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Vorwort Als Zehnjähriger machten meine Eltern mit mir einen Ausflug nach Frankfurt, wo ich ein wenig Großstadt schnuppern durfte. Für mein Jungenherz war das ein starkes, unvergessliches Erlebnis. Natürlich benutzte man die Deutsche Reichsbahn, beschleunigter Personenzug bis Marburg, dann Schnellzug mit Dampflok bis Frankfurt. Als wir in den Frankfurter Hauptbahnhof einfuhren, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Ja, eine gewisse Angst beschlich mich. Wird der Zug denn durch das Gleisgewirr hindurch die Spur für den richtigen Bahnsteig finden? Bis ich dann erfuhr, dass vom Stellwerk – also von höherer Warte aus – die Weichen schon längst gestellt sind. Dieses Erleben ist mir in späteren Jahren zum Bild für mein ganzes Leben geworden. Das Weltgeschehen während meiner Lebenszeit, aber auch manche persönlichen Ereignisse meines Lebens stellten sich mir wie ein einziges Gleisgewirr dar, sodass man sich fragen kann: Wo ist denn da ein Plan, ein Ziel zu erkennen? Bin ich nur zufällig in die Welt hineingeworfen? Die Bibel bezeugt uns die große Gewissheit: Die Weichen in unserem Leben, aber auch in der Welt, werden von höherer Hand gestellt. „Sein Plan ist wunderbar und er führt es herrlich hinaus.“ Dabei denke ich auch an die Menschen, die für die Gestaltung und Prägung meines Lebens von Bedeutung gewesen sind. Unverkennbar haben auch äußere Umstände und Zeitereignisse ihre Wirkung auf mein Leben gehabt. Schließlich habe ich auch die Weichenstellungen vor Augen, an denen ich persönlich und willentlich mit beteiligt war. Rückblickend kann ich nur unterstreichen – und das ist eine befreiende Entdeckung: Ich werde geführt, auch wenn ich nichts davon merke. Eine starke Hand lenkt mein Leben, auch in unbegreiflichen Schicksalen sehe ich einen roten Faden. Gott hat uns 9


durch Jesus Christus sein Ja gegeben und uns sein Heil zugesagt. Das ist der Cantus firmus in unserem Leben, was auch immer geschieht. Gott ist in Jesus Christus für uns. So kann die Bibel auch über den unterschiedlichen Wegen und Lebensschicksalen Gottes Treue loben. „Gottes Wege sind vollkommen.“ Auch wenn Gott sehr unterschiedlich im Leben der Menschen handelt. Dem einen legt er ein schweres Paket auf, dem anderen ein leichtes, aber jeder bekommt das Paket, das ihn für die Ewigkeit reif macht.

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Hessenland – mein Heimatland Im Jahre 1919, also kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, ernannte der Fürst von Waldeck meinen Vater zum Pfarrer in Ehringen, einem hessischen Dorf unweit von Kassel. Fürst von Waldeck verfügte damals als Patronatsherr über einige Pfarrstellen in der Umgebung von Arolsen. In Ehringen wurde ich am 25. Juli 1926 als ältester Sohn geboren und wuchs im Laufe der Jahre mit drei Brüdern und drei Schwestern auf. Meine Mutter erzählte, dass ich am Sonntag Nachmittag gegen 15 Uhr unter Posaunenklängen das Licht der Welt erblickte. Die Gemeinde feierte gerade ein Waldfest, als meinem Vater die Nachricht von der Geburt seines Sohnes überbracht wurde. Der erste Sohn meiner Eltern war kurz nach der Geburt gestorben. Am 22. August wurde ich in der Kirche zu Ehringen getauft. Mein Vater hatte am Standesamt fünf Namen für mich angegeben: Friedrich Heinrich Ludwig Ernst Theodor. Das hing mit meinen Paten zusammen. Vier Patenonkel und eine Patentante: Friedrich war der Bruder meiner Mutter, Pfarrer im Waldecker Land. Heinrich Keller lebte als Pfarrer damals in Volkmarsen und war mit meinen Eltern befreundet. Ludwig Klingender war ein Onkel meines Vaters und lebte als Landgerichtsrat in Bayern. Ernst Wendel, ein Vetter meines Vaters, lebte als Arzt in Kassel, und Tante Linchen war eine Tante meiner Mutter, von uns Oma genannt, sie lebte in Arolsen. 1931 wechselte mein Vater die Pfarrstelle und zog mit seiner Familie nach Röddenau an der Eder in der Nähe von Frankenberg. Hier habe ich die längste Zeit meiner Kindheit und Jugend verbracht. So prägten hessische Berge und Wälder mein Leben. Wie oft habe ich mit Eltern und Geschwistern und Freunden Wälder, Wiesen und Felder der hessischen Heimat durchstreift. Ob wir uns nun austobten oder Pilze suchten oder uns zum 11


