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www.fontis-verlag.com

MakotoFujimura

MakotoFujimura

KunstundGlaube

EineTheologie

deskreativenSchaffens

AusdemEnglischen

vonAnjaFindeisen-MacKenzie

BibliografischeInformationderDeutschenNationalbibliothek DieDeutscheNationalbibliothekverzeichnetdiesePublikationinderDeutschen Nationalbibliografie;detailliertebibliografischeDatensindimInternet ber www.dnb.deabrufbar.

DerFontis-Verlagwirdvon2021bis2026 vomSchweizerBundesamtf rKulturunterst tzt.

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DiesesBucherschienzuerstaufEnglischunterdemTitel«ArtandFaith», Copyright 2020byMakotoFujimura. OriginallypublishedintheUnitedStatesbyYaleUniversityPress.

DieBibelstellenwurden,soweitnichtandersangegeben, folgender bersetzungentnommen: Hoffnungf ralle ,Copyright 1983,1996,2002,2015byBiblica,Inc. . HerausgegebenvomFontis-VerlagBasel.

Weitere bersetzungen: SLT–BibeltextderSchlachter.Copyright 2000GenferBibelgesellschaft. WiedergegebenmitfreundlicherGenehmigung.AlleRechtevorbehalten. L–Lutherbibel,revidiert2017, 2016DeutscheBibelgesellschaft,Stuttgart NG –BibeltextderNeuenGenfer bersetzung–NeuesTestamentund Psalmen.Copyright 2011GenferBibelgesellschaft.Wiedergegebenmit freundlicherGenehmigung.AlleRechtevorbehalten.

Lektorat:Dr.TabeaRichardson Umschlaggestaltung:MaikeHçfer,strawberrystudio.de Umschlagillustration:MakotoFujimura AutorenfotoS.239: WindriderProductions Satz:InnoSETAG,JustinMessmer,Basel Druck:Finidr

GedrucktinderTschechischenRepublik

ISBN978-3-03848-310-6

1DieheiligeKunstdesSchaffens..........21

2Kreativit

3Schçnheit,BarmherzigkeitunddieneueSchçpfung59

4Kintsugi......................77

5F rsorgeundLiebe,dasWerkdesSchaffens...103

6DieZukunftmitdenAugendesHerzenssehen...123 7FantasieundGlaube................139 8DerWegzumNeuenf

Vorwort vonJohannesHartl

DasGef hlbeimerstenKontaktmitMakotoFujimurawerdeich nievergessen.EinebefreundeteDesignerinhattemirdasd nneB chleindiesesmirunbekanntenNewYorkerK nstlers berreichtundzwischendenZeilenseinespoetischenEnglisch entspannsicheinZauber,dermicheigenartigber hrte.Hier waretwasZartes,daszugleichkraftvollwarundmichSeitef r Seiteweiterzog.HierwarKunst,dochdurchatmetvonGeistlichem,beinaheprophetisch.MichließdieLekt retiefbewegt zur ck.ErstalsichJahresp terinLondonzumerstenMalvor einemseinerBilderstandundmitMakotoFujimuraselbst sprach,f gtensichdieeinzelnenPunktezurgesamtenGestalt. EineGestalt,dieunsetwaszuzeigenhat.EineBotschaft,die nunendlichaufDeutschvorliegt.

WasKunstkannundwarumwirdasSchçneinunseremLebennichtmissenmçchten,klingtzun chstnacheinerakademischenFrage.SehenwirunsselbstaberbeimLebenzu, bezeugenwirst ndig,dassunsbeideswichtigist:Wirgeben Geldausf reinenBesuchimMuseum,wirbevorzugenden schçnerenVorhanggegen berdemwenigerschçnen,auch wennerteurerist.

WasalsohatesmitderSchçnheitaufsich?Undnochprziser:mitderKunst?DieaufderHandliegendenvorl ufigen Antwortenzuerst:Kunstkannerfreuen;siekannschçnsein unddemAugeschmeicheln.Dochfreilich:PicassosBild«Guer-

nica»istwedererfreulichnoch«schçn»;esisteinBild,dasmit ergreifenderPr senzdieSchreckendesKriegesvorAugen f hrt.BeiWeitemnichtalleKunsterfreutundauchnichtalleist «schçn».

