
www.fontis-verlag.com
F
rMaxundAnton, meinewildenHerzen. Undf ralldieKinder, dievielf hlen, lautleben undsooftmissverstandenwerden.
![]()

www.fontis-verlag.com
F
rMaxundAnton, meinewildenHerzen. Undf ralldieKinder, dievielf hlen, lautleben undsooftmissverstandenwerden.
KindermitADHSbegleiten, fçrdernundloslassen
MeineErfahrungen alsMutterundSonderp dagogin
BibliografischeInformationderDeutschenNationalbibliothek DieDeutscheNationalbibliothekverzeichnetdiesePublikationinder DeutschenNationalbibliografie;detailliertebibliografischeDatensindimInternet ber www.dnb.deabrufbar.
DerFontis-Verlagwirdvon2021bis2026 vomSchweizerBundesamtf rKulturunterst tzt.
2026byFontis-VerlagBasel
FontisAG
Steinentorstrasse23|4051Basel|Schweiz info@fontis.ch
VerantwortlichinderEU: FontisMediaGmbH Baukloh1|58515L denscheid|Deutschland fontis@fontis-media.de
ZurbesserenLesbarkeitwerdenindiesemBuchbeiPluralbezeichnungenwie «TherapeutinnenundTherapeuten»oder«P dagoginnenundP dagogen»wechselnd nurdiem nnlicheodernurdieweiblicheFormverwendet.S mtliche Personenbezeichnungengeltenjedochselbstverst ndlichgeschlechtsunabh ngig.
DieBibelstellensind,wennnichtandersangegeben,derElberfelderBibelentnommen 1985/1991/2006SCMR.BrockhausinderSCMVerlagsgruppeGmbH Witten/Holzgerlingen.
WeitereBibel bersetzungen: Hfa –Hoffnungf ralle ,Copyright 1983,1996,2002,2015byBiblica,Inc. , Herausgeber:Fontis-VerlagBasel. SLT –BibeltextderSchlachter.Copyright 2000GenferBibelgesellschaft. WiedergegebenmitfreundlicherGenehmigung.AlleRechtevorbehalten.
Lektorat:KonstanzevonderPahlen Umschlaggestaltung:MaikeHçfer, www.strawberrystudio.de Umschlagfoto:GudermomentbyNaemieGuder, www.gudermoment.de AutorenfotoNadineIsingS.350:GudermomentbyNaemieGuder AutorenfotoAndreaSpechtS.351:JensAhner Satz:InnoSETAG,JustinMessmer,Basel Druck:Finidr GedrucktinderTschechischenRepublik ISBN978-3-03848-316-8
4Schule
5Geschwister
InmeinerklinischenArbeitbegegneichregelm ßigEltern,die jahrelangfunktionierthaben–nachaußenhin.Siehabenjede Erschçpfungweggedr ckt,weilAufgebenkeineOptionschien. DiesesBuchbenenntgenaudieseHerausforderungen,ohnezu beschçnigen,mitallenHçhenundTiefen.
DieAutorinschildertihreErfahrungenimAlltagmitzwei neurodivergentenSçhnenso,wieerwirklichwar:aufreibend, isolierend,mitKrisen,diedasgesamteFamiliensystemanseineGrenzengebrachthaben,aberauchmitschçnenMomenten.SiegibtkeineeinfachenAntworten,sondernzeigt,was tr gt,wennvieleswegbricht.
FachlichtrifftNadineIsingdabeiThemen,dieinderklinischenPraxiszentralsind:dieAmbivalenzgegen berMedikation,daserhçhteRisikof rSuchtundDepressioninder Adoleszenz,dieBelastungvonGeschwistern,diestrukturellen GrenzenvonSchuleundKita.Undvorallem:dieNotwendigkeit,alsElternteilauchf rsichselbstzusorgen–nichtals Luxus,sondernalsVoraussetzung.
WasdasBuchdar berhinausauszeichnet,istseinpraktischerErfahrungsschatz.DieWissensfensterzuADHSund zumAutismus-SpektrumsindsachlichundaufdemStandder aktuellenForschung.DerAnhangliefertkonkreteMaterialien f rdenAlltag:Checklisten,Kommunikationshilfenf rSchule undBehçrden,RegulationshilfenundVerst rkerpl ne.Das
sindkeineExtras–dasistderTeil,derElternweiterepraktische Toolsliefertundtats chlichhelfenkann.
DiesesBuchistf rElternundP dagogenin hnlichenSituationeneinwahrerSchatzundMutmachend:Siesindnichtalleine.DassSiediesesBuchlesen,istbereitseinguterAnfang undeineHilfeinherausforderndenZeiten.
Potsdam,imFebruar2026
Dr.med.GerritScherf Facharztf rPsychiatrieundPsychotherapie, Buchautor«DiekleineADHS-Sprechstunde»
Vorwort
MitmeinererstenSchwangerschaftkamendieTr ume:beschaulichesMuttergl ck,eineheile,harmonischeFamilieund einHausvollerLachen.Dochessolltekomplettanderskommen:DieJahre,dieaufdieGeburtmeinerKinderfolgten,warenunruhig,lautundextrem.MitunserenJungsMaxThadd us undAntonerlebtenwirHerausforderungenbisweit berdie Belastungsgrenzehinaus.DabliebesnichtbeimSchreien,perforiertenN chtenundextremerRastlosigkeit;imLaufederJahrebrachteesausbrechendeVulkanemitsich,st ndigeSorge, sozialeAusgrenzung,einenandauerndenAlarmzustand,Existenz ngsteummeineKindersowieErschçpfungsdepressionen.
BereitsimVorschulalterstandbeibeidenJungsdieDiagnose ADHSimRaum–ineinerAuspr gung,wiesievieleder rztinnenundTherapeutennochnichterlebthatten.Seltenwar dieSprengkraftmeinerJungssostarksp rbarwieinsozialen SystemenmitihrenRegeln:inderGroßfamilie,imKindergarten,inSportvereinen,inderKircheundinderSchule. berall fielenMaxundAntondurchihre berbordendeEnergieund Unangepasstheitalsstçrendauf.
AndereEltern,BekannteundauchFreunder cktenvonuns ab.St ndigerhieltenwirnegativeR ckmeldungen berunsere «Problemkinder»–besondersinderSchulzeit.Wirriebenuns anSystemenauf,dienichtf rKinderwiesiegemachtwaren.
Ichwartraurigdar ber,wieeinseitigsiedabeiwahrgenommen wurden:alsfrech,stçrend,provokativ,ungezogen.WarumsahensowenigedieQualit tenunsererJungs,ihrenHumor,ihre Kreativit t,ihreEnergieundTreue?
