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Kapitel 1 Vom Fahrersitz seines alten Chevy-Lieferwagens aus starrte Dirk Bennett zur Wohnung seiner Freundin im dritten Stock hinauf. Er beobachtete, wie die schattenhaften Umrisse zweier Menschen zusammenkamen und sich nicht mehr voneinander trennten. Eine Minute verging, zwei Minuten. Dann erlosch das Licht in der Wohnung. Dirks Finger zitterten, sein Herz hämmerte so heftig in seiner Brust, dass es wehtat. Er warf einen Blick auf den Revolver, der auf dem Sitz neben ihm lag, und erschauderte. Was war nur mit ihm los? Er war ein Junge aus einer netten Familie. Leute wie er liefen nicht mit Waffen herum und lagen nicht nächtelang, getrieben vom Hass auf einen anderen Mann, schlaflos wach. Vielleicht werde ich verrückt. Oder es lag an den Tabletten. Konnten sie so etwas bei einem Menschen auslösen? Konnten sie einen verrückt im Kopf machen? Nein, das war paranoid. Dirk beruhigte sich wieder. Die Tabletten hatten nichts mit seinen Gefühlen zu tun. Es waren nicht einmal Steroide, nicht direkt. Aber sie wirkten tatsächlich. Er hatte in den letzten sechs Wochen, seit er seine normale Dosis verdoppelt hatte, fünf Kilo zugenommen. Fünf Kilo Muskeln. Dirk fasste sich an die Stirn und versuchte, sich zu erinnern, was sein Trainer ihm gesagt hatte, als er ihm die Flasche verkauft hatte. Es kommt auf die richtige Dosierung an. Zu wenig, dann ist es nutzlos. Zu viel, dann können gefährliche Nebenwirkungen auftreten ... Zorn, Depressionen, irrationales Verhalten. War es das? Dieses ständige Pochen in seinem Kopf? Zu viele Tabletten? Dirk klopfte sich mit der Faust leicht an die Stirn. Das war unmöglich. Die Tabletten waren völlig normal; das sagte jeder. Die Hälfte der Jungen an der Uni nahm sie, und von den anderen zeigte keiner irgendwelche negativen Reaktionen.

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Sein Blick wanderte wieder zu der Waffe. Jeder andere würde das Gleiche tun. Er wollte Professor Jacobs ja nicht verletzen. Er wollte ihm nur ein wenig Angst einjagen. Dann könnten Dirk Bennett und Angela Manning endlich so zusammen sein, wie sie es die ganze Zeit schon sein sollten. Er hatte von Anfang an gewusst, dass Angela die Frau seines Lebens war. Die einzige Frau, die er je lieben könnte. Sie hatte das auch gespürt. Damals, bevor sie den Professor kennenlernte. Dirks Blick wanderte weiter zu Angelas Wohnung. Was konnte sie an diesem Kerl nur finden? Er war mindestens zehn Jahre älter als sie. Seine Haare wurden schon dünner, sein Bart war teilweise grau, und er hatte einen leichten Bauchansatz. Außerdem war Professor Jacobs verheiratet. Dirk hatte die Frau dieses Mannes schon ein- oder zweimal in der Journalismus-Fakultät gesehen, eine schöne, dunkelhaarige Frau, die herzlich lachte, freundlich lächelte und in ihren Mann verliebt zu sein schien. Das Ganze ergab einfach keinen Sinn: ein alter Mann wie der Professor mit zwei faszinierenden Frauen. Dirk biss sich auf die Lippe. Das würde sich bald ändern, wenn es nach ihm ginge. Im Schein der Straßenlaterne warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und sah, dass es schon nach zehn war. Wenn er in Geschichte seinen Schein bekommen wollte, sollte er jetzt lieber nach Hause fahren und das Referat über die Generäle im Bürgerkrieg schreiben, das er morgen abgeben musste. Die Muskeln um Dirks Kinn spannten sich an, als er die Waffe nahm und sie unter seinem Sitz verstaute. Er müsste Professor Jacobs ein anderes Mal Angst einjagen. Als er den Motor anließ, kam ihm plötzlich eine Idee – eine Idee, die so vernünftig und stark war, dass sie neue Hoffnung in ihm weckte. Vielleicht müsste er die Waffe gar nicht benutzen. Vielleicht gäbe es ja auch eine andere Möglichkeit, den Professor dazu zu bringen, dass er die Finger von Dirks Mädchen ließ. 6


Mit einem lauten Lachen fuhr er vom Straßenrand los. Zehn Minuten später saß er auf dem Boden seines Zimmers im Studentenwohnheim der Universität von Indiana und starrte auf einen Eintrag im Telefonbuch von Bloomington, während seine Finger anfingen, die Nummer einzugeben.