WasKunstihremWesennachist,erschließtsicheher,wenn wirunsindieHaltungdesBetrachtersversetzen:WarumbleibenLeutevorMonetsSeerosenminutenlangstehen,weshalb ziehenMarkRothkosabstrakteGem ldesoindenBann?Das istnichtleichtzusagen.«WasmçchtederK nstlerunsmitdem Bildsagen?»,sofragtderetwasunbeholfeneKunstlehrerund dieeinzigrichtigeAntwortdaraufw re:«Garnichts;dennh tte erunsetwassagenwollen,soh tteernichtzumalenbrauchen.»

InderKunsterçffnetsichetwas,dasebennichteinfachgesagt,nichteinfachinsWorthafte bersetztwerdenkann.«Die GrenzenmeinerSprachesinddieGrenzenmeinerWelt», schriebeinstLudwigWittgenstein,dergroßePhilosophder Sprache.Freilichhaterirgendwierecht.«Wassich berhaupt sagenl sst,l sstsichklarsagen»,soschreibterinseinem «Tractatus»(1922),dochnur,umsp terzurelativieren,dasses auchdasMystischegebe–jenes,dasmanebennichtaussagen,dassichnurzeigenkçnne.

WasalsozeigtsichdemBetrachterderKunst?Esistein Ganzes,einWesentliches,dasihnanspricht.Etwas,dasseine Grenzensprengtundsichebennichtaufdasbeschr nken l sst,wasichverstehenundaussagenkann.DerK nstlerist einGrenzg nger.KunstistnichtdasechteLeben.Dochsieist nichtwenigeralsdas:eineErinnerungandasganzeLeben, eineEinladungzueinemwesentlicherenSehen.

DieinstrumentelleVernunft,diez hlt,verarbeitetundinleicht reproduzierbareWissensgehaltezerteilt,feiertSiegesz gein

8 VorwortvonJohannesHartl

einerEpoche,dieauchsonstvonForschungundKommerzbestimmtist:Wirwollendurchleuchten,z hlen,messen,beherrschen,manipulieren,verbrauchen,unterwerfen.Freilichistdas Lebenvielmehralsdas.WerMusikhçrt,weißdas.Indemich einbestimmtesMusikst ckgenieße,befindeichmichselbstin einemanderenSeinsmodus.Ichlassemichber hren,ichgerateinSchwingung,dasEgostehtnichtmehrimMittelpunkt.Im MomentdesGenussesderKunstgehtesnichtmehrummich selbstallein–undgenaudasistdiePointe.

ReligiçsistsolchesGeschehennochnicht;dochesistnicht schwerzuverstehen,warumKunstundGlaubesichimmerber hrthaben.WoderMenschreligiçswar,dahaterKunsthervorgebracht.Undselbstda,woernichtmehrreligiçsist,umgibterdieKunst,dieerliebt,mitbeinahsakralerEhrerbietung.

Ja,esgehtbeiderKunstumalles.UndsokannMakotoFujimuranichtgenuggedanktwerden,dasseralsK nstler berdie KunstundihrenSitzinunsererWeltnachdenkt.Ertutdasnicht zuf lligundnichtdilettantisch.EristeinStarderNewYorkerSzene,seineBilderwerdenf rhoheSummengehandelt.

Wassiejedochauszeichnet,istdasselbe,wasauchseinem geschriebenenWortinnewohnt:Tiefe.WervorseinenBildern steht,erkenntvielleichtzun chstnurgroße,abstrakteFarbflchen.ManmusseinpaarSchrittezur ckgehen,umdieStrukturenzuerkennen.ManbrauchtZeit.HierwirdinSchichten gearbeitet,inVorder-undHintergr ndigkeiten.Manchesistgemalt,andereserscheintzuf lliggeflossen,zerronnen.DerSinn erschließtsichnichtsofort;esisteineleise,abstrakte,tats chlichstereotypischsehrjapanischeKunst.

Manmusswiederherantreten,umdasGlitzernderKristalle zuerkennen,dennMakotoFujimuraarbeitetinaufwendigen VerfahrenmitkostbarstenNaturpigmenten.Eshandeltsichum

Bilder,dienichtperfektsind.Bilder,diesichdervorschnellen Erwartungandasentziehen,wasmansogleicherkennenund «abhaken»mçchte.SiebrauchenZeit.

