RATHAUS

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OSWALD INGLIN

KENNST DU DAS BASLER RATHAUS? EINE ENTDECKUNGSREISE

Kommt mit auf eine Entdeckungsreise! Wir sind Basil und Bella, zwei lebendig gewordene Figuren von der Rathausfassade, und nehmen euch mit auf einen Rundgang durch das prachtvolle Haus am Marktplatz. Ihr werdet staunen! Das Basler Rathaus ist voller Bilder, Inschriften und Wappen. Wir erklären euch die Geschichten, die sich dahinter verbergen, die Funktionen des Hauses und den Parlamentsbetrieb. Ein herausnehmbares Extraheft enthält Wissensfragen und Aufgaben, mit denen ihr das Rathaus entdecken könnt. Und mit dem Bastelbogen könnt ihr das Rathaus nachbauen. Ein spannendes Buch für die ganze Familie.

KENNST DU DAS

BASLER RATHAUS? EINE ENTDECKUNGSREISE

w w w. m e r i a n v e r l a g . c h 978-3-85616-886-5

CHRISTOPH MERIAN VERLAG


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Vorwort

Stolz beherrscht das Basler Rathaus die Häuserzeilen am Marktplatz. Dabei ist das ‹Roothuus›, wie es die Baslerinnen und Basler nennen, nicht nur an sich ein imposantes Gebäude – es ist vor allem auch ein Haus voller Bilder, Skulpturen und Sprüche, die den Menschen, die ein- und ausgehen, etwas erzählen wollen. Viele der Geschichten handeln von Tugenden und Charaktereigenschaften wie Gerechtigkeit oder Mut. Sie sollen jene Leute, die dem Parlament oder der Regierung angehören, dazu ermahnen, dass sie ihre Ämter immer zum Wohle der Menschen im Kanton ausüben. In den zurückliegenden zwölf Jahren habe ich auf meinen Rathausführungen versucht, meinen Zuhörerinnen und Zuhörern nicht nur den Bau, sondern auch diese Geschichten näherzubringen. Dabei habe ich festgestellt, dass vor allem Kinder auf diese Erzählungen ansprachen. Deshalb entschloss ich mich, eine Art Schatzsuche-Buch über eines der schönsten Häuser in unserer Stadt zu schreiben. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele junge und sehr junge Menschen dieses Haus kennenlernen und sich vielleicht sogar für seine Geschichte und seine Geschichten begeistern. Nicht zuletzt sollen sie auch wissen, wofür dieses Haus gebaut wurde, und auf diese Weise etwas über unser Staatswesen erfahren. Das Buch erzählt selber eine Geschichte. Ein Junge namens Basil und sein Hund Bella nehmen die Leserinnen und Leser mit auf eine Entdeckungsreise um und durch das Rathaus. Anhand vieler Bilder zeigt und erklärt Basil zuerst das Äussere des Gebäudes, dann macht er mit ihnen einen Rundgang durch das Haus, in den prächtigen Grossratssaal, in den Regierungsratssaal und bis hinauf in die Turmstube. Für besonders wissbegierige und entdeckungsfreudige Kinder steckt in dem Buch ein Heft mit spannenden Forschungsaufgaben, die es zu lösen gilt. Zudem enthält das Buch einen schön gestalteten Bastelbogen, mit dem man das Basler Rathaus nachbauen kann. Ich wünsche allen – auch den Eltern und Älteren – eine erfolgreiche Schatzsuche. Schön wäre es, wenn viele Leserinnen und Leser danach Lust hätten, noch mehr zu erfahren und alles direkt ‹vor Ort› erklärt zu bekommen. Gerne bin ich bereit, Gruppen von Kindern und Erwachsenen durch das Rathaus zu führen. Oswald Inglin

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Inhalt 13 Hallo! Ich bin Basil! 18

Warum ist das Rathaus rot?

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Ein Rathaus? Nein: Drei Rathäuser!

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Da stimmt doch etwas mit den Wappen nicht …

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Auch mit dem Baselstab stimmt etwas nicht …

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Der Mann mit dem Münster in der Hand

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Ein gefährlicher Vogel auf dem Rathaus?

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Munatius Plancus Stolzer Stadtgründer von Basel!?

80 Lustige Details: Vorraum zum Grossratssaal und Garderobe 87

Das Vorzimmer zum Grossratssaal

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Der Grossratssaal

102 Der Verkündigungsbalkon 112 Der Regierungsratssaal 126 Salomons Urteil 136 Der Rathausturm

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Hallo! Ich bin Basil! Wenn ihr genau hinschaut, seht ihr mich auf der Rathausfassade. Ihr erkennt mich an dem Papagei, der auf meiner Hand sitzt. Seht ihr den Hund unten links?

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Das ist mein Hund Bella. Ihr fragt Euch vielleicht, wer uns gemalt hat und was es mit dem Papagei auf sich hat. Das Bild von mir hat ein Maler namens Wilhelm Balmer im Jahr 1900 gemalt. Damals wurde die ganze Fassade neu bemalt, weil sie ziemlich verblasst war. Aber mich gab es natürlich schon vorher, und Wilhelm Balmer hat sich eng an die Bemalung gehalten, die vorher schon dagewesen war. Und der Papagei? Ich will euch etwas verraten: Ich, der echte Basil, hatte keinen Papagei als Haustier. Das hätte Bella auch gar nicht zugelassen. Also diesen Papagei hat der Mann, der mich gemalt hat, einfach dazuerfunden. Warum? Nun, er und die vielen anderen Maler und Bildhauer, die am Rathausbau beschäftigt waren, liessen ihrer Fantasie manchmal freien Lauf. Sie wollten das Rathaus möglichst bunt und vielfältig ausschmücken. Sie wollten den Leuten zeigen, was es so alles gibt auf der Welt, und sie wollten die Menschen zum Staunen oder zum Lachen oder Gruseln bringen. So sind am und im Rathaus rund 850 Darstellungen von Tieren entstanden. Auch Bilder von Tieren, die damals, vor 500 Jahren, noch nie jemand in Basel gesehen hatte (es gab ja noch keinen Zolli und kein Fernsehen).

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Habt ihr Lust, Bella und mich auf eine kleine Entdeckungsreise durch das Basler Rathaus zu begleiten? Es gibt da ganz viel zu sehen, zum Beispiel eine Menge Wandgemälde, auf denen spannende Geschichten dargestellt sind. Ein paar davon möchten wir euch erzählen. Auch wann und warum das Rathaus gebaut wurde, und was heute dort drin vor sich geht, könnten wir Euch berichten. Und damit es noch interessanter wird, dürft ihr auch selber mitmachen: In dem kleinen Heft, das vorn im Buch eingelegt ist, findet ihr Forschungsaufgaben, die ihr lösen könnt.

