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( Un- ) zeitgemäss Für welche Gesellschaft und Arbeitswelten bauen wir ?

( Gegen ) die Norm Elke Delugan-Meissl und Sascha Roesler stellen Baugesetze infrage.

( Un- ) konventionell Der Einfluss von Developern, Käufern Mietern, Architekten und Politikern

( Mehr als ) Standard Gus Wüstemann, Patrick Schmid, Nils Buschmann und Stefan F. Höglmaier auf der Suche nach spezifischen ­Gestaltungen

Wohnungsbau

JUN – AUG 2.2018 CHF 28.– |  EUR  24.–


Wohnungsbau JUN – AUG  2.2018

3 Editorial 8 Normen tragen keine Schuld. Eine Kritik über Svizzera 240, den Schweizer Beitrag zur 16. Architekturbiennale von Venedig Wilfried Wang 20 Spezifisch, doch offen

für Aneignung Patrick Schmid und Gus Wüstemann sprechen über Defizite und Potenziale im zeitgenössischen Wohnungsbau. Jørg Himmelreich 32 Diversität statt Uniformität Ein Plädoyer für neue Wohnformen in der Schweiz Marie Glaser / Andrea Hagn

40 Mehr als der Standard Nils Buschmann (Robertneun Architekten) und Stefan F. Höglmaier (Euroboden) über Vielfalt und Charakter im Wohnungsbau Elias Baumgarten 54 Jenseits von innen und aussen Die Stadt als thermischer Innenraum der Gesellschaft Sascha Roesler 66 Gesellige Individualisten Sechs Thesen zur künftigen Entwicklung des Wohnens Stefan Breit

76 Standards hinterfragen,

Mehrwerte generieren Elke Delugan-Meissl argumentiert für einen Aufbruch im Wiener Wohnungsbau. Jørg Himmelreich 86 Émile Durkheim im Teegarten Von der Schönheit sozialer Normen Axel Sowa

Rubriken 94 Premium Brands Online 95 Neues aus der Industrie 96 Vorschau und Impressum

Coverbild basierend auf einem Foto von Arunà Canevascini; Demuth Hagenmüller Lamprecht Architekten, Umbau eines Gewerbehauses zu Wohnungen, Zürich, 2017