SowiediesesBuch.AuchseinReflektierenaufdieKunst changiertzwischenSchçnheitundGebrochenheit:Aufdieser SeitederEwigkeitistKitschunsverboten,dasFragmentarischebleibt.AlsK nstlerinderGesellschaftisteralsonichtKulturk mpfer,dereinerkaputtenWeltdasheileIdealvorAugen stellt,sondernVerwundeterunterVerwundeten.Einerjedoch, derumdieheilendenKr fteweißunddiesehineinfließenlassen willindieseErde.Kunst,sowieFujimurasieversteht,istTeilhabean tikkunolam, wieesdiej dischenMystikernennen,der HeilungderWelt.

DieseBalancezwischenfiligranerSchçnheitundradikaler Ehrlichkeit,zwischenderVerletzungundderAhnungderAuferstehung:dieseBalancegelingtFujimuranuralschristlichem Denker.TiefschçpfterausdenQuellenderGeheimnisseChristi:seinemLeiden,seinenTr nenundderNeuschçpfung,die ausdenWundenseinesgemartertenLeibesdieSchçsslingeeinesneuenGartensEdensprießenl sst.

UndsodurchleuchtetseineBildereineHoffnung,dienicht vondieserWeltist.NurvondortherkannErneuerungderKultur geschehenundjenseitsvonDef tismusundRealit tsfluchterçffnetsicheinWegzueinerErneuerungausderKunstheraus. DieserWegfreilichgehtdurchdieTr nen.Tr nenjedoch,die bereitsimLichteines berweltlichenSiegesglitzernwiedie GoldpigmenteindenBruchst ckeneinerKintsugi-Tasse.

Dr.JohannesHartl, Philosoph, TheologeundBestsellerautor

Vorwort vonN.T.Wright

MakotoFujimuraisteinerjenerseltenenK nstlermitderF higkeitzuerkl ren,wasertut,warumerestutundinwiefernseine BerufunginnerhalbseinergesamtenWeltsichteinenSinnergibt.DaseineSichtderWeltausdr cklicheinechristlicheund zugleichdurchauskomplexist,machtihndaserstrechtzueinemseltenenMenschen.

Wieerindiesemneuen,LebendigkeitausstrahlendenBuch darlegt,istesinderwestlichenKunstweltzueinerModegeworden,jeglichenGlaubenzuignorierenoderzuverachten,besondersdenGlaubenanJesusalsunserenHerrn.Ichweißnicht, obdiesesschonlangeherrschendeVorurteilvondaherkommt, dassjungeK nstlersichauflehnengegendiefr heren,starken TraditionenderchristlichenMalerei,oderobesandenhohlen, oberfl chlichenVersionendesChristentumsliegt,demviele MenschenunsererZeitbegegnetsind.

AberMakosGlaubeistallesanderealshohlundoberfl chlich.SowiedieerstaunlichfeinenundkomplexenMaterialien, mitdenenerinseinerMalereisobeeindruckendeEffekteerzielt, soistseineGlaubens berzeugungdurchguteundschlechte Zeitengeformtundgepr gtworden.AusalldemistsiehervorgegangenmitdemLeuchtenunddervielschichtigenStruktur, diewirjetztauchinseinenWerkensehenkçnnen.

DaichdieEhrehabe,vonMakogelegentlichmitmeinen Werkenzitiertzuwerden,kannichhiermitFreudeoffenlegen,

dassichseitvielenJahreneinBewundererseinerArbeitenbin undwirschließlichauchFreundewurden.MeinebeidenOriginalwerkevonihmgehçrenf rmichzumKostbarsten,wasich besitze.Ichfreuemichdahersehr,dassichdiesesBuchnun mitkurzenWortenbeschreibendarf.Ichmussesnichtempfehlen,denndastutesselbstschonsehrgut;ichdarfesfeiern.

WiedieLeserinnenundLeserfeststellenwerden,istdas BuchselbsteinKunstwerk.WieinMakosBildernwirdhiereine bedeutsameSchichtsorgf ltigaufdieanderegelegt,wobeidie einzelnenTeileausMaterialiengeformtwurden,diemitgeduldigerFertigkeitvorbereitetwurden.UnsliegthiereinebemerkenswerteCollagevonbiblischerExegeseundInterpretation vor,vonDialogenmitK nstlernundDichtern,vonReflexionen berdieSchreckendermodernenWelt,Gedanken berdas HeiligeLand,tiefsichtbarenVerwurzelungeninjapanischen KunsttraditionenunddemGesp rf reinenpersçnlichenWeg, derinDemutundHoffnunggegangenwird,wobeiTr nenund dasLobGottesnieweitvoneinanderentferntsind.

