„Ich möchte aber, dass ihr alle in Sprachen redet... Ich rede mehr in Sprachen als ihr alle... hindert das Reden in Sprachen nicht.“ Apostel Paulus 1. Korinther 14, 5.18.39
Vorwort des Verfassers Ich erinnere mich gut, dass mir bereits als Zehnjähriger immer wieder Fragen nach Herkunft, Sinn und Ziel meines Lebens durch den Kopf gingen. Antworten darauf fand ich allerdings keine. In meinem Umfeld zu Hause oder auch in der Schule schien dieses Thema keine besondere Rolle zu spielen. Niemand sprach darüber oder stellte auch nur irgendwelche Fragen. Und sollte sich ein kleiner Junge nicht ebenfalls mit anderen Dingen beschäftigen? Doch wie ein roter Faden zogen sich diese Gedanken auch durch meine Teenagerjahre, nicht immer drängend und manchmal auch überlagert von anderen Dingen, die mich bewegten. Aber tief in mir wusste ich, dass ich ohne Antwort auf diese Fragen nicht wirklich leben konnte. Später ging ich andere, und oft auch gefährliche Wege. Über Jahre hinweg versuchte ich mittels so genannter bewusstseinserweiternder Drogen der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Doch statt Offenbarung und Klarheit zu bekommen wurde ich immer verwirrter. Es folgten starker Realitätsverlust, Depressionen und Zwangsvorstellungen, begleitet von körperlichen Zusammenbrüchen. Mit fünfundzwanzig fühlte ich mich wie ein Gestrandeter, der nie angekommen war. Nun war ich nicht nur verwirrt – ich hatte mich völlig verirrt und sah mich am Ende meiner Möglichkeiten.
13
Beten in neuen Zungen Ein Freund, der kurz zuvor Christ geworden war und der um meinen Zustand wusste, sagte mir geradeheraus, dass mir nur noch einer helfen könne – Jesus. Und für ihn war klar: Wenn ich auf der Suche nach Wahrheit bin, dann suchte ich Jesus, denn ER IST die Wahrheit. Mein Freund schlug die Bibel auf, zeigte auf eine Stelle und forderte mich auf zu lesen. „Denn ich kenne ja die Gedanken, die ich über euch denke, spricht der HERR, Gedanken des Friedens und nicht zum Unheil, um euch Zukunft und Hoffnung zu gewähren. Ruft ihr mich an, geht ihr hin und betet zu mir, dann werde ich auf euch hören. Und sucht ihr mich, so werdet ihr mich finden, ja, wenn ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir fragt, so werde ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR.“ (Jer. 29,11-13) Noch während ich las, spürte ich, dass etwas mit mir geschah. Da drang etwas in mein Herz, was tiefer ging als alles, was mich bisher bewegt hatte. Und doch konnte ich es nicht greifen. Mein Herz war tief berührt, aber mein Verstand begriff nicht, was hier passierte. Die folgenden Tage konnte ich kaum einen klaren Gedanken fassen und war sehr aufgewühlt. Ich wollte glauben, konnte es aber nicht. Nach drei Tagen hielt ich es schließlich nicht mehr aus und begann ernsthaft zu Gott, den ich gar nicht kannte, zu schreien und ihn zu bitten, mir die Wahrheit zu zeigen. Da trat Jesus in den Raum. Augenblicklich wusste ich, dass alles wahr ist: Jesus ist der Sohn Gottes, der am Kreuz für mich gestorben war. Ich konnte es kaum fassen: Was ich bis dahin für ein Märchen gehalten hatte, war die Wahrheit – und in Jesus war sie mir jetzt begegnet. Zu beschreiben, was dann geschah, würde den Rahmen dieses Buches sprengen, doch diese erste Begegnung mit Jesus veränderte schlagartig alles. Mein ganzes Herz, mein Denken und Fühlen, ja sogar alles um mich
14
