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1905 – 2005

100 Jahre

Katholische Pfarrkirche Zur Heiligen Familie Klinkum


1905 – 2005

100 Jahre

Katholische Pfarrkirche Zur Heiligen Familie Klinkum

Unser Gotteshaus aus der Sicht

der Entstehung, Entwicklung und Zukunft, seine Bedeutung für das Dorfleben und die Prägung der Menschen

Ein kleiner Kirchenführer und ein wenig mehr von Josef Feiter


Inhalt

Zum Anliegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Grußwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Die Bedeutung der Religion für die Menschen zur Zeit des Kirchenbaus . . . . . . . . . . . . 6 Die äußeren Lebensbedingungen zur Zeit des Kirchenbaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Grundsätzliches / Zum Wohnen / Zur großen Körperpflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Zur Wasserversorgung / Die Ernährung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Die Kleidung / Die Alltagsarbeit in Haus und Hof . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Der natürliche Lebensrhythmus und das religiöse Empfinden . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Der Zeitgeist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Kirchliche Ge- und Verbote / Staatliche Gesetze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Städtisches und dörfliches Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Der Wunsch der Klinkumer nach einer eigenen Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Die Gründerjahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Die Aufbaujahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Der Loslösungsprozess von der Mutterpfarre Wegberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Unsere Kirche heute aus der Sicht ihrer Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Aufgaben, Wünsche, Spenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Die Ausmalung von 1920/21 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Eine erneute Ausmalung im Jahre 1955, ein ganz neues Bild . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Die große Innenrenovierung von 2003 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Ein fiktiver Kirchenbesuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Ein erster Blick auf unsere Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Unter dem Turm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 Ein Besuch bei den Glocken im Turm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Ein erster Blick in unseren Kirchenraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Unsere Kirchenbänke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Der Kreuzweg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Von der Kanzel und von der Verkündigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Vom Taufstein und von der Taufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Von den Beichtstühlen und von der Beichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 Vom Missionskreuz und von der Volksmission . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Von unseren Orgeln und von der Kirchenmusik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Altäre, Altarraum und Liturgie im Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Unsere Kirchenfenster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Unser kleiner Kirchenschatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Der Geist ist es, der lebendig macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Das Priesterbild im Wandel der Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Priester in Klinkum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Priester und Ordensleute aus unserer Pfarre / Kirchliches Leben . . . . . . . . . . . . . . 101 Bestandsaufnahme und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Erinnerungen - Ernstes und Heiteres . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Der 2.Weltkrieg / Der Schwarzhörerprozess um Dechant Plaum . . . . . . . . . . . . . . 104 Tant Trin jeht et net jot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .106 Meßdiener in Klinkum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .112 Von kleinen und großen Sündern und einem gefährdeten Dechanten . . . . . . . . . .114 Zur Heiligen Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .117 Zitate, Dokumenten- und Bildernachweis / Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . .118 Dankeschön / Sponsoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .120 Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .122 2


W

ürde nicht ein Dorf, das keine Kirche, keine

Kapelle, kein öffentliches Wahrzeichen des

Christentums, und wenn auch bloß ein bescheidenes Wegekreuz, aufweist, einen unerträglich eintönigen, langweiligen, stumpfen Eindruck machen? Die Stadt hat neben ihren Kirchen ihre Denkmäler, ihre Theater und Paläste, das Land sein Gotteshaus. Es ist Gemeinschaftshaus, das die Menschen über den stumpfen Alltag hinausweist und ihnen erst einen höheren Sinn ins Dasein bringt, das sie zugleich zur lebendigen organischen Einheit zusammenfaßt

Anton Heinen, 1917

Aus: Anton Heinen, „Briefe an einen Landlehrer“

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Zum Anliegen

W er einen Blick in die großartigen

Heimatbücher „Kunstwerke und Baudenkmale der Erkelenzer Lande“ und „Kostbarkeiten und Schönes im Kreis Heinsberg“ tut, um Klinkum zu finden, der sucht vergebens. Klinkum ist nicht erwähnt, auch die Kirche nicht. Die vielen beschriebenen und abgebildeten Kostbarkeiten unserer Heimat finden wir in anderen Orten. Schade? Sicherlich für den, der sich nur für Kunst interessiert. Für den aber, der eine Beziehung zu seinem Dorf, zu den Menschen dort und den Einrichtungen wie Kirche oder Schule hat, für den ist das zweitrangig. Es ist uns Menschen nämlich zu eigen, nicht unbedingt das objektiv Kostbarste am höchsten zu schätzen, sondern das, zu dem wir eine persönliche Beziehung haben und Verbundenheit erfahren. Am deutlichsten zeigt sich dieses Phänomen am Mutter-Kind-Verhältnis und dies gilt, natürlich in weit schwächerer Form, für alles, was wir beziehungsweise unsere Vorfahren privat oder als Gemeinschaft mit Mühe und Fleiß geschaffen haben. Hierzu zählen besonders unsere Kirchen, sind sie doch Ausdruck des religiösen Empfindens unserer Vorfahren seit Generationen. Während die Bedeutung dieser Kirchen für die Menschen heute immer mehr zurückgeht, brachten sie in den weit eintönigeren All-

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tag unserer Vorfahren einen höheren Sinn. Sie schöpften hier über die Brücke des Gebetes neue Kraft. Das auf Gott hin gerichtete Ewigkeitsdenken der Menschen damals ist trotz jahrhundertelanger christlich–abendländisch Tradition bei uns in jüngster Zeit so verblasst, dass sich sogar im Entwurf der ersten Verfassung Europas nicht einmal ein verbaler Gottesbezug und eine Verbindung zu unserer christlichen Tradition findet. Es ist daher zu begrüßen, dass wenigstens vom Bund Heimat und Umwelt die Dorfkirchen – zufällig in unserem Jubiläumsjahr – zum Kulturdenkmal ausgerufen wurden. Sicherlich ein Versuch, mit Blick auf diese Kirchen das dahinter stehende Denken, Fühlen und Handeln unserer Vorfahren wach zu halten oder in Erinnerung zu rufen. Dazu möchten auch die hier festgehaltenen Gedanken ein wenig beitragen.

Josef Feiter


Grußwort

W ir haben aus unvorhersehbaren Grün-

den auf diese Broschüre zur Baugeschichte und Ausgestaltung unseres Klinkumer Gotteshauses ein wenig warten müssen. Nun aber halten wir eine Schrift in Händen, die weit mehr ist als nur ein „kleiner Kirchenführer“. Josef Feiter hat die von den Klinkumern (und nur von den Klinkumern!) vor einem Jahrhundert erbaute und mehrmals zeitgenössisch umgestaltete Kirche mit all ihren künstlerischen und kunstgewerblichen Kostbarkeiten liebevoll beschrieben. Mit dieser Beschreibung verbunden hat er eine Darstellung christkatholischen Denkens und im Glauben tief verwurzelten Handelns der Menschen in unserer Pfarre „Zur Heiligen Familie“, die nun auch etwa 100 Jahre alt ist. Die Schrift ist so zu einer beispielhaften Entwicklungsgeschichte katholischen Lebens in unseren Dörfern im vergangenen Jahrhundert geworden.

Mir sind nach der ersten Lektüre des Buches spontan zwei Verse aus der zweiten Strophe eines bekannten Kirchenliedes eingefallen: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit - erbarm dich, Herr!“ Ich wünsche diesem Buch, auch im Hinblick auf die neuerliche prekäre geistliche Situation, in der sich unsere Pfarre wieder einmal befindet, dass es nicht nur zu einem Hausbuch in den Bücherregalen der Klinkumer wird, sondern uns aufruft und auch bei denen Aufmerksamkeit findet, für die es nach Anlage und Zielsetzung mitgeschrieben wurde.

Fritz Jakobs

Mit Blick auf den augenblicklichen Zustand von Kirche und Gemeinde sollten wir, materielle und geistige Erben, durch Josef Feiters Arbeit nachdenklich und vielleicht sogar ein wenig betroffen gemacht werden.

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Die Bedeutung der Religion für

die Menschen zur Zeit des Kirchenbaus In unserer heutigen Zeit, in der Kirchen mangels Gottesdienstbesucher geschlossen werden müssen, ist der Wunsch unserer Vorfahren eine eigene Kirche im Dorf zu haben und dafür große Opfer zu erbringen kaum noch vorstellbar.

Die Heilige Familie Motiv aus dem „Leben der Heiligen” von Oberpfarrer Kamp, Erkelenz, aus dem Jahre 1904 Bild rechts (D1)

Weihwassergefäß (D2)

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U m dies zu begreifen, muss man wissen, dass das gesamte Leben damals vom Glauben geprägt war. Die älteren Menschen unter uns erinnern sich noch: Der Tag begann mit dem Morgengebet und endete mit dem Abendgebet. Das Tischgebet vor und nach den Mahlzeiten, meist gemeinsam und laut gesprochen, war eine Selbstverständlichkeit. Die Mittagsglocke rief zum Sursum corda – Erhebet die Herzen. Die Bauern spannten dann die Pferde ab. Viele knieten kurz nieder und beteten den Engel des Herrn. Für Verstorbene wurde an drei Tagen im Haus oder in der Kirche der Rosenkranz mit dem Zusatz gebetet: „Herr, gib der armen Seele die ewige Ruhe.“ Die Nachbarkinder pilgerten aus diesem Anlass zur Gnadenkapelle nach Holtum. Unterwegs beteten auch sie den Rosenkranz. Das Kreuz als Zeichen der Zugehörigkeit zum katholischen Glauben gehörte in jedes Haus, bei vielen Familien in jedes Zimmer. Bilder als Wandschmuck waren meist religiösen Inhalts. Ein Weihwassergefäß hing meist neben der Schlafzimmertür. Das geweihte Wasser nahm man nach der Osternachtsfeier von der Kirche mit nach Hause. Man bekreuzigte sich mit diesem Wasser am Morgen und am Abend. Arbeitsund Ruhezeit sollten unter dem Schutze Gottes und der Gottesmutter stehen.

Der sonntägliche Besuch des Gottesdienstes war eine Selbstverständlichkeit. Zu den kirchlichen Festen wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Fronleichnam nahmen alle Katholiken, und das waren noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges fast alle Dorfbewohner, an den kirchlichen Veranstaltungen teil. Ein Mal im Monat war Gemeinschaftskommunion für eine Gruppe wie z.B. Schülerinnen und Schüler, Jungfrauen und Jünglinge, Männer und Frauen. Natürlich ging einer solchen sonntäglichen gemeinsamen Kommunion samstags die Ohrenbeichte voraus, verbunden mit einer vorausgehenden gründlichen Gewissenserforschung, um würdig die Kommunion, den Leib des Herrn, zu empfangen. Vier Stunden vor Empfang der Kommunion durfte nichts gegessen werden!


Wo in einem Haus gelesen wurde, dienten die Bücher in der Regel der Festigung des Glaubens. Hierzu einige Beispiele: „Die christliche Handpostille” – Ein Führer durch das Kirchenjahr und Erläuterungen der Sonntagsevangelien und Episteln. „Helden und Heilige” – Ein Kalender für Tagesheilige. Das „Leben der Heiligen mit praktischen Lehren für das christkatholische Volk.” Dieses Buch von überregionaler Bedeutung stammt aus der Feder des damaligen Oberpfarrers von Erkelenz, H.J. Kamp.

Vorrede zum Buch „Leben der Heiligen” von Oberpfarrer Kamp, Erkelenz. Man beachte die Sprache und den Geist jener Zeit! (D3)


benswahrheiten waren Fragen formuliert. Diese mussten auswendig gelernt werden, um so den Glaubensinhalt zu verinnerlichen. Im Religionsunterricht wurde nicht – wie heute – die Frage nach Gott diskutiert, um zu einem individuellen Urteil und Gottesbild zu kommen. Die Existenz Gottes und die Richtigkeit der Glaubenswahrheiten wurden nicht hinterfragt und erst recht nicht in Frage gestellt.

Ein Maialtar in unserer Kirche (D4)

I m Mai, dem Muttergottesmonat, wurde täglich in der Kirche eine Maiandacht gehalten, die immer gut besucht war. Sie hatte das Ziel, der Gottesmutter innerlich näher zu kommen und sich im Alltag an ihrem Vorbild zu orientieren. In der Fastenzeit stand in diesem Sinne das Leben und Leiden Jesu Christi im Mittelpunkt. I eden Freitag wurde dann, ebenfalls in der Kirche, der Kreuzweg gebetet, um so am Vorbild des Leidens unseres Herrn Jesus Christus Orientierung und Kraft zu finden. Die Vornamen der Kinder wurden fast immer nach Heiligen ausgewählt, die ihnen Vorbild sein sollten. Die neun Kinder einer Familie hatten z.B. folgende Vornamen: Katharina, Maria, Heinrich, Anton, Jakob, Elisabeth, Agnes, Susanna und Josef. Gefeiert wurde nicht der Geburtstag, sondern der Namenstag. Die religiöse Unterweisung von Kindern und Jugendlichen erfolgte in der Schule und am Sonntagnachmittag in der Kirche. Die Teilnahme, auch am Sonntag, war Pflicht und wurde streng überwacht. Ein Fernbleiben musste sogar am folgenden Montag dem Lehrer gegenüber begründet werden. Zu den im Katechismus knapp vorgestellten Glau-

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Der Katechismus begann so bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts z.B. noch mit der Frage: „Wozu sind wir auf Erden?” Die Antwort war eindeutig und nicht diskutabel und lautete: „Wir sind dazu auf Erden, daß wir den Willen Gottes tun und dadurch in den Himmel kommen.” (1) Anschließend wurden u.a. das Glaubensbekenntnis, die Gottes- und die Kirchengebote vorgestellt und erläutert. Abschließend folgte eine Reihe von Gebeten wie der Rosenkranz und eine Beichtandacht als Hilfe für eine gründliche Gewissenserforschung und ein umfassendes Sündenbekenntnis. Ein Vergleich der großen Weltreligionen wie heute mit dem Ziel der persönlichen Entscheidung in Fragen der Religion wäre wohl undenkbar gewesen. H orchen wir noch einmal in die ersten Jahrzehnte

des zwanzigsten Jahrhunderts hinein, indem wir die heute 94 Jahre alte Frau Hubertina Willms über das kirchliche und dörfliche Leben von damals zu Wort kommen lassen. Frau Willms berichtet auf entsprechende Fragen hin sinngemäß:


Wir wurden damals viel strenger erzogen als die Kinder heute. Wir mussten z.B. regelmäßig zur Kirche gehen, sonntags zwei Mal, und zwar morgens zur Messe und nachmittags zur Andacht, wochentags fast jeden Tag. Auch für Jugendliche war bis zum achtzehnten Lebensjahr sonntags vor der Nachmittagsandacht Christenlehre. Dabei stand die Jugend im Flur neben den Bänken, die Jungen an der einen und die Mädchen an der anderen Seite. Für die Erwachsenen war morgens um sieben Uhr eine Frühmesse und um zehn Uhr das Hochamt. Im Dorfleben spielte die Religion über die Veranstaltungen in der Kirche hinaus ein große Rolle. Da waren die Bittprozessionen, an denen viele Leute teilnahmen, wusste man doch, in welchem Maße die Ernte vom Wetter, und damit letztlich vom Segen Gottes, abhängig war. Während der Prozession wurde der Rosenkranz gebetet mit dem Zusatz „Der uns die Früchte der vor allem bei Geburten, Todesfällen und Krankheiten Erde geben und erhalten wolle.“ in der Nachbarschaft. Freizeit für die Jugend, das bedeutete gemeinsames Singen, GemeinschaftsVom Fronleichnamsfest berichtet Frau Willms, dass spiele und Spaziergänge durch das Dorf. Urlaub wie das Dorf einem Blumenteppich glich, dass dann heute gab es nicht, selbstverständlich auch keine überall in den Fenstern Heiligenbilder und Heili- Abwechslung durch Radio und Fernsehen. genfiguren standen und Altäre in feierlich ge- So weit Frau Willms. schmückten Türrahmen aufgebaut waren. Dass alle, die irgendwie abkömmlich waren, an der W enn diese Informationen auch aus der Zeit Prozession teilnahmen, war eine Selbstverständ- nach der Errichtung unserer Kirche stammen, könlichkeit. Auch die Teilnahme am übrigen kirchlichen nen wir daraus für die Motivation zum Kirchenbau Leben war in diesem Sinne selbstverständlich. Die wichtige Schlüsse ziehen: großen kirchlichen Feiertage waren dabei Höhe- Für ein solch religiös orientiertes Leben war vor dem punkte im Dorfleben, das wesentlich einfacher ablief Kirchenbau für die Klinkumer Wegberg der Mittelals heute. Gesangverein und Theaterverein spielten punkt, wodurch allein aufgrund der Entfernung eine im Dorf eine große Rolle. Überhaupt war das Zusam- intensive christliche Lebensgestaltung nicht wie mengehörigkeitsgefühl größer als heute. Das galt gewünscht möglich war.

Brigidakapelle im Fronleichnamsschmuck (D5)

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Die äußeren Lebensbedingungen zur Zeit des Kirchenbaus

Grundsätzliches

Es ist hier nicht der Ort, die soziale Situation und die äußeren Lebensbedingungen der Menschen von damals ausführlich darzustellen. G erade den jungen und späteren Lesern dürften

aber ein paar Hinweise auf den Alltag jener Zeit eine kleine Hilfe sein, sich in die Entscheidung der Menschen hineinzudenken und sie zu verstehen, Menschen, die unbedingt eine eigene Kirche haben wollten, eine solche auch bauten und dafür große Opfer brachten. Pauschal darf sicherlich zuerst festgehalten werden, dass das Leben viel schlichter war als heute und mehr dem natürlichen Rhythmus entsprach und dass die Familien viele Kinder hatten und somit viel größer waren als heute. Auch das hatte etwas mit der Religion und mit der Kirche zu tun. Sexualität galt als Sünde, wo sie nicht der Fortpflanzung und Arterhaltung diente. Vergessen werden sollte hier nicht, dass mehrere Generationen damals unter einem Dach lebten. Was uns älteren Bürgern unsere noch im neunzehnten Jahrhundert geborenen Eltern und Vorfahren erzählt haben, weiß uns die 1916 in Klinkum geborene Josefine Heinrichs bezüglich der äußeren Lebensbedingungen der Menschen – wir würden heute sagen bezüglich ihrer Grundversorgung – wie folgt zu berichten:

Zum Wohnen/Zum Schlafraum

Ich weiß, daß ich einmal als Kind bei Tante Trautchen geschlafen habe. Sie hatte ein niedriges Kämmerlein mit winzigen Fenstern als Schlafzimmer. Darin stand ein ziemlich großes Bett mit einem dicken Strohsack als Matratze. Es handelte sich um ein sogenanntes 1-schläfiges Bett, d.h. es konnten 10

1 Erwachsener und 1 Kind oder aber zwei Kinder darin schlafen. In kinderreichen Familien legte man die Kinder quer hinein, so daß bis zu 5 hineinpaßten! Auf dem Strohsack lag nochmal ein mit „Kaf” (Spreu) gefülltes Unterbett. Man lag herrlich weich und warm! Die Bettwäsche bestand aus grauem Biber. Als Zudeck hatte sie ein bombastiges Federbett. Stroh und Kafsack wurden jeden Herbst bei Bauer Karduck frisch gefüllt. (2) Zur großen Körperpflege

…und die große Körperwäsche im Schlafzimmer (ein Badezimmer war unbekannt) stand an; das sah dann so aus: das während der Woche benutzte weiße Tischtuch (sonntags gab´s ein frisches) wurde auf den Boden gelegt, um ihn vor Wasserspritzer zu schützen. Auf einen Stuhl stellte man die mit warmen Wasser gefüllte Schüssel… , und dann konnte es losgehen. Ich erinnere mich noch gut an das unangenehme Gefühl, wenn mir einzelne Wassertropfen den Rücken hinunterliefen; besonders unangenehm war das in der kalten Jahreszeit, denn das Schlafzimmer war selbstverständlich unbeheizt! (3) Zur Wasserversorgung

Zur allgemeinen Benutzung der Vaat-Bewohner stand am Ende der Passage ein Ziehbrunnen (Pött) – eine Wasserleitung wurde erst 1933-1935 gelegt. Um eine dicke Holzwalze war ein starkes Seil gebunden, das bis zum Grundwasser hinunter reichte und an dem unten ein Eimer befestigt war. Um Wasser herauszuholen, drehte man den „Schwengel” so lange, bis der Eimer in der Tiefe aufs Wasser klatschte. Der Eimer füllte sich, wurde wieder herausgewunden, auf den Brunnenrand gestellt und


durch Umkippen in den eigenen, mitgebrachten Eimer umgefüllt. Wehe, wenn man beim Hochziehen nicht aufpaßte und einem der Schwengel aus der Hand glitt! Der volle Eimer sauste dann in die Tiefe, und der schnell rotierende Schwengel konnte schmerzhafte Schläge versetzten. Der volle Eimer hatte ein ziemliches Gewicht und bedeutete eine arge Schlepperei; verständlich, daß man mit dem Wasser sparsam umging – das galt im übrigen auch für die große Körperwäsche am Samstag! (4) So weit Frau Heinrichs. Ä hnlich waren die Lebensbedingungen seit

Wo es von den Räumen her möglich war, wurde Kleinvieh wie Hühner, Gänse, Enten, Schafe, Ziegen und Schweine gehalten, sodass Fleisch, Milch, Butter, Käse und Eier nur begrenzt zugekauft werden mussten. Hinter den meisten Wohnhäusern stand ein Stall für Holz und Kohlen, für Werkzeuge und für Kleintiere. Gegessen wurde „analog” zum Erntejahr immer gerade das, was die Natur hergab – Erdbeeren aus dem Garten im Sommer und nicht zu Weihnachten hinzugekauft – oder das, was aufgrund der intensiven Vorratshaltung verfügbar war. Das, was unbedingt zugekauft werden musste, hielt der Tante–Emma–Laden bereit, in Tömp z.B. später „Hares Trina”. Zur Vorratshaltung sei noch gesagt, dass es Tiefkühlgeräte wie heute nicht gab und dass es viel schwieriger war, Nahrungsmittel haltbar zu machen. Fleisch z.B. – Schweine wurden in der Regel zu Hause geschlachtet – wurde gepökelt, d.h. in eine Art Salzbrühe eingelegt und ein paar Wochen danach geräuchert. Dazu gab es in jedem Dorf Räucherkammern.

Generationen in fast allen Familien. Allein wegen der in der Regel großen Kinderzahl war es im Schlafzimmer meist ein wenig eng. Was die Wasserversorgung angeht, standen vielerorts an den Straßenrändern Pumpen für die jeweilige Nachbarschaft. Zur großen Körperwäsche ist zu sagen, dass wohl kein Haus zur Jahrhundertwende ein Badezimmer hatte. Selbst im 1906 erbauten Pfarrhaus wurde ein solches erst im Jahre 1934 nachträglich eingerichtet. Ergänzend zum Bericht von Frau O bst und Gemüse und auch Fleisch und Wurst Heinrichs seien hier noch kurz weitere Bereiche der kamen in Gläser und wurden eingekocht. Eier damaligen Grundversorgung beleuchtet. wurden, ein Verfahren, das man heute gar nicht mehr kennt, in Kalkbrühe eingelegt und dadurch haltbar gemacht. Die Konservierung war deswegen nötig, weil die Hühner, Freilandhühner natürlich, Die Ernährung mit Einbruch der Kälte zu legen aufhörten. Möhren Für die Zubereitung der Nahrung war die Mutter, und Sellerie kamen im Garten in eine Grube und die eventuell mit Töchtern, zuständig. Die meisten Kartoffeln kamen in den Kartoffelkeller. Selbst das Familien versuchten in möglichst vielen Bereichen Trocknen war ein Konservierungsverfahren. So Selbstversorger zu sein, selbst wenn sie nicht Land- wurden z.B. Pflaumen entsteint, im Ofen getrocknet wirte waren. Der größte Teil der Nahrungsmittel und dann zur Herstellung von Marmelade im Winter kam aus dem eigenen Nutzgarten. Einen solchen bereitgehalten. Waldbeeren und Brombeeren wurden gesammelt und zu Saft oder Marmelade verhatten fast alle Familien. arbeitet.

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Die Kleidung

Die Einwohner Klinkums im Jahre 1912 mit Berufsangaben. rechte Seite (D6)

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Natürlich mussten ja um die Jahrhundertwende sicherlich schon viele Kleidungsstücke gekauft werden, Herrenanzüge z.B. Sie kamen allerdings noch nicht wie heute „von der Stange”, sondern wurden individuell vom Dorfschneider angefertigt. Es wurden aber weitaus mehr Kleidungsstücke zu Hause gefertigt. Nähen und Kochen gehörten zur Grundausbildung der Mädchen. Sie lernten dies zum Teil zu Hause von den Müttern oder von Verwandten und übten es dort auch ein. In den Städten gab es hierfür schon früh Kurse. Anton Heinen richtete z.B. dazu den bekannten Windberger Mädchenkreis ein. Die Beherrschung des Kochens und Nähens waren sozusagen die Voraussetzung dafür, später einen eigenen Haushalt als Frau und Mutter führen zu können.

In der Regel blieben die Mädchen nämlich nach der Eheschließung zur Führung des Haushalts und zur Erziehung der Kinder zu Hause, wenn sie bis dahin außerhalb der heimischen Familie gearbeitet hatten. Nicht unerwähnt bleiben darf hier auch die Bedeutung des Wollespinnens und Strickens. Abends surrten in vielen Häusern die Spinnräder. Die Wolle – oft von eigenen Schafen – wurde dann gesponnen und später wurden davon Pullover, Jacken und Strümpfe gestrickt. Die Alltagsarbeit in Haus und Hof

Noch 1912 war, so zeigt die Übersicht über die Einwohner Klinkums, von den ca. 220 Familien fast ein Drittel als Ackerer, also Bauern, tätig.


Der lange Weg der Getreideernte. Das Getreide wird gemäht, hier noch mit einem Sicht… (D7a) …später mit einem „Handableger” (D7b)…

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Die Technik hatte noch nicht Einzug gehalten in den Arbeitsalltag. Die meisten Arbeiten waren Handarbeiten, die viel Zeit in Anspruch nahmen und für die viele Arbeitkräfte benötigt wurden. Da die landwirtschaftliche Arbeit den größten Teil ausmachte, sei hier am Beispiel der Getreideernte die große Entwicklung eines Jahrhunderts herausgestellt. Heute kommt der riesige Mähdrescher, der, so sagt ja schon sein Name, mäht und drischt und oft auch noch das Stroh bündelt oder häckselt, und schon ist die Ernte getan.

das Bund abwarf. Erste Maschinen dieser Art gab es in unserer Region in Großbetrieben seit den 20er Jahren. Bei all diesen Verfahren wurde das Getreide schon geerntet, wenn die Körner noch relativ nass waren. Hätte man es – wie heute – ganz reif werden lassen, wären sie aus der Ähre gerieselt und verloren gewesen. Das gemähte Getreide musste wegen der Feuchtigkeit zum Trocknen zu Häuschen zusammengestellt werden, um dann, je nach Wetterlage, tage- oder wochenlang zu trocknen. Das war eine kritische Zeit.

U nd die Ernte früher? Kleinbauern mähten ihre Felder mit dem Sicht. Das war eine Sense mit kurzem Stiel, dazu ein Haken. Der Sicht wurde in das Getreide geschlagen und dabei wurde es mit dem Haken zu einer Garbe zusammengedreht, die dann mit Stroh zusammengebunden wurde. Später gab es die ersten Mähmaschinen. Eine einfache Mähmaschine, die von einem Pferd oder Ochsen gezogen wurde, hatte ein sogenanntes Ablegebrett, auf dem das gemähte Getreide während des Fahrens so lange gesammelt wurde, bis es für ein Bund reichte. Dann wurde es beim Mähen abgelegt und anschließend mit Stroh zusammengebunden. Ein großer Fortschritt war der Selbstbinder. Das war eine Maschine, die das gemähte Getreide über ein Band sammelte, dann mit Kordel zusammenband und abschließend

W ehe, wenn der Sommer verregnete! Dann wuchsen die Körner auf dem Halm aus und die Ernte wurde zum Teil oder auch ganz vernichtet. War das Getreide dann endlich trocken, musste es auf den dazu hergerichteten Pferde- oder Ochsenkarren geladen und dann in die Scheune gefahren werden. Dort musste es bis zum Winter lagern, um in der arbeitsextensiven Zeit gedroschen zu werden. Die Alltagsarbeit in Haus und Hof, dass diese im Haus anders und arbeitsintensiver war als heute, ergibt sich schon aus dem Kapitel über die Ernährung und Vorratshaltung. Ergänzt werden sollte hier nur noch, dass der einfache Kohleofen, der viel Arbeit machte, das leisten musste, wozu wir heute die Heizung und den Elektroofen haben.


Frauen setzen die Garben zum Trocknen zusammen. Hoffentlich lässt der Herrgott den Sommer nicht verregnen und die Frucht nicht verderben! (D7d) … dann mit einem Selbstbinder. (D7c). Die Karre ist geladen, auf in die Scheune! (D7e) Nachlese. Wenn die Ernte in der Scheune war, durften die letzten Ähren von „den kleinen Leuten” mit der Hand aufgesammelt werden (D7f)

Der natürliche Lebensrhythmus und das religiöse Empfinden

„Der Bauer lebte das Kirchenjahr mit seinen Festen auch in der Familie. Er steckte die geweihten Palmen von Palmsonntag auf den Acker, er machte auf die Türe des Viehstalles das Kreuz mit der geweihten Kohle, er holte das Osterwasser heim und segnete am Ostertag damit die Speisen, er zog zu Anfang der schönsten Jahreszeit in der Prozession durchs Dorf, er mischte die am Mariä Himmelfahrtstage gesegneten Heilkräuter unters Futter fürs Vieh, er zündete beim Gewitter die geweihte Kerze an, er schmückte am Allerseelentage die Gräber der Seinigen und brannte auf ihnen die Osterkerzen.” (4a) E s dürfte nach diesen Beschreibungen nicht mehr

so ganz abwegig erscheinen, bei dem hier gewählten Thema auf die Fragen der Lebens- und Arbeitsbedingungen unserer Vorfahren ein wenig einzugehen. Sie waren bei einem so arbeitsreichen, so naturverbundenen und witterungsabhängigen Lebensrhythmus weit mehr empfänglich für eine

religiöse Lebensorientierung als Menschen einer arbeitsteiligen Welt wie heute. Mit der gemeinsamen Arbeit und Sorge um die Kinder, um das Vieh und um die witterungsbedingte Gefährdung der Ernte stellte sich weit eher die Frage nach einem höheren Wesen, verbunden mit dem Bedürfnis, diesem Wesen, sprich Gott, bei Sorgen mit einem Gebet um Hilfe zu bitten und bei Erfolgen damit zu danken. Ein Leben aus einer solchen Grundhaltung zu Zeitlichem und Überzeitlichem machte dann auch den Wunsch verständlich, zum Bitten und zum Danken einen Ort für das Gebet, eine Kirche, haben zu wollen. Die später im Kapitel Bestandsaufnahme und Ausblick (s.S. 102,103) aufgelistete Entwicklung der Zahl der Kirchenbesucher zeigt, dass das - der Natur der Menschen gemäße (?) - Ewigkeitsdenken mit fortschreitender Technik und Industrialisierung immer mehr zurückging. Je geringer die Zahl der bäuerlichen Betriebe wurde und je mehr Menschen außerhalb der Landwirtschaft in der Industrie ihre Arbeit fanden, desto kleiner wurde die Zahl der Gottesdienstbesucher, ein im letzten halben Jahrhundert gleichbleibend fortschreitender Prozess. 15


Der Zeitgeist Kirchliche Ge- und Verbote /Staatliche Gesetze

Es wäre sicherlich irrig anzunehmen, dass ein so auf Gott und die Kirche ausgerichtetes Leben nur von „unten”, also vom Volke, ausgegangen wäre. Ein so orientiertes Leben hat auch damals bei dem einem Menschen mehr, bei einem anderen weniger den inneren Neigungen entsprochen. E in großer Unterschied zwischen damals und heute besteht aber darin, dass Staat und Kirche bezüglich ihres Wertekanons prinzipiell aus den gleichen Quellen schöpften und die Einhaltung von Geboten und Gesetzen streng überwacht und Übertretungen entsprechend bestraft wurden.

