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archithese

6.2013

Internationale Zeitschrift und Schriftenreihe für Architektur

Ein dynamisches Naturverständnis

International thematic review for architecture

Is Organic Architecture still relevant today? Die Räume des Chen Kuen Lee Wissenschaftsbauten von Fehling+Gogel New Aaltoism: Tendencies in Nordic Architecture Die Natur der jungen Architekten in Japan Frei Ottos IL Mitteilungen Wasserkunst und Kunstlandschaft Patrick Geddes Biopolis Nachhaltigkeit im Biokapitalismus Irrtümer der Ökobewegung Architekturprinzipien und Naturwissenschaft The Milieu of Synthetic Biology SPEZIAL: Bildatlas Architektur die hilft: Hitoshi Abe und ArchiAid J. MAYER H. Architekten, a2o architecten, Lens°Ass architecten: Neuer Gerichtshof Hasselt SPBR/Angelo Bucci: Wochenendhaus São Paulo

Natur | Nature


EdIToRIAL

Nachhaltigkeit, Öko(logie), Carbon, Klima, Eco, Umwelt, Green, Grün, Energie – verlieren wir bereits Ihre Aufmerksamkeit? Die Begriffe aus dem Dunstkreis der Natur haben Konjunktur, und doch wurde dieses Heft mit Skepsis erwartet. «NATUR» schrieb dann auch der selten um Worte verlegene Harvard-Professor Sanford Kwinter in der grösstmöglichen Schrift in seine Präsentation, mit der er in Wien einen Vortrag zur Ökologie unterlegte. Mehr könne er dazu nicht sagen, als ihre Bedeutung mit Grösse zu untermauern. Natur – ein Problemwort wie ein Problembär. An sich gut, auch schön zum Anschauen; im Kontext der Zivilisation jedoch problematisch. Natur ist populär, und gerade deshalb schwer zu erkennen. Der skeptische Zeitgenosse mag vermuten, dass das, was allerorten als Natur bezeichnet und beschrieben wird, nicht die eigentliche Natur ist. Dieses Unverständnis ihr gegenüber beschäftigt die Philosophie seit jeher auf grundsätzlicher Ebene und hat die Naturwissenschaften entscheidend geprägt wie vorangebracht. Von hier wirkt es auf die Gesellschaft und die Ökonomie zurück. Wenn wir also schon nichts über einzelne Dinge in der Natur direkt wissen können, so müssen wir uns dem Verständnis der allgemeinen Beziehungen und Zusammenhänge widmen und können dieses Wissen verfeinern. Die Architektur gibt diesem Wissen um Beziehungen Form. Wir erkennen, dass das Problem mit der Natur tiefer liegt. Frank Lloyd Wright fand hierfür eine schöne Naturmetapher: Radikal heisst an die Wurzel gehen. Das Radieschen erklärt das etymologisch. In diesem Sinne haben wir zu graben begonnen und für das vorliegende Heft Philosophen, Historiker, Geografen und Architekten beauftragt, die Erscheinungen der Natur und die Beziehungen zwischen Natur, Architektur und Mensch zu untersuchen. Diese Hinwendung zum Denken in Zusammenhängen sowie ein prozesshaftes und dynamisches Wesen können als wichtige Eigenschaften eines Naturverständnisses festgehalten werden. Hier lassen sich Widersprüche zu einem rationalistischen Verständnis der Architektur als statisches Produkt erkennen – Spannungen, die sich aus der Verschiebung von Weltbildern ergeben, welche die Philosophie seit Jahrtausenden untersucht hat und deren materialisierte Abbildung sich in der Architektur zeigt. Im vorliegenden Heft finden einige dieser Abbildungen zueinander und formen ein kreatives Milieu, ein geistigvisuelles Habitat, dessen einzelne Elemente aufeinander einwirken sollen. Dass die Architektur bereits einen mannigfaltigen Naturbegriff kultiviert, zeigt die Bild- und Projektsammlung zum Ausklappen in der Heftmitte. Hier wird deutlich, dass nicht allein die Natur als stetig produzierend gedacht werden muss, sondern auch die Architektur. Kunst sei Schaffen «wie Natur», sagte Kant, und in ihr fände sich eine Brücke zwischen Natur und Freiheit. Wie natürlich sollte demnach die Baukunst sein? Die Redaktion

