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Matthias Dichristin

Mein Lauf zwischen den Welten Mit Impulsen von Tobias Faix


Inhalt Vorwort ................................................... 7   1. Mach dich auf den Weg!.............................. 9 Impuls: Hinsehen – Mach dich auf den Weg!.. . . . . . . . . . . . . 15

  2. Wo stehe ich eigentlich?............................. 18 Impuls: Hinhören – Wo stehe ich eigentlich?.. . . . . . .. . . . . . 25

  3. Die Zeit rennt!.. ...................................... 28 Impuls: Aufhören – Die Zeit rennt!.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34

  4. Viel erlebt!.. .......................................... 36 Impuls: Weghören – Viel erlebt!.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 42

  5. Erste Ziele und Erfolge............................... 45 Impuls: Anpacken – Erste Ziele und Erfolge.. . . . . . . . . . . . . . 53

  6. Nach dem Halbmarathon ist vor dem Marathon.... 56 Impuls: Begegnen – Nach dem Halbmarathon ist vor dem Marathon!.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 63

  7. Nach Rückschlägen wieder aufstehen............... 65 Impuls: Zugeben – Nach Rückschlägen wieder aufstehen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70

  8. Immer wieder den Standort bestimmen............. 74 Impuls: Nachsehen – Immer wieder den Standort bestimmen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81


9. Mit den Menschen laufen!........................... 84 Impuls: Mitgehen – Mit den Menschen laufen.. . . . . . . . . . . . 92

10. Am Ziel geht es weiter!.. ............................. 95 Impuls: Aufbrechen – Am Ziel geht es weiter!.. . . . . . . . . . . 101

Statt eines Nachworts ein Überblick.................... 105 Dank.. ............. ...................................... 111 Anmerkungen..... ...................................... 112


4. Viel erlebt! September 2007: Viel erlebt haben wir hier in Südafrika – keine Frage. Dazu aber später noch ein paar Beispiele. Anfangen will ich dieses Kapitel noch einmal mit der Herausforderung, etwas Neues zu starten. Etwas Neues starten, auch wenn es mir ganz klein erscheint. Vielleicht wird es mehr, als ich erwartet habe. Vielleicht gewinnt es an Bedeutung. Vielleicht wird es nur für mich persönlich bedeutsam. Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich angefangen habe zu laufen. Nun ja, deswegen heißen diese Geschichten ja auch »Mein Lauf zwischen den Welten«. In diesem Monat bin ich meinen zweiten Halbmarathon gelaufen. 21,1 Kilometer. Die Zeit spielt ja keine Rolle. Vergleichen ist sinnlos. Auch das habe ich bereits erwähnt. Mein Ego hat sich trotzdem gefreut, dass ich sieben Minuten schneller war als beim letzten Mal.2 Dieses Erlebnis, der Zieleinlauf, passt auch ganz gut in meine Situation als Missionar, wie ich sie seit mehreren Monaten empfinde. Ich komme an! Ich erreiche ein Ziel. Immer wieder! Hier in Südafrika erlebe ich ständig Situationen, die mich begeistern und ein ganz besonderes Gefühl von Genugtuung in mir auslösen. Eine bisher nicht gekannte Art von Flow. Vielleicht kommt das daher, weil sie so dicht an meinem Anspruch liegen, etwas Relevantes zu tun. Vielleicht, weil ich hier mit so vielen Leuten zu tun habe, die mit ihrem Leben einen richtigen Unterschied machen, wie man so schön sagt. Vor einigen Wochen zum Beispiel haben wir zum ersten Mal einen Workshop komplett eigenverantwortlich geplant. Von der Konzeption über die Durchführung bis zum Material. Alles aus eigener Feder, auf Englisch und dem Bildungsniveau der Teilnehmer entsprechend. Ich hätte nie gedacht, dass wir das schon in unserem ersten Jahr 36