Im Volksschulzeugnis heißt es: Zur Beherzigung der Entlassenen. Wenn du der Schule entlassen bist, so gedenke oft noch gerne der guten Lehren, welche du dort empfangen hast und richte dein Leben danach ein. Ehre und liebe deine Eltern. Betrübe sie nie und schäme dich ihrer nicht, wenn sie arm sind. Armut schändet nicht, aber Arbeit adelt. In ihrem Alter sorge für sie und vergiß nicht , was sie Gutes an dir getan haben. Begegne auch ferner deinem Lehrer mit gebührender Achtung. Deinem Vorgesetzten folge willig in allen gerechten Dingen. Sei verträglich im Verkehr mit anderen, bescheiden gegen alte Personen. Hüte dich vor bösem Umgange. Böse Kameraden verderben deine Seele. Fliehe die Sünde wie eine giftige Schlange. Unterlasse keinen Tag das Gebet; es ist die beste Waffe gegen die Feinde des Heiles. So ziehe dann hinaus ins Leben. Reise glücklich, Gott sei auf deinem Wege und sein Engel begleite dich. Tobias 5.21. (6)

Das christliche Gedankengut, hergeleitet aus der Heiligen Schrift und der Tradition, war Leitkultur, wie wir sie heute irgendwie neu suchen. Diese Leitkultur war in besonderem Maße für die Erziehung der Kinder und die Jugendbildung von Bedeutung. Wie ähnlich die Grundeinstellungen von Kirche und Staat waren, sei kurz durch einen Vergleich von Textstellen aus einem Katechismus Zum Verständnis: des Jahres 1925 mit einem Volksschulzeugnis des Volksschüler wurden nach acht Schuljahren ohne Jahres 1930 herausgestellt. Abschlussprüfung aus der Schule entlassen. Die Leistungen der gesamten Zeit waren in einem ZeugIm Katechismus heißt es: nisheft festgehalten. Die hier zitierte Beherzigung - Halte deine Eltern in Ehren! stand als Abschluss auf der letzten Innenseite. Sie - Im vierten Gebot befiehlt Gott, daß die Kinder war keine individuelle Empfehlung eines einzelnen ihren Eltern Erfurcht, Liebe und Gehorsam erweisen. Lehrers für einen bestimmten Schüler, sondern - Wir erweisen den Eltern Liebe dadurch, daß wir richtete sich an alle. ihnen nach Kräften helfen. - Verflucht sei, wer seinen Vater und seine Mutter nicht ehrt ! (Mos. – 27,16) - Achte deine Vorgesetzten! - Wir sind der geistlichen und weltlichen Obrigkeit Ehrfurcht und Gehorsam schuldig, weil ihre Gewalt von Gott kommt. - Ehre das Alter! - Sei schamhaft und keusch! - Gefährlich für die Keuschheit sind schlechte Kameradschaft und Gesellschaft. - Das Gebet stärkt wider das Böse und kräftigt zum Guten. (5)

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U nd ein heutiger Vergleich von kirchlicher und

staatlicher Erziehung? In einer pluralistischen Gesellschaft wie der unsrigen ist für eine solche Verknüpfung von staatlichen Gesetzen und konfessionellen Geboten kein Platz mehr. Der Staat kann dem Einzelnen, auch dem Jugendlichen, nur mehrere Wege aufzeigen und ihn dann entscheiden lassen für ein Weltbild mit oder ohne Gott. Natürlich ist mit dieser Freiheit die Gefahr verbunden, dass einige junge Leute überhaupt nicht zu einem wertorientierten Leben kommen und, um es salopp zu sagen, auf der Strecke bleiben. Für die Betroffenen ist das dann natürlich ein hoher Preis.

E in Blick in die Tageszeitung bringt uns täglich

hierfür einige traurige Beispiele. In der Erziehung ist es daher heute eine besondere Kunst, das rechte Maß zwischen Führen und Wachsenlassen zu finden. Der Vergleich von Katechismus und staatlichem Zeugnis zeigt , dass trotz großer Auseinandersetzungen zwischen (katholischer) Kirche und Staat wie z.B. im ab 1872 vorausgehenden Kulturkampf die gemeinsame christliche Werteordnung eine Selbstverständlichkeit blieb. Natürlich wirkte sich diese Leitkultur nicht nur in der Erziehung aus, sondern auf das Zusammenleben der Menschen schlechthin. Erinnern wir uns: Wir lebten zur Zeit des Kirchenbaus noch im Kaiserreich! „Im Bereich von Ehe und Familie herrschten patriarchalisch – konservative Vorstellungen. Der (mittlerweile aufgehobene) § 1354 [BGB] erkannte dem Mann die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu. Der Ehemann besaß die elterliche Gewalt über die Kinder. Der rechtliche Schutz des unehelichen Kindes war nur unzureichend verwirklicht. (7)

- Römerbrief 1.27 - als schandhaft bezeichnet wird. Zusammenleben ohne Trauschein wäre undenkbar gewesen. „Diese Form des Zusammenlebens wurde bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein als Verstoß gegen die guten Sitten angesehen. Verträge über die Vermietung einer Wohnung an ein unverheiratetes, nicht wenigstens verlobtes Paar, waren sittenwidrig und daher rechtlich unwirksam. Es bestand ferner ein Strafbarkeitsrisiko für den Vermieter unter dem Aspekt der Kuppelei. Mit dem Wandel der Sexualmoral etwa seit den 70er Jahren wurden die Lebensgemeinschaften zunehmend toleriert und in Deutschland als nichteheliche Lebensgemeinschaften auch verrechtlicht.” (8) Ehen konnten, abweichend von der Lehre der Kirche, zwar staatlich geschieden werden, aber eine Scheidung wurde stärker als heute als Scheitern angesehen und brachte gesellschaftliche und oft auch berufliche Nachteile, z.B. für jemanden, der Lehrer oder Erzieher werden wollte. Bei Ehescheidungen galt nicht wie heute das Zerüttungssondern das Schuldprinzip, wobei die Schuldfrage öffentlich vor Gericht ausgetragen wurde. K onsequenz: Einer der Partner wurde schuldig gesprochen und schuldig geschieden und musste mit diesem „Makel” leben. Im Volksmund sprach man davon, dass bei solchen Prozessen wieder einmal vor Gericht „schmutzige Wäsche gewaschen” wurde. - Und Abtreibung? Für den „Normalbürger” war eine solche früher undenkbar.

Dinge, die aufgrund des großen Wertewandels heute eine Selbstverständlichkeit sind, waren zur Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert und weit darüber hinaus nicht nur kirchlich, sondern zum Teil auch staatlich verboten und unter Strafe gestellt, Homosexualität z.B., die in der Bibel 17


Städtisches und dörfliches Leben

Es darf hier nicht der Eindruck entstehen, als ob wir damals eine heile Welt gehabt hätten. Natürlich gab es auch damals im Zusammenleben der Menschen überall Probleme und Versagen im moralischen und im rechtlichen Sinne. Wenn den Menschen die Einhaltung der Gebote so leicht gefallen wäre, hätte es samstags wohl nicht die Warteschlangen vor den Beichtstühlen gegeben.

Aus dem Gegensatz von Stadt und Land erklärt sich sicherlich der Geist, aus dem heraus bei uns noch eine Kirche gebaut wurde, als sich die Menschen in den Städten anders orientierten und dort, so der Volksmund, „der Sport aufkam” und Fußballvereine gegründet wurden wie z.B. der heute beliebte FC Schalke 04.

Die Namen vieler Spieler von damals und heute wie Szepan, Kuzurra, Tibulsky, Jagielsky, Piontek usw. ganz anderer Art als in der Stadt, vor allem als in erinnern an die Zuwanderung aus dem Osten und den Ballungsräumen. Die industrielle Entwicklung zeigen, wie die noch heimatlosen Menschen über war dort in vollem Gange und veränderte ihr sozio- den Sport und besonders über die auf dem Land argwöhnisch beobachteten Gewerkschaften eine neue Verwurzelung suchten, meist ohne Gott und kirchenfern und kämpferisch zur Durchsetzung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen und für eine gerechte Bezahlung. D ie Probleme auf dem Land waren aber meist

Die Familie als Arbeitsgemeinschaft, hier bei der Kartoffelernte. (D8) „Die einzelnen Familienmitglieder tragen Verantwortung für das gemeinsame Gut… Unter Menschen, die aufeinander angewiesen sind, wächst auch das geistige Band, das sie verbindet.” (10)

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Die Kirchen bemühten sich in unserer Region den von den Städten ausgehenden liberalen Geist von den Dörfern fernzuhalten, oft energisch und laut von der Kanzel aus. Jedes Dorf hatte damals noch seinen eigenen logisches Gefüge. Wegen eines mit dieser Ent- Pastor, der auf seine „Herde” als Priester und Seelwicklung verbundenen großen Bedarfs an sorger großen Einfluss hatte. Arbeitskräften erlebten die Industriegebiete eine starke Zuwanderung aus Osteuropa, vor allem aus D ie Frauen in den Industriestädten wurden im Polen. Von Mülheim a.d. Ruhr berichtet z.B. Anton Gegensatz zu denen der Landbevölkerung, weil sie Heinen, der dort von 1893 bis 1898 Kaplan war: die billigeren Arbeitskräfte waren, als Fabrikarbei„Mülheim war ein aufstrebender Industriebezirk… terinnen beschäftigt. Durch die zeitlichen und Von Jahr zu Jahr entstand in den Außenbezirken kräftemäßigen Überforderungen waren sie oft so Werk um Werk. Um die Werke gruppierten sich überlastet, dass sie ihrer Erziehungsaufgabe nicht Arbeiterkolonien und Wohnbaracken. Entwurzelte gerecht werden konnten und, so beobachtete Anton und heimatlose Menschen aus ganz Europa fanden Heinen, das soziale Elend in den Schoß der Familie sich hier ein… So zeigt das Gesicht von Mülheim trugen. Die Frauen auf dem Land arbeiteten auch ein zweifaches Bild: auf der einen Seite die Hoch- viel, oft zu viel. Dabei waren sie aber zu Hause bei industrie mit ihren Arbeitskolonien und ihren ihren Familien. Sie kochten, backten, putzten und modernen Anschauungen, auf der anderen Seite arbeiteten noch mit auf dem Feld. Die Familie war das alte Mülheim mit seiner Tradition und seinem im wahrsten Sinne des Wortes Arbeitsgemeinschaft. deftigen Bürgertum, das nach wie vor am Alten hing”. (9)


Alfred Huggenberger

*1867

Das Dorf Das Dorf hat eine stille Macht, Es gibt auf seine Menschen acht. Es sorgt und wehrt, es gibt Geheiß, Weil es von allen alles weiß. Der Kirchturm, der die Stunde spricht, Er ist sein Zeichen und Gesicht, Er schafft, daß in der großen Welt Das Dorf sein Ehrenrecht behält. Den Gäßchen, voll von Eigensinn, Ist jedes Finkenlied Gewinn. Im Bohnenwäldchen, schlau versteckt, Ein Maidlein, das die Buben neckt.

Was wirklich früher den Unterschied zwischen Dorf und Stadt ausmachte, sagt uns Alfred Huggenberger in seinem Gedicht (D9)

Der Bauerngärten bunte Pracht Schenkt ihren Duft der Sommernacht; Die hält das Dorf in lieber Hut, Ihr Trost ist mild, ihr Glück ist gut. Der Pflüger mit dem Mähgespann Fühlt sich versorgt in Kreis und Bann; Der Glocken Ruf ist Mutterwort, Daheimsein beut kein andrer Ort. Das Dorf ist arm, das Dorf ist reich, Es bettet hart, es bettet weich. Wer heimkehrt, müd, aus fremdem Land, Den nimmt es leise bei der Hand, Den führt es einem Frieden zu, Der heißt in Worten: Ich und du!... Die Trauerweide wispert sacht: Das Dorf hat stets an dich gedacht! 19


Der Wunsch der Klinkumer nach einer eigenen Kirche

Das Grabmal von Pfarrer Maaßen und die Inschrift dazu. (D10) „Gedenket Eurer Vorgesetzten die Euch das Wort Gottes verkündet haben. Sehet auf den Ausgang ihres Wandels. Folget nach ihren Wegen. Hebr 18.7. Hier ruht der ehrwürdige Wilh. Maassen geb. am 14. Okt 1834 von 1888 bis 1914 war er Pfarrer in Gerderath Gestorben am 6. Dec 1914. Er ruhe in Frieden.“ Anm.: Der Steinmetz hatte wohl eine unsaubere Vorlage. Beim Zitat handelt es sich um Hebr.13.7.

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Die Industrielle Entwicklung und Zuwanderung wie wir sie vor allem in den Städten des Ruhrgebiets hatten, hatte also unsere Region und Klinkum noch nicht erreicht. Die Menschen waren noch geprägt von der Tradition und von ihrer Religion. Trotz der Entfernung zur Kirche nach Wegberg waren, und dies beweist am deutlichsten diese Prägung, schon einige Priester aus unserem Dorf hervorgegangen. Bei den Gästen der Grundsteinlegung unserer Kirche werden als geborene Klinkumer Pfarrer Peters aus Arsbeck und Kaplan Buschen aus Düsseldorf genannt.

Noch heute erinnert in Gerderath dessen Grabmal an den Klinkumer Wilhelm Maaßen, der dort von 1888 bis 1914 Pfarrer war. Die Inschrift des Bibeltextes auf dem Deckel des Grabmals und das Grabmal als solches drücken deutlich die Achtung aus, die damals dem Priester entgegengebracht wurde. Klinkum selbst hatte vor der Zeit des Kirchenbaus schon gestiftete Wegekreuze, die Schule in Unterklinkum dokumentierte durch eine Marienfigur und eine Darstellung des heiligen Aloysius in je einer Nische der Hausecken, in welchem Geist hier gelehrt wurde.


Anno 1877. Tömper Kreuz Christus Dir zur Ehre errichten wir dieses Kreuz. Denn nur im Kreuz allein ist Heil. (D11) Anno 1847. Kreuz Backhaus. Der Witwer Heinrich Gotzens stiftete dieses Kreuz im Jahr (D12) Anno 1887. Kreuz Bischofshütte. Göttliches Herz Jesu Erbarme Dich unser. (D13) Nische an einem Eckfpeiler der früheren Schule von Unterklinkum. Der heilige Aloysius, der Schutzpatron der lernenden Jugend, Symbol der Keuschheit. (D14)

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Um im Sinne dieser Prägung noch intensiver leben zu können, fehlte aber einfach nur noch das Gotteshaus vor Ort, und das bei dieser Dorfgröße! Da haben die Klinkumer sicherlich ein wenig (neidisch?) auf einige der Nachbarorte geschaut, die zum Teil viel kleiner waren als Klinkum und eine Kirche und Gottesdienste vor Ort hatten, so z.B. Rickelrath, Merbeck und Uevekoven, das wenigstens eine Kapelle besaß. D ie Klinkumer fühlten sicherlich, dass mit einer

eigenen Kirche in den genannten Orten Gemeinschaft wuchs, Gemeinschaft der Freude und Gemeinschaft der Trauer. Lassen wir hier Anton Heinen noch einmal zu Wort kommen und uns von ihm einmal sagen, was Kirche früher für die Menschen eines Dorfes bedeutete: „Sie brachte in das eintönige Getriebe des Alltags Farbe und Leben. Ihr Geläute forderte zu den drei Tageszeiten zur Erhebung der Herzen zu Gott. Sie gab dem Landvolk eine Erklärung vom Inhalt und Ziel des Daseins. In ihrem Gottesdienste trug sie Schmuck, Farbe und

Die Gründerjahre

In Anbetracht dessen, was in den vorausgehenden Kapiteln beschrieben wurde, bedurfte es in Klinkum nur noch der Männer – ja, der Männer, denn die Frauen gehörten damals hinter den Herd –, die willens und als Persönlichkeit in der Lage waren, eine so große Aufgabe wie die Errichtung eines Gotteshauses anzugehen und – durchzustehen.

D urchzustehen? – Gegen wen? – Natürlich gegen

die Pfarre Wegberg, zu der Klinkum damals gehörte, genauer gesagt, gegen den damaligen Wegberger Pfarrer Braun. Eine Loslösung und Verselbstständigung des großen Pfarrbezirks war verständlicherweise nicht in seinem Sinne. Abspaltung, Separatismus, das wissen wir ja aus dem politischen Raum, wird stets bekämpft, bedeutet sie doch Machtverlust, meist verbunden mit wirtschaftlichen Nachteilen. In diesem Sinne ist sicherlich die Haltung von Pfarrer Braun zu erklären. In der Tat fanden sich dann in den letzten Jahren des vorvorigen Jahrhunderts Männer, die die Errichtung eines Gotteshauses gezielt angingen. Es waren dies F. Constantin Beyartz, Michael Buschen, Peter Johann Schmitz,

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Kunst in das Alltagsleben; in ihren Festen wob sie gleichsam reiches Blumengeranke in den Verlauf des Jahres. Sie stellte eine lebendige gemütvolle Verbindung her zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart; die grauen Leichensteine des Friedhofs erzählten nicht etwa von Fremden, sondern von den Vorfahren des lebenden Geschlechts. Sie richteten den Blick, der nicht in die weite Welt gerichtet war, nach oben. Sie heiligte und segnete die Verrichtungen des Alltags, weihte Häuser, Äcker und Fluren, umgab und durchdrang das Gesamtleben mit einer Menge tiefsinniger religiöser Bräuche und stellte so die engste Verbindung zwischen der Welt des Sichtbaren und des Unsichtbaren her.” (11) Sicherlich wird hier die Bedeutung des Religiösen und einer Kirche für das Dorfleben von dem von tiefer Frömmigkeit geprägten großen katholischen Priester und Volksbildner Anton Heinen idealisiert gesehen. Es steht aber außer Zweifel, dass die Menschen aus dieser Prägung heraus ihr Leben gestalten und dazu eine Kirche haben wollten.

Wilhelm Schrötgens, Wilhelm Josef Maaßen und Laurenz Peters. Viele Schriftstücke in Sachen Kirchenbau tragen ihre Namen. Und so nahmen die Dinge unter der Führung dieser Männer dann ihren Lauf: 1896: Ein Kirchenbauverein wird gegründet. „Fast alle zweihundert Familien des Ortes, die bis dahin bei jedem Wetter zum Gottesdienst nach Wegberg mußten, sind vertreten und verabschieden ein Statut, worin man sich verpflichtet, … innerhalb von fünf Jahren die notwendige Bausumme [von ca. 67000 Mark] aufzubringen.” (12) Welch eine Leistungsbereitschaft bei den damaligen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen! Am 29. Juni 1896 wurde dann bereits dem damals zuständigen Erzbischof von Köln der Wunsch nach einer eigenen Kirche vorgetragen und die Absicht mitgeteilt, eine solche bauen zu wollen. B egründet wurde dies mit dem weiten Kirchweg

für die Bewohner von Oberklinkum, Bischofshütte und Petersholz, und vor allen Dingen damit, dass die 160 Schulkinder wochentags keine Gelegenheit


zur Teilnahme am Gottesdienst hatten. Natürlich wurde auch auf die älteren Bürger hingewiesen, da diese im Winter nicht einmal ihrer Sonntagspflicht nachkommen konnten. D ie Chronik der Pfarre berichtet hierzu weiter:

„Diese und ähnliche Gründe machen das Verlangen nach einer eigenen Kirche immer dringender, zumal die meisten Ortsbewohner gut situierte Ackersleute und daher in der Lage sind, aus eigenen Mitteln ein

nach Maßgabe der Einwohnerzahl genügendes Gotteshaus im Dorf zu bauen und auch den amtierenden Geistlichen zu unterhalten”. (13) In der damaligen Zeit war es keine Seltenheit, dass finanziell gut gestellte Bürger einen Teil ihres Vermögens der Kirche „ vermachten”. In diesem Sinne stiftete dann Franz Wilhelm Schrötgens, einer der vorher genannten Initiatoren des Kirchenbauvereins, die Baustelle für die neue Kirche.

Unterzeichner erklärt hierdurch, daß derselbe die Baustelle zu einer neuen Kirche in Klinkum, groß zirka 30 Ar, unentgeltlich abtreten will und jederzeit bereit ist, das durch notariellen Akt feststellen zu lassen. Die Abgabe sowie der Antritt erfolgt, sobald die Stelle zu diesem Zweck benutzt wird. Klinkum, den 19. Mai 1897

Stiftungsurkunde für das Kirchengrundstück (D15)

gez. Franz Wilh. Schrötgens

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Die Gründerjahre

„Den Bau einer Kirche in Klinkum findet der Kirchenvorstand nicht für notwendig, denn: 1. Die Bevölkerung zu Klinkum nimmt nicht zu sondern ab. 2. Die Entfernung Klinkums von der Pfarrkirche ist nur für einen kleinen Teil derselben eine Große zu nennen. 3. Für die seelsorglichen Bedürfnisse der Einwohner Klinkums ist wie allgemein zugestanden wird, auf das beste gesorgt. Was die vollständige Sicherung der Baumittel als auch der Mittel zur künftigen Unterhaltung der Kirche betrifft, so sind diese zweifelhaft, da die bürgerliche Gemeinde nicht eine reiche oder wohlhabende ist.“ (14)

Vom Grabmal zum Denkmal Zur Erinnerung an den Stifter der Baustellen für Kirche und Friedhof wurde der Grabstein von Wilhelm Schrötgens als Gedenkstein, ergänzt durch eine Gedenkplatte, an der Friedhofsmauer aufgestellt. (D17)

I n Anbetracht solch starker Gegenwehr konnte die

D er Widerstand der Wegberger unter der Führung

von Pfarrer Braun gegen den Kirchenbau hielt trotz des hartnäckigen und zielstrebigen Vorgehens der Klinkumer weiterhin an.

Die Auseinandersetzung hatte jahrelange Verhandlungen und Besprechungen zwischen dem Baukomitee, dem Pfarrer von Wegberg, dem Bistum und der Regierung zur Folge, auf die hier nicht im Detail eingegangen werden soll. Hören wir aber, wie der Wegberger Kirchenvorstand im Gegensatz zu den Klinkumern die Notwendigkeit für den Bau einer neuen Kirche in Klinkum sah. Er fasste noch am 2. August 1899 folgenden Beschluss: 24

Entwicklung immer noch nicht wie gewünscht fortschreiten. Mit Schreiben vom 8. September 1899, siehe Dokument 16, erhielten die Klinkumer dann sogar die Mitteilung, so berichtet das beigefügte Schreiben der Regierung, dass die Baugenehmigung weiterhin abgelehnt werden müsse. Die Vertreter des Kirchenbauvereins ließen aber wiederum nicht locker. Am 27 November 1899 kam es dann zu einem Besprechungstermin beim Generalvikariat in Köln. Bei einem erneuten Besuch dort im April 1900 wurde dabei eine baldige Entscheidung zugesagt, und zwar bis Pfingsten, die dann doch ausblieb. Im August des gleichen Jahres mussten dann Pläne und Kostenberechnung vorgelegt werden. Nach vielen Jahren schwieriger Verhandlungen kamen die Klinkumer im Jahre 1901 der Verwirklichung ihres Zieles endlich ein entscheidendes Stück näher. Dabei spielte die Tatsache eine Hauptrolle, dass in Wegberg Pfarrer Müller Nachfolger von Pfarrer Braun geworden war. Mit diesem Wechsel endete die Zeit des starken Widerstandes aus Wegberg. Danach ging die Planung zügig weiter und das Vorhaben nahm bald konkrete Formen an.


Abgelehnt. Noch 1899 lehnte die Regierung den Bauantrag ab. Man achte auf die Forderung, die Kirche an die Kirchenemeinde Wegberg als Eigentum abzutreten. (D16)


Die Aufbaujahre

Der Grundstein unserer Kirche und die Urkunde dazu rechte Seite (D18). Die feierliche Grundsteinlegung war am 29. Juni 1902.

M it den Bauarbeiten konnte 1902 durch die Fa.

Bartz aus Heinsberg nach Plänen des Baurats Daniels aus Aachen begonnen werden. Bereits am 29. Juni, am Feste Peter und Paul, dem Patronatsfest der Pfarre Wegberg, war nach überraschend schnellem Baufortschritt schon die Grundsteinlegung. Ein für Klinkum außergewöhnlich freudiges Ereignis! Wer glaubt, der Wunsch der Klinkumer nach einer eigenen Kirche sei vorhin vielleicht zu euphorisch dargestellt worden, wird beim Studium der Pfarrchronik und der Presseberichte zur Grundsteinlegung eines Besseren belehrt. Hier ein Beweis dafür: Schon am Vorabend sowie am Festtagsmorgen kündeten Böllerschüsse der Umgebung das frohe Ereignis an. Fahnen- und Laubschmuck in 29 stattlichen Triumphbögen machten den Ort zur via triumphalis und legten Zeugnis ab von der großen Freude und der grenzenlosen Begeisterung der Einwohnerschaft. Nachmittags Punkt 14.30 Uhr setzte sich die Festprozession von der Schule aus in Bewegung. Voran die Schuljugend unter Führung der Lehrerschaft, ihnen folgten Frauen und Jungfrauen, eine Gruppe weiß gekleideter Mädchen, die Blumen und Symbole trugen, hinter ihnen die Kommunionkinder und der von Jünglingen getragene Grundstein, dann der Gesangverein Eintracht mit Musik und Fahnen, an ihn schloss sich das Baukomitee an, dem die übrigen Männer und Jünglinge folgten. (15) Auf der festlich geschmückten Baustelle nahm Pfarrer Müller die kirchliche Einweihung vor und 26

verlas die später im Grundstein eingelegte Urkunde. Die Arbeiten schritten nach der Grundsteinlegung zügig fort. Bereits 1903 wurde der Rohbau fertiggestellt und schon im folgenden Jahr der Bau abgeschlossen. 1905, am Feste der Heiligen Familie, der die neue Kirche später geweiht wurde, fand die vorläufige Einsegnung, die Benediktion, statt, und seit diesem Zeitpunkt hatte das Dorf eigene Gottesdienste durch die Pfarrer von Wegberg. Am 29. Juni 1905, wiederum am Feste Peter und Paul, folgte durch Weihbischof Josephus Müller aus Köln die feierliche Weihe, die Konsekration. Der 29. Juni war von den Wegbergern sicherlich bewusst gewählt, um so die Zugehörigkeit zur Pfarre Sankt Peter und Paul zu dokumentieren. Es war wohl eine Selbstverständlichkeit, so wie es damals in unserer Region üblich war, unsere Kirche im neugotischen Stil zu errichten, entsprach dies doch am stärksten dem Zeitempfinden, lenkt die gotische Kirche doch durch ihre gestreckten Fenster und den hohen Turm den Blick ganz bewusst zum Himmel. Das Ergebnis der langjährigen Bemühungen war, und diese Bewertung entnehmen wir der Pfarrchronik an einigen Stellen, eine schöne Kirche. Wie folgt berichtet die Presse: „Das neue Gotteshaus lässt an einnehmender Schönheit und solider Bauart nichts zu wünschen übrig. Aus der Dorfmitte ragt es schlank zum Himmel auf. … Die neue dreischiffige Kirche … zeigt… eine für eine Dorfkirche angemessene Architektur namentlich des Innenraumes und des der Straße von Wegberg nach Wassenberg zugewandten Turmes.” (16)


Die Urkunde des Grundsteins hat folgenden Wortlaut: Im Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Amen Im Jahre des Heils 1902, als Seine Heiligkeit Papst Leo XIII das Schifflein Petri glorreich lenkte, unter der ruhmreichen Regierung Sr. Majestät des Deutschen Kaisers Wilhelm II. während die Kölner Erzdiözese durch den Tod des hochseligen Herrn Erzbischofs Simar verwaist war, ließ die Bürgerschaft zu Klinkum nach den Plänen des Baurats Daniels dieses Gotteshaus errichten. Die Legung des Grundsteines dieser Kirche wurde unter den vorgeschriebenen Gebeten und Ceremonien von dem hochw. Herrn J. PH Müller, Pfarrer von Wegberg, unter Assistenz des Pfarrklerus, der hochwürdigen Herren Lambert Hetzer von Tüschenbroich und Kaplan Körfer feierlichst vorgenommen. In Gegenwart zahlreicher Priester und unter dem freudigen Zujauchzen einer überaus großen Menge sowohl aus hiesiger wie benachbarter Pfarreien. Also geschehen am Feste der hochheiligen Apostel Petrus und Paulus, am 29. Juni des 1902. Jahres nach der gnadenreichen Geburt unseres Herrn und Seligmachers Jesus Christus.

Das stolze Ergebnis „Die Kirche ist eine dreischiffige gotische Hallenkirche mit Querschiff, vorgezogenem Chor und vorgebautem Turm. Bei einer Gesamtlänge von 33,30m hat sie eine innere Breite in den Schiffen von 13,65 m, in dem Querschiff von 15,32 m. Der Turm hat eine Gesamthöhe von 56,00 m.” (17) Die westliche Sakristei wurde 1956 angebaut. (D 19)


Der Grundriss unserer Pfarrkirche (D 20)

Eine Rechnung über 150.000 Ziegelsteine für die Kirche und eine kleine Zahlenspielerei zur Würdigung der Fuhrdienste der Bauern (D21). Die Steine mussten mit Pferde- oder Ochsenkarren in Uevekoven abgeholt werden. Eine solche Karre konnte mit bis zu 40 Zentnern beladen werden. Wenn wir einen Stein mit 5 Pfund annehmen, dann war eine Last von 750.000 Pfund zu transportieren. Wenn wir hier – um gerader Zahlen willen – von einer durchschnittlichen Belastung von 3.750

Pfund (=750 Steine) ausgehen, waren für den Gesamttransport der Steine dieser Rechnung 200 Fuhren notwendig. Da der Grenzlandring noch nicht vorhanden war, musste der Transport wegen der nicht geteerten holprigen Feldwege sicherlich über Wegberg erfolgen. Wenn wir dann noch eine Wegestrecke von 4km und eine Geschwindigkeit von 4km/h annehmen, benötigt man für eine Ladung – Hinund Rückfahrt – zwei Stunden. Hinzu kommt das Be- und Entladen. Daraus folgt, dass an einem Tag maximal zwei

Fuhren mit einer Karre möglich waren. Hätte nur ein einziges Gespann zur Verfügung gestanden, wären für den Transport der Steine dieser Rechnung allein hundert Arbeitstage nötig gewesen. Ob diese Steine für den gesamten Kirchbau ausreichten, wurde hier nicht geprüft. Hinzu kam der Transport der weiteren Materialien, die meist vom Bahnhof in Wegberg abgeholt werden mussten. Diese Zahlenspielerei dürfte ein wenig die riesige Leistung der kostenlosen Fuhrdienste der Bauern verdeutlichen. (D21)


Der Loslösungsprozess von der Mutterpfarre Wegberg

Wenn der damalige Wegberger Pfarrer Braun mit aller Kraft die Errichtung einer Kirche in Klinkum zu verhindern versuchte, dann zeigte er damit, dass er weit vorausgeschaut und geahnt hat, dass der Kirchbau nur ein Zwischenziel der Klinkumer und die Loslösung von der Wegberger Pfarre das Endziel war.