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ARCHITEKTUR AKTUELL

Ein Refugium in der Innenstadt

1 1 Blick von der Strasse auf Wohn­ und Poolkubus 2 Das von Hochhäusern umgebene Quartier nahe der Faria Lima

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WoCHENENdHAUs IN são PAULo voN sPbR/ANGELo bUCCI, são PAULo

Der Ruf der brasilianischen Megametropole als Betonstadt mit permanentem Verkehrs­ kollaps weckt wenig Assoziationen mit Erholung. Trotzdem entschied sich ein älte­ res Paar dazu, sein Wochenendhaus statt auf dem Land in der Innenstadt São Paulos zu bauen. Dieser ungewöhnlichen Bauaufgabe begegneten die damit betrauten Architekten mit einer roh belassenen Freizeitarchitektur, die sie vom Garten, dem Sonnendeck und dem Pool ausgehend entwickelten. Autor: steffen Hägele An Wochenenden verlassen Tausende bewohner são Paulos die stadt, um Erholung von der lärmigen Metropole zu suchen. da die meisten dafür mit dem Auto fahren, kommt es an freitagen und sonntagen zu stundenlangen staus, die weit ins Hinterland reichen. die stadtplanung versucht zwar, innerstädtische Grünräume wie die bewaldeten Hügel im Norden, die verwahrlosten brachen entlang der flüsse sowie die Wasserreservoirs im süden als Erholungsräume vor allem für die vernachlässigte ärmere bevölkerung zu aktivieren und sie zugleich zwischen den weiterwachsenden informellen siedlungen als freiräume zu sichern. Grosse Teile der besser gestellten oberschicht bestehen allerdings auf eigenen Landhäusern – auch um einem gewissen status zu entsprechen. Trotz

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der öffentlichen Projekte entstehen deswegen weiterhin unzählige Anwesen – genannt sítios – im Umland são Paulos sowie beachresorts und

lineares Zentrum dar, das sinnbildlich für são Pau-

Gated Communities mit grossem flächenver-

los verlagerung der Geschäfts- und Zentrumsfunk-

Kochen und Gäste empfangen. die distribution des

brauch an der nahen Küste, obwohl diese städti-

tionen in Richtung stadtauswärts steht.

Programms verläuft dabei vertikal; allerdings nicht

schen satelliten mittlerweile bis zu drei stunden von são Paulo entfernt sind – dafür ohne stau.

kleine Haushälterwohnung sowie einen Raum zum

betrachtet man das Wochenendhaus, fällt es

in einer rigiden stapelung von Räumen, sondern in

durch seine plastische und gleichsam schmale

einer offenen und gleichsam komplexen staffelung.

Ein älteres Paar suchte ebenfalls nach einem

Kubatur zwischen den benachbarten bauten auf,

so wird der Übergang vom introvertierten Garten

Refugium für seine freien stunden, wollte sich da-

obwohl es deren Körnigkeit aufgreift. Leichtfüssig

zuunterst und dem im gleissenden sonnenlicht ex-

bei jedoch von den verkehrsproblemen unabhän-

kragen zwei vielgestaltige volumen zur strasse hin

ponierten sonnendeck mit Pool zuoberst graduell

gig machen. Entgegen aller Trends ergab sich so

aus und verdeutlichen, dass es sich hier nicht um

erlebbar.

der unerwartete, aber umso logischere Entschluss,

ein gewöhnliches Wohnhaus handelt. vielmehr ent-

die differenzierung des Raums geschieht vor-

ein Wochenendhaus in der Innenstadt von são

warfen Angelo bucci und sein Architekturbüro

nehmlich im schnitt. Mit dieser Entwurfshaltung

Paulo für sich bauen zu lassen. statt aufs Land zu

sPbR das Wochenendhaus als Erholungsstruktur.