IneinemBucherscheinendieseElementenat rlicheines nachdemanderen;aberwirmerkenschnell,dassjedereinzelneSchrittinderArgumentationdenanderenFarbeundLebendigkeitverleihtunddasswir durch dieganzeCollagehindurch einenBlickaufdiegroßenThemenwerfen,diedabeiauftauchen:derUrsprungunddieBedeutungallerKreativit tinGott demSchçpferselbst;dieneueSchçpfung,dieinJesusund seinerAuferstehungbereitsbegonnenwurde;dieArt,inder bestimmtealtejapanischeMaltechnikenesMakoermçglicht haben,mitbeeindruckendenvisuellenEffektenseinentiefen GlaubenandenJesuszumAusdruckzubringen,derseinVolk durchLeidundSchmerzindieverheißeneneueWelthineinf hrt.

12 VorwortvonN.T.Wright

DassichdarausergebendeBildwirdzusammengefasstzu einerbemerkenswerten,ebenfallsinsichvielschichtigenAuslegungvonJohannes11und12,woJesusamGrabvonLazarusweintunderdieSchwesternMariaundMartaineintiefgr ndiges,langenachhallendesGespr chverwickelt,bevorMaria Jesusmitihrem lsalbt,dassokostbarist,dassmansoetwas nureinmalimLebentut.

Diesallesm ndet,wiederUntertiteldesBuchesesandeutet,ineine«TheologiedesSchaffens»:aufbauendaufMakos fr heremWerkzumThema«Kulturpflege»–dieeralsradikale Alternativezudenzerstçrerischenundvergeblichen«Kulturkriegen»sieht,indiesichindenletztenJahrzehntensovieleChristenverwickelnließen.Umdiesefr hereArbeitzuuntermauern, gehtMakohierganzneueWege.DieseverdankenihreExistenz,sowohlwasihreFormalsauchwasihreSubstanzbetrifft, derTatsachederAuferstehungJesu–diesemEreignis,dasso vielmehristalseineinzelnes«Wunder».Esistvielmehrder BeginnderlangersehntenneuenSchçpfung,anderalle,die Jesusnachfolgen,teilhabensollen.

SogesehenwillmeineeigeneArbeitgenaudaraufhinweisen, wasMakotut(ausmeinerneidischenPerspektiveeinesGeisteswissenschaftlers,dererkennt,dassdas,wasderK nstler tut,ungleichwichtigerist!).Wennwirglauben,dassGottJesus vondenTotenauferweckthatunddassdies(wiedasNeueTestamentbetont)denunerwartetenBeginnderneuenSchçpfung indieWegegeleitethat,denBeginndes«ReichesGottes»,auf ErdenwieimHimmel,dannistunseregegenw rtigejeweilige Berufungtats chlichTeildieserneuenSchçpfung.Siebringt FragmenteundLichtblitzejenerneuenSchçpfunginmitten einernochverdunkeltenundleidendenWelthervor.Indieser HinsichtsindwirwiedieKundschafter,dieMoseindasLand VorwortvonN.T.Wright

KanaansandteunddiedenMenschen,diesichimmernochin derW stebefanden,diefrischenFr chtedesverheißenenLandesmitbrachten.Dasistes,wasK nstlerwieMakotun:Sieunternehmenmanchmalgef hrlicheVorstçßeindieZukunftGottes,kehrenzur ckundzeigeneineroftungl ubigenWelt–und einerleiderauchoftmisstrauischenGemeinde–,wiedieZukunftaussieht.

EinerderGr ndef rdiesesMisstrauenistdieArtdesZeigens.MancheTeilederwestlichenKirchesindsoalarmiert berdierationalistischenAttackengegendenGlauben,dass sieversuchthaben,rationalistischeGegenargumentezugunstendesGlaubenszufinden.DochderWegnachvorne,soMako,istnichtinersterLinieeinintellektueller,obwohlaufjeder SeitediesesBuchesdeutlichwird,dassdieserbesondere K nstleresmitPhilosophenundTheologenaufnehmenkann: «Gott,derGroßeK nstler,kommuniziertzuerstmituns»,betont er,«bevorerunserLehrerwird.»Dasistnureinervonvielen pr gnantenS tzen,diedurchdievielschichtigenAusf hrungen hindurchschimmernundleuchten.