 Nur wenige Straßen weiter lag Professor Tim Jacobs in der Wohnung seiner Freundin wach im Bett und überlegte, was mit ihm los sei. An Schuldgefühle und Schlaflosigkeit war er gewohnt. Aber die Tränen waren neu. Seit er das erste Mal sein Ehegelübde gebrochen hatte, war es schon zu häufig vorgekommen, dass er eigentlich in seinem Büro sitzen und die Referate von Studenten lesen oder bei der einen oder anderen Konferenz hätte sein sollen. Stattdessen lag er mit Angela Manning, der wahrscheinlich vielversprechendsten Studentin seines Journalismus-Kurses, im Bett. Sie war jung, idealistisch und so schön, dass es fast wehtat, sie anzuschauen. Tim war sich sicher, dass diese Affäre mehr als nur ein vorübergehender Zeitvertreib war. Manchmal ließ diese Erkenntnis seine Schuldgefühle so laut werden, dass sie fast eine Stimme bekamen – eine Stimme, die Tim nicht einschlafen ließ, auch wenn er todmüde war. Die Stimme war nicht hörbar, aber trotzdem riss sie ihn in vielen Nächten aus dem Schlaf. Tim lag an Angela gekuschelt und war von der Sünde, an die er früher nicht einmal im Traum gedacht hätte, so berauscht, als aus dem Nichts plötzlich diese Stimme auftauchte. Kehr um! Fliehe vor der Unmoral. Ich stehe an der Tür deines Herzens und klopfe an! Flieh ... Tim rollte sich auf die andere Seite und hoffte, wieder Schlaf 7


zu finden, an den Platz in seiner Vorstellung zurückzukehren, an dem seine Frau, Kari, nicht allein zu Hause wartete und ihm vertraute und glaubte, er wäre ihr treu. Aber die Schuldgefühle meldeten sich wieder und wieder zu Wort – hartnäckig, pausenlos riefen sie ihn nach Hause, obwohl keine Antwort von ihm kam. Obwohl er nichts wert war. Tim drehte sich um und achtete darauf, Angela nicht zu wecken. Er starrte an die saubere, weiße Wand in ihrer Wohnung und dachte an den verhängnisvollen Tag, an dem Angela Manning das erste Mal sein Büro betreten hatte und ihm ihre Absichten deutlich zu verstehen gab. Sie hatten sich eine Viertelstunde unterhalten, gescherzt und gelacht und sich gezeigt, dass sie sich gegenseitig bewunderten, während Tim seinen Ehering versteckt hielt. Als Angela sein Büro verließ, ließ sie einen süßlichen Jasminduft zurück. Und genug Hitze, um das ganze Gebäude aufzuheizen. Tim schwelgte in den Minuten vor seinem nächsten Unterricht in dem berauschenden Gefühl, das sie bei ihm ausgelöst hatte. Sein Blick blieb auf einer Medaille hängen, die Kari ihm zu ihrem ersten Hochzeitstag geschenkt hatte. Darauf war das Bild eines fliegenden Adlers eingraviert und Worte, die er auch jetzt noch auswendig kannte: Des Herrn Augen schauen alle Lande, dass er stärke, die mit ganzem Herzen bei ihm sind. In jenem Moment hatte er das Gefühl gehabt, alles, was mit Gott zu tun habe, sei einengend. Ohne lange nachzudenken, hatte er die Medaille genommen, sie in die nächste Schublade fallen lassen und war aus seinem Büro geschritten. Die Medaille lag immer noch in seiner Schublade. Tim blinzelte, als diese Erinnerung verblasste. Diese Medaille hatte keinen Bezug mehr zu seinem Leben; am besten blieb sie dort liegen, wo er sie nicht sehen konnte. Seine Kraft kam nicht von Gott, er war nicht mit ganzem Herzen bei ihm – nicht mehr. Seit der heißen Augustnacht, in der er und Angela zum ersten 8


