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Meine Rede ist stellvertretend gewidmet zwei Überlebenden des Todesmarsches, Juditha Hruza und Bela Budai, sowie den mutigen Persönlichkeiten Maria Maunz und Herrn Juvanschitz sowie all jenen, welche den Opfern des Todesmarsches beigestanden sind und ihnen geholfen haben. Sehr geehrter Herr Bürgermeister Schiefer, sehr geehrter Herr Bürgermeister Stark, liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Damen und Herren! Ich bedanke mich bei Herrn Bertram Riegler und bei der Gemeinde Nitscha herzlich für die Einladung, einige Worte anlässlich der Enthüllung des Mahnmales zur Erinnerung an die Opfer des Todesmarsches ungarischer Jüdinnen und Juden im Jahr 1945 sagen zu dürfen. Die beispiellose Singularität und die unüberbietbare Menschenverachtung des nationalsozialistischen Verbrecherregimes zeigte sich exemplarisch in den sogenannten Endphasenverbrechen – wie auch in Auschwitz und allen anderen Vernichtungslagern, in einer rigorosen Todesstrafenpraxis (z.B. bereits für das Abhören sogenannter Feindsender oder des Erzählens von Flüsterwitzen gegen das NS-Regime) sowie im Gestapo-Terror samt Spitzelwesen. Der Zweite Weltkrieg war zu Beginn des Jahres 1945 für die Nazis längst an allen Fronten verloren. Die Rote Armee stand an den Grenzen des heutigen Österreich, die westlichen Alliierten an den Grenzen Deutschlands. Dennoch beauftragte SS-Reichsführer Heinrich Himmler Adolf Eichmann mit der Deportation der ungarischen Juden vor der heranrückenden Roten Armee, um sie als Faustpfand für Verhandlungen mit den Alliierten einsetzen bzw. um noch viele von ihnen ermorden zu können. Adolf Eichmann – so der Historiker Guido Knopp – feilschte mit dem Oberkommando der Wehrmacht um jedes Transportmittel, um möglichst viele Jüdinnen und Juden von Ungarn ins KZ Mauthausen deportieren zu können. In rund 150 österreichischen Gemeinden kam es auf den Todesmärschen zu Ermordungen von ungarischen Jüdinnen und Juden. Das größte Massaker ereignete sich am 7.4.1945 auf der Passhöhe des Präbichls, wo der Eisenerzer 1


Volkssturm über 200 Juden ermordet hat. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, heißt es in Paul Celans Gedicht „Todesfuge“. Beim Todesmarsch der ungarischen Juden jedoch, meine Damen und Herren, war der Tod auch ein „Meister aus Österreich“. Denn es waren sogenannte Volkssturmmänner – also Bürger aus unseren steirischen Gemeinden –, die den Todesmarsch begleiteten und dabei immer wieder mordeten. Im Militärgerichtsverfahren der britischen Armee im Jahre 1946 beriefen sich die Mörder oft auf den „lückenlosen Befehlszwang“, dem man nicht entrinnen habe können. Doch die Gespräche mit unzähligen Zeitzeugen verdeutlichen, dass es selbst im NS-Staat zu keiner Zeit einen lückenlösen Befehlszwang gab. Der stets aufgetischte Mythos vom „lückenlosen Befehlszwang“ – entweder du erschießt den Juden, oder du wirst selber erschossen – ist Blendwerk und Verschleierung zugleich, um das eigene Mitmachen, den persönlichen Opportunismus und die fehlende Zivilcourage zu rechtfertigen. Um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich herrschte im NS-Regime der radikalste Terror mit Repressalien aller Art, gar keine Frage. Doch es gab unübersehbar auch oppositionelles, widerständisches und couragiertes Handeln gegen die Nazis, welches gegen Kriegsende immer stärker wurde. Der wohlfeile Mythos vom „lückenlosen Befehlszwang“ diente dazu, neben den Opfern der Nationalsozialisten auch noch alle Oppositionellen und Widerstandskämpfer aus dem historischen Gedächtnis zu verbannen. Herrenmenschenmoral selbst noch gegenüber den Opfern und dem Widerstand gegen das NS-Regime! Eine Unverfrorenheit, die ihresgleichen sucht, meine Damen und Herren, die mich immer wieder mit Scham und Zorn erfüllt und zur Erinnerungsarbeit ermuntert! Ohne den Mut und den Forschergeist der neueren Zeitgeschichte, meine Damen und Herren, würden wir heute hier in Nitscha kein Mahnmal für die Opfer des Todesmarsches enthüllen, wie wir vermutlich gar nichts wissen würden über den Todesmarsch, über den Widerstand der Koralmpartisanen, der Partisanengruppe Leoben Donawitz oder über die im Grazer Landesgericht von Nazihand ermordeten Regimegegner, über die Heimo Halbrainer soeben ein Buch geschrieben und die Gedenktafel im Hinrichtungsraum des Landesgerichtes erneuert hat. Wir verdanken es dem Mut, dem Forscherinteresse und der Akribie der jüngeren Historikergeneration – ich darf auf die beiden hier anwesenden Historiker Franz Stangl und Heimo Halbrainer stellvertretend verweisen –, welche die selbstgefälligen Rechtfertigungsmuster der sogenannten „Kriegs- und Wehrmachtsgeneration“ entzauberten. Ohne moderne Zeitgeschichtsfor2