führt Angelo bucci die Tradition der Escola Paulista

fahren, genügt nun der kurze Weg in ein ruhiges

statt Garten und Pool nachträglich an das Haus

und deren Architekten – beispielsweise vilanova

Wohnquartier wenige Hundert Meter entfernt vom

anzulagern, drehten die Architekten das Programm

Artigas oder Paulo Mendes da Rocha – weiter. be-

boomenden Geschäftsbezirk entlang der faria

um und überhöhten diese meist peripheren Ele-

reits 1991 sorgte bucci als junger Absolvent mit

Lima. diese strassenachse südlich der Avenida

mente, machten sie zum Kern ihres Projekts – er-

seinem unrealisierten Entwurf für den brasiliani-

Paulista als historischem Zentrum stellt ein weiteres

gänzt durch einen minimierten schlafbereich, eine

schen Pavillon der Expo sevilla 1992 für furore, als 19


Die «eigenwüchsigkeit» Der natur Über ein dynamisches Naturverständnis und unser Verhältnis zur Natur Der Architekturdiskurs begegnet der Natur mit Skepsis. Jenseits schöner Landschaften wird die Suche nach dem Wesen der Natur durch die allgemeine Popularität des Begriffs erschwert. Dies wird befördert durch eine Baugeschichte, welche die Baukunst traditionell als statischen Gegenpunkt zu einer Natur begreift, die seit der Antike als etwas in seinem Wesen Dynamisches und Prozesshaftes gedacht wird. Die Architektur spiegelt hier eine allgemeine Tendenz wider: Obwohl wir als leibliche Wesen doch Teil der Natur sind, haben wir uns im Lauf der Geschichte immer mehr als ihr Gegenüber betrachtet. Naturphilosophische Ansätze versuchen diese Kluft immer wieder zu überwinden.

Autor: Norman Sieroka

zurück ins archaische Griechenland. Die klassische Textpas-

Die Architektur vermittelt zwischen Mensch und Natur – und

sage, an der der Begriff der Natur (griechisch phýsis) zum

sie tut dies ganz konkret, indem sie räumlich zwischen uns

ersten Mal in prominenter Weise auftrat, stammt aus Homers

und unsere natürliche Umgebung tritt. Man kann Architek-

Odyssee. Als Odysseus sich auf den Weg macht, seine Ge-

tur somit als die praktische Antwort auf die Frage betrach-

fährten zu retten, die von der Zauberin Kirke in Schweine

ten, wie sich das Verhältnis von Mensch und Natur gestaltet.

verwandelt wurden, begegnet ihm der Götterbote Hermes.

Nun hat diese Frage aber auch eine theoretische Seite, und

Damit Odysseus nicht auch wie diese dem Zauber der Kirke

die Disziplin, die sich auf dieser Ebene um unser Naturver-

anheimfällt, reisst Hermes eine spezielle Pflanze aus dem

ständnis und um das Verhältnis vom Menschen zu seiner

Boden, die als Zaubermittel wirkt und Odysseus schützen

natürlichen Umgebung bemüht, ist die Naturphilosophie.

soll. Im Zuge dieser Handlung weist Hermes Odysseus nun

Oder anders formuliert: Wo die Architektur räumlich ausge-

auf die «Natur» (phýsis) dieser Pflanze hin – und zwar im

dehnte Gebäude schafft, schafft die Philosophie begriffliche.

Sinne ihres Wuchses und ihrer besonderen Gestalt.

Solche Begriffsgebäude sind keineswegs ewig. Sie sind

Etymologisch stammt das Wort phýsis vom Verb phýein

historisch bedingt, unterliegen Zerfallsprozessen, Verschie-

ab, was «wachsen» bedeutet. Die Natur als phýsis meint also

bungen, Neuerungen. Will man sich philosophischen Frage-

tatsächlich den «Wuchs» – oder allgemeiner das, was durch

stellungen – wie eben beispielsweise zur Natur und unserem

sich selbst verursacht und in seiner besonderen Gestalt her-

Verhältnis zu ihr – widmen, so ist es oftmals aufschlussreich,

vorgebracht wird. «Eigenwüchsigkeit» wäre eine zwar un-

die Geschichte der dazu herangezogenen Begriffe zu unter-

gewöhnliche, aber wohl recht treffende Übersetzung. Ganz

suchen. Eine Analogie zur Optik vermag die Methode zu il-

ähnliche Konnotationen von Wachstum schwingen auch in

lustrieren: Begriffsgeschichtliche Betrachtungen verhelfen

unserem Wort «Natur» mit, das dem Lateinischen entlehnt

uns zu einem stereoskopischen Blick und geben unseren

ist. Dort meinte natura ursprünglich die Gebärpforte der

Überlegungen damit eine Tiefenschärfe. Es kommt eine neue

Tiere; das zugrunde liegende Verb nascere bedeutet «gebo-

Dimension hinzu, indem wir etwas nicht nur aus der heuti-

ren werden».

gen, sondern auch aus einer früheren Perspektive betrachten.