Mal miteinander geschlafen hatten, kam Tims Kraft von den Stunden, die er mit ihr verbrachte. Und natürlich von seinen persönlichen Erfolgen. Tim widmete sich beruflich dem Ziel, gute Artikel zu schreiben – zuerst als aktiver Journalist, dann als Lehrer, der jedes Jahr angehende, junge Reporter ausbildete, die Amerikas Ziel, eine freie Presse zu erhalten, weitertragen würden. In relativ kurzer Zeit war er ein angesehener Professor geworden, der außerdem eine regelmäßige Kolumne für den Indianapolis Star schrieb. In den einflussreichsten Kreisen seiner Zunft gewann sein Name immer mehr an Ansehen. Das war eine Stärke, die in seinem Leben etwas bewirkte. Ein weiterer Grund für seine Kraft war sein absolutes Eintreten für journalistische Integrität, sowohl im Berufsleben als auch im Vorlesungssaal. Damals, als er noch als Reporter unterwegs gewesen war, hatte er nie eine Quelle preisgegeben. Und auch wenn er ein Kirchgänger war – na ja, zumindest war er früher einer gewesen –, hatte er sich von seinem religiösen Glauben nie daran hindern lassen, objektiven Journalismus zu praktizieren. Religiöse Vorurteile hatten weder bei der Zeitung noch im Unterricht etwas verloren – nicht, wenn ein Reporter nur mit einem weltoffenen Blick beste Arbeit leisten konnte. Kari hatte immer ein wenig Mühe gehabt, Tims Ansichten in Bezug auf Glauben und Presse zu akzeptieren. Nicht so Angela. Sie schätzte es, dass Tim ein „religiöser Mann“ war, wie sie es ausdrückte. Aber sie bewunderte ihn auch für seine Fähigkeit, seine persönlichen Glaubensgrundsätze hintanzustellen, wenn er eine Kolumne schrieb oder eine Vorlesung hielt. „Wir wussten nie genau, welchen Standpunkt du selbst zu den einzelnen Themen vertratst“, hatte Angela ihm später verraten und ihn mit ihren elektrisierenden, blauen Augen fixiert. „Aber wir wussten immer, dass du für guten Journalismus stehst. Wir wussten, dass du nie zurückweichen oder nachgeben würdest. Weißt du, wie selten so etwas heutzutage ist?“ 9


Er war zweifellos Angelas Held. Dies wusste er seit jenem ersten Tag, als sie im Frühling ihres ersten Semesters nach einer Vorlesung an seinem Pult aufgetaucht war und ihn hatte einladen wollen. „Professoren dürfen sich mit ihren Studenten nicht verabreden“, hatte er ihr geantwortet und ein Lächeln unterdrückt. Sie hatte ihm direkt in die Augen geschaut. Ihre Direktheit war gleichzeitig beunruhigend und verführerisch gewesen. „Können sie denn miteinander essen gehen?“ Sie gingen miteinander essen. Der Besuch in seinem Büro folgte eine Woche später. Danach kämpfte er Monat für Monat gegen die Versuchung an. Es war wirklich offizielle Politik an der Universität, dass ein Professor kein Verhältnis mit einer Studentin haben durfte, die er unterrichtete. Der Ethikrat der Universität hatte längst gebilligt, dass gegen eine Beziehung, die beide Seiten freiwillig wollten, nichts einzuwenden sei, sobald das Professor-Studenten-Verhältnis offiziell beendet war. Also hatte Tim sich zurückgehalten. Er hatte zwar mit Angela geflirtet und das gemeinsame Mittagessen und Fachsimpeln mit ihr genossen, aber er hatte sich geweigert, die Grenze zu überschreiten. Als der Sommer kam und Angela nach Boston heimfuhr, war Tim erleichtert und froh gewesen, wegen ihrer Flirts keine Schuldgefühle mehr haben zu müssen. Er versuchte, Angela zu vergessen und sich auf seine Ehe zu konzentrieren. Aber Kari war fast jeden Tag unterwegs und hatte zu viel zu tun, um Zeit für ihn zu haben. Am Ende des Tages war sie oft zu erschöpft, um liebevoll auf ihn eingehen zu können. Als Angela nach den Ferien wieder an die Universität zurückkam, musste sich Tim endlich die Wahrheit eingestehen, auch wenn er noch nicht bereit war, sie seiner Frau zu gestehen. Er war in Angela Manning verliebt. Hals über Kopf verliebt. Es war falsch. Daran gab es keinen Zweifel. Aber er konnte seine 10