Wandern anschickten, immer wieder konnten wir uns an der Schönheit unserer hessischen Heimat begeistern. In einer Entfernung von einem Kilometer floss die Eder an unserem Heimatdorf vorbei. Wasser besitzt für viele bekanntlich eine große Anziehungskraft, nicht nur im Sommer, wenn Groß und Klein ein kühles Bad in der Eder begehrten oder wenn wir unsere ersten Schwimmübungen absolvierten, sondern manchmal auch an ganz normalen Sonntagen, wenn unsere Mutter mit uns Kindern an der Eder spazieren ging, vorbei an einer alten Mühle, deren Arbeitsweise unser Interesse weckte. Nicht zu vergessen sind die herbstlichen Abend- bzw. Nachtwanderungen, um den Hirschen auf der Lauer zu liegen. Noch habe ich das den ganzen Wald durchdringende Röhren der Hirsche in den Ohren. Befriedigt zogen wir nach Hause, wenn es uns gelungen war, aus nächster Nähe die Hirsche zu erleben. In der Vorweihnachtszeit zogen wir mit Handwagen oder Schlitten in den Wald, um lang herunterhängende Fichtenzweige, möglichst versehen mit Tannenzapfen, abzuholzen und in die Kirche zu befördern. Unser Vater liebte es, die Sakristei, die Emporen und die Balken und Treppen der Kirche mit Tannenzweigen zu schmücken, sodass für das Weihnachtsfest zusammen mit den Weihnachtsbäumen ein regelrechter Grünpark in der Kirche entstand. Aus Kindheit und Jugend ist mir der Maimann im Frühjahr jedes Jahres aus unserem Heimatdorf wohl vertraut. Wenn der Wald ein grünes Kleid angenommen hatte, beschlossen die Jungen der letzten Schulklasse, sich am Sonntagmittag im Laubwald zu treffen, um den Maimann auszuwählen. Sobald dieser gefunden war, wurden frische grüne Laubzweige gesammelt und dem erwählten Mann um den Körper gebunden, sodass seine Person nicht zu erkennen war. Am Ausgang des Waldes versammelte sich die restliche Schulkinderschar und nun zogen alle singend durch das Dorf. „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus ...“ 12


Der Maimann wurde von zwei Jungen geführt, die übrigen Jungen des letzten Schuljahrgangs klopften mit großen Maibüschen an die Fenster und baten um einige Groschen, die dann dem Maimann überlassen wurden, denn dieser musste ja die Prozedur der Verkleidung mit Grünzweigen über sich ergehen lassen. Kinder und Jugendliche rätselten dann, wer sich wohl hinter den Maibüschen versteckt hatte. Die Spannung wurde erst am Ende des Maienzuges gelöst. Das Leben in der Dorfgemeinschaft und die Liebe zu Land und Leuten hat die Entwicklung meines Lebens stark beeinflusst. Die hessischen Bauern – weithin Kleinbauern – mit ihrem relativ kleinen Landbesitz lebten damals einen bescheidenen Lebensstil. Auch wenn wir im Pfarrhausbereich nur in geringem Maße mit Landwirtschaft zu tun hatten, beschäftigte uns doch Jahr für Jahr das bäuerliche Leben mit seinen Freuden und Leiden. Wenn die knarrenden Erntewagen im Herbst über die Dorfstraßen rollten, wenn beim Dreschen sich die Getreidesäcke füllten, dann strahlten die Bauern Stolz und Zufriedenheit aus, und wir freuten uns mit. Aber wir litten auch mit, wenn der wolkenverhangene Himmel in der Erntezeit nicht weichen wollte, dann wurde im Pfarrhaus sehr um gute und gnädige Witterung gebetet. Gerade die Unberechenbarkeit des bäuerlichen Lebens sowie die Abhängigkeit von der Witterung, das Beobachten von Werden und Wachsen der Frucht ist eine gute Lehrzeit für das Leben. Während des Krieges drang man darauf, alle Jugendlichen über 14 Jahren als Erntehelfer auf den Bauernhöfen einzusetzen, auf denen der Notstand durch Einberufung der Männer entstanden war. Die Erntearbeiten forderten unsere ganze Kraft. Besonders in der Kartoffel- und Rübenernte war unsere Hilfe begehrt. Im Herbst 1942 habe ich mit meinem Bruder Martin zwei Wochen lang jeden Tag bei einem anderen Bauern auf dem Kartoffelacker zugebracht. Ein harter Job, denn es galt ja nicht nur, die Kartoffeln zu lesen und die Säcke zu füllen, sondern auch die vollen 13