schung wären die Opfer des NS-Regimes dem Vergessen überantwortet worden. Sich an die Opfer des NS-Terrors zu erinnern und ihrer zu gedenken, das ist bereits ein erhabenes Ziel der Zeitgeschichte. Doch die zeitgeschichtliche Erinnerungsarbeit ist freilich noch viel mehr: Sie ist eine zukunftsbezogene Form der Demokratie- und Menschenrechtsbildung, um endlich ernst zu machen mit der sprichwörtlichen „Lehre aus der Geschichte“, die sich aktuell leider zu oft als „Leere [mit 2 e] im Geschichtsverständnis der politischen Eliten“ erweist. Selbst unsere postmoderne Moderne mit all ihren technologischen und naturwissenschaftlichen Errungenschaften braucht eine selbstreflexive Zeitgeschichtsforschung, um im daran anknüpfenden interdisziplinären Dialog ihre ethischmoralphilosophischen und ihre demokratie- und menschenrechtspolitischen Maßstäbe zu entwickeln. Geschichtsblindheit repräsentiert den sichersten Weg, um den Irrsinn von Hegels „Geschichte als Schädelstätte“, verstanden als reales Laboratorium für Massenmord, unentwegt zu wiederholen. Die Gründung der Europäischen Union wie auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948 verdanken sich zuallererst einem gemeinsamen Prozess der historisch-politischen Selbstvergewisserung, die sich in der Parole „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ manifestierte. Seit dem mehrfachen Erinnerungsjahr 1988 entstanden österreichweit einige ambitionierte Erinnerungs- und Gedenkprojekte, welche den zeitgeschichtlichen Forschungsstand in dessen interdisziplinärer Rahmung zu einem Medium der politischen Bildung – mehr noch: zu einem Dialogforum für Menschen- und Herzensbildung und für angewandtes Widerstandswissen – transformierte. In der Steiermark existieren mittlerweile zahlreiche Erinnerungs- und Gedenkprojekte mit Mahnmälern und Publikationen zum Zeitraum 1933 bis 1945, die Zeugnis ablegen für eine „andere Steiermark und für ein anderes Österreich“, welches den Opfern von Faschismus und Nationalsozialismus und dem antifaschistischen Widerstand aus tiefstem Herzen verpflichtet ist. Es ist besonders erfreulich, liebe Freundinnen und Freunde, dass dieses neue Erinnern und Gedenken, von Jugendlichen (Sabina Mahr hat ja als damalige Schülerin im Jahr 2006 den Entwurf für dieses Mahnmal gestaltet und ist heute anwesend), Historikern, Zeitzeugen, Sozialpsychologen, Pädagogen, Literaturwissenschaftern, Theologen, Philosophen, Künstlern und Schriftstellern getragen wird, um im interdisziplinären und intergenerativen Dialog aus der Geschichte gemeinsam zu lernen. Dies deshalb, damit wir Arbeitslosigkeit, Armut, soziale Ungerechtigkeit, Diktatur, menschenverachtende Propaganda, Rassismus und Diskriminie3