MaxundAntonlittenunterdemGef hl,falschzusein.Sie wurdentraurig,krank,entwickeltenSchlafstçrungenundverweigertenteilweisedieSchule.Ichlittmitihnen.Dochdann kamdasJugendalterundstellteallebisherigenAusnahmesituationenweitindenSchatten.Jetztgabesregelm ßigN chte,indenenichangsterf lltundbetendineinerEckedesZimmerskauerteundnurhoffte,dasswiramn chstenMorgen nochalsFamiliezusammenseinw rden.DiehoheRisikobereitschaft,derSogzuAdrenalinkicksundder berm ßige KonsumvonSubstanzenließmichst ndigumeinenmeiner Sçhnebangen.
OhnePausewarich berJahrehinwegdiejenige,diedas SystemamLaufenhielt,aufp ppelte,geradebog–aberdabei michselbstvergaß.AlssensiblePersonh tteichvielR ckzug undStillegebraucht.Beidesgabesnichtundtrotzdemrotierte ichweiter:f rmeineKinder,f randere,f rzigEhren mter undvermeintlicheErwartungenmeinesUmfeldsundaufgrund eigenerhoherAnspr che.
Dannst rzteichineinBurnout.InderKlinik–vçllig bermedikamentiert,amRandmeinerKr fteundvondunklenGedankenbegleitet–suchteichverzweifeltGottundseinenFrieden.DocheswareineZeitdergef hltenGottverlassenheitund vollerZweifel.Heuteglaubeich,dasserdawarundmichdurch dieseZeithindurchgetragenhat,auchwennichesdamals kaumwahrnehmenkonnte.
InderPsychiatrie,mitsechsunddreißigJahren,hçrteich zumerstenMalvonSelbstf rsorge.Undirgendwoinmitten vonTherapie,SchmerzundNeubeginnstelltesichmirplçtzlichdieFrage:Waswillicheigentlichwirklich?
DakammireinBildindenSinn:Ichw rdeSaunameisterin werden.Daw rdeichdieT rschließenundmitruhigerStimmesagenkçnnen:«Pssst–jetztistZeitzumDurchatmen.»Alle verstummen,lassenlos,lehnensichzur ck.Ichmacheeinen Aufguss,wedledieW rmeindenRaum–undf reinenMomentistallesfriedlichundentspannt.DasBildstandf retwas, dasesinmeinemLebensonichtgab:Ruhe.InmeinemAlltag erlebteichdasGegenteil:zweiADHS-JungszuHause–endloseEnergie,Streit,Unruhe,Erschçpfung–undalsSonderp dagoginineinerinklusivenGrundschule–Trubel,L rm, Multitaskingund berlastung.
AuchwennichkeineSaunameisteringewordenbin,sozeigtemirdieserWunschdoch,dassichendlicheinenZugangzu mirgefundenhatte.Ichbegann,meineBed rfnissewahrzunehmenundgesundeGrenzenzusetzen.Auchwennichdamitteilweiseaneckte.Vorallemaberlernteich,meineBegrenzunganzunehmenunddassichdieDefizitemeinerKindernie w rdeausgleichenkçnnen–wederalsMutternochalsLehrerinundSonderp dagogin.Ichkapitulierteunderkannte,dass ichessonichtschafftemitdenJungs.
DiesesLoslassenwarhartundunendlichtraurig.Aberauch befreiend:Wirw rdenniedieheile,«normale»Familiewerden, dieichmirbeimeinererstenSchwangerschaftertr umthatte. MitdieserErkenntniswurdenichtvonheuteaufmorgenalles gut.Nochjetzt,wounsereKinderfastMittezwanzigsind,lebe ichh ufiginHabachtstellungundinnererZerrissenheit.Doch ichkonntemitdieserneueninnerenHaltungganzandersf r meineKinderdaseinundsiebegleiten.Seitdemhabeichauch vielehilfreicheWegeimUmgangmitherausforderndenSituationen,neuePerspektivenundkonkreteUnterst tzungsmçglichkeitenf rmeineKinderentdecktundgleichzeitigeinen anderenUmgangmitmirselbstentwickelt:eineachtsame Selbstf rsorge.
Inzwischenkannichdankbarsehen,wiegutdieBeziehung zudenJungsgebliebenist,undhalteihreLebendigkeit,das vieleLachen,diewitzigenIdeen,dieauchTeilunseresFamilienlebenswarenundesbereicherthaben,festinmeinerErinnerung.Vorallemabererkenneich,wiesehrichselbstanden GrenzerfahrungenunddenextremenTurbulenzengereiftbin. Eswaroftherausfordernd,ichh ttemirdiesesLebensonicht ausgesucht,aberichhabedamitmeinenFriedengeschlossen.
Dasist,kurzumrissen,meineGeschichte.
DiesesBucherz hlteinepersçnlicheLebenswirklichkeit.Ich schreibeausmeinerSichtalsMutterundP dagogin–mitmeinenWahrnehmungen,meinenGrenzenunddem,wasichauf diesemWeggelernthabe.AndereFamilienmachenandereErfahrungen,findenandereDeutungen,gehenandereWege. Vielesvondem,waswirerlebthaben,l sstsichnurann hernd wiedergeben.DiefolgendenKapitelstellendaherkeineallgemeing ltigenAussagenauf,sondernbieteneineauthentische,persçnlicheAnn herunganeinkomplexesThema.
IchschreibeausgelebterErfahrungundfachlicherPraxis, nichtausmedizinischerPerspektive.DieMenschen,vondenen ichberichte,sindmirnah.IhreDarstellungerfolgtmitZustimmungundinAchtungihrerpersçnlichenW rde–imBewusstsein,dassjedeErz hlungimmereinePerspektiveuntervielen ist.
VermutlichhastdudiesesBuchmiteinerbestimmtenMotivation,vielleichtauchHoffnungindieHandgenommen.WomçglichhastdudichineinigenderobenbeschriebenenSituationenalsElternteilwiedergefunden–indenZweifeln,der Belastung,derschierenUnmçglichkeit,denAlltagmiteinem Kindzubestreiten,dasbesondereBed rfnissehat.Dubist nichtalleinindeinemSchmerz,deinenFragenunddeiner Wut.Dubistauchnichtschuldundhastnichtsfalsch gemacht–sondernbrauchstVerst ndnis,Unterst tzung,eine
ausgestreckteHandundErmutigung.Esisthart–undesist nichtdas,wasdudirausgesuchthast.Aberdubiststark,kompetentundgenaurichtigf rdeinKind.
IndiesemBuchschreibeichvonunsererFamilienreisederletztenf nfundzwanzigJahremitzweiKindernmitstarkausgepr gtemADHSsowiemitImpulskontrollstçrungundinnerhalbdes Autismus-Spektrums.EinAlltagst ndigerEntgrenzung,inden ichdichehrlichundungeschçntmithineinnehme.WieoftverhindernSchamoderTabus,dasssichaufgeriebeneElternehrlich miteinanderaustauschen berihreK mpfe,Ohnmacht,Zweifel, Schuldgef hleundVersagens ngste.Umsomehrineinem christlichenKontext,indemdasIdealderharmonischenFamilie ofthochgehaltenwird.