Aus heutiger Sicht fallen die biologischen Konnotationen des antiken Naturbegriffs auf. Von «Wuchs» und «Wachs-

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Wurzeln des Naturbegriffs

tum» sprechen wir heute im Allgemeinen bei Pflanzen und

Woher stammt also unser Begriff «Natur», und wie hat er

Lebewesen. Im Kontext von Chemie und Physik wird

sich entwickelt? Die Ursprünge des abendländischen Natur-

«Wachstum» zwar noch im Bezug auf Kristalle verwendet,

begriffs oder, wie man im Vorgriff auf das Folgende termino-

aber nicht, wenn es beispielsweise um den Aufbau von Ato-

logisch treffender sagen könnte, seine «Wurzeln» – reichen

men oder Anziehungen zwischen elektrischen Ladungen


Die OdysseeFresken im Grossherzoglichen Museum zu Weimar (Abb.: Š Deutsches Historisches Museum, Berlin)

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erweiterung Der architektur Gefalteter Raum, bewohnte Landschaft Die Aufhebung der Grenze zwischen innen und aussen sowie die Frage nach einer «Wohnlandschaft» standen schon Mitte des letzten Jahrhunderts auf der Agenda einiger Architekten. Die Bauten des Scharoun-Schülers Chen Kuen Lee versinnbildlichen auf ideale Weise die Verschmelzung zwischen Natur- und Lebensraum und stehen in der Tradition des organischen Bauens.

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Autor: Eduard Kögel

Schüler Chen Kuen Lee mit dem Landschaftsarchitekten

Eine enge Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Dis-

Hermann Mattern konzipierte, wird ein praktisches Ergeb-

ziplinen verändert manchmal sowohl die Auffassung des

nis der zuvor gespannten Diskurslinien dargestellt.

Raumes wie die des Bauwerks. Die hier dargestellte Genese

Von Hans Scharouns Vorkriegsbauten sticht das 1933 fer-

einer organischen Architektur in der Auslegung von Hugo

tiggestellte Landhaus Schminke im sächsischen Löbau als

Häring und Hans Scharoun zeigt jedoch auch, dass widrige

«Dampfschiff der Moderne» hervor. Es hat alle Attribute, die

Umstände während des Nationalsozialismus wesentlich zu

für eine ikonografisch wirksame Promotion der modernen

einer neuen Auffassung von «Architekturlandschaft» beige-

Doktrin erforderlich schienen: linearer Grundriss, flaches

tragen haben. In den Fünfzigerjahren entwickelten ihre

Dach und Transparenz bestimmen das Bauwerk. Bei diesem

Schüler diese Haltung weiter. Am Beispiel von Wohnhaus

Projekt lernte Scharoun die Landschaftsarchitektin Herta

und Garten Straub senior von 1956/1957, das der Scharoun-

Hammerbacher und ihren Ehemann Hermann Mattern ken-

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nen, für die er anschliessend ein kleines Wohnhaus realisie-

Person als Bauingenieur beschrieben wird. Aus dieser Zu-

ren konnte, das ebenfalls noch keine Konzessionen an die

sammenkunft entwickelte sich eine lose Folge von Treffen,

ideologisch begründete Formvorgabe des Satteldaches unter

von denen bis Mitte 1942 neun Protokolle erhalten blieben,

Dadurch

die einerseits Aufschluss über die Diskurse in der Gruppe

lernte Scharoun den Bornimer Kreis kennen, der sich um den

geben und anderseits die anwesenden Personen listen. 5

Staudengärtner Karl Foerster gebildet hatte. Foerster, Ham-

Während Lee und Häring an jedem Treffen teilnahmen,

merbacher und Mattern betrieben seit 1928 zusammen eine

kamen Hans Scharoun und Härings amerikanischer Assis-

Gartenbaufirma, die sich um eine Reform der Gartengestal-

tent, John Scott, ab Mitte November 1941 zu mindestens fünf

tung bemühte und deren Ideen bei Scharoun auf fruchtbaren

Zusammenkünften an der privaten Schule Kunst und Werk.