rung, Krieg und Todesstrafe überwinden, um eine kollektive Regression zu vermeiden. Mit anderen Worten: Wer 27 Millionen Arbeitslose innerhalb der EU28 als Quasi-Naturgesetz zulässt, wer Tausende Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lässt, wer weiterhin als politischer Büttel und Handlanger des neoliberalen Furors in Europa auftritt, der den Sozialstaat zugunsten eines schamlosen „Sozialismus der Reichen“ (Noam Chomsky) in die Knie zwingen will, der sollte sich mit dem Forschungsstand der neueren Zeitgeschichte intensiv auseinandersetzen, um dort faktenreich nachzulesen, wohin die aktuell weltweit bestehenden Unrechtsverhältnisse führen können. Doch auch im aktuellen Kontext gilt: Es herrscht kein lückenloser Befehls- oder Sachzwang. Es gibt Auswege. Es bestehen Alternativen. Noch haben wir Demokratie, Menschenrechte, Frieden und einen leistungsfähigen Sozialstaat. Der sprichwörtliche Teufel hat noch in jeder Mauer eine Lücke hinterlassen, die es zu finden gilt, um die vielen Mauern des weltweiten Unrechts einzureißen. Ich schließe daher mit einem hoffnungsvollen Motto der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule: Um der Hoffnungslosen willen, sei uns die Hoffnung gegeben! Oder in den Worten Ihrer Einladung zu dieser heutigen Veranstaltung: „Eine friedliche Welt, gerecht, menschlich, beständig: Es liegt täglich an uns!“ Eröffnungsrede Christian Ehetreibers anlässlich der Enthüllung des Mahnmales zur Erinnerung an die Opfer des Todesmarsches ungarischer Juden vom April 1945. Nitscha, am 7.12.2014.

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Kurzbericht für die FB-Seite der ARGE Jugend am 7.12.2014 Erinnerungskultur sichert Menschenrechte im intergenerativen Dialog: Dieses Motto sei als Titel der sehr gut besuchten Enthüllung des Mahnmales zur Erinnerung an die Opfer des Todesmarsches ungarischer Juden vom April 1945 in der Gemeinde Nitscha gewählt. Auf Einladung von Herrn Bürgermeister Peter Schiefer, Prof. Peter Gerstmann und Bertram Riegler kamen rund 100 sehr interessierte Gäste aller Generationen ins Gemeindeamt von Nitscha, um mit einer sehr würdevollen Gedenkveranstaltung an die Opfer des Todesmarsches zu erinnern. Das hohe Interesse an „befreiendem Wissen“ über die jahrzehntelange Verdrängung des Todesmarsches durch die Steiermark war in vielen Gesprächen mit den Gästen spürbar. Heimo Halbrainer, Franz Stangl und ich waren beeindruckt von diesem echten Interesse, von der dialogischen Form des Erinnerns und von der herzlichen Gastfreundschaft der Gemeinde Nitscha. Das nun realisierte Mahnmal gründet auf einem Entwurf der damaligen Schülerin Sabina Mahr im Rahmen des Gleisdorfer Gestaltungswettbewerbes aus dem Jahr 2006. Sabina Mahr war auch persönlich anwesend und erläuterte ihre Gedanken zum Entwurf wie auch zum Thema „Todesmarsch“. Nach den Mahnmälern auf dem Präbichl, in Gleisdorf – Bürgermeister Christoph Stark nahm ebenfalls an der Veranstaltung teil – konnte in Nitscha ein weiteres Erinnerungszeichen für eine andere Steiermark gesetzt werden, das in der Kooperation mit Jugendlichen, ZeitzeugInnen, HistorikerInnen und mit engagierten BürgerInnen entstehen konnte. Ein herzlicher Dank an alle Aktivistinnen und Aktivisten in Nitscha und Gleisdorf für das große Engagement! Ich erlebte es als große Ehre, bei der Enthüllung des Mahnmales eine Gedenkrede halten zu dürfen! Ich fuhr gemeinsam mit meinen Freunden und Historikern Heimo Halbrainer und Franz Stangl nach Nitscha, mit denen ich schon viele Gedenkprojekte gemeinsam begleiten durfte. Euer Christian Ehetreiber

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Rede zur Eröffnung des Todesmarschmahnmals in Nitscha am 07.12.2014  

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