Werneurodivergente* Kinderhat,weiß,dassjenesIdeal auchmitbestemWillennichtzuerreichenist.Darumerz hle ichhierganzauthentischundschonungslos,umdirzuvermitteln:DuwirstverstandenindeinenNçten,deinenSelbstzweifelnunddenEskalationenzuHausesowieinsozialenKontexten.Esgibtandere,dieaucherleben,wasdudurchmachst.Ich hoffe,dassdichdiesesWissenentlastet.
AuchwennichanalldemExtremenfastzerbrochenbin,so warbeiWeitemnichtallesschwerundbelastend.UnsereGe-
* NeurodivergenzbezeichneteineeinzelneAbweichungvondersogenannten «neurotypischen»neurologischenEntwicklung–z.B.ADHS,Autismus,Dyslexie.DerBegriffbeschreibtalsodasindividuelleMuster.
Neurodiversit tbezeichnetdagegendieVielfaltdermenschlichenGehirneinsgesamt.Siebeschreibt,dassMenschenunterschiedlichdenken,f hlen,wahrnehmenundlernen.DerBegriffistwertfreiundbeziehtsichaufdasgesellschaftlicheGanze.
Sprachgebrauch:neurodivergent=f reinzelnePersonen:«DasKindistneurodivergent»(seinGehirnarbeitetandersalsderstatistischeDurchschnitt).Neurodivers=f rGruppenoderSysteme:«EineneurodiverseKlasse»(dortgibtes verschiedeneneurologischeFunktionsweisen).
schichteisteinevonWuchtundZ rtlichkeit–unddabeiimmer wiedervollerHumor.DennmanchmalwarLacheneinfachdie bessereAlternativezurVerzweiflung.
VielederLernprozesse,dieichoftaufdieharteTourdurchlaufenhabe,habenmichreifenlassenundSch tzeinmirangeh uft.SokannichnichtnurandereBetroffeneinderTiefeverstehen,sonderndarfauchTippsundalltagstauglicheStrategien zurUnterst tzungweitergeben,diemichselbst berWasser gehaltenundunserFamiliensystemgest rkthaben.GanzbewusstschließtdaherjedesKapitelmiteinemTeilab,derEltern hilfreicheImpulsegibtundeinl dtzuReflexionundPraxis. DazuwerdenalleKapitelundThemenerg nztdurchExpertenwissen,welchesichalslangj hrigeSonderp dagogininkompaktenWissensfensterneinfließenlasse.
Ichw nschemirvonHerzen,dassdeinAlltag,dervielleicht ofteinpermanenterAusnahmezustandist,soeinwenigleichterwird–einAlltagmiteinerFamilie,diebeiallerLiebeund Anstrengungsehrwahrscheinlichnie«normal»seinwird.Als Sonderp dagoginbegleiteichseitvielenJahrenKindermitbesonderenBed rfnissenundihreFamilienimAlltag.Dadurch weißich,wieverschiedenLebenswirklichkeitenseinkçnnen–undwiesehrjedesFamiliensystemseineeigenenK mpfeund St rkenhat.Miristbewusst,dassmancheWegenochherausfordernderverlaufenalsunserer.Icherz hlehiernichtvonmeinenErlebnissenundGrenzerfahrungen,umVergleichezuziehen,sondernumAnteilzugeben.WenndudichinTeilen davonwiederfindestunddarinOrientierungoderErmutigung sp rst,erf lltdiesesBuchseinenZweck.
WenndualsP dagogeoderP dagogindiesesBuchliest, freueichmichganzbesonders berdeineLeidenschaft,Kinder mitbesonderenBed rfnissenbesserzuverstehen.AlsSonderp dagoginaneinerinklusivenSchuleweißich,wieeinAlltag alsFachkraftmitallseinenbegrenztenKapazit tenaussieht.
DasGeschriebenegibtdireinentieferenEinblick,wasEltern vonneurodivergentenKinderntagt glichanEnormemleisten, welchhoheBelastungundinnereAnspannungsiebew ltigen, welcheZweifel,Schuldgef hleundHerausforderungensiehaben.UndwieKindermitADHS«ticken»undwarumundwas sieunterst tzt.
DazugeheichindenWissensfensternauchjeweilsausdr cklichaufp dagogischeFachkr fteeinundzeigeausmeinersonderp dagogischenErfahrungauf,welcheHaltungen, StrategienundImpulsen tzlichseinkçnneninKita,Schule undAusbildung.Ichw nschedirsehr,dassdudavonprofitierstunddeinherausfordernderAlltag–indemauchduso vielbew ltigst–etwasleichterwird.
Icherz hlemeineGeschichtechronologisch,dochdukannst mitdemLesendiesesBuchesauchdortbeginnen,woihrgeradealsFamiliestehtoderwodualsp dagogischeFachkraft wirkst.DasInhaltsverzeichniszeigtdir,umwelchesKindesundJugendalteresimjeweiligenKapitelgeht.Fanggernmit derPhasean,dief rdichgeraderelevantist.
Ichw nschemirsehr,dassdichdieLekt reinspiriert,ermutigt,entlastetunddeinenHorizontneuweitetf rdieKinder, diedubegleitest,undauchf rdichselbstunddeineMçglichkeiten.
Herzlich,Nadine
P.S.:DieInhaltemeinesBuchesdienenderallgemeinenInformation berADHSundangrenzendeThemen.Sieersetzen keineindividuellemedizinischeBeratung,DiagnoseoderBehandlung.BittestimmemedizinischeMaßnahmen–insbesondere nderungenvonMedikation,TherapieoderNahrungserg nzung–immermitdeiner rztin,deinemArztodereiner anderenqualifiziertenFachpersonab.Diesgiltinbesonderem Maßew hrendSchwangerschaftundStillzeit.
IchwarjungundvollerIdeale.AlsichmitvierundzwanzigJahrenheiratete,warichmitteninmeinemStudiumzurSonderp dagogin.Martin,meinMann,standkurzvordemAbschluss seinesMedizinstudiums.Ichzogzuihmindieausgebaute DachwohnungseinesElternhauses.MeineSchwiegereltern wohntenimunterstenStockwerk,zweivonMartinsGeschwisternhattenaufdemgemeinsamenGrundst ckgebautundlebtenmitihrenFamilienebenfallsdort.