Kartoffelsäcke in die schwer erreichbaren Keller zu schleppen. Ein deftiges Bauernfrühstück oder auch der berühmte hessische Zwetschgenkuchen brachten die notwendige Stärkung. Stets wurde man auf dem Feld mit den neuesten Dorf- und Kriegsnachrichten vertraut gemacht. Die Erntehilfe der Pastorensöhne hat der ganzen Pfarrfamilie im Dorf hohe Anerkennung und viel Vertrauen eingebracht. Während des Krieges hielten wir selbst Milchschafe und schlachteten jedes Jahr ein Schwein und bewirtschafteten dazu einen Acker. Das half unserer Großfamilie über manche Engpässe hinweg. Für meinen späteren pfarramtlichen Seelsorgedienst auf dem Lande war die Erfahrung in der Erntehilfe eine wichtige Vorbereitung. So konnte ich die Bauern mit ihren Sorgen und Freuden viel besser verstehen. Gern erinnere ich mich auch an besondere Ereignisse in der Dorfgemeinschaft. Hin und wieder wurden wir zum Dreschessen oder zum Schlachtfest im Winter eingeladen und labten uns an Wurstsuppe, Wellfleisch mit Sauerkraut und frischer Bratwurst. In der Nachkriegszeit musste Brennholz beschafft werden. Mit Männern und Frauen der Dorfgemeinschaft fanden wir uns im Wald ein, um das Holz zu schlagen bzw. zu sammeln. Dass wir in der Natur Beeren, Wildfrüchte oder Pilze suchen konnten, war für uns eine schöne Erfahrung. In der unmittelbaren Nachkriegszeit ergab sich die Möglichkeit, Bucheckern zu sammeln und gegen Öl einzutauschen. Die großen Buchenbäume mussten erklettert und dann geschüttelt werden, während am Boden große Wagentücher ausgebreitet wurden. Selbst Vogelbeeren waren in jener Zeit begehrt, weil sie für Marmelade eingetauscht werden konnten. So wuchs mehr und mehr auch eine Verbindung zur Natur, die aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken war.