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Das Rathaus von aussen:

M D B

Seite 22

Seite 31, 38 → A, B

Seite 44 → C

Seite 48 → D

Seite 56 → E

Seite 68 → F

Seite 80 → G

Seite 86 → H

Seite 92 → I

Seite 112 → K

Seite 126 → L

Seite 102,136 → M, N

A C K

N E

Das Rathaus von innen:

M

L I

H

→G

F

K

N

E 17


Zuerst einmal:

Warum ist das Rathaus rot? Die Antwort ist gar nicht so einfach. Zwar ist das Rathaus aus rotem Sandstein gebaut. Aber den sieht man nicht. Was ihr seht, ist Farbe. Damit hat man alle Aussenw채nde des Rathauses angestrichen, um den Sandstein vor dem Wetter zu sch체tzen. Nat체rlich hat man dazu nicht gr체ne, blaue oder gelbe Farbe genommen, sondern rote. Damit es fast so aussieht wie der Sandstein.

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Der Sandstein kommt aus Steinbrüchen ganz in der Nähe von Basel, nordöstlich von Lörrach, und er heisst ‹Wiesentäler Buntsandstein›. Die Ortschaft in der Nähe heisst heute wegen der Steinbrüche immer noch ‹Steinen›. Die Steine wurden auf dem Wiese-Fluss nach Basel transportiert. Wenn ihr genau hinschaut, sehr ihr auch, dass das Rathaus nicht überall gleich rot ist. Ein Teil der Fassade im Hof ist dunkler als der andere. Das kommt daher, dass das Rathaus zuerst mit Ölfarbe angestrichen war. Als man es um 1900 erweiterte, brauchte man für die neuen Teile andere Farben, die heller sind und vom Wetter nicht so schnell ausgebleicht werden. Man nennt sie Mineralfarben. Auch die Aussenwand des alten Rathauses, die zum Marktplatz hin zeigt, wurde damals neu mit Mineralfarben angestrichen und bemalt, ebenso das neu gebaute Hinterhaus mit dem Grossratssaal. An den Fassaden im Hof liess man die alte Ölfarbe. Viele Kinder glauben, dass das ‹Roothuus› so heisst, weil es rot ist. Das stimmt aber nicht. ‹Root› ist Dialekt und bedeutet auf Hochdeutsch ‹Rat›. Es ist ein Haus für den Rat der Stadt. So, jetzt wisst ihr, warum das Rathaus rot ist und warum es auf Baseldeutsch ‹Roothuus› heisst.

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Wie wĂźrdst du das Rathaus bemalen?

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Ein Rathaus? Nein: Drei Rathäuser! Was meint ihr, ist das Rathaus ein einziges grosses Haus, das mit einem Mal als Ganzes gebaut wurde?

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Lasst uns mal ein paar Schritte zurückgehen, auf die gegenüberliegende Seite des Marktplatzes, damit wir die ganze Rathausfassade schön im Blick haben.

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Wenn ihr genau hinschaut, erkennt ihr, dass ein paar Sachen nicht ganz zusammenpassen. – Siehst du’s auch, Bella?

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Seht euch die Fassaden des linken, etwas höheren Gebäudeteils und des Turmes rechts an: Sie sind nicht mit Figuren bemalt. Der mittlere Gebäudeteil ist zwar einheitlich mit Figuren bemalt, aber er hat nur drei Torbögen, obwohl es links noch Platz für einen vierten hätte. Und der goldene Dachreiter und der Bannerträger mit der Uhr befinden sich nicht in der Mitte dieses Gebäudeteils, wo sie eigentlich hingehören würden. Wie kommt das? Ich erzähl’s euch: Tatsächlich war das erste Rathaus, das in den Jahren von 1504 bis 1514 gebaut wurde, sehr viel kleiner als das heutige. Es war nur so breit wie die drei Torbögen. Damals befanden sich also der Dachreiter und der Bannerträger mit der Uhr tatsächlich in der Mitte des Gebäudes.

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1504 bis 1514

1606 bis 1608

Nach rund 100 Jahren war das Rathaus zu klein geworden und man baute auf der linken Seite die ‹Vordere Kanzlei› an. Der Anbau ist gleich hoch wie das alte Rathaus und sieht auch sonst fast gleich aus. Aber im Parterre befand sich zuerst ein Wachtlokal. Darum hat es dort keinen Torbogen, sondern Fenster. Und eine Nische, in der der Wächter stand. Sie ist das Einzige, was heute noch von dem Wachtlokal übrig geblieben ist. Früher war der Marktplatz kleiner als heute. 1889 hat man seine Fläche fast verdoppelt, als man das Geviert zwischen der Markt-, der Stadthaus- und der heute nicht mehr existierenden Sporengasse abriss. Bis dahin stand das Rathaus an der nordöstlichen Ecke des Platzes (siehe Foto).

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1900/01

Und noch einmal vierhundert Jahre später, in den Jahren 1900/01, hat man ganz links den höheren Gebäudeteil, die ‹Neue Kanzlei›, und rechts den Turm hinzugefügt.

Wenn ihr Richtung Dach des mittleren Gebäudeteils blickt und genau hinschaut (z.B. Seite 36), dann könnt ihr erkennen, bis wohin der erste Bau von 1514 ging und wo der Anbau von 1608 beginnt:

Um die gleiche Zeit herum baute man im hinteren Gebäudeteil einen neuen Grossratssaal. Das war schon der dritte; der erste entstand 1521, der zweite 1825.

1. Im Dachfirst hat es einen Knick.

Dahinter, in den Münsterhügel hinein, hat man gleichzeitig die Räume für das Staatsarchiv gebaut.

2. Die Zinne beim Wappen von Schaffhausen ist breiter als die anderen, weil sie früher die Eckzinne war. 3. Gleich unter dem Schaffhauser Wappen ist im grünen Band, das aussieht wie Efeu, eine kleine Maske aus Stein. Sie sieht genau gleich aus wie diejenige ganz rechts auf der Turmseite. Beim Rathausbau von 1514 waren diese beiden Masken also ganz links und ganz rechts an den Hausecken angebracht. 31

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Wusstest du, … dass der goldene Dachreiter nicht aus Stein, sondern aus Holz ist?