AuchmitmeinereigenenHerkunftsfamiliehatteich ber vieleJahreineinemMehrgenerationenhausgelebt–sp ter auchineinereigenenWohnung,dieichmirmiteinermeiner Schwesternteilte,undsowechselteichnunvoneinemGroßfamilien-Settingindien chste«Kommune».IndiesemgemeinschaftlichenKontextw rdenwiralsounsereKinder großziehen.InmirwarensovieleBilderundIdealvorstellungen– berFamilieundGemeinschaft,einoffenesHausmit gelebterfamili rerGastfreundschaft, berdieFreudedes Mutterseins,erf llendeElternschaftundheileWeltmiteigenenKindern.
Alsichdannschwangerwurde,warich bergl cklich.Nun solltesichderTraumeinereigenenFamilieerf llen–einerkleinenWelt,inderLachen,HarmonieundLiebedenAlltagpr g-
ten.DochdieerstenWochennachMax’Geburtwarensoganz undgarnichtvonzartenMomentendesKennenlernensoder desMuttergl cksgepr gt,sondernvoneinerstetigenAnspannung.Maxschrievielundließsichkaumberuhigen.Nichtnur, weilerHungerhatteoderihnKolikenplagten.Nein,erwar voneinerunaufhçrlicheninnerenUnruhegetrieben,dieuns wenigebeschaulicheMomentebescherte.Soanstrengendhatteichesmirnichtvorgestellt!St ndigfragteichmich,wasich falschmachte.DaspermanentedurchdringendeSchreienmeinesS uglingsbrachtemichansLimit.
Dazukam,dassichdurchdieheftigeGeburtselbstgeschw chtundinmeinerMobilit tsehreingeschr nktwar.Das idyllischeBild,wieichmeinenS uglingstillteundwirdabeiinnigeGemeinschaftgenossen,zerbarstebenfallsschnell:Das Stillenwurdef rmichbaldsehrschmerzhaftundbelastend. Nat rlichsuchteichmirRat,bekamvieleTippsvonanderen M ttern,vonmeinerHebammeoderausderFachliteratur. Dochnichtshalf.DieinnereUnruhehieltMaxauchvomSchlafenab,wasmichbaldverzweifelnließ.St ndigweckteersich selbstaufundhattesowohltags beralsauchnachtsjeweils nurkurzeEpisoden,indenenerwegnickte.
IndieserLebensphasedieeigenenBed rfnissehintanzustellenundqualvollenSchlafmangelzu berleben,kennen wohlallefrischgebackenenEltern.Dochwennichmeine FreundinnenundanderejungeM tterbeimPEKiP,im SchwimmkursoderinderKrabbelgruppevonihremAlltagerz hlenhçrte,bekamicheineAhnungdavon,dassesbeiuns tats chlichextremlief.AuchwasdieSchlafphasenanging,erfuhrich,dassessichbeianderenzumindestumeinpaarStundenhandelteundsichmeistnacheinigenMonateneingependelthatte.Wirdagegenkamen berdiehalbeStundekaum hinausundhattenselbstnach bereinemJahrnochkeinen halbwegsgeregeltenSchlafrhythmus.IchwarderErschçpfung
18 1Baby-undKleinkindjahre
nah,redetemirabergutzu,dassdieseBabyphaseirgendwann vorbeigehenw rde.
DaMartinundichbeideingroßenFamilienmitvielenGeschwisternaufgewachsenwaren,w nschtenwirunstrotzaller Herausforderungensehr,alsFamilieweiterzuwachsen.AnderthalbJahrenachMaxkamunserzweiterSohnAntonzur Welt.
WarendieTageundN chtedurchMaxschonzehrend,so potenziertesichnunalles:dieUnruhe,dasSchreien,die schlimmenN chte.F rdasSchreiengabesbeiAntoneineUrsache:BereitsimBauchhatteersichalsmotorisch ußerstrege angek ndigtundkurzvorderGeburtinQuerlagegedreht,sodassermiteinerschmerzhaftenProzedurvonaußengewendet werdenmusste.DieeingeleiteteEntbindungwarlangwierig undf runsbeidesehrfordernd.
DadurchbildetesichbeiunseremzweitenSohneineBlockadeimNackenbereich–dassogenannteKiSS-Syndrom, wasungl cklicherweiselangenichterkanntwurde.Anton schriealsovorSchmerzen.DochdieKinder rzte,diewirdeswegenaufsuchtenundaufdievermuteteSymmetriestçrung hinwiesen,unternahmennichts.Ichbekamlediglichden Hinweis:«BevorSieIhrKindandieWandklatschen,melden SiesichbeiderSchreiambulanz!»DaswarbeiWeitemkein einf hlsamerRat–auchwenndieSchreiambulanzeinesehr guteAdresseist,wennsichzur berforderungWutaufdas Kindeinstellt.Aufmichtrafdasnichtzu;meineVerzweiflung richtetesichmehrgegenmichselbst,wasichdennfalsch machte.
WennderStartholprigwar–WasisteinKiSSSyndrom?
Fachlicherkl rt
BeimKiSS-Syndrom(Kopfgelenk-induzierteSymmetrie-Stçrung)handeltessichumeinefunktionelleBlockadeimoberenBereichder Halswirbels ule–meistdurcheineung nstigeLageimMutterleibverursachtoderdurchZugkr ftew hrendderGeburt. DieseBlockadekannzueinerasymmetrischenkçrperlichenEntwicklungf hren:EinseitigesKrabbeln,ungleichgenutzteH nde odereineinsgesamthoheMuskelspannungsindtypischeMerkmale.AuchEinschlafproblemeoderausgepr gtesSchreieninden erstenLebensmonatenkçnnendamitzusammenh ngen.Einige FachleutevermutensogarZusammenh ngemitsp terenAufmerksamkeitsstçrungenwieADHS–auchwenndieForschungsergebnissedazunochnichteinheitlichsind.
HeutewirddasKiSS-Syndromdeutlichh ufigererkanntalsnochAnfangder2000er-Jahre.VieleKinder rzte,HebammenundTherapeutinnenachteninzwischengezielteraufFr hzeichen.Daserleichtert nichtnurdieDiagnose,sondernermçglichtoftaucheinesanfte,fr he Behandlung–bevorsichFolgesymptomeverfestigen.Trotzdem bleibtdeineBeobachtungalsElternteileinzentralerBaustein:DuerlebstdeinKindjedenTag–undsp rstoftalsErste,wennetwasnicht stimmigwirkt.
Washierhilfreichist
F rdichalsElternteil
& Achteauffr heHinweise: DrehtsichdeinBabyfastimmerzurselbenSeite?Schreitesauff lligviel?HatesProblemebeimStillen oderTrinken?
20 1Baby-undKleinkindjahre
& SprichmitdeinemKinderarzt oderdeinerHebamme berdeine Beobachtungen–auchwenndudirnichtsicherbist.