In der Tat begann dieser Prozess recht bald. Anfangs war Wegberg ganz zuständig für die kirchliche Betreuung in Klinkum. Nach und nach wurden den Klinkumern dann aber immer mehr Rechte zugestanden. Einige Schritte auf diesem Weg zur Selbstständigkeit seien hier kurz festgehalten und zum Teil mit Urkunden belegt. D er erste Schritt in diese Richtung war sicherlich der Bau eines Pfarrhauses, ergab sich doch damit logischerweise die Präsens eines Priesters am Ort. Mit dem Bau eines solchen Hauses wurde dann bereits im Mai 1906 begonnen und gegen Weihnachten 1907 wurde es schon fertig gestellt. Die Kosten für den Rohbau betrugen 18.600 Mark und wie beim Bau der Kirche wurden die Fuhrdienste von den Einwohnern des Dorfes auch hierbei unentgeltlich geleistet. Diese überall fast nur nebenbei erwähnte Leistung dürfen wir nicht unterbewerten. Es war früher noch nicht möglich, die Baumaterialien mit großen Lastwagen anliefern zu lassen. Sie wurden mit Pferde- oder gar Ochsenkarren, im wahrsten Sinne des Wortes, vom Bahnhof Wegberg aus oder vom Klinkerwerk in Uevekoven angekarrt (siehe D21 linke Seite). Wenn wir uns das geringe Fassungsvermögen einer solchen Karre und die riesige Zahl der Steine und die Masse der Baumaterialien vorstellen, beginnen wir die Leistung der Fuhrdienste angemessen zu bewerten. Welch eine Opferbereitschaft und welches Engagement der Bürger zeigen sich hier wiederum!

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Fast 100 Jahre war das Pfarrhaus die Wohnung des Dorfpfarrers. (D22)

Mein letzter Wille Auf meinen Todesfall vermache ich meinem Ehemann Franz Wilhelm Schrötgens, falls derselbe mich überleben sollte, die unentgeltliche kautionsfreie Nutznießung an meinem ganzen Nachlasse. Ferner vermache ich der Kirche von Klinkum das Grundstück unter Wegberg Fl. Nr.: 429 und Nr.: 430 Klinkum, den 25.Dezember 1905. Gez. Helena Buschen, Ehefrau Schrötgens. (D23)

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Fast 100 Jahre diente das Pfarrhaus im Sinne der Erbauer als Wohnung des Dorfpfarrers. Zurzeit besteht für eine Wohnung des Pfarrers kein Bedarf mehr. Der jetzige Seelsorger ist zuständig für die Orte Klinkum, Merbeck, Tüschenbroich und Rickelrath und wohnt in Wegberg. Der Kirchenvorstand hatte daher beschlossen, das Haus entweihen zu lassen und zu vermieten. Es fügte sich im Sinne der Aufgaben einer Kirche, dass der katholische Orden der Schwestern von Bethanien als Mieterin für eine Außenwohnstelle mit acht Kindern gewonnen werden konnte. Dazu wurde das Haus zum Teil von der Pfarre und zum Teil vom Orden restauriert und um ein weiteres Bad im zweiten Stockwerk erweitert. An der Errichtung des Pfarrhauses waren wiederum die Eheleute Franz Wilhelm und Helena Schrötgens entscheidend beteiligt. In ihrem „Letzten Willen” legte Frau Schrötgens fest, dass sie der Kirche zu Klinkum ein Grundstück zur Errichtung eines Pfarrhauses vererbe.


Der Einfluss von Franz Wilhelm Schrötgens kommt in dem Schreiben des Erzbistums Köln zum Ausdruck. Diesem Schreiben muss ein intensives Engagement seinerseits vorausgegangen sein, obwohl er außer der Mitarbeit im Baukomitee wahrscheinlich nirgendwo eine offizielle Funktion ausübte. (D24)

I n der Tat hatte die Errichtung des Pfarrhauses zur Folge, dass Klinkum schon bald einen eigenen Priester bekam. Es war Rektor Leonard Clasen aus Lindern, der bisher Kaplan in Kreuzau war. Die Ernennung erfolgte am 15. November 1907. Natürlich geschah weiterhin formal noch alles unter der Verantwortung des Pfarrers von Wegberg, aber jetzt ortsnah und damit auf einer ganz anderen Ebene zwischenmenschlicher Begegnung. Dabei wurden dem Rektor auch aus der Sicht der Seelsorge immer mehr Rechte zuerkannt. Das Erzbischhöfliche Generalviktariat hat wohl gesehen, dass durch die besondere Konstellation zwischen dem Rektor von Klinkum und dem Pfarrer von Wegberg bezüglich der Kompetenzen Konflikte leicht möglich waren. Um solche zu vermeiden, erhielt der Rektor eine klare Dienstanweisung, die durchaus lesenswert ist und daher hier - S. 32 - festgehalten wird. Die weitere Loslösung von Wegberg verlief wie folgt:

Am 26. Mai 1908 durfte zum ersten Mal die Erstkommunion der Kinder stattfinden. Eine Freude und ein Jubeltag für das ganze Dorf! Im folgenden Jahr durfte mit Genehmigung des Erzbischofs von Köln vom 12. März 1909 in der Kirche an den drei Ostertagen jährlich das damals in allen Pfarren übliche 40stündige Gebet abgehalten werden, und im gleichen Jahr durfte erstmalig eine Fronleichnamsprozession stattfinden. Am 16. März 1909 erteilte der Erzbischof die Genehmigung, alljährlich am 19. November, am Feste der heiligen Elisabeth, das Ewige Gebet in Klinkum zu halten. Am 1. Oktober 1909 erfolgte die Erhebung Klinkums zur selbstständigen Kapellengemeinde mit eigener Vermögensverwaltung. Am 7. Dezember wurde der erste Kirchenvorstand gewählt. Es waren natürlich wiederum nur Männer: Backhaus Theodor, Beyartz Constantin, Buschen Peter, Jansen Johann, Nießen Jakob und Peters Laurenz. 31


F ür 1910 wurde dann eine Volksmission genehmigt. 1911 erhielt Klinkum das Recht, Trauungen vorzunehmen. Am 18. März 1911 wurde die Vollmacht erteilt, den Angehörigen des Rektorats die Osterkommunion in der Klinkumer Pfarrkirche zu spenden. Hierzu sei daran erinnert, das neben den 10 Geboten Gottes die 5 Gebote der Kirche standen und zu beachten waren. Dazu gehörte: Du sollst wenigstens einmal im Jahr die Sünden beichten und die heilige Kommunion empfangen, und zwar zur österlichen Zeit. Diese Zugeständnisse an Klinkum und die Genehmigungen durch das Bistum zeigen, wie sehr man zur damaligen Zeit um die Einheit religiöser Formen und um die Sicherstellung einheitlicher religiöser Inhalte von Wegberg und vom Bistum her bemüht war. Die Zugeständnisse an Klinkum sind aber auch ein Beweis dafür, wie Rektor Claßen immer mehr zur Selbstständigkeit drängte. In diesem Sinne heißt es: Es war immer das selbstverständliche Bestreben des Herrn Rektors dahin zu wirken, dass das Rektorat bald zur selbständigen Pfarre erhoben wurde, zumal zur Votation des Pfarrers die Summe von 40.000 Mark gesammelt war. (18) Dieses letzte Ziel wurde dann 1912 erreicht. In der entsprechenden Urkunde des Erzbischofs heißt es u.a.:

1. Die Kapellengemeinde Klinkum wird zur selbständigen Pfarre erhoben. 2. Die Grenzen der neuen Pfarre sind dieselben wie die der Kirchengemeinde. 3. Das Diensteinkommen des Pfarrers regelt sich nach dem Gesetz vom 26. Mai 1909 über das Diensteinkommen der katholischen Pfarrer. Somit die Pfarrgemeinde über den Betrag von 3115 Mark (einschließlich des Staatsgehalts von 400 Mark) …aufzubringen außerstande ist, wird die eine Hälfte des Fehlbetrages von der Erzbischöflichen Behörde aus kirchlichen Mitteln gewährleistet unter der Voraussetzung, daß die andere Hälfte seitens des Staates gewährleistet wird. (19) Zu diesem Loslösungsprozess noch ein paar Dokumente.


Dienstanweisung f체r den Rektor in Klinkum linke Seite (D25) Urkunde 체ber die Errichtung einer selbstst채ndigen Kapellengemeinde links (D26) Genehmigung, Trauungen vorzunehmen unten (D27)


Genehmigung zur Durchf端hrung einer Volksmission (D28)


Gebetszettel zum Empfang der Osterkommunion. Ein Beweis f端r die Bedeutung der Osterkommunion und des Gebetes. Die Osterkommunion durfte nur in der Mutterpfarre empfangen werden. (D29)

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Die Fahne der Klinkumer Jungfrauenkongreation

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Die Fahne der Klinkumer Jungfrauenkongreation. Die innere Ausgestaltung des Pfarrlebens ging nach der Ernennung zur selbstst채ndigen Pfarre nat체rlich kontinuierlich weiter. Exemplarisch sei hier die Gr체ndung einer Jungfrauenkongreation genannt, zeigt dies doch ganz besonders die Ausrichtung der Charakterbildung der weiblichen Jugend. (D29a)

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Unsere Kirche heute aus der Sicht ihrer Entwicklung

Aufgaben, Wünsche, Spenden

Ein Haus ist bekanntlich keine Gabe, sondern meist eine permanente Aufgabe. Das gilt sicherlich ganz besonders für ein Gotteshaus. Auch da fallen bald notwendige Reparaturen und Arbeiten an, die der Erhaltung und der Aktualisierung dienen, und da gibt es auch Wünsche, die sich einfach einstellen. S o war und ist es bei der Kirche in Klinkum. Es

würde den Rahmen dieser Schrift sprengen, auf jede Kleinigkeit und Alltagsentscheidung einzugehen. Hier soll nur das beleuchtet werden, was für die Liturgie und den Gottesdienst irgendwie von Bedeutung ist. Auch für die Kirche in Klinkum gilt, dass für Entwicklungen und Anschaffungen viel Geld notwendig war und ist und dass bei Kirchen fast alles von Spenden abhängt. Anlässlich der Grundsteinlegung sagte Pfarrer Müller, dass die Gemeinde Klinkum bereits große Opfer gebracht habe und dass auch in Zukunft noch große Opfer von ihr verlangt würden. Solche ließen dann nicht lange auf sich warten, und sie wurden auch erbracht. „So konnten vor dem ersten Gottesdienst in der neuen Kirche alle notwendigen Kirchengerätschaften durch den Wohltätigkeitssinn edler und stiller Spender angeschafft werden.” (20)

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Es würde den Fluss dieser Schrift stören, immer wieder von Geld und Spenden zu sprechen, und das wäre sicherlich nicht im Sinne der vielen stillen Stifter. Man kann aber der Themenstellung hier nicht ganz gerecht werden, wenn gar nicht erwähnt wird, dass all das, was geleistet wurde in Sachen Gotteshaus: Planung, Errichtung, Ausstattung, Erhaltung und Verschönerung ohne die übergroße Spendenfreudigkeit der Pfarrangehörigen und ohne die vielen Eigenleistungen nicht möglich gewesen wäre. Weil viele Spenden aber in aller Stille erfolgten, wissen wir allerdings leider heute oft nur wenig über die Höhe der Kosten und über die jeweiligen Spender der Einrichtungsgegenstände wie z.B. Bänke, Kreuzweg und Taufstein. W ie allerorts haben auch bei uns Gottesdienstbesuch und Spendenfreudigkeit in jüngster Zeit stark nachgelassen. Trotzdem waren wir 2003 aber noch in der Lage, die unbedingt notwendige Innenrenovierung zu finanzieren.

Allen bekannten und unbekannten früheren und heutigen Spendern gebührt an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön!


Die Ausmalung von 1920/21

Eine schwache Erinnerung an die Ausmalung von 1920/21. Blick vom Mittelschiff auf den Bogen 端ber dem Herz-Jesu-Altar. (D29b) Leider sind keine qualitativ besseren Bilder vorhanden.

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E ine erste große Ausmalung unseres Gottes-

*SICUT ERAT IN PRINCIPIO ET NUNC ET SEMPER – Wie es war im Anfang so auch jetzt und in alle Zeit

Im Jahre 2003 restaurierter Torbogen zur Erinnerung an die Ausmalung von 1920/21. (D30)

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hauses erfolgte 1920/21. Hierzu berichtete die Erkelenzer Zeitung am 15. Januar 1921: „Seit Juli vorigen Jahres ist man mit der Ausmalung unserer 1903 erbauten Kirche beschäftigt und nun … geht diese Arbeit ihrem Ende entgegen. Die künstlerische Hand des Malers hat hier Großartiges geschaffen, woran jeder Pfarrangehörige sich noch lange erfreuen wird. Auch lohnt es sich für Auswärtige, gelegentlich diese prachtvolle Ausmalung zu besichtigen.” (21) Der damalige Klinkumer Pfarrer Plaum berichtet in der Pfarrchronik zu dieser Ausmalung: „Nach Kriegsschluß – die Pfarre hat die heimkehrenden Krieger in einem großartigen Abend gebührend gefeiert – war es die erste Sorge des Kirchenvorstandes, die Kirche ausmalen zu lassen. Aus der (Ausschreibung?) ging Herr Maler Assenmacher aus Aachen als Sieger hervor. Die Skizze ist allerdings nicht nach Köln gegangen, weil man befürchtete, sie würde nicht genehmigt werden. Angefangen wurde am 12. Juni 1920 und geschlossen im April 1921, meist wurde mit 4 Mann, zeitweilig mit 5 gearbeitet.” (22) Über Stil und Motive der Malerei ist leider nichts ausgesagt. Bilder sind nur noch spärlich vorhanden. Etwas mehr über die Art der Ausmalung erfahren wir von Pfarrer Palm, dem Nachfolger von Pfarrer Plaum, anlässlich der nächsten Ausmalung. Er berichtet hierzu ein wenig kritisch: „Früher überdeckten bildliche Darstellungen, wurzelnd in der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, und wuchernde Jugendstilornamentik die sauber gearbeitete klare architektonische

Anlage des Kirchenraumes.”(23) Weil an Bildern nicht viel erhalten ist, ist es höchste Zeit, sofern wir uns wenigstens in der Phantasie ein Bild dieser Ausmalung erhalten wollen, die noch lebenden älteren Klinkumer diesbezüglich zu befragen. Das geschah dann auch. Josef Herzogenrath weiß zu berichten: An der linken und rechten Seite des vorderen Altarraumes waren neben den Blindfenstern in wenigstens natürlicher Größe farblich die Portraits der vier Evangelisten mit ihren Tiersymbolen. Um den Altarraum herum, direkt unter den Brüstungen der Chorfenster, stand in großen Lettern: SICUT ERAT IN PRINCIPIO ET NUNC ET SEMPER* Georg Heinrichs erinnert sich noch daran, dass nur die Wände, nicht die Decke, mit Portraits ausgemalt waren. Helene und Fritz Jakobs, Jakob Quasten und Kaspar Jans glauben sich wie folgt zu erinnern: Hinter den beiden Seitenaltären war je ein großes Bildmotiv, links die Himmelfahrt Christi. Der zum Himmel auffahrende Christus hielt demonstrativ ein Modell der Klinkumer Kirche in der Hand. Viele Menschen waren um ihn herum versammelt. Auf der rechten Seite war die Himmelfahrt Mariens dargestellt. Dort, wo heute an der Rückwand der Kirche zum Turm hin die Beichtstuhlnische hängt, war ein Bild des heiligen Christophorus, der Christusträger, mit dem Jesuskind auf den Schultern einen Fluss durchschreitend. Weite Teile des Kirchenraumes waren mit Ornamentik ausgemalt, so wie diese im Bogen zwischen Kirchenraum und Turm 2003 restauriert wurde.


Eine erneute Ausmalung im Jahre 1955, ein ganz neues Bild

Eigentlich ist man nach dem Studium der Archivunterlagen und der Literatur zu unserer Kirche überrascht, dass die mit einem so großen zeitlichen und finanziellen Aufwand gestaltete Kirche nach einer doch relativ kurzen Zeit von ca. 35 Jahren erneut einer Überarbeitung und Neuausmalung bedurfte. Dabei wird man an die Barockund Rokokokirchen in Bayern erinnert, die doch schon zum Teil über Generationen Bestand haben. D ie Tatsache, dass bei uns gleichzeitig mit der

erneuten Ausmalung von der geschnitzten Madonna und der Herz-Jesu-Figur die farbliche Fassung genommen wurde, lässt auf ein neues religiöses Empfinden und ein neues Farb- und Kunstempfinden schließen. An die Stelle einer üppigen bildhaften Ausgestaltung wie vorher trat daher bei uns ein großflächig gestrichener Raum mit nur einer feinen Abstufung der Farbtöne zu angemessener Betonung der Einzelteile wie z.B. der Kapitelle. Mit dieser Ausmalung erhielt die Kirche ein ganz neues Bild. Das war ein erster Schritt zu einer neuen Schlichtheit, die den Gottesdienstbesucher durch Äußerlichkeiten nicht mehr ablenken sollte vom eigentlichen Wesen des Glaubensgeheimnisses. Auch bei uns wurden wie andernorts in dieser Zeit die Altaraufbauten abgebaut und Bilder beseitigt. Wir erlebten in dieser Zeit eine Art Bildersturm wie im 16. Jahrhundert. Zwei Monate wurde an dieser Ausmalung gearbeitet, eine kurze Zeit im Vergleich zu der Ausmalung von 1920/21. Die Gottesdienste fanden während dieser Zeit im Saal Görtz statt. Die Malerarbeiten wurden von der Fa. Wilhelm Bolten aus Mönchengladbach nach Plänen des Kirchenmalers Ernst Jansen-Winkeln, ebenfalls aus Mönchengladbach, durchgeführt, der uns bekannt ist von vielen Glasmalereien unserer und anderer Kirchen. 41


Die große Innenrenovierung von 2003

Seit Jahren hieß es in den Gottesdiensten: Die heutige Kollekte ist zur Innenrenovierung unserer Kirche bestimmt. Wer dabei von den Gottesdienstbesuchern durch den Kirchenraum schaute, der sah, wie notwendig die angekündigte Innenrenovierung war.

Der im Jahre 2003 neu gestaltete Fußboden im Altarraum (D31) Einige der neuen Kronleuchter Bild rechts (D32)

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D ie gesamten Wände brauchten unbedingt einen neuen Farbanstrich, hier und da schien sogar Feuchtigkeit einzudringen. Dass für die anstehenden Arbeiten viel Geld notwendig war, lag auf der Hand. Der Kirchenvorstand wollte recht bald diese große Aufgabe angehen, um im Jubiläumsjahr 2005 wieder ein würdiges Gotteshaus zu haben. Man überlegte, ob mit der neuen Ausmalung sogleich andere Arbeiten und Veränderungen vorgenommen werden sollten. In ersten Gesprächen mit Vertretern des Bistums wurde von dort die Notwendigkeit einer Innenrenovierung der Kirche bestätigt und ein Zuschuss zugesagt. Da sich bei der Planung schon die zu erwartende angespannte Finanzlage beim Bistum ankündigte, drängte der Kirchenvorstand auf eine schnelle Durchführung, und in der Tat konnte das Projekt 2003, rechtzeitig vor unserem Jubiläum, angegangen werden. Wände und die Decke erhielten den jetzigen schlichten Anstrich. Eine Gestaltung im Sinne der Ausmalung von 1920/21 wurde diskutiert, war aber finanziell nicht möglich und mehrheitlich auch nicht gewollt. Der farbliche Säulenschmuck wurde zum Chor hin etwas stärker betont, um den Blick zum Altarraum hinzulenken. Die Podeste unter den Bänken waren angegriffen. Sie wurden heraus-

genommen und durch neue ersetzt. Alle Abbauarbeiten wie auch die Entsorgung des alten Materials erfolgten in Eigenleistung. Die Bänke wurden abgebaut, bei Höninger in Bischofshütte, bei Wwe. Anna Wilms, Hauptstraße, und bei Wwe. Maria Heinrichs, früher Schreinerei Heinrichs, zwischengelagert, in mehren Arbeitsgängen abgeschliffen und neu gestrichen. Dazu stellten sich an vielen Abenden und an den Wochenenden mehr als 10 Personen ehrenamtlich zur Verfügung. Der Altarraum wurde auf zwei Stufen bis auf die frühere Ebene aus der Zeit der Erbauung der Kirche abgetragen. Als dabei überraschend die erste Plattierung zu Tage trat, entschied der Kirchenvorstand spontan, die noch brauchbaren Platten abschleifen zu lassen und in den neuen Fußbodenbelag des Altarraumes einzubringen. Den Plan dazu erstellte der Künstler Titus Reinarz aus Sinzig, der in Sachen Kirchenraumgestaltung reiche Erfahrung hat. D er große mit schwarzem Marmor eingefasste

frühere Hauptaltar wurde abgebaut und an seine Stelle eine provisorische Stele gesetzt, da die Gelder für eine Gesamtgestaltung des Altarraumes noch nicht vorhanden waren. Die gesamte Elektroanlage wurde erneuert, die Mikrofonanlage durch eine neue ersetzt. Die Gesamtkosten betrugen über 300.000 Euro, das Bistum übernahm etwa die Hälfte. Die gesamten Eigenmittel konnten durch Spenden angespart werden, ein Beweis dafür, dass unsereren Pfarrangehörigen unsere Kirche doch etwas bedeutet. Mit dem Ehepaar Agnes und Felix Louis fand sich ein Stifter für die neuen Kronleuchter. Als Pfarrer Pater Josef dann auch noch zu einer Spende zur Restaurierung des Kreuzwegs aufrief, war die Spendenfreundlichkeit immer noch so groß, dass sie nach kurzfristigem Erreichen des notwendigen Geldbetrages gestoppt werden konnte. Zu alle dem fiel zur gleichen Zeit überraschend eine Restaurierung der Kirchturmspitze für 67.800 Euro an, wovon die Pfarre 15.800 Euro zu tragen hatte.


Ein fiktiver Kirchenbesuch Ein erster Blick auf unsere Kirche

Portal mit Wimperg und kunstvoll geschmiedetem T체rgeh채nge (D34)

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Wenn wir uns von Wegberg aus über die Alte Landstraße unserer Kirche nähern, haben wir bald alles vor Augen, was die äußere Schönheit einer gotischen Kirche ausmacht. D a ist der hoch zum Himmel weisende Turm, da

Ein Querschifffenster mit Kreuzblume (D33)

Pater Josef mit erstmals vergoldetem Kirchturmhahn (rechts). Ein Sponsor ermöglichte die Vergoldung von Hahn und Kugel. (D36)

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sind die schlanken typisch gotischen Maßwerkfenster, da haben wir die Kreuzblumen auf den Giebeln des Querschiffs, und sogar ein giebelartiges Dreieck über dem Hauptportal an der Südseite des der Kirche vorgebauten Turmes, ein Dreieck, wie wir es als Wimperg von den großen Domen und Kathedralen zur Betonung der Fenster und Portale kennen. Natürlich ist es bei uns um ein Vielfaches einfacher und bescheidener, aber trotzdem einladend und schön. Am Haupteingang fällt besonders das üppig gestaltete und verschnörkelte Türgehänge auf. Da hat der Meister weit mehr getan als zur Funktionsfähigkeit einer Tür notwendig ist. Hier hat er wohl sein ganzes handwerkliches Können, auch ein wenig für den Herrgott, in die Waagschale geworfen. Der „Meister”, das war der damalige Dorfschmied Jakob Eickels, der direkt der Kirche gegenüber seine Schmiede hatte und so später schon einmal schnell einen Blick auf sein Gewerk werfen konnte. Hier hat er sich durch seine Initialen „verewigt”. Fast wie von selbst geht vom Hauptportal aus unser Blick nach oben, um einen Augenblick bei dem großen für gotische Kirchen typischen Fenster zu verweilen. Hier hat der Baumeister sicherlich die gesamte Fläche maximal genutzt, damit bei unserer nicht geosteten Kirche von Süden her über viele Stunden des Tages Sonnenstrahlen durch das Buntglas in die Kirche fallen und den Kirchenraum beleben können.

U nser Blick erreicht nun über die Kirchturmuhr

– sie wurde 1910 angeschafft – die Kirchturmspitze. Anlässlich der bereits beschriebenen Restaurierung im Jahre 2003 mussten Hahn, Kreuz und Kugel herunter genommen werden. Dies hat der Kirchenvorstand, nachdem sich für die Kosten ein Sponsor gefunden hatte, zum Anlass genommen, Kugel und Hahn vergolden zu lassen. Seitdem leuchten sie bei Sonnenschein weit über unser Dorf hinaus und machen auf Klinkum und unsere Kirche aufmerksam. Zu Hahn, Kreuz und Kugel hat uns seinerzeit unser damaliger Pastor Pater Josef ein paar diese Symbole deutenden Gedanken mit auf den Weg gegeben. Sie seien hier in Erinnerung gerufen.


Hahn, Kreuz, Kugel

Bericht 端ber Wetterhahn, Eisenkreuz und Kugel von Pater Josef. Zu Hahn, Kreuz und Kugel hat uns seinerzeit unser damaliger Pastor einige diese Symbole deutenden Gedanken mit auf den Weg gegeben. (D35)

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Unter dem Turm

Wenn wir durch das Hauptportal unsere Kirche betreten, befinden wir uns unter dem Turm wie in einer kleinen Vorhalle. D a grüßt uns von einer Ikone her die Gottes-

mutter, mit gekröntem Haupt, Maria also, die wir als Königin verehren, z.B. im Lied „Maria Maienkönigin” oder im 5. Gesetz des glorreichen Rosenkranzes, wo der Zusatz zum Ave Maria lautet: „Der dich, oh Jungfrau im Himmel gekrönt hat.” Wir verehren sie darüber hinaus in einer Litanei, in der wir sie u.a. als Königin des Himmels anrufen. Immer wenn wir Menschen das Gefühl haben, mit einem einzigen Wort einer Sache oder einer Person nicht umfassend gerecht zu werden, greifen wir in unserer Sprache zu Vergleichen und Eigenschaften anderer. So ruft z.B. der Islam Allah mit 99 Namen an. Josef Herzogenrath weiß zu berichten, dass an dieser Stelle ein Antoniusaltar mit einem geschnitzten Aufbau und einer Antoniusfigur gestanden hat. Ob es sich um die heute noch vorhandene Antoniusfigur handelt, ist nicht mehr nachweisbar. Es ist nicht bekannt, wann und warum der Antoniusaltar abgebaut wurde. Die Ikone, so berichtet Josef Herzogenrath weiter, habe zu einem von zwei Nebenaltären gehört, die rechts und links hinter den Seiteneingängen standen.

Auf unserem Bild hält die Gottesmutter den Jesusknaben auf ihrem Arm. Auch er trägt eine Krone, was uns an die Stelle der Schrift erinnert, dass uns ein König geboren sei, ein König, dessen Reich aber nicht von dieser Welt ist. „Begleitet” wird die Muttergottes von zwei Engeln, der linke mit einem Schwamm und einer Lanze, der rechte mit einem Kreuz in den Händen. Zeichen, die auf das zukünftige Martyrium Christi und auf die Erlösung der Menschheit durch das Kreuz hindeuten. Vor dem Marienbild steht eine Kniebank, dahinter ein Kerzenständer. (D37) Viele Gottesdienstbesucher zünden hier zu Ehren der Gottesmutter eine Kerze an, sicherlich verbunden mit der Bitte um ihren Schutz und ihre Fürsprache. Ein schöner Brauch!

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Die Halle unter dem Turm ist vom eigentlichen Kirchenraum durch einen gläsernen Windfang abgetrennt. Dieser Windfang wurde um 1970 mit den Windfängen an den Seitentüren eingebaut, weil der Kirchenraum durch die dauernde Zugluft nur schwer zu beheizen war. Wenn das Hauptportal geöffnet ist, ermöglicht der abschließbare Windfang einen Besuch bei der Gottesmutter unter dem Turm und einen Blick in den Kirchenraum bis zum Altar hin.


Ein Besuch bei den Glocken im Turm

Die Reiter versammeln sich, um mit ihren reich geschmückten Pferden den Festzug für die neuen Glocken zu begleiten. (D38)

Im Jahre 1909 wurde für Klinkum wieder ein großes sich, werden sie doch täglich ein paar Mal aus der Ziel erreicht, nämlich die Anschaffung von vier Ruhe(lage) gebracht, um den neuen Tag anzukündigen, den Mittag und den Abend, um uns neuen Glocken. zum Gottesdienst zu rufen oder uns mitzuteilen, D er Chronist berichtet: „Ein neuer Freudentag für dass jemand aus unserer Mitte verstorben ist. den Ort war der 4. Juni 1909, der Tag, an welchem Die Glocken mussten nach der Anschaffung von die vier neuen von Glockengießer Otto, Hemelingen, Domkapellmeister Conen aus Köln begutachtet gegossenen Glocken in friedlichem Zug an der Bahn werden, der zu folgendem Ergebnis kam: „Aus der abgeholt wurden und auf festlich geschmückten Untersuchung ergibt sich, daß der Guß als ganz Wagen durch den reich gezierten [?] ganzen Ort bis tadellos und die Klangbeschaffenheit als vorzüglich bezeichnet werden müssen …Die Glocken nach Peterholz geführt wurden.” (24) Die Glocken haben, um das ein wenig lässig zu haben die Haupttöne es, ges, as, b (Präfationstonsagen, sicherlich, wenn da nicht noch irgendwo die art) und bilden eines der schönsten Geläute der sprichwörtliche Kirchenmaus im Gotteshaus um- Umgebung.” (25) herirrt, das bewegteste Leben in der Kirche hinter 47


Die Glocken kosteten mit dem gusseisernen Glockenstuhl ca. 11.000 Mark. Diesbez端glich muss aber eine Unklarheit bestanden haben, da in der Chronik und in der Rechnung, wie die beigef端gte Kopie zeigt, von einer Restsumme die Rede ist, die erst 1915 bezahlt wurde. (D39)


Die Rechnung zu den Glocken, zur leichteren Lesbarkeit hier in Maschinenschrift (D40)

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Kaspar, die größte unserer vier Glocken im Turm wurde von Landwirt Kaspar Küppers gestiftet und trägt daher seinen Vornamen. (D41)

Die Inschriften der Glocken sind als Chronogramm geschrieben, d.h. mit Hervorhebung einiger Buchstaben als römische Zahlen, aus denen sich für alle Glocken „1909” als Taufjahr ergibt. (26) Zu 1: Kaspar werde ich genannt, König des Morgenlandes. Wer mir nachfolgt, wird am Ende wahrhaftig zum auserwählten himmlischen Bürger berufen. 50

Zu 2: Jesus Christus möge den büßenden Sündern ein milder Richter sein.