AndiesemPunkthabeichdenEindruck,dassersichmit demschottischenDenkerIainMcGilchristzusammenschließt, desseninzwischenber hmtgewordenesBuch TheMaster andHisEmissary aufzeigt,wiediewestlicheKulturimmermehr vomRationalismusderlinkenGehirnh lftebestimmtwird,w hrendunserGehirndocheigentlichsobeschaffenist,dasses ambestenfunktioniert,wenndierechteH lfte(der master –«Herr»)anf hrtunddielinkeH lfte(der emissary –«Abgesandte»)dieDetailsausarbeitet.MitanderenWorten:DerWegzur GanzheitlichkeitdesMenschen(undf rChristenderWegzu dermenschlichenGanzheitlichkeit,diedasEvangeliumerçffnet)l sstsichnichtdurchdasAnh ufendetaillierterFakten

14 VorwortvonN.T.Wright

undArgumenteansichfinden–diesewerdensichzurrechten Zeiteinstellen–,sonderndurchdenfantasievollenSprung,mit demwireinenBlickaufdiegrçßereWelterhaschen,diedurch dasEvangeliumenth lltwird.

Makostelltalsodierationalistisch berzogenenVerk rzungeninfrage,diesowohlimSkeptizismusanzutreffensindals auchbeieinigenFormenchristlicher ußerungundApologetik.

DennochisterkeinRomantiker,derdavonausgeht,dass K nstlereinenautomatischeninnerenZugangzumDenken GotteshabenoderdassdiemenschlicheFantasieimmerrichtigliegt.«DieFantasie»,soschreibterzuBeginndiesesBuches, «verleihtunsFl gel,umetwaszuerschaffen,abererstdurch dieTr nenChristiunddieEinladungzumFestmahlGotteskçnnenwiranderNeuenSchçpfungteilhaben.»

DeshalbhaterWarnungenparat,nichtnurf rdieundisziplinierteFantasieeinerArtl ssigen«Komme,wasdawolle»Kunstoder-Theologie,sondernauchf rdieArtvonChristentum,dieerals«Klempner-Theologie»bezeichnet:dieTheorien vonGottesHandelninChristus,mitdenennurkaputteRohre repariertwerden,stattsichzufragen,wozuesdieseRohre berhauptgibt.Wirsinderlçst,betonter(umkeineZweifelaufkommenzulassen:Erbeharrtaufeinervollausformulierten TheologiederErlçsung),nichtdamitwirderWeltentfliehen undinden«Himmel»gelangenkçnnen,sonderndamitwirsowohlimjetzigenalsauchimk nftigenZeitalterzuJunior«K nstlern»werden,dievondemeinenGroßenK nstler,Gott selbst,ausgebildetwerden.DerPragmatismus–obinder Kunstwelt,demweiterenFeldderKulturoderineinemGemeindeleben,beidemesnurum«Erfolg»nachmenschlichen Maßst bengeht–sollvermiedenwerden.Wasz hlt,istSchçnheit.SchçnheitundBarmherzigkeitsindinderTat«zweiWege, VorwortvonN.T.Wright 15

diezumheiligenWerkdesSchaffensindieneueSchçpfunghineinf hren».

Makohatsichhier–zumeinerFreude–einesThemasangenommenundesmodifiziert,mitdemichmichselbstschonbesch ftigthabe.Ichsprechegernvon«SchçnheitundGerechtigkeit»:einFeiernderstrahlendenHerrlichkeitvonGottesWelt undeineleidenschaftlicheSehnsuchtdanach,dassdieWelt endlichwiederinOrdnungkommt.MeineTheselautet:Nur wenndeutlichwird,dassdieGemeindesichumdiesebeiden Dingesorgt,wirdunsereBotschaftvonJesus–dassergekommenist,umunsvoneinemh sslichenChaosundderUngerechtigkeitvonS ndeundTodzubefreien–denSinnergeben, densieergebensollte.

MakohatdiesenGedankenaufgegriffen,abererhatmeine «Gerechtigkeit»mit«Barmherzigkeit»untermauert.Andersals diejenigen,dieGerechtigkeitundBarmherzigkeitf reinenGegensatzhalten,weißer:GottesSehnsucht,dieWeltwiederin Ordnungzubringen(«Gerechtigkeit»),istinWahrheiteinwichtigerAspekteinernochtieferliegendenTugend,n mlichderseinerBarmherzigkeit.