& SuchdireineerfahreneKinderosteopathinodereinenManualtherapeuten mitZusatzausbildungf rS uglinge.SanfteTechniken kçnnenvielbewirken–oftreichenschonwenigeSitzungen.
F rp dagogischeFachkr fteinderKita
& BeobachtedieHaltungdesKindes imSpiel:Sitztesh ufigschief? Bewegtessichauff lligeinseitig?NutzteseineHandseltener?
& FçrderegezieltbeideKçrperseiten: KrabbelspieleaufMatten,Balancierangebote,H pf bungen–alles,wasKoordinationanregt.
& SprichdeineBeobachtungenbehutsambeidenElternan –ohne Bewertung.ZielisteinegemeinsameEntwicklungsbegleitung, keinevorschnelleDiagnose.
DasStillenwarbeiAntonsogarnochherausfordernderals beiMax.ErfandnichtzurRuhe,zappelteoderversteiftesich starkundkamkaumzumTrinken.NachwenigenSchlucken trankernichtweiter,schrie,ichliefmitihmdurchsZimmer, legteihnwiederan,dochdieUnruheblieb.KeinWunder, dasserkaumanGewichtzunahm.DassichaufdieFlasche umstellenkçnnte,kamf rmichzudiesemZeitpunktnicht infrage.Ichwusstedoch,wiewichtigdasStillenwar,und hieltdaranfest.
SohatteichdenAnspruch,beideKindereinhalbesJahrlang vollzustillen,undgaballesdaf r.AuchmeineHebammeermutigtemichdazu,dasStillenweiterzuversuchen.Dochbald schon berkammicheineheftigeNervosit t,alleinwennich AntonzumStillenanlegte.SeineUnruhe bertrugsichauf mich.Wennerfertiggetrunkenhatte,wandersich,rissherum oderversteifteseinenkleinenKçrper.
IchsitzemiteinerFreundinundihremS uglingzusammen,auch siestilltihrBaby.DabeinehmeichdieKonzentrationundRuheihresKindesbeimTrinkenwahr.Alsesfertigist,schl ftessattund zufriedenimArmderMutterein.Inmirdagegenwirbeltesnervçs, vor,w hrendundauchgeradejetzt,nachdemStillenvonAnton.
AuseinemImpulsherausbitteichdieFreundin,einmalihrBaby haltenzud rfen.AlsichdanndaskleinefriedlichschlafendeB ndelaufmeinemArmhabe,dasgleichm ßigeAtmenwahrnehme undsp re,wiesichderwarmeKçrperschwerundentspanntan meinenlehnt,durchstrçmtmichunvermitteltFrieden.DiesesZurRuhe-KommenkenneichvonmeinenKindernnicht.
ImmerwiederbitteichvonnunanmeineFreundinnenoder Schwestern,einmalihreBabyshaltenzud rfen,ummichzuberuhigen.
Nat rlichkamichmitdemStillenauchnachtskaumzurRuhe undwardeshalbimmergefordert.ErholsamerSchlafbliebweiterhineinunerreichbaresZielundmeineSchlafstçrungen,die ichseitMax’Geburtentwickelthatte,verst rktensich.Mein Kçrperf hltesichanwieimpermanenten berlebensmodus. Immerwiederfragteichmich:Warumistesbeiunssoanstrengend?Wasmacheichfalsch?
MeinMannkonntemichwenigunterst tzen,daervonseinemDienstimKrankenhausoftsehrbeanspruchtwar.Lange Arbeitstageundregelm ßigeNacht-oderBereitschaftsdienste ließenkaumverl sslichegemeinsameZeitenzu.F runswares naheliegend,dassMartinsPriorit tderBerufwarundichim AlltagdieHauptverantwortungf rdieKindertrug.DaalleanderenFrauen,dieichkannte,dasauchschafften,warichder berzeugung,dassichesebensoalleinhinkriegenmusste.So lagendiet glicheBetreuungderKinder,dieschwierigenN chte,dasaufreibendeF ttern,das(vergebliche)Beruhigenund derHaushaltganzbeimir.
22 1Baby-undKleinkindjahre
DochauchwennmirdieseRollenaufteilungnormalerschien,f hlteichmichalleingelassenundschlitterteineinen Zustandst ndigerErschçpfung.Permanentwarichm de,hattegroßeSchwierigkeiten,michzukonzentrieren,f hltemich kraftlos,angespanntundverlorstarkanGewicht.DieSorge ließmichnichtlos,dassdieserZustandbeiunsnochlange Zeitanhaltenw rde.
WennderSchlaffehlt–Belastungdurchn chtliche Stçrungen
Fachlicherkl rt
Schlafmangelisteinederh ufigsten–undgleichzeitigammeisten untersch tzten–Belastungenf rElternvonneurodivergentenKindern. berl ngereZeithinwegkanndasdeinganzesSystemins Wankenbringen.
ChronischerSchlafmangelwirktsichaufKçrper,PsycheundBeziehungenaus.Stimmungsschwankungen,Reizbarkeit,Konzentrationsprobleme, ngsteunddepressiveVerstimmungenkçnnendieFolge sein.AuchdasImmunsystemleidet.BesondersstillendeM ttersind durchdiehormonelle,kçrperlicheundemotionaleDauerbelastung starkbetroffen.
Heutewirdzwarmehr berElternerschçpfunggesprochen–aber vielef hlensichdamittrotzdemallein.SchlafloseN chtewerdenzur Belastungsprobe.UndoftauchzumTabu.
Washierhilfreichist
F rstillendeM tter(nach rztlicherR cksprache) & Melatoninpr parate: InDeutschlandsinddieserezeptfreierh ltlich, aberinderStillzeitnichteinheitlichempfohlen.
& SanftepflanzlicheHelfer, dieinderStillzeitteilweisealsunbedenklichgelten,z.B.:
–Lavendelçl(alsRaumduftoderimBad)
–BaldrianwurzeloderHopfeninmoderaterDosierung(z.B.als Tee)
–PassionsblumeoderMelisse(z.B.alsalkoholfreieTropfen)
–Herzwickelmit therischen len:EinwarmerHerzwickel (feuchtes,warmesTuchaufderHerzregion,dar bereintrockenesTuch)kannberuhigendaufdasvegetativeNervensystemwirken.InKombinationmitwenigenTropfenLavendelçl wirdertraditionellzurFçrderungvonEntspannungundEinschlafbereitschafteingesetzt–besondersbeiinnererUnruhe, Anspannungoder«Gedankenkreisen»amAbend.1
& Gewichtsdecken: MancheM ttererlebendurchdensanftenTiefendruckBeruhigungundeinbesseresEinschlafgef hl–auch ohneMedikamente.
& Mini-Auszeiten: Auchzehnbisf nfzehnMinutenPowernapping (amTag)kçnnenhelfen,deinNervensystemsp rbarzuentlasten.