Vorwort herum war plötzlich erfüllt mit Licht. Alle Finsternis, mitsamt den Ängsten und Bindungen, die mich jahrelang beherrscht und geknechtet hatten, waren verschwunden. Die Erkenntnis der Wahrheit setzte mich augenblicklich frei. Ich war befreit von meiner Vergangenheit – und ich war frei für eine Zukunft mit Jesus. Dies öffnete mir eine völlig neue und nie gekannte Perspektive. Am darauf folgenden Sonntag besuchte ich einen Gottesdienst im Charismatischen Zentrum München. Und wieder war mein Herz tief berührt. Hier traf ich Menschen, die Jesus ebenfalls kennen gelernt und erlebt hatten, und obwohl ich kaum jemand kannte, fühlte ich mich sofort mit ihnen verbunden. Ich wusste, dass das der Ort war, wo ich sein wollte. Als der Gottesdienst begann und die Leute anfingen zu singen und Gott anzubeten, musste ich weinen. Nie zuvor hatte ich Menschen gesehen, die Gott liebten und die dies auch zum Ausdruck brachten. Viele standen mit erhobenen Händen und sangen Lieder, die ich nicht kannte. Doch ich spürte deutlich, hier war mehr als nur Liedersingen. Die Leute sangen nicht nur, sie sangen zu Gott. Hier fand Kommunikation statt, Begegnung. Diese Menschen streckten sich im Glauben zu Gott hin aus und Gott antwortete mit seiner Gegenwart. Der Raum war erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Plötzlich brach ein Lied oder ein Gesang auf, wie ich ihn noch nie zuvor gehört hatte. Ich verstand die Worte nicht, die gesungen wurden, aber ganz offensichtlich sangen die Leute in verschiedenen Sprachen. Ohne aufeinander zu achten, blieben alle scheinbar auf Gott ausgerichtet und sangen trotz der unterschiedlichen Sprachen in einer Harmonie und Einheit, die mich erstaunte. Obwohl dies alles neu für mich war und ich nicht wusste, was hier eigentlich geschah, empfand ich es als sehr schön. Ich war tief bewegt und erfüllt von Dankbarkeit. Hier waren Menschen, die ihre Sehn-
15
Beten in neuen Zungen sucht nach Gott und ihre Liebe zu ihm ausdrückten, und die aufgehört hatten, sich dessen voreinander zu schämen. In den folgenden Wochen begriff ich mehr und mehr, wie begrenzt mein Denken bisher tatsächlich war. Ich erkannte, dass meine Erfahrungen und mein Verstand nicht der letzte Maßstab sind und Gott häufig meine Vernunftschlüsse einfach übergeht und sich nicht davon einschränken lässt. Gleichzeitig durfte ich lernen, dass Gottes Wort die einzig verlässliche Quelle ist, wenn es darum geht, zu erkennen, was Gott sagt und wie er es meint. Dies gilt auch für das Thema, das wir im Folgenden behandeln wollen. Gerade Themen wie das Zungenreden, das in gewisser Weise ja tatsächlich auch den Verstand beleidigt, bleiben dabei nicht ohne Widerspruch. Als ich meine Recherchen zu diesem Buch begann, war mir allerdings nicht klar, wie umkämpft das Thema Sprachengebet und Zungenrede tatsächlich auch heute noch ist. Manche lehnen das Sprachengebet als nicht biblisch oder gar als „von unten“ ab, andere wiederum versuchen zu beweisen, dass es als die (angeblich) geringste Gabe heute sowieso nicht mehr relevant ist. Wieder andere brandmarken Christen und Gemeinden, die es praktizieren, als emotional und nicht Wort gegründet. Doch alle diese Vorwürfe halten einer unvoreingenommenen biblischen Exegese nicht stand. Allerdings machen über Jahrzehnte hin gepflegte und weitergegebene Vorurteile mit stereotyp übernommenen Argumenten manchmal blind für die Wahrheit. Der Vorwurf, dass Christen oder Gemeinden, die in ihrem Gebetsleben oder in den Gottesdiensten das persönliche und gemeinschaftliche Zun-
16
