1 Das Feuer hatte schlimm gewütet; das verkohlte Holz, das geschmolzene Metall, die graue Asche zeugten von seiner zerstörenden Macht. Jetzt war das Ungeheuer zwar gezähmt, aber noch nicht vollständig besiegt, sondern bereit, bei der kleinsten Ermutigung sofort wieder zum Leben zu erwachen. Vorsichtig folgte Lisa O’Malley ihrem Bruder Jack in das vom Feuer zerstörte Haus. Die schweren Stiefel, auf denen er bestanden hatte, bewährten sich, als sie das Knirschen von Glasscherben unter ihren Füßen bemerkte. In der Hitze waren Glühbirnen und das Glas in den Bilderrahmen geborsten. Viel schwerer fiel es ihr, sich an den schweren Schutzmantel zu gewöhnen. Der Nomex-Mantel war rau, und sie hatte das Gefühl, fünfzehn Kilo auf ihren Schultern zu tragen. Nur mit Mühe konnte sie ihr Gleichgewicht halten. Wenn Jack ein Feuer bekämpfte, rannte er in einem solchen Mantel und mit einem Sauerstofftank und einer zusätzlich zwanzig Kilo schweren Ausrüstung die Treppen hoch. Wie er das schaffte, war ihr unerklärlich. Ihr Bruder war immer zu einem Spaß aufgelegt, aber bei seiner Arbeit ließ er sich durch nichts ablenken. Auf der obersten Stufe angekommen, ließ Lisa den Strahl ihrer Taschenlampe über die Decke des Flurs und die Wände gleiten. Das überhitzte Gas des Feuers hatte sich eineinhalb Meter unterhalb der Decke in die Farbe und das Holz eingefressen. Achtzig Zentimeter bis ein Meter ließ auf ein schweres Feuer schließen, bei eineinhalb Metern bestand Explosionsgefahr. Die Feuerwehrmänner, die dieses Feuer bekämpft hatten, hatten ihr Leben aufs Spiel gesetzt. „Pass auf, wo du hintrittst. Ich traue diesem Flur nicht. Halte dich an der linken Wand.“ Lisa richtete ihre Taschenlampe wieder auf den Boden. Jack war erst nach langem Zögern mit ihr nach oben gestiegen. Im Augenblick stand das Haus noch. Aber die Wände und Balken arbeiteten, und die Dachbalken waren nicht auf ein solches Gewicht ausgelegt, darum stieg die Einsturzgefahr von Tag zu Tag. Gestern hatte es 7
geregnet. Das beschädigte Holz war aufgequollen und arbeitete daher noch stärker. Sie achtete genau darauf, wo sie hintrat, um sich nicht an einem Nagel oder irgendwelchen offen liegenden Leitungen zu verletzen. Die Feuerwehrmänner hatten einen Teil der Decke und der Wände eingerissen, um gefährliche Zellen von Schwelbränden zu lokalisieren und zu bekämpfen. Sechs Tage zuvor war der Brand in diesem Haus ausgebrochen. Höchste Alarmstufe war ausgelöst worden. In der rauchenden Ruine hatte man die Leiche von Egan Hampton in seinem Bett aufgefunden. Sie erreichten das Schlafzimmer im hinteren Teil des Hauses und blieben stehen. „Ein Unfall –“ Lisa konnte nur ungläubig den Kopf schütteln. Die Möbel waren verkohlt, die Matratze bis auf die Sprungfedern zerstört; die Bücher in den Regalen waren nur noch verformte Gerippe, die Seiten zu Asche zerfallen; der Plastikwecker war geschmolzen und in den Nachttisch eingebrannt, das Fernsehgerät geplatzt und verbogen. Als einzige Gegenstände im Zimmer waren ein Teil des Bettzeugs, das durch Egans Körper geschützt gewesen war, und ein Stück des Teppichs, der unter dem Bettgestell gelegen hatte, nicht verbrannt oder angekohlt. Die Schlafzimmertür hing noch in den Angeln, aber sie war auf beiden Seiten zu einem Bruchteil ihrer normalen Breite verbrannt. „Wie ich schon sagte – es war ein sehr heißes Feuer.“ Lisa betrat vorsichtig das Zimmer. Instinktiv wanderte ihr Blick nach oben, um sich zu vergewissern, dass sie nicht von herabstürzenden Teilen getroffen wurde. Die Decke war zum Teil eingestürzt, man konnte bis zum Dachboden hindurchsehen, und an einer Stelle blitzte sogar der Himmel durch. Durch das zerstörte Fenster blickte sie über die Obstplantage und die Baumschule hinweg, über die Bürogebäude und die Gewächshäuser, die zu der Baumschule gehörten, das Geschäft, das Egan im Laufe der Jahre aufgebaut und erst kürzlich an seinen Neffen Walter übergeben hatte. Jack hatte jeden Tag mit Feuer zu tun; er wusste, wie es sich vorwärts bewegte, atmete und brannte. Sie hatte genug von ihm 8