archithese 2.2018

Editorial Wohnungsbau

Viele europäische Grossstädte wachsen. Urbanes Typologien und Grundrisse, die hunderttausend­ Wohnen erlebt – einmal mehr – eine Renaissance. Die fach reproduziert werden, überhaupt noch den Be­ aktuelle Ausgabe der archi­these nimmt daher exemp­ dürfnissen einer sich diversifizierenden Gesell­ larisch den Wohnungsbau in der Schweiz, Deutschland schaft ? Um dies zu klären, muss man einen Schritt zurück machen – weg von der Architektur und hin und Österreich unter die Lupe. Dass es viele Menschen ( zurück ) in die Städte zur Untersuchung der Lebens- und Arbeitsrealitä­ zieht, mag auf den ersten Blick positiv erscheinen, geht ten der 2010er-­Jahre: Was wollen die Menschen ? Die damit doch jene Verdichtung einher, die Experten aus Zahl der Alleinlebenden und der Patchwork-Fami­ ökologischen Gründen seit vielen Jahren fordern. lien nimmt stetig zu. Auch eine Rückverlagerung Auch die Bauwirtschaft profitiert von der guten Auf­ gewerblicher Tätigkeiten in die Wohnungen findet tragslage, doch kommt sie mit dem Erstellen der ge­ statt. Und dabei stehen uns die grössten Verwerfun­ wünschten Menge neuer Wohnungen kaum hinterher. gen erst noch bevor: Zukunftsforscher erwarten mit Es harzt vor allem beim verfügbaren Land: Häufig wer­ Hinblick auf die Industrialisierung 4.0 und den den unbebaute Grundstücke in den Städten als Wert­ wachsenden Einsatz von AI dramatische Verändeanlagen gehortet, denn in Zeiten von Negativzinsen rungen in den Beschäftigungs- und Einkommens­ lassen sich so lukrative Renditen erzielen. Die Boden­ strukturen. Wie wollen oder müssen wir arbeiten preise steigen in der Folge weiter rasant an und damit und wohnen, wenn das Zeitalter der Vollbeschäfti­ auch Mieten und Kaufpreise. Klagen werden laut, dass gung sich dem Ende zuneigt ? Ist Architektur gar sich die Mittelschicht das Wohnen in den Städten bald fähig, wirtschaftliche und soziale Veränderungen nicht mehr wird leisten können. Was kann oder muss zu moderieren, Probleme abzufedern oder die Ent­ die Politik tun? Könnten Baugruppen und Genossen­ wicklungen im Positiven mitzugestalten ? schaften eine Alternative sein – mehr als bisher ? Die Redaktion stellt mit diesem Heft aber Falls keine Ideen zum Gegensteuern entwickelt nicht nur Fragen, sondern bezieht auch Position. werden, bleibt nur die Debatte um eine Verkleinerung Bereits mit den Heften Neues Feingefühl, Bri-Collagen der Wohnflächen und die Senkung der Konstruktions­ und Ruinen haben wir nach dem Spezifischen in der kosten, um die Preise von Wohnungen stabil zu halten Architektur gefragt. Auch diese Ausgabe hat im oder im Idealfall zu senken. Möglichst «günstig» zu Hinblick auf den Wohnungsbau einen vergleichba­ bauen, scheint derzeit die einzige Direktive. Wenn ren Bias: Bei allen Debatten um Kostensenkung und dies aber zu noch «eigenschaftsloseren» Gestaltungen Reduktion wollen wir nicht vergessen, dass Archi­ führt, verschärfen sich bestehende architektonische tektur inspirieren, dass sie Charakter haben und – Defizite. Bereits jetzt sind die zeitgenössischen Inte­ auch wenn dieser Begriff derzeit wieder hitzig dis­ rieurs generisch, glatt, schlicht, weiss – kurzum: zu­ kutiert wird – Identität vermitteln soll. meist langweilig und austauschbar. Wo genau könnte Wie schon zuvor spielen wir auch diesmal das also überhaupt gespart werden? Sollten Standards Heftthema mit einer kontext-Veranstaltung weiter: zurückgefahren werden? Gehören Normen und Geset­ Diskutieren Sie mit uns beim Symposium ( gegen ) ze, beispielsweise im Schall- und Brandschutz, bei der die Norm, das am 21. Juni 2018 im Auditorium der Barrierefreiheit und den Zonenplänen, auf den Prüf­ Swiss Re am Mythenquai 50/ 60 in Zürich stattfin­ stand ? « Weniger kann mehr sein » ist aktuell häufig zu det, über den Wohnungsbau. Karten und Informa­ hören. Aber zugleich will niemand auf Wohn­komfort tionen finden Sie wie immer auf archithese.ch. Sei­ verzichten. Das rückt Sharing-­Kon­zepte in den Fokus. en Sie dabei! Doch Halt! Müsste nicht generell zuerst eine breite Debatte geführt werden darüber, was zeitge­ Jørg Himmelreich mässes urbanes Wohnen überhaupt ist ? Entsprechen Chefredaktor archithese die etablierten – teils über 50 Jahre alten – Modelle,

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archithese kontext 21. Juni 2018 17.00–19.30 Uhr Swiss Re Next-Auditorium Mythenquai 50/60 Zürich

Wohnungsbau-Symposium

(gegen) die Norm Neue Lebens- und Arbeitsmodelle verändern unsere Anforderungen an das Wohnen. Der soziokulturelle Wandel bringt neue Fragen mit sich, auf die es architektonische Antworten zu finden gilt : Sollen Mietern und Käufern mehr Flexibilität, Individualität und Identität geboten werden ? Wie lassen sich neue Formen der Gemeinschaft stimulieren ? Müssen und können Developer, Bauträger und Architekten der ästhetischen und gesetzlichen Normierung im Wohnbau gestalterische Alternativen entgegenhalten ? Marie Glaser, ETH Wohnforum, Zürich Tanja Herdt, ETH Wohnforum, Zürich Stefan F. Höglmaier, Euroboden, München Alice Hollenstein, Urban Psychology, Zürich Jeannette Kuo, Karamuk*Kuo Architekten, Zürich Elli Mosayebi, Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten, Zürich Das Symposium besteht aus sechs Inputreferaten gefolgt von einer Podiumsdiskussion, moderiert von archithese-Chefredaktor Jørg Himmelreich.

Die Tickets kosten CHF 50. Alle Infos gibt es auf archithese.ch. Abonnenten und Studierende können sich unter redaktion@archithese.ch Freikarten sichern.