Zu 3: Heiliger Josef, gütiger Schutzherr des frommen Wohltäters, stehe uns bei im harten Todeskampf.

Zu 4: Sei gegrüßt, oh Königin, sei gegrüßt heilige Mutter, in den Mühseligkeiten dieser Verbannung stehe deinen Lieben bei. (27)


Die Glocken W enn man bedenkt, dass noch vor einem halben Jahrhundert die Glocken den Tagesrhythmus mitbestimmten und dass heute gelegentlich das Geläute als ruhestörender Lärm empfunden wird – eine entsprechende Klage hat es vor einiger Zeit in unserem Kreis gegeben -, spüren wir den riesigen Wandel, den wir hinsichtlich des religiösen Empfindens durchlebten. Leider gab es zu den Glocken bereits wenige Jahre nach ihrer Anschaffung im Ersten Weltkrieg Ernstes zu berichten: „Wegen Mangel an Kupfer und Zinn mußten damals die Kirchenglocken ihren luftigen Sitz verlassen und mit in den Krieg ziehen und nur die ganz alten durften hier bleiben, wie z.B. in Wegberg. Auch Klinkum hatte schon den Befehl erhalten, innerhalb acht Tagen die Glocken abzuliefern. Es ist aber dem eifrigen Bemühen des Pfarrers gelungen, die Glocken hier zu halten.”

Noch ernster war die Situation im 2. Weltkrieg. Pfarrer Palm berichtet, dass im Frühjahr 1942 von den 4 Glocken die drei größten die Pfarrgemeinde verlassen mussten, um für Kriegszwecke eingeschmolzen zu werden. Ihr harmonisches Geläute erklang zum letzten Mal am Kirmesmontag, dem 18. Mai. Woran wohl die Kinkumer nicht geglaubt hätten: Sie bekamen ihre Glocken zurück, und zwar gut 4 Jahre nach Kriegsende. Am 9. Oktober 1949 wurden sie in einem großen Festzug zur Kirche geleitet, und am Buß- und Bettag, dem 17. November 1949, läuteten sie wiederum zum ersten Mal. Die Heimkehr hatte die Pfarre dem Schreinermeister Wilhelm Quasten zu verdanken, der sie vor dem Abtransport nicht auslöschbar mit Mennige mit den Worten „Klinkum Kreis Erkelenz” beschriftet hatte.

(28)

Pressebericht zur Heimkehr unserer Glocken (D42)

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Ein erster Blick in unseren Kirchenraum

Unsere Kirchenbänke (D43/44)

Wenn wir von der Vorhalle einen ersten Blick in den Kirchenraum tun, beeindruckt uns hier besonders die Höhe des Raumes mit dem leichten Blau des von schlanken Säulen getragenen Deckengewölbes. Hier spürt man, was Gotik will: „…durch mystisch gestaltete Bauwerke den Gläubigen das Wunderbare der jenseitigen Welt verständlich machen, um ihn durch eine neue Form des Gotterlebens zum Glauben zu führen.” (29) Zu der so gewünschten Wirkung tragen in unserer Kirche vor allem die mit heimischem Blattwerk verzierten Kapitelle der Säulen bei und die für eine gotische Hallenkirche typisch hohen – gleich hohen – Kirchenschiffe. (D83/84, S.74) Die das Äußere einer gotischen Kirche prägenden und vorher in diesem Zusammenhang genannten Maßwerkfenster mit ihrer Ornamentik tun hier ganz besonders ihre Wirkung, vor allem, wenn das Sonnenlicht hier einfällt und dadurch wie beim Südfenster den Raum belebt. 52


Unsere Kirchenbänke

Gotische Fensterformen und Rosetten schmücken die Seitenwangen. Die Rücken sind nicht aus einfachen Holzbrettern, sondern haben alle abgeschrägte Einlegetafeln. Die „Köpfe” der Seitenwangen sind giebelförmig und ganz geschnitzt, u.z. mit Lilien als Symbole der Reinheit. Schnitzarbeiten dieser Art sind heute weniger gewollt. Stattdessen lässt man Materialien, vor allem Holz, mit seiner Maserung natürlich wirken. Hier sind die Verzierung und Gestaltung der Bänke Ausdruck dafür, dass nichts schön genug sein konnte für den Herrgott. Bei kritischem Hinsehen stellt man fest, dass die Bänke der Außenfelder einfacher gestaltet sind als die der Mittelfelder. Ursprünglich hatten sie keine Sitzflächen, sondern boten bis 1971 nur die Gelegenheit zum Knien. Man sollte auch wissen, dass es lange in den Kirchen eine feste Sitzordnung gab. In Klinkum war das linke Innenfeld für die Männer, das rechte Innenfeld für die Frauen, das linke Außenfeld für die Jünglinge und das rechte Außenfeld für die Jungfrauen bestimmt. Für die Kinder gab es im vorderen Bereich zuerst nur Kniebänke, später für ein paar Jahre einfache Bänke mit einer Ablage für das Gebetbuch. Kaspar Jans weiß zu berichten, dass jeder, der eine Bank stiftete, einen mit Namensschild versehenen Platz erhielt, der bis zu Beginn des Gottesdienstes von niemandem außer dem Stifter eingenommen werden durfte. Bevor wir uns von den Bänken verabschieden, noch ein Blick auf den kleinen Opferstock an der letzten Bank des linken Innenfeldes. Selbst er ist liebevoll und stilgetreu wie die I n der Pfarrchronik heißt es zu den Bänken anläss- Bänke gestaltet. lich des ersten Gottesdienstes in der neuen Kirche: „Leider konnten die Bänke, die ebenfalls von opferfreudigen Gemeindemitgliedern gestiftet worden sind, bis zum Feste nicht beschafft werden.” (30) Es ist nirgendwo zu erfahren, aus welcher Werkstatt unsere Bänke stammen, wer sie entworfen hat und wie viel sie gekostet haben. Sie sind aus solidem – sicherlich auch damals schon teurem und wertvollem – Eichenholz und reichlich verziert. In vielen Kirchen rechtfertigen die Bänke keine besondere Würdigung. In Klinkum darf sie dagegen nicht unterbleiben. Sie beeindrucken durch ihre klare Ordnung und die Harmonie, die von ihnen ausgeht. Sie sind in vier Feldern angeordnet, getrennt durch einen breiten Mittelgang und zwei schmale Seitengänge.

Der Opferstock (D45)


1. Jesus wird zum Tode verurteilt

2. Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

3. Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

7. Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

8. Jesus begegnet den weinenden Frauen

9. Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

13. Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

14. Der heilige Leichnam wird in das Grab gelegt

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4. Jesus begegnet seiner Mutter

5. Simon v. Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

6. Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

10. Jesus wird seiner Kleider beraubt

11. Jesus wird an das Kreuz genagelt

12. Jesus stirbt am Kreuz

Der Kreuzweg

Das Wort „Kreuzweg” hat in unserer Sprache eine zweifache Bedeutung. Ursprünglich ist es die Bezeichnung für den Weg, den Jesus, das Kreuz tragend, vom Haus des Pilatus bis hinauf nach Golgatha ging. Darüber hinaus bezeichnet es auch die bildhafte Darstellung dieses Weges, wie sie zu unseren Kirchen gehört und sogar in freier Natur geschaffen wurde. D ie nächstliegenden Beispiele hierfür haben wir

in der Nähe des Birgelner Pützchens und im Wallfahrtsort Kevelaer. Über den vom heiligen Franz von Assisi gegründeten Orden der Franziskaner kam der Kreuzweg im 15. Jahrhundert zu uns. Er ist auf-

geteilt in Stationen, ursprünglich sieben, später vierzehn, heute gelegentlich auch fünfzehn, wo die Darstellung der Auferstehung als Zeichen der Erlösung hinzugekommen ist. Der Begriff „Kreuzweg” ist mit den Wendungen „den Kreuzweg beten” oder „den Kreuzweg gehen” fest in unsere Sprache eingegangen, letztere Wendung dadurch, dass gelegentlich im Gotteshaus, und immer draußen, die jeweiligen Geschehnisse des Leidens Jesu fortschreitend vor den einzelnen Stationen gebetet werden. Rufen wir noch einmal mit Hilfe unserer oben abgebildeten Darstellungen die Stationen des Kreuzweges in unsere Erinnerung zurück. 55


Station 10. Jesus wird seiner Kleider beraubt. Großflächige Abbildung zur besseren Detailwahrnehmung. (zu D55)

E in Kreuzweg erinnert hinsichtlich seiner Intention

an die berühmten holzgeschnitzten flandrischen Altäre, die mit religiösen Motiven ausgestattet sind und die man im Volksmund „sprechende Altäre” nennt. Wie sie führen die Stationen des Kreuzwegs den Betrachter, der früher meist des Lesens unkundig war, die Glaubensinhalte im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen und in Verbindung mit dem Gebet zu einem tieferen Nachempfinden des Leidens Christi. Vielerorts haben wir in den Kirchen kostbare als Unikate künstlerisch hergestellte Kreuzwege. Ob das in Klinkum der Fall ist, wissen wir nicht. Unser Kreuzweg kann ein Unikat oder auch ein Abdruck aus einer vorgefertigten Form zur Mehrfachproduktion sein. Wie dem auch immer sei: Die Darstellungen wirken natürlich und ausdrucksstark und sie gehören zu uns. Dem Kirchenvorstand war es 2003 anlässlich der großen Innenrenovierung, unabhängig von der künstlerischen Bedeutung, ein großes Bedürfnis unseren Kreuzweg aus Gründen der Tradition zu erhalten. Da die Tafeln bis dahin jeweils in der Wand vor bzw. innerhalb der Seitenwindfänge eingelassen waren, mussten sie für eine neue und würdige Anordnung herausgemeißelt werden. Das war nicht leicht, weil sie aus Gips hergestellt sind und schnell

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zerbrechen. Nachdem der Ausbau dann doch einigermaßen gelungen war, wurden sie zuerst ausgebessert und aufgearbeitet. Wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten und Schäden wurde zwischenzeitlich doch immer wieder überlegt, einen neuen Kreuzweg anzuschaffen, bis sich mit den ersten Versuchen einer neuen Farbgestaltung und den ersten Entwürfen für neue Rahmen eine ansprechende Lösung zur Erhaltung unseres alten Kreuzweges endgültig abzeichnete. Die Gestaltung in Grautönen übernahm dann ehrenamtlich Willi Herzogenrath. Die Rahmen fertigte nach ersten Vorschlägen von Josef Wirtz die Klinkumer Schreinerei Steffan an. Der jetzige „Standort” ergab sich nach der Überarbeitung dann fast von selbst. Ältere Klinkumer wissen zu berichten, dass unser Kreuzweg früher farbig und mit einem geschnitzten Holzrahmen eingefasst war, wahrscheinlich bis zur Innenrenovierung 1955. In Erinnerung an dieses ursprüngliche Bild hätten auch jetzt einige ältere Pfarrangehörige wiederum eine farbliche Aufarbeitung gewünscht. Als aber die neue Art gut angenommen wurde, wurde darauf, auch aus finanziellen Gründen, verzichtet.


Von der Kanzel und von der Verkündigung

Unsere Kanzel früher und heute früher, (D 60/61) links im Bild Gravur zur (D60) Erinnerung an die Stifter unserer Kanzel D 62 -

Gravur zur Erinnerung an die Stifter unserer Kanzel (D 62)

Wenn das verstorbene Klinkumer Ehepaar Josef und Katharina Theißen noch einmal zurückkommen könnte, dann müssten wir ihnen ein zweifaches Dankeschön sagen. Ein erstes lautes Dankeschön dafür, dass sie 1936 für unsere Kirche die Kanzel gestiftet haben, ein ergänzendes, etwas leiseres Dankeschön, weil sie mit einer Gravur ihrer Namen und des Jahres der Stiftung einverstanden waren.


Die Kanzel O hne diesen Hinweis wäre die Spurensuche auch hier wiederum kaum möglich gewesen. Außerdem hat der Chronist der Pfarrchronik festgehalten, dass die Kanzel in der damals bedeutenden Werkstatt Tillmanns in Erkelenz gefertigt worden ist. Leider ist nichts über die Gründe für die Auswahl der Motive bekannt. Leicht erkennbar ist, dass es sich um eine handwerklich gelungene Arbeit handelt und dass das Gesamtmotiv wohlüberlegt gewählt wurde. Auch die Kanzel wurde aus wertvollem Eichenholz angefertigt. Wenn die Eheleute Theißen wirklich noch einmal zurückkommen könnten und unserer Kirche einen Besuch abstatten würden, dann würden sie sehr wahrscheinlich in Bezug auf „ihren Predigtstuhl” drei Fragen stellen, nämlich: 1. Wo steht denn jetzt unser Predigtstuhl? 2. Wo ist denn der „Himmel” geblieben? 3. Was ist das für eine Treppe? Nach der Stiftung 1936 erhielt die Kanze ihren Platz innen an der – vom Kirchenportal aus gesehen – obersten Säule des linken Bankfeldes. Wie allerorts hatte sie einen Schalldeckel, den man, wie oben erwähnt, hier den „Himmel” nannte. Ein Schalldeckel war sicherlich eine zusätzliche Zierde einer Kanzel und ein Blickfang. Da es damals aber in den Kirchen keine Lautsprecheranlage gab, war er vorrangig von praktischer Bedeutung und stellte sicher, dass sich die Stimme des Priesters nicht in der Weite des Raumes verlor, sondern klar und deutlich für den Gottesdienstbesucher vernehmbar war. zu Christus: Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. zu Petrus: Selig die armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.

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Im Jahre 1971 wurde überlegt, die Kanzel aus der Kirche zu entfernen, weil sie nach der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils nicht mehr genutzt wurde. Sie erschwerte nämlich nur noch den Blick zum Altarraum, vor allen zum Ambo, von wo seit dieser Zeit wiederum wie in frühchristlicher Zeit zu den Gläubigen gesprochen und gepredigt wird. Im Jahre 1971 ist der damalige Kirchenvorstand (Ich gehörte dazu und bekenne mich schuldig!) mit der Kanzel etwas unwürdig umgegangen. Er hatte nicht den Mut, sie ganz aus der Kirche zu entfernen und ließ sie daher ohne Himmel und ohne Treppe in der – wiederum vom Portal aus gesehen - oberen linken Ecke des Querschiffes im wahrsten Sinne des Wortes abstellen. Unser Gotteshaus also ein Abstellraum! Diese unglückliche Lösung wurde den Verantwortlichen in der Folgezeit - wie auch der Wert der Kanzel - immer mehr bewusst. So nahm man die letzte große Renovierung zum Anlass, sie, unabhängig von ihrer praktischen Bedeutung für den Gottesdienst, wieder in die Kirche zu integrieren und gab ihr den jetzigen Standort. Auf den Schalldeckel wurde verzichtet. Sie erhielt aber eine neue Treppe, damit sie prinzipiell wieder für die Verkündigung genutzt werden kann. Unsere Kanzel gehört sicherlich zu den ganz vornehmen Werkstücken unserer Kirche. Sie stellt ohne den predigenden Priester schon eine Verkündigung an sich dar. Da fällt unser Blick zuerst auf den reichlich mit Rebzweigen, Blättern und Früchten


geschmückten Kanzelkörper. Da haben wir, durch kreisrunde Nischen hervorgehoben, Christus mit den drei großen Gestalten der jungen Kirche. Wir erkennen davon sogleich den Messias mit der aufgeschlagenen Bibel in der linken Hand. Auf einer Seite steht der erste, auf der anderen Seite der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets, Alpha und Omega. Mit der erhobenen anderen Hand scheint der Herr uns etwas mitteilen, an etwas erinnern oder uns ermahnen zu wollen. Für den Christen bedeutet diese Symbolik, dass Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit existiert, dass er der Schöpfer allen Lebens ist und dass wir auf ihn hin angelegt sind vom Anfang bis an das Ende unseres Lebens. Erinnern wir uns hier noch einmal an den eingangs zitierten Katechismus: Wir sind auf Erden, um den Willen Gottes zu tun und dadurch in den Himmel zu kommen. Zur Rechten Jesu sehen wir Petrus, gleich erkennbar an den zwei Schlüsseln. Zu ihm hatte Jesus gesagt: Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches

geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöset sein. Durch Petrus soll der Geist Christi und der Geist des Guten fortleben. Es ist tröstlich für uns, die wir mit vielen Mängeln und Schwächen ausgestattet sind, dass Christus diesen großen Auftrag einem ebenfalls nachweisbar schwachen Menschen übertragen hat. Wie schnell verleugnete doch der verängstigte Apostel im Garten Gethsemane auf die Frage einer einfachen Magd hin seinen Herrn drei Mal! Zur Linken von Jesus begegnen wir Paulus, erkennbar an dem Schwert, das er in der linken Hand hält. Ein Schwert gehört zu seinen Insignien, weil er wahrscheinlich damit hingerichtet worden ist. Auch er gibt Hoffnung. Ihn kennen wir nicht als einen schwachen Menschen wie Petrus, sondern als den geistig hoch gebildeten, der aufgrund seine Schulung und Prägung als Saulus der heftigste Gegner der Lehre Jesu, Christenverfolger also aus Überzeugung, war. Beim Anblick seines Bildes erinnern

Unsere Kanzel heute (D61)

zu Paulus: Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. zu Bonifatius: Selig die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt. (D63-66)

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Der Fuß unserer Kanzel mit Tiergestalten und den darunter aufgeführten Lastern. (aus D61)

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wir uns: Vor den Toren der Stadt Damaskus, in die er gereist war, um die Christen zu verfolgen, erschien ihm Jesus und gab ihm den Auftrag, stattdessen den Heiden das Evangelium zu verkünden. Trotz der Unterschiedlichkeit zwischen Petrus und Paulus wird dem Betrachter der Bilder wiederum signalisiert: Gott ist nicht der strenge Richter, sondern der, der selbst die Brücke zu den Irrenden nicht abbricht. Der Gott der Christen ist der verzeihende und gnädige Gott. Dies ist die eigentliche frohe Botschaft. Leider ist in der Geschichte der Kirche aus dieser frohen Botschaft oft eine Drohbotschaft geworden. Ach, und das vierte Bild? Es wurde nicht vergessen. Dies zu entschlüsseln fällt aber wesentlich schwerer als die Entschlüsselung der erstgenannten. An Fragen der Kunst und Fragen der Theologie Interessierte kommen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wegen seiner missionarischen Bedeutung für unser Land könnte dieses Bild Bonifatius, den Apostel der Deutschen, darstellen. Er hat bekanntlich mit einem Beil die Wodanseiche gefällt. Das Beil als dessen Zeichen lässt auf den Apostel und Evangelisten Matthäus schließen, nimmt er doch unter den Aposteln in sofern eine Sonderstellung ein, als er sein Evangelium als Einziger in arramäisch, der Sprache Jesu also, geschrieben hat und er damit am ursprünglichsten berichtet. Schließlich wird der heilige Erhard, einst Bischof von Regensburg, hinter diesem Bild vermutet. Er ist der Schutzpatron des Viehs, wodurch unsere bäuerlich geprägten Menschen zu ihm eine besondere Beziehung gehabt haben könnten. Es ist in der Kunst keine Seltenheit, dass Künstler oder Stifter sich selbst darstellen oder aufgrund persönlicher Beziehungen und Neigungen eine ganz subjektive Auswahl bezüglich der Motive treffen. Auch das könnte hier der Fall sein. Dabei müsste es sich aber dann um eine Persönlichkeit handeln, in deren Leben eine Axt eine besondere Rolle gespielt hat, und die Bischof oder Abt war. Mit den Insignien Axt und Mitra ist für uns Suchende eine Spur gelegt.

Nach letzten Recherchen, die uns bis zum Kloster Maria Laach führten, handelt es sich wahrscheinlich um den heiligen Bonifatius. Abgeleitet wird dies aus dem Dreiklang von Beil, Mitra und Bischofsstab. Drei Symbole, die so nur eigentlich zu ihm passen. Als der Apostel der Deutschen und der missionarische Verkünder (Prediger!) der christlichen Botschaft würde seine „Präsens” neben Petrus und Paulus an einem Predigtstuhls besonders Sinn machen. Wer sich in seinem Leben an diesen dargestellten Vorbildern orientiert, der wird das, das sei hier noch einmal herausgestellt, aus religiöser Sicht entscheidende Ziel erreichen, nämlich das ewige Leben. Als Bekräftigung hierfür ist als Zweizeiler unter jedem Bild der Kanzel eine vom Evangelisten Matthäus am Anfang der Bergpredigt niedergeschriebene Seligpreisung festgehalten. Unterhalb der Seligpreisungen finden wir Tiergestalten und Ungetüme. Wie Wasserspeier an Häusern und Kathedralen scheinen sie sich hier gegen die Verkündigung der göttlich geordneten Welt aufzubäumen, stehen sie doch den Lastern näher, die direkt unter ihnen am Schaft der Kanzel wörtlich aufgeführt werden: Hoffart, Geiz, Unkeuschheit, Neid, Unmäßigkeit und Zorn. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Gesamtmotiv der Kanzel den permanenten Kampf des Menschen zwischen einem lasterhaften und einem tugendhaften Leben bewusst machen will, lasterhaft im Sinne von schandhaft, später bestraft mit der ewigen Verdammnis, der Hölle. Tugendhaft als die Kraft, das sittlich Gute zu tun und dafür später belohnt zu werden mit der ewigen Seligkeit, der Anschauung Gottes, dem Himmel. F ritz Jakobs erinnert sich, dass vor 1936 schon

eine Kanzel in der Kirche stand. Sie war aus hellem Holz gearbeitet und ohne Motive. Näheres ist hierüber nicht bekannt.


Vom Taufstein und von der Taufe

Wie belastet wären die christlich geprägten Eltern dann gewesen! Welche Vorwürfe hätten sie sich gemacht! Auf diesem Hintergrund wird die Bedeutung der Taufe, der Wunsch nach einer würdigen Tauffeier und nach einem entsprechenden Taufstein für die Kirche verständlich. Da der Rektor der neuen Kirche schon mit seiner ersten „DienstJ esus hat den Aposteln den Auftrag gegeben: instruktion” das Recht erhielt, die Taufe zu spenden, „Lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Va- lässt vieles darauf schließen, dass schon in frühen ters und des Sohnes und des heiligen Geistes.” (31) Die Jahren ein Taufstein für unsere Kirche angeschafft wurde. Schauen wir uns, um Taufe ist das erste und grundihn besser einordnen zu legendste der sieben Sakrakönnen, unseren Taufstein mente. „Weil die Taufe uns noch etwas näher an! zuerst zu Kindern Gottes macht, heißt sie auch das Sakrament der Wiedergeburt E r ist, so die Fachleute, aus (2. Geburt).” (32) Welch entfranzösischem Savonniere gearbeitet, wahrscheinlich scheidende Bedeutung die schon die erste Besonderheit. Taufe in diesem Sinne für den Der Schaft des Taufsteins, der Menschen hat, hören wir bei das Becken trägt, ist achtJohannes. Er schreibt: „Wenn eckig und mit schmalen Säujemand nicht wiedergeboren len rundum zur Verschöwird aus dem Wasser und dem nerung noch einmal so einHeiligen Geiste, so kann er in gefasst, dass sich daraus in das Reich Gottes nicht einden Zwischenräumen die gehen.” (33) Wer sich taufen gotische Fensterform mit je lässt, das waren in der Urkireinem offenen Dreipass als che Erwachsene, widersagt Abschluss ergibt. Die gleiche damit aller Sünde und legt Form finden wir um das bewusst den alten Menschen eigentliche Taufbecken herab, um möglichst wie Christus um. Den Abschluss darüber zu werden. Durch dieses Bebildet ein zweistufiger Deckel kenntnis tilgt die Taufe alle aus Messing, dessen Ränder zurückliegenden Sünden, vor und Kanten ebenfalls durch allem die Erbsünde. Der Heide Verzierungen (Krabben) bewird so zum Christen. Der Nichtchrist wird hier wohl fragen, wie wohl ein tont werden und der in einer Kreuzblume gipfelt. Kleinkind bei der Taufe schon der Sünde widersagen kann. Natürlich kann es das nicht. Dieses Versprechen Z usammenfassend lässt sich feststellen, dass geben stellvertretend die Taufpaten, die damit eine wegen der zentralen Bedeutung der Taufe für den große Verantwortung für die religiöse Erziehung eines Christen und der starken Betonung des UnterKindes übernehmen. Das Wort Jesu über die Wie- schieds von Heiden und Christen die frühe Andergeburt bedeutet schlicht und einfach ausgedrückt, schaffung eines Taufsteins für unsere Kirche dass jemand, der ungetauft stirbt, nicht in den wahrscheinlich ist. Diese Annahme wird dadurch Himmel kommen kann. Weil dies den Menschen verstärkt, dass die gotischen Stilelemente unseres früher durch die religiöse Unterweisung weitaus Taufsteins eine Parallele zur Kirche schlechthin, zum deutlicher und intensiver ins Bewusstsein gehoben Beichtstuhl und zu den Bänken aufzeigt. wurde als heute, mussten die Kinder nur wenige Tage nach der Geburt getauft werden. Man stelle sich vor, ein Kind wäre plötzlich ohne Taufe gestorben! Um es vorweg zu sagen: Auch unser Taufstein ist wahrscheinlich eine stille Stiftung, denn in den Archiven ist nichts darüber zu finden. Versuchen wir über die Bedeutung der Taufe und über die Art seiner Gestaltung unserem Taufstein etwas näher zu kommen.

Unser Taufstein (D67)

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Vom den Beichtstühlen und von der Beichte

Unser jetziger Beichtstuhl (D68) Im Hintergrund eine Rechnung aus dem Jahre 1904 für einen Beichtstuhl (D69)

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Wenau abgestellt. Er bleibt unser Eigentum und wird dort für uns unentgeltlich aufbewahrt. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass sich beim Verladen des S ie weist einen Betrag Beichtstuhls – der Abvon - aus heutiger Sicht transport erfolgte mit - nur 800 Mark aus. Ob einem Fahrzeug der Fa. es sich hierbei um den Weingran wieder in Einoch in der Kirche vorgenleistung – die handenen Beichtstuhl Spitzbogennische löste. handelt, ist nicht belegt. Wir haben sie dann Die Stilelemente des nicht mit ins Depot vorhandenen Beichtgegeben und nach eistuhls lassen aber vernigen Beratungen bemuten, das dieser schon schlossen, ihr als früh im gotischen Stil eigenständiges Kunstfür unsere Kirche angewerk einen Ehrenplatz fertigt wurde. Da haben in unserer Kirche zu wir an der Türe vier geben, und zwar unter maßwerkgleiche Rosetder Orgel neben dem ten, seitlich daneben Windfang. Dazu hat gotische Blindfenster, darüber an den Seiten neben dem Vorhang hiesiges Josef Wirtz sie aufgearbeitet und mit einem Sockel Laubgeranke, nämlich Eichenzweige mit Blättern versehen. Hier ist in der Nische das Gleichnis vom und Früchten. Den Abschluss oben bildet eine verlorenen Sohn dargestellt. Spitzbogennische mit einer krönenden Kreuzblume. Hinzu kommen, Wächtern gleich, zwei Begleitfialen. D ie Ohrenbeichte hat in den letzten Jahren immer Der Beichtstuhl ist wie die Bänke und die Kanzel mehr an Bedeutung verloren, ohne dass die Kirche auch aus Eiche hergestellt. das ihr zugrunde liegende Sakrament der Buße aufgegeben hätte. Aus ihrer Lehre von der GewissensB is zur großen Renovierung im Jahre 2003 stand freiheit des Menschen resultiert für jeden Einzelnen dem jetzigen Beichtstuhl gegenüber ein zweiter, der weiterhin die Verpflichtung, sich mit seinen Taten etwas kleiner war, aber vom Gesamtkonzept her und Entscheidungen innerlich auseinanderzusetzen, dem noch vorhandenen stark ähnelte. Weil Beichts- so, wie es unsere bereits beschriebene Kanzel symtühle heute für die Ohrenbeichte so gut wie nicht bolisiert. Natürlich heißt dies nicht, dass eine solche mehr benötigt werden, haben wir aus Platzgründen Auseinandersetzung nicht auch außerhalb des einen der beiden in einem Lager des Bistums in Beichtstuhls geschehen kann. Das heutige distanJa, ein Beichtstuhl gehörte nachweislich zur Erstausstattung unserer Kirche. Das belegt die beigefügte Rechnung aus dem Jahre 1904.


zierte Verhalten zur Ohrenbeichte dürfte einmal eine Reaktion sein auf die frühere diesbezügliche Gängelung durch die Kirche, eine Gängelung von Beginn der ersten Beichte vor der Erstkommunion bis ins Alter. Kinder mussten sich regelmäßig unter Anleitung des Pfarrers in der Gruppe und Erwachsene mit Hilfe des Gebetbuches individuell auseinandersetzen mit den Fragen der Gewissenserforschung, der Reue, des guten Vorsatzes, des Sündenbekenntnisses vor dem Priester und der Buße. Für eine gründliche Gewissenserforschung hielten Katechismus und Gebetbuch einen detaillierten Fragekatalog zu jedem der 10 Gebote bereit.

begehrt, Unschamhaftes zu sehen? zu tun? - Habe ich freiwillig über Unschamhaftes nachgedacht? (34) D ass gerade das Sündenbekenntnis, sozusagen

eine Selbstanklage, nicht angenehm ist und war, ist leicht nachvollziehbar. So kam es, dass viele Gläubige sich die Art der Beichtväter eingeprägt hatten. Sie wussten, welche von ihnen „es” genau wissen wollten oder nicht. Sie wussten, in welchem Ort ein „Schnellrichter” war und welcher Priester nur wissen wollte, ob eine Todsünde zu beichten war. Natürlich kann die Ohrenbeichte eine Hilfe und Befreiung sein, wenn jemand mit einer schweren Schuld belastet ist. Dann hilft aber nicht die routinemäßige H ier ein Beispiel für Monatsbeichte, sondas 4. und das 6./9. dern eher das indiviGebot. Zum vierten duelle Beichtgespräch, Gebot Gottes: Bin ich das heute oft außerhalb gegen meine Eltern des Beichtstuhls geoder Vorgesetzten frech führt wird. und trotzig gewesen? So belastete Menschen Habe ich sie dadurch finden in unserer Zeit schwer betrübt? - Habe aber eher den Weg zu ich mich meiner Eltern einem Psychotherageschämt? - Habe ich peuten. meinen Eltern Böses Dabei bleibt die Frage gewünscht? - Hab ich offen, ob dieser im Sinne der für sie längere Zeit gar nicht Das Motiv der Spitzbogennische stellt das gebetet? - Bin ich meinen El- Gleichnis vom guten Hirten dar. In der lin- Religion und der Kirche eine an Gott orientierte Problemlösung tern oder Vorgesetzten gegen- ken Ecke, ängstlich in sich zusammengeanstrebt, was wohl von dessen über ungehorsam gewesen? - zogen, aber trotzdem den Retter suchend, weltanschaulichem StandIn welchen Dingen? - Hab ich das verirrte Schaf. Von der anderen Seite bis mitten in den Raum hinein, fast das punkt abhängt. Mehr noch als mürrisch gehorcht? ganze Bild ausfüllend, der gute Hirte. die frühere Gängelung wird Mit seinem reich gefalteten Gewand und aber sicherlich die offene ErZ um sechsten und neunten dem langen Haar erinnert er an viele ziehung in unserer liberalen Gebot Gottes: Sei besonders in Jesusdarstellungen. Kräftig und selbstdiesem Punkte recht aufrichtig bewusst streckt er dem verirrten Schaf die Gesellschaft und die fehlende gegen den Beichtvater und rechte Hand entgegen, um es anzunehmen Lebensausrichtung auf Gott hin, verbunden mit einem frage ihn um Rat, wenn du und heimzuführen zu seiner Herde. stärkeren individuellen Entnicht weißt, ob es eine Sünde ist: Habe ich Unschamhaftes allein getan? - Habe scheidungsmut, dazu beigetragen haben, dass die ich Unschamhaftes mit anderen getan? - Habe ich Ohrenbeichte so sehr an Bedeutung verloren hat Unschamhaftes ohne Not freiwillig angeschaut? und kaum noch angenommen wird. - Habe ich Unschamhaftes gelesen? - Habe ich Un- Das „Sichfreimachen” von der Verpflichtung der reschamhaftes gern angehört? - Habe ich Unscham- gelmäßigen Ohrenbeichte geschah nicht abrupt, haftes geredet? gesungen? - Habe ich freiwillig sondern allmählich. Ein wesentlicher Schritt dabei