gelernt, um das Muster zu begreifen. Dies sah aus wie ein Feuersprung – das ganze Zimmer erhitzte sich, erreichte den Brennpunkt und stand dann ganz plötzlich in Flammen. „Hat es im Zimmer vor dem Feuersprung geschwelt und geraucht, oder war es ein gleichmäßiges Feuer? Im Polizeibericht hat Walter ausgesagt, er hätte den Rauch bemerkt, dann einen Blitz gesehen und sofort den Notruf angerufen.“ „Es begann als Schwelbrand.“ Jack kniete nieder und hob eine große Glasscherbe von der Fensterscheibe auf. „Sieh dir nur die Rauchflecken an, die sich in die Fensterscheibe gebrannt haben.“ Mit dem Brecheisen löste er ein Stück vom Fensterrahmen und hielt es ihr hin. „Man sieht, dass es als ein Bodenfeuer begonnen hat und sich dann weiter nach oben gefressen hat. Wären die Flammen an der Decke entstanden und hätten sich über die Wand zum Fenster vorgearbeitet, dann hätten sie sich von oben ins Holz gegraben und es nicht von unten angekohlt.“ Daniel hatte die Autopsie an Egan Hampton vorgenommen. Zwar war der Mann an einer Rauchvergiftung gestorben – in seinen Lungen war Kohlenmonoxid gefunden worden, ein Hinweis darauf, dass er bei Ausbruch des Feuers noch am Leben gewesen war – doch auch diese Tatsache gab Rätsel auf. Eine Prellung an der linken Schläfe musste er sich zum Zeitpunkt seines Todes zugezogen haben. Es war nur eine leichte Verletzung; die Abschürfung hatte kaum das tiefere Gewebe erreicht. Es könnte eine ganz einfache Erklärung dafür geben. Vielleicht war beim Ausbruch des Feuers ein Gegenstand auf ihn gestürzt. Doch bisher gab es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Viele offene Fragen mussten geklärt werden. Da war noch die Tatsache, dass Egan Hampton zwei Schlaftabletten genommen hatte. Durchaus im Rahmen der verschriebenen Menge, aber trotzdem ein Faktor, der von Bedeutung sein könnte. Im Augenblick waren die Autopsieergebnisse nicht schlüssig. Darum war die Sache im gerichtsmedizinischen Institut „zur weiteren Überprüfung unter Berücksichtigung der Tatortgegebenheiten“ gelandet, wie das bei allen Fällen üblich war, bei denen kein eindeutiges Ergebnis erzielt werden konnte. Am Freitagnachmittag hatte Lisas Chef ihr den Fall übertragen. Inzwischen war es Sonntag, und 9
Lisa hatte sich schon zwei Tage lang mit einigen offenen Fragen beschäftigt. Als Gerichtsmedizinerin stellte sie eine einfache Frage, die oft schrecklich schwer zu beantworten war: Waren die Umstände des Todes verdächtig und rechtfertigten sie eine Morduntersuchung, oder handelte es sich um einen bedauerlichen Unfall? Lisa liebte ein gutes Rätsel, aber nicht, wenn es ihr das Wochenende verdarb. Gestern hatte sie die Berichte studiert und war zu dem Schluss gekommen, dass sie mehr Informationen brauchte. „Es würde mir helfen, wenn du mir sagen könntest, dass es sich hierbei um Brandstiftung gehandelt hat.“ „Es war ein heißes Feuer, aber andererseits haben wir einen heißen, trockenen Sommer. In diesem Haus gibt es keine Klimaanlage, und die Möbel und Bodenbeläge hatten sich in der Nachmittagshitze aufgeheizt. Wir haben eine Menge trockenen Moder im Dachgebälk gefunden, und da es nur ein kleines Hinterzimmer ist, konnte das Feuer innerhalb von wenigen Minuten überspringen.“ „Das Feuer ist unten an dieser Wand ausgebrochen?“ „Soweit wir sagen können, ist Egan eingeschlafen und hat seine Zigarre fallen gelassen. Wir haben die Überreste einer Zigarre dort gefunden.“ Jack zeigte ihr die Stelle. „Wie es scheint, ist sie auf einen Wäschesack gefallen. Das Feuer fraß sich über den Boden, du kannst hier die Brennlinie erkennen“, er fuhr mit der Hand darüber, „und hat schließlich den Schrank erreicht und somit unbegrenzten Brennstoff. Es hat an Intensität zugenommen und ist dann an der Decke entlang wieder ins Zimmer zurückgekommen – siehst du die Blasenbildung im Holz? Mittlerweile bewegte es sich heiß und schnell durchs Zimmer.“ „Wie lange hat es gedauert, bis der Rauch so tief hing, dass er ihn getötet hat?“ „Das Feuer hat vermutlich vier bis sechs Minuten gebraucht, um Fuß zu fassen. Von da an dauerte es etwa zwei Minuten, bis sich eine giftige Rauchdecke entwickelt hat. Fenster und Tür standen offen; unglückliche Umstände für ihn. Der Luftzug hat einen natürlichen Rauchwirbel in diese Ecke des Zimmers über das Bett getrieben.“ 10