archithese 2.2018

Housing Many large European cities are growing. Urban living is – once again – experiencing a renaissance. The current issue of archithese examines housing production by looking at examples in Switzerland, Germany and Austria. The fact that many people are moving ( back ) into the cities may at first glance seem positive, as this is accompanied by densification that, for ecological reasons, experts have been demanding for many years. The building sector is also pleased with the great many orders on the books, but its completion rates cannot keep pace with the desired amount of new dwellings. Critically, land suitable for building is in short supply: undeveloped lots in cities are often hoarded as valuable investments, because they can still yield lucrative returns in these times of negative interest rates. As a result, land prices are continuing to rise rapidly, and thus rents and purchase prices are getting higher and higher. Complaints are increasing that the middle class can (soon) no longer afford to live in our cities. What can or must our politicians do? Might self-build groups and cooperatives now be an alternative ( more than before ) ? If no ideas for countermeasures are developed, what remains – in order to stabilize housing prices, or ideally to lower them – is only the debate on downsizing people’s living space and reducing construction costs. At present, the only directive seems to be to build as cheaply as possible. But if this leads to creations with even less character, existing architectural shortcomings will be exacerbated. Contemporary interiors are already generic, smooth, simple, white – in short: mostly boring and interchangeable. So where exactly might savings be made? Should standards be cut back? Must laws – like those pertaining to noise protection and fire safety, barrier-free accessibility or zoning, for instance – be subjected to scrutiny? But no one wants to forgo living comfort. That puts the focus on concepts of sharing. But wait! Shouldn’t the first step in general be to engage in a broad debate about what contemporary urban living even is? Do the established models, typologies and layouts – some of them well over 50 years old – that are reproduced hundreds of thousands of times even still meet the needs of a diversifying society ? In order to clarify this question, we must take a step backward – away from architecture and toward examining the realities of living and working in the 2010s: What do people want ? The number of patchwork families and persons living alone is steadily increasing. Commercial activities are also being relocated into people’s homes. And the biggest dislocations are yet to come: in view of the growing implementation of Industry 4.0 and the increasing use of AI, futurologists expect dramatic changes in employment and income structures. How do we want to ( or have to ) work and live as the age of full employment nears an end? Is architecture even capable of moderating economic and social changes, of mitigating problems or of helping to exert a positive influence on developments ? With this issue, though, the editors not only ask questions but also take a stance. With the issues Neues Feingefühl, Bri-Collagen and Ruinen, we have already inquired into the specifics of architecture. This issue also has a similar bias with regard to housing. Because in the face of all the debates about cost reduction and simplification, we do not want to forget that ­architecture should inspire, have character and – even though this term is hotly discussed at present – communicate identity. Again we explore the theme of this issue further with a k­ ontext-event: Join us to discuss housing at the symposium ( gegen ) die Norm, which takes place on June 21, 2018, in the Swiss Re auditorium at Mythenquai 50/60 in Zurich. Additional information are available as always at archithese.ch. Be there! Jørg Himmelreich Editor-in-chief of archithese

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Construction de logements Bien des grandes villes européennes sont en pleine croissance. L’habitat en milieu urbain connait une fois de plus une renaissance. Le présent numéro d’archithese examine à titre d’exemple la construction de logements en Suisse, en Allemagne et en Autriche. Que bien des personnes se sentent attirées par la ville ou y retournent semble de prime abord positif, puisque ce phénomène induit une densification que les experts appellent de leurs vœux depuis de nombreuses années pour des raisons écologiques. L’industrie du bâtiment se réjouit également des nombreux contrats mais peine à suivre pour réaliser le nombre de logements souhaité. C’est avant tout la disponibilité du terrain à bâtir qui pose problème. En ville, les parcelles non bâties sont souvent gardées en réserve, ce qui promet un rendement lucratif en période de taux d’intérêts négatifs. Ainsi, les prix des terrains continuent d’augmenter de manière fulgurante, conduisant à des loyers et à des prix de vente de plus en plus hauts. Des plaintes se font entendre, comme quoi la classe moyenne ne pourra ( bientôt ) plus se payer l’habitat en ville. Que peut ou doit entreprendre le monde politique ? Des consortiums de construction ou des coopératives d’habitation constituent-ils, plus que par le passé, une alternative ? Si de nouvelles idées ne sont pas développées pour contrer cette tendance, il ne restera que le débat sur la réduction de la surface habitable et la diminution des coûts de construction pour maintenir stable le prix des appartements ou pour le baisser dans le meilleur des cas. Construire au meilleur prix semble être actuellement le seul impératif. Si cela conduit à des réalisations aux qualités moindres, les déficits architecturaux actuels s’en trouveront aggravés. Les intérieurs contemporains sont déjà génériques, lisses, sobres, blancs, en un mot ennuyeux et interchangeables. Le cas échéant, où serait-il précisément encore possible d’économiser ? Devrions-­ nous remettre certains standards en question en vue de leur réduction ? ­Devrions-nous mettre sur la sellette les plans de zones, les normes et les lois, par exemple celles concernant la protection contre le bruit, la protection incendie, les barrières architecturales ? De nos jours, il est souvent question de « moins est plus » et pourtant personne ne voudrait renoncer à son confort. Ceci met en avant des concepts de partage. Mais attention ! Ne devrait-on pas préalablement mener un large débat sur ce qu’est l’habitat contemporain en milieu urbain ? Les modèles, les typologies et les plans en partie vieux de plus de cinquante ans et reproduits à l’infini correspondent-ils encore aux besoins d’une société qui se diversifie ? Afin d’élucider la question, il convient d’effectuer un pas en arrière, en s’éloignant de l’architecture, au profit d’enquêtes concernant les conditions de vie et de travail de la dernière décennie. Quels sont les désirs des personnes ? Le nombre de celles vivant seules et le nombre de familles recomposées augmentent continuellement. Une relocalisation d’activités artisanales dans les logements a également cours. Les plus grands chamboulements sont à venir : des prévisionnistes s’attendent à des changements dramatiques des structures d’occupation et de revenu en lien avec l’industrialisation 4.0 et l’intervention croissante de l’intelligence artificielle. Comment devons-nous travailler et habiter alors que l’ère du plein-emploi touche à sa fin ? L’architecture est-elle capable d’incarner les changements sociaux et économiques, d’amortir des problèmes ou de prendre part positivement au développement ? La rédaction ne fait pas que poser des questions mais elle prend aussi position. Ce que l’architecture a de spécifique a déjà fait l’objet des numéros Neues Feingefühl, Bri-Collages et Ruinen. Ce numéro poursuit le même but pour ce qui est de la construction de logements. A force de débattre de diminution de coûts et de réductions en tout genre, nous ne voulons pas oublier que l’architecture doit être source d’inspiration, qu’elle doit avoir du caractère et même si cette notion est à nouveau débattue avec ardeur, qu’elle doit transmettre une identité. Comme nous l’avons déjà fait à plusieurs reprises, nous prolongeons le thème du numéro par un kontext événement. Discutez avec nous de la construction de logements lors du symposium qui se déroulera le 21 juin 2018 à l’auditorium de Swiss Re, Mythenquai 50/60 à Zurich. Les billets et les ­informations se trouvent comme d’habitude sur notre site archithese.ch. Soyez de la partie ! Jørg Himmelreich Rédacteur en chef archithese