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Im hessischen Pfarrhaus In Röddenau bei Frankenberg bewohnten wir ein großräumiges Pfarrhaus, eine ehemalige Oberförsterei, mit Scheune, Stallungen, großem Hof und mehreren Gärten. Blumengarten und Grasgarten waren dem Pfarrhaus vorgelagert, nach hinten gelangte man in den Gemüsegarten, auf eine Obstwiese und in ein Ackerland, ein wahrhaftes Kinderparadies, in dem wir uns austoben konnten. Dieses große Gelände vermittelte uns eine Freiheit, die für unsere Kindheit und Jugend bestimmend gewesen ist. In jedem Frühjahr entdeckten wir die Vielfalt und den Schöpfungsreichtum beim Anblick der Gärten. Zwei Kastanienbäume, zwei Edeltannen, ein Rotdornbaum, Fliederbäume, Akazienbäume und eine Knallerbsenhecke rahmten den Blumengarten ein. Gerade im Frühjahr bot sich uns eine unbeschreibliche Blütenpracht, verbunden mit einem sagenhaften Blütenduft. Im Grasgarten mit den verschiedenen Obstbäumen auf der gegenüberliegenden Seite konnten wir im Herbst reiche Früchte ernten. Auf der Nordseite des Pfarrhauses lag der eigentliche Gemüsegarten mit Erdbeerrabatten, Himbeer-, Johannisbeer- und Stachelbeerhecken. Ein sich anschließender Grasgarten bescherte uns eine Reihe von Obstbäumen. Vom Grasgarten aus gelangte man in ein Kartoffel- und Gemüsefeld, das ebenso von uns bestellt wurde. Je älter wir wurden, umso mehr war unsere Mithilfe in Hof und Gärten gefragt. Scheune und Stallungen erlebten wir als beliebte Spielplätze. Der Pfarrhof wurde von zwei großen Lindenbäumen überragt, flankiert von einer Waschküche und einem Müll-ScherbenKasten. Schließlich muss auch die alte Pumpe Erwähnung finden, die in Wassernotzeiten gern in Anspruch genommen wurde, uns aber auch als beliebter Spielgegenstand diente. In der Waschküche wurde von Frühjahr bis Herbst gebadet. Im Pfarrhaus selbst existierte kein Bad. Noch nach dem Krieg staunte der 15


Landeskirchenbaurat, dass unsere Großfamilie so lange ohne ein Badezimmer und ohne Dusche auskommen musste. An den Badetagen wurde ein großer Kessel im Waschhaus beheizt. Eine lang gestreckte Zinkwanne diente der ganzen Familie als Badewanne. Dampfabzug konnte in der Waschküche nicht ermöglicht werden, sodass die ganze Waschküche in Dunst und Nebel eingehüllt war. Derselbe Kessel, der an Waschtagen benutzt wurde, diente im Herbst zur Zubereitung von Mus und Rübensirup. Unsere Mutter sorgte für eine abwechslungsreiche Kost und beherrschte die Kunst, die große Familie am Tisch zufriedenzustellen. Dankbar registrierte sie nach dem Krieg, sie habe immer so viel zu essen auf den Tisch bringen können, dass alle satt wurden, auch die vielen Gäste und Besucher, die durch unser Haus gingen. Im Blick auf die Kleidung sind wir nicht verwöhnt worden. Kleidungsstücke wurden von den Geschwistern nach und nach aufgetragen. Gute Anzüge ließen wir, wenn sie abgetragen wirkten, beim Schneider wenden. Wir sind insgesamt relativ bescheiden und sparsam aufgewachsen. Große Reisen waren uns nicht vergönnt. Ich erinnere mich noch, dass Vater meinem Bruder und mir einen dreitägigen Schulausflug versagen musste, weil einfach das Geld nicht reichte. Stattdessen schwangen wir uns aufs Fahrrad und lernten dabei unsere nähere Heimat kennen. Die Freiheit und Weite in Haus und Garten, die uns zur Verfügung stand, hat viele Entbehrungen aufgefangen.

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Ferienparadies Arolsen Jedes Jahr, wenn die Ferien näher rückten, fieberten wir der Reise nach Arolsen entgegen. Arolsen liegt ca. 50 km von Röddenau/ Frankenberg entfernt. Von 1934–1939 gehörte die Reise zu unserer Oma nach Arolsen zum festen Ferienstandard. Andere Reisen oder Urlaubsfahrten waren schon der Größe unserer Familie wegen nicht möglich. Wer fuhr in den 30er Jahren schon regelmäßig in Urlaub? So erfreuten sich die Reisen nach Arolsen größter Beliebtheit. Mit meinem Bruder Martin bin ich wohl am meisten in die Ferien nach Arolsen gefahren. Dreimal gelang es, mit der ganzen Familie dort Urlaub zu machen. Arolsen/Waldeck hatte für unsere Eltern historische Bedeutung. Wie kam es dazu? In Arolsen lebten drei ledige Tanten Langenbeck, Cousinen unsres Großvaters Langenbeck. Sie führten in ihrem Haus in der Kaulbachstraße 10 ein Schülerpensionat. Schüler, die von ihren Eltern von weither nach Arolsen zur Schule geschickt wurden, wohnten dort. Nachdem unser Vater 1911 sein 1. theologisches Examen in Marburg erfolgreich bestanden hatte, konnte ihm die Kurhessische Kirche keine Anstellung als Vikar vermitteln. So fand er als Betreuer der Schüler in Arolsen eine Arbeitsstelle, sodass er sich wenigstens eine dunkle, gestreifte Hose vom verdienten Geld kaufen konnte, wie er später betonte. Die Schülerbegleitung währte nur zwei Jahre bis zum Eintritt ins Vikariat in Cappel bei Marburg. Es blieb jedoch eine herzliche Verbindung zu den Arolser Tanten bestehen bis über die Zeit des Ersten Weltkrieges hinaus. Warum die drei Tanten ledig geblieben waren, habe ich nie erfahren. Als Töchter des Hofmedikus von Arolsen gehörten sie zu den angesehenen Familien in Arolsen. Die Älteste, Tante Minna, war zuständig für Küche und Hauswirtschaft. Tante Anna führte die Kasse und gab den Ton in der Hausgemeinschaft an. Tante Linchen fungierte als „Außen17


