb er. „Schließlich machte mich der Heilige Geist frei, es auszusprechen. ,Vater, ich nehme das hier an als dein Wort – im Glauben! Ich lasse mich darauf ein, dass mein Glaube über meine intellektuellen Fragen und Zweifel hinausgeht, und ich glaube es als das von dir eingegebene Wort.‘“ Als Graham sich danach wieder erhob, hatte er Tränen in den Augen, und er berichtet, er habe die Macht Gottes in diesem Augenblick so intensiv gespürt wie schon seit Monaten nicht mehr. „Meine Fragen waren zwar nicht alle beantwortet, aber es war eine sehr wichtige Brücke überquert“, erklärte er. „Ich wusste, dass in meinem Inneren ein Kampf stattgefunden hatte und dass ein Sieg errungen worden war.“9 Dieser für Graham so entscheidende Augenblick war für Templeton jedoch eine bitter enttäuschende Wendung der Dinge. „Er beging intellektuellen Selbstmord, indem er seinen Verstand ausschloss“, erklärte Templeton später. Nun brachte er seinem einstmals besten Freund nur noch mitleidiges Bedauern entgegen. Da sie jetzt beide unterschiedliche Wege gingen, driftete auch ihr Leben auseinander. Es ist bekannt, was mit Graham in den darauf folgenden Jahren geschah. Er wurde der überzeugendste und wirkungsvollste Evangelist der Moderne und einer der am meisten bewunderten Männer der Welt. Und wie erging es Templeton? Angeschlagen durch seine Zweifel, gab er seine Tätigkeit als Evangelist auf und zog wieder nach Kanada, wo er als Kolumnist und Romanautor arbeitete. Templetons ausschließlich vom Verstand gesteuerte Auseinandersetzung hatte seinem Glauben den Garaus gemacht. Aber trifft es denn eigentlich wirklich zu, dass Glaube und Verstand unvereinbar sind? Ist es möglich, ein vernünftig denkender Mensch und gleichzeitig ein bibelgläubiger Christ zu sein? Es gibt Leute, die das für unmöglich halten. „Glaube und Verstand sind einander entgegengesetzt; sie schließen sich gegenseitig aus: Es gibt keine Versöhnung zwischen ihnen und 12


auch keinen gemeinsamen Nenner“, versichert der Atheist George A. Smith. „Der Glaube an Gott ist eine Überzeugung, die den Verstand außer Acht lässt oder trotz des Verstandes zu Stande kommt.“10 Der christliche Pädagoge W. Bingham Hunter vertritt die entgegengesetzte Position. „Glaube“, so sagt er, „ist eine rationale Reaktion auf die Zeichen der Selbstoffenbarung Gottes in der Natur, in der Geschichte der Menschheit, in der Bibel und in der Auferstehung seines Sohnes.“11 Für mich als jemand, der einen Großteil seines Leben Atheist gewesen ist, ist das Letzte, was ich mir wünsche, ein naiver Glaube, der auf einer hauchdünnen Grundlage aus Wunschdenken oder „so-tunals-ob“ basiert. Ich brauche einen Glauben, der mit dem Verstand in Einklang ist und ihm nicht widerspricht; ich möchte einen Glauben, der in der Wirklichkeit begründet ist und nicht abgehoben von der Alltagsrealität. Ich muss herausfinden, und zwar ein für alle Mal, ob der christliche Glaube einer Überprüfung standhält. Es war Zeit für mich, ein Gespräch mit Charles Templeton zu führen.