Alessandro Bosshard / Li Tavor / Matthew van der Ploeg / Ani Vihervaara, Svizzera 240. House Tour, Beitrag der Schweiz zur 16. Architektur­ biennale von Venedig, 2018 (Modellfotos : Milena Buchwalder )

Normen tragen keine Schuld. Über den Beitrag der Schweiz zur 16. Architekturbiennale von Venedig Die Kuratoren des diesjährigen Beitrags der Schweiz zur Architekturbiennale in Venedig behaupten, dass der zeitgenössische Wohnungsbau in der Eidgenossenschaft – allem voran aufgrund der durchgängigen Anwendung der Mindestraumhöhe von 2,40 Metern – konzeptionell und gestalterisch verarmt sei. Diese Kritik an zu neutralen Wohnungsinterieurs könnte spannend und fruchtbar sein. Doch stimuliert Svizzera 240 bedauerlicherweise keine Debatte, da die Lebensrealitäten und -bedürfnisse der Bewohner nicht hinterfragt werden und die Suche nach möglichen Alternativen ausbleibt. Autor : Wilfried Wang


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Die Kuratoren Li Tavor, Alessandro Bosshard und Matthew van der Ploeg haben in einer Präsentation zu Svizzera 240 im S AM in Basel die gesetzliche Mindesthöhe für Wohnräume dafür verantwortlich gemacht, dass der aktuelle Schweizer Wohnungsbau eintönig sei. Die drei sehen den Gestaltungsspielraum aufgrund von gesetzlichen Bestimmungen, ökonomischen Mechanismen und kulturellen Konventionen als gering an. Zugleich unterstellen sie den Gestaltern, nur wenige Anstrengungen zu unternehmen, sich dieser einengenden Parameter zu entledigen beziehungsweise darin grössere Spielräume auszuloten.1 Diese These soll durch eine Sammlung von Innenaufnahmen unmöblierter Wohnungen bekräftigt werden, welche von den Homepages verschiedener Architekturbüros stammen. Für das Biennale-Team zeugen die leeren Räume von der Sehnsucht der Gestalter, Wohnräume als minimalistische Kunstwerke in Erscheinung treten zu lassen. Im Schweizer Pavillon ist eine labyrinthische Raumfolge aus Zimmer, Türen und Durchgänge in verschiedenen Massstäben zu sehen. Für diesen «Irrgarten» war keine reale Wohnung Vorbild. Die Absicht dahinter ist es, den Betrachtern

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mittels realer und falscher Perspektiven den Eindruck zu vermitteln, durch die Fotosammlung der Recherche zu wandeln. Die Massstabs- und Höhenvariationen sollen die Besucher zudem für mögliche und unmögliche Raum-Körper-Beziehungen sensibilisieren.