Sie sah sich den Schaden an und konnte jetzt besser verstehen, warum Egan Hampton nicht aufgewacht war. Das Feuer, das Jack beschrieb, war nicht so laut, dass ein Mann, der unter dem Einfluss von zwei Schlaftabletten stand, davon aufgewacht wäre. Außerdem war der steigende Kohlenmonoxidgehalt in der Luft nicht zu unterschätzen. Als das Feuer vom Schrank wieder ins Zimmer drängte, war der Rauch sehr dicht und somit tödlich für einen Menschen. Lisa suchte weiter nach einem Gegenstand, der die Abschürfung verursacht haben könnte. „Die Hitze hat sich also abgeschwächt und ist auf dem Putz zusammengebrochen?“ „Das Haus ist schon alt. Der Putz wurde auf Holz aufgetragen, und der größte Teil davon ist abgebröckelt. Das ist gut zu erkennen. Direkt über diesem Raum lagerten auf dem Dachboden Kartons mit den Sachen seiner Frau, auch Kleidungsstücke.“ „Noch mehr Nahrung für das Feuer.“ „Ja. Nachdem das Feuer erst mal den Dachboden erreicht hatte, brannte es auf beiden Seiten dieser Balken weiter.“ „Diese Abschürfung könnte also durch herabstürzende Putzbrocken entstanden sein.“ Lisa ging zu den Überresten des Bettgestells und suchte den Bereich ab. „Gibt es Hinweise auf ein Bild an der Wand? Irgendetwas, das ihn getroffen haben könnte?“ Jack fing an, den Schutt zu durchsuchen. Nach zehn Minuten entdeckten sie die Überreste von zwei Bilderrahmen und einem Regal. Das Regal könnte schwer genug gewesen sein oder ein Gegenstand darauf. Lisa spürte, wie ihre Anspannung nachließ. „Einer dieser Gegenstände hat vermutlich die Abschürfung verursacht.“ „Da stimme ich dir zu. Die Katze wurde übrigens dort drüben gefunden.“ Jack deutete auf die hintere Ecke des Raumes. „Die Katze? Welche Katze?“ „Stand davon nichts im Bericht? Eigentlich sollte dem Bericht noch ein Anhang beigefügt werden. Craig hat sie bei der anschließenden Begehung entdeckt. Wir glauben, dass die Katze auf dem Bett gelegen und den Rauch gerochen hat und dann vor dem Feuer fliehen wollte. Aber irgendwie hat sie es nicht mehr nach draußen geschafft.“ „Eine Katze, die ihre neun Leben alle auf einmal verliert? Ich dachte, die Tür hätte offen gestanden.“ „Sie stand offen, als wir bei der Brandbekämpfung die Treppe 11
hochkamen. Vielleicht hat der Wasserstrahl sie aufgeschoben, aber das kann man im Brennmuster erkennen.“ Jack ging zur Tür und untersuchte sie. „Die Tür stand während des Feuers definitiv offen. Wenn sie geschlossen gewesen wäre, dann wäre dieser Bereich um den Griff und die Kante hinten bei den Angeln vom Türrahmen geschützt gewesen, aber in beiden Bereichen finden wir gravierende Brandschäden.“ „Und warum ist die Katze dann nicht aus dem Raum geflohen?“ „Das Alter einer verbrannten Katze ist schwer zu bestimmen, aber eigentlich sah sie noch jung aus. Und eine Katze wird nicht durch ein Feuer zum Fenster oder an einem Feuer vorbei zur Tür springen. Sie hat versucht, sich zu verstecken, und der Rauch hat sie dann getötet. Wir haben so etwas bereits erlebt.“ „Jack?“ „Hier oben, Ford.“ Schritte ertönten auf der Treppe. Der ermittelnde Beamte kam nach oben. Er hatte mit Egans Neffe Walter gesprochen. In den kommenden Tagen würde das Haus abgerissen werden müssen, und Walter war damit beschäftigt, die notwendigen Papiere aus dem Büro im unteren Stockwerk zusammenzusuchen. „Ford, wissen Sie, was aus dieser Katze geworden ist?“, fragte Lisa, bevor sie Walter bemerkte, der mit dem Polizisten nach oben gekommen war. Walter beantwortete ihre Frage. „Es tut mir Leid. Ich habe die Katze heute Morgen begraben. Ich wusste nicht, dass das ein Problem sein könnte. Der Kadaver hatte bereits die Krähen angelockt. Ich fand sie hier drin.“ Er schluckte. „Hören Sie, sie liegt in einem Schuhkarton hinten im Garten begraben. Es dauert nur eine Minute, sie für Sie zu holen.“ „Nein“, erwiderte Lisa. „Das ist schon in Ordnung. Jack hat mir gerade erst erzählt, dass auch sie dem Feuer zum Opfer gefallen ist.“ „Egan mochte diese Katze. Ich schätze, er fühlte sich nachts im Haus einsam, seit Laura ins Pflegeheim gebracht worden war. Vorher wollte er nie Tiere im Haus haben.“ Lisa bemerkte Walters Blick auf das Bett. Sie sollten das Zimmer verlassen. Das Ganze war sehr schwer für ihn, das merkte man. Er 12