Spitzbogennische unseres derzeitigen Beichtstuhls. Motiv: Der gute Hirte (D70)

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Spitzbogennische eines früheren Beichtstuhls. Motiv: Die Heimkehr des verlorenen Sohnes (D71)

war die Erteilung der sogenannten General- Der Ansatz der Kirche ist sicherlich richtig, der Weg absolution, die der Priester von der Kanzel aus allen über Zwang und Übertreibung aber nur zeitlich begrenzt akzeptiert worden. Anwesenden im Rahmen einer Bußandacht erteilte. Es wäre aber wohl oberflächlich und nicht treffend, im Nachhinein über die Ohrenbeichte nur D ennoch macht in diesem Zusammennegativ zu urteilen. Mit einer solchen Beichte bot hang eine Erfahrung des Freud-Schülers Carl die Kirche dem Gläubigen eine dem ZeitGustav Jung nachdenklich, die er als Psygeist entsprechende Hilfe an, mit sich chologe und Psychiater machte. Er beselbst ins Reine zu kommen und mit dem richtet: „Unter allen Patienten in der Leben fertig zu werden. Über viele Jahre und Jahrzweiten Hälfte des Lebens, das heißt nach 35 zehnte hatte sie es dabei mit relativ unJahren, war kein einziger, dessen Problem geschulten Menschen zu tun, die hier stark der nicht letzten Endes darin bestand, eine Fremdhilfe bedurften. religiöse Lebensauffassung zu finden. …Und keiner von ihnen ist wirklich geheilt worden, wenn er nicht D ass es auch heute immer seine religiöse Anschauung wieder Menschen gibt, die wieder zurückgewann.” (35) gelegentlich in psychische Notsituationen geraten und Hilfe brauchen, V on Pfarrer Kneipp beweisen die vielen stammt das Wort: „Erst psychotherapeutischen als ich Ordnung in die Praxen. Wer sie oder Seelen meiner Paauch einen Priester tienten brachte, aufsucht, der will hatte ich Erfolg.” (36) und braucht wirklich Fremdhilfe. Die Motivation zum Gespräch kommt D er gute Hirt – dann von innen. Der verlorene Sohn. Bei der Beichte Die beiden kam sie früher Bilder und meist von auGleichnisse ßen, als Zwang, ein Mal im In der Bildmitte begegnen sich der Vater könnten den Obertitel „Der Monat, unabhängig von der und der heimkehrende Sohn. Sie sind sich liebende und verzeihende Frage des inneren Bedürf- körperlich, aber sicherlich auch im bildVater” haben, wollen sie doch nisses. Von der modernen lichen Sinne des Wortes, trotz des Trennen- beide ausdrücken, dass den der Vergangenheit, innerlich zugeneigt. Medizin und Psychologie Der Vater streckt dem Sohn, um ihn anniemand aus der Sicht Gottes wissen wir, wie nötig für die und aufzunehmen, Arme und Hände entverloren ist, der sich ihm und Gesundheit der Einklang von gegen. Der Sohn beugt sich, reumütig geder Idee des Guten öffnet. In Leib und Seele ist. Wo die Har- neigt, zu ihm hin. Der zurückliegende diesem Sinne sind die beiden monie fehlt, können seelisch Schmerz des Verlustes scheint sich in stilles Motive in den Spitzbogenbedingte körperliche Krank- Glück zu verwandeln. nischen zu sehen und zu verheiten entstehen. Die Kirche Wer das Bild kritisch betrachtet, hat gesestehen und machen so dem hen, dass sich außer Vater und Sohn noch wollte über die Ohrenbeichte jemand freut. Zwischen ihnen steht, nicht „Sünder”, der zur Beichte zu einer solchen Harmonie trennend, sondern eher verbindend, der kommt, wie schwer auch führen und den Gläubigen Hund. Wie groß ist seine Freude! Selbst er immer seine Schuld sein mag, helfen, über Gott einen Sinn im erkennt den Heimkehrer wieder. Er streckt Mut und Hoffnung auf Verseine Vorderpfoten zu ihm hin, als wolle er Leben zu finden. gebung und Verzeihung. ihn bitten, auch ihn eines Blickes zu würdigen.

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Vom Missionskreuz und von der Volksmission

Nachdem wir unseren Blick nach unten in die Kirche gerichtet haben, wollen wir hier einen Augenblick verweilen, und zwar bei unserem Missionskreuz an der anderen Seite des Windfangs. D a hängt Christus am Kreuz. Es ist nicht der triumphierende, sondern Christus, der gelitten hat und gestorben ist. Tief neigt er sein mit Dornen gekröntes Haupt. Der Körper ist in sich zusammengesunken, so weit, wie er, mit Händen und Füßen angenagelt, zusammensinken kann. Seine rechte Seite ist von einer Lanze durchstochen, und bekleidet ist er nur mit einem Lendenschurz. Man glaubt seine letzten Worte zu hören: Es ist vollbracht. Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Am Längsbalken des Kreuzes finden wir oben die Inschrift INRI für Jesus Nacarenus Rex Judeorum, Jesus von Nazaret, König der Juden. Am unteren Ende des Längsbalkens sind drei kleine Tafeln. Auf der ersten steht „Rette deine Seele, Mission 1910“, auf den zwei weiteren Tafeln sind nur die Jahreszahlen 1921 und 1948 zu lesen. Die Missionen von 1968 und 1981 sind nicht festgehalten.

Unser Missionskreuz stammt also aus dem Jahre 1910 und wird bald 100 Jahre alt! Wir nennen es das „Missionskreuz”, weil es anlässlich der ersten Mission in Klinkum angeschafft wurde und uns an unsere großen Volksmissionen erinnern soll. F ür jüngere Leser und Nichtkatholiken hier die offizielle Definition dessen, was der Begriff beinhaltet: „Volksmission, die durch das katholische Kirchenrecht geforderte und durch die Zeitlage vordringlich gewordene Erneuerung des religiösen Lebens einer Gemeinde oder eines Gebietes (Dekanat) durch periodisch (ca. alle 10 Jahre) durchgeführte außerordentliche seelsorgerische Veranstaltungen. Sie erstrebt durch Rückgewinnung der Abständigen, Aneiferung der Gläubigen, Ordnung der Ehen und Familien die missionarische und laienapostolische Durchdringung des Volkes”. (37) Das ohnehin schon ganz vom Glauben und von der Kirche geprägte Leben sollte durch die Mission eine weitere vertiefende Wirkung erfahren, um noch gefestigter im Glauben zu sein. Zur Durchführung der Mission wurden in der Regel zwei Ordenspriester eingeladen. Im Mittelpunkt standen themengebundene Predigten. Eine Mission dauerte etwa zwei Wochen.

Unser Missionskreuz stammt aus dem Jahre 1910 (D72)

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Die deutlichste Erinnerung an eine unserer Missionen verdanken wir Pfarrer Palm. Er beschreibt die Mission von 1948 von der Vorbereitung bis zum Ergebnis in der Chronik ausführlich und berichtet u.a., dass in täglich vier Predigten die Grundwahrheiten der katholischen Religion erläutert wurden.

Pfarrer Palm berichtet auch, dass eine früher aus der Kirche ausgetretene Familie den Weg zurückfand. Zwei schulentlassene Mädchen dieser Familie gingen am Schlusssonntag zur ersten hl. Kommunion, das achtjährige Kind wurde getauft. Bei der Schlussfeier am Sonntagnachmittag konnte die Kirche die Besucher nicht fassen. Einleitend hält Pfarrer Palm fest, dass die Pfarrangehörigen vorher nicht von der angekündigten Mission begeistert waren, weil bei den vorausgegangenen Missionen die Missionare zu streng gewesen seien. Als Freund von Zahlen und Statistiken legt er abschließend noch das entsprechende Zahlenergebnis vor. „Nicht mitgemacht haben einschließlich der Geschiedenen und Wiederverheirateten, die gern gekommen wären, aber nicht zugelassen werden durften, im ganzen zehn Männer, zwei Jünglinge, fünf Frauen. Mithin Teilnehmerquote Männer 96%, Jünglinge 98%, Frauen 98,5%, Jungfrauen 100%, Kinder 100%.” (39)

D ie Hauptthemen waren: Gott der Vater, Christus der Erlöser, Die Sünde, Der neue Mensch (Gnade Taufe), Tod und Gericht, Nächstenliebe und Feindesliebe, Glaube, Sühne und Buße, Gebet und Arbeit, Hölle, Gottesliebe, Totenfeier. Hier einige Zitate aus Pfarrer Palms Bericht über Verlauf und Wirkung der Mission: „Mehrere Predigten am Tag, das schien den Gläubigen am Anfang zu viel… Aber nach den ersten Predigten war der Bann gebrochen… Die Gewerbetreibenden unterbrachen ihre Arbeit. Die Geschäfte wurden während der Predigten geschlossen… Besonders sprachen die Standespredigt für Verheiratete, die Erziehungspredigt für die Eltern… an. – Gezählt wurden für die Standespredigt für Ver- G anz anders fällt der Rückblick auf die Mission heiratete 530 [Personen].” (38) 1981 aus. Auch hierzu einige Daten und Zahlen: „Die Besucherzahl morgens variierte von 75 bis 100, abends von 130 bis 190… Die „Stammgäste” waren hauptsächlich die 50jährigen und ältere. Jugendliche bis ca. 24 Jahre besuchten nicht die normalen Vorträge… Die Besucherzahl ließ nach… Es gelang den Patres nicht, die Gläubigen in Scharen zum Empfang des Bußsakramentes zu bewegen. Eine kleine Anzahl ließ sich auf ein Beichtgespräch ein (in der Sakristei).” (40) 1948 – 1981 – Welch ein Wandel im Leben der Kirche in nur 33 Jahren! 1921 – 1948 – 1981… Und was wäre bei einer Mission 2005 gewesen???

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Von unseren Orgeln und von der Kirchenmusik

Ein Sprichwort sagt: Wer singt, der betet doppelt. Die sakrale Musik, vokal oder instrumental, ist besonders geeignet, uns Menschen eine Brücke zu bauen zur Welt des Geistigen und Überzeitlichen, zu Gott. Von keinem Geringeren als von unserem derzeitigen Papst Benedikt XVI. stammt der Ausspruch, dass die Schönheit dieser Musik die Nähe Gottes spüren lasse. Es ist verständlich, wenn aus diesem Grunde die

Klinkumer mit Hilfe der Musik schon möglichst früh ihre Gottesdienste noch würdiger zu gestalten versuchten, und dies nicht nur mit Hilfe eines Harmoniums und der üblichen Messgesänge der Gottesdienstbesucher. So kam es bereits 1913 zur Gründung eines Kirchenchores, dem gleich 36 Sänger beitraten. Mit einem solchen Chor wuchs dann der Wunsch nach einer Orgel. Aber kurz nach Gründung dieses Chores begann ja bekanntlich der

Erste Weltkrieg, und damit ergaben sich für die Menschen viele private Probleme, deren Lösungen wichtiger waren als die Frage der Anschaffung einer Orgel. Trotz dieser schweren Zeit packten die Klinkumer aber wiederum große und teure Aufgaben in Bezug auf Kirche und Pfarrhaus an. So ließen sie noch während des Krieges sowohl in der Kirche als auch im Pfarrhaus eine Heizung einbauen, und mit der vorhin schon beschriebenen großen Ausmalung nach dem Krieg nahm Pfarrer Plaum die Gelegenheit wahr, noch mehr zur Verschönerung der Kirche und etwas für den Kirchenchor zu tun, indem er, so heißt es in der Chronik, die alte plumpe Orgelbühne, ein viereckiger auf vier Pfeilern stehender Bau, abreißen und durch eine neue durchgehende Tribüne ersetzten ließ, die vor allem für die Sänger einen würdigen Raum schuf.

Die Vorderseite der 1925 zur Zeit von Pfarrer Plaum errichteten Orgelbühne (D73)

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die Kirche hin auszurichten. Eine Gruppe unterstützte die andere. So führte der damals überörtlich bekannte Theaterverein, so zeigt es die beigefügte Zeitungsanzeige, im Februar 1925 an drei aufeinanderfolgenden Sonntagen zur Mitfinanzierung der Orgel das Trauerspiel „Der junge König“ auf. 1913 – 1928! Hier wird sichtbar, mit welcher Ausdauer und mit welchen Gemeinschaftssinn wiederum ein großes Ziel erreicht wurde. Die Orgel kostete ca. 25.000 Mark. Sie wurde gebaut von Ernst Seiffert – Söhne, Köln, und am 1.4.1928 ihrer Bestimmung übergeben. Schon 1955 bedurfte diese Orgel einer gründlichen Restaurierung. Als die Kirche wegen der damaligen erneuten Ausmalung und der Umgestaltung des Altarraumes ausgeräumt war, nutzte Pfarrer Palm diese Gelegenheit, noch die Orgel überarbeiten und umgestalten zu lassen. 1978 wurde dann doch eine ganz neue Orgel fällig. Sie wurde gebaut von der Fa. Stockmann in Werl - Westfalen. Zur Zeit der Anschaffung dieser Orgel war Pater Ambrosius vom Karmeliterorden unser Pfarrer. Er berichtet, dass in nur zwei Jahren 118.000 DM (!) für die Orgel gestiftet wurden und hält mit Stolz in der Chronik fest: „Keiner hatte gedacht, dass wir es in drei Jahren schaffen würden, und wir schafften es in zwei Jahren !“ (42) Pater Ambrosius hat zur Finanzierung der Orgel alle Familien persönlich besucht. So weit zu unseren Orgeln!

Werbung für eine Theateraufführung 1925 zugunsten der neuen Orgel. (D74)

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N ebenbei sei bemerkt, dass, damals wie heute,

wenn es um Anschaffungen und ums Bezahlen ging, die Dinge kontrovers diskutiert wurden. „Das Projekt stieß anfangs bei manchen auf Schwierigkeiten wegen der Kosten und weil die alte genügte! Heute aber ist jede Kritik verstummt, im Gegenteil, man ist froh und dankbar, dass der alte Kasten durch den neuen Schmuck ersetzt ist.“ (41) So berichtet Pfarrer Plaum. Die Schnitzarbeiten führte nach seinen eigenen Plänen der Bildhauer Assenmacher aus Aachen aus, während die hiesigen Schreiner Josef Heinrichs und Wilhelm Quasten die Zimmererarbeiten übernahmen. Im Jahre 1928 war es dann endlich soweit! Eine Orgel wurde angeschafft. Bei den vorausgehenden Bemühungen um die notwendigen Gelder hat sich dabei der geschickte Schachzug von Pfarrer Plaum bewährt, die Kräfte im Dorf durch die Gründung eines Pfarrvereins zu bündeln und auf

U nd jetzt noch ein Wort zur Kirchenmusik. Erfreulicherweise hat sich hier jemand zu berichten bereit erklärt, der über viele Jahre, von seiner Kindheit an, „aus erster Hand“ hat erfahren dürfen, welche Bedeutung die Musik für unsere Gottesdienste hatte. Es ist Paul-Heinz Boscheinen, der Sohn von Albert Boscheinen, der über Jahrzehnte nicht nur Küster und Organist, sondern auch Chorleiter unserer Pfarre war und sich um die Kirchenmusik verdient gemacht hat. Paul-Heinz ist Freund und Kenner der Kirchenmusik. Er war viele Jahre Mitglied unseres Kirchenchores und von 1977 an für sieben Jahre dessen Dirigent. Hören wir, was er berichtet: „Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche als traditionelles Musikinstrument in hohen Ehren gehalten werden; denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonie wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben. (Zitat aus Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die hlg. Liturgie)


Vor dem Hintergrund solcher Wertschätzung fällt zunächst der Standort der Orgel auf: Rückt das II. Vatikanische Konzil nicht nur in der Liturgie, sondern – so es die räumlichen Verhältnisse zulassen – auch die Orgel örtlich in die Mitte des Geschehens, nämlich in den Altarraum, so blicken wir hier auf das Orgelwerk auf der Chorempore gegenüber dem Altar. Diese mechanische Orgel ersetzte in den 70er Jahren – also nach Beendigung des II. Vat! – die altehrwürdige ca. 30-stimmige elektromagnetische Orgel, die in den letzten Jahren ihrer Existenz durch mancherlei „Heuler“ und „Aussetzer“ auf ihre Gebrechen hingewiesen und den Organisten zu mancher halsbrecherischen Operation veranlasst hatte. Es war unüberhörbar: Sie hatte ihren würdevollen Dienst getan! Zur Zeit ihres Umbaus war eine neue Orgel mit ca. 15 Registern schon ein finanzieller Kraftakt: um so mehr fällt da heute mit Blick auf die Empfehlung des Konzils der Standort auf. Wollte man daraus Schlüsse ziehen, liegt man möglicherweise ganz falsch! Denn der Grund für diesen Standort liegt nicht etwa in einer liturgischen Missachtung des Instrumentes, sondern – wie umfangreiche archivierte Zeugnisse aus der Zeit des Neubaus der Orgel und davor zeigen – gerade in einer außerordentlich reichen Tradition und Pflege der Kirchenmusik. Da brauchte es einfach Platz: Ein kleines Orgelpositiv war wohl damals für niemanden in den Entscheidungsgremien eine auch nur annähernd denkbare Alternative zu der wundervollen und mächtigen alten Orgel! Eine „richtige“ Orgel musste schließlich her und an den Platz, wo um sie herum die Musica sacra in all ihren Facetten weiterhin erklingen konnte und sollte, von Bach bis Mozart, von der Gregorianik über den mehrstimmigen Chorgesang bis hin zum Kirchenlied. Dieser Platz war im Altarraum nicht vorhanden! Engagiertes solistisches Orgelspiel, gefördert (und gefordert) durch – wie ich mich lebhaft erinnere – immer wieder neue Notengeschenke seitens des musikalischen ehemaligen Pfarrers Müllers, vorzugsweise zum Namenstag und Geburtstag meines Vaters!, prägte die Liturgie ebenso wie leistungsstarke Chormusik. Diese Tradition war vielen Menschen, ja, ich glaube der ganzen Kirchengemeinde „Zur Heiligen Familie“ Herzensangelegenheit, um die sich das dörfliche Leben maßgeblich drehte. Nur so erkläre ich mir in dieser heutigen so nüchternen und materialistischen Zeit wie kirchliches Leben mit brausendem Orgel-

Faltblatt mit Programm zur Orgelweihe 1978. Die Orgelweihe war, verbunden mit einer Abendmesse, wie das beigefügte Programm zeigt, am Samstag, dem 18.03.1978 um 19:00 Uhr. (D75)

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Unser Kirchenchor im Jubiläumsjahr 1963. Am Christkönigsfest, dem 27.10.1963, beging unser Kirchenchor sein 50-jähriges Bestehen. Den Höhenpunkt bildete die Krönungsmesse von W.A. Mozart. (In der Bildmitte, 1. Reihe, Pfarrer Müllers, zu seiner Linken Chorleiter Albert Boscheinen) (D76)

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klang, mächtigem Gemeindegesang, geübtem Choral und Volkschoral, begeistertem und begeisterndem Chorgesang die Menschen an Sonntagen, an jedem Feiertag, besonders natürlich zu Weihnachten, zum Pfarrpatrozinium nach den Weihnachtstagen, zu Ostern und Pfingsten restlos alle kollektiv aus ihrem Alltag regelrecht heraushob. Da kam es schon vor, dass ich schon als kleiner Junge bei mancher Messe des Sonntags fast aus den Federn fiel, wenn der Orkan etwa des „Großer Gott

Verkündigung“. Und die Orgel war – schon weit vor der Zeit des II. Vatikanums – ihre Mitte. Man kann nur hoffen, dass die Musica sacra diesen Stellenwert über die aktuellen finanziellen Probleme vieler Pfarrgemeinden mit den dafür ursächlichen bedrückenden und bedrohlichen Glaubens- und Kirchenkrisen hinweg nicht nur hier letztendlich behaupten kann. Es steht allerdings zu befürchten, dass sie das wohl nur noch aus Engagement der alten Pfarrgemeindemitglieder selbst wird leisten können.

wir loben dich“ losfegte! Da hätte man meinen können, der eine oder andere stimmgewaltige Sänger stünde direkt neben einem! Allerdings trübte das die Stimmung nicht, kannte ich doch diese Stimmgewaltigen schon als Kind. Schließlich sang ich mit etwa 10 anderen Jungen in der „Choralschola“, die nicht nur fleißig das Choralproprium an Festtagen sang, sondern regelmäßig einmal im Jahr mit den „Alten“ das Cäcilienfest ausgiebig feierte. Wie man sieht, kam bei aller – auch mal mühevollen Einstudierung und musikalischen Übung – Freude und Geselligkeit nie zu kurz. Diese Schola wurde später zur Pfarrsingschule ausgebaut und für Jungen und Mädchen zugänglich! Auf diesem Wege hielt hier das sog. „Neue geistliche Lied“ Einzug in die Gemeinde! Die musikalische Gestaltung der Liturgie war einfach weitaus mehr als Freizeitbeschäftigung. Sie war aus einfachem und heißem Herzen im wahrsten Sinne des Wortes „Christliche

Es braucht eben auch und vor allem heute Menschen, die das Feuer der Begeisterung – nicht zuletzt aus Traditionstreue – neu anzünden. Es macht Mut, eine solche Initiative hier noch anzutreffen. Die Begeisterten gibt es hier gottseidank noch, wie man ja hört und sieht. Die Orgel hat hier ihre Funktion als Wahrzeichen und Mitte der Verkündigung und Herz der „heiligen Musik“ noch nicht verloren. Ich wünsche uns allen von ganzen Herzen, dass ihr Klang noch lange auf offene Ohren und offene Herzen stößt.“ So weit Paul–Heinz Boscheinen. Erfreulicherweise haben wir – im Gegensatz zu anderen Pfarren – noch einen aktiven gemischten Kirchenchor, der sich wöchentlich zur Probe trifft und an Feiertagen zur Verschönerung der Gottesdienste beiträgt.


Altäre, Altarraum und Liturgie im Wandel

Eigentlich sollte man annehmen, der Altarraum, in dem sich in der Wandlung das Geheimnis des Glaubens, die Ver-Wandlung von Brot und Wein im Messopfer in Christi Fleisch und Blut vollzieht, wäre am wenigsten vom jeweiligen Zeitgeist beeinflusst und so unveränderbar wie die in unserem Glaubensbekenntnis festgelegte Lehre der Kirche.

D as ist aber nicht der Fall. Gerade hier vollzog sich

ein dauernder Wandel, immer verbunden mit dem Bemühen, dem Raum um das Tabernakel herum als den Aufbewahrungsort der Eucharestie eine besondere Würde zu verleihen. Unser erster Altar hatte einen gotischen Altaraufbau mit vielen Türmchen und Spitzen. Dieser Altaraufbau konnte sogar für ganz besonders feierliche Momente wie bei der Spende des sakramentalen Segens rundum beleuchtet werden. Das Herzstück des Altarraums war natürlich das Tabernakel. Darüber stand in einer Nische ein Kreuz oder bei besonderen Feierlichkeiten die Monstranz. Rechts und links daneben waren, in Holz geschnitzt, die Heilige Familie und die Flucht nach Ägypten dargestellt. An den Außenseiten bildet je eine Heiligenfigur den Abschluss. In dem mit dem Boden fest verbundenen Altar waren im Sepulcrum Reliquien des heiligen Bischofs und Märtyrers Paulinus und von weiteren heiligen Blutzeugen, Gefährten des heiligen Martyrers Gereon und Gefährtinnen der heiligen Jungfrau und Märtyrerin Ursula aufbewahrt. Hierzu die in lateinischer Sprache geschriebene Urkunde mit Übersetzung.

Der erste Altaraufbau in unserer Kirche (D77/78)

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Kopie der Urkunde des ersten Altars in Originalfassung (Beim Datum der Urkunde muss es sich um einen Irrtum handeln, denn die Weihe erfolgte am 29. Juni, am Feste Peter und Paul, nicht am 29. Juli). (D80) Ăœbersetzung des Dokuments (D81)

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Der Altarraum D ie erste ganz große Veränderung im Altarraum

wurde in Verbindung mit der bereits beschriebenen Ausmalung von 1955–1956 vorgenommen. Der in Sachen Gotteshausgestaltung äußerst emsige Pfarrer Palm ließ den ersten Altar durch einen großen mit schwarzem Marmor umkleideten neuen – ohne Aufbau – und die geschnitzte Kommunionbank durch eine neue, ebenfalls aus Marmor, ersetzen. Damit die Gläubigen beim Messopfer einen besseren Blick auf den Altar hatten, wurde gleichzeitig der Boden um den Altar herum um fünf Stufen höher gelegt. Die Konsekration des neuen Altares erfolgte durch Weihbischof Dr. Hünermann am 11.12.1956. Den vom früheren Altar übernommenen Reliquien wurde – in lateinischer Sprache – eine Urkunde folgenden Inhalts beigefügt:

I m Jahre des Herrn

1956, am 11. Tage des Monats November, habe ich, Friedrich Hünermann, Titularbischof von Ostracine und Weihbischof von Aachen, diesen Altar geweiht zur Ehre der Heiligen Familie Jesus, Maria und Joseph und habe in ihm die Reliquien des heiligen Erzbischofs und Märtyrers Paulinus und der heiligen Märtyrer aus der Gemeinde des heiligen Gereon und der heiligen Ursula V. eingeschlossen, und ich habe den jeweiligen Gläubigen Christi heute ein Jahr und seinen Besuchern an einem solchen jährlich wiederkehrenden Tag (wörtlich: denen, die selbigen… besuchen) 50 Tage vom wahrem Ablass in der gewohnten Form der Kirche gewährt. Die Reliquien sind dem Hochaltar (wörtlich größeren Altar) dieser im Jahre des Herrn 1905 geweihten Kirche entnommen worden. Die Urkunde dieser Weihe habe ich wieder eingeschlossen.

Im Jahre 1958 wurde dann auch noch ein neues Tabernakel angeschafft, das, so berichtet Pfarrer Palm, am 13. Juli zur Primiz von Karl Josef Massen zum ersten Mal Kirche und Altar zierte. Entworfen und ausgeführt wurde es von Goldschmied Fritz Schwerdt aus Aachen. Es kostete 7.400 DM und wurde von Pfarrer Palm der Pfarrgemeinde geschenkt. Z u diesem Tabernakel schreibt die

Kunsthistorikerin Dr. Elisabeth Peters, Bonn, folgendes: Die beiden Türflügel der Tabernakelfront sind mit insgesamt zehn Rundmedaillons besetzt, die in farbigem Email jeweils einen Engel in feierlicher hieratischer Frontansicht in halber Figur zeigen. Eigentlich hätte man neun Engeldarstellungen erwarten mögen (vgl. neun Chöre der Engel…), aber vermutlich wurde die Zahl aus Gründen der Symmetrie aufgestockt.(44)

Tabernakel aus dem Jahre 1958, Geschenk von Pfarrer Palm (D82)

D as 2. Vatikanische Konzil von 1961 bis 1965 muss selbst für unseren Pfarrer Palm überraschend gekommen sein. Hätte er es mit den gravierenden Veränderungen hinsichtlich der Liturgie vorausgesehen, wäre der Altar 1956 wohl nicht so errichtet worden. Während bis zum Konzil alle, auch der Priester, beim Gottesdienst auf das Allerheiligste gerichtet waren, rückte mit dem Konzil der Zelebrationsaltar in den Mittelpunkt zwischen Priester und Gläubige. An die Stelle der lateinischen Sprache trat die Muttersprache, an die Stelle der Mundkommunion die Handkommunion. Die Kommunionbank, an der die Gläubigen beim Empfang der Mundkommunion knieten, wurde damit überflüssig und daher bei uns entfernt.

(Siegel) gez. Friedrich Hünermann Titularbischof von Ostracine und Weihbischof von Aachen (43) 73


Unser Altarraum. Bild links: Im Hintergrund der höher liegende schwarze Marmoraltar. Vorn der neue Zelebrationsaltar. Bild rechts: Im Hintergrund auf abgesenktem Boden die (provisorische) Stele mit Tabernakel. Vorn der (provisorische) zwischenzeitlich hell gestaltete Zelebrationsaltar (D83/84)

Die Heilige Familie, Motiv aus dem ersten Altaraufbau unserer Kirche. Es ziert heute die Eingangshalle unseres Pfarrheims (D79)

„Die katholische Theologie war eine in einer unverständlichen Fremdsprache gehaltene Klerikerliturgie, der das Volk passiv beiwohnte… Die liturgische Erneuerung setzte bereits zwischen den beiden Weltkriegen ein.“ (45) Der Gottesdienst wurde so allmählich immer mehr zu einem Gottesdienst des Volkes, einfacher und schlichter und mit stärkerer Betonung des gemeinsamen Betens und Singens. Für eine solche Liturgiefeier, die mit dem Konzil als Höhepunkt einer Entwicklung eine verbindliche neue Form erhielt,

brauchte Klinkum dann wiederum einen neuen Altar, damit der Priester mit Blick zum Volk hin zelebrieren konnte. Nachdem für diese Form der Gottesdienste ein Provisorium als Altartisch aufgestellt worden war, wurde dieser 1972 durch einen neuen Altartisch ersetzt. Das Besondere: Nach einem Entwurf des Bildhauers Friedel Denecke aus Köln wurde dieser in Eigenleistung von Gottfried Heldens, Franz Schrötgens und Hans Gather erstellt. Dazu mussten vierhundert schmiedeeiserne Quadrate hergestellt und zusammengeschweißt werden. Pater Ambrosius, in dessen Amtszeit auch diese Veränderung fiel, berichtet, dass hier ein Provisorium durch ein Provisorium ersetzt wurde, zu Recht, denn dieser Altar ist bis heute nicht konsekriert. (46) Der große schwarze Altar blieb bei dieser Veränderung mit dem Tabernakel weiterhin im hinteren Altarraum stehen, bis er 2003 abgebrochen und der Boden des Altarraumes – wie bereits erwähnt - wiederum auf die ursprüngliche Ebene abgesenkt wurde. An die Stelle des alten Altars wurde für das Allerheiligste eine – aus Geldmangel nur provisorische – Stele errichtet, die, wiederum in Eigenleistung, von Josef Wirtz hergestellt wurde. Zurzeit haben wir damit im Altarraum mit Zelebrationsaltar und Stele gleich zwei Provisorien! Provisorien halten sich bekanntlich lange, hoffentlich bei uns nicht zu lange!