AndiesemPunktwerdenwirindiealtejapanischeTradition vonKintsugieingef hrt,derKunst,zerbrochenesPorzellan–insbesondereGeschirr,mitdemTeezubereitetwird–mithilfe vonGoldzureparieren,wodurchdieGegenst ndenochschçnerwerden,alssievorherwaren.(WennMako berGold schreibt,sp rtmandastiefeEmpfindeneinesMenschen,der sorgf ltigarbeitetundzugleichbeimLesenderBibeltiefeEinblickegewonnenhat:«SelbstimGartenEden»,schreibter,«war dasGoldverborgen.Alsogibtesetwaszutun.»)Diesesstarke Bild bertr gteraufdasmenschlicheLeben,ja,aufdasLeben derganzenWelt.VonderzerbrochenenTeetassezumzerbro16 VorwortvonN.T.Wright

chenenLebenundvondortzurzerbrochenenGesellschaft–Reparieren,HeilmachenisteinTeildesSchaffens,unddas SchaffenspiegeltGottesErlçsungswillenwider,ja,esverkçrpertihn.

MakohatinseinemeigenenLebenSchmerzundLeid erfahren–underwarZeugederTerroranschl gevom11.September(erbefandsichineinerU-Bahn,diewegenderKatastropheumkehrenmusste,undseineFamiliemusstenachdiesenschrecklichenEreignissenihreinderN hedesGround ZerogelegeneWohnungf rl ngereZeitverlassen).Mako denktauch berdenSchmerzseinesGroßvatersnach,derein gl ubigerMenschwarund1945nachHiroshimageschickt wurde,umdiezerstçrteStadtzuinspizieren.Indem,was Makoschreibt,sp renwirdas,waswirinseinenBildernwiedererkennen:WenndieserK nstlerunssagt,dassdieSchçnheitausderAschewiedererstehenkannundwird,dannweiß er,wovonerspricht.

EsistdieserentscheidendeStranginMakosDenkenund Arbeiten,dersichschonseiteinigerZeitaufdieTr nenfokussiert,dieJesusamGrabvonLazarusvergoss.DieseTr nen waren,soerkl rtunsMako,strenggenommen«unnçtig»; menschlichgesprochenwarensieeineZeitverschwendung, dennJesuswussteja,dasserseinenFreundvondenToten auferweckenw rde.AberausderPerspektiveeinesK nstlers betontMako:DurchdieseTr nensolltedasneueLebenhervorgebrachtwerden,sowieMariaMagdalenadurchihreTrnenhindurchdenauferstandenenJesussah.HiertrittdaswesentlicheThemaderKlageindenVordergrund:dieKlageJesu, dieKlagedesHeiligenGeistesinuns,diewirJesusnachfolgen, wennwiraufdieWeltinihremnochzerbrochenenZustand blickenunddaranarbeiten,inihrechteZeichenderneuen VorwortvonN.T.Wright

Schçpfunghervorzubringen–ZeichenvollerSchçnheitund Barmherzigkeitund,wieMakoesausdr ckenw rde,dieKlage vonGottselbst.

HierschçpftMakotiefausdenQuellenverschiedenerzeitgençssischer«Schaffender»:derDichterEmilyDickinsonund T.S.Eliot(dessen VierQuartette Makojahrelangmitsich herumgetragenhat,sowieichesauchofttat,unddieihm w hrendderdunklenTagenachdenTerroranschl genvom 11.SeptemberzurSt tzewurden)sowiederK nstlerVincent vanGoghundMarkRothko.(Und berihnenallen,soerkennenwiresdann,schwebtdieMusikvonJohannSebastian Bach.)AndieserStelleber hrenMakosGedankendiePoesie desIrenMichaelO’Siadhail,dessenBuch TheFiveQuintets EliotsProjektineineneueDimensionundeinenganzanderen Modushineinf hrt.SowieMakodr ngtauchO’Siadhailbest ndigvorw rtsdurchdieTiefendesKummershindurchzur FreudederneuenSchçpfung.«DieneueSchçpfung»,schreibt Mako,«f lltdieBr cheundRisseunsereszerbrochenen,zersplittertenLebens;undeingoldenesLichtscheinthindurch, wennauchnurf reinenMoment.EserinnertunsandieF lle derWelt,dieGottgeschaffenhat,unddaran,dasserdurch unsnochschçpferischwirkenwird.»