war in den Vierzigern, schlank, von Beruf Landschaftsgärtner. Sein Aussehen passte dazu, seine Jeans und sein graues T-Shirt waren verschwitzt. Bei näherem Hinsehen waren die Aufregungen der vergangenen sechs Tage – die heilenden Brandwunden, der Stress, die Trauer und der Schlafmangel – in seinem Gesicht zu erkennen. Er hatte versucht, seinen Onkel zu retten, die Flammen jedoch nicht durchdringen können. „Ich habe alles, was ich für meinen Bericht brauche. Wir wollten gerade herunterkommen.“ Lisa würde sich mit der Bewertung, dass es sich hierbei um einen tragischen Unfall handelte, zufrieden geben. Die tote Katze bereitete ihr ein wenig Unbehagen, aber Jack hatte Recht, auch Haustiere kamen bei Bränden ums Leben. Sie würde heute Abend noch einmal darüber nachdenken, sich noch einmal die Autopsieergebnisse ansehen, und wenn ihr sonst nichts mehr auffiel, dann würde sie ihrem Vorgesetzten empfehlen, diesen Fall als einen durch einen Unfall bedingten Todesfall zu den Akten zu legen. Lisa fühlte sich erleichtert. Auf keinen Fall brauchte sie eine weitere Morduntersuchung. *** US-Marshall Quinn Diamond lief mit seiner Aktentasche in der Hand durch die Wartehalle des Flughafens. Er hasste diese Tasche. Seine Cowboystiefel klapperten laut über den Boden. Sonne und Wind hatten ihre Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen, seine Augen waren von tiefen Lachfältchen umrahmt. Er mochte keine Menschenmengen, aber wenigstens war Chicago besser als New York oder Washington. Er hatte vorgehabt, einen Direktflug von Washington D. C. nach Montana zu nehmen und einen Monat Urlaub auf seiner Ranch zu machen. Die körperliche Arbeit würde die Nachwirkungen der vergangenen zwei Monate vertreiben, in denen er den Mörder eines Bundesrichters gejagt hatte. Doch stattdessen war er kurzfristig nach Chicago gekommen. Die Kurzmeldung in seiner Aktentasche stammte aus der gestrigen Ausgabe der Chicago Tribune. Am Dienstagabend veranstaltete der 13
Sierra-Club eine Signierstunde für ein Buch mit dem Titel Ein fotografischer Führer zu den Vögeln im Mittleren Westen. Der Name der Autorin – Amy Ireland Nugan. Quinn hatte gerade aus dem Hotel in Washington ausgecheckt, als die Jungs von der Nachrichtenüberwachung ihn aufgestöbert hatten. Seit der letzten Spur war so viel Zeit vergangen. War es diesmal die Richtige? War sie die Amy Ireland, die er schon so lange suchte? Bisher hatte er nur wenige Informationen bekommen. Sie war mit einem gewissen Paul Nugan verheiratet und im richtigen Alter, siebenunddreißig. Amy war siebzehn gewesen, als sie zwanzig Jahre zuvor aus Justin in Montana verschwunden war. An dem Tag, an dem Amy verschwunden war, war Quinns Vater draußen im Süden der Ranch in der Nähe der Berge erschossen worden. Nach zwanzig Jahren der Suche hatte er endlich akzeptiert, dass Amy vermutlich an demselben Tag gestorben war, aber falls sie doch davongelaufen und einige Zeit später in Chicago aufgetaucht war – er glaubte nicht, dass sie geschossen hatte, aber vielleicht war sie ja mit dem Mörder zusammen. Wenn er klären könnte, was aus Amy Ireland geworden war, vielleicht könnte er dann auch einen Hinweis auf den Mörder seines Vaters finden. Beinahe hatte er die Hoffnung aufgegeben, jemals eine Spur von ihr zu finden. Im Laufe der Jahre hatte er Dutzende Amy Irelands ausgeschlossen, aber diese hier … die Hoffnung war wieder aufgeflackert. Es passte. Amy hatte in der Schule eine Leidenschaft für die Fotografie entwickelt, eine Leidenschaft für das, was ihre Kamera offenbaren konnte. Schon als Teenager war sie sehr talentiert gewesen. Quinn konnte sich gut vorstellen, dass sie später als Fotografin Karriere hätte machen können. Er musste wissen, ob dies die richtige Amy Ireland war. Und wenn das der Fall war, dann musste er sehr vorsichtig vorgehen, damit sie nicht wieder untertauchte. Geduld war einfach nicht seine starke Seite. Sein Partner Marcus O’Malley hätte ihn bestimmt begleitet, wenn Quinn ihm etwas von der Sache erzählt hätte. Das gehörte für ihn 14