1 Im Erläuterungstext zu Svizzera 240 bemängeln die Kuratoren, es gäbe keinen bemerkenswerten Diskurs, der diese architek­ tonische Frage behandle. Die Ergebnisse zahlreicher Wohnungs­ bauwettbewerbe wie auch deren Dokumentation in Fachzeit­ schriften und Büchern belegen jedoch, dass es sehr wohl ausgezeichnet recherchierte und aufgearbeitete Beiträge gerade auch zu den Entwicklungen in den Grundrisstypologien im Wohnungsbau, insbesondere in der Schweiz, gibt. Siehe hierzu beispielsweise : Dominique Boudet, Wohngenossenschaften in Zürich. Garten­städte und neue Nachbarschaften, Zürich 2017.


Spezifisch, doch offen für Aneignung Patrick Schmid und Gus Wüstemann sprechen mit Jørg Himmelreich über Defizite und Potenziale im zeitgenössischen Wohnungsbau.

Jørg Himmelreich  Mit dieser Ausgabe der ­archithese fragen wir, ob der State of the Art im Wohnungsbau den Bedürfnissen und Lebensrealitäten seiner Bewohner entspricht. Im Ausklapper des Heftes finden sich Fotos – ein Querschnitt zeitgemässer Wohnungs­ innenräume. Die Auswahl ist angelehnt an eine im Vorfeld der Architekturbiennale von Venedig gezeigte Präsentation der Kuratoren zum Schweizer Beitrag. Was geht euch beim Betrachten der Bilder durch den Kopf ?

Gus Wüstemann Auf den ersten Blick erscheinen die Beispiele repräsentativ für den Schweizer Wohnungsbau und auch für den vieler anderer Länder : Holzböden; weisse Wände, Decken, Fenster- und Türrahmen; offene Küchen mit Kochinseln – all das ist typisch für neue Mietwohnungen. Es haben sich ästhetische Konventionen für Oberflächen und Details durchgesetzt. Nun kann man diskutieren, ob sie positiv oder negativ sind. Ich finde sie unbefriedigend; diese unkontrollierte Abwicklung von Flächen hat keinen Schwerpunkt. Man hat kein Raumgefühl mehr. Die Zusammenstellung der Bilder formuliert für mich eine berechtigte Kritik. Patrick Schmid Natürlich wirken die Fotos auch auf mich langweilig. Ich nenne solche neutralen Innenwelten « Ästhetik des geringsten Widerstands ». Ich frage mich aber sofort : Sind diese Bilder wirklich aussagekräftig ? Die Gleichförmigkeit auf der ästhetischen Ebene wird hier von den Kuratoren als Einheitsbrei in der Wohnungsproduktion

gedeutet. Das ist ein voreiliger Schluss. Natürlich setzen sich auf der Ebene der Materialien immer wieder die gleichen, robusten Lösungen durch. Zu individuell soll es nicht sein, da man verschiedene Geschmäcker befriedigen möchte. Man muss den kleinsten gemeinsamen Nenner treffen. Doch so sehr mich die Diskussion über die ästhetische Ebene interessiert – die Frage nach innovativen Grundrissen finde ich spannender und wichtiger. Und da gibt es im Schweizer Wohnungsbau durchaus Vielfalt. Die Kuratoren der Biennale scheinen bewusst vieles ausgeblendet zu haben, um eine deutliche Kritik formulieren zu können. GW  Anders als du, Patrick, sehe ich derzeit keine Innovation bei den Grundrissen. Ich finde sogar, dass es Rückschritte gab. Die Wohnungen sind meist lediglich Additionen von Gleichem. Für uns als architekturaffine und -kritische Menschen ist es schwierig, sich damit zurechtzufinden. Man kann es akzeptieren oder versuchen, etwas Neues oder Extremes daraus zu entwickeln. Mich interessiert Zweiteres. Wir müssen uns permanent fragen, was heute ein Innenraum ist. Was muss er haben ? Wie leben wir ? Wir brauchen neue Konzepte, die verschiedenartige Wohngemeinschaften ermöglichen. Die Leute werden immer flexibler, also sollten es auch die Wohnungen sein.