DerspringendePunktindemGanzenist,dassdieneue Schçpfung,diebegann,alsJesusvondenTotenauferweckt wurde,daswahreLebendeskommendenneuenZeitalters Gottesist,bereitsjetztsichtbaringenaudemgoldenenLicht, dashindurchscheint–inderKunst,imAbendmahl,indergesamtenMissionderKirche.DieseMission,soMako,kehrtdie RichtungderReiseum,aufdersichdiePilgerbefinden,die nachJerusalem«hinaufziehen»:Wirsollenn mlich«hinabgehen»andieOrte,wodieWeltimmernochdunkelist,und

18 VorwortvonN.T.Wright

dieTr nenChristiindieWelt«hineintragen».Dasbezeichnet Makoals«Lazarus-Kultur»:dieneueSchçpfunganOrtezu tragen,wodieWeltnochSchmerzenleidet.DieSzenein Johannes11und12entfaltetweiterdiestarkeMachtihrerBilder:MariasSalbçl,dasmitgeradezuverschwenderischer Großz gigkeitausgegossenwird,«wardereinzigeirdischeBesitz,dener[Christus]mitansKreuznahm».

IchschreibedieseZeilenmitteninderPassionszeit.Makos Betrachtungensindeineweise,reicheFundgrubef rdiese Tage:SiefreuensichimmeraufOstern,sindaberauchbereit, inderDunkelheitauszuharren,bisdasMorgenlichtder SchçnheitundBarmherzigkeitvonNeuemaufleuchtet.«Es gibtkeineKunst»,stellterfest,«wennwirnichtbereitsindzu warten,bisdieFarbetrockenist.»Dasselbegiltf rdasLeben imHeiligenGeist:Wennwirglauben,dassdas,waswirheute inderKraftundimGeistderAuferstehungJesutun,wirklich Teilderherrlichen,reichenZukunftGottesist,dannsindwir dazuaufgerufen,dieDisziplinundTugendderGeduldzuerlernen.

DieseTugendzeigtunsdiesesbemerkenswerteBuch–und esermutigtunsdazu.Esh ltunseineVisionundeineBerufung vorAugen:dieVisionvonGottesneuerSchçpfung,dieinErscheinungtritt,wennwirdieTr nenChristimitweinen,wenn wirdieBerufungbejahen,«Schaffende»zusein,inwelchem Bereichauchimmer,undunserHandwerkvomMeisterselbst erlernen.

«Wennwirschaffen»,schreibtFujimurazuBeginndesBuches,«dannrufenwirdieF llederWeltGottesherbei,hineinin dieRealit tdesKargen,dasunsumgibt.»DasistwahreTheologie.Eserkl rtauch,warumdas«Schaffen»indiesemSinnso zentralistundgarnichtnebens chlich,umdasEvangeliumeiVorwortvonN.T.Wright 19

nerWeltvorzustellen,diedaraufnichtvorbereitetist.Dieses BucherçffneteineLebenspendendePerspektiveaufdie SchçnheitundBarmherzigkeitGottes;undesl dtunsein,an diesemFestteilzunehmen.

N.T.Wright, anglikanischerGeistlicher, TheologeundBestsellerautor

20 VorwortvonN.T.Wright

1 DieheiligeKunstdes Schaffens

WennLeutemichfragen:«WannhabenSiedasersteMalerkannt,dassSieeinK nstlersind?»,dannantworteichihnen, dassichK nstlerbin,seitichdenkenkann.MeineMutterhat einBildaufgehoben,dasichgemalthabe,alsichdreiJahrealt war.VieleJahresp ter,nachdemichalsK nstlerschonetabliertwar,stellteichmitErstaunenfest,dassdaringenaudieselbenFarbenundBewegungenenthaltensind,f rdieichheute bekanntbin.DerWegeinesK nstlersbeginntbeiderEmpf ngnisundvielleichtsogarschonlangedavor.

Psalm139,13–14erinnertunsdaran:«DuhastmichmitmeinemInnerstengeschaffen,imLeibmeinerMutterhastdumich

gebildet.Herr,ichdankedirdaf r,dassdumichsowunderbar undeinzigartiggemachthast!Großartigistalles,wasdugeschaffenhast–daserkenneich!»AusderEwigkeitherausbetrachtetwurdeichvielleichtgesehenundgeschaffenalsein K nstler,derGott,denSchçpfer-K nstler,nachahmt.Meine Identit twurzeltimUrsprungderSchçpfungundindemliebevollenBlickdesSchçpfers,derinunseine«grçßereLiebe» sieht,bevorwirunsdessen berhauptbewusstsind:denkreativenImpuls,dieZukunftzuformen.