Ein Steintürmchen auf der Holzkonstruktion des Daches wäre zu schwer gewesen. Man brauchte deshalb Eichenholz, das mit Bleiblech überzogen wurde, um alles wasserdicht zu machen. Hast du auch gesehen, dass das Türmchen sich leicht schief nach rechts neigt und etwas nach vorne rechts verdreht ist? Grund dafür ist die Bauweise. Als man 1511 das Türmchen baute, wurde es nicht auf den Dachstock aufgesetzt, sondern als Teil des Dachstocks gebaut und somit direkt mit ihm verbunden. Damals wurde das Holz ungetrocknet verwendet, weil es dann vor Ort besser verarbeitet werden konnte. Als nun die Dachreiterkonstruktion trocknete, verzog sich das Holz Richtung Sonneneinstrahlung. Zuerst war der Dachreiter nicht vergoldet. Dies geschah erst im 19. Jahrhundert. Zum letzten Mal wurde der Goldüberzug 2010 erneuert. Dabei wurden 35 000 Blattgoldfolien mit den Ausmassen 8 auf 8 Zentimeter mit einem speziellen Verfahren auf das Bleiblech aufgetragen. Dieses Blattgold ist so dünn (ein zehntausendstel Millimeter), dass man sogar hindurchsehen kann. Insgesamt befinden sich so nur etwa 50 Gramm Gold auf dem Türmchen, aber eine solch kleine Folie kostet wegen der aufwendigen Herstellung 1.50 Franken. So kostet der ganze Goldüberzug dann doch über 50 000 Franken.Immerhin ist das Gold gegenüber dem Wetter sehr widerstandsfähig und deshalb muss es nur etwa alle 40 Jahre ersetzt werden.


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Da stimmt doch etwas mit den Wappen nicht … Wenn ihr einmal Gäste habt, zum Beispiel aus Zürich, könnt ihr sie auf den Basler Marktplatz mitnehmen und das Zürcher Wappen an der Rathauszinne suchen lassen. Nicht alle, mit denen ich dies gemacht habe, haben bemerkt, dass die Farben seitenverkehrt sind. Und schaut mal, auch die Farben vom Luzerner Wappen sind verkehrt herum. Das kleine Kreuz im Wappen des Kantons Schwyz müsste eigentlich rechts stehen, und all die Tiere, die links vom Freiburger Wappen sind, sollten eigentlich nach links blicken. Sie blicken aber nach rechts.

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Nein, der Bildhauer hat alles richtig gemacht. Es gibt nämlich für die Darstellung von Wappen eine Regel. Sie heisst: Was meinst du Bella, hat da der Bildhauer nicht richtig hingeschaut?

«Wenn mehrere Wappen zusammen abgebildet werden und wenn es ein Zentrum gibt, müssen sich die anderen Wappen diesem Zentrum zuwenden, sozusagen um ihm die Ehre zu erweisen.» Das Zentrum der Wappen ist in unserem Fall der Bannerträger mit seinem Baselstab. Ihm wenden sich alle Wappen zu. Die Wappen auf der rechten Seite tun dies praktisch ‹von Natur aus›, weil zum Beispiel der Berner Bär sowieso nach links schaut, und auch der Fridolin von Glarus macht das. Aber die Wappen auf der linken Seite musste der Bildhauer umdrehen. Schauen wir uns jetzt einmal die Wappen links vom Appenzeller Bären an. Dahinter steckt eine interessante Geschichte. Basel trat 1501 als 11. Kanton der Eidgenossenschaft bei. Etwas später im gleichen Jahr folgte als 12. Kanton Schaffhausen. Diese zwölf Kantone sind auf den zwölf Zinnen des Rathauses von 1514 abgebildet.

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Als 1608 dem Rathaus die Vordere Kanzlei hinzugefügt wurde, gab es plötzlich fünf neue Zinnen. Zu der Zeit war aber erst ein einziger neuer Ort der Eidgenossenschaft beigetreten, nämlich Appenzell. Das war im Jahr 1513 gewesen. Es gab also noch vier freie Plätze. Diese Plätze wurden dann mit den Wappen von sogenannten ‹Zugewandten Orten› der Eidgenossenschaft geschmückt. Das waren Orte, die vorerst nur befreundet waren. Später sind dann die meisten dem Bund als neue Kantone beigetreten. Das ist der Grund, warum neben dem Appenzeller Bären auch der Bär der Stadt St. Gallen mit der goldenen Halskrause zu sehen ist. Ausserdem sieht man den Steinbock des ‹Gotteshausbundes› (so hiess ein Teil des späteren Kantons Graubünden). Auch das Wappen der Republik Wallis ist zu sehen. Es hatte damals 10 Sterne, die für die 10 Bezirke im Kanton standen; heute sind es 13 Bezirke und darum 13 Sterne. Ganz links seht ihr das Wappen der Stadt Biel mit den beiden gekreuzten Beilen.

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Auch mit dem Baselstab stimmt etwas nicht … Schaut mal zum Bannerträger hoch. Fällt euch etwas auf? Richtig: Der Baselstab zeigt nach rechts und nicht nach links wie im heutigen Basler Wappen. Man findet solche Baselstäbe, die nach rechts schauen, an mehreren Stellen im Rathaus.

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Früher war überhaupt nicht festgelegt, wohin der Baselstab schauen sollte. Er schaute mal nach rechts, mal nach links. Dann, im Jahr 1833, trennte sich die Landschaft von der Stadt ab und es gab nun die zwei Halbkantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Beide behielten den Baselstab in ihren Wappen. Aber damit man sie unterscheiden konnte, war der baselstädtische Stab von jetzt an schwarz und schaute nach links. Der Landschäftlerstab war rot und zeigte nach rechts. Im Innern des Rathauses werdet ihr sogar goldene Baselstäbe finden. Der Grund dafür: 1512 kämpften der Papst und der französische König darum, wer die Herrschaft über Norditalien haben sollte. (Ja, damals führte der Papst Krieg; er war nicht nur das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, sondern auch ein weltlicher Herrscher und besass viele Ländereien. Und weltliche Herrscher führten eben leider manchmal Krieg gegeneinander.) Bei diesem Krieg kämpften die Eidgenossen, und somit auch die Basler, auf der Seite des Papstes mit. Papst Julius II. gewann, und zum Dank für ihren Einsatz und ihre Hilfe erlaubte er den Baslern, ihren Baselstab golden anzumalen. Das kommt euch heute vielleicht komisch vor, aber damals war das wirklich eine Ehre. Allerdings haben die Basler in der Folge nur selten davon Gebrauch gemacht, und die meisten Baselstäbe in der Stadt blieben schwarz. Dann kam die Reformation, die in Basel 1529 eingeführt wurde. Basel war nun nicht mehr katholisch, sondern protestantisch. Die protestantischen Basler wollten keine goldenen Baselstäbe mehr, die ein Geschenk des katholischen Papstes waren. Darum verschwand der goldene Baselstab nach und nach. Nur ein paar wenige Exemplare im Rathaus haben überlebt. Was hat es mit der Form des Baselstabs auf sich? Basel war ja vor der Reformation ein Bischofssitz. Darum hatte die Stadt in ihrem Wappen den ‹Bischofsstab›, der dem gekrümmten Hirtenstab nachgebildet wurde. Denn die Bischöfe gelten ja als die obersten ‹Hirten› ihrer Gläubigen, der ‹Schäfchen›.