Boden fielen.

Zusätzlich verfasste Häring eine Denkschrift zur Gründung

der nationalsozialistischen Herrschaft zeigte.

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Die Satteldachvorgabe der nationalsozialistischen Behör-

eines chinesischen Werkbundes (2. Dezember 1941) und die

den führte Mitte der Dreissigerjahre bei Scharoun zu einer

undatierte Beschreibung der Stadt des CHIWEB (Abkürzung

Haltung, aus der zum Beispiel das Haus Baensch (1934/1935)

für Chinesischer Werkbund). Ein Reihe von Studien aus Hä-

und das Haus Mohrmann (1938) in Berlin hervorgingen, bei

rings Nachlass legen nahe, dass sie in diesem Kontext für ein

denen sich die biederen Strassenseiten gravierend von den

imaginiertes China entstanden und gleichzeitig dazu dien-

Gartenseiten unterscheiden. In beiden Fällen löst sich der

ten, die eigene Haltung unter nationalsozialistischem Druck

Grundriss des Hauses zum Garten hin auf, den jeweils die

mit exotischen Vorzeichen neu zu deuten.6 Nicht zuletzt re-

Gestaltung von Hermann Mattern prägte. Eine ganz beson-

feriert der erst 1947 veröffentlichte programmatische Text

ders schwierige Auseinandersetzung folgte für Scharoun

«Gespräch mit chen kuan li über einige dachprofile» über die

beim Haus für den Kunstsammler Ferdinand Möller

Anfang der Vierzigerjahre geführten Diskurse. Darin schrieb

(1937/1939) am brandenburgischen Zermützelsee – an einer

er: «Das ist das ganze haus: ein dach – alles andere ist nach-

1 Wohnlandschaft im Haus Straub, Knittlingen, 1956–57, Stahltreppe von Günter Ssymmank (Foto 1, 10+11: Archiv Eduard Kögel) 2+3 Haus Scharf, Oberstdorf, 1954, Gartengestaltung von Hermann Mattern (Foto 2–4: © Ernst Deyhle, Archiv Eduard Kögel)

Stelle, die durch den Bezug zur Landschaft in besonderem Mass das Augenmerk der nationalsozialistischen Behörden auf sich zog. 3 Genau in diesem Moment trat der junge Chinese Chen Kuen Lee 4 als Absolvent in das Büro von Scharoun ein und erfuhr so am Entwurfsprozess die Suche nach einer für alle Beteiligten vertretbaren Lösung. Auch hier wirkte Hermann Mattern als Landschaftsarchitekt, und im Resultat fand Scharoun eine unter politischen Vorgaben erzwungene Zwittergestalt, dessen Schauseite eine Lochfassade zeigt, während sich die Fassade zum See unter der verzogenen Form des Satteldaches aus der Topografie begründen lässt. Die Öffnung der Dachfläche mit einer asymmetrisch gesetzten Kreissegmentgaube erlaubt die Beziehung zur Landschaft aus dem zweigeschossig offenen Galeriegeschoss des Wohnraums. Chen Kuen Lee arbeitete bis 1943 im Büro von Scharoun und erlernte dort in vielen Diskursen den Umgang mit den nationalsozialistischen Vorgaben.

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Offensichtlich wollte man sich in diesen Auseinandersetzungen jedoch nicht von den braunen Ideologien treiben lassen und suchte nach eigenen Handlungsspielräumen, die sich mit selbstgewählten theoretischen Modellen untermauern liessen. Die chinesische Herkunft von Lee befruchtete für Scharoun – und offensichtlich noch mehr für seinen Kollegen Hugo Häring – die intensive Suche nach einer originellen Begründung für geneigte Dachformen und sich auflösende Grundrisse, die mit einer neuen Bedeutungsebene unterlegt werden mussten. Von der chinesischen Dachlandschaft zur Dächerei Hugo Häring traf sich Mitte Oktober 1941 mit drei jungen Chinesen in Berlin. Chen Kuen Lee und John Woo (auch Woo Shaoling) hatten Architektur studiert, während eine weitere

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Back tO nature? New Tendencies in Nordic Architecture The architecture of Scandinavia became famous for a different, individual interpretation of modernism, advocated by Alvar Aalto or Sverre Fehn. Nowadays, the aspect of nature as a theme in contemporary architecture plays an important role in the work of a group of young Nordic architects. But how has the relationship between human beings, nature and architecture evolved throughout these generations?