& Co-RegulationinderPartnerschaft: Fallsmçglich,wechselteuch nachtsmitdemKindab.AuchzweiungestçrteStundenSchlaf kçnnenheilsamsein.
F rElternallgemein
& Versuche,auchtags beretwasSchlafzubekommen: Wenndas Kindschl ft,ruhdichauchaus–oderlegdichhin,w hrendjemanddieKinderbetreut.
& SuchegezieltnachUnterst tzung: Schlafcoachingf rKleinkinder, Stillgruppen,Familienhilfe–f rEntlastungzusorgen,istkeinZeichenvonSchw che.
& GestalteeineAbendroutinef rdich –nichtnurf rsKind:warme Dusche,keinBlaulicht(Smartphoneetc.),Musik,Duft,W rmflasche.
24 1Baby-undKleinkindjahre
& AromatherapieamAbend: NebenLavendelçlkannauchZirbençl (Arve)oderKiefernçlunterst tzendwirken.Diese therischen le werdentraditionellmitErdung,BeruhigungdesNervensystems undeinerVerbesserungderSchlafqualit tinVerbindunggebracht –z.B.alsRaumduft,KissensprayoderBestandteileinesAbendrituals.2
& HçrevordemZubettgehenherzfrequenzregulierende Entspannungsmusik: z.B.im60-BPM-Bereich.
& FindeWege,deinGedankenkarussellzustoppen. SchreibebelastendeGedankenkurzauf,umsieausdemKopfzuentlassen(so kannz.B.einNotizbuchamBetthelfen);setzeeineninneren Stopp-Satzwie«F rheuteistgenug»;oderlenkedeineAufmerksamkeitbewusstaufetwasGleichfçrmiges,z.B.dasZ hlendeiner Atemz ge.
& Sprichdar ber: Schlafmangelistnichtbanal.HoldirR ckhalt–bei Fachkr ften,inElterngruppenoderinvertrautenGespr chen.
& WendeEntspannungsverfahrenan: z.B.AutogenesTraining,geleiteteFantasiereisen,ProgressiveMuskelentspannung.
& NutzeeineSchlaf-App: InDeutschlandgibtesbestimmtemedizinischgepr fteSchlaf-Apps,diesogarperRezepterh ltlichsind undvonvielenKrankenkassenbezahltwerden.Fragbeideinem ArztnacheinerVerordnung.
Washiern tzlichist
F rp dagogischeFachkr fte
& ErkennedieBelastunghinterm denAugen: Frageaktiv,wiees denElterngeht,ohnezuurteilen.
& Wertsch tzungstattErwartungsdruck: GibElterndasGef hl:«Es istokay,nichtalleszuschaffen!»
& BeimElterngespr ch: AchteaufZeitpunktundTon–ein berm detesNervensystemnimmtKritikschnelleralsAngriffwahr.
SieheauchimAnhangabS.324: ChecklisteSchlaf
Endlich,alsAntonachtMonatealtwar,hçrtenwirvomKiSSSyndromundsuchteneinenFacharztf rPhysiotherapieauf, derdieBlockadeimNackenbereichlçste.Danachbehandelte ihneineKinderosteopathinweiter.MitzehnMonatenwurde dasSchreienvorSchmerzenendlichweniger.«Jetztwirdalles besser!»,atmeteichhoffnungsvollauf. Dochdasersehntefamili reGleichgewichtstelltesichtrotzdemnichtein.
WiesehnteichmichnachmehrUnterst tzung!Dochzumeiner berraschungbliebendieSchwiegerelternimHauseher zur ckhaltend,wennichumHilfebat.AuchdieanderenFamilienaufdemgemeinsamenGrundst ckhattenkleineKinder undwarenselbsteingebunden.
Sowarichw hrendderKleinkindphaseunsererJungsim Alltagoftaufmichalleingestellt–trotzdesgemeinsamen Wohnens.MeineVorstellungvonunseremMiteinanderund dietats chlicheErfahrunggingendabeisp rbarauseinander. NurinAusnahmesituationenwarHilfemçglich.Somussteich meineErwartungenindieserPhaseandieRealit tanpassen. Sp terwurdemirbewusst:F rvieleFamilienmitwenigerherausforderndenUmst ndenh ttedasvermutlichgen gt.In unsererbesonderenSituationjedochreichteesnichtaus–es kameinfachvieleszusammen.
Dankbarwarich,dassmeineMuttereinmalproWocheam Nachmittagkamundmichentlastete,indemsiemiteinemder Kinderspazierengingoderesbesch ftigte.Auchmeine Schwestern,dieselbstkleineKinderhatten,nahmenallepaar MonateeinenderJungs berNachtzusich,sodassichmaleine ruhigereNachthabenkonnte.
26 1Baby-undKleinkindjahre
Irgendwannstellteichfest,dassichamTagmanchmalnicht mehralseineMandarineaßundvierzehnKiloabgenommen hatte.BeimArzterhieltichschließlichdieDiagnoseInsomnie (Schlafstçrung)undchronischerErschçpfungszustand.Außerdemwurdemirattestiert,dassesmirdeshalbnichtmehrzuverl ssigmçglichwar,denHaushaltalleinzubew ltigen.Sotraf essich,dasseineBekannteeinenNebenjobalsHaushaltshilfe suchte.AufgrunddesAttests bernahmdieKrankenkassef r einigeWochendieKostenf rsolcheineUnterst tzung.
VonnunankammeineBekanntemehrereStundenproWochezuuns.WennsienachdenKindernsah,gingicheinkaufen odererledigteandereDinge;k mmertesiesichumdieW sche oderputzte,besch ftigteichmichmitdenKindern.Etwasf r michzutun–imWaldspazierenzugehenodermichhinzulegen–,kammir berhauptnichtindenSinn.DennochwardieseUnterst tzungeineRiesenentlastungf rmich.
HilfehatteichmirauchbeidenKinder rztenerhofft,f hlte ichmichaberlangenichtverstanden.Schließlichhattensiedie BlockadebeiAntonnichterkannt,alsichmehrfachverzweifelt mitmeinemSchreikindvorstelliggewordenwar.Zudemwar jederdervielenBesuchebeimArzteinunvorstellbarerKraftakt.
AuchheutefahreichwiedermitmeinenKleinenzumArzt.Siehabenst ndigInfekteundKrankheiten.SchondieAutofahrtisteine Tortur:BeideKinderbr llenaufderR ckbankwieverr ckt,Anton machtsichinseinemKindersitzkomplettsteifundl uftrotan,Max trommeltmitdenF ßengegendenVordersitz,dannfliegtein SchuhanmeinemKopfvorbeiundknalltgegendieArmatur.