Und was du da kaust, Bella, ist kein goldener und auch kein schwarzer oder roter Baselstab, sondern ein Spielzeug-Spazierstock mit Zuckerkügeli drin, den ein Kind verloren hat. Gib’s sofort aus!

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Der Mann mit dem Münster in der Hand Klar, die Schweiz hat keinen König oder Kaiser. Aber das war nicht immer so. Wir gehörten mehr als ein halbes Jahrtausend lang zum ‹Heiligen Römischen Reich deutscher Nation›, das von einem Kaiser regiert wurde. Einer von ihnen war für Basel besonders wichtig: Heinrich II., der von 973 bis 1024 lebte. Er besuchte die Stadt mehrere Male.

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Heinrich war ab 1006 sozusagen der Besitzer der Stadt, weil ihm der burgundische König Basel aufgrund eines Versprechens vorübergehend überliess. Später gelangte das Burgund und somit auch Basel endgültig ins Reich von Kaiser Heinrich II. Heinrich II. förderte nun auch den Bau eines neuen Münsters (es hatte vorher schon eines gegeben), und als das neue Gotteshaus 1019 geweiht und eröffnet wurde, waren der Kaiser und seine Frau Kunigunde wieder in der Stadt. Heinrich II. gilt darum als der ‹Erbauer› oder ‹Stifter› des Basler Münsters. Darum trägt er das Münster als Symbol in der Hand, wenn er in Basel abgebildet wird. Seine Frau Kunigunde trägt ein Reliquienkreuz in der Hand. Das ist ein Kreuz, das Knochenteile von Heiligen enthält. Es galt als sehr wertvoll und war ein Geschenk des Kaisers ans Münster. Das Münster war der Heiligen Maria geweiht, die Stadtheilige von Basel war. Als Kaiser Heinrich II. später heiliggesprochen wurde, beschloss der Rat, ihn ebenfalls zum Stadtheiligen zu machen. Und so wurde auch er zusammen mit seiner Frau an der Rathausfassade, neben der Maria, verewigt. Warum hat diese Maria ein Schwert in der Hand und nicht das Jesuskind, wie man es eigentlich erwarten würde?

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Das ist eben auch so eine Basler Geschichte: Die Verehrung der Heiligen Maria ist typisch katholisch, Basel war aber nach der Reformation protestantisch. So machte man aus der Statue der Maria kurzerhand eine ‹Justitia›. Das ist die Symbolgestalt für die Gerechtigkeit. Dazu nahm man der Maria das Jesuskind aus den Armen und gab ihr stattdessen die Erkennungszeichen der Justitia: Waage und Schwert. Die Waage symbolisiert die Ausgewogenheit der Rechtsprechung. Ein Gericht muss immer ‹abwägen›, was für und was gegen eine Person spricht und darf erst dann sein Urteil fällen. Dann aber wird das Urteil auch vollstreckt, und dafür steht als Symbol das Richtschwert des Henkers.

Wenn ihr die drei Figuren – Heinrich, ‹Justitia› und Kunigunde – von Nahem ansehen möchtet, dann geht unter die Arkaden im Rathaushof hinten rechts. Dort an der Wand sind die Originale der drei Statuen (und der Bannerträger) heute angebracht. Als man 1901 das Rathaus erweiterte, brachte man sie hierher, wo sie besser vor dem Verwittern geschützt sind. An der Fassade brachte man stattdessen Kopien an. Eine Marienstatue hat übrigens im Rathaus überlebt und wurde nicht zur ‹Justitia› umgemodelt. Sie befindet sich im Regierungsratssaal. 47


Ein gefährlicher Vogel auf dem Rathaus? Noch eine andere Figur thront an der Rathausfassade. Sie ist allerdings nur schwer zu entdecken. Ihr geht dazu am besten wieder auf die andere Seite des Marktplatzes. Nun schaut ihr ganz, ganz nach oben, links zum Giebel des Erkers der Neuen Kanzlei. Dort sitzt eine seltsame grßne Gestalt, die ziemlich unfreundlich auf den Marktplatz herunterschaut. Wird sie bald hinabstechen, um den Menschen Angst einzujagen? Ja, Angst hatten die Leute im Mittelalter vor dem Basilisk. So heisst das Tier dort oben. Was ist ein Basilisk? Er ist ein Fabeltier, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat.

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Aber einst glaubten die Menschen, dass es wirklich existiert, und sie erzählten sich viele Geschichten darüber, wie es entsteht. Diese hier gefällt mir am besten: Ein Basilisk schlüpft aus einem Ei, das von einem Hahn (!) gelegt wurde, und das von einer Kröte oder einer Schlange neun Jahre lang ausgebrütet wurde. Darum hat er, wenn er auf die Welt kommt, einen Kopf wie ein Hahn und einen Schwanz wie eine Schlange (oder wie ein kleiner Dinosaurier).

Hey Bella, hör auf! Was du da anknurrst, ist kein Basilisk. Sondern eine Krähe. Sie ist nicht giftig und nicht tödlich, aber wenn du nicht aufpasst, pickt sie dich in die Nase.

Warum hatten die Leute Angst vor ihm? Es hiess, dass er zwei gefährliche Eigenschaften hatte: Sein Blick war tödlich und sein Atem giftig. Wie kam der Basilisk nach Basel? Man erzählt sich, dass im 15. Jahrhundert einmal ein reisender Kaufmann einen ausgestopften Basilisken in Basel herumgezeigt haben soll. Vielleicht war es in Wirklich50


keit eine exotische Echse. Dieses Tier und sein Name ‹Basilisk› soll so viel Eindruck gemacht haben, dass der Basler Rat beschloss, es zum Wappenhalter zu machen.