Gefühle nicht leugnen und auch nicht die Tatsache, dass sie ihm gar keine andere Wahl ließ, als sich für sie zu entscheiden. Seit jener Erkenntnis meldeten sich die Schuldgefühle fast pausenlos zu Wort. Kehr um ... Ein Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und umzubringen. Die Stimme bombardierte ihn mit Bibelstellen. Verse, die er als Junge auswendig gelernt, aber seit Jahren nicht mehr gelesen hatte. Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen. Das gefiel Tim am allerwenigsten. – Leben und volle Genüge. Als ob sich das Bibellesen oder ein Kirchenbesuch irgendwie mit dem Gefühl vergleichen ließe, das Angela in ihm weckte. Leben und volle Genüge? In diesem Punkt irrte sich die Bibel gewaltig. Sein Leben war nie ausgefüllter gewesen als in Angelas Armen. Und so hatte Tim nach und nach die Glaubensgrundsätze fallen lassen, die früher einmal die Grundlage seines Lebens gewesen waren – eine Grundlage, die jetzt fehlerhaft und fast lächerlich wirkte. Einige Details hatte er natürlich schon lange angezweifelt. Eine Welt in sechs Tagen erschaffen? Eine Arche mit vielen hundert Tieren, die über einer Welt voll Wasser trieb? Menschen, die von Krankheiten geheilt wurden, nur weil sie sich wuschen oder ihre Augen mit Matsch beschmiert wurden? Solche Geschichten hatte Tim schon längst als symbolisch oder irrelevant abgetan. Aber vor kurzem hatte er angefangen, noch grundsätzlichere Fragen zu stellen. Wenn es Gott doch nicht gäbe? Wenn die Bibel nur von einer Gruppe religiöser Leute erfunden worden wäre, die einfach die moralische Ader einer verwahrlosten Gesellschaft wecken wollten? Wenn das echte Leben, die echte Wahrheit darin lag, einen Seelenverwandten zu finden? Jemanden, dessen Seele genau das war, was der eigenen Seele fehlte? 11


Jemanden wie Angela. In den Wochen, seit er und Angela angefangen hatten, miteinander zu schlafen, waren diese Fragen nach und nach zu Feststellungen geworden. Jetzt war er bereit, die Krücke der religiösen Tradition ganz loszulassen und die Wirklichkeit eines neuen Lebens mit seiner neuen Liebe zu akzeptieren. Aber er war noch nicht bereit, das alles seiner Frau zu sagen, und das ließ ihm keine Ruhe. Er wusste, dass es das einzig Richtige wäre, ihr die Sache zu gestehen. Aber wenn Kari ihn abends an der Tür begrüßte, brachte er es nicht übers Herz, ihr in die Augen zu schauen und ihr die Wahrheit zu sagen: Dass er die Scheidung wollte. Dass er in eine andere Frau verliebt war – noch dazu in eine Studentin. Man brauchte keinen Psychiater, um herauszufinden, woher die Schuldgefühle kamen, die seine Tage trübten und ihm nachts keine Ruhe ließen. Es fiel Tim auch nicht schwer, sich einzureden, die geflüsterten Bibelstellen seien nur Produkte seiner Fantasie, eine Folge von verwirrten Signalen in seinem Hirn oder vielleicht der Ausdruck eines zu eifrigen Gewissens. Deshalb beschloss er, sich nicht genauer damit auseinanderzusetzen. Die Schuldgefühle würden mit der Zeit vergehen, sobald er seine Entscheidung, Kari zu verlassen, in die Tat umgesetzt hätte, sobald der Stress dieses Doppellebens hinter ihm läge. Die Stimmen würden irgendwann verstummen, obwohl sie ihn im Moment nicht einschlafen ließen. An dieser Stelle hatte sich etwas geändert. Wochenlang hatten ihn die Schuldgefühle mit sanften, hartnäckigen Gefühlen geweckt, die ihn drängten, sich an die Wahrheit zu halten und von seinem falschen Verhalten umzukehren. Aber in letzter Zeit weckten ihn dieselben Schuldgefühle mit etwas anderem – mit Tränen. Diese Gedanken ließen ihm keine Ruhe, und er begriff, dass es wieder passiert war. Mitten in der Nacht lag Tim Jacobs, angese12