schaffen. Sogar die Abschlussevaluation war gut und so werden wir für nächstes Jahr wieder wohl mindestens einen Workshop neu konzipieren. Für mehrere Momente hatte ich das Gefühl, arbeitstechnisch so richtig angekommen zu sein. Endlich hat man gesehen, was ich kann, wo meine Stärken liegen und dass ich mich sogar in diesem besonderen interkulturellen und geschichtlichen Setting bewegen kann. Heute am ersten Tag des neuen Workshops stellt sich das Ganze schon wieder anders dar: In der Vorbereitung gab es wieder die immer gleichen und teilweise frustrierenden Baustellen. Ich war wieder den halben Tag damit beschäftigt, Dinge auszubügeln, die eigentlich im Vorfeld hätten besser laufen müssen. Nicht, dass der Workshop nicht gut angelaufen wäre, die Teilnehmer nicht motiviert wären oder grundlegend etwas schieflaufen würde: Aber wir stehen an vielen Stellen immer noch ganz am Anfang. Die Herausforderung bleibt bestehen: Nur nicht schlapp machen. Unterwegs bleiben, weiterlaufen, und im Kleinen kämpfen und verbessern was geht. Vor ein paar Tagen haben wir auch wieder festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, in einem fremden Land wirklich anzukommen und zu Hause zu sein. Das Schwierige und Besondere an unserer Situation ist, dass wir keine andere Wahl haben: Wir haben kein anderes Zuhause mehr. Wir haben nichts, wohin wir zurückkehren könnten. Alles würde einem weiteren Neuanfang gleichkommen. Ein radikaler Neuanfang ist momentan ganz sicher nicht dran. Somit erleben wir, auch was unser Zuhause angeht, eine ständige Berg- und Talfahrt oder ein andauerndes Unterwegssein. Nach jeder kurzen Reise fühlt sich unser Haus hier in Johannesburg aber mittlerweile nach Zuhause an. Kennst du das Gefühl, nach Hause zu kommen und zu merken, dass das etwas Besonderes ist? Falls nicht, dann könnte ein Neuanfang für dich dran sein. 37


Während ich dieses Kapitel schreibe sind wir schon fast ein ganzes Jahr in Südafrika. Wir sind kurz davor, zwei Wochen Urlaub in Deutschland zu machen. Ich bin gespannt, wie sich dieser Ausritt nach Deutschland anfühlt, und wie es wird, erneut Abschied zu nehmen. Wir freuen uns tierisch, Freunde und Familie zu treffen und wir wissen auch zu genau, dass wir wieder aufbrechen. Wieder Abschied nehmen. Mit zu unseren besten Freunden in Johannesburg gehören Missionare aus England. Die beiden sind für zwei Jahre hier und gehen zwischendurch nicht nach England zurück. Als sie hörten, dass wir bald nach Deutschland gehen, meinten sie, dass sie vielleicht nicht zurück nach Südafrika gehen würden, wenn sie Urlaub in England machen würden. Auch wenn das bei uns anders ist, auch wenn wir wissen, dass wir wieder zurückfliegen – so fühlt sich das an: Ich stehe zwischen den Welten. Ich bin hier und da ein Stück zu Hause. Mein Leben und meine Berufung hängen 38


an dem, was ich hier tue und was ich hier erlebe. Gleichzeitig hänge ich an dem, was ich in den vergangenen Jahren erlebt habe. Die Vergangenheit hat mich geprägt. Und noch mehr: Sie hat mich auf die Gegenwart vorbereitet. Was auch immer ich erlebe, es beeinflusst meine Persönlichkeit und ich will mich positiv aus meinen Erfahrungen entwickeln. Das geht auch dann, wenn die Erlebnisse nicht so einfach sind und sie mein Ego nur bedingt befriedigen. Vielleicht schleifen Frusterfahrungen mich am Ende noch mehr – kann schon sein. An dieser Stelle erlaube ich mir aber den dezenten Hinweis, dass ich damit nicht sage oder glaube, dass Gott am Ende schon alles nach seinem guten Plan zusammenführt. Das ist hohle pseudotheologische Phrasendrescherei. Manches Leid hat keinen Sinn. Mancher Frust bleibt ungeklärt. Manches Zerbrechen zerbricht einfach nur – und nichts bleibt übrig. In den zwölf Monaten hier habe ich genug Leid und Zerbrechen gesehen und erlebt. Vieles davon ist sinnlos. Oft ist Gott trotzdem darin zu finden. Vielleicht gerade dann, wenn Menschen zerbrechen. Warum das so ist, weiß ich nicht. Meistens schweige ich lieber, um mir meine Phrasen zu sparen. Damit würde ich die Erlebnisse oft nur schnell einsortieren und abhaken. So leicht ist das aber nicht. Bleiben wir doch einmal bei den Erlebnissen zwischen den Welten: Ich liebe Musik. In einem Lied der Band Baff aus dem Album ›Nichts als die Wahrheit‹ wird beschrieben, wie sich ein Jesusnachfolger fühlt, der mitten in dieser Welt lebt und seine Heimat bei Gott weiß: fremd. Wir sind fremd, weil wir ständig aufbrechen. Weil wir wissen, dass wir hierher gehören und trotzdem herausgerufen sind. Jeder von uns kennt also das Gefühl der Fremde, weil Reich Gottes eben schon hier ist und trotzdem noch auf sich warten lässt. Du und ich – wir sind zerrissen. Wir sind hier und gehören trotzdem zu ihm. Das ist krass und nicht zu begreifen. Das 39