Meinefr hesteErinnerungisteinevisuelle:Ichbineineinhalb Jahrealt,bingeradeauseinemkurzenSchlafaufgewachtund beobachtevomFenstermeinesZimmersausmeinenBruder, wieersichaufdenWegindieVorschulemacht,dortinSchweden,wowirwohnen(ichbininBostongeboren,woraufwireine ZeitlanginSchwedenlebten,bevorwirschließlichnachJapan zogen,woichdannzurGrundschuleging).Icherinneremichan dieFarbederVorh ngeundandieschwedischeFlagge,diean diesemfrischenMorgeninderSonneflatterte.Manhatmirerz hlt,dassdasBild,dasichsp terinJapanmalte,einWiderhalldieserFarbenwar.

WennichalsKindetwasmalte,hatteichdasGef hl,als gingeeineelektrischeLadungdurchmichhindurch.Diese EnergiebildeteeinEchoaufdemPapier.Ichdachte,dass jederdieseErfahrungmachte,aberdawarichschoninder Mittelstufe(dannschoninNewJersey).EswarzumBeispiel offensichtlich,dassJungs,dieFußballoderFootballspielten, nichtdieselbeArtvonErfahrungmachtenwieich–wennich Fußballspielte,dannbemerkteichdieSchçnheitderWeltum michherumodersahdievisuellenMustervonbestimmten BewegungendesGrasesindenletztenHerbsttagen.Ichwolltemichjedochanpassen,undsobehieltichsolcheGedan22 1·DieheiligeKunstdesSchaffens

kenf rmich.Trotzdem:DieseAugenblickekreativerEntdeckungenschienenmirheilig,auchwennichsienichtganz verstand.

AmCollege,anderBucknellUniversityinLewisburg(Pennsylvania),beschlossich,dassdieseGedanken bermeinevisuellenErfahrungenfestgehaltenwerdenm ssten.Aberich wussteimmernochnichtgenau,woherdieseEnergieladungen kamen.Ichahnte:EshandeltesichhierumeineGabe,dienicht ausmirselbstentsprang.IchhattedenEindruck,dassWilliam Blakeetwasganz hnlichesinseinenilluminiertenManuskriptenzumAusdruckbrachte.AlsostudierteichBlakesowie KunstundVerhaltensbiologie.IchmachtemeinenAbschlussin denzweiHauptf chernKunstundVerhaltensbiologiemitdem NebenfachKreativesSchreiben.

Erstsp terinmeinemLebenlernteichdenchristlichenGlaubenkennen.DieserWegbegannsounscheinbar,wieWasser auseinemHahnsickert:Tropfenf rTropfen,durchLiteratur undKunst,durchwichtigeBeziehungenunddurchmeineigenesSchaffenundWirkenhatteichdasGef hl,dieQuelleder SchçnheitundPoesieinderWeltzuehren.Esdauerteeine Weile,bisichmeineErfahrungenmitderBotschaftdeschristlichenGlaubensinVerbindungbrachte.Eigentlichistesverwunderlich,dassdiessolangeZeitinAnspruchnahm,jetzt,woich berdenKernderbiblischenBotschaftnachdenke.DieseLckezwischenErlebenundBegreifenisteinerderGr nde,warumichdiesesBuchgeschriebenhabe.

Dennjetztweißich,wasichalsKindnichtverstand:dassich immerdann,wennichetwaserschufunddieseLadungsp rte, denHeiligenGeisterfuhr.

1·DieheiligeKunstdesSchaffens

Die Seiten 25–240 sind nicht in dieser Leseprobe enthalten.

berdenAutor

MakotoFujimuraisteininternationalanerkannterK nstler, AutorundDenkeranderSchnittstellevonGlauben,Kunst undKultur.SeineAusstellungenwurdeninNewYork,Asien undweltweitgezeigtundinf hrendenMedienwieder NewYorkTimes und TheAtlantic besprochen.F rseinSchaffenwurdeermitzahlreichenPreisenausgezeichnet.

Fujimuraengagiertsichleidenschaftlichf reineKulturder SchçnheitundHeilung.EristGr nderdes FujimuraInstitute undderInitiative IAMCultureCare, Mitbegr nderder Kintsugi Academy undwarMitglieddes NationalCouncilontheArts, deshçchstenKulturbeiratsderUS-Regierung.

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