Wie abergläubisch die Menschen damals waren und für wie gefährlich sie den Basilisken darum hielten, zeigt diese Geschichte, die sich wirklich ereignet hat: Im Jahr 1474 verbrannte man in Basel öffentlich auf dem Kohlenberg einen Hahn zusammen mit einem Ei, das er angeblich gelegt hatte, weil man Angst hatte, dass daraus ein Basilisk schlüpfen würde. Vorher schnitt der Henker den Hahn auf, und man soll in ihm noch drei Eier gefunden haben …

Das Wort ‹Basilisk› kommt aus dem Griechischen und bedeutet ‹kleiner König›. Früher meinte man, dass der Name der Stadt Basel etwas mit dem griechischen Wort ‹basileios› (= königlich) zu tun hat: ‹Basilea›, wie die Stadt in den Urkunden genannt wurde, würde dann ungefähr ‹Platz des Herrschers› bedeuten. Von daher war es irgendwie sinnvoll, ein Tier namens ‹Basilisk› zum Wappenhalter zu machen. Heute meint man eher, dass ‹Basel› von dem römischen Eigennamen ‹Basilius› – also von meinem eigenen Namen! – abstammt. 51


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Jetzt überqueren wir den Marktplatz und gehen durch einen der Torbögen mit den Baselstäben in den Spitzbögen.

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Wusstest du, … dass du hier auf dem Marktplatz am 13. Juni 1529 und am 4. Juli 1530 im Wasser gestanden hättest?

An diesen beiden Tagen ist der Birsig über die Ufer getreten und bildete im Bereich Marktplatz und Fischmarkt einen regelrechten See. Der Birsig floss damals offen durch die Stadt und war nur bei den Plätzen (Barfüsserplatz und Marktplatz) überdeckt. Bei Hochwasser führte der Fluss viel Treibholz mit und dieses staute sich vor den Tunneleingängen vor den Plätzen und blockierte den Weiterfluss, und dann trat der Fluss über die Ufer. An der Marktplatzfassade siehst du eine grosse Bronzetafel, die an diese beiden Ereignisse erinnert. Der Text lautet: Anno domini MDXXVIIII [1529] uff den XIII tag brachmonats [13. Juni] ist der / Birsich unversehenlicher [unvorhersehbar] wassergus halben so gros worden / Das er bitz hieher unden an diese Tafel [Kerbe am unteren Rand der Tafel] geflossen ist darvon einer / Stat Bassel un der Burgerschaft gros schad entstundt Darnach im MDXXX [1530] Jar uff den IIII tag hewmon- / ats [Heumonat; 4. Juli] ward der Birsich abermollen so groß das er biß / An disen mone [Mond; Mondsichel mit Gesicht unterhalb der Inschrift] flos und aber von einem berg [Münsterhügel] Ann /  Andern [Spalenberg] gieng got behüt unß vor ubel alle zitt


Nachdem wir die etwas dunkle Halle durchschritten haben, gelangen wir in den Innenhof des Rathauses.

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Und hier tut sich eine vรถllig neue Welt auf:

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Links sehen wir die Vordere Kanzlei von 1608, die immer noch mit der dunkleren Ă–lfarbe bemalt ist.

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Vor uns sehen wir das prächtig bemalte Hinterhaus, in dem sich im ersten Stock der Grossratssaal befindet. Wie ich euch schon gesagt habe, wurde dieser Teil des Gebäudes fast gleichzeitig mit dem Turm und der Neuen Kanzlei gebaut, nämlich 1900 / 01.

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Oben auf den Zinnen sehen wir die Wappen, die ihr schon von der Fassade her kennt. Es fehlt allerdings die Stadt Biel, dafür haben wir neu drei andere Zugewandte Orte, nämlich die Abtei St. Gallen, Mülhausen und Rottweil.

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Und rechts, unten an der grossen Treppe, wer ist denn das? Ein Mann mit Rock und einem goldenen Helm mit einem …? Nun, so klar ist es nicht, ob das ein Basilisk ist. Aber zählen wir ihn einmal dazu. Mehr dazu später.

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Munatius Plancus Stolzer Stadtgründer von Basel!?

Hier im Innenhof des Rathauses seht ihr eine beeindruckende überlebensgrosse Statue. Sie stellt einen römischen Feldherrn namens Munatius Plancus dar. Die Statue wurde von dem Bildhauer Hans Michel aus Strassburg geschaffen. Er schenkte sie der Stadt Basel im Jahr 1580 (siehe die Jahreszahl oben am Sockel) zum Dank dafür, dass er gratis ins Basler Bürgerrecht aufgenommen worden war. Lange Zeit hiess es, dass Munatius der Gründer der Stadt Basel gewesen sei. Aber das stimmt vielleicht doch nicht. In seiner Grabinschrift (in der italienischen Stadt Gaeta) steht, dass er im Jahr 44 vor Christus Augusta Raurica gegründet hat, das ist die römische Stadt beim heutigen Augst (im Kanton Baselland), von der ihr vielleicht schon gehört habt. Von Basel steht nichts in der Grabinschrift des Munatius. Wie kam man trotzdem zu der Meinung, dass er auch Basel gegründet hat?

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Die Sache ist verzwickt. Vor der Reformation hatten die Baslerinnen und Basler ihren Kaiser Heinrich II. Der war zwar nicht der Gründer der Stadt, aber so etwas wie ein ‹Stadt-Vater›, da er ja das Münster gestiftet hatte und zudem heiliggesprochen war. Nach der Reformation passte dieser katholische Heilige nicht mehr so recht ins Bild des protestantischen Basel. Da bot sich Munatius Plancus als neues Aushängeschild und Stadt-Vater an. Da er Augusta Raurica gegründet hatte, war er ja irgendwie auch derjenige, der die Region Basel entwickelt hatte. Heute wissen wir, dass schon lange bevor es Augusta Raurica gab, auf Basler Boden Menschen wohnten und Siedlungen gegründet hatten. Es waren Menschen vom Volk der Kelten, die, bevor die Römer kamen, praktisch in ganz Westeuropa wohnten. Die Kelten-Siedlungen auf heutigem (Gross-)Basler Boden befanden sich in der Nähe der Dreirosenbrücke und auf dem Münsterhügel. Somit wären also die Kelten die eigentlichen Gründer der Stadt gewesen. Wenn man aber lieber bei dem römischen Feldherrn Munatius Plancus als ‹Aushängeschild› und Stadtgründer bleiben möchte, dann gibt es da noch folgende Schwierigkeit: Die frühesten römischen Gegenstände, die man in Augusta Raurica ausgegraben hat, stammen von etwa 15 vor Christus – und nicht von 44 vor Christus, wie es in der Grabinschrift des Munatius Plancus heisst. Damit es trotzdem zusammenpasst, vermuten manche Forscher, dass Munatius im Jahr 44 auf dem Basler Münsterhügel (wo vorher schon Kelten gewohnt hatten) eine römische Siedlung gegründet haben könnte, und dass diese dann etwa 30 Jahre später nach Augst verlegt wurde. Aber beweisen kann man diese Vermutung (bisher) nicht.