Unsere Kirchenfenster Den ersten Kirchenfenstern auf der Spur

Wer ein Haus baut, der weiß, dass bald Fenster fällig sind, damit das Haus wetterfest wird und bezogen werden kann. Wer eine Kirche baut, und dann auch noch eine gotische, der weiß, dass bald ganz große Fenster fällig sind, Fenster möglichst mit teurem Buntglas und ansprechenden christlichen Motiven.

Fa. Dr. Oidtmann, Linnich, ein Kostenangebot für eine provisorische Verglasung machen. Das entsprechende Schreiben und zwei weitere der Fa. Oidtmann in Sachen erster Kirchenfenster wurden bei unseren Recherchen ausfindig gemacht. Sie werden hier als Anlagen beigefügt, dazu eine fast vollständige neue Fassung des Textes in Maschinenschrift, da die Originale nur schwer lesbar sind.

D ies zu erreichen war sicherlich auch der Wunsch der Klinkumer. Wahrscheinlich aber waren Georg Heinrichs, ein Klinkumer, der heute in Wegdie finanziellen Mittel hierfür nicht mehr so wie ge- berg wohnt, hat sie mit viel Mühe entziffert und wünscht vorhanden, denn 1902 ließen sie von der den Inhalt fast ganz übertragen.

Skizze aus der Bestellung von Kirchenfenstern (Ausschnitt aus D86)


Das Angebot von Dr. Oidtmann f端r die ersten Kirchenfenster (D85)

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Ăœbertragung des Angebots fĂźr die ersten Kirchenfenster (D85a)

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Übertragung der Bestellung (D 86a)

Die Bestellung der Kirchenfenster rechte Seite (D86)

Diese drei Quellen - S.76-81 - lösen nicht alle Fragen in Sachen erster Kirchenfenster, bringen aber, ergänzt durch Befragungen der bereits vorhin erwähnten älteren Klinkumer Bürger, ein wenig Licht in die angesprochene Problematik. Die Befragten glauben sich zu erinnern, dass in den beiden Fenstern des Querschiffs die Hochzeit zu Kanaa und das letzte Abendmahl dargestellt waren. Die Geburt Christi, die heiligen drei Könige, die Darstellung Jesu im Tempel und die Begegnung von 78

Maria und Elisabeth (Heimsuchung) werden als Motive der Fenster des Altarraumes genannt. Da bereits etwa acht Wochen nach dem Angebot für eine provisorische Verglasung im Januar 1903 ein genau beschriebener Auftrag für eine Buntverglasung mit Motiven erteilt wurde, darf davon ausgegangen werden, dass die Klinkumer mit einem Provisorium innerlich doch nicht einverstanden waren und nach einem neuen und besseren Weg gesucht und einen solchen auch gefunden haben.


Die Bestätigung der Bestellung linke Seite (D87)

Übertragung der Bestätigung (D87a)

D ass dabei das Geld eine Rolle gespielt hat, kann

man aus den seitlichen Anmerkungen der oben genannten Bestellung schließen. Dort ist festgehalten, dass der 1897 gegründete Gesangverein Eintracht zwei Fenster stiftete und bezahlte, dass ein (anderer?) Betrag erst im Januar 1904 zu zahlen war und dass das Baukomitee den restlichen Betrag vorlegen würde. Die Erinnerungen der Klinkumer sind verständlicherweise nicht so vollständig wie die Schreiben der Fa. Oidtmann. Beide zusammen lassen aber den

Schluss zu, dass prinzipiell im Sinne des Angebotes von 1903 und bezüglich eines Querschifffensters, wie mit dem Schreiben von 1904 vorgeschlagen, entschieden wurde. Eine endgültige Klärung könnte bei Auffinden der abschließenden Rechnung erreicht werden. Es sollte hier noch einmal herausgestellt werden, dass alle Motive groß und lebensnah dargestellt und für die Kirchenbesucher sofort zu erkennen waren, sodass ein erster Blick ihre Gedanken schon hinlenkte auf das Leben Jesu, die Gottesmutter und zu Gott. 81


1946/47 – Neue Fenster zur Behebung von Kriegsschäden

Unsere heutigen Kirchenfenster stammen alle aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die ersten Restaurierungsarbeiten waren bereits kurz nach dem Krieg notwendig. Durch von amerikanischen Soldaten in der Nähe der Kirche vorgenommene Minensprengungen wurden einige Fenster der Kirche stark beschädigt.

Die drei vorderen Chorfenster auf einen Blick (D88-90)

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Der Chronist berichtet, dass Ende 1946 und Anfang 1947 durch die Glasmalerei Oidtmann bereits fünf Fenster in ornamentaler Bleiverglasung hergestellt und eingesetzt wurden, und zwar vier Schifffenster und das große Fenster auf der Orgelbühne, das später noch einmal, und zwar durch das jetzige, ersetzt wurde.


Die drei vorderen Chorraumfenster

Auf dem mittleren Fenster ist im Vierpass der Bekrönung der Gekreuzigte dargestellt, darunter folgen das Abendmahl, die Fußwaschung, das Gebet am Ölberg, die Gefangennahme, Jesus vor dem Hohen Rat, die Verleugnung Petri, die Geißelung, die Dornenkrönung, Jesus vor Pilatus, Kreuztragung, D ie Kunsthistorikerin Frau Dr. Peters beschreibt Kreuzigung und Jesus im Schoße seiner Mutter. den Bilderzyklus wie folgt: Das linke Fenster zeigt Szenen aus der Kindheit und Die Bekrönung des rechten Fensters zeigt Christus Jugend Jesu, das mittlere die Leidensgeschichte und als König der Herrlichkeit. Darunter sind die Frauen am Grab, Noli-medas rechte schließlich tangere, Emaus, der Auferstehung und ungläubige Thomas, die Erscheinungen Christi. Schlüsselübergabe an Der Zyklus ist demnach Petrus (Weide meine so angelegt, dass die Lämmer), Himmelfahrt, Kreuzigung Christi ehePfingsten, die Predigt mals über dem Altar zu Petri…, die Aufnahme sehen war. Die drei Mariens in den Himmel, gotischen Maßwerkfendie Krönung Mariens, ster sind jeweils zweider Erzengel Michael bahnig und werden sowie die Dreifaltigkeit durch horizontale dargestellt.(47) Windeisen in je sechs Register gegliedert. So ergeben sich pro Fenster jeweils insgesamt zwölf D ie Kosten der Bildfelder mit figürFenster, etwa 12.000 lichen Szenen, wobei der DM, wurden über Zyklus von links nach Haussammlungen, die rechts und von oben von Pfarrangehörigen nach unten zu lesen ist. durchgeführt wurden, Im Vierpass der eingeholt. Trotz des Bekrönung befindet sich ansprechenden Gejeweils eine überzeitliche samtbildes hätten viele Darstellung, die die Kirchenbesucher lieber Szenen darunter nochgrößere Darstellungen mals in einem Bilde zusammenfasst. und leichter zu deutende Bildmotive gesehen, In der Bekrönung des linken Fensters ist eine eventuell auch einen etwas helleren Grundton. thronende Madonna mit Kind im Strahlenkranz zu sehen. Die Szenen darunter zeigen die Verkündigung, W egen der kleinformatigen Darstellung erdie Heimsuchung, Weihnachten, Anbetung der schließen sich diese Fenster in ihrer Gesamtheit nur Könige, Flucht nach Ägypten, Kindermord von dem stillen Betrachter vor Ort. Bethlehem, Darbringung im Tempel, die Heilige Familie auf dem Weg nach [Nazareth], der zwölfjährige Jesus im Tempel, Jesus in der Werkstatt seines Vaters, Taufe im Jordan und die Versuchung Jesu in der Wüste. Die drei vorderen Chorraumfenster wurden im Jahre 1963 von Ernst Jansen-Winkeln entworfen und sollten als Geschenk der Pfarre rechtzeitig zum Silbernen Priesterjubiläum von Pfarrer Müllers am 12. September 1964 fertiggestellt sein.

Unsere Chorfenster als Abschluss des Altarraums (D91)

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Die beiden Fenster im Querschiff

Auch diese beiden Fenster sind Geschenke für einen unserer Priester, und zwar für Pfarrer Palm zu seinem 40jährigen Priesterjubiläum, so können wir es den Widmungen in den Fenstern entnehmen. I m Bild auf der Epistelseite lesen wir: Entwurf E. Jansen-Winkeln, Ausführung Dr. H. Oidtmann, Linnich, Rheinland. Restauration Hein Derix, Kevelaer 1996, Geschenk der Pfarrgemeinde Klinkum zum 40jährigen Priesterjubiläum Dechant Palm 1957.

Das Bild auf der Evangelienseite hat folgende Inschrift: Geschenk der Zivilgemeinde Wegberg 1957. Dazu ist im unteren linken Teil das Wappen der Stadt Wegberg abgebildet. Beide Motivzyklen dieser Fenster gehen auf je eine Litanei zurück.

Querschifffenster links (D92) Querschifffenster rechts (D93)

Zur Erinnerung/Erklärung: Litaneien sind Lob- und Bittrufe zu Gott und den Heiligen, die von einem Sprecher vorgetragen und von Gläubigen mit einem gleichbleibenden Ruf wie: „Wir bitten dich, erhöre uns oder Herr, erbarme dich unser“ beantwortet werden. Sie waren lange wesentlicher Bestandteil der Liturgie und lösen durch die wiederkehrende monotone Antwort ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl der Gläubigen aus und ein besonders starkes Nachempfinden der angesprochenen Freuden oder Leiden. Zu den Motiven dieser beiden Fenster im Querschiff berichtete die Presse in einem Bericht von Fritz Jakobs zur Zeit der Anschaffung am 27.10.1957: Die Darstellung des Fensters am Herz-Jesu-Altar sind der Litanei von der göttliche Vorsehung entnommen. Im obersten Feld öffnet sich Gottes Hand, um zu erschaffen und zu erhalten.

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Es soll angedeutet werden, dass wir in Gott leben, uns bewegen und sind. Im zweiten Felde erkennen wir die Gestirne des Himmels und die Erdkugel. Das folgende Symbol zeigt die Wellen des Meeres, auf denen der goldene Bogen des Himmels ruht. Gottes lenkende Hände und die Taube der Verkündigung besagen, dass alles nach dem Ratschluß des göttlichen Willen gelenkt wird. Die Früchte des Feldes verkünden: Du öffnest deine Hand und erfüllest alles, was da lebt, mit Segen. Mit diesem Bild ist sinngemäß wie auch in der Ausführung eng verbunden das folgende Bild, das die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes zeigt, die Gott ernährt und bekleidet. Den Abschluß bildet die Darstellung des Lammes im himmlischen Jerusalem, der goldenen Stadt des ewigen Heils. D ie symbolischen Motive des Fensters am Marien-

Altar entstammen der Lauretanischen Litanei. Auch hier öffnet sich Gottes Hand, aber nicht um zu erschaffen und zu erhalten, sondern um den Strom der Gnade und des Erbarmens durch die Mittlerin, die reine Mutter, über die flehende Menschheit zu ergießen. Es ist denn auch zunächst das Bild der reinen Mutter, dargestellt im Kinde, das unter dem Herzen Mariens ruht. Die folgenden Symbole zeigen die Mutter Gottes als Spiegel der Gerechtigkeit, mit Spiegel und Waage, als Thron der Weisheit, mit Thronsessel und Eule, als Kelch des Geistes mit dem rotüberstrahlten Kelch, in den sich die Taube hinabsenkt, als geheimnisvolle Rose und als leuchtenden Turm Davids. (48)


Unsere Pieta

Bevor wir uns von unseren Kirchenfenstern verabschieden, sollten wir noch einen Blick auf die Pieta in der Rosette über der eingangs beschriebenen Ikone unter dem Turm tun. A uch dieses Bild wurde nach einem Entwurf von Ernst Jansen-Winkeln von Dr. Oidtmann, Linnich, gestaltet, und zwar 1963. Während wir unter der Pieta Maria als Königin mit ihrem gekrönten Sohn begegneten, haben wir hier die mater dolorosa, die Schmerzensmutter also, mit dem toten Sohn auf dem Schoße. Sie scheint über den großen Schmerz, ihren geliebten Sohn verloren zu haben, wie in sich versunken und die Welt nicht mehr wahrzunehmen. Es ist, als habe sich hier bei der Pieta erfüllt, was in der Ikone darunter durch Kreuz, Schwamm und Lanze angekündigt wird.

(D94)

Alpha & Omega über dem Hauptportal Wenn wir unsere Kirche verlassen, wird uns durch die griechischen Buchstaben Alpha und Omega im Rundfenster über dem Hauptportal die Unendlichkeit Gottes noch einmal in Erinnerung gerufen. Auch dieses Bild aus den fünfziger Jahren ist ein Werk von Ernst Jansen-Winkeln. Alpha & Omega über dem Hauptportal - von innen gesehen. (D95)

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Unser kleiner Kirchenschatz Unter Kirchenschatz verstehen wir u.a. Kostbarkeiten wie Kelche, Monstranzen und liturgische Gewänder, die eine Kirche besitzt. Kirchenschätze haben sicherlich nicht nur einen materiellen, sondern einen noch weitaus größeren ideellen Wert, sind sie doch Zeugen der tiefen Gottesverehrung unserer Vorfahren. Gerade diese Schätze sind mit ihrem Gold, mit ihren Edelsteinen und mit Samt und Seide ein besonderer Beweis dafür, dass den Vorfahren für den Herrgott nur das Wertvollste gerade gut genug war.

Dennoch sollen die wenigen Prunkstücke, die wir haben, hier nicht vergessen werden. Um über unsere Objekte noch mehr erfahren zu können, haben wir sie von Frau Dr. Elisabeth Peters, Bonn, bewerten und begutachten lassen. Interessenten mit weiterreichendem Informationswunsch können in diese Unterlagen gerne Einsicht nehmen. An dieser Stelle wollen wir die wertvollsten und schönsten unserer Schätze, versehen nur mit wenigen Erläuterungen, in erster Linie in ihrer Schönheit auf uns wirken lassen.

Pfarreien mit jahrhundertelanger Tradition haben Bei der Vorstellung wird hier auf die Pfarrchronik, besonders große und wertvolle Kirchenschätze. das Inventarverzeichnis und die Beschreibung von Damit können wir hier in Klinkum nicht dienen, Frau Dr. Peters zurückgegriffen. ist doch unsere Kirche „erst“ einhundert Jahre alt.

Die rote Kasel (D97)

Die rote Kasel

D iese Kasel ist im Sinne eines typisch gotischen Messgewandes sehr weit geschnitten. Die goldenen Webborden zeigen die Anrufungen Jesus und Maria und am unteren Ende den Lebensbaum als Symbol der christlichen Mysthik, aus dem alles hervorgeht. Den Mittelpunkt bildet eine Heiliggeisttaube, weswegen eine solche Kasel auch Pfingstkasel genannt wird.

Fritz Jakobs erinnert sich, dass wir Messgewänder in allen liturgischen Farben hatten, und zwar für ein Levitenamt in dreifacher Anfertigung. Über deren Verbleib ist nichts bekannt. 86


Die weiße Kasel mit der Darstellung der Heiligen Familie

Die weiße Kasel mit der Darstellung der Heiligen Familie (D96)

G erade diese Kasel hat mit der Darstellung der

Heiligen Familie eine besondere Beziehung zu unserer Pfarre. Dieses Priestergewand ist aus Seide gearbeitet. Die Rückenseite einer solchen Kasel war bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil die Schauseite, weil der Priester mit dem Rücken zum Volk zelebrierte. Daher war diese Seite meist mit schmückenden Motiven versehen. Um das Motiv der Familie herum haben wir in diesem Falle Granat-

apfelmuster, ein ursprünglich orientalisches Motiv, das im Mittelalter zur Dekoration von Samt- und Seidenstoffe gewählt wurde. Im Osten gilt der Granatapfel wegen seiner vielen Samen als Sinnbild der Fruchtbarkeit. Die drei zusammengehörenden Kaseln sind für das feierliche Hochamt, das sogenannte Levitenamt, gedacht, das ein Priester gemeinsam mit einem Diakon und einem Subdiakon feiert. 87


Unsere Holzskulpturen

Die Aufbauten der früheren Seitenaltäre waren meist so gestaltet, dass im Mittelpunkt Platz für eine Figur war. Tatsächlich zeigt eine ältere Fotografie, dass dies auch bei unserem Marienaltar so war. Das Gleiche dürfen wir daher auch vom Herz-Jesu-Altar annehmen.

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E s darf davon ausgegangen werden, dass die Mutter-Gottes- und die Herz-Jesu-Figur aus der Gründerzeit der Kirche stammen und wahrscheinlich für die Seitenaltäre hergestellt wurden, zumal die Gewänder eine neugotische Faltung haben. Diese Figuren waren ursprünglich farbig. Das erst seit 1914 geführte Inventarverzeichnis führt diese beiden Figuren als bereits vorhanden auf. Auch die Antoniusfigur, so sollte man meinen, dürfte aus der Gründerzeit der Kirche stammen, da der bereits erwähnte Antoniusaltar unter dem Turm zur frühen Ausstattung der Kirche gehörte und schon relativ früh abgebaut wurde. Das Inventarverzeichnis weist die Anschaffung einer Antoniusfigur erst für 1959 aus, wahrscheinlich die hier abgebildete. Der Anlass für eine solche Anschaffung ist nicht bekannt. Es handelt sich bei unserer Antoniusfigur um Antonius von Padua, der 1195 in Lissabon geboren wurde und 1231 in Padua gestorben ist. Er war Bußprediger, Missionar und Seelsorger. Er ist der Patron der Ehe, der Frauen und der Bräute. Antonius wird angerufen bei der Suche nach verlorenen Sachen, auch gegen Fieber und Seuchen. Er wird - wie hier - meist dargestellt mit dem Jesuskind auf dem Arm. Die Josefsfigur – Josef der Handwerker mit dem Jesuskind – ist aufgrund der modernen Schlichtheit eindeutig auch jüngeren Datums. Laut Inventarverzeichnis wurde eine solche ebenfalls 1959 zur Amtszeit von Pfarrer Palm angeschafft. Näheres ist nicht bekannt.


Jesus, Maria, Josef und Antonius

Unsere Holzskulpturen Jesus, Maria, Josef und Antonius (D98-101)

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Pollengarnitur und Kelche

Pollengarnitur und Kelche (D102-106)

Pollengarnitur Die schlichten im unteren Bereich bauchig geformten Messkännchen mit rundem hohen Fuß haben je einen Klappdeckel mit einem aufgesetzten A für aqua, Wasser – und einem V für vinum, Wein. In den Standflächen befindet sich in Bandform die Inschrift: Christus lavit nos a peccatis nostris in sanguine suo. (Christus hat unsere Sünden in seinem Blute abgewaschen).

Geschenk für Pfarrer Peters Die Widmung dieses Kelches lautet: Dem hochwürdigen Herrn Joseph Peters, geboren den 15. Juli 1852, zum Priester geweiht den 26. Juli 1878 gewidmet von Familie Peters und Leven 1903. Dieser Kelch wurde Herrn Pfarrer Peters zum Silbernen Priesterjubiläum 1903 geschenkt. Pfarrer Peters wird im Bericht über die Grundsteinlegung unserer Kirche als der damalige Pfarrer von Arsbeck erwähnt, der aus Klinkum stammt. Laut Inventarverzeichnis ist dieser Kelch 1917 in den Besitz unserer Pfarre gekommen. Er wird dort aufgeführt als gotischer Kelch mit Steinen besetzt. Er wurde unserer Pfarre mit der Auflage überlassen, ihn für den Fall zurückzugeben, dass Josef Leven … Priester wird.

Da es eine identische Pollengarnitur in Niederdollendorf gibt, die auf das Jahr 1905 datiert ist, wird die unsrige wahrscheinlich auch aus dieser Zeit, also aus der Gründerzeit unserer Kirche, stamAus der Bewertung der Kunsthistorikerin: men. Der runde Fuß ist auf der Oberseite durch Ornamentfriese mit Steinbesatz sechspassförmig gegliedert. Zu sehen ist unter anderem Christus als Schmerzensmann und ihm gegenüber der heilige Josef, der Schutzpatron des beschenkten Pfarrers.( 49)

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Geschenk für Pfarrer Wilhelm Maaßen Dieser Kelch enthält eine Widmung in lateinischer Sprache. Die Übersetzung: Ihrem geliebtesten Bruder, dem hochwürdigsten Herrn Wilhelm Maahsen, Vikar und Pfarradministrator zu Kirchhoven, der seit fünf Lustren [lustrum: Zeitraum von fünf Jahren, d.h. seit 25 Jahren] das heilige Priesteramt versieht, widmeten Wilhelm Joseph und Gertrud Maashen (diesen Kelch) am 2. September 1886. Es handelt sich bei diesen Beschenkten um den schon vorher erwähnten Pfarrer Wilhelm Maaßen, der ab 1888 Pfarrer in Gerderath war, wo er auch seine letzte Ruhe fand. Ein Bild seines Grabsteins mit einem Wort aus dem Hebräerbrief finden wir auf Seite 20 dieser Schrift. Die Kunsthistorikerin zu diesem Kelch: Die Gravuren auf dem Fuß zeigen ein reiches Programm, das sich größtenteils auf die Stifter und den Empfänger des Kelches bezieht. St. Gertrud (Namenspatronin der Stifterin als Äbtissin … St. Joseph Namenspatron des Stifters) mit Zimmermannswinkel und der Lilie als Symbol der Reinheit, St. Hubertus (Pfarrpatron in Kirchhoven, dem damaligen Wirkungsort von Pfarrer Maaßen), begleitet von einem Hirsch mit einem Kreuz im Geweih.) (50)

Neoromanischer Kelch Über die Herkunft und Anschaffung dieses Kelches ist nichts bekannt. Auf der Oberseite des Fußes sind vier Rundmedaillons mit figürlichen Darstellungen. Das hintere Medaillon stellt die Heilige Familie dar, also auch hier ein Bezug zu unserer Kirche.

Hirsch mit einem Kreuz im Geweih, ein Motiv im Kelch von W. Maaßen (D105)

Er ist wahrscheinlich auch ein Geschenk an unsere Pfarre.

Die Hl. Familie, ein Motiv des neoromanischen Kelches (D107)

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Unsere Ziborien

Einem Ziborium als Gefäß zur Aufbewahrung des geweihten eucharistischen Brotes kommt von seiner Bestimmung her schon eine ganz besondere Be-Achtung zu. N eben unseren zwei schlichteren Werkstücken

fällt das mittlere der abgebildeten Ziborien mit dem sechseckigen Turmhelm und der bekrönenden Kreuzblume besonders ins Auge. Auf unsere Kirche und Pfarre weist die Darstellung der Heiligen Familie, hier bei einem frommen Spaziergang des Jesusknaben an der Hand seiner Eltern. Die Bewertung der Kunsthistorikerin: Der runde abgeflachte Knauf hat sechs Zapfen, die mit runden, roten Schmucksteinen besetzt sind. Zungenartige, gegossene Maßwerkfenster füllen auf Ober- und Unterseite des Knaufes die Flächen zwischen den Zapfen. Die etwas mehr als halbkugelförmige Cuppa ist mit der gravierten, umlaufenden Inschrift versehen: ECCE PANIS ANGELORUM FACTUS CIBUS VIATORUM. Also Sieh, das Brot, der Engel Gabe, wird den Pilgern hier zu Labe. (51)

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Neben den zwei schlichteren Werkstücken fällt das mittlere der abgebildeten Ziborien mit dem sechseckigen Turmhelm und der bekrönenden Kreuzblume besonders ins Auge. (D108-110)

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Unsere Monstranzen

Die jüngere unserer Monstranzen. links (D111) Das Prunkstück unseres Kirchenschatzes. Die ältere Monstranz aus der Gründerzeit der Kirche. rechts (D112)

Einer Monstranz als das Gefäß zum Vorzeigen der geweihten Hostie wird natürlich die höchste Ehrerbietung entgegengebracht. Wenn mit der Monstranz der Segen Gottes erteilt wird, knien die Gläubigen nieder und bezeichnen sich mit dem Zeichen des Kreuzes. Eine Monstranz als das Vorzeigegefäß konnte für das geweihte heilige Brot nie würdig genug sein, und so ist es zu erklären, dass sie k��nstlerisch am reichsten ausgestattet ist. Die jüngere unserer Monstranzen Diese Monstranz ist ein Geschenk der Geschwister (?) Buschen zum Silbernen Ortsjubiläum von Pfarrer Dechant Plaum. Chronik und Inventarverzeichnis berichten, dass diese Monstranz aus der Werkstatt Simon, M.Gladbach, stammt und 1400,- Mark gekostet hat. 94

Aus der kunsthistorischen Bewertung von Frau Dr. Peters: Der runde Fuß, mit einer breiten Kehle am Rand, steigt fast ohne Zäsur bis zum Schaugefäß auf. Er ist durch vier lange Zungen gegliedert, die vom oberen Ende des Schaftes ausgehen und sich auf der Oberseite des Fußes zu großen Ovalen verbreitern. Diese sind mit mandelförmigen Elfenbeinmedaillons belegt. Während die Darstellung der Heiligen Familie kleinteilig, eher malerisch und traditionell wirkt, sind die Heiligengestalten auf den anderen drei Elfenbeinen streng stilisiert und frontal gegeben. Das runde Schauglas wird ebenfalls von der umlaufenden Inschrift ECCE PANIS ANGELORUM FACTUS ZIBUS VIATURUM (Thomas v. Aquin) in BlauGold-Email gerahmt, wobei die einzelnen Wörter jeweils durch violette Schmucksteine in runden Fassungen voneinander getrennt sind. (52)


Die ältere Monstranz - aus der Gründerzeit der Kirche. Unser seit 1914 geführtes Inventarverzeichnis nennt als damals vorhanden an erster Stelle eine goldene Monstranz, und unter Lieferant oder Schenker wird Lehrer Palm genannt. In der Tat hatte Klinkum nicht nur einen Pfarrer Palm, sondern auch einen Lehrer gleichen Namens. Letzterer ist in der Pfarrchronik als der Begründer des Theatervereins genannt. Welche Rolle er bei der Anschaffung dieser Monstranz gespielt hat, ob er sie persönlich geschenkt oder ob er eine Stiftung des Theatervereins organisiert hat, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die wirtschaftliche Situation der Lehrer war damals in der Regel, zumindest vom Lehrergehalt her, nicht so, dass davon solche Geschenke möglich waren. Diese Monstranz stammt, darauf lassen ihre Stilelemente schließen, aus der Zeit um 1900.

Gedanken zur Bewertung und Einordnung: Es handelt sich hierbei um eine neugotische Monstranz. Die Oberseite des Fußes zeigt reiche Gravuren: Auf jedem Paß bilden stilisierte Weinreben ein spitzovales Medaillon, in dem jeweils eine Heiligengestalt in halber Figur zu sehen ist. Auf dem vorderen Paß ist die heilige Anna mit dem Marienkind auf dem Schoß dargestellt. Bei der bärtigen Gestalt mit dem Hirtenstab zur Linken Annas handelt es sich vermutlich um den heiligen Joachim. Dem runden Schauglas ist ein Sechspassrahmen mit versilberten Blattornamenten in den Zwickeln vorgeblendet. Außen ziert ein Fries aus stilisierten Lilienspitzen das runde Gehäuse. Auf ihm ruht eine Art übereckgestelltes, rechteckiges Postament. Darauf steht auf einem kleinen Sockel eine gegossene und versilberte Herz-Jesu-Statuette. (53)

Unsere Ziborien und Monstranzen noch einmal auf einen Blick (D113)

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Unsere Krippe

Im Jahre 1965 zur Zeit von Pfarrer M체llers wurden die jetzigen ca. 1m hohen Krippenfiguren angeschafft. Die Krippe wird immer wieder gern zu einem stillen Gebet besucht, vor allem von Eltern mit ihren kleinen Kindern. Selbst wenn eine Krippe im engeren Sinne nicht zum Kirchenschatz gez채hlt wird, sollte sie mit ihren ausdruckstarken und farbenfrohen Figuren bei uns hier ihren Platz haben. Bekannt ist nur, dass die Krippe in Kevelaer von Pfarrer M체llers gekauft wurde. (D114/115)

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Der Geist ist es, der lebendig macht Das Priesterbild im Wandel der Zeit

Über die Gotik haben wir vorhin gehört, dass sie durch mystisch gestaltete Bauwerke den Menschen das Wunderbare der jenseitigen Welt verständlich machen will. S icherlich beeindrucken uns Dinge wie weltliche

und sakrale Bauwerke. Wenn sie aber im Sinne ihrer Intention Spuren und Wirkung hinterlassen sollen, bedarf es dazu aber noch des menschlichen Geistes. Dabei spielte und spielt bei einem Gotteshaus der Priester eine entscheidende Rolle. Seine Aufgabe ist es, Impulse zu geben, um die Menschen religiös, bei uns katholisch, zu prägen. Wegen der Vielschichtigkeit seiner Aufgaben haben wir gleich mehrere Namen für ihn, zuerst einmal Pfarrer, Pfarrherr, also der, der im Auftrage seines Bischofs eine Pfarre leitet und dafür die Verantwortung trägt. Da haben wir aber auch den Herrn Pastor, den Hirten also, der sich um die ihm Anvertrauten zu sorgen hat. Darüber hinaus sprechen wir vom Seelsorger. Die Seele ist es ja, die ihm besonders anvertraut wird. Jedes Dorf hatte seit Generationen, soweit es Pfarre war, in unserer Region einen eigenen Pfarrer, der als Seelsorger nur für die Menschen eben seiner Pfarre da war. Er wohnte in ihrem Dorf, lebte unter und mit ihnen und kannte viele von ihrer Kindheit an. Erst in jüngster Zeit hat sich dies mit dem großen Priestermangel entscheidend geändert. So ist heute ein Pfarrer gleichzeitig für mehrere Pfarren zuständig. Es ist leicht nachvollziehbar, dass er mit einem derartigen Aufgabenfeld nicht mehr Seelsorger im eigentlichen und ursprünglichen Sinne sein kann. Die Aktivitäten in einer Pfarre können mit dieser Entwicklung in dem Maße wie früher nicht aufrechterhalten bleiben, und viele Aufgaben müssen in die Verantwortung hauptamtlicher Laien oder ehrenamtlicher Mitarbeiter gegeben werden. Das bedeutet: Die Zahl der Gottesdienste geht weiter zurück, Laien übernehmen die Gestaltung von Wortgottesdiensten, die Firm- und Kommunionvorbereitung und Krankenbesuche, verbunden mit der Spende der Krankenkommunion. Vielerorts ist die Entwicklung schon weiter fortgeschritten. Auch für Beerdigungen steht hier und da schon kein Priester mehr zur Verfügung.

D er neueste Trend: Im benachbarten Holland kann für eine einzelne Aufgabe wie z.B. eine Trauung ein Priester angemietet werden.