minister“, pflegte Kontakte zur Familie und zur Außenwelt und richtete Besorgungen aus. Als unser Vater 1919 vom waldeckschen Fürsten mit der Pfarrstelle Ehringen betraut wurde, gewann er Tante Linchen als Haushälterin, sie führte ihm fünf Jahre lang den Haushalt. Nach dem relativ frühen Tod unserer Großeltern Langenbeck kam unsere Mutter mit ihrer jüngsten Schwester, Tante Erika, zu den Arolser Tanten, die sich für beide verantwortlich wussten und für sie sorgten. Unsere Mutter verbrachte in Arolsen die Zeit der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg. Oft hat sie uns von der schrecklich galoppierenden Geldentwertung berichtet, wenn sie das Kilo Salz für eine Million Reichsmark einkaufen musste. Sie besaß noch eine Banknote von 50 Milliarden Reichsmark aus dieser Zeit. 1924 trat dann endlich die neue Währung in Kraft. Während dieser Zeit kamen auch die ersten Begegnungen zwischen unserem Vater und unserer Mutter zustande, die schließlich zur Verlobung führten. Es gehörte damals zum gesellschaftlichen Ton, dass Verlobte von der älteren Generation beaufsichtigt wurden. Die beiden Verlobten hatten bei einem Spaziergang den vorgeschriebenen Abstand zu den Tanten einzuhalten. Am 24. April 1924 wurden unsere Eltern in der Stadtkirche zu Arolsen durch Oberkirchenrat von Haller getraut. Die herzliche Verbindung zu den Arolser Tanten blieb weiter bestehen. Da die Eltern unseres Vaters und unserer Mutter nicht mehr lebten, ernannten wir die Jüngste der Arolser Tanten, Tante Linchen, zu unserer Oma. Als Oma haben wir sie unendlich geschätzt und geliebt. So erklärt sich denn auch das immer wieder beliebte Ferienziel Arolsen. Der bräunliche Koffer unserer Familie könnte davon viel erzählen. Etwa anderthalb Stunden waren wir mit der Eisenbahn von Röddenau nach Arolsen unterwegs. In Frankenberg hieß es umsteigen in den „Edertalexpress“ mit Dampflok. Die Stationen kannten wir auswendig. In Herzhausen hielten wir Ausschau nach dem Edersee, der damals meistens gefüllt war. Vor Itter folgte die 18