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gus wüstemann architects, Wohnhaus Hardau, Zürich, Wettbewerb 2018 Oben Regelgrundriss 1. bis 4. Obergeschoss Unten Visualisierungen

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Diversität statt Uniformität Ein Plädoyer für neue Wohnformen in der Schweiz Ob zur Miete oder im Eigenheim, allein oder in Gemeinschaft und auf wie vielen Quadratmetern – viele Statistiken geben Aufschluss darüber, wie die Schweizer leben. In den letzten Dekaden haben sich diese Daten in einigen Bereichen verändert. Eine Analyse zeigt, dass der soziokulturelle Wandel und der technologische Fortschritt nachweislich unsere Ansprüche an das Wohnen wandeln. Die Individualisierung der Gesellschaft bringt neue Fragestellungen mit sich, auf die gestalterische Antworten gefunden werden müssen. Autorinnen : Marie Glaser und Andrea Hagn

Für das vorliegende Heft wurden wir nach dem Stand der Dinge im Schweizer Wohnungsbau gefragt. Schlagen sich die veränderten Lebens- und Arbeitsweisen in der Architektur nieder ? Welche Auswirkungen haben individualisierte Lebensstile und der Wandel von Familienstrukturen und sozialen Ritualen ? Welchen Einfluss zeitigen gesteigerte Mobilität, neue Kommunikationsformen und die zunehmende Digitalisierung auf unser Habitat ? Entstehen als Antwort auf gesellschaftliche Entwicklungen Wohnungen mit Interieurs, die neutraler oder sogar eigenschaftslos sind ? Manche, wie etwa Karin Frick, die Leiterin des Arbeitsbereichs Research am Gottlieb Duttweiler Institut, gehen sogar noch einen Schritt weiter und postulieren die künftige Loslösung der Nutzer von der Architektur, und somit die De-Personalisierung der Wohnungsinterieurs.  1 Wir stimmen dem Architekturjournalisten Niklas Maak zu, wenn er sagt, dass die neuen Innen­räume – allzu oft geprägt von glatten, schlichten, weissen Oberflächen – den Sedimenten des Wohnens und damit den Spuren unseres Lebens kaum mehr Haftung bieten.2 Sie besitzen kaum Nischen zum Aufbewahren kleiner Gegenstände. Mit ihren Wänden aus Beton zwingen sie uns geradezu zum Einsatz grober Gewalt in Form der Schlagbohrmaschine – nur schon, um einen Bilderrahmen zu montieren. Gebrauchsspuren scheinen ein Makel. Eine Einladung zur Aneignung sprechen solche Räume nicht aus. Doch erfüllen diese Interieurs nicht gleichzeitig genau die neuen Anforderun­ gen, die unsere von dynamischem Wandel geprägten Lebensund Wohnweisen stellen ? Schliesslich sind sie nutzungsneutral, abwaschbar und beständig – entsprechend den gültigen Standards und Konventionen. In unserer Forschung zum Wohnen nehmen wir – die eine als Europäische Ethnologin, die andere als Architektin – stets die Nutzerperspektive ein. Unser Interesse gilt der « Füllung » der Schweizer Wohnungen : den Bewohnern und ihren Lebensstilen.

Von unserer Warte aus greift eine Kritik an der Neutralität, wie sie die Kuratoren des Schweizer Pavillons an der 16. Architekturbiennale 2018 in Venedig vorzubringen scheinen, zu kurz, weil sie bei der Betrachtung der Oberflächen verharrt ( siehe : Wilfried Wang, « Normen tragen keine Schuld », S. 8–19 ). Was wir in Zukunft hingegen brauchen, sind neue Grundrisse, ja eigentlich neue Häuser und Ensembles, die geprägt sind von Funktionsoffenheit, Flexibilität und Raum für die Gemeinschaft. Unsere veränderten Bedürfnisse manifestieren sich aktuell viel zu wenig in der gebauten Umwelt. Sie haben bisher keinen Niederschlag in den Normenwerken gefunden und werden von Gestaltern und Investoren noch zu selten beherzigt. Dieser Artikel nimmt anhand dreier Fragen und unter Einbindung aktueller Statistiken sowie von Forschungsergebnissen des ETH Wohnforums den Status quo im Schweizer Wohnbau unter die Lupe. Er zeigt zudem auf, wo künftige Veränderungen ansetzen müssten.