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Jetzt wollen wir uns das Rathaus mal von innen anschauen.

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Kommst du mit, Bella?

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Werfen wir einen kurzen Blick auf die Mauer links von uns.

Was hat es wohl mit diesen beiden furchterregenden Hunden auf sich? Beim Umbau des Rathauses 1900/01 war geplant, das Departement des Innern und das Finanzdepartement im Rathaus unterzubringen, und die Doggen sollten symbolisch auf den Staatsschatz aufpassen.

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Jetzt gehen wir durch die grosse TĂźre oben an der Treppe beim Munatius Plancus.

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Wusstest du, … dass jemand im Rathaus wohnt?

Es ist der Rathausabwart. Er heisst Adrian Zumbach und wohnt mit seiner Frau Claudia und Sohn Nevio im 4. Stock im Hinterhaus. Nevio hat es nicht einfach mit seinem Wohnort, wenn er gefragt wird, wo er wohne, und er antwortet: «Im Rathaus!», dann glaubt ihm das niemand. Deshalb sagt er jetzt meistens, er wohne am Marktplatz 9. Das ist die offizielle Adresse des Rathauses, so hat er keine Schwierigkeiten.


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Lustige Details:

Vorraum zum Grossratssaal und Garderobe Wir sind jetzt im Vorraum des Grossratsgebäudes und gehen geradeaus in die Garderobe. Dort können die Grossrätinnen und Grossräte vor ihren Sitzungen ihre Sachen ablegen.

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Jeder Kleiderhaken hat eine eigene Nummer. Sie entspricht genau der Nummer des Stuhls, auf dem die Parlamentsmitglieder drinnen im Saal sitzen.

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Und habt ihr eine Idee, für was dieses kleine Blechgestell an der Wand ist? Das ist ein Stumpenhalter.

gehörte früher einfach dazu, wenn man Grossrat und ein wichtiger Mann war. Da muss hier manchmal ein unglaublicher Qualm geherrscht haben.

Darauf konnten die Grossräte (früher waren das ja nur Männer) ihre Stumpen oder Zigarren ablegen, während sie sich die Hände wuschen. Die Ablagerillen sind ebenfalls nummeriert, damit kein Grossrat den falschen Stumpen erwischte. Zigarren rauchen

Schaut euch mal diese schön verzierten Wasserhähne an. Sind die nicht toll?

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Das Vorzimmer zum Grossratssaal: Basler Schreinerarbeit vom Besten und eine gruselige Geschichte

Gehen wir in den Vorraum zurück und dann rechts ins Vorzimmer des Grossratssaales. Ein wunderschöner Raum! Die Wandverkleidungen sind aber gar nicht so alt, wie sie aussehen. Sie wurden erst 1904 fertiggestellt, zusammen mit dem Hinterhaus und dem Grossratssaal. Wie ich euch vorhin erzählt habe, hat man damals das Rathaus erweitert. Man baute links die ‹Neue Kanzlei› und rechts den Turm an. Hinten hinaus baute man den neuen Grossratssaal mit seinen Nebenräumen; und damit es besser mit dem Vorderhaus von 1514 zusammenpasste, machte man die Innenausstattung (aber auch die Fassade), wie man so schön sagt, ‹auf alt›.

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Schaut mal diese prächtigen Glasfenster! Die anderen eidgenössischen Kantone haben sie dem Kanton Basel im Jahr 1951 zur Jubiläumsfeier geschenkt; damals war es 450 Jahre her, dass Basel der Eidgenossenschaft beigetreten war. Hier im Vorzimmer des Grossratssaales hat es zwölf dieser Glasfenster, die restlichen sind in anderen Räumen des Rathauses verteilt. So, jetzt werft mal einen Blick auf das Reliefbild dort drüben beim Cheminée, unterhalb der Decke. Es zeigt, wie zwei Männer einen Basilisken aus einem Brunnen ziehen. Dahinter steckt natürlich eine Geschichte. Wollt ihr sie hören? An der Gerbergasse 48 (dort, wo heute etwas versteckt ein moderner Brunnen mit einer Inschrift zu dieser Geschichte steht) befand sich einst eine Bäckerei. Eines Morgens ging Leni, die Bäckerstochter, zum nahegelegenen Brunnen, um Wasser zu holen. Das war ein richtiger alter Sodbrunnen, aus dem man das Wasser mit einem Eimer, der an einem Seil hing, heraufholen musste. An diesem Morgen drang aus dem Brunnenloch ein übler Schwefelgestank empor. Leni rief zwei Wächter herbei und bat sie nachzuschauen, was da los sei. Die beiden stiegen am Seil in den Brunnen hinunter, kamen aber ganz schnell wieder hoch, hustend und total verängstigt. Sie berichteten, sie hätten unten im Brunnen ein schreckliches Riesenviech gesehen, und sie würden sicher nicht noch einmal dort hinuntersteigen. Nun kam Peter dazu, der Bäckerlehrling. Er war verliebt in die Leni und wollte ihr beweisen, wie mutig er ist. Er werde mal nach dem Rechten sehen, sagte er, und stieg hinab. Nach einer Weile kam er wieder herauf und sagte den Wächtern, das Viech sei jetzt tot, und sie könnten es am Seil heraufziehen. Das taten die Wächter, und dieser Moment ist auf dem Reliefbild dargestellt. 88


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Was hatte Peter gemacht? Er hatte sich gleich gedacht, dass das Viech ein Basilisk sein müsse. Und da ja allgemein bekannt war, dass der Blick des Basilisken tödlich ist, nahm er einen Spiegel mit in den Brunnen. Den hielt er dem Ungeheuer vors Gesicht, was sozusagen zu dessen Selbstmord führte. Und wie es sich in einem Märchen gehört, bekam Peter dann die Leni zur Frau. Übrigens erzählt man sich eine ganz ähnliche Geschichte auch in Wien. So ist es mit vielen Märchen und Legenden, die von Fabelwesen und unerhörten Taten handeln. Sie faszinieren die Menschen in den verschiedensten Ländern. Und man dichtet die Geschichten dann so um, als ob sie sich im eigenen Land oder der eigenen Stadt ereignet hätten.