zur Freundschaft. Aber Quinn hatte Marcus nicht die Gelegenheit nehmen wollen, sich um seine Schwester zu kümmern, die sich im Johns-Hopkins-Krankenhaus einer Krebsbehandlung unterzog. Außerdem wollte er ihm ein wenig Zeit mit seiner Verlobten Shari gönnen. Darum hatte sich Quinn an einen alten Freund gewandt. Lincoln Beaumont wartete in der Business-Lounge der United Airlines. Wenn man es nicht besser wusste, könnte man ihn für einen Rechtsanwalt oder einen Investmentbanker halten, nicht für einen pensionierten US-Marshall. Er arbeitete jetzt als Privatdetektiv. „Danke, dass du gekommen bist, Lincoln.“ Als er die junge Frau an Lincolns Seite bemerkte, legte er grüßend den Finger an den Rand seines Cowboyhutes. „Madam.“ „Emily Randall; ich führe Lincolns Recherchen durch.“ Sie sah nett aus. Ihr Händedruck war kühl und sachlich, ihr Kleid geschmackvoll und ihr Blick vertrauenerweckend. „Nett, Sie kennen zu lernen, Mr Diamond.“ „Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite“, erwiderte Quinn lächelnd. Lincoln hatte Recht gehabt; sie wäre genau die Richtige, wenn er jemand brauchte, der auf Amy zuging. Das Lächeln, das sie ihm zuwarf, verriet Neugier. Das kannte er bereits; in dieser Stadt wirkte er ein wenig deplatziert, aber er stand dazu und unternahm keinen Versuch, sich irgendwie anzupassen. Dass Frauen das anziehend fanden, war ein Phänomen, das er akzeptierte, aber nicht unbedingt verstand. Doch die einzige Frau, die ihn wirklich interessierte, schien ihn zu ignorieren. Nein, das stimmte nicht. Lisa O’Malley ignorierte ihn nicht; sie empfand sein Interesse nur als höchst störend und bedachte ihn mit finsteren Blicken, wann immer sie sich begegneten. Während seines Aufenthalts in Chicago wollte er Marcus’ Schwester dazu bringen, eine Einladung zum Abendessen anzunehmen. Dazu war er fest entschlossen. Sie führte ihn nun schon lange genug an der Nase herum. Er war nicht auf eine feste Beziehung aus, das nicht; er wollte nur Klarheit in ihre undefinierbaren Gefühle für ihn bringen und aus ihrer Beziehung eine gute Freundschaft machen. Bei seinen regelmäßigen Besuchen in Chicago wollte er Lisa anrufen, und sie sollte sich freuen, von ihm zu hören. 15
Er ging nicht gern allein zum Essen. Er empfand dies als Zeitverschwendung, darum verbrachte er seine freie Zeit in seinem Hotel vor dem Fernseher. Mit Fremden hatte er oft genug zu tun. Lisa kannte er, und sie war die Art von Freund, die er sich wünschte: zuverlässig, lustig und klug, mit einem Hauch von Eigensinn, den er gern herausforderte. Es war fast so, als würde man das Fell einer Katze gegen den Strich bürsten. Sie war süß, wenn sie zornig wurde, und wenn er sie „gnädige Frau“ nannte, bekam er immer die gewünschte Reaktion. Eins war sicher: Lisas Leben war niemals langweilig. Bei dem Gedanken an die Ausreden, mit denen sie seine wiederholten Einladungen zum Essen abgeschmettert hatte, stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Unglücklicherweise führte dies Miss Randall zu der Annahme, sein Lächeln würde ihr gelten. Bevor sie etwas sagen konnte, das sie beide in eine peinliche Situation bringen könnte, ergriff er das Wort. „Erzählen Sie mir, was Sie über Amy Ireland herausgefunden haben.“ *** Ihr Haar stank nach Rauch, ihre Jeans war dreckig – ob sie die Ascheflecken jemals wieder herausbekommen würde? – und musste bestimmt gekocht werden, um die Ascheflecken zu entfernen, und ihr Hals war an dem rauen Stoff des Schutzmantels beinahe wund gerieben. Elend war nicht das richtige Wort für ihr Befinden. Lisa holte Sidney aus seinem Käfig, bevor sie unter die Dusche ging. Das Frettchen war ihr neustes Haustier und gehörte zu ihren Lieblingen; es kletterte ihren Arm hoch und wühlte sich in ihre zerzausten Haare. Sie musste niesen. „Tut mir Leid. Die Asche hängt einfach überall.“ Sie setzte ihn auf den Boden und trat einen kleinen Gummiball durch den Flur. Sidney jagte ihm nach, sprang darüber und fing ihn auf. Auf dem Weg zur Dusche warf Lisa einen Blick in ihr Arbeitszimmer. Das Licht am Anrufbeantworter blinkte. Ihre Dienststelle hätte sie angepiepst … Jennifer. Kurz entschlossen änderte sie den Kurs in der Hoffnung, dass es tatsächlich ihre Schwester gewesen war, die angerufen hatte. 16