Vom Evangelisten zum Agnostiker Ungefähr 800 Kilometer nördlich von dem Ort, an dem Billy Graham gerade eine Evangelisation durchführte, suchte ich Templeton auf, der in einem modernen Hochhaus in einer gehobenen Mittelklasseumgebung in Toronto lebt. Ich fuhr mit dem Aufzug in den 25. Stock und stand irgendwann vor einer Tür mit der Aufschrift „Penthouse“. Ich betätigte den schweren Türklopfer aus Messing. Mit mir trug ich Templetons neuestes Buch, dessen Titel keinen Zweifel lässt an seiner geistlichen Sichtweise. Es heißt nämlich: Farewell to God: My Reasons for Rejecting the Christian Faith („Lebwohl Gott: Meine Gründe für die Ablehnung des christlichen Glaubens“). Der oft beißende Ton des Buches zielt darauf ab, christliche Überzeugungen zu unterhöhlen, indem sie mit Leidenschaft als „überholt, nachweislich unwahr und oft in ihren verschiedenen Erscheinungsformen gefährlich für Einzelne und die Gesellschaft“12 dargestellt werden. 13


Templeton bedient sich bei seinen Bemühungen, den Glauben an den Gott der Bibel zu unterhöhlen, einer Vielzahl von Veranschaulichungen. Besonders betroffen machte mich in dem Buch jedoch eine Passage, in der Templeton über die Schrecken der Alzheimer Krankheit schreibt, und zwar in packenden Details. Er schildert, wie diese Krankheit auf grausige Weise Menschen ihrer Persönlichkeit und Identität beraubt, indem sie langsam, aber unaufhaltsam ihr Denken und ihr Gedächtnis zerstört. „Wie“, so fragt er, „kann ein mitfühlender Gott eine so schreckliche Krankheit zulassen, die nicht nur ihre Opfer selbst, sondern auch deren Umfeld, die Menschen, die sie lieben, dermaßen quält?“ Die Antwort, zu der er gelangt, ist sehr einfach: Wenn es einen liebenden Gott gäbe, existierte diese Krankheit nicht. Die Tatsache, dass es sie gibt, ist ein weiteres überzeugendes Argument dafür, dass es Gott nicht geben kann.13 Für jemanden, der wie ich in der eigenen Familie die schrecklichen Auswirkungen von Alzheimer miterlebt hat, war dies ein Argument mit erheblicher emotionaler Schlagkraft. Ich wusste nicht genau, was ich zu erwarten hatte, als ich vor Templetons Wohnungstür stand. Würde er sich so streitbar geben wie in seinen Büchern? Würde er seinem alten Weggefährten Billy Graham gegenüber verbittert sein? Würde er sich überhaupt zu einem Interview bereit erklären und es auch zu Ende bringen? Als er in einem kurzen Telefonat zwei Tage zuvor in ein Interview eingewilligt hatte, hatte er vage angedeutet, dass es ihm gesundheitlich nicht besonders gut gehe. Madeleine Templeton, die gerade dabei gewesen war, ihre Blumenbeete auf dem Dachgarten zu versorgen, öffnete mir und begrüßte mich warm und herzlich. „Ich weiß, Sie sind extra aus Chicago gekommen“, sagte sie, „aber Charles ist sehr krank, tut mir Leid, dass ich Ihnen das sagen muss.“ „Ich kann gern ein anderes Mal wiederkommen“, bot ich an. „Nun, wir können ja erst einmal sehen, wie es ihm jetzt geht“, meinte sie und führte mich eine mit rotem Teppichboden ausgelegte Treppe hinauf in ein luxuriöses Apartment, immer zwei große, schwanzwedelnde Pudel auf den Fersen. „Er hat geschlafen …“ In diesem Augenblick kam ihr 83-jähriger Mann aus dem Schlaf14