hener Professor und erstklassiger Kolumnist, neben einer Frau, die sein Herz gefangen und seine Sinne betäubt hatte, und weinte. Weinte stille Tränen, als wäre jemand gestorben. Tim blinzelte, um wieder klarer sehen zu können. Plötzlich wusste er, dass wirklich jemand aufgehört hatte zu existieren. Er selbst. Leise, vorsichtig erstickte er sein Schluchzen und wischte sich die Tränen weg, aber die Traurigkeit in seiner Seele konnte er damit nicht auslöschen, eine Traurigkeit, die so tief und echt war, dass sie ihm körperlich wehtat. Wie wenn ein Schleier von seinem Herzen weggezogen worden wäre, sah er alles, was er früher gewesen war – der idealistische Junge, der dynamische Teenager, der Student, der sein Leben auf Gott ausgerichtet hatte, der fleißige Journalist, der verliebte, romantische Bräutigam. Der treue Ehemann. Dieser Mann war gestorben. Mit seinen Lügen und seinem Betrug hatte er eine letzte, tödliche Kugel auf den Mann abgegeben, der er früher einmal gewesen war. Hier in der Dunkelheit neben Angela, die sich neben ihm zusammengerollt hatte und tief schlief, wuchs die Traurigkeit in ihm. Er weinte um Kari, die hübsche, junge Frau, der er versprochen hatte, ihr ein Leben lang treu zu bleiben. Er weinte um die Kinder, die sie nie haben würden, und um das gemeinsame Altwerden, das sie nie erleben würden. Tim schluckte schwer an dem Kloß in seinem Hals und versuchte erneut, sich die Tränen aus den Augen zu wischen. Woher kamen diese Gefühle? Warum tauchten sie jetzt auf? Seine Liebe zu Kari war schon lange, bevor er Angela kennengelernt hatte, abgekühlt. Trotzdem war Kari seine Frau. Sosehr er sich auch danach sehnte, mit Angela zusammen zu sein, Kari verdiente etwas Besseres. 13


Warum habe ich zugelassen, dass alles so schlimm wurde? Was ist nur mit mir passiert? Was ist nur aus mir geworden? Die Antworten waren hässlich, sie kamen genauso schnell wie die Fragen und legten sich wie ein Schraubstock um Tims Herz. Auch wenn Tim sich für stark hielt, so konnte doch die Tiefe der Trauer, die ihn jetzt erfasste, zerstören. Es war ein Moment, der normalerweise von lauten Schuldgefühlen begleitet war, von dieser Stimme, die ihm versicherte, dass er auch jetzt um die Kraft bitten könnte, von diesem Weg umzukehren. Aber während Tim leise in Angelas Kissen weinte und zum ersten Mal um den Mann trauerte, der er früher einmal gewesen war, um die Ehe, die er seit Monaten zerstörte, und um die Tatsache, dass er nicht die Absicht hatte, sich anders zu entscheiden, wurde ihm etwas bewusst, das ihm mehr das Herz brach als alle anderen Verluste zusammen. Die Worte auf der Medaille, die Kari ihm geschenkt hatte, waren wahr. Ohne Gott war er nicht so stark, wie er gedacht hatte. Überhaupt nicht. Deshalb flossen seine Tränen in letzter Zeit so häufig. Denn in seinem verhärteten Zustand hatte sein Herz etwas getan, das er nie erwartet hätte, als er sich auf Angela Manning eingelassen hatte. Es war kaputtgegangen.