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Author: Eeva-Liisa Pelkonen

previous generations; nature is no longer taken for granted

In the 2013 Venice Art Biennale, Finland exhibited works of

as something easy to understand, react to, or even to classify,

two artists in two locations: Terike Haapoja at the Nordic

but rather seen as a deep epistemological problem that forces

Pavilion, designed by Sverre Fehn, and Antti Laitinen at the

us to question everything we know about ourselves and the

Finland Pavilion, designed by Alvar Aalto. A photograph by

external world. Haapoja and Laitinen framed the man-nature

Laitinen captured the essence of the shared theme “Fallen

relationship, which lies at the heart of this new paradigm, in

Trees”: a perfect square, clear-cut in the middle of thick

different, yet equally puzzling light; Laitinen by depicting

spruce forest, exposing the black soil underneath. One is left

often humorous, even absurd, encounters and battles with

wondering about the status of this new nature: is it an im-

the natural world – a man digging a perfectly aligned path

moral act or a source of a new kind of nature and a new kind

in metres-deep snow, for example, reminiscent of Werner

of beauty?

Herzog’s movies, and Haapoja, in her laboratory-like setting,

The two installations make clear that the generation of

by treating nature as a sovereign agent, by for example hav-

artists born in the 1970s thinks differently about nature than

ing the trees speak to each other. One is left wondering about


1 Antti Laitinen: Forest Square II, Venice Art Biennale 2013 (Photos 1+2: Antti Laitinen) 2 Antti Laitinen: Attempt to Split the Sea, 2006 3 The Naked Garden, Bolzano, Italy, 2008, architects: Helen & Hard (Photo: Helen & Hard)

the community of animals now dead. In both their works human beings are defined as just one among many other species. Fehn’s pavilion with trees growing through the pavilion’s roof provided a poetic setting for Haapoja’s questioning of human agency over nature. Tree Greens: Bjarke Ingels Group, avanto architects and Helen & Hard Nature is also a dominant theme in the works of contemporary Nordic architects. Yet, also their understanding of nature has moved far beyond the images of fjords and forests that tourists flock to see. To be sure, the Nordic region is hardly an abode of pure nature any longer. Thinking of densely populated Denmark, where it is hard to find a corner of the country without signs of human habitation, and even in the more bucolic northern corners of the Nordic countries, nature-culture hybrids dominate. In fact, all Nordic countries have a long history of harvesting nature for economic benefits: wood in the case of Finland, commercial fishing in Iceland, oil in the case of Norway, wind energy and industrial-scale agriculture in Denmark, mining in Sweden. Furthermore, countries in the region have recently used technology and engineering to counter their geographic and climatic limitations: Sweden changed its geographic focus to the south by building one of the world’s longest bridges that now physically connects the country to continental Europe, while

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Finnish cafés now provide ultraviolet light to counter the Nordic gloom. For the new generation of Nordic architects, who have grown up in a world defined by clear cutting, windmills and oil drilling platforms, nature has gained new meaning. The examples of three firms – BIG from Copenhagen, avanto architects from Finland, and Helen & Hard from Norway – illustrate this point. In the work of BIG, founded by Bjarke Ingels, the path to nature leads through the lens of a nature-culture hybrid. A mission statement on the firm’s website claims “the freedom to change the surface of the planet to better fit the contemporary life forms”. An apartment building called Mountain Dwellings outside Copenhagen exemplifies this approach by opposing the flat landscape with a building that simulates a hillside location – a concept that is amplified by a photomural of the Himalayas. BIG’s buildings both look and work like nature – the mountain-apartment concept has since then been scaled up to transform a whole island off the coast of the capital of Azerbaijan from an arid desert into a lush new

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Die natur als haustier Über das Naturverständnis junger Architekten in Japan Die traditionelle Raumauffassung in Japan ist untrennbar mit der Natur verbunden. In Primitive Future erneuerte Sou Fujimoto dieses radikale Verhältnis für die zeitgenössische Architektur mit einfachen Begriffen wie Wald, Baum und Wachstum. Über diesen schematisch-metaphorischen Zugang hinaus findet in der jungen Architektengeneration Japans eine differenzierte Auseinandersetzung mit Naturthemen statt. Das Natürliche wird in die Lebensumgebung der Menschen reintegriert.