zimmer. Er trug einen dunkelbraunen leichten Morgenmantel über einem etwas helleren braunen Schlafanzug. An den Füßen hatte er schwarze Hausschuhe. Sein lichtes graues Haar war etwas ungeordnet. Er war hager und blass, aber seine blaugrauen Augen waren wach und lebendig. Er streckte mir höflich die Hand zum Gruß entgegen. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte er und räusperte sich, „mir geht es nicht gut.“ Und dann fügte er sehr nüchtern hinzu: „Genau genommen liege ich im Sterben.“ „Was haben Sie denn?“, fragte ich nach. Seine Antwort haute mich fast um. „Alzheimer“, erwiderte er. Meine Gedanken rasten zurück zu dem, was er über Alzheimer geschrieben hatte – dass die Krankheit ein Beweis für die Nichtexistenz Gottes sei –, und plötzlich kannte ich wenigstens eines der Motive, aus denen heraus er sein Buch geschrieben hatte. „Ich habe es seit … lassen Sie mich überlegen, sind es jetzt drei Jahre?“, fuhr er mit gerunzelter Stirn fort, sich Hilfe suchend an seine Frau wendend. „Stimmt doch, oder, Madeleine?“ Sie nickte. „Ja, seit drei Jahren“, bestätigte sie. „Mein Gedächtnis ist nicht mehr das, was es einmal war“, sagte er, „und wie Sie wahrscheinlich wissen, verläuft Alzheimer immer tödlich. Immer. Es klingt vielleicht melodramatisch, aber ich bin zum Tode verurteilt. Über kurz oder lang wird es mich umbringen, doch zuvor wird es mir den Verstand rauben.“ Er lächelte schwach. „Und es hat schon angefangen, fürchte ich. Madeleine kann Ihnen das bescheinigen.“ „Es tut mir Leid, dass ich hier so hereinplatze“, entgegnete ich. „Wenn Ihnen jetzt nicht danach ist …“ Aber Templeton bestand auf unserem Gespräch. Er führte mich in ein hell und freundlich eingerichtetes Wohnzimmer, in das durch große Fenster mit einem grandiosen Ausblick auf die Stadt die Nachmittagssonne fiel. Wir saßen in tiefen Polstersesseln und innerhalb von wenigen Minuten schien Templeton neue Energie geschöpft zu haben. „Ich nehme an, Sie möchten von mir eine Erklärung, wie ich vom Geistlichen zum Agnostiker wurde“, sagte er. Und damit begann er die Ereignisse zu schildern, die dazu geführt hatten, dass er seinen Glauben an Gott ablegte. Das hatte ich erwartet. Ich hätte allerdings nie damit gerechnet, wie unser Gespräch enden würde. 15


Die Macht eines Bildes Templeton war jetzt völlig bei der Sache. Gelegentlich entdeckte ich Hinweise auf seine Krankheit, wenn ihm beispielsweise die genaue Abfolge von Ereignissen nicht einfiel oder er sich wiederholte. Er sprach jedoch weitgehend flüssig und mit Begeisterung, wobei er einen umfassenden Wortschatz verwendete und seine volle Stimme in der Lautstärke variierte, um bestimmte Aspekte hervorzuheben. Er hatte eine vornehme Redeweise, die manchmal geradezu theatralisch klang. „War es etwas Bestimmtes, ein konkreter Anlass, wodurch Sie den Glauben an Gott verloren haben?“, fragte ich ihn zu Beginn. Er überlegte einen Augenblick. „Es war ein Foto in der Zeitschrift ,Life‘“, antwortete er schließlich. „Wirklich?“, fragte ich nach. „Ein Foto? Wie das?“ Er kniff die Augen ein wenig zusammen und sah zur Seite, so als betrachte er im Geist noch einmal das besagte Foto und als erlebe er den besagten Augenblick noch einmal. „Es war das Foto einer Afrikanerin“, erklärte er. „In ihrem Heimatland herrschte damals eine Dürrekatastrophe, und sie hielt ihr totes Kind in den Armen, wobei sie den Blick mit diesem völlig verlorenen Ausdruck gen Himmel gerichtet hatte. Ich sah das Bild an und dachte: Ist es möglich, an einen liebenden Schöpfer zu glauben, wenn alles, was diese Frau braucht, Regen ist?“ Während er das Wort „Regen“ besonders betonte, hob er die buschigen grauen Brauen und machte mit den Armen eine Geste in Richtung Himmel, als ob er um eine Antwort bäte. „Wie könnte ein liebender Gott einer Frau so etwas antun?“, fragte er beschwörend, wobei er immer lebhafter wurde und in seinem Sessel vorrutschte, bis er nur noch auf dem Rand saß. „Wer ist denn für Regen zuständig? Ich bin es nicht und Sie auch nicht. Er ist es – zumindest dachte ich das. Aber als ich dieses Foto sah, war mir auf einmal sonnenklar, dass so etwas nicht möglich sein kann, wenn es einen liebenden Gott gibt. Unmöglich! Wer außer einem Feind würde es wohl fertig bringen, ein Baby zu töten und seine Mutter buchstäblich an den Qualen darüber umkommen zu lassen – wo doch alles, was sie brauchten, Regen war?!“ 16