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Kapitel 2 Das Telefon klingelte, als Kari Baxter Jacobs sich an diesem Abend das Make-up aus dem Gesicht wusch. Sie ließ den Waschlappen ins Waschbecken im Badezimmer fallen und tupfte sich schnell mit einem Handtuch über Wangen und Stirn. Der Herbstabend in Bloomington, Indiana, war atemberaubend, ein Abend, der Künstler zu Meisterwerken mit vom Mond beschienenen Farmen und Hügeln inspirierte. Kari und Tim waren in letzter Zeit sehr beschäftigt, sie fühlte sich oft so müde und schlapp. Deshalb freute sie sich über den Wechsel der Jahreszeiten. Die kürzeren Tage und die bunten Blätter verhießen ruhigere Zeiten, lange, dunkle Abende, an denen sie und Tim wieder Zeit füreinander finden und über die Idee sprechen könnten, die Kari schon seit einem halben Jahr beschäftigte: Die Idee, für andere Ehepaare Seelsorgegespräche anzubieten. Es wäre nichts, das sie den ganzen Tag beschäftigen oder überfordern würde, dachte sie – vielleicht ein wöchentliches Treffen für Ehepaare, die sich nach einer intensiveren Beziehung zu Gott und zueinander sehnten. Ehepaare wie sie und ... Das Telefon klingelte zum dritten Mal. Sie ging dran. Es ist wahrscheinlich Tim, der sich meldet und sagt, dass er gut angekommen ist. Tim nahm an einer Konferenz teil, die zu weit entfernt stattfand, als dass man hätte pendeln können, er würde erst am Sonntagnachmittag wieder nach Hause kommen. „Hallo.“ Sie setzte sich auf die Bettkante und schaute auf die Uhr. Halb elf. Genau die Zeit, zu der Tim normalerweise anrief, wenn er fort war. Sie wartete auf seine Stimme, aber am anderen Ende vernahm sie nur ein leises Atmen. Kari zog die Stirn in Falten und fragte sich, ob die Verbindung schlecht sei. „Tim?“ „Äh ...“ Die Stimme war heiser und gehörte einem jüngeren Mann. Karis Lächeln verschwand. Er klang nicht professionell

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genug, um ein Verkäufer zu sein. Auch durch das Telefon konnte Kari hören, dass in seinem Tonfall etwas sonderbar klang. Sie verdrehte die Augen. Will mich hier jemand belästigen? Sie beugte sich vor und wollte schon auflegen, als der Mann sich schließlich räusperte. „Hören Sie, ich muss Ihnen etwas sagen.“ Kari stockte der Atem. Sofort tadelte sie sich. Es gab keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Tim war am Vorabend in seinem Hotel eingetroffen. Ihren Eltern und Geschwistern ging es gut, wie ihre Mutter an diesem Vormittag in einem Gespräch erzählt hatte. Sie atmete aus und zwang sich, ruhig und professionell zu klingen. „Ist das ein Verkaufsgespräch?“ „Nein.“ Die Antwort des Mannes kam schnell. Zu schnell. „Wie ich schon sagte, es gibt etwas, das ich Ihnen sagen muss.“ Kari seufzte. Ihr Verstand raste auf Hochtouren. Sie bemerkte kaum, dass ihr Atem schneller geworden war. „Hören Sie, ich habe keine Zeit.“ Sie trommelte mit den Händen geistesabwesend auf den Nachttisch. „Sagen Sie es einfach. Wer sind Sie?“ „Ich kann Ihnen meinen Namen nicht nennen.“ Der Mann atmete zitternd ein. „Aber das, was ich Ihnen sagen werde, ist die absolute Wahrheit. Das können Sie nachprüfen.“ Es fiel ihr immer schwerer, aus diesem Anruf schlau zu werden. Wovon sprach dieser Mann? Wer war er, und warum verriet er nicht seinen Namen? Und was genau wollte er ihr sagen? Sie wurde allmählich ärgerlich. „Worauf wollen Sie hinaus?“ Der Anrufer atmete tief ein. „Ihr Mann hat eine Affäre.“ Karis Herz setzte zum freien Fall an und riss ihren Magen mit in die Tiefe. Sie blinzelte und stieß ein kurzes, schwaches Lachen aus. „Wovon reden Sie da?“ Was für ein furchtbarer Trick, mich zu Hause anzurufen und mir eine Lüge zu erzählen, die unmöglich wahr sein kann ... „Sie kennen meinen Mann doch gar nicht.“ „Sie anscheinend auch nicht, gute Frau.“ Er schwieg kurz. „Ich dachte, Sie verdienen es, die Wahrheit zu erfahren. Ich muss jetzt Schluss machen.“ 16


