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Mobbing. Im Grunde degradiert sich jeder, der mobbt, selbst, meistens jedoch ohne sich darüber im Klaren zu sein. Das könnte auch daran liegen, dass die meisten Menschen Sprache als ein lästiges Übel empfinden, mit dem man sich nicht mehr auseinandersetzt. Die Sätze werden immer kürzer, die Syntax immer simpler, richtige Rechtschreibung immer dehnbarer und deutsche Wörter immer englischer. Was ist also der etymologische Ursprung des Wortes ‚Mob’? Es bedarf keiner Gehirnakrobatik, um der Bedeutung auf die Schliche zu kommen – nur ein Mindestmaß an sprachlicher Kenntnis. Mob ist ein Synonym für Meute, Gesindel, Pöbel. Vielleicht denkt manch einer, dem Wort Pöbel hafte etwas Positives an. Das ist ein Irrtum. Der Pöbel ist das unterste Glied der Hackordnung. Er ist eine niedere, ungebildete Lebensform – rein geschichtlich betrachtet, meine ich. Ich könnte mich täuschen, aber bedeutet das dann nicht, dass jemand der mobbt, sich klar dazu bekennt, Teil des Pöbels zu sein? Ein Stück Gesindel? Eine ungebildete, niedere Lebensform? Laut Internet beschreibt der Begriff mobben„ein Phänomen des Anpöbelns, Angreifens, über jemanden Herfallens.“ „Dieses Phänomen wurde 1963 vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz zunächst im Tierreich beobachtet. Mit Mobbing bezeichnete Lorenz Gruppenangriffe von mehreren unterlegenen Tieren auf einen überlegenen Gegner, beispielsweise von Gänsen auf einen Fuchs.“ Da heben wir es wieder. Der Mensch ist eben auch nur ein Tier. Die Tatsache, dass wir auf zwei Beinen herumlaufen, macht uns nicht weniger primitiv. Ganz gleich, wie sehr wir versuchen, unsere Überlegenheit zu demonstrieren, Mobbing zeigt deutlich, dass wir es nicht sind. Und diejenigen, die es tatsächlich sind, werden klein gemacht, damit der Pöbel sich nicht unterlegen fühlen muss. Lange dachte ich, Mobbing wäre eine Art ‚Schul-Krankheit’. Ich dachte, Kinder und Jugendliche definierten darüber ihre Gruppenzugehörigkeit und behaupteten sich vor Gleichaltrigen. Laut einer Studie wird jedoch jeder dritte Bundesbürger gemobbt. Jeder dritte. Das muss man sich einmal auf der Zuge zergehen lassen und den entstehenden bitteren Nachgeschmack versuchen, zu ignorieren. Ich dachte, wenn die Schule erst einmal erfolgreich überstanden ist, hat man automatisch auch das Mobbing hinter sich gelassen. Weit gefehlt. Jeder dritte Bundesbürger ist dem Pöbel also überlegen und genau deswegen unterlegen. Die Masse gibt den Ton an. So war es immer und so wird es immer bleiben. Die Tatsache, dass Mobbing ein Zeichen von absoluter Unsicherheit und einem Nichtvorhandensein von Selbstbewusstsein gleichkommt, ist vielen Mobbern nicht bewusst. Die meisten sind getrieben von der Angst, selbst auf dem elektrischen Stuhl des Büros zu landen – ergonomisch hin oder her. Wer überleben will, schließt sich bekanntlich der stärkeren Gruppe an, auch wenn das eigentlich ein verzweifelter Zusammenschluss der Schwächeren ist. Die reine Überzahl macht dieses System funktionsfähig. So wie eine einzelne Sardine es im großen weiten Ozean nicht schaffen würde, schaffen es die Mitläufer in der rauen Arbeitswelt eben auch nicht. Sie müssen den Schutz der Masse hinter sich wissen, um mutig zu sein – was selbstverständlich in sich im absoluten Widerspruch zur Tugend des Muts steht. Im Grunde heißt das doch, dass Mobbing-Opfer sich selbst auf die Schulter klopfen sollten, weil allein die Tatsache, dass sie gemobbt werden, eine Art Zertifikat für ihre Überlegenheit darstellt. Es gibt ihnen das Prädikat wertvoll. Stiftung Warentest ‚sehr gut’. Blöd nur, dass es sich so nicht anfühlt.


„Der Schwedische Arzt Peter-Paul Heinemann verwendete 1969 den Begriff für das Phänomen, dass (menschliche) Gruppen eine sich von der Norm abweichend verhaltende Person attackieren.“ Mobbing-Opfern wird also quasi durch ihre Stellung in der Gruppe ihre Abweichung zur Norm attestiert. Okay. Damit kann man arbeiten. Wenn alle der Norm entsprächen, bestünde die Menschheit ausschließlich aus Pöbel. Es gäbe keine Ausgrenzung und kein Mobbing. Es gäbe nur den sicheren Durchschnitt. Und vermutlich wären wir noch auf dem Stand der Steinzeit. Es sind die Quer- und Vordenker, die Anders-Denker und die Mutigen, die die Welt formen und bewegen. Es sind die, die von der Norm abweichen. Es sind die, die auffallen. Das Sardinen-Prinzip mag seine Vorteile haben. Es mag das Überleben mancher sichern. Derer, die zu schwach sind, es alleine zu schaffen. Es mag verlockend und einfach sein, doch es ist ein Leben im Durchschnitt. Liebe Mobbing-Opfer: Bleiben Sie anormal. Und werden Sie sich bewusst, dass sie keine Sardinen sind. Das bedeutet, dass Sardinen-Regeln für Sie nicht gelten. Sie sind anders. Und Sie sind Ihrem Arbeits-Mob überlegen. Bleiben Sie anders.

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