Er hielt inne und die Frage hing schwer im Raum. Dann setzte er sich wieder in seinem Sessel zurück. „Das war der Augenblick, in dem sich alles zuspitzte“, erklärte er weiter. „Und dann begann ich, über die Welt als Schöpfung Gottes nachzudenken. Ich dachte über Krankheiten nach, die ganze Erdteile heimsuchen und wahllos töten – meist unter Schmerzen –, und zwar alle Menschen: die gewöhnlichen, die anständigen und die ganz schlechten. Und auf einmal war mir glasklar, dass ein intelligenter Mensch vor diesem Hintergrund einfach nicht glauben kann, dass es einen liebenden Gott gibt.“ Templeton hatte damit ein Thema berührt, mit dem ich mich seit Jahren herumschlug. Während meiner Laufbahn als Zeitungsreporter hatte ich viel zu viele Fotos von furchtbarem Leid gesehen; ich war häufig Beobachter aus erster Hand an den Schwachstellen, dem Bauch des Lebens, wo Tragödien und Leid schwärten – in den verrottenden Innenstädten der Vereinigten Staaten, den dreckigen Elendsvierteln in Indien, im Cook County-Gefängnis und anderen berüchtigten Strafanstalten, in Hospizabteilungen der unheilbar Kranken, in allen möglichen Arten von Katastrophenszenarien. Mehr als einmal hatte ich innerlich rotiert bei dem Versuch, die Vorstellung von einem liebenden Gott mit dem Elend, dem Schmerz und den Qualen in Verbindung zu bringen, die sich da vor meinen Augen abspielten. Aber Templeton war noch nicht fertig. „Und dann musste ich an die Vorstellung von der Hölle denken. Meine Güte“, sagte er und in seiner Stimme schwang höchstes Erstaunen mit, „ich könnte niemals auch nur eine Sekunde lang die Hand eines Menschen in ein Feuer halten, keine Sekunde! Wie sollte es dann ein liebender Gott können, nur weil man ihm nicht gehorcht und nicht getan hat, was er will? Folter und Qual in alle Ewigkeit – einen nicht sterben zu lassen, sondern den Schmerz in alle Ewigkeit andauern lassen? Nicht einmal ein eiskalter Krimineller wäre dazu fähig!“ „Und das waren die ersten Zweifel, die Sie hatten?“, fragte ich nach. „Ich hatte auch zuvor schon immer mehr Fragen gehabt. Ich hatte vor Hunderttausenden von Menschen genau das Gegenteil gepredigt und stellte dann zu meiner eigenen Bestürzung fest, dass ich meine Botschaft selbst nicht mehr glauben konnte. Sie zu glauben hätte bedeutet, meinen Verstand auszuschalten, den ich mitbekommen hatte. 17