„Warten Sie!“ Adrenalin schoss durch Karis Adern und strömte pochend durch ihre Arme und Beine und ihr Herz. Wieder hatte sie das Gefühl, zu fallen, tiefer und tiefer in einen furchtbaren, dunklen Abgrund. Sie schüttelte kräftig den Kopf und versuchte, sich an irgendetwas zu klammern, das einen Sinn ergeben könnte. Dieser Mann log; das musste eine Lüge sein. Tim war in Gary, Indiana, bei einer Konferenz über Pressefreiheit. Er hatte nicht einmal fahren wollen, das hatte er ihr gestern selbst gesagt. Kari schloss die Augen, ihr Herz wollte aufhören zu schlagen. Sie hörte Tims Stimme wieder. Ich hasse diese Konferenzen, aber ich muss hinfahren, Schatz. Sie konnte seine ehrlichen Augen sehen, die Aufrichtigkeit in seiner Stimme hören. Die Universitätsleitung erwartet, dass ich daran teilnehme. Etwas schlug tief in Karis Brust auf. Sie fühlte, dass ihr Herz wieder anfing zu schlagen, dieses Mal doppelt so schnell wie vorher. Sie öffnete die Augen und kramte zitternd nach dem Notizblock und Stift, die sie immer in der Schublade ihres Nachttisches aufbewahrte. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie den Stift fast nicht festhalten konnte. Es ist unmöglich ... das kann nicht sein ... es ist eine Lüge ... „Warum ...?“ Ihre Stimme war tief und hohl, als wäre ihre ganze Existenz in der kurzen Zeit ausgelöscht worden, die der Anrufer brauchte, um ihr seine Botschaft zu übermitteln. Sie bemühte sich, die richtigen Worte zu finden. „Warum sollte ich Ihnen glauben?“ Der Anrufer zögerte. „Sagen wir einfach, ich tue uns beiden einen Gefallen. Er ist in den Silverlake-Apartments hinter dem Campus. Dort hat er die letzte Nacht verbracht, und ich schätze, dass er auch heute Nacht dort sein wird. Er schläft in Angela Mannings Wohnung. Sie studiert Journalismus an der Universität.“ Er zögerte. „Glauben Sie mir jetzt?“ Kari schüttelte den Kopf, zuerst langsam, dann vehement. „Nein, nein, das glaube ich nicht!“ Tränen traten ihr in die Au17


gen. Das Gefühl, in die Tiefe zu stürzen, wurde immer stärker. „Sie ... Sie verwechseln ihn mit jemand anderem.“ „Schauen Sie, gute Frau ...“ Der Anrufer wurde allmählich ungeduldig. „Der Mann, von dem ich rede, ist Professor Tim Jacobs. Das ist doch Ihr Mann, oder?“ Karis Augen wurden groß, ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie ließ den Hörer fallen, als hätte er plötzlich Feuer gefangen. Ohne ihn wieder aufzuheben, raste sie ins Badezimmer. Sie sank auf die Knie und brachte ihr Gesicht gerade noch rechtzeitig über die Toilettenschüssel. Immer wieder zog sich ihr Magen zusammen, bis er völlig leer war. Nicht nur ihr Magen war völlig leer, auch ihr Herz. Schwach und von Kopf bis Fuß zitternd, rappelte Kari sich auf die Beine und wischte sich den Mund mit Toilettenpapier ab. Das konnte doch nicht wahr sein! Es hatte keine Anzeichen gegeben ... Dieser Gedanke setzte etwas in Gang. Kari erinnerte sich an Details aus den letzten Wochen. Im Herbst fuhr Tim immer zu vielen Konferenzen, aber dieses Jahr war es schlimmer gewesen als in den Jahren zuvor. Er war so viele Wochenenden fort, dass Kari Mühe hatte, sich genau zu erinnern, wie oft er fort gewesen war. Vier Wochenenden? Fünf? Eine neue Übelkeitswelle überrollte sie, aber sie blieb auf den Beinen. Sie hatte jetzt keine Zeit, über Toilettenschüsseln zu hängen. Schließlich musste sie das Schlimmste befürchten und sich fragen, ob das Leben, so wie sie es bis jetzt kannte, ein gewaltsames Ende gefunden hatte. Kari betrachtete sich im Spiegel und schüttelte den Kopf. „Das ist alles ein Irrtum“, flüsterte sie. „Das muss ein Irrtum sein.“ Ihre Haare hatten sich aus der großen Klammer gelöst und hingen jetzt in dicken Strähnen um ihr Gesicht. Sie zog sie mit einer Hand nach hinten, beugte sich vor und betrachtete ihre Augen und ihre Mundwinkel. Sie sah keine Falten, auch nachdem das dicke Make-up, das sie für die Aufnahmen an diesem Tag getra18