Vorwort gengebet praktizieren, einer unbiblischen Praxis folgen, wird, wie wir sehen werden, durch die Schrift selbst widerlegt. Sind die Gaben, die Gott gibt, nicht immer Geschenke an die, die er liebt? Wenn Gott uns so beschenkt, ist dies dann nicht immer auch zu unserer Freude und zum Nutzen – und dadurch wiederum auch zu seiner Ehre? Ich hätte größte Mühe zu glauben, dass die Gaben, die Gott uns schenkt und von ihm zu einem äußerst sinnvollen Gebrauch gegeben werden, gleichzeitig von ihm verboten oder als nicht wichtig oder als Gaben von geringem Wert1 eingestuft werden. Wer würde behaupten, dass Gaben, die Gott uns vor allem auch zum Gebrauch im Gebet und zur Anbetung gibt, von geringem Wert sind? Dann würde dies allerdings auch für die anderen Gaben gelten. Aber niemand bestreitet, dass zum Beispiel die Gabe der Heilung eine wertvolle Gabe ist. Doch in Bezug auf die Anbetung Gottes kommt ihr Wert nicht zum tragen beziehungsweise ist ihr Einsatz sinnlos. Warum? Weil sie nicht dafür gedacht ist. Doch niemand käme auf die Idee, deshalb von einer geringen oder gar überflüssigen Gabe zu sprechen. Es kommt doch immer darauf an, wofür und wozu Gott die Dinge gibt – und darin liegt ihr großer Wert. Erst die rechte Anwendung und der richtige Gebrauch macht eine Sache sinnvoll und nützlich. Ein Stück Seife beispielsweise ist von großem Nutzen, wenn man schmutzige Hände hat. Aber wenn man hungrig ist und es nichts als ein Stück Seife gibt, dann wird man diese verwerfen, weil man Seife bekanntlich nicht essen kann. Doch alle Gaben Gottes sind gute Gaben und vollkommene Geschenke (Jak. 1,17), aber sie sind immer bestimmt zum Gebrauch, und zwar für einen bestimmten Zweck. Es sind keine kleinen Geschenke, die Gott uns
17
Beten in neuen Zungen gibt und die wir uns zur Ansicht ins Regal stellen und gelegentlich darüber reden, sondern alles ist zum Gebrauch bestimmt. Die Ablehnung der Gaben Gottes käme einer Geringschätzung oder zumindest einer Fehleinschätzung dessen gleich, was Gott für uns hat und was er damit tun und bewirken möchte. Alles, was Gott gibt, ist gut und sinnvoll, doch ich muss verstehen, wofür es gedacht ist und wozu und wie ich es anwende, damit es seinen Nutzen und seinen Segen entfalten kann. Wenn nun der Apostel Paulus ganze Kapitel auf dieses Thema verwendet und sich die Mühe macht, besonders das Sprachengebet zu behandeln, dann ganz gewiss nicht deshalb, um am Ende schließlich doch zu erklären, dass Gott die Gabe zwar schenkt, deren Gebrauch aber gleichzeitig mehr oder weniger verbietet beziehungsweise erklärt, dass wir sie gar nicht brauchen, weil sie ja eh von so geringem Wert sei. Dies wäre in der Tat töricht und käme einem glatten Widerspruch gleich. Doch wie wir noch sehen werden, liegt der Widerspruch nicht in der apostolischen Lehre des Paulus, sondern in den falschen Schlussfolgerungen und Interpretationen mancher Ausleger. Paulus wendet sich gegen den Missbrauch der Gabe und erläutert den rechten Gebrauch, aber keinesfalls plädiert er für deren Abschaffung. Im Gegenteil, in seinem Brief an die Korinther (1. Kor. 14, 5.18.39) sieht er sich sogar genötigt, darauf hinzuweisen und sagt: „Ich möchte aber, dass ihr alle in Sprachen redet... Ich rede mehr in Sprachen als ihr alle... hindert doch das Reden in Sprachen nicht“. Die Aussagen der Heiligen Schrift, insbesondere die Ausführungen des Apostels Paulus zeigen uns, dass das Neue Testament den Gebrauch der
18
Vorwort Zungen, besonders auch im Rahmen des gemeinsamen Gottesdienstes und der gemeinsamen Anbetung nicht nur ausdrücklich erlaubt, sondern auch bewusst fördern will. Ziel dieser Publikation ist es, anhand des Wortes Gottes zu zeigen, dass der Widerstand gegen die Zungensprache, und im Besonderen auch gegen deren Praxis im gemeinsamen öffentlichen Gottesdienst, gerade nicht aus der Schrift begründbar ist. Dennoch geht es mir in dem vorliegenden Buch nicht darum, eingeschworenen Gegnern ein weiteres Schlachtfeld zu eröffnen (obwohl mir durchaus bewusst ist, dass wohl auch dieses Büchlein nicht ungeschoren davon kommen wird), sondern es soll denen eine Hilfestellung bieten, die aufrichtig nach der Wahrheit suchen, die aber durch bestimmte Gemeindetraditionen und anders lautende