Es wurde offensichtlich, dass ich mich geirrt hatte. Also entschloss ich mich, meinen Dienst als Geistlicher aufzugeben. Das ist im Wesentlichen die Geschichte, wie ich zum Agnostiker wurde.“ „Definieren Sie doch bitte, was Sie damit genau meinen“, sagte ich, denn dieser Begriff wird unterschiedlich ausgelegt. „Der Atheist sagt, dass es keinen Gott gibt“, erwiderte er daraufhin. „Der Christ und der Jude sagen, dass es einen Gott gibt. Der Agnostiker sagt: ,Ich kann es nicht wissen.‘ Nicht ,ich weiß nicht‘, sondern ,kann ich nicht wissen‘. Ich würde mir niemals anmaßen, einfach zu sagen, dass es keinen Gott gibt. Ich weiß ja nicht alles; ich bin nicht die personifizierte Weisheit. Aber es ist mir nicht möglich, an Gott zu glauben.“ Ich zögerte, die nächste Frage zu stellen. „Jetzt, wo Sie älter werden“, redete ich in etwas zaghaftem Ton weiter, „und wo Sie mit einer Krankheit konfrontiert sind, die immer tödlich verläuft, wie Sie selbst sagen, sorgen Sie sich da nicht …“ „Ob ich mir Sorgen darüber mache, dass ich mich irren könnte?“, unterbrach er mich. Er lächelte. „Nein, diese Sorge habe ich nicht.“ „Wieso nicht?“ „Weil ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, darüber nachzudenken. Wenn es eine grob vereinfachte Schlussfolgerung wäre oder ich sie aus einer Laune heraus gezogen hätte, dann wäre das etwas anderes. Aber es ist mir unmöglich – unmöglich – zu glauben, dass es etwas oder eine Person gibt, die als liebender Gott beschrieben wird und dabei all das zulässt, was tagtäglich auf dieser Welt geschieht.“ „Würden Sie denn gern glauben?“, fragte ich nach. „Natürlich!“, rief er aus. „Wenn ich könnte, würde ich. Ich bin 83 Jahre alt. Ich habe Alzheimer. Meine Güte, ich sterbe! Aber ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, darüber nachzudenken, ob es Gott gibt, und ich werde mich jetzt nicht mehr ändern. Einmal angenommen, rein hypothetisch, jemand käme zu mir und würde sagen: ,Siehst du, alter Junge, der Grund, warum du krank bist, ist der, dass Gott dich dafür bestraft, dass du dich weigerst, den Weg weiter zu gehen, auf den deine Füße gesetzt waren‘ – ob das für mich wohl etwas ändern würde?“ Er beantwortete die Frage mit Nachdruck selbst: „Nein“, erklärte er. „Nein. In dieser Welt kann es keinen liebenden Gott geben.“ 18


Sein Blick suchte den meinen, bis wir uns direkt ansahen, und dann fuhr er fort: „Das kann nicht sein.“

Die Illusion des Glaubens Templeton fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Er hatte in unerbittlichem Ton gesprochen, und ich merkte, dass er müde wurde. Ich wollte seinen Zustand im Blick behalten und darauf Rücksicht nehmen, aber ich hatte noch ein paar Fragen, die ich unbedingt loswerden wollte. Mit seiner Zustimmung fuhr ich fort. „Während wir hier miteinander reden, leitet Billy Graham Großevangelisationen in Indiana“, erzählte ich Templeton. „Was würden Sie den Menschen sagen, die nach vorn kommen, um ihr Leben Jesus anzuvertrauen?“ Templetons Augen wurden groß. „Ach, ich würde mich überhaupt nicht in ihr Leben einmischen“, erwiderte er. „Wenn jemand zum Glauben kommt und dadurch zu einem besseren Menschen wird, dann bin ich ganz dafür – auch wenn ich der Meinung bin, dass solche Menschen völlig verrückt sind. Weil ich ja selbst Christ gewesen bin, weiß ich genau, was für eine wesentliche Rolle es für das Leben von Menschen spielt – wie es ihre Entscheidungen verändert, wie es ihnen hilft, mit schwierigen Problemen umzugehen. Für die meisten Menschen ist es ein unbeschreiblicher Segen. Aber wenn Sie mich fragen, ob das so ist, weil es einen Gott gibt, dann lautet meine Antwort definitiv: ,Nein.‘“ In Templetons Stimme war keine Überheblichkeit erkennbar, aber dennoch war das, was in seiner Aussage enthalten war, durch und durch herablassend. Bedeutet Glaube denn nicht mehr, als sich selbst auszutricksen, um ein besserer Mensch zu werden? Sich selbst davon zu überzeugen, dass es einen Gott gibt, um motiviert zu werden, auf der moralischen Wertskala noch ein Stückchen nach oben zu klettern? Ein Märchen zu glauben, um nachts besser zu schlafen? Nein, danke, dachte ich bei mir. Wenn das Glaube war, dann war ich nicht daran interessiert. „Und was ist mit Billy Graham selbst?“, fragte ich. „Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, dass er Ihnen sehr Leid tut.“ 19