gen hatte, abgewaschen war. Kari arbeitete als Model für Kaufhauskataloge. Bei den heutigen Aufnahmen hatte sie Abendkleider vorgeführt. Das schwere Make-up war ein Muss für solche Tage. Ohne das Make-up wirkte sie noch jünger als achtundzwanzig. Sie betrachtete ihre Wangenknochen und ihr Kinn, zupfte an ihrem lose sitzenden T-Shirt und zog es hinter sich zusammen, damit sie ihre Figur sehen konnte. Vielleicht hatte sie in den letzten Monaten ein wenig zugenommen, aber sicher nicht so viel, dass sie dadurch weniger Aufträge bekäme. Ganz sicher nicht so viel, dass sie ... Sie schloss die Augen. Tims Gesicht tauchte vor ihr auf. Du bist wunderschön, Baby, wunderschön. Ich kann nicht genug von dir bekommen. Das sagte er, solange sie ihn kannte, seit ihrem letzten Jahr als Studentin an der Universität von Indiana – dem Jahr, in dem sie und Ryan Taylor sich entschieden hatten, getrennte Wege zu gehen. Das Bild vor ihren Augen änderte sich. Ryan ... Kari schüttelte leicht den Kopf. Erst an diesem Morgen hatte sie erfahren, dass er wieder in der Stadt war, dass er eine Stelle als Trainer an der Clear Creek High School angenommen hatte. Nein, Kari, geh da nicht hin, befahl sie ihrem Herzen. Die Erinnerungen an ihren früheren Freund waren in der Vergangenheit besser aufgehoben. Besonders jetzt, wenn ihre Ehe, ihr ganzes Leben davon abhing, ob ein einziger Telefonanruf der Wahrheit entsprach oder nicht. Kari schlug die Augen auf und schaute noch einmal in den Spiegel, als könnte er ihr sagen, was sie wissen musste. Gab es wirklich eine andere? Eine Frau, mit der er sich heimlich traf? Ihr Magen zog sich zusammen. Das war nicht möglich. Tim Jacobs? Der Leiter des Jugendclubs an der High School? Der Vorsitzende der Gemeinschaft christlicher Sportler an seiner Universität? Der frühere Leiter des Bibelkreises? 19


Er würde sie nie betrügen ... oder? Sie erinnerte sich an die Stimme des Anrufers und wusste, dass sie nur eine Möglichkeit hatte, die Wahrheit herauszufinden. Sie schloss wieder die Augen und betete um Kraft. Bist du hier, Herr? Fürchte dich nicht. Ich werde dich mit allem versorgen, was du brauchst. Diese Worten waren Teil einer Radiopredigt, die sie auf der Heimfahrt von ihren Fotoaufnahmen im Auto gehört hatte. Im Auto hatte sie diese Worte als nicht besonders tief greifend empfunden, wenigstens nicht für ihr eigenes Leben. Schließlich fürchtete sich Kari nicht, und ihr fehlte auch nichts. Ihr gefiel, wie ihr Leben sich entwickelte – eine großartige Familie, eine großartige Gemeinde, eine großartige Arbeit, ein großartiger Mann ... Aber das war vor diesem Anruf gewesen. Ihre Brust pochte, und sie versuchte, die Furcht, die von ihr Besitz ergreifen wollte, hinunterzuschlucken. Fürchte dich nicht ... Der Gedanke hängte sich an einen Haken in Karis Herz und schaukelte dort eine Weile. Alles, was ich will, ist, dass dieser Anrufer Unrecht hat, Herr. Ich liebe Tim wirklich. Hilf mir zu verstehen, was los ist. Fürchte dich nicht ... Frieden, warm und gewiss, legte sich über sie. Sie fühlte, wie sich die Muskeln in ihrem Nacken entspannten. Es war eine Verwechslung oder ein gemeiner Trick. Anders konnte es nicht sein. Das Telefon im Zimmer nebenan piepste aus Protest, weil sie nicht aufgelegt hatte. Sie ging ins Schlafzimmer zurück, um auf die entsprechende Taste zu drücken. Ihre Arme und Beine zitterten immer noch, ihr Magen schmerzte. Eine Vielzahl möglicher Szenarien spielte sich vor ihrem inneren Auge ab. Die Angst kehrte zurück und quälte sie. Hatte Tim dieses Wochenende wirklich eine Konferenz? Was war mit den anderen Konferenzen – war er wirklich überall dort gewesen? Wenn nicht, wo war er ...? 20


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