1. Was wird heute gebaut ? Wie siedeln die Schweizer ? Gehen wir zunächst gemeinsam die umfangreichen ­ tatistiken zum Wohnbau hierzulande durch : Ende 2015 gab S es rund 1,7 Millionen Gebäude mit Wohnnutzung.3 Immerhin ein Fünftel des Bestands datiert vor 1919; mehr als ein Drittel wurde nach 1980 gebaut. Mit 57,4 Prozent sind die Mehrheit der Gebäude – trotz des hohen Urbanisierungsgrads der Schweiz – Einfamilienhäuser. Mehrfamilienhäuser stellen die zweitgrösste Gruppe ( 26,3 Prozent ). Seit 2012 sinkt der Anteil der Einfamilienhäuser am ­Gebäudebestand. Immer weniger Familien verfügen über die Mittel, um sich ein Haus zu kaufen.4 Trotzdem erfreut sich ­diese Typologie weiterhin grosser Beliebtheit : 69 Prozent aller


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werkgruppe agw / Reinhard + Partner, Wohn-, Büro- und Gewerbehäuser der Genossenschaft Vordere Lorraine, Bern, 2003 ( Fotos : Gaston Wicky. Aussenaufnahme : Dominique Uldry )


Mehr als der Standard Der Berliner Architekt Nils Buschmann von Robertneun und der ­Münchner Projektentwickler Stefan F. Höglmaier von Euroboden ­sprechen mit Elias Baumgarten über Wege zu Vielfalt und Charakter im Wohnungsbau. Die permanente Preissteigerung bei Grundstücken und Wohnungen in den Innenstädten führt zur Ver­ drängung breiter Bevölkerungsschichten an die Peripherien. Auch die architektonische Qualität und Vielfalt leidet, klagt der Developer Stefan F. Höglmaier aus München. Das verbindet ihn mit dem Archi­ tekten Nils Buschmann vom Berliner Büro Robertneun. Beide suchen nach gestalterischen Alternativen. Um architektonisch wertvolle Neubauten zu fördern, beschreiten sie bei der Realisierung von Projekten unkonventionelle Wege.

Elias Baumgarten  Ich habe euch eine Sammlung von Fotos typischer Schweizer Wohnungsinterieurs mitgebracht. Seht euch an, wie sehr sie sich ähneln : weisse Wände und Decken, Klötzchenparkett, zurückhaltende Ausgestaltung, keine Möbel. Zusammen­getragen haben diese Beispiele die Kuratoren von Svizzera 240, dem Schweizer Beitrag zur 16. Architekturbiennale von Venedig 2018, bei der Recherche für ihre Schau. Ich interpretiere ihre Auswahl als Kritik an gestalterischen Konventionen;

glücklich schätzen. In Deutschland sind die meisten Projekte gestalterisch auf einem niedrigeren Niveau. Natürlich sieht man auf den Bildern recht neutrale und wenig ausgestaltete Räume, doch die architektonische Qualität scheint mir durch die Bank relativ hoch. Ich denke, mehr war weder der Anspruch der Architekten noch ihre Aufgabe. Wahrscheinlich haben die Bauherren aus ökonomischen Erwägungen heraus genau nach diesen Welten gefragt.

daran, dass im Wohnungsbau vielfach die Neutralität dem Spezifischen ­vorgezogen wird ( siehe : Wilfried Wang, «­  Normen tragen keine Schuld », S. 8–19 ). Lasst uns zunächst über Ästhetik sprechen : Wie würde eine Sammlung typischer neuer Wohnungen in Deutschland aussehen ?

Stefan  F. Höglmaier  Wenn diese Fo­ tos tatsächlich einen Durchschnitt des­ sen zeigen, was im Schweizer Wohnungs­ bau derzeit entsteht, kann man sich dort

Nils Buschmann Viele Schweizer Kollegen scheinen zu liefern, was ver­ marktungstechnisch gefordert wurde. Ich kenne viele dieser Projekte gut. Die Fotos spiegeln jedoch nur einen Aus­ schnitt dessen wider, was derzeit in der Schweiz gebaut wird. Die Vielfalt ist we­ sentlich grösser. Es gibt vor allem hin­ sichtlich der Grundrisstypologien im Schweizer Wohnungsbau eine grössere Bandbreite als bei uns.

Ich erkenne in den weissen Wän­ den und den Parkettböden Standards wieder, die mir aus der Arbeit mit unse­ ren Bauherren bestens vertraut sind. Auch in Deutschland gibt es viele Auf­ traggeber, die stets nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen, um eine möglichst grosse Zielgruppe anzuspre­ chen. Dagegen kämpfen wir regelmässig an. Warum muss man in einer Vier-Mil­ lionen-Stadt wie Berlin eine Zielgruppe von zwei Millionen Menschen adressie­ ren – reichen denn nicht hunderttausend ?