„Oh nein, nein“, beharrte er im Gegensatz zu seinen Schriften. „Wer bin ich denn, dass mir Leid tun könnte, was ein anderer glaubt? Vielleicht bedaure ich es um seinetwillen, weil er, wenn ich es so ausdrücken darf, seinen Verstand für die Wirklichkeit verschlossen hat. Aber ob ich ihm Übles wünsche? Auf gar keinen Fall.“ Templeton schaute hinüber zu einem Glastisch, auf dem Billy Grahams Autobiografie lag. „Billy ist reines Gold“, bemerkte er liebevoll. „Er täuscht nichts vor und in ihm ist kein Falsch. Er ist ein großartiger Mensch. Billy ist durch und durch Christ – er ist das echte Gute, wie man so sagt. Er glaubt wirklich ernsthaft, keine Frage. Er ist so wohltätig und gläubig, wie jemand nur sein kann.“ Und was war mit Jesus? Ich wollte wissen, was Templeton über den Grundstein des christlichen Glaubens dachte. „Glauben Sie, dass Jesus jemals gelebt hat?“, fragte ich. „Daran zweifle ich nicht“, kam die prompte Antwort. „Glauben Sie, dass er Gott war?“ Er schüttelte den Kopf. „Das wäre das Letzte gewesen, was ihm in den Sinn gekommen wäre.“ „Und seine Lehre – bewundern Sie das, was er gelehrt hat?“ „Nun, er war kein besonders guter Prediger. Was er sagte, war viel zu simpel. Es war nicht richtig durchdacht. Er hatte sich nicht mit der größten Frage herumgequält, die es zu stellen gilt.“ „Die da lautet?“ „Gibt es Gott? Wie kann jemand an einen Gott glauben, der all das tut oder zulässt, was auf der Welt geschieht?“ „Und wie bewerten Sie dann diesen Jesus?“ Das schien die nächste logische Frage zu sein – aber ich war auf die Antwort, die ich darauf bekam, nicht vorbereitet.

Jesus als Verlockung Templetons Körpersprache wurde weicher. Es war, als fühle er sich plötzlich entspannter und wohler im Reden über einen lieben alten Freund. Seine Stimme, die manchmal eine harte und eindringliche Schärfe hatte, bekam jetzt etwas Melancholisches, Nachdenkliches. 20