MitangekratztenNervenbetreteichdiePraxis–denunruhigen MaxanderHand,AntonzappelndundschreiendaufdemArm.Im Wartezimmeristesimmeramschlimmsten:LauthalsgehtMax berTischeundB nke,trampeltaufdemSpielzeugherum,Anton klettertanmirhoch,ziehtanmeinenHaaren,patschtinmeinGeHilfevonaußen
sicht,baldquengelnundschreienbeide,ohnedassichsieberuhigenkann.
Ichsprecheleiseundberuhigendaufsieein,ermahne,versuche,ihnenetwasvorzulesen,holeGetr nkeundkleineSnacks hervor,diebeiLaunehaltensollen.Dochallesverpufft,bevores wirkenkann.DieanderenM tterhabenKinderaufdemSchoß, diesie berwiegendbeinormalerLautst rkebesch ftigenkçnnen. AberAntonundMaxsprengenhieralles.DerSchweißl uftmirden R ckenhinunter.
Alswirendlichnach bereinerStundeaufgerufenwerden,setzt sichdieSituationimSprechstundenzimmerfort.Antonwindetsich aufmeinemArmundbr llt,Maxklettert berdieLiegeundden Arzttisch.DieUntersuchungistnahezuunmçglichundnurmit K mpfenundgroßerAnstrengungzuschaffen.FixundfertigverlasseichdiePraxis.WiejedesMal.
ImmerhinquittiertenmirdieKinder rzteschonfr h,dasswir sehrauff lligeKinderh tten,die ußerstunruhigseien.So wurdewenigstensmeineWahrnehmungobjektivbest tigtund dieFrage,warumesbeiunssoanstrengendwar,teilweisebeantwortet.EslagalsonichtanmirundmeinemUnvermçgen!
DieseUnruhe,dasdeutlicherhçhtekçrperlicheAktivit tsniveau, insbesonderebeiunseremzweitenSohn,warschonseitdem S uglingsalterauff lliggewesen.Dahatteichineinerbesonders verzweifeltenNachteinehilfreicheEntdeckunggemacht:IchhattedenschreiendenAntonschließlichindenKinderwagengelegt undwarmitihmnachdraußenindiedunkleNachtgegangen.
Tats chlichwurdeerbaldruhig:DasRuckelnaufderholprigen,ungepflastertenSandstraßewiegteihnindenSchlaf.So-
28 1Baby-undKleinkindjahre
balddieR deraufglattemAsphaltfuhren,wurdeAntonaber wiederunruhig.IchschuckeltedenWagenhinundher. ußere UnruheschienseineinnereUnruheauszugleichen.Stillstand undUnbeweglichkeithingegen–mankçnnteauchsagen: Ruhe–verst rktenAntonsRastlosigkeit.
JetztwurdenmirdieZusammenh ngeklar:Ganzfr hhatteer sichschonausTraget chern,dieanderenBabysangenehmHalt undN hegaben,herausgewundenundumsoenergischergeschrien.IhnruhigaufdemArmoderetwaimFliegergriffzuhalten,warauchnichtmçglich.Einegleichm ßige,sanfteBewegung reichteihmnichtaus.Ichmussteihnherumwirbelnundf r mehrBewegungsorgen,damitdasSchreienaufhçrte.Wenn ußerlichetwasruckelteoderbebte,konnteerentspannen.Genausohalfes,seinKçrbchenaufdielaufendeWaschmaschinezu stellen,woerbeimSchleudergangsanftdurchgesch tteltwurde.
Auff lligwarauch,dassbeideJungsunglaublichfr hmobil waren.BesondersAntonwarf rseinAltermotorischsehr weit.Alskçnnteeresnichterwarten, bersprangerdasKrabbeln,fingnachdemHerumrutschenaufdemPoinnerhalbvon wenigenTagendirektanzulaufenundließauchdenSportwagen(Buggy)linksliegen:NachseinenerstenGehversuchen schwangersichgleichaufsLaufradundbraustedavon.
BewegungsdrangbeiADHS
Fachlicherkl rt
VieleKindermitADHSzeigenschonimfr henAltereinausgepr gtes Bed rfnisnachBewegung.Siesindst ndiginAktion,laufen,klettern, wackeln–alsh ttensieeinenkleinenMotorimKçrper.F rAußenstehendewirktdasschnellnervçsoderunerzogen,dochtats chlichver-
suchtdasKind,seineninnerenSpannungszustanddurchBewegung zuregulieren.
Die«Steuerzentrale»(pr frontalerKortex)–derTeilimGehirn,derf r Impulskontrolle,PlanungundAufmerksamkeitzust ndigist–entwickeltsichbeidiesenKindernlangsamer.
Auchdas«Filterzentrum»(Thalamus)imGehirn,dasReizesortiert,ist beiADHSwenigeraktiv.DeshalbreagierenbetroffeneKinderst rker aufL rm,Licht,Ger cheoderUnvorhergesehenes–undbewegen sich,umdasChaosimKopfzuberuhigen.Bewegungistalsonicht dasProblem,sondernoftdieLçsung!
Washierhilfreichist
F rdichalsElternteil
& KindlicheImpulsewertsch tzen: Statt:«Hçraufzuzappeln!»,lieber: «DeinKçrperwillsichgeradebewegen–dasistokay.Mach’sso:…»
& ErmçglichedeinemKindsensorischeRegulation: schaukelnauf demArmoderineinerWiege,holprigeWegemitdemKinderwagenetc.
& Wichtig: Kinderniesch tteln! DaskannirreparableSch denim Gehirnverursachen.
& Massagen mit lunddenH ndenbeiS uglingenoderbeietwas lterenBabysmiteinemIgelballbringenEntspannung.Anvielen OrtengibtesKursef rBabymassagen.
& Gewichtsdeckennutzen: Diesehelfen,dassdasKindseinenKçrperbessersp rt,undbringendurchihrGewichtdieNervenzur Ruhe.
& Bewegungermçglichen: PlanedeinenAlltagso,dassdeinKind sichh ufigbewegendarf.Bewegungistf rdeinKindwieSauerstofff rsGehirn.
& KleineBewegungspausenhelfenbeimRunterkommen: h pfen, Hampelmann,Tierbewegungennachmachen,schaukeln.
30 1Baby-undKleinkindjahre
Washiern tzlichist
F rp dagogischeFachkr fteinderKrippeoderKita & Gestalte berg ngemitBewegung: VomSpielenzumWickeln: «LaufwieeinkleinerElefantzurMatte!»BeimAufr umen:«Sammle dieBausteinewieeinBaggerein!»
& KurzeBewegungsinselneinrichten: z.B.nachdemFr hst ck,vor demMittagsschlafusw.
& SchaffereizarmeRuheinseln, indiesichdasKindzur ckziehenkann.