Pfarrer Palm sagte anlässlich der Priesterweihe von Karl Josef Maassen am 13.07.1958, das katholische Volk sei sich zu wenig klar darüber, was ihm der Priester bedeute, weil es seine Existenz für selbstverständlich halte. Es solle aber nie vergessen, was es bedeuten würde, wenn ihm niemand mehr die Sakramente spende, die Wahrheit predige, wenn die Kirchen verfallen würden und jeder mit seinen seelischen Nöten auf sich allein gestellt wäre. Mit diesen Worten hat Pfarrer Palm einen Gedanken geäußert, der damals für die Menschen sicherlich noch nicht vorstellbar war. Er ist nun aber, nach weniger als einem halben Jahrhundert, zum Teil schon wahr geworden. Pfarrer Palm ist bei seiner Vision aber irrtümlich davon ausgegangen, dass die meisten Menschen das Fehlen eines Priesters als großen Mangel empfinden würden. Den Säkularisierungsprozess der letzten Jahrzehnte und ein Leben ohne Gottesbezug wie heute hat er sich wohl nicht vorstellen können.

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Priester in Klinkum

Ohne die Stationen ihres Lebens ausführlich beschreiben zu wollen, seien hier unsere Priester mit den Schwerpunkten ihres Wirkens kurz in Erinnerung gerufen.

Rektor Leonard Claßen (D116)

Dechant Gottfried Plaum mit Kommunionkindern (D117)

Dechant Plaum ist der einzige Klinkumer Priester, der auf unserem Friedhof seine letzte Ruhe fand. (D118) 98

Rektor Leonard Claßen *20. Februar 1878 Priesterweihe 18. März 1905 † 27. November 1959

In Nachruf wird hervorgehoben, dass Dechant Plaum besonders mutig für seine Überzeugung und seine Ideale kämpfte. Das tat er ganz bewusst gegenüber dem antichristlichen Gedankengut der Nationalsozialisten. Besonders deutlich wurden diese Haltung und sein Einfluss auf die Menschen des Dorfes bei der von Andreas Reifferscheidt zitierten Rektor Claßen, der erste Reichstagswahl vom 05.03.1933. Während sich in Priester in Klinkum den umliegenden Orten zwischen 33,2 und 53,1% (15.12.1907-Dez.1912), für die NSDAP entschieden, waren es in Klinkum nur 18%. Sein Bekennermut ist Dechant Plaum zum leistete die AufbauarVerhängnis geworden, als er 1941 wegen Schwarzbeit für die Pfarre. Er konnte aber, so der Chronist, sein Ziel, erster Pfarrer hörens, d.h. des Abhörens eines verbotenen Rundin Klinkum zu werden, nicht erreichen. Stattdessen funksenders, von den Nationalsozialisten verhaftet und zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verwurde er als Rektor nach Körrenzig versetzt. urteilt wurde. (Kurzer Bericht unter Erinnerungen) Sein Grabstein wurde 2003 als Gedenkstein an die Dechant Gottfried Plaum Friedhofsmauer versetzt, ergänzt durch eine Ge*10. Januar 1878 denkplatte mit der Aufschrift: Dechant Gottfried Priesterweihe 15. März 1902 Plaum, Pfarrer in Klinkum 1913–41 zum Gedenken. † 3. Juli 1954 Als Gegner des nationalsozialistischen Regimes aus christlicher Verantwortung war Pfarrer Plaum von 1941–1945 im Zuchthaus. Nach der Haftentlassung lebte er im Sankt–Joseph–Kloster Dalheim, wo er auch starb. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Friedhof bei seinen Pfarrangehörigen, seinen Eltern und seinen Schwester.

Am 23.01.1913 übernahm Pfarrer Plaum die Stelle des Pfarrverwesers in Klinkum. Am 14. April des selben Jahres wurde er zum ersten Pfarrer von Klinkum ernannt. Der Zusammenhalt des Dorfes und dessen katholische Prägung lagen ihm besonders am Herzen. Daher fasste er 1913 die einzelnen Vereine zu einem Pfarrverein zusammen.


Die frühere Friedhofstraße erinnert an Dechant Plaum. Sie trägt seinen Namen mit einem Hinweis auf die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. (D119)

Pfarrverwalter Pfarrer Josef Steinfort *31. März 1915 Priesterweihe 21. Dezember 1940 † 3. Juni 1979 Pfarrer Steinfort wurde nach der Verhaftung von Pfarrer Plaum mit der Pfarrverwaltung durch die bischöfliche Behörde beauftragt. Er kam als Jungpriester zu uns und war von 1941 bis 1942 in Klinkum tätig.

Monsignore Ludger Palm *1. September 1893 Priesterweihe 3. März 1917 † 4. April 1968 Monsignore Ludger Palm war 18 Jahre Priester in Klinkum. Auch er war stets um den dörflichen Zusammenhalt bemüht. Ganz besonders lagen ihm die Schule, die Erziehung der Jugend und der Priesternachwuchs am Herzen. In einem Nachruf wird betont, das er die sonntägliche Christenlehre mit besonderer Hingabe und Treue pflegte. Auch er war ein mutiger Mann. Wo er die Glaubenswahrheit in Gefahr sah, schreckte er vor Konflikten nicht zurück. Er wagte in solchen Fällen ein mutiges Wort und entsprechende Entscheidungen. Pfarrer Palm fand auf dem Dorffriedhof seines Heimatortes Orsbeck die letzte Ruhe.

Über seine priesterlichen Aufgaben hinaus hat er sich ganz besonders um die Kirchenzeitung des Bistums Aachen verdient gemacht. Im Archiv des Bistums befindet sich ein Schriftstück, das uns heute ein wenig schmunzeln lässt. Darin bringt Pfarrer Palm energisch seine Empörung über den damals neuen Schlager “Wir kommen alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind” zum Ausdruck. In dieser Behauptung sah er eine grobe und gefährliche Irrefürung der Menschen.

Ludger Palm (D121) und sein Nachruf oben (D122) Pfarrer Josef Steinfort links oben (D120)


Bürgermeister Hermanns (im Bild rechts) hieß den neuen Pfarrer von Klinkum, Heinrich Müllers, namens der Zivilgemeinde willkommen. oben (D123) Pfarrer Ambrosius Molenbroek rechts (D125)

Pfarrer Müllers bei einem Ausflug mit den Messdienern 1967 im Wald bei Kloster Steinfeld unten (D124)

Pfarrer Heinrich Müllers *20 . Juli 1913 Priesterweihe 12. September 1939 † 8. Juni 1979

Pfarrer Ambrosius Molenbroek *3. Oktober 1924 Priesterweihe 15. Juli 1956

Pfarrer Müllers war von 1960 bis zu seiner Pensionierung 1970 unser Pastor. Er war Dekanatspräses der Kirchenchöre. Kirchenmusik und Liturgie lagen ihm ganz besonders am Herzen, wobei er auch nach den gravierenden Veränderungen des 2. Vatikanischen Konzils um die Aufrechterhaltung auch traditioneller Elemente des Gottesdienstes bemüht war. Eine jahrelange Auseinandersetzung um die Errichtung eines Kindergartens hat Pfarrer Müller stark belastet. Aus gesundheitlichen Gründen trat er auf Anraten seiner Ärzte in den vorzeitigen Ruhestand. Bis zu seinem Tode 1979 lebte er in Kevelaer. Anlässlich seines Silbernen Priesterjubiläums berichtete die Westdeutsche Zeitung am 11.09.1964, dass Pfarrer Heinrich Müllers am 20.07.1913 in Kleinenbroich geboren wurde. Der Beruf seines Vaters als Küster - Organist ließ ihn schon als Knaben mit dem Dienst im Gotteshaus vertraut werden. Als Dekanatspräses der Kirchenchöre des Dekanates Wegberg und bischöflich bestellter Kirchenliedpfleger gestaltete der Jubilar mit den Chorleitern die jährlichen Dekanatsfeste, die neben der Pflege der Werte der Tradition auch Aufgeschlossenheit für die Werke zeitgenössischer Komponisten zeigen.

Pater Ambrosius übernahm die Pfarre Klinkum am 14.06.1970. Er gehört dem Karmeliterorden an. Er wollte als Priester nicht mehr die Autoritätsperson sein, sondern suchte die Begegnung mit den Gläubigen auf gleicher Ebene. Mit Pfarrer Molenbroek spürte man allmählich den Geist des 2. Vatikanischen Konzils. Er strahlte Ruhe und Einfachheit aus. Zu seiner Einführung 1970 sagte der damalige Wegberger Bürgermeister Dr. Karl Fell, dass durch das 2. Vatikanische Konzil die Zusammenarbeit zwischen Priester und Laien vorangetrieben worden sei und dass das dabei auf dem Papier Festgelegte nun umgesetzt werden müsse. Pater Ambrosius selbst hält zu dieser Frage unter dem Datum 14.08.1970 in der Chronik folgendes fest: In der Schulmesse um 16 Uhr wird vorne auf dem Priesterchor ein Tisch hingestellt, damit der Priester an diesem Altar mit dem Gesicht zum Volke die Eucharistie feiern kann. Auch die anwesenden Erwachsenen fanden es schön. Von dieser Zeit an wird jeden Freitag so die Messe gefeiert. (54) In die Zeit von Pater Ambrosius fiel die Anschaffung der neuen Orgel, die Erneuerung der Kirchenheizung und die Planung unseres Pfarrheims. Er hat zum Bedauern der Pfarrangehörigen trotz guter Zusammenarbeit 1983 auf eigenen Wunsch die Pfarre verlassen, um nach Weisung seines Ordens eine andere Aufgabe zu übernehmen. Pater Ambrosius war der letzte Pfarrer, der nur für uns, d.h. nur für eine einzige Pfarre zuständig war.


Die Pfarrer in der Zeit des innerkirchlichen Umbruchs W ährend keiner mehr mit einem Nachfolger für Pfarrer Josef gerechnet hatte, kam doch bald mit Pater Burghard Kroh, befristet für 2 Jahre, ein neuer Priester. Ihm wurden mit Klinkum, Rickelrath, Tüschenbroich und Merbeck gleich 4 Pfarren übertragen. Er wohnt in Wegberg. In dieser Zeit schauen alle auf das Jahr 2007, für das weitere finanzielle B ei uns wechselten dabei Zeiten der Vakanz, in Kürzungen durch die Bistumleitung angekündigt der wir von Wegberg aus betreut wurden, mit sind. Dann sollen für das gesamte Dekanat WegBetreuungsteams, bestehend aus Priestern und berg nur noch 2 Priester zur Verfügung stehen. Gemeindereferenten, die für mehrere Pfarren zuständig waren. Als Pfarrer für Klinkum war dabei Priester und Ordensleute aus unserer Pfarre von 1986 bis 1993 Pfarrer Franz-Josef Semrau An anderer Stelle dieser Schrift wird bereits erwähnt, federführend verantwortlich. Von 1995 bis 1997 dass nachweisbar wenigstens drei Priester in der Pfarrer Hartmut Schmidt, nach einer weiteren Zeit Zeit aus Klinkum hervorgegangen sind, als der Ort der Vakanz Pfarrer Josef Kemper. Pater Josef, so wie noch zur Pfarre Wegberg gehörte. Dank des dieser überall genannt wurde, auch Ordenspriester, bezüglichen Bemühens unserer Pfarrer und der gehört wie Pater Ambrosius dem Karmeliterorden katholischen Prägung der Elternhäuser gingen nach an. Sein Aufgabengebiet umfasste die Pfarren 1905 noch fünf weitere Priester und ein OrdensKlinkum, Rickelrath und Tüschenbroich. Wir bruder aus unserer Pfarre hervor. Zu einer bereits Klinkumer hatten den Vorteil, dass er hier im Ort in vorher erwähnten Ordensfrau kamen noch vier weiunserem Pfarrhaus wohnte und dadurch Kontakte tere hinzu. Sie alle werden in der Festschrift zum 75jährigen Bestehen unserer Pfarre vorgestellt. An leichter möglich waren. dieser Stelle soll es daher diesbezüglich bei einem Hinweis auf diese Schrift bleiben. P ater Josef – Bild Seite 44 - kam aus Neu– Isenburg nach Klinkum und trat seine Stelle am Kirchliches Leben 27.09.1998 an. Er verließ uns am 15.01.2005 auf Auch die kirchlichen Aktivitäten der damaligen Zeit eigenen Wunsch, um in Mainz eine andere Pfarre werden in der o.g. Festschrift beschrieben. Auzu übernehmen. Anlässlich seines Abschieds schrieb ßerdem liegt eine vom Pfarrgemeinderat Ende der Fritz Jakobs in die Chronik: „Pater Josef war und ist 90er Jahre erstellte Aktualisierung vor. Darüber als Priester sehr geschätzt und als Mensch sehr hinaus haben sich anlässlich ihrer Jubiläen die beliebt. In die Zeit von Pater Josef fiel die große einzelnen Gruppen wie Bruderschaft, FrauenInnenrenovierung unserer Pfarrkirche von 2003, für gemeinschaft und Kirchenchor ausführlich in Festdie es dank seines Engagements im Dorf soviel schriften vorgestellt, sodass es hierzu bei einem Unterstützung gab.“(55) Obwohl er als Priester drei Hinweis auf die vorhandenen Veröffentlichungen Pfarren zu betreuen hatte, fand er immer wieder, bleiben soll. Obwohl kirchliches Engagement und vor allem über die Nähe zu den Vereinen und über Gottesdienstbesuch immer mehr nachlassen, ist die die ansprechende Art seiner Gottesdienstgestaltung, Bereitschaft zu ehrenamtlicher Mitarbeit, ohne die eine Brücke zu den Menschen. Sein Weggang wurde das Pfarrleben nicht mehr aufrechterhalten werden könnte, auch heute noch sehr groß. In ausreichallgemein sehr bedauert. endem Maße stehen noch Kollektanten, Wortgottesdienstleiter und Lektoren zur Verfügung. Erfreulicherweise haben wir zur Verschönerung der Gottesdienste, wie bereits erwähnt, noch einen aktiven Kirchenchor.

Nach dem Weggang von Pfarrer Molenbroek war die Stetigkeit hinsichtlich der priesterlichen Betreuung im alten klassischen Sinn nicht mehr gegeben. Wegen des immer größer werdenden Priestermangels musste nach ganz neuen Formen der Seelsorge gesucht werden.

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Bestandsaufnahme und Ausblick B ei einer Bestandsaufnahme dürfen wir in Bezug Altarraum der Pfarrkirche St.Jakob d. Ältere in Jüchen, gestaltet von Titus Reinarz (D126)

auf unser Gotteshaus auf dem ersten Blick durchaus zufrieden sein. Nach der hier noch nicht erwähnten völligen Restaurierung des Außenmauerwerks und der letzten großen Innenrenovierung befindet es sich in einem erfreulich guten und gepflegten Zustand. Dabei haben wir alle Gewerke mit Hilfe von Bistumsmitteln und Spenden bezahlen können. Nicht zufriedenstellend ist allerdings die Gestaltung unseres Altarraumes mit den erwähnten Provi-

sorien: der Stele für das Allerheiligste und der Altar. Obwohl die notwendigen Gelder hierfür noch nicht vorhanden sind, hat sich der Kirchenvorstand – ohne sich endgültig festgelegt zu haben - bereits mit einer Neugestaltung beschäftigt. Nach Besichtigungen restaurierter Kirchen in der näheren und weiteren Umgebung wurde ein Angebot für einen neuen Altar, eine Stele und ein Ambo bei Titus Reinarz, Bildhauer in Sinzig eingeholt. Er hat einige Kirchen unserer Region und den neuen Boden in unseren Altarraum gestaltet. Um einen Einblick in die grundsätzliche Art seines Schaffen zu geben, hier ein Bild des von ihm gestalteten Altarraumes der Pfarrkirche Sankt Jakob der Ältere in Jüchen. F ür die Ausstattung bei uns - wurden noch mit Pater Josef - als Motive angedacht: Für den Ambo: Das Gleichnis von der Saat, die auf unterschiedlichem Boden fällt, dargestellt durch Ähren und Vögel, die die Saat aufpicken. Für die Stele: Eine Lilie als Symbol für Josef, eine Rose als Symbol für Maria. Als Schriftzug für den Altar: Und das Wort ist Fleisch geworden. In einer Vertiefung angedeutet die Heillige Familie.

Die Kirchenbesucher im letzten halben Jahrhundert. Die Summe der Gottesdienstbesucher des Sonntags, an dem im Auftrag der Bistumsleitung eine Zählung durchgeführt wurde.(56) (D127/128)

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Erreichen wir dieses – im Vergleich zu den großen

Leistungen unserer Vorfahren – kleine Ziel noch? Wollen wir dies noch schaffen? Ist unser christliches Denken und Fühlen noch so lebendig, dass dies zu schaffen uns ein Bedürfnis ist? Sicherlich wird das nicht einfach sein. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist in den letzten Jahren immer mehr zurückgegangen, was sich auch auf die Kollekten und die Spenden auswirkt.


Die ersten Kirchen werden geschlossen, verkauft oder anderen Zwecken zugeführt. Die Mittel für ihre Unterhaltung sind nicht mehr ausreichend vorhanden. Hoffentlich bleiben wir uns unserer christlichen Tradition so sehr bewusst, dass sich nicht auch noch der letzte Teil der vorher zitierten Vision von Pfarrer Palm bewahrheitet und unsere Kirchen verfallen. Man will sich einfach nicht vorstellen, dass unsere stolze Klinkumer Kirche als Ruine nur noch wie ein überdimensionaler hohler Zahn dasteht und nur noch an eine vergangene Kultur erinnert. Wie immer die Zeit fortschreitet: Wir haben als

Katholiken zur Kenntnis zu nehmen, dass die christlichen Religionsgemeinschaften in unserem Staat keine Vorrangstellung mehr haben, sondern nur noch eine religiöse Gruppe unter Gruppen sind. In unserer Landesverfassung steht wenigstens noch auf dem Papier, dass auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte Ehrfurcht vor Gott zu wecken die vornehmste Pflicht der Erziehung ist. An die Stelle eines solchen Zieles tritt nach der Vorstellung der Väter des Entwurfs für die erste Verfassung Europas, dass Religion toleriert wird, nicht aber vornehmstes Ziel der Erziehung und damit nicht mehr Leitidee ist. Wörtlich heißt es in Artikel II 10 (1) des Verfassungsentwurfs nur: Jeder Mensch hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens– und Religionsfreiheit. Dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung einzeln oder gemeinsam mit anderen öffentlich oder privat durch Gottesdienst, Unterricht, Bräuche und Riten zu bekennen. (57)

D er Säkularisierungsprozess dürfte mit einer

solchen Verfassung noch weiter fortschreiten. Die Rolle der Kirchen, vor allem im „Wettbewerb“ mit den liberalen Kräften, wird dabei immer schwieriger, stellt Religion doch die höchsten ethischen Ansprüche an den Einzelnen, Ansprüche, die mit Disziplin und Verzicht verbunden sind, vor allem in der katholischen Kirche mit z.B. ihrer Sexuallehre, ihrer Haltung dem Schutz des ungeborenen Lebens gegenüber und zur Unauflöslichkeit der Ehe. Sicherlich haben diese Fragen auch etwas mit der Zukunft unseres Gotteshauses zu tun. Entscheidend wird wohl sein, ob sich in Zukunft in unserer pluralistischen Gesellschaft eine Gruppe von Menschen findet, die aus Überzeugung der Kirche die Treue hält und ob bei uns diese Gruppe in der Lage ist, für einen Ort unserer Größe bei geringem Gottesdienstbesuch wie zurzeit eine Kirche dieser Größe zu unterhalten. Vielleicht dürfen wir diesbezüglich ein wenig Hoffnung schöpfen aus der in jüngster Zeit einsetzenden Diskussion über eine neue Wertorientierung unserer Gesellschaft.

Altlast Kirche. Sicherlich mehr als nur ein dummer Jungenstreich! Ein Problem unserer Zeit in der Sprache unserer Zeit! Was würden wohl Constantin Beyartz und die anderen Gründungsväter unserer Kirche zu der hier sichtbar werdenden Entwicklung sagen?

Gott ist weg! Nur ein dummer Jungenstreich? oben (D129) Ein Plakat und eine Ankündigung, die, wenn sie sich auch nicht auf Klinkum beziehen, doch ein wenig nachdenklich machen. (D130)

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Erinnerungen – Ernstes und Heiteres Einhundert Jahre Pfarrkirche – eine Zeitspanne, in der viel geschehen ist, manches Erfreuliche, aber auch viel Trauriges und Tragisches. Das meiste davon ist vergessen, haben unsere Vorfahren, so sagt man, mit ins Grab genommen. Einiges lebt weiter, weil es aufgeschrieben wurde, z. B. in der Chronik oder in Festschriften, anderes, weil es als persönlich Erlebtes Betroffene zu tief beeindruckte, um vergessen zu werden. Hier nun einige Beispiele von dem, was erhalten blieb.

Der 2.Weltkrieg, eine besonders schwere Zeit für unsere Kirche und Pfarre

- Nach der Pfarrchronik – A ls trauriges und erfreuliches Ereignis zugleich

wurde bereits ausführlich beschrieben, dass im 2. Weltkrieg drei unserer vier Glocken abgeholt wurden, um eingeschmolzen zu werden, dann aber doch noch zurückkamen. 1940 war die Kirche selbst in großer Gefahr. In der Nacht vom 19. zum 20. Mai schlug eine Bombe fünf Meter neben der Kirche ein. Wie ein Wunder entstand kaum ein Schaden. Nur ein paar kleine Rauten der Fenster und einige Schieferplatten des Daches zerbrachen. Im August 1944 begann man zur Verteidigung in der Nähe der Kirche einen Panzergraben auszuwerfen und später neben dem Pfarrhaus Panzerminen zu verlegen, wodurch für Pfarrhaus und Kirche eine große Gefahr bestand. Wie in der ganzen Region wurde im September 1944 die Zwangsevakuierung verfügt. Viele Bürger widersetzten sich, wurden aber immer wieder zum Verlassen des Ortes gezwungen und über ganz Deutschland verstreut. Auch der Pfarrer musste den Ort verlassen. Er wollte in der Nähe der Pfarre in Beeck bleiben. Das untersagte aber die Gestapo. Ende 1944 flüchtete er daher nach Freienohl ins Sauerland. Die örtliche Polizeistellen hatten übrigens schon vom 17. September an in der Pfarrkirche Klinkum den Gottesdienst verboten.

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A m 1. März 1945 zogen dann die amerikanischen

Truppen in Klinkum ein. Pfarrer Palm berichtet über die Gefahr für die Pfarrkirche und das Dorf wie folgt: Die beabsichtigte Vernichtung von Pfarrkirche und Pfarrhaus wurde in letzter Minute verhindert durch das beherzte Eingreifen eines unbekannten deutschen Soldaten, der die Zündschnur einer FünfZentner-Mine durchschnitt. Auch die Artillerieschüsse der abziehenden deutschen Truppen streiften nur die Kirche. Allerdings erhielt das Pfarrhaus mehrere Treffer. Durch die von den amerikanischen Soldaten vorgenommene Sprengung der Minen gingen die meisten Kirchenfenster in Trümmer. Das Pfarrhaus wurde erheblich beschädigt. Im übrigen ist der Ort Klinkum… Dank göttlicher Fügung fast unversehrt geblieben… Dennoch forderten die Ereignisse noch nach Beendigung des Krieges einige schmerzhafte Opfer.

A m 8. August 1945 fanden beim Losgehen einer Panzermine vier Personen den Tod, das Ehepaar Heinrich Schrötgens mit ihrer Tochter Helene und ein fremder Soldat. Fritz Jakobs weiß hierzu zu berichten, dass der tödlich verunglückte Soldat, der im Krieg die Minen verlegt hatte, nach dem Krieg bei Familie Schrötgens zu Besuch war, in dieser Zeit die Minen entschärfen wollte und bei der unerwarteten Explosion mit den anderen genannten Personen den Tod fand.


Der Schwarzhörerprozess um Dechant Plaum

Bericht aus der Kriegschronik von Dechant Otto Frings aus Erkelenz (D131) Am 21. Oktober 1941 wurde Dechant Plaum mit mehreren Pfarrern der Dekanate Wegberg und Erkelenz wegen Schwarzhörens, (Abhörens eines ausländischen Senders) verhaftet. Solche Sender zu hören war verboten. Die wirkliche Lage des Militärs hätte aufgedeckt und Unruhe in die Bevölkerung gebracht werden können. Dechant Plaum hatte mit den anderen Priestern bei einem Konveniat tatsächlich einen solchen Sender abgehört. Als ausführlichere Darstellung dieses Ereignisses liegt eine nicht veröffentlichte Facharbeit von Andreas Reifferscheidt, Wegberg, aus dem Jahre 2002 vor.

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Tante Katharina fühlt sich nicht wohl

Tant Trin – Tante Katharina – ist eine fiktive Person, an der der Klinkumer Georg Heinrichs, Jahrgang 1937, in plattdeutscher Sprache aufzeigt, wie die Menschen noch in seiner Jugend dachten und lebten und wie ihre religiöse Prägung hineinwirkte in ihr Alltagsleben. Damit auch jüngere Leser, die unsere frühere Mundart weder zu sprechen noch zu lesen in der Lage sind, auch den Inhalt erfassen können, wird hier der Versuch einer Übertragung ins Hochdeutsche unternommen. Dies geschieht in dem Bewusstsein, dass die Übertragung nur Ersatz für das Original sein kann und sicherlich die letzten Feinheiten auszuloten nicht wie die echte Muttersprache in der Lage ist.

Jeden Sonntag sah man sie zur Frühmesse gehen, nur in jüngster Zeit kam es schon einmal vor, dass sie nicht dabei war. Immer trug sie ihren schwarzen Mantel mit dem kleinen Hütchen auf dem Kopf; das gehörte sich so, wenn man zur Kirche ging. Nur die jungen Frauen gingen ohne, damit man

auch sah, dass sie beim Frisör gewesen waren. Irgendetwas konnte also nicht stimmen. Man munkelte schon lange, dass es um Tante Katharinas Gesundheit nicht gut stand. Wenn die Garben aufgesetzt wurden, konnte sie mit den anderen nicht mehr mithalten, die neuen Binder fuhren für sie viel zu schnell. Man musste schon laufen. Auch das Kartoffellesen klappte nicht mehr so recht; die ganze Zeit mit den Knien auf der kalten und nassen Erde rutschen, das spürte man schon in den Knochen und im Rücken, und die Körbe wurden auch nicht leichter. Rüben ziehen, das klappte auch nicht mehr, nur die Blätter abstechen, das ging noch, denn dabei konnte man stehen. Das Aufladen war ja Arbeit der Männer. Dann musste auch noch das Stallvieh versorgt werden, das wurde ein langer Tag! Sie lebte mit ihrem Bruder auf dem Bauernhof, dort, wo sie geboren wurde und immer geblieben war. Geheiratet hatte sie nicht. Zu viele Männer waren im Krieg gefallen, und von denen, die heimkehrten, war der richtige nicht gekommen. So blieb sie, wo sie war. Was sollte sie auch anders machen!

Eines Tages kam ihr Bruder und sagte zu ihr, dass

es wohl besser wäre, ihm ihre Ländereien zu überschreiben, damit diese in der Familie blieben und nicht in fremde Hände kämen, auf dem Hof sei sie ja gut versorgt, und wer wisse, was kommen und passieren könne. Er hatte schon einen Termin beim Notar vereinbart. Tante Katharina kam das etwas eigenartig vor, aber was sollte sie machen! Er wird es sicherlich gut meinen. 109


M itten in der Woche musste sie sich nun fein

anziehen, und dann ging es zum Notar! So etwas hatte sie noch nie gesehen. Da waren Herren mit steifen Kragen und Krawatten, die von den Händen bis zu den Ellbogen schwarze Ärmelschoner über die weißen Hemden gesteift hatten und sehr vornehm wirkten.

D ann erreichten sie Kevelaer. Der ganze Kirch-

platz und auch die Straßen waren voll von Menschen. Man musste aufpassen, nicht den Kontakt zur Gruppe zu verlieren; die hätte man ja nie mehr gefunden. Und was war das für eine schöne Kirche! Der Pfarrer hatte ja schon viel über den Himmel gepredigt, aber vorstellen konnte man sich das ja nicht. So viele Engel und Heilige an den Dann wurden sie hereingerufen. Der Notar hatte Wänden und der Priester im feierlichen Gewand, ein noch schöneres Büro und trug eine goldene rundherum Kerzen – und der Weihrauch, ja so muss Brille. Er holte ein großes Papier aus der Schublade der Himmel aussehen! und begann vorzulesen. Das einzige, was Tante Katharina verstand, war, dass ihr Name genannt Dann ging es zur Kapelle mit dem Muttergotteswurde; das Übrige begriff sie ohnehin nicht. End- bild. Es war noch ein wenig Zeit, um sich noch die lich sagte er: „Haben Sie alles verstanden, dann Geschäfte anzusehen. Ein Andenken wollte müssen Sie hier unterschreiben.“ Tante Katharina Katharina ja auch mit nach Hause bringen. Sie nahm den Federhalter, tunkte ihn noch einmal in kaufte sich einen Rosenkranz mit einem silbernen das Tintenfass und unterschrieb, Buchstabe für Etui, damit er ja nicht beschädigt würde, und ein Buchstabe, wie sie es in der Schule gelernt hatte. Bild von der Muttergottes für das Gebetbuch. Zeit Es ging langsam, weil sie seit der Zeit nichts mehr und Geld reichten gerade noch für eine Tasse Kaffee, geschrieben hatte. Dann umklammerte sie mit aber dann mussten sie sich beeilen, um den Bus beiden Händen ihre Tasche ganz fest, bis alle Unter- noch zu erreichen. Wieder ging es vorbei an den schriften geleistet waren und sie wieder von dannen kahlen Feldern, und als die Schilder mit der Aufziehen konnten. Jetzt war ja alles geregelt. schrift Brüggen zu sehen waren, wusste sie, dass Draußen sagte ihr Bruder zu ihr: „Ich habe auch es nicht mehr weit war. – etwas für dich getan. Diesen Herbst fährst du mit Zu Hause in der Kirche wurde noch einmal der Prozession nach Kevelaer.“ Tante Katharina gesungen, weil sie wieder gut heimgekommen zitterten die Knie, sie hatte nie weit das Dorf ver- gekommen waren. Das war Katharinas größte Reise, lassen, und jetzt eine so große Reise! Sie hatte wohl die würde sie nie vergessen. schon einmal von anderen gehört, wie schön es da sein soll. Gerne gesehen hätte sie das auch einmal. E s kam, wie es kommen musste. Die Arbeit fiel Jetzt war es soweit! Der Omnibus kam. Was für ein Katharina immer schwerer. Sie musste immer öfter Glück, dass ein paar bekannte Gesichter dabei einmal stehen bleiben und sich auf der Gabel waren. Es wurde viel gebetet, aber Tante Katharina stützen oder sich einmal setzen, mit der Luft klappbemerkte auch, dass sie bald den Wald verlassen te es nicht mehr. Lisa, das Pferd, wurde immer hatten und nur noch Felder mit Blumen zu sehen unruhiger, wenn ein anderer kam, um es zu füttern, waren. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Wie und fressen wollte es dann auch nicht. Der Rücken soll man damit das Vieh füttern! wurde immer krummer, wie sagte man doch: „Die wächst zur Erde hin.“ Und die etwas Gröberen tuschelten hinter vorgehaltener Hand: „Die riecht

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nach Schüppe.“ Auch hatte der Spitz in der letzten Nacht so sehr gejault, was er sonst nicht tat. Es war nichts Gutes in der Luft. Plötzlich konnte sie nicht mehr aufstehen, was man an ihr nicht gewohnt war. In der Nachbarschaft wurden ein paar Kinder zusammengeholt, um zum Beten zur Muttergottes nach Holtum zu gehen. Gerne taten die das nicht, einmal war es zu warm, einmal regnete es, aber auf dem Heimweg gab es bei Imkamp eine Limonade, und das war nichts Alltägliches. Es war aber vergeblich. Am nächsten Tag sagten die Angehörigen: „Wir müsse den Pastor rufen.“ Ein Nachbar wurde damit beauftragt, ihn zu informieren. Der Pastor legte die Stola um und holte alles, was man brauchte. Es stand immer in einer kleinen Dose bereit. Seine Haushälterin hatte schon zwei Jungen für den Versehgang bestellt. Sie schmissen sich schnell eine Handvoll Wasser über das Gesicht und die Hände. Mehr war nicht notwendig. Das Messdienergewand hatte lange Arme und reichte bis zur Erde, sodass der andere Schmutz nicht sichtbar wurde. Mitnehmen musste man auch noch das Weihrauchfass, den Weihwasserkessel und die große Klingel mit den vier Glocken. Dann ging es zu Fuß zum Haus der Kranken. Der Weg war weit. Das zog sich ganz schön hin. Die Messdiener hatten auch ein wenig Spaß dabei. Die Bösewichte, mit denen man sich morgens auf dem Schulhof noch geprügelt hatte, mussten sich nun beim Vorbeigehen auf den schmutzigen Steinen des Chausseegrabens vor dem Pfarrer und uns hinknien, und das tat ganz schön weh.