Lehren verunsichert sind. Im Folgenden kommen auch verschiedene bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten zu Wort. Sie alle schätzen das Sprachengebet und den Gebrauch der neuen Zungen nicht aufgrund irgendwelcher Erfahrungen oder Vorlieben, sondern weil sie durch das Studium von Gottes Wort zu der Überzeugung gelangt sind, dass uns hier durch den Heiligen Geist ein wertvolles Werkzeug geschenkt ist. Jeder Einzelne von ihnen lehrt und bezeugt den Segen und den Nutzen der Gabe, sowohl für das eigene geistliche Leben als auch zum Segen für die gesamte Gemeinde und zur Ehre und zum Lobpreis Gottes. Ich wünsche allen Lesern, dass sie durch die Lektüre dieses Büchleins neu inspiriert werden, Gottes Liebe noch mehr Raum zu geben und alles zu empfangen, was ihnen von Gott geschenkt ist. Pastor Tony Kerkel
19
Kapitel 1
Verwirrung, Ängste, Vorurteile „Sie entsetzten sich aber alle und waren in Verlegenheit und sagten einer zum anderen: Was mag dies wohl sein? Andere aber sagten spottend: Sie sind voll süßen Weines“. Apostelgeschichte 2,12.13
Als am Pfingsttag vor zweitausend Jahren der Heilige Geist auf die Jünger kam, sie erfüllte und sie anfingen, in neuen Zungen Gott zu loben und zu preisen, war dies das Erste, was die herbeigeeilte Menge sah und aus dem Mund der im wahrsten Sinne des Wortes „begeisterten“ Jünger hörte. Da waren einhundertzwanzig Männer und Frauen, die sich nicht so verhielten, wie man es von ihnen erwartete und wie man sich gemäß kirchlicher Tradition doch eigentlich zu verhalten hatte. Diese Gläubigen fielen mit ihrem Benehmen ganz offensichtlich aus dem Rahmen und sorgten damit für ziemliche Verwirrung. Das ganze Geschehen wurde von den Zuschauern diskutiert und interpretiert und weil die Jünger taten, was man normalerweise nicht tat, hegte mancher gegen sie einen schlimmen Verdacht. Glücklicherweise ließen sich die Menschen damals von der Erklärung des Apostels Petrus und dem Evangelium überzeugen und blieben nicht bei ihrem Urteil. Heute, zweitausend Jahre nach den Ereignissen der Apostelgeschichte, stehen in neuen Zungen sprechende Jünger oder das Sprachengebet
21
Beten in neuen Zungen praktizierende Gemeinden manchmal immer noch unter Generalverdacht. Die neuen Zungen scheinen für manche Zeitgenossen eine Art Schreckgespenst zu sein, gegen das mit allen Mitteln vorzugehen ist. Es ist eine traurige Tatsache, dass dabei durch die fast missionarischen Bemühungen der Kritiker viele aufrichtige und fragende Christen verunsichert werden. Niemand bestreitet, dass es, wie bei allen anderen Dingen auch, in Bezug auf das Sprachengebet ebenfalls Fehlentwicklungen oder gar manchen nicht schriftgemäßen Gebrauch gab. Doch wie die Jünger damals, so sind auch die Jünger heute Lernende. Vielleicht nicht im Sinne ihrer Kritiker, die die für sie anstößige Gabe des Sprachengebets gerne verbannen möchten, doch ganz gewiss im Sinne der Heiligen Schrift, die das Beten in neuen Zungen als eine Segensgabe von Gott ausweist. Leider haben Fehleinschätzungen und Vorurteile, wie wir bereits bei den Ereignissen der Apostelgeschichte gesehen haben, eine lange Tradition. Missverständnisse und manchmal auch tatsächlich stattgefundener Missbrauch, der wiederum als Anlass genommen wird, das biblische Sprachengebet zu diskreditieren, scheinen die Warnungen der Kritiker zu bestätigen. Jack Hayford Ich hatte Jahrzehnte hinter mir, in denen ich versuchte, offen für das Wirken des Heiligen Geistes zu sein. Aber wenn ich mit anderen über meine Erfahrung des Zungenredens sprach, bekam ich zu hören, das sei eine Domäne von emotional Überdrehten oder geistig Beschränkten. Zungenredner wurden als Plapperer angesehen, denen der feste Glaube an Gottes Wort und ein geistig nüchterner Wandel fehlte.1 Ich hatte schon früh schlimme Geschichten über Zungenredner gehört. Beispiele, wo Fanatismus für Verwirrung sorgte, genügten, um mich von einer Beschäftigung damit abzuhalten.2