Natur und die damit verbundene Symbolik, was das Unterscheidungsmerkmal der jeweiligen Schreine ausmacht. Die Architektur ist ein Teil dieser Natur und damit des unendlichen Raums; sie wird gleichsam von ihm durchdrungen. Alles steht zueinander in einem sich bedingenden Verhältnis. Mit Blick auf die zeitgenössische japanische Stadt zeigt sich das traditionelle Raumkonzept als relativiert. Schreine liegen wie Inseln in die japanischen Städte eingestreut und zeugen als Relikt vom Einklang mit der Natur. Der weitaus grössere Teil des gebauten Häusermeers bricht mit dem Konzept des unendlichen Raums – auf die Spitze getrieben von

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fensterlosen Appartements für überarbeitete Stadtnomaden Autoren: Steffen Hägele und Tina Küng

inmitten der ausufernden Stadt. In diesem Kontext ist die

Das Standardfoto vom Haus mit Garten zeigt in der westli-

facettenreiche Hinwendung junger japanischer Architekten

chen Welt stets eine Ansicht von aussen. Eine japanische

zu Themen und Raumkonzepten aus der Natur zu verstehen:

Aufnahme zum gleichen Sujet ist hingegen von innen nach

als Fortsetzung einer Tradition des Natürlichen und gleich-

aussen fotografiert; das Haus existiert nur als Vordergrund,

sam als Kritik an der (über-)entwickelten, modernen Stadt

der sich schrittweise zum Garten hin öffnet. Dazwischen

mit ihren Problemen wie Vereinzelung, Bezugsverlust und

staffeln sich gestaltete Elemente wie papierne Schiebetüren,

Mangel an Naturerfahrung.

Stützenreihen, mitunter eine Veranda, und der Garten nimmt schliesslich die Bildmitte ein. Hier ist die Grenze zwischen

Die Genealogie japanischer Architekten

innen und aussen, zwischen Haus und Garten graduell; sie

Innerhalb dieser Renaissance des architektonischen Natur-

ist weniger scharf als in der Baukunst des Abendlandes, und

bezugs lassen sich zwei sehr unterschiedliche Richtungen

die Sphären stehen in einer intensiven Beziehung zueinan-

ausmachen, die sich mit markanten Entwicklungslinien ja-

der. Mit der Öffnung kommt das Äussere nach innen, die Natur wird in den Wohnraum miteinbezogen. Der unendliche Raum Die räumliche Durchlässigkeit der japanischen Architekturkultur manifestiert sich auch in der japanischen Schrift beziehungsweise deren chinesischen Zeichen. Wörter aus der Wortfamilie «Haus» werden durch das Zeichnen eines auskragenden Daches im Querschnitt dargestellt. Am Pendant der ägyptischen Hieroglyphe könnte man den Ursprung des westlichen, geschlosseneren Verständnisses erkennen: Einem leeren Gefäss ähnlich, umschliesst eine Wand das Haus und besitzt damit eine deutliche Abgrenzung von seiner Umgebung. Was sich selbst in der Schrift abzeichnet, manifestiert sich insbesondere in der Anlage traditioneller Tempelanlagen und Schreine des Shintoismus. Die Anlagen beziehen ganze Wälder, Berge, das Meer oder Wasserfälle in ihre spirituelle Realität mit ein. Mehr noch ist es dieser Bezug zur 54

archithese 6.2013

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panischer Architekten aus dem 20. Jahrhundert decken. Im