nächste Attraktion. Der Zug passierte hier zwei Mal einen Tunnel. Nach Korbach passierten wir Berndorf, wo unser Urgroßvater Langenbeck im Pfarrhaus residiert hatte. Hier wuchs unser Großvater Langenbeck auf, von dem unsere Mutter eine drollige Geschichte erzählte. Im Pfarrhaus Berndorf hatte sich Besuch aus Elberfeld angesagt, darunter auch einige Damen. Unser Großvater muss noch ein junger Mann gewesen sein, wahrscheinlich Student. Er bekam von seinen Eltern den Auftrag, die Postkutsche zu sichten und den Besuch in Empfang zu nehmen. Als die Postkutsche Halt machte, passierte unserem Großvater Folgendes: Die Tür der Kutsche öffnete sich plötzlich von selbst und eine junge Dame flog unserem Großvater buchstäblich in die Arme, gewiss ungewollt. Aus diesem „zufälligen“ Geschehen, man höre und staune, wurde einige Jahre später richtiges Eheglück. Dann ging es an Twiste und Mengringhausen vorbei in Richtung Arolsen. Arolsen hatte als Residenz der waldeckschen Fürsten ansehnliche Bedeutung erlangt. Seit 1918 wohnte die fürstliche Familie zwar noch im Schloss, ansonsten waren dem Fürsten jedoch alle Regierungsämter genommen. 1929 verlor Waldeck seine Selbstständigkeit durch den Anschluss an Preußen. Überall war der Charakter des Fürstenstädtchens noch zu erkennen. Vom Schloss, das von Grünanlagen umgeben war, führte eine gerade Straße zum Bahnhof. Rechts und links der Straße hatten sich Geschäfte angesiedelt, den Mittelpunkt bildete die Stadtkirche. Die Wohngebäude machten einen herrschaftlichen Eindruck. Parallel zur Hauptstraße ließen die Fürsten eine große Kastanienallee anlegen. Vom Schloss führte eine weitere Allee zum 15 km entfernten Rhodener Schloss. Arolsen atmete den Geist des fürstlichen Absolutismus. Der Fürst von Arolsen genoss trotz seiner politischen Entmachtung noch in den 30ger Jahren beträchtliches Ansehen bei den alten Arolsern. Wir lernten den vorschriftsmäßigen Diener, mit dem man dem Fürsten Ehre erwies, des19


gleichen auch der Fürstin Bathildis, die unserer Tante Anna anlässlich ihres 80. Geburtstages einen Besuch abstattete. Wenn Martin und ich vom Posthof kommend in die Kaulbachstraße einschwenkten, saß unsere Oma schon winkend am Fenster. (Die Kaulbachstraße war nach dem bekannten Arolser Maler Kaulbach benannt.) Nach der herzlichen Begrüßung erfolgten die Beratungen über die kommenden Mahlzeiten. „Was möchtet ihr denn essen?“, eine Frage, die uns zu Hause nur selten gestellt wurde. Unsere Wünsche konzentrierten sich auf bestimmte Spezialwünsche wie Weinsuppe, Bouillonsuppe, Schokoladenpudding und andere Herrlichkeiten, nicht zu vergessen die einmaligen Brötchen vom Bäcker Bindt. Unsere Oma besaß für Kinder, die noch verspielt waren, sehr viel Einfühlungsvermögen. Vom Schreiner hatte sie sich Holzklötzchen besorgt, mit denen wir die Stadt Arolsen darstellen konnten. Mit Leidenschaft spielten wir Schuster. Dazu stellte uns Oma die Schuhe des Hauses zur Verfügung, ebenso einen Hammer und Heftzwecken. Dann besohlten wir die Schuhe mit Heftzwecken und waren stolz darauf, richtige Pinnschuhe hergestellt zu haben. Einmal gab es ein böses Erwachen, als ein Paar Schuhe von einer Tante dringend gebraucht wurde. In den mit Heftzwecken versehenen Schuhen war es unmöglich zu laufen, es kostete Geduld und mühsame Anstrengung, die Heftzwecken wieder herauszuziehen. Für Kinder hatte damals das „Reifenschlagen“ einen besonderen Reiz. Martin besaß einen kleineren Reifen, ich einen größeren. So schlugen wir durch die großen Arolser Alleen unsere Reifen. Des Öfteren zog es uns an den Posthof, wo wir Ankunft und Abfahrt der Postomnibusse beobachten konnten, für uns Landkinder ein besonderes Erlebnis! Der Sohn des Waldecker Fürsten, Erbprinz Josias, war während des Dritten Reiches zum SSObergruppenführer avanciert und hatte der Stadt Arolsen eine Garnison verschafft. So interessierte uns die Kaserne mit den ex20