Thomas Kröger, Wohnhäuser an der Erhardtstrasse 10, München-Isarvorstadt, seit 2017 ( Visualisierungen © Euroboden )

Grundriss 1. Obergeschoss

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Gesellige Individualisten Sechs Thesen zur künftigen Entwicklung des Wohnens Der Megatrend der Individualisierung manifestiert sich zusehends in der Art wie wir wohnen. Die Veränderungen bezüglich Lebensentwürfen, Werten und technischen Möglichkeiten sind so tiefgreifend, dass sie das Potenzial besitzen, sich in den nächsten Dekaden in der gebauten Umwelt niederzuschlagen. Extrapoliert man die Ergebnisse der aktuellen Trendforschung, so lassen sich Prognosen für die Zukunft des Wohnens aufstellen. Autor : Stefan Breit

Ein Gebäude, in dem die gesamte Menschheit Platz hätte, wäre überraschend klein. Angenommen, auf einem Quadrat­ meter können fünf Personen stehen und sie wären durch­ schnittlich 1,63 Meter gross, resultiert daraus ein Raumbedarf von 0,326 Kubikmetern pro Person. Angesichts einer Weltbevöl­ kerung von aktuell 7,5 Milliarden Menschen ergibt sich ein Vo­ lumen von 2,44 Milliarden Kubikmetern. Dies entspricht einem Würfel mit 1 346 Metern Kantenlänge.1 Das Gebäude wäre so klein, dass man nur rund eine halbe Stunde bräuchte, um ein­ mal darum herumzujoggen. Für uns mutet dieses Gedanken­ experiment wie eine Dystopie an, denn in diesem Würfel gäbe es keinerlei Rückzugsmöglichkeit und damit keine Privatheit, die uns in Zeiten der Individualisierung so wichtig ist. Wie Menschen wohnen möchten, spiegelt den sozialen und kulturellen Zustand einer Gesellschaft wider und gibt Aufschluss über deren Werte, Lebensstile, Möglichkeiten und Wünsche. Folglich passen sich Wohnverhältnisse den sich suk­ zessive verändernden Bedürfnissen und Anforderungen an.

Die Trägheit der Architektur Während sich die Welt immer schneller zu drehen scheint,2 gehen Veränderungen im Wohnungsbau nur lang­ sam vor sich. Bildlich gesprochen prallen viele kurzlebige Trends an den Mauern der Gebäude ab, ohne bleibende Spuren zu hinterlassen. Im Vergleich zur Lebensdauer von Häusern gehen soziokulturelle Veränderungen hingegen schnell von­ statten. Ein Gebäude in Europa wird nach etwa 100 Jahren

erneuert, Stadtgrundrisse und Infrastrukturnetze können sogar Jahrtausende überdauern.3 Ein Paar Schuhe hingegen ist schon nach drei Jahren verschlissen,4 der Hype um trendige Lebensmittel wie das Superfood Federkohl hält meist nur für eine Saison an und ein Post auf Facebook verliert bereits nach fünf Stunden seine Aktualität.5 Aufgrund dieser Trägheit wird sich die gebaute Umwelt auch in Zukunft wenig disruptiv verändern. Trotzdem gibt es aktuell gesellschaftliche Entwicklungen, die das Potenzial ha­ ben, einen tiefgreifenden Wandel der Architektur anzustossen. Eine ist der Megatrend der Individualisierung. Davon ausge­ hend stellt dieser Aufsatz sechs Thesen zur künftigen Verän­ derung des Wohnens auf. Sie basieren auf Beobachtungen, die im Zuge der 2018 vorgestellten Studie Microliving des Gottlieb Duttweiler Instituts gemacht wurden.

Die Individualisierung der Gesellschaft Ein Megatrend ist eine substanzielle, langfristige und globale Veränderung der Gesellschaft. Megatrends sind Ent­ wicklungen, die nach der sogenannten Hype-Phase nicht ein­ fach wieder verschwinden. Dazu zählt auch die Individualisierung. Unter diesem Begriff versteht man die Möglichkeit, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die Fokussierung auf das Ich steht für den Wandel von Fremd- zu Selbstbestimmtheit, von der Idee des Schicksals zu jener der Machbarkeit. Individualisierung hat allerdings nichts mit selbst gestalteten Markenturnschuhen, Namen auf Trinkflaschenetiketten oder algorithmisch perso­ nalisierten Musikplaylists zu tun. Es geht vielmehr darum, selbstbestimmt zu entscheiden, welche Kleider man trägt und welchen Beruf man ergreift, wie und wo man lebt und welche Form von Liebesbeziehung man eingeht.


archithese 2.2018

BARarchitekten / Carpaneto Schöningh / fatkoehl, Büro-, Gewerbe- und Wohnhäuser Spreefeld, Berlin-Kreuzberg, 2014 ( Fotos: Ute Zscharnt )

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Swiss Performance 2018 Erschienen am 1. März 2018 Wohnungsbau Erschienen am 1. Juni 2018 Junges Bayern Erscheint am 1. September 2018 Land Art | Erdarchitektur Erscheint am 1. Dezember 2018

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archithese 2.2018 – Wohnungsbau  

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