macht mich schizophren, aber ich will doch normal sein. Kennst du das? Bestimmt! Und trotzdem: In diesem Buch maße ich mir einfach einmal an, dass ich mehr erlebt habe, was es bedeutet, fremd zu sein, als der normale Leser. Es fühlt sich anders an, sein Leben in ein neues Land und in eine fremde Kultur zu verlegen. Das kann ich mit nichts vergleichen. Es ist anders, als in Deutschland umzuziehen. Das habe ich mehrmals erlebt. Es ist anders, als zu Hause auszuziehen und es ist auch anders, als für sechs Monate ins Ausland zu gehen. Warum es anders ist und wie es sich genau anfühlt, kann ich gar nicht beschreiben. Selbst meine Schwiegermutter hat als erfahrene und gute Psychotherapeutin die Besonderheit unserer Situation nicht wirklich aus uns herausgekitzelt. Wahrscheinlich geht das einfach nicht. Trotzdem will ich hier noch einmal versuchen, einige Erlebnisse als Fremder in Bilder oder Worte zu fassen: • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, nicht zurückzukönnen. • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, den Mond auf dem Kopf zu sehen und die Sternenbilder nicht mehr zu kennen. • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, zu weinen, wenn man den Dreck in dem Haus sieht, das ab jetzt Zuhause sein soll. • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, tagelang zu warten, bis dich endlich einmal jemand abholt. • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, illegal auf der falschen Straßenseite und ohne Versicherung Auto zu fahren. • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, dass das Telefon tagelang nicht klingelt.

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• Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, dass man nur ein paar Koffer mitnehmen kann. • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, stundenlang bei Behörden zu warten und am Ende keinen Schritt weiter zu sein. • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, weggeschickt zu werden. • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, ausgeraubt und danach von der Polizei verarscht und wie Dreck behandelt zu werden. • Die Fremde wirklich zu erleben bedeutet, dass man keine Ahnung hat, wohin man irgendwann einmal zurückkehrt. • Die Fremde fühlt sich an wie Nichts. Die Fremde ist allein. Wochen später im Deutschlandurlaub merke ich: Auch hier fühle ich mich mittlerweile fremd. Die Herausforderung dieses Kapitels ist auf den ersten Blick wieder ein bisschen einfacher. Wie sie sich dann letztlich für dich gestaltet, weiß ich leider nicht. Ich will dich einladen, dem Fremden oder der Fremde einmal bewusst zu begegnen. Mache dir einfach klar, wie du dich fühlst und was es für dich bedeutet, wenn du Fremde erlebst. Fremd kann es sein, wenn du nichts mehr zu sagen hast. Wenn du nicht mehr weißt, was du fühlst. Wenn du nicht mehr weißt, wo du hingehörst oder wenn du etwas Wertvolles verloren hast. Fremd kannst du dich fühlen, wenn du einsam bist und niemand anrufen kannst. Du bist fremd, wenn du etwas tust, was du nicht tun solltest – und es trotzdem richtig ist. Du bist fremd, wenn dich andere missbrauchen, verarschen, auslachen oder mobben. Du bist auch fremd, wenn dir jemand deinen Glauben abspricht. Du bist fremd, wenn etwas zerstört wurde, wenn es dreckig ist und du keine 41


Ahnung hast, wo du mit dem Aufräumen anfangen sollst. Du bist ratlos. Sprachlos. Ohnmächtig. Vielleicht klingt das erschreckend für dich. Vielleicht hast du gar keine Lust, die Fremde bewusst zu erleben. Versuch es trotzdem, denn in der Fremde entdeckst du viel von Gott. Wir alle erleben diese Situationen sowieso. Sie sind nicht ganz zu umgehen. Wer sich selbst darin bewusst ist, der findet Gott in sich, weil da sonst nicht mehr viel bleibt. Weil alles andere verloren ist und weil die Sicherheiten weg sind. Darin liegt das Geheimnis Gottes: Er geht niemals weg. Er lässt sich immer finden. Er ist da, wenn alles zerbricht. Deshalb glaube ich auch, dass er im Tod da ist.

Tobias Faix: Weghören – Viel erlebt! Wenn ich neu anfange, dann stelle ich fest, dass manches ins Wanken gerät. Umbrüche machen das Gefühl von Fremdheit und Fremdsein tief erfahrbar. Das Interessante an diesem Fühlen ist, dass Gott darin zu finden ist. Er wird zur Stütze, zum Geländer, an dem ich mich halten kann. Aber manchmal kommt mir sogar Gott fremd vor, weit weg, für mich nicht erreichbar. Dieses Gefühl der »Gottesfremde« ist überall gleich, in Südafrika oder in Deutschland. Es wird von Selbstzweifeln und der Frage durchzogen, ob das Ganze mit Gott überhaupt, Sinn macht. Das Schlimme ist, dass ich mich bei solchen Gedanken dann auch noch schuldig fühle. Denke, ich glaube nicht richtig, und überhaupt, hat das alles einen Sinn? Und mitten hinein in die eigene Fremdheit spricht Jesus lei42

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