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Jetzt aber auf zum pr채chtigsten Raum des Rathauses, dem Grossratssaal. Wir gelangen dorthin durch eine der beiden Fl체gelt체ren an der L채ngsseite des Vorzimmers.

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Der Grossratssaal:

Ein Feuerwerk an Bildern und Ornamenten Wow! Nicht Ăźbel, was? Und so viel aufs Mal zum Besichtigen! Lasst uns mal hier in der Mitte auf einen Stuhl sitzen und in die Runde schauen.

 

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All die Bilder und Symbole hier haben eine besondere Bedeutung. Es würde Stunden dauern, wenn ich euch das alles erklären wollte. Aber das Hauptbild über der Präsidiumswand, das ihr auf den vorigen Seiten abgebildet seht, müssen wir uns genauer anschauen. Es stellt die Zeremonie dar, mit der Basel 1501 in die Eidgenossenschaft aufgenommen wurde. Dazu könnt Ihr auf Seite 108 Genaueres lesen.

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Rosalia Schill-Meyer

Rosalia Schill-Meyer

Eduard Schill-Ernst

Der Maler der grossen Wandbilder im Grossratsaal, Emil Schill, hat für die meisten Köpfe, die er malen musste, Menschen als Modell gewählt, die 1904 lebten, und die zum Teil seine Verwandten und Malerkollegen waren, die auch am Rathaus gearbeitet haben.

im rechten Wandbild an der Präsidiumswand und als ‹Veritas› links an der Fensterwand, wo sie die Wahrheit verkörpert), seinen Vater Eduard SchillErnst (im mittleren Bild der Präsidiumswand, der zweite Kopf von rechts), sowie die Frau des Abwarts des Rathauses von 1904, Maria Otto-Glockner mit ihrem Kind Rosalia in den Händen (links im rechten Bild an der Präsidiumswand).

So finden wir seine Frau, Rosalia Schill-Meyer, gleich zweimal (Frau mit Kopftuch ganz rechts am Rand 97

Maria Otto-Glockner mit ihrem Kind Rosalia

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Wusstest du, … dass 30 Sitze zu viel im Grossratssaal sind?

Die erste Verfassung des Kantons von 1875, die den heutigen Grossen Rat und den Regierungsrat einführte, schrieb 130 Grossräte vor. Nur Grossräte, weil es erst ab 1968 auch Grossrätinnen gab, nach Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen in Basel-Stadt im Jahre 1966. Mit der neuen Verfassung von 2006 wurde die Anzahl der Grossratsmitglieder auf 100 gesenkt, die Anzahl von 130 Sitzplätzen blieb aber. Weshalb? Zuerst wollte man den Saal umbauen, aber man dachte dann, dass ganz neue Stühle nicht gut zur sonstigen Einrichtung und Ausschmückung des Saales passen würden. Und man darf nicht vergessen: Der Grosse Rat tagt normalerweise nur zweimal im Monat, am zweiten und dritten Mittwoch, sonst ist der Saal leer. Er wird aber für andere Anlässe genutzt, so zum Beispiel für Preisverleihungen oder Versammlungen von Vereinen, und dann sind mehr als 100 Sitzplätze sehr willkommen. Noch etwas: Die schwarzen Kästchen an jedem Platz sind keine Spielkonsolen für die Ratsmitglieder. Sie sind Teil der elektronischen Abstimmungsanlage, die während den Sitzungen eingeschaltet ist. Dann kann jedes Parlamentsmitglied mithilfe einer persönlichen Karte, die links in das Kästchen eingeführt werden muss, von jedem Platz aus abstimmen. Drückt man grün, ist man für etwas, drückt man rot, ist man dagegen; und gelb heisst, dass man sich der Stimme enthält. Das Gesamtresultat wird dann auf einem Bildschirm bekannt gemacht. Den sieht man aber nur, wenn eine Ratssitzung stattfindet, sonst ist er unter dem grossen geschnitzten Baselstab oberhalb der erhöhten Plätze des Grossratspräsidiums versteckt.


Wusstest du, … wie kaputte Birnen am Leuchter des Grossratssaales ausgewechselt werden?

Indem man den Leuchter an einem langen Kabel von der Decke herunterlässt; so kommt man an die Birnen heran. Oberhalb des Grossratssaales befindet sich das Drucksachenarchiv des Staatsarchivs, und dort hat es eine Klapptüre im Boden, unter der sich eine elektrisch betriebene Kurbel befindet, mit der man den Leuchter an zwei dicken Stahlseilen herunterlassen kann. Durch ein kleines Loch hindurch kann man von dort aus rund neun Metern Höhe auf den Grossratssaal blicken und sieht, wie hoch dieser Saal tatsächlich ist. Die 72 grossen Birnen müssen extra für den Grossratssaal hergestellt werden, da die neuen LED-Birnen nicht mehr in die alten Fassungen passen. Deshalb musste mit einer Firma in Reinach extra eine neue LED-Birne entwickelt werden, die passt. Hergestellt werden diese Extraanfertigungen in China …


Das Beraten von neuen Gesetzen ist eine der wichtigsten und interessanten Arbeiten eines Parlaments. Im Parlamentsalltag geht es aber meistens um andere Dinge, die auch beschlossen werden müssen, und die manchmal gerade so wichtig sind wie ein neues Gesetz. – Sehr oft geht es dabei um Geld.

weiteres Mitglied findet, dass das neue Schulhaus an einen anderen Ort zu stehen kommen sollte und enthält sich der Stimme. Acht Mitglieder finden das Projekt toll und unterstützen es. Die Kommission fasst ihre Beschlüsse mit einfachem Mehr. In unserem Beispiel empfiehlt sie also dem Grossen Rat (mit 8:4:1 Stimmen), das Schulhausprojekt gutzuheissen.

Die Regierung sammelt zwar die Steuern ein, die deine Eltern jedes Jahr bezahlen, aber das Geld ausgeben darf sie nur, wenn das Parlament, als Vertretung der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, dazu ja gesagt hat.