Die Nachricht von Jennifer war drei Stunden alt. Lisa bedauerte, dass sie nicht zu Hause gewesen war, um den Anruf entgegenzunehmen. Sie hob den Hörer ab und tippte die Nummer des Krankenhauses ein. Hoffentlich schlief Jen nicht gerade. Jennifers Verlobter Tom Peterson meldete sich. Er versicherte ihr, dass Jennifer wach sei, und reichte den Hörer weiter. „Danke, dass du zurückrufst.“ Jen sprach sehr leise. Lisa presste den Telefonhörer fest an ihr Ohr, aber im Vergleich zu anderen Tagen, an denen sie vor Schmerzen und Erschöpfung nur undeutlich gesprochen hatte, klang Jen gut. „Hey, das mache ich doch gern. Ich musste heute Nachmittag arbeiten, sonst hätte ich mich früher gemeldet. Hast du einen guten Tag?“ „Ich habe Fieber.“ „Das ist doch toll!“ Überglücklich sank Lisa auf den Stuhl. Jennifers Immunsystem, das von dem Krebs überrollt worden war, fing endlich an zu kämpfen. „Ich werde diese Krankheit besiegen.“ Jennifers Optimismus war in den Wochen des Krankenhausaufenthalts durch nichts zu erschüttern gewesen, auch wenn die Fakten gegen sie sprachen. „Das glauben wir alle.“ Der Krebs hatte sich in der Nähe von Jens Rückgrat entwickelt und ihre Leber angegriffen. Die Chancen standen gegen sie; alle in der O’Malley-Familie wussten das, aber alle hofften, Jennifer würde diesen Kampf gewinnen. Ein Leben ohne sie war unvorstellbar. Lisa rieb sich die Augen und zuckte zusammen, als die Rückstände vom Rauch in ihren Augen brannten. Sie musste unbedingt positiv denken; doch das hatte seinen Preis. Sie hatte Angst – sie hatte zu viele Menschen sterben sehen. Der Umgang mit dem Tod war ihr Beruf, aber Jens Krankheit riss alle Verteidigungswälle in ihr nieder und erschütterte sie zutiefst. Jennifer musste wieder gesund werden, sie musste einfach. Der Krebs richtete mit jedem Tag, an dem er wuchs, unheilbaren Schaden in ihrem Körper an. Die Bestrahlung und Chemotherapie, die im Kampf gegen die Krankheit eingesetzt wurden, hinterließen ebenfalls ihre Spuren. Lisa wünschte, sie hätte sich wie Jennifer auf Kinderheilkunde spezialisiert und nicht auf forensische Pathologie, 17
damit sie nicht so genau um die schmerzliche Wahrheit Bescheid wüsste – bei dieser Krankheit bestand keine Aussicht auf Heilung. Wenn der Prozess nicht aufgehalten werden könnte, würde sie ihre beste Freundin verlieren. Es kostete sie große Mühe, ihrer Stimme einen fröhlichen Klang zu geben. „Tom ist da, also nehme ich an, du genießt den Abend.“ „Das kannst du glauben. Ein schmalziger Film, ein gut aussehender Mann …“ Lisa musste lachen. „Die Verlobung bekommt dir.“ „Die Hochzeit kann gar nicht früh genug stattfinden.“ Jennifer hatte es sich in den Kopf gesetzt, am 22. Oktober zu heiraten; das waren nur noch fünf Wochen. Die Familie hatte Tom bereits mitgeteilt, die O’Malleys wären notfalls auch bereit, geschlossen nach Baltimore zu kommen und im Krankenhaus Hochzeit zu feiern. „Sind Marcus und Shari bereits angekommen?“ „Heute Nachmittag. Shari ist ein Schatz.“ „Ja, das ist sie.“ „Also, woran hast du heute Nachmittag gearbeitet?“ „Ich musste einen Brand von der vergangenen Woche untersuchen. Ich habe Jack mit zum Tatort geschleppt und bin zwei Stunden lang in einem abgebrannten Haus herumgeklettert. Das war eine heiße, schwere und schmutzige Arbeit. So etwas habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht.“ Es klingelte an der Tür. Lisa drehte sich um. Sie erwartete keinen Besuch. Sie überlegte, die Klingel zu ignorieren, aber ihr Wagen stand in der Auffahrt. Es war für jeden offensichtlich, dass sie zu Hause war. Welchem Kind aus dem Haus hatte sie noch keine Süßigkeiten für die Reise der Junior-High-Band gekauft? Tony und Mandy hatte sie gestern erst getroffen. Chad. Sie griff nach dem Kleingeld, das sie zusammen mit einigen Bonbons immer in der Keksdose mit dem Babypanda auf ihrem Schreibtisch bereithielt, und steckte das Geld in ihre Tasche. Ihr Problem war, dass sie immer ja sagte und die Kinder das wussten. Und eins davon zu übergehen – das war ausgeschlossen. Das Telefon ans Ohr gepresst, lief sie durch das Haus. „Kate hat mir die Chicago Tribune und die Sun Times mitgebracht. 18