DieFeinmotorikundauchdieSpracheließenallerdingsauf sichwarten–besondersbeiMaxzeigtensichDefiziteimVergleichzuanderen(gesunden)Kindern.Beidenkinder rztlichenRoutineuntersuchungenwurdeFçrderbedarffestgestellt undsonahmenwirErgotherapieundLogop dieinAnspruch, seitMaxvierJahrealtwar.WirhattendasgroßeGl ck,erfahreneundsehrunterst tzendeTherapeutinnenzufinden.
WiedereinmalbetretenwirdiePraxisderfreundlichenErgotherapeutin.Alssichwenigsp terdieT rzumBehandlungsraumçffnet unddie ltereFrauihrg tigesGesichtindenWartebereichstreckt, springenmeineJungs berm tigundmitstrahlendenGesichtern anihrvorbeiinsZimmer.«IchessegerneKackawurst»,ruftAnton undwirbeltherum.«Dubistjalustig,Anton!»,entgegnetdieTherapeutinundlacht.
DieT rschließtsich,ichgreifenacheinerderausgelegtenZeitschriftenundbl tteredarin.ObwohldasTherapierezeptaufMax l uft,nimmtdieerfahreneFrauoftauchAntonalskleinenBruder mithineinundintegriertihn.Dasistzumeinensehrhilfreichund sinnvollf rdiebeiden,weilsiewieFeuerundWassersindundso
oftinStreitundKonkurrenzzueinanderstehen;zumanderenistes eineunglaublicheWohltatf rmich.EineDreiviertelstunde,dieich alleinvorderT rwarteundeinwenigentspannenkann.
NachkurzerZeitdringtausgelassenesLachenderKinderund derTherapeutinzumirindenFlur.MeinBrustkorbweitetsich,mir schießenTr nenindieAugen.Endlichistdajemand,dermeinen JungsvollerWeitherzigkeit,Verst ndnisundHumorbegegnet!Der siebest rktinihremSo-Sein,ihren«Blçdsinn»lustigfindetund dankgroßerBerufserfahrung«nebenher»spielerischdieFeinmotorikfçrdert.UndwennesmithilfevonausdauerndemUno-Spielen oderSands cke-Werfengeschieht.
EndlichmaleinOrt,andemmeineKindernichtreglementiert werden,sondernungefiltertundunkommentiertklecksen,toben, kletternunderz hlenkçnnen…WosiebedingungsloseAnnahme erlebenundihrSelbstwertgef hlgest rktwird.KeinWunderkommensiegernhierher!
Ichatmetiefein.Wiebinichdankbarf rdieseErgotherapeutin. AlssichdieT rf nfundvierzigMinutensp terwiederçffnet,rennenzwei berm tigeJungsaufmichzu.«IhreKinderhabenvielleichtHumor!»,sagtdieTherapeutinmitfreudiganerkennender Stimme.«Undheutehabensieganzef nfzigSands ckegegen dieWandgeworfen.Wasf reineEnergie!»Dankbarl chleichdiesewunderbareFrauan,verabschiedemichundgehemitdentobendenJungsinRichtungParkplatz.
GenausoerlebtenwiresinderLogop die.DieLogop dinbegegneteMaxmitderselbenweiten,weichenAufmerksamkeit wiedieErgotherapeutin.Siehçrteihmnichtnurzu–sie hçrte ihn. WennMaxinGeschichtenabbog,Nebens tzeerfand,Bildermiteinanderverband,dienurinseinemKopfexistierten, wardasf rsiekein«Abschweifen».EswarKreativit t.«In MaxsteckteinErz hler»,sagtesieeinmalmiteinemwarmen, hellenL cheln.Undsiemeinteesgenauso.
32 1Baby-undKleinkindjahre
SiemochteseineArt,SprachealsSpielraumzubegreifen,als etwasBewegliches,Lebendiges,Unfertiges.Sieorientiertesich nichtausschließlichamTempooderoballeskorrektformuliert war,sondernließFantasieundsprachlicheEigenwegebewusst miteinfließen.
«InMaxsteckteinErz hler.»DieserSatzblieb.Erst rkteetwasinMax.Undinmir.
Wasichhiererfahrenhabe,wurdemirsp terinmeinemBerufals Sonderp dagoginzueinerwichtigenGrundlage:InmeinenElterngespr chenanderSchule,inderBeratungvonElternzuihremKind mitbesonderenBed rfnissenoderauff lligemVerhaltenistesmirausgesprochenwichtig,positiveAspektezuerw hnen.DieQualit tendes Kindesaufzuz hlen,dieSt rkenund«Superkr fte».AuchKinder,die imAlltagstarkherausfordern,bringenindividuelleSt rkenmit.
HeuteversteheichdieseHaltungalsbewusstep dagogische Entscheidung:ElternerlebenmichimSchulterschluss,miteinerannehmendenundgrunds tzlichbejahendenSichtaufihrKind.ImVordergrundstehtf rmicheinetragf higeArbeitsbeziehung,inderpersçnlichesWachstummçglichwirdundElternwieKindersichsicher undernstgenommenf hlen. AufdieseWeisekçnnenwirauchkonstruktivThemenbesprechen wieFçrderbedarfe,notwendigeUnterst tzungoderauchentwicklungsrelevanteKorrekturen–aberimmerineinemRahmen,derdas Kindwertsch tztunddieElternunterst tzt.Dazugehçrtf rmich auchdiefachlichbegr ndeteEntscheidung,nichtjedesVerhaltensofortzureglementieren. EntwicklungbrauchtStruktur–aberebensoSpielraum.Woalles «kontrolliert»wird,entstehteherDruckalsSicherheit.
Die

NadineIsing(geb.1975)istSonderp dagoginundLehrerinan einerinklusivenGrundschuleinBrandenburg.Zuvorhatsie alsBlindenp dagogininBerlingearbeitet.Alsausgebildete SystemischePersonalCoachundLerntherapeutinbegleitetsie MenscheninherausforderndenLebenssituationen.IhreberuflicheundpersçnlicheErfahrungpr gtihrenBlickaufKinder mitbesonderenBed rfnissenunddieLebensrealit tihrerFamilien. bervieleJahrehatsiesichzudemimKinder-und JugendschutzsowieinderElternberatungengagiertundwar ehrenamtlichinderKinder-undJugendarbeitihrerKirchengemeindet tig.

AndreaSpechtistLiteratur-undKulturwissenschaftlerinund arbeitetalsfreieAutorinundLektorin.MitihremMannundihrenbeidenKindernlebtsieinPotsdamundliebtB cher,Sprachen,Natur,Kunst,KulturundReisen.DurchihrenengenBezugundihrebesondereLeidenschaftf rNepalhatsie2016 einenVereingegr ndet,dersichf rschutzbed rftigeKinder undMenschenindiesemwunderschçnenLandengagiert.
https://www.fuernepal.de/ https://www.textgehalt.de/
berdieAutorinnen