I m Haus besprach der Herr Pastor mit den Angehörigen, wie alles ablaufen sollte, ein wenig Protz musste schon sein, man war ja wer. Dann ging es ins Krankenzimmer. Alle mussten den Raum verlassen, damit die Kranke beichten konnte, und der Beichte folgte dann die letzte Ölung. Auf der Kommode stand schon alles bereit: das schwarze Kreuz – unter den Füßen Christi waren ein Totenkopf und zwei überkreuzte Knochen zu sehen, - eine kleine Vase mit einem Palmzweig, ein Tellerchen mit zwei Wattebäuschchen, eine brennende Kerze und etwas Wasser und ein weißes Handtuch. Mit Öl wurde die Sterbende drei Mal bekreuzigt und mit Weihwasser wurde sie drei Mal gesegnet. Weil Katharina immer schwächer atmete, begann der Pfarrer die Sterbegebete zu sprechen. Jetzt war alles klar: Es ging dem Ende entgegen. Die Frauen wischten sich mit der Schürze oder einem Taschentuch die Tränen aus den Augen; die Männer standen still und steif, wie ein Brett, mit dem Rücken zur Wand. Eine der Frauen faltete Katharinas Hände wie zum Gebet und legte den Rosenkranz darüber. Gemeinsam wurde ein paar Mal das Vaterunser und das Gegrüßet seiest du, Maria, gebetet. Einer verließ den Raum, um einen schwarzen Schleier an die Haustüre zu heften, ein Zeichen dafür, dass im Haus jemand gestorben war. So starb Katharina, wie sie es sich gewünscht hatte, zu Hause in der Familie, in Anwesenheit des Pastors und im Glauben, dass der Himmel so schön sei, wie sie das seinerzeit in Kevelaer gesehen hatte. Während der letzten Jahre hatte Katharina des öfteren um eine glücklichen Sterbestunde gebetet. Ich glaube, ihre Gebete sind erhört worden.

Die Übertragung ins Hochdeutsche stammt von Josef Feiter in Abstimmung mit dem Autor.

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1 Pfarrer Ludger Palm, Dechant des Dekanats Wegberg, Monsignore, 2 Josef Terhag 3 Karl Josef Terhag 4 Josef Heinrichs 5 Josef Quasten 6 Bernhard Beyartz 7 Hans Beckers 8 Helmut Jakobs 9 Josef Meuser 10 Willi Backhaus, 11 Ulrich Schmitz 12 Georg Heinrichs 13 Matthias Herzogenrath 14 Theo Sassen 15 Hubert Schrammen

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Von kleinen und großen Sündern und einem gefährdeten Dechanten

„Diese kleine Anekdotensammlung verdanken die geneigten Leser der Hartnäckigkeit von Pater Josef Kemper, der mich unentwegt aufgefordert hat, sie nicht nur bei geselligen Anlässen zu erzählen, sondern sie irgendwann und irgendwo auch einmal aufzuschreiben. Hier bietet sich die Gelegenheit.“ Fritz Jakobs

Die Pfirsichbeichte

Der größte Sünder

H ätte nicht Jüpp selbst, damals schon in reiferen Jahren, uns sein kindliches Beichterlebnis erzählt, es wäre nie offenbar geworden; denn das Beichtgeheimnis war, ist und bleibt in der Kirche eine unantastbare Regel, auch wenn es nur um eine „lässliche“ Sünde geht.

A m 11. Mai 1956, dem Freitag nach Christi – Himmelfahrt dieses Jahres des Herrn, läutete nachmittags die Totenglocke, mit kurzer Unterbrechung zweimal hintereinander, sodass jeder im Dorf, der die Glocke hörte und deshalb ein kurzes Stoßgebet für die arme dahingeschiedene Seele zum Himmel schickte, wusste: Es hat ein Erwachsener das Zeitliche gesegnet. Besagter Freitag war auch der Freitag vor der Prunkkirmes, die damals in Klinkum noch eine Woche vor Pfingsten gefeiert wurde. Und eben wegen der Kirmes war mir von meinem Vater die Aufgabe zugeteilt worden, die Kieswege im Biergarten neben dem Haus von Unkraut zu säubern. Einmal vom Schuffeln aufschauend, sah ich Merke Jupp mit dem Fahrrad vorbei fahren. Merke Jupp hieß eigentlich Küppers und gehörte mütterlicherseits zu meiner entfernteren Verwandtschaft. Ich fragte ihn, ob er wohl wisse, wer denn gestorben sei. Er wusste es und tat es auch unmissverständlich kund: „Der größte Sünder von Klinkum.“ Ob dieser Antwort leicht verwirrt, meinte ich, das könne man so doch wohl von keinem Menschen sagen. Worauf Jupp mich aufklärte: „O ja doch, Fritz, das kann ich mit Fug und Recht behaupten. Sünder – das weiß du aus eigener Erfahrung – sind wir alle. Und Fesche Lange woar dr Jröttste.“ Womit er unbestreitbar recht hatte. Der höchst achtbare und ehrenwerte Herr Josef Buschen, Landwirt seines Zeichens und seit Jahrzehnten Vorsitzender des Klinkumer Kirchenchores, im Dorf nur bekannt unter dem Beinamen „Fesche Lange“, war mit seiner Körpergröße von rund zwei Metern zweifellos der „größte“ Kinkumer seiner Zeit, und also auch der „größte“ Sünder. Wie allgemein die Achtung und Wertschätzung für Herrn Buschen im Ort war, möge man aus dem Verhalten der St. Hubertus – Schützenbruderschaft an den folgenden Kirmestagen ersehen. Die Verstorbenen blieben zu zur damaligen Zeit bis zu ihrer Beerdigung zu Hause aufgebahrt. So geschah es auch mit dem Leichnam von Herrn Buschen. Wenn nun der Schützenzug am Hof Buschen vorbeizog, was während der Prunkfeierlichkeiten oft geschah, stellten das Trommlerkorps und der Musikverein ihr Spiel ein, und alle Schützen grüßten auf Kommando mit Blickwendung zum Haus den in den ewigen Frieden eingegangenen Verstorbenen.

Wie uns Jüpp also vor Jahren einmal am Biertisch zum Besten gab, kniete er während der monatlichen Kinderbeichte, die der Monatskommunion vorausging – so etwas gab es einmal –, im Beichtstuhl und flüsterte unserem Dechanten sein harmloses Sündenbekenntnis ins Ohr. Ob der Beichtvater diesmal der geflüsterten Litanei etwas sorgsamer zugehört hatte als sonst, daran wusste Jüpp sich nicht mehr zu erinnern. Jedenfalls, als er mit seinem Sprüchlein aufhörte, fragte ihn der Dechant sogleich: „Na, Josef, hast du mir alles gesagt, hast du mir alles gesagt?“ (Wer den Dechanten Plaum noch gekannt hat, wird sich erinnern, dass er einen gesprochenen Satz gern wiederholte, weil ihm selbst bewusst war, dass er für gewöhnlich sehr hastig sprach.) Nachdem Jüpp auf die Frage ein zögerliches „Ja“ herausgebracht hatte, hörte er aus dem Dämmerdunkel des Beichtstuhls heraus den niederschmetternden Satz: „Josef, Josef! Hast mir aber nicht gesagt, dass du mir vorige Woche im Garten die Pfirsiche geklaut hast.“ Obwohl die Stimme des Dechanten, wie Jüpp sich noch nach Jahren sicher zu sein glaubte, ob der Verblüffung des Delinquenten eher ein wenig belustigt als vorwurfsvoll geklungen habe, sei er doch mit hochroten Kopf und heißen Ohren aus dem Beichtstuhl geschlichen, nachdem er den versöhnlichen Satz gehört hatte: „Dann wollen wir alles mit einschließen. Bete als Buße ...“ Übrigens: Als ich vor einiger Zeit diese Geschichte drei alten Freunden erzählte, wusste jeder von den dreien sich genau zu erinnern, wo damals im ehemaligen Pfarrgarten der Baum mit den außergewöhnlich exquisiten gelben Pfirsichen gestanden hat. Er scheint auch auf andere als Jüpp magische Anziehungskraft gehabt zu haben.

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von Fritz Jakobs

Dechant Palm in Lebensgefahr D iese Episode macht ein paar Vorbemerkungen erforderlich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Jahren um die Währungsreform, gab es in Klinkum – wenn ich richtig unterrichtet bin – bis zu 13 Hauswebereien, in denen an die 100 mechanische Webstühle klapperten. Sie schufen Materialersatz für die zerbombten Textilfabriken der umliegenden Städte. Und sie zogen in bedrohlich wachsender Zahl Einbrecherbanden an, die sich nächtens über die fertig gewebten „Stücke“ hermachten, die organisiert abtransportiert wurden und wohl vor allem als Tauschmaterial für mangelnde Lebensmittel dienten. Die Einbrüche uferten so sehr aus, dass die Klinkumer Dorfgemeinschaft beschloss, den bedrängten Hauswebern zu helfen. Es wurde ein nächtlicher Wachdienst eingerichtet. In zweistündigem Wechsel lösten sich zwei mit Knüppeln bewaffnete Männer pro Nachbarschaft ab, die insbesondere die Webereien unter Obacht hielten. Zweite Vorbemerkung: Dechant Ludger Palm, unser Ortsgeistlicher seit 1942, war eifriger Doppelkopfspieler. Er traf sich mit anderen seiner Zunft gern donnerstags abends bei Meyer Kobbes, einem pensionierten Bahnbeamten, wo sie dann ihrem Vergnügen frönten, wobei es hin und wieder etwas spät wurde. Und nun die Begebenheit: Dechant Palm kommt gegen Mitternacht vom Doppelkopfspiel bei Meyer Kobbes nach Hause. Er sieht trotz der Dunkelheit das Kirchenportal halb geöffnet und eilt, Schlimmes befürchtend, zum Hof Schmitz in der Kirchennachbarschaft zurück, wo er gerade zuvor noch Licht gesehen hat. Er alarmierte Josef Schmitz (für die, die ihn noch gekannt haben: Liene Jupp), läuft ihm aber schon voraus zur Kirche zurück. Jupp, der sich schon seiner Schuhe entledigt hatte – er war gerade vom Wachdienst nach Hause gekommen - läuft hinterher und hört, als er sich der Kirche nähert, zunächst gequälte Hilferufe von Dechant Palm und dann die aufgeregte Stimme von Hermann Peters, mit dem er gerade zwei Stunden Wache „geschoben“ hatte. Er sieht dann auch, dass Hermann den Hals des Dechanten loslässt und hört noch wie er sagt: „Hon Heär do hat err ävvel Jlöck jehaat, dat

ech öch an de Stemm jekennt han. Ech häu öch sons dr Hols ömmjedreet.“ Hermann, im Dorf nur als „Hon – Hermann“ bekannt, weil er immer, wenn er zu sprechen begann, die Silbe „Hon“ vorweg setzte, hatte auf dem Heimweg auch die offene Kirchentür gesehen, hatte die Kirche einer Inspektion unterzogen, sie menschenleer gefunden und, als er die Kirche verließ, den im dunklen Eingangsportal wartenden Dechanten für den Kirchenräuber gehalten, den er, seinem spontanen Naturell gemäß, sofort attackierte. Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass es damals noch üblich war, den Ortspfarrer mit dem Ehrentitel „Hear“ (Herr) anzureden, was durchaus auch in so verzwickten Situationen, wie der hier geschilderten, die Regel war.

Der Teufel im Spiel A uch bei dieser Begebenheit sind Dechant Palm und Hermann Peters die Hauptpersonen der Handlung.

Monsignore Palm war nicht nur ein eifriger Doppelkopfspieler, er spielte auch gern und mit raffinierter Schläue einen gepflegten Skat. Deshalb schloss er sich manchmal sonntags spätnachmittags in der Gaststätte „Düsterwolz“ einer Skatrunde an, die dort fest etabliert war und zu der immer auch Hermann Peters gehörte. Und eben diesem spielte der Dechant an einem friedlichen Sonntagabend, als er sich wieder einmal der Runde zugesellt hatte, ein für todsicher gehaltenes Solospiel kaputt. Hermann schnaufte und fuhr den griemelnden Dechanten giftig an: „Hon, hon, Heär, dat well ech öch ens saare: Dat hät öch dr Düüvel enjejeäve.“

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Das Hochamt D ie folgende Episode spielte sich auf einer Dorfversammlung in den Jahren zwischen 1950 bis 1955 entweder bei „Düsterwolz“, bei „Beätese Lei“ oder bei „Manese Fritz“ ab, wo genau, daran erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls war es zur damaligen Zeit üblich, dass die Dorfversammlungen sonntags nach dem Hochamt in einer dieser drei Kneipen stattfanden. Man war kurz vor Mittag bis zum Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ vorgedrungen, bei dem es hier wieder noch einmal munter wurde, was sich übrigens bis heute kaum geändert hat. Dechant Palm saß, wie bei jeder Dorfversammlung, mitten zwischen den Männern, sog an seiner Zigarre, die mitten im Mund über dem Kinn hing und beobachtete über der Brille, die vorn auf der Nasenspitze ihren gewohnten Platz hatte, aufmerksam seine Umgebung. (Frauen waren damals noch recht selten auf Dorfversammlungen anzutreffen. Sie sorgten während dessen zu Hause für den Sonntagsbraten.) Da fragte jemand aus de Versammlung: „Herr Dechant, muss eigentlich das Sonntaghochamt immer eine geschlagene Stunde und manchmal sogar etwas länger dauern? Könnten sie die Messe oder die Predigt nicht ein wenig abkürzen?“ Dechant Palm, damals noch nicht Geistlicher Rat und Monsignore, nahm den Fragenden kurz in Augenschein und antwortete: „Doch, könnte ich. – Aber das will ich dann bei dieser Gelegenheit mal sagen: Wochentags kümmert ihr euch doch recht selten um den Herrgott, meine ich wenigstens. Da solltet ihr sonntags schon eine Stunde für ihn übrig haben.“ Sprach`s, lehnte sich gelassen in seinem Stuhl zurück, sog zufrieden an seiner Zigarre und lächelte uns freundlich an. Die Frage war beantwortet. Eine Diskussion kam nicht auf. Die einen nickten nachdenklich, die anderen grinsten ein wenig verlegen. Das Thema hatte sich erledigt. So geschehen in der so genannten „guten alten Zeit“ vor rund fünfzig Jahren.

So weit Fritz Jakobs.

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Zur Heiligen Familie…

„Der Mann, der auf die Idee gekommen ist, der neuen Gemeinde den Namen „Heilige Familie“ zu geben, muss einen prophetischen Blick gehabt haben… Der Inspirator war klug genug zu sagen „Zur Heiligen Familie“, denn wir sind unterwegs, auf dem Wege, eine Heilige Familie zu werden. Aber dieser Weg ist lang, sehr lang!“ So Pater Ambrosius 1980 im Schlusswort der Festschrift zum 75jährigen Bestehen unserer Pfarre. …wir sind unterwegs, eine Heilige Familie zu werden… Gottesdienstbesucher laut Sonntagszählung vor 50 Jahren ca. 900, vor 25 Jahren ca. 600, 2005 ca. 150! - …wir sind [noch] unterwegs eine Heilige Familie zu werden…???

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Zitate, Dokumenten- und Bildernachweis

Angegeben ist zuerst die laufende Nummer zum jeweiligen Zitat im Text, danach die Nummer lt. Literaturverzeichnis und evt. weitere Angaben. Zu Nr. 5 des Literaturverzeichnisses ist nur bei Band 2 und 3 der Band angegeben. 1)16, S.1/ 2) 13, S.66, 67/ 3) 13, S. 58/ 4) 13, S. 56, 57/ 4a) 9, S23/ 5) 16, S. 45ff/ 6) 13, S. 101/ 7) 18, S. XIII/ 8) 14, Internet Wikipedia/ 9) 27, S.35/ 10) 9, S.22,23/ 11) 11, S.99/ 12) 26, S.14/ 13) 20, S.2/ 14) 5, S.12/ 15) 5, S.25/ 16) 5, S.28, 296/ 17) 5, S. 24/ 18) 5, S.35/ 19) 5, S.35/ 20) 5, S.28/ 21) 7/ 22) 5, S.46/ 23) 5, S.81/ 24) 5, S.31, 32/ 25) 5, S.32/ 26) 28, S. 128/ 27) Freie Übersetzung Orig. 5) S.39, 40/ 28) 5, S.45, 46/ 29) 19, S.112/ 30) 5, Anlage zu Seite 29 Zeitungsartikel/ 31) 16, S.73/ 32) 16, S.74/ 33) 16 S.74/ 34) 16, S.119ff/ 35) 4, S.31/ 36) 4, S.30/ 37) 6, Bd.6 Spalte 766/ 38) 5, S.69-71/ 39) 5, S.71/ 40) 5, S. 41/ 41) 5, S.46,47/ 42) 5, S.349/ 43) 5, Original 89,90/ 44) 22/ 45) 17/ 46) 5. 276/ 47) 17,22/ 48) 5, S.92/ 49) 22/ 50) 22/ 51) 22/ 52) 22/ 53) 22/ 54) 5, S.267 55) 5, Bd.3 S.96/ 56) 1/ 57) 8, S.58/ 58) 5, S.57-59

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Unter Dokumenten- und Bildernachweis (D) sind alle Urkunden, Bilder, Schriftstücke und Fotos zusammengefasst, die im Text mit D und einer laufenden Nummer gekennzeichnet sind. Die Fotografien, deren Fotograf bekannt ist, sind mit (F) gekennzeichnet. Bei den übrigen Dokumenten ist der Fundort angegeben oder der Name desjenigen, der sie aus seinem Besitz zur Verfügung gestellt hat. Nur bei Personen, die nicht in Klinkum wohnen, ist noch der Wohnort hinzugefügt. D1, 2, 3, 18, 32, 33, 34, 37, 41, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59, 62, 72, 79, 139 Bert Dyck (F) D4, 38 Schulze Dephoff, Wegberg D5, 125 Felix Louis D6, 9, 29, 29a, 40, 79, 85a, 86a, 87a, 132 Georg Heinrichs, Wegberg D7a, c, d, 8 Historischer Verein Wegberg D7b Internet Wikipedia Wilde Ehe D7e+7f Kreismuseum Heinsberg D 10, 31, 43, 44, 61, 63, 64, 65, 66, 67, 68, 70, 71, 73, 82, 88, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 988, 99, 100, 101, 103, 104, 106, 108, 109, 110, 111, 112, 113 Günter Passage, Gerderath (F) D11, 12, 13, 14, 17, 19, 22, 30, 84, 118, 119 Melitta Palm, Rheydt (F) D15, 83, 120 Festschrift 75 Jahre Pfarrkirche Klinkum D16, 23, 24, 25, 25a, 26, 27, 28, 69, 127, 128 B. Generalvikariat AC D20 Archiv Pfarre Klinkum D21, 39, 85, 86, 87 Pfarrarchiv St. Peter und Paul, Wegberg D36 C. Heldens D37 Pater Josef D42, 74, 75, 75a, 76, 114, 115, 121, 122, 123, 124, 131 Pfarrchronik Klinkum D60, 77, 78, 80, 81, 329b Fritz Jakobs D105, 107 Dr. E. Peters, Bonn D116, 117 Kaspar Jans D129, 130 Fred Hastenrath, Wegberg D89, 90, 91 Dr. Annette Jansen-Winkeln, MG D29a, D102 Josef Herzogenrath D126 Schrift Pfarrkirche St. Jakob der Ältere, Jüchen


Literaturverzeichnis

1. Archiv des Generalvikariats Aachen Unterlagen Pfarre zur Heiligen Familie Klinkum, unveröffentlicht

17. Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, 4. Dez. 2005, 60. Jg. Nr. 49, Beiträge zum 2. Vatikanum

2. Berekoven, H., Adressbuch des Kreises Erkelenz, 18. Köhler, H., Bürgerliches Gesetzbuch, Verlag Karl Martini, Brühl bei Köln, Ausgabe 1912 Deutscher Taschenbuchverlag 2001 3. Buber, Martin, Reden über Erziehung, L. Schneider Verlag Heidelberg 1960

19. Lindemann / Boekhoff, Lexikon der Kunststile, Band 1, Rowohlt 1980

4. Carstens, Veronika, Die Natur hilft heilen, Union-Betriebs-GmbH Bonn, 1989

20. Molenbroek, Ambrosius u.a., Pfarrkirche zur Heiligen Familie Klinkum, Selbstverlag 1980

5. Chronik der Pfarre Klinkum, unveröffentlicht

21. Mosebach, Martin, Häresie der Formlosigkeit, Karolinger Wien 2002 3. Auflage

6. Der Große Herder, Herder Freiburg 1952 7. Erkelenzer Kreisblatt vom 15.01.1921 8. Europäischer Konvent, Vertrag über eine Verfassung Europas, Luxemburg 2003

22. Peters, Dr. Elisabeth, Bonn, Pfarrkirche zur Heiligen Familie Klinkum, Anmerkungen zu Ausstattungsstücken, unveröffentlicht 2006 23. Pfarrarchiv der Katholischen Pfarre St. Peter und Paul, unveröffentlicht

9. Gebler, Fred, Der Philosoph und seine Familie Gedanken zu Anton Heinens Familienpädagogik, 1999, Eigenverlag

24. Pfarrkirche St. Jakobus d. Ä. Jüchen, Kunstverlag Jos. Fink, Lindenberg 2003

10. Hamp, Stenzel, Kürzinger, Die Heilige Schrift, Pattloch-Verlag, Aschaffenburg 1957

25. Reifferscheidt, Andreas, Johann Gottfried Plaum, unveröffentlicht

11. Heinen, Anton, Briefe an einen Landlehrer, MG Volksvereinsverlag 1922

26. Schmitz, Dietmar, Unterwegs in Wegberg, Route 4, Historischer Verein Wegberg, Eigenverlag 2003

12. Heine, Anton u.a., Familien und Kleinkindpädagogik, Kösel, München 1934 13. Heinrichs, Josefine, Wenn ich so zurückschaue, Roka-Verlag, Wegberg 1991 14. Internet Wikipedia

27. Stadt Bedburg, Anton Heinen Sein Anspruch damals - Unser Anliegen heute, Selbstverlag 1984 28. Vollmer, Adolf, Geschichte der Gemeinde Wegberg, Druck und Verlag Quos Cöln 1912

15. Jansen-Winkeln, Dr. Annette, Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts, Materialien zu den Fenstern der katholischen Pfarrkirche Klinkum, unveröffentlicht 16. Kath. Katechismus für die Erzdiözese Paderborn, Bistum Paderborn, Bonifatiusverlag Paderborn 1925

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Ein herzliches Dankeschön

An dieser Stelle sei allen ein herzliches Dankeschön gesagt, die zum Gelingen dieser Schrift beigetragen haben. Namentlich seien hervorgehoben: Frau Hubertina Willms für ihren Beitrag über das Dem Wegberger Diplom Designer Michael Körner, Herausgeber und Gestalter vieler Bildbände, der sich kirchliche und dörfliche Leben früher, spontan bereit erklärt hat, unseren Kirchenführer Paul Heinz Boscheinen für seinen Bericht zur Orgel nach seinen Vorstellungen zu gestalten und dem Buch ein eigenständiges modernes, frisches und und zur Bedeutung der Kirchenmusik bei uns, ansprechendes Design zu geben, gilt unser besonStadtarchivar Düren und Fred Hastenrath für ihre derer Dank. Unterstützung beim Zugang zum Stadtarchiv und Unserer Pfarre sei herzlich gedankt für die Bereitzum Archiv der Pfarre Wegberg, stellung von Bildern und Dokumenten. Fritz Jakobs für seine Beiträge über „Große und kleine Sünder und einen gefährdeten Dechanten“, für die Bereitstellung von alten Fotos und für Interviews, gemeinsam mit Helene Jakobs, mit Kaspar Jans und Jakob Quasten, denen auch ein herzliches Dankeschön gebührt. Josef Herzogenrath sei gedankt für seine Erinnerungen über die Gestaltung und Ausmalung unserer Kirche früher, für die Bereitstellung von Fotos und für gemeinsame Archivarbeit. Ein ganz besonderer Dank gilt dem - zwischenzeitlich verstorbenen - aus Klinkum stammenden Wegberger Georg Heinrichs, u.a. für seinen Beitrag „Tant Trin jeht et net jot“, mit dem er besonders treffend das religiös geprägte Denken und Fühlen unserer Vorfahren in Erinnerung ruft. Er begleitete die gesamte Entwicklung dieser Schrift über viele und vielseitige gemeinsame Gespräche und gab immer wieder Impulse bei der Spurensuche. Lehrer a.D. Otto Müller, Wegberg, gilt ein herzliches Dankeschön für die Federzeichnung unseres Titelbildes und für kunsthistorische Hinweise, Studiendirektor a.D. Horst Franzmann, Wegberg, für seine Mitarbeit am lateinischen Text, Thorsten Höninger für die Erstellung der Druckvorlage und Bert Dyck für die Textver- und Dokumentenbearbeitung. 120


Sponsoren

Die Veröffentlichung dieser Schrift wurde durch Sponsoren ermöglicht. Ein herzliches Dankeschön gilt: Alfred Depta, Dalheim. Metzgerei und Partyservice Strauchen, Klinkum. Leo Maaßen, Erkelenz. Generali Versicherung Hanraths, Klinkum. Optik Michels, Wegberg. Naturheilpraxis Regina Schmitz, Klinkum. Volksbank Erkelenz-Hückelhoven-Wegberg e.G., Wegberg. Kreissparkasse Heinsberg, Wegberg. Westenergie und Verkehr GmbH & Co, KG, Erkelenz. Metzgerei und Partyservice Kohlen, Klinkum. Imbiss Brüssel, Klinkum. Chinarestaurant Mandarin, Klinkum. Blumen Heyer, Klinkum. Bäckerei Mährle, Klinkum. Bestattungen Joerissen GmbH, Wegberg. Buchhandlung Kirch, Wegberg. Dieter Dohmen, Klinkum. Felix Louis, Klinkum. Schreiner Steffan, Klinkum. Bestattung Norbert Reisen, Arsbeck. Schreiner Norbert Reisen, Arsbeck. Sanitär HansWerner Floß, Klinkum. Zahnarztpraxis Lothar Schmitz, Klinkum. Fritz Jakobs, Klinkum. Versicherungen Elmar Jansen, Klinkum. Post Apotheke Jörg Friehoff, Wegberg. Dachdecker- und Klempnermeister Friedhelm Jakobs, Klinkum. Susanne Blank, Erkelenz. Michael Rex, Klinkum. Nikolaus Seif, Klinkum. Möbel An- und Verkauf Holger Bahr, Wegberg. MK Teppich Service Michael Kox, Wegberg. KfzWerkstatt Manfred Hastenrath, Erkelenz. Hans-Peter Küppers, Klinkum. Dr. Gregor Feiter, Erkelenz. Fliesenfachbetrieb Hermann-Josef Königs, Klinkum. Annette Brockers, Tüschenbroich. Sami Örum, Erkelenz. Dichtungstechnik GmbH, Achim Pellen, Wegberg. AWL Technik Handels-GmbH, Erkelenz. Malerbetrieb Günter Stevens, Klinkum. Karl-Heinz Meyer, Wegberg. Herbert Meyer, Klinkum. Versicherungen Hans-Willi Backhaus, Tüschenbroich. B. u. J. Feiter, Klinkum. Die Liste der Sponsoren wurde aus redaktionellen Gründen am 12. September 2007 geschlossen. Der Förderverein freut sich jedoch zu jeder Zeit über weitere Spender! Der Gesamterlös aus dem Verkauf des Buches kommt dem Förderverein für die Katholische Kirchengemeinde „Zur Heiligen Familie“ Klinkum e.V. zugute.

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Impressum

Titelbild: Federzeichnung von Otto Müller, Wegberg, Ein Geschenk für diese Schrift Textverarbeitung, Bild- und Dokumentenbearbeitung: Bert Dyck, Klinkum Zusammenstellung der Druckvorlagen Thorsten Höninger, Klinkum Autor: Josef Feiter, Klinkum Grafik Design, Kreative Textgestaltung, Bildbearbeitung, PrePress und Druckvorbereitung: Michael Körner, Dipl. Designer Artkonzeptkörner, Wegberg Herausgeber: Förderverein für die Katholische Kirchengemeinde „Zur Heiligen Familie“ Klinkum e.V. Herausgegeben im Oktober 2007 122


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100 Jahre

Katholische Pfarrkirche Zur Heiligen Familie Klinkum

Unser Gotteshaus aus der Sicht der Entstehung, Entwicklung und Zukunft, seine Bedeutung für das Dorfleben und die Prägung der Menschen

„Josef Feiter hat die von den Klinkumern (und nur von den Klinkumern!) vor einem Jahrhundert erbaute und mehrmals zeitgenössisch umgestaltete Kirche mit all ihren künstlerischen und kunstgewerblichen Kostbarkeiten liebevoll beschrieben. Mit dieser Beschreibung verbunden hat er eine Darstellung christkatholischen Denkens und im Glauben tief verwurzelten Handelns der Menschen in unserer Pfarre „Zur Heiligen Familie“, die nun auch etwa 100 Jahre alt ist. Die Schrift ist so zu einer beispielhaften Entwicklungsgeschichte katholischen Lebens in unseren Dörfern im vergangenen Jahrhundert geworden.“ Fritz Jakobs


100 Jahre Katholische Pfarrkirche Zur Heiligen Familie Klinkum