Handelt es sich um das Feuer der Paretti-Familie? Ich habe davon gelesen.“ „Nein, zum Glück nicht.“ Die Paretti-Familie war bei einem Brand am Montag ums Leben gekommen. „Das hier war ein altes Farmhaus draußen in Villa Grove. Es sieht so aus, als sei der Brand durch eine brennende Zigarre entstanden.“ Lisa spähte durch das Guckloch in der Haustür und zuckte zusammen. „Jen, ich rufe dich zurück. Quinn ist hier.“ „Tatsächlich?“ „Er wollte doch eigentlich nach Montana“, sagte Lisa finster. „Und meine Haare sind von der Asche bestimmt ganz grau“, murmelte sie, nahm die Sicherheitskette ab und schob den Riegel zurück. „Und natürlich sieht er wie immer ganz normal und elegant aus.“ Ihr kurzer Blick hatte ihr dies bestätigt. Wie bei Polizisten üblich, stand er etwa einen Meter vor der Tür und ein wenig seitlich, während er darauf wartete, dass sie die Tür öffnete. Die Daumen hatte er in die Taschen seiner Jeans gesteckt, die Hände ganz in der Nähe seiner unter der Jacke verborgenen Waffe. Er war groß und schlank und fit und würde vermutlich hundert Jahre alt werden. Von den Stiefeln über den Cowboyhut bis hin zu der Art, wie er sich in einer Menge bewegte, war er ein Mann, der wusste, wo er herkam und was er wollte. Lisa misstraute seiner Höflichkeit und Freundlichkeit. Er war Marcus’ Partner, und die Geschichten, die sie im Laufe der Jahre von den beiden gehört hatte … Bei diesem Mann trog der Schein. Sein schwarzes Haar war von dem Cowboyhut platt gedrückt. Die tiefen Falten um seine blauen Augen waren auf seine Angewohnheit, sich ohne Sonnenbrille im Freien aufzuhalten, zurückzuführen. Seine Ausstrahlung wurde durch seine entspannte Haltung und seine lässige Eleganz noch unterstrichen. Es ärgerte sie, dass sie mit ihren ein Meter siebenundsiebzig den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufzusehen. Bei Verhören schüchterte er durch seine Erscheinung die Zeugen ein, und in seiner Freizeit bemühte er sich um ein betont lässiges Auftreten. Quinn war mit ihrem Bruder im ganzen Land unterwegs. Obwohl sie sich eigentlich immer über ihren Aufenthaltsort auf dem Lau19
fenden hielt, überraschte er sie häufig in den ungünstigsten Augenblicken. „Er sieht einfach umwerfend aus. Das ist nun mal ein Wahnsinnsmann“, bemerkte Jennifer. „Du musst es ja wissen.“ Jennifer war zwei Jahre zuvor mit Quinn befreundet gewesen. Im vergangenen Jahr war Quinn mit ihrer Schwester Kate ausgegangen. Lisa hatte nicht die Absicht, Nummer drei zu werden. Nicht dass sie Angst hätte, im Vergleich zu ihren Schwestern schlecht abzuschneiden, aber das war nun mal ihr Prinzip. Sie empfand es als demütigend, die Dritte zu sein. Und jeder Mann, der es wagte, mit drei Schwestern aus derselben Familie auszugehen, hatte wirklich Nerven oder viel Mut – in Quinns Fall beides. Sie hatte gedacht, ihre Antwort auf seine letzte Einladung zum Essen sei kreativ, eloquent und endgültig gewesen. Sie hatte ihm einen versteinerten Tintenfisch geschickt. „Schenk ihm ein Lächeln. Und ruf mich zurück.“ „Vielleicht“, erwiderte Lisa auf das Lachen ihrer Schwester. Sie legte auf und zwang sich, die Tür zu öffnen. *** „Hallo Lisa.“ Sie wirkte verwirrt, ihn zu sehen. Aber wenigstens war sie nicht wütend wie das letzte Mal. Ein kalter Luftzug aus dem Haus umfing sie. Sie stand in der Tür, eine Hand am Türrahmen abgestützt, die andere lag auf dem Griff der Fliegengittertür. „Ich war gerade in der Stadt und dachte, ich schaue mal vorbei“, erklärte er. „Oh, hallo.“ Er legte die Finger an seinen Hut mit der rauen Krempe und lachte in sich hinein, während er sie betrachtete und die Situation genoss. Sommersprossen. Babyblaue Augen. Die Haare so fein und dicht, dass die Sonne die Farbe und der Wind die Frisur bestimmte, sehr zu ihrem Leidwesen und seiner Freude. Sie trug die Haare schulterlang, um sie einigermaßen zähmen zu können. Sie wippten und kräuselten sich bei jeder Bewegung. In ihrer Stimme lag ein Hauch der großen, weiten Welt – Quebec20