22
Verwirrung, Ängste, Vorurteile Viele Jahre meines Lebens musste ich erfahren, dass Zungenreden nicht selten als Abirrung dargestellt wurde, als ein selbst herbeigeführter Gefühlsrausch, als Flucht vor der Wirklichkeit. Und manchen Predigern schien es recht, die Zungenrede als eine Erfahrung abtun zu können, die nur von Naiven gesucht wurde. Manche hatten die Vorstellung, dass Zungenredner schon aus geringstem Anlass in Trance fallen und in diesem Zustand ein Gestammel von sich geben, mit Schaum vor dem Mund und verdrehten Augen. Kein Wunder, dass dies nicht als etwas Schönes angesehen wird.3 John L. Sherrill Vielleicht hilft es zu wissen, dass neun Zehntel des Widerwillens, den Menschen empfinden, oft einfach aus der Fremdartigkeit herrühren. Während unseres Aufenthaltes in Afrika hatten Tib und ich die ungewöhnliche Gelegenheit, Männer und Frauen kennen zu lernen, die sich erinnern können, wie sie die christliche Botschaft zum ersten Mal hörten. Was für ein Schock war für sie der Gedanke, dass Gott ans Kreuz genagelt oder in einer Krippe geboren wurde, oder dass er Hunger litt! Unpassend, unangebracht, unschön! Alle diese Bezeichnungen, die wir für Zungen verwandt haben, gebrauchten sie für dieses eigenartige Evangelium. Und es ist wahr, dass Zungen, wenn sich die Fremdartigkeit einmal verloren hat, nicht unangenehm anzuhören sind – in der Tat sind sie oft überaus schön.4 Eckhard Etzold Die Religion hat ja viele Kuriositäten zu bieten, aber Menschen, die in fremden Sprachen reden, ohne dass sie diese vorher gelernt hatten: Davon hatte ich bisher noch nichts gehört. Das klang ja auch sehr unwahrscheinlich. Und trotzdem hatte ich es ja miterlebt, mit eigenen Ohren gehört.
23
Beten in neuen Zungen Ich konnte es nicht erklären und auch nicht einordnen. Deshalb musste ich mehr darüber wissen. Und schon sehr bald machte ich eine zweite Entdeckung: Bei dem Versuch, mir selbst über dieses Phänomen Klarheit zu verschaffen, stieß ich auf unerwartetes Misstrauen und Befremden. Ein evangelischer Pfarrer fand es zum Beispiel schon sehr bedenklich, dass ich so etwas überhaupt mit angehört hatte, und hatte Sorge, ich würde in den Sog einer fanatischen Sekte geraten. Ein anderer Theologe erklärte mir geradeheraus, das Phänomen des Zungenredens oder der Glossolalie, wie das entsprechende Fremdwort dafür lautet, sei schon lange verschwunden, und was sich heute als Zungenreden ausgeben würde, sei nichts anderes als ein ekstatisches Stammeln, das mit dem urchristlichen Zungenreden nichts zu tun hätte. Auf meinen Hinweis, ich hätte wirklich verschiedene Sprachen gehört, und mit Ekstase hätte das nichts zu tun gehabt, reagierte er bloß mit einem Achselzucken und mit der Rückfrage, ob ich mir sicher sei, nicht auf einen faulen Trick hereingefallen zu sein. Ich war zunächst verwirrt. Wem sollte ich Glauben schenken? Meiner eigenen Wahrnehmung, die mir etwas anderes sagte oder dem Urteil der Theologen, die es eigentlich wissen müssten?5 Jack Hayford Unglücklicherweise braucht es nur eine Handvoll Fanatiker zu geben, selbst wenn sie nur selten in Erscheinung treten, und schon entsteht eine Denkschablone, die von manchen Opponenten begrüßt wird. Aufgrund der Tatsache, dass irgendjemand irgendwann irgendwo in Zungen schrie oder jemand mitten im Gebet für Braut und Bräutigam mit lautem Lobpreis begann, kommt eine Meinung über die Charismatiker in Umlauf, dass diese Leute „doch daneben liegen“. Diese Karikatur wird dann von vielen Leuten übernommen.6
24