erzierenden Soldaten. Die immer wieder stattfindenden Manöver und die damals bekannten Medien sorgten dafür, dass wir als Kinder diesen Beruf als ehrenwert und ideal ansahen. Besondere Erwähnung verdient auch der alljährliche Arolser Viehmarkt, weit bekannt und weltberühmt! Schon vor Beginn des Viehmarkts rollten Panjewagen und Schaustellerwagen durch die Kaulbachstraße. Wenn Oma uns zum Viehmarkt begleitete, drückte sie uns einige Kupferpfennige in die Hand, die wir dann an die wegelagernden Bettler austeilten. Auf dem Viehmarkt empfing uns ein fröhliches Treiben. Für 0,20 RM (Reichsmark) Karussellfahren, für 0,10 RM einen Mohrenkopf oder ein Eis ergattern, das waren die bescheidenen Freuden unseres Viehmarktsbesuches. Wir zogen an tanzenden Kindern vorbei, streiften verschiedene Buden und entdeckten dabei die „dicke Anna“, eine frühere Haushaltshilfe, die sich jetzt als Verkäuferin betätigte. Gern denke ich auch an die Wanderungen und Spaziergänge mit unserer Oma zurück. Oma erzählte uns Märchen und erwies sich dabei als meisterhafte Erzählerin. Als wir älter wurden, brachten wir unsere Fahrräder mit nach Arolsen und machten mit unserem Vater Radtouren in die Umgebung. Arolsen hat bis in die Zeit nach dem Krieg ein gewisses fürstliches Flair behalten. Auch eine Reihe alteingesessener Arolser Familien mit einigen traditionsreichen Geschäftsleuten passten in dieses Klima hinein, z.B. der Uhren-Wiegand, der einmal in der Woche im Hause unserer Oma erschien, um die große Standuhr im Flur aufzuziehen oder Zigarren-Welle, den wir bei seinem regelmäßigen Gang durch den Garten beobachteten, oder die Lebensmittelgeschäfte Schulze und Schröder, sie alle gehörten zur Arolser Gesellschaft. Als unsere Tanten das 80. Lebensjahr überschritten hatten, wurden sie dem Alter entsprechend nacheinander von Gott abberufen. Eines Tages kam die Nachricht vom Tode der Tante Anna. 21


Ich flehte kindlich zu Gott, er möge sie doch auferwecken. Ich musste aber schließlich feststellen: Der Tod ist unwiderruflich, eine schmerzliche Enttäuschung für mich. Am 15. Januar 1943 verstarb unsere geliebte Oma. Mit ihr haben wir ein schönes Ferienparadies zu Grabe getragen. Zwar gelang es zwei Schwestern meiner Mutter zu gewinnen, im Hause Langenbeck ein Altersheim einzurichten. Die beiden ledigen Krankenschwestern hatten in Thüringen ihre Aufgaben in einem Altersheim und einem Säuglingsheim beendet und standen für eine neue Aufgabe zur Verfügung. Dadurch konnte für unsere Familie ein Stützpunkt in Arolsen aufrechterhalten werden. Gern denke ich an manche Besuche in dem nun veränderten Haus zurück. Unter anderem fanden hier eine Reihe der älteren Verwandten unserer Familie Zuflucht, darunter die geliebten Hameler Tanten, zwei ledige Lehrerinnen, die immer sehr am Ergehen unserer Familie interessiert waren. Jedes Mal, wenn ich mich in Arolsen aufhielt, brachte Tante Lene ihre Sorge um meine „Zukünftige“ zum Ausdruck. „Theo, ich möchte aber doch gern deine zukünftige Frau kennenlernen.“ Im Sommer 1962 konnte ich mit 36 Jahren endlich die lang ersehnte Braut vorstellen. Inzwischen sind alle Tanten und Onkels, die mit dem Hause Langenbeck zu tun hatten, verstorben. Der Stützpunkt Arolsen existiert nicht mehr. Es bleibt die Erinnerung an die stolze Arolser Tradition. Bei unseren Familienfesten wurde von der Verwandtschaft meiner Mutter immer wieder das Waldecker Heimatlied angestimmt „Mein Waldeck lebe hoch“. Es bleibt auch die Erinnerung an unser Ferienparadies. Wie lautet doch das Dichterwort: „Was vergangen, kehrt nicht wieder, doch so ging es leuchtend nieder, leuchtet’s lange noch danach.“

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