Er schien nicht mehr so angespannt und auf der Hut und sprach deshalb nicht mehr so getrieben. Seine Redeweise hatte beinahe etwas Wehmütiges, als er sorgfältig seine Worte wählte, um über Jesus zu sprechen. „Er war“, so Templeton, „der großartigste Mensch, der je gelebt hat. Er war ein moralisches Genie. Sein ethnisches Gespür war einmalig. Er war der weiseste Mensch, dem ich in meinem Leben und in allem, was ich je gelesen habe, jemals begegnet bin. Seine Hingabe war absolut und führte zu seinem eigenen Tod, sehr zum Schaden für die Welt. Was könnte man denn über ihn sagen, außer dass es sich hier um einen großartigen Menschen handelte?“ Ich war überrascht. „Das klingt ja, als ob Ihnen wirklich an ihm liege“, sagte ich. „Ja, also er ist das Wichtigste in meinem Leben“, kam die Antwort. „Ich … ich … ich“, stotterte er jetzt auf der Suche nach dem richtigen Wort. „Ich weiß, dass es in Ihren Ohren merkwürdig klingen muss, aber ich muss sagen … ich bete ihn an!“ Ich wusste nicht genau, wie ich darauf reagieren sollte. „Das sagen Sie mit viel Emotion“, entgegnete ich schließlich. „Ja, mag sein. Alles Gute, das ich kenne, alles Anständige, das ich kenne, alles Reine, das ich kenne, habe ich von Jesus gelernt. Ja … ja. Und dennoch! Sehen Sie sich Jesus doch mal an. Er geißelte Menschen. Er war zornig. Die Leute sehen ihn nicht so, aber sie lesen eben die Bibel nicht. Er hatte einen gerechten Zorn. Er kümmerte sich um die Unterdrückten und Ausgebeuteten. Er hatte zweifellos den höchsten moralischen Standard. Er war nicht im Mindesten doppelzüngig und hatte das größte Mitgefühl aller Menschen der Weltgeschichte. Es hat viele andere wunderbare Menschen gegeben, aber Jesus ist eben Jesus.“ „Und deshalb täte die Welt gut daran, ihm nachzueifern?“ „Aber ja doch! Ich habe es versucht – und versuche es immer noch, so gut es geht –, so zu handeln, wie er es getan hätte. Das heißt nicht, dass ich seine Gedanken lesen könnte, denn eines der faszinierendsten Dinge an ihm ist ja, dass er oft genau das Gegenteil von dem tat, was man erwartet hätte –“ Abrupt schnitt Templeton hier seinen Gedankengang ab. Er hielt kurz inne, fast als sei er nicht sicher, ob er weiterreden sollte. 21


„Ach … aber … nein“, sagte er langsam, „er ist der …“ Wieder brach er ab, nur um neu anzusetzen. „Meiner Ansicht nach“, erklärte er, „ist er der wichtigste Mensch, der je existiert hat.“ Das war der Augenblick, in dem Templeton die Worte äußerte, die ich nie von ihm erwartet hätte. „Und wenn ich es einmal so sagen darf“, sagte er, wobei seine Stimme leicht zittrig wurde, „er … fehlt … mir.“ Bei diesen Worten traten ihm Tränen in die Augen. Er wandte sich ab und blickte zu Boden, wobei er die linke Hand hob, um sein Gesicht vor mir zu verbergen. Seine Schultern bebten, während er weinte. Was war hier los? Hatte ich unerwartet und ungewollt einen Blick in seine Seele werfen können? Ich mochte diesen Mann und hätte ihn gern getröstet, aber gleichzeitig wollte der Journalist in mir zum Kern dessen vordringen, was diese Reaktion auslöste. Warum fehlte er ihm? Inwiefern fehlte er ihm? Mit sanfter Stimme hakte ich deshalb nach: „Inwiefern?“ Templeton rang um Fassung. Ich spürte, dass es absolut untypisch für ihn war, vor einem Fremden die Fassung zu verlieren. Er stieß einen tiefen Seufzer aus und wischte eine Träne weg. Nach einigen Augenblicken der Unbeholfenheit machte er eine wegwerfende Geste mit der Hand und sagte schließlich sehr ruhig, aber auch bestimmt: „Genug davon.“ Er beugte sich vor, nahm seine Kaffeetasse und trank einen Schluck daraus, wobei er die Tasse mit beiden Händen fest umschlossen hielt, als ob er sich dort etwas Wärme holen wolle. Es war ganz offensichtlich, dass er so tat, als hätte es diesen ungeschützten Einblick in seine Seele nie gegeben. Aber ich konnte jetzt nicht einfach loslassen, und ich konnte auch Templetons pointierte, aber aufrichtige Einwände in Bezug auf Gott nicht einfach übergehen. Sie forderten ganz klar eine Reaktion. Und zwar sowohl von seiner als auch von meiner Seite.

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