Shinohara verzichtete beim Tanikawa House von 1972 bei-

Unterschied zum Okzident bejahen sie mehrheitlich eine sol-

spielsweise auf einen künstlichen Boden und liess den Na-

che direkte Ahnenfolge: Nicht durch Abgrenzung, sondern

turboden des umgebenden Waldes durch das Gebäudeinnere

aus der Tradition des Meisters heraus entwickeln sich die

laufen – betonte somit das Haus als einen Teil des universel-

jeweiligen Stossrichtungen.

len Raums. Im selben Geist stellte Go Hasegawa jüngst das

Verallgemeinert stehen auf der einen Seite Architekten

Wochenendhaus Pilotis in a Forest auf filigrane Pfeiler – und

wie Atelier Bow-Wow, Go Hasegawa oder Terunobu Fuji-

hob damit den Wohnraum zwischen die Baumkronen. Der

mori, die aus dem Dunstkreis von Kazuo Shinohara und sei-

angehobene Wohnraum und der darunterliegende, gedeckte

nem Schüler Kazunari Sakamoto hervorgingen – die «Roten»,

Aussenbereich stehen im direkten Bezug zum Wald als über-

wie Fujimori sie bezeichnet. Auf der anderen Seite reihen

geordnetem Raum. Hasegawa führt die Natureinflüsse wie-

sich die Architekten Toyo Ito, Kazuyo Sejima und Ryue Nishi-

derum bis ins Gebäudeinnere: Das Erdgeschoss ist dem Bo-

zawa (zusammen SANAA), Junya Ishigami sowie Tetsuo

den, der Erde zugeordnet, der zweite Stock dem Himmel – in

Kondo in eine zweite Entwicklungslinie – als die «Weissen»,

Analogie zum idealen zweigeschossigen Wohnhaus. Durch

die Abstrakten. Beide Sphären sind in der Realität keines-

die wechselnden Stimmungen in Material und Licht re-inte-

falls trennscharf, sondern überschneiden und beeinflussen

griert Go Hasegawa so den verloren gegangenen Bezug zur

sich – erweitert um unzählige, hier unerwähnt bleibende

Umwelt ins Gebäudeinnere – ohne dabei die Natur selbst

Architekten. Für einen ersten Zugang hilft diese Klassifizie-

«mitzuentwerfen».

rung jedoch, eine Architektur des Hauses als Behausung auf

Terunobu Fujimori hingegen, der – bevor er mit 43 Jahren

der einen und eine abstrakte entmaterialisierte Architektur

sein Erstlingswerk vollendete – sich bereits als Architektur-

auf der anderen Seite festzuhalten.

theoretiker einen Namen gemacht hatte, entwickelt aus seiner düsteren Absage an die zeitgenössische Stadt eine

Natürliche Einflüsse, natürliche Materialien

fröhlich-folkloristische Architektursprache, in welcher er

In der Tradition von Kazuo Shinohara versuchen Architekten

vornehmlich im ländlichen Kontext baut. In Abgrenzung zu

wie Go Hasegawa oder Atelier Bow-Wow innerhalb existie-

den harten, künstlichen Materialien der Stadt bekleidet

render Elemente eines Hauses – Boden, Dach, Fenster, Licht,

Fujimori die notwendige moderne Technik bei seinen Bauten

Öffnung, Wand – der physischen Abschottung in der generi-

mit natürlichen und archaischen Werkstoffen. Augenzwin-

schen Architektur entgegenzutreten und natürliche Ein-

kernd lässt er Löwenzahnblüten in unzählige Töpfe über die

flüsse erfahrbar zu machen.

eigentliche Dachhaut aus Blech pflanzen, verkohlt von Hand

1 Ägyptische Hieroglyphe für Haus und Eingang, chinesische Hieroglyphe für Haus und diverse Gebäude. Die japanische Schrift hat diese Zeichen übernommen (Abb. aus: «Japan: Climate, Space, and Concept», in: process: Architecture, Nr. 25, Tokyo 1981, S. 26) 2 Terunobu Fujimori, Teehaus Tetsu, 2005: «I dressed science and technology in nature» (Abb. aus: Fujimori Terunobu, Fujimori Terunobu architecture, Tokyo 2007, S. 105) 3 Go Hasegawa, Pilotis in a Forest, 2010 (Foto aus: Go Hasegawa, Works, Tokyo 2012, S. 103)

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