Französisch, südamerikanisches Spanisch. Die Mischung und der Tonfall ihrer Stimme veränderten sich mit jedem Jahr, da die Menschen, denen sie begegnete, ihre Spuren hinterließen. Vor sechs Monaten war sie in Venezuela gewesen und ein paar Monate davor in irgendeinem unzugänglichen Teil Afrikas. Sie hatte die Kultur der Länder studiert und sich hineingefunden. Er liebte ihre Stimme. Und er hätte ihr gern einen Anflug von Montana-Dialekt hinzugefügt. „Kann ich hereinkommen?“ Sie errötete und trat zurück. „Ja. Tut mir Leid. Ich bin gerade erst nach Hause gekommen.“ Schlechtes Timing von seiner Seite. Schwarze Asche hatte eine Spur auf ihrem linken Unterarm hinterlassen, ihr verblichenes gelbes Shirt war verschwitzt und ihre Jeans an den Knien schmutzig. Sie hatte sich die rechte Wange aufgekratzt. Obwohl sie höflich lächelte, merkte man ihr die Erschöpfung an. Als sie sich umdrehte, entdeckte er die Blasen von dem Mantel an ihrem Nacken. Seine Augen zogen sich zusammen. Ein Brand. Und dass Lisa hinzugezogen wurde, bedeutete, dass es Opfer gegeben hatte. Das würde heute wohl nichts werden, auch wenn er es sich noch so gewünscht hatte. Offensichtlich war sie heute Abend nicht in der Stimmung für Gesellschaft, obwohl ihr die Ablenkung heute bestimmt sehr gut getan hätte. „Ich hatte gerade mit Jen telefoniert.“ Sie zeigte ihm den Telefonhörer und wirkte irgendwie verlegen. „Ich bringe das Telefon weg und bin gleich wieder da.“ „Natürlich“, erwiderte er sanft. Er hatte Lisas Schwester in der vergangenen Woche besucht; dieser Anruf erklärte Lisas Niedergeschlagenheit. Die Situation war für alle schwierig, aber für Lisa … Quinn wusste, wie nahe sich die beiden standen. Und Lisa als Medizinerin – tröstende Worte von anderen konnten ihr nicht helfen. Sie kannte die traurige Realität, Mut machende Zusprüche konnten bei ihr nichts bewirken. Er würde sich große Mühe geben, sie an diesem Abend ein wenig aufzuheitern, und wenn er sie einfach nur so sehr provozierte, dass sie explodierte und ihr Zorn sich gegen ihn entlud. Es war einer jener Tage, an dem es richtig war, sie zu einer Reaktion zu treiben. Sie drehte sich um und wollte hineingehen. Er packte sie am 21
Arm. „Moment mal, du hast noch mehr Gesellschaft.“ Beinahe wäre sie über das Tier, das zwischen ihren Füßen herumwuselte, gestolpert. Fasziniert von dem Geruch, kletterte es über Quinns Stiefel. Er hob das Frettchen hoch und hielt es in Augenhöhe vor sich. Er und das Tier zeigten die gleiche Neugier. Ein amüsiertes Lächeln trat auf sein Gesicht. „Wirklich eine interessante Wahl.“ Er setzte sich das Tier auf die Schulter, wo es sich gleich aufrichtete, um seinen Hut zu beschnuppern. „Geh unter die Dusche, Lisa, desinfiziere diesen Kratzer, dann gehen wir zum Essen in ein schönes Restaurant.“ „Ich habe heute Abend schon etwas vor.“ „Ich weiß. Essen gehen mit mir.“ Er fragte sie nicht nach ihren Plänen und ließ sie die Lüge nicht noch weiter ausschmücken. Sie war eine lausige Lügnerin. Und da Marcus – der Älteste und damit der Beschützer des O’Malley-Clans – im Augenblick einen halben Kontinent entfernt war, nahm er einfach seine Stelle ein und sorgte dafür, dass sie bekam, was sie im Augenblick brauchte. Und das war ein entspannter Abend in netter Gesellschaft. Sie wollte protestieren, aber er unterbrach sie. „Marcus und Shari haben über eine Hochzeit gesprochen; ich dachte, das würde dich interessieren.“ Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu, verärgert darüber, dass er über Einzelheiten Bescheid wusste und sie noch nicht. Nur zögernd gab sie nach. „Getränke stehen im Kühlschrank. Bedien dich.“ Vorsichtig setzte er das Frettchen wieder auf den Boden und machte sich auf den Weg in die Küche. Er hütete sich, im Flur stehen zu bleiben und Lisa die Gelegenheit zu geben, ihre Fassung wiederzugewinnen. Wenn sie in Form war, war sie eine beeindruckende Gegnerin. „Hat sie dir schon was zu fressen gegeben, Kumpel?“
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