Danach unterhalten sich die sogenannten Fraktionen (das sind Parteien von mindestens fünf Mitgliedern oder Gruppierungen von Parteien, die im Grossen Rat vertreten sind) über den Antrag der Sachkommission und entscheiden, ob sie der Empfehlung der Sachkommission folgen oder nicht und entsprechend in der Grossratssitzung mit Ja oder Nein stimmen. Jetzt kommt das Geschäft in den Grossen Rat. Die Regierung, die Sachkommission und die Fraktionen berichten, und dann kommt es zu einer Abstimmung, die darüber entscheidet, ob die Regierung das Geld für den Bau des Schulhauses bekommt oder nicht.

Ich kann das an einem Beispiel erklären: Der Regierungsrat, der für die Schulen verantwortlich ist, der Vorsteher des Erziehungsdepartements, auch Erziehungsdirektor genannt, möchte ein neues Schulhaus bauen, da es mehr Schülerinnen und Schüler in Basel gibt oder weil ein altes Schulhaus baufällig ist. Dafür braucht er Geld. Wenn eine Mehrheit der sieben Regierungsmitglieder mit der Forderung des Erziehungsdirektors einverstanden ist, schreibt dieser im Namen des Regierungsrates einen Bericht, einen sogenannten Ratschlag, an den Grossen Rat. Dieser überweist das Geschäft einer sogenannten Sachkommission, mit dem Auftrag, die Sache vorzuberaten.

Verlauf eines Geschäfts:

Departementsvorsteher erstellt Ratschlagentwurf unterbreitet

<

Regierungsrat beschliesst Ratschlag

In diesem Falle wird der Ratschlag der Bildungs- und Kulturkommission überwiesen, die sich, wie der Name sagt, mit Bildungsvorlagen beschäftigt. Sie ist eine von sieben Sachkommissionen.

unterbreitet

<

Grosser Rat weist zu

<

Sachkommission

Die Sachkommission, die aus dreizehn Grossratsmitgliedern unterschiedlicher Parteien besteht, berät das Geschäft und stimmt darüber ab, ob sie dem Grossen Rat empfehlen soll, diesem Ratschlag zuzustimmen oder nicht. Es kann sein, dass in der Kommission vier der dreizehn Mitglieder das vorgeschlagene neue Schulhaus zu teuer finden. Ein

empfiehlt

<

Fraktion beraten Abstimmungsverhalten <

Grosser Rat entscheidet 99

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Vom ‹Hinterhaus›, in dem der Grossratssaal ist, gehen wir jetzt über eine Laube ins ‹Vorderhaus›, das ist also das alte, 1514 eingeweihte Rathausgebäude am Marktplatz.

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Der Verkündigungsbalkon:

Von General Guisan bis Roger Federer Im Vorraum geht es zuerst nach links durch ein schönes Holzportal in das ‹Turmzimmer›. Es heisst so, weil es sich direkt unter dem Turm befindet.

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Das Portal hat übrigens einen versteckten ‹Spion›, ein Guckloch. Schaut euch mal die Zunge des geschnitzten Löwen genau an! So, und jetzt können wir auf den berühmten Balkon treten. Manche sagen: Es gibt zwei Arten von Menschen in Basel – diejenigen, die schon einmal auf diesem Balkon standen und die anderen. Nun, ab heute gehört ihr zur ersten Art! Der Balkon heisst ‹Verkündigungsbalkon›, weil man von hier oben gut zu einer Volksmenge unten auf dem Marktplatz sprechen und wichtige Dinge verkünden könnte. In Wirklichkeit tut das niemand. Der Balkon wird aber manchmal genutzt, wenn berühmte Leute in Basel sind und sich der Bevölkerung zeigen wollen.

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Hey Bella, komm sofort von der Balkonbrßstung runter! Erstens bist du keine berßhmte Person und zweitens habe ich Angst, dass du runterfällst.

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Im Zweiten Weltkrieg stand einmal General Guisan hier oben. Er war der oberste Befehlshaber der Schweizer Armee und wollte der Basler Bevölkerung mit seiner Anwesenheit zeigen, dass sich die Stadt in dieser schwierigen Zeit auf die Armee verlassen kann. Und dann stand hier auch einmal Roger Federer mit Stan Wawrinka und Fabian Cancellara zur Feier ihrer Goldmedaillengewinne an den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Vom Marktplatz aus sieht der Balkon wie auf dem Bild links aus. Man sieht dort zwischen dem Aeschentor (das es nicht mehr gibt) und dem Spalentor einen Mann mit einem Banner, auf dem steht: «HIE SCHWEIZ GRUND U BODEN». Und man sieht auch zwei Jahreszahlen. Als die zehn bisherigen Orte am 13. Juli 1501 mit ihren Delegationen durch das Aeschentor zum Marktplatz marschierten, sollen sie dort mit dem Spruch «Hie Schweiz Grund und Boden» empfangen worden sein, weil Basel ja demnächst auch Teil der Schweiz sein sollte, denn auf dem Marktplatz wurde der neue Kanton kurz darauf feierlich in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Man schwor dort gemeinsam auf einen ‹Bundesbrief›. Ihr habt diese Szene auf dem Bild an der Präsidiumswand im Grossratssaal (Seite 94 / 95) bereits gesehen. Statt der Soldaten, die normalerweise die Stadt bewachten, soll man bei dieser Gelegenheit Frauen mit Spinnrädern an die Tore gesetzt haben. Damit wollten die Basler zeigen, dass sie sich im neuen Bund nun ganz sicher fühlten. Es gab auch einen speziellen Grund, weshalb dies alles am 13. Juli passierte: Dies ist der Namenstag des Stadtheiligen Heinrich, der ‹Heinrichstag›. 108


Den schönen Bundesbrief werden Bella und ich dir später noch zeigen.

Über dieser Nische hat Balmer ein Gemälde angebracht. Man erkennt darauf den Bogen eines Stadttors mit dem hochgezogenen Fallgitter. Darunter sitzt eine Frau mit einem Spinnrad.

Die zweite Jahreszahl 1901 auf dem Banner weist einerseits auf das Jahr hin, in dem der Turm erbaut wurde, andererseits auch auf das 400-Jahr-Jubiläum des Beitritts von Basel zur Eidgenossenschaft. Zur Feier dieses Jubiläums gab es damals ein grosses Festspiel unterhalb des Margarethenkirchleins. Eröffnet wurde es durch eine singende Frau am Spinnrad unter einem der Stadttore.

Von Nahem sieht man, dass sie ein Halsband trägt, auf dem die Inschrift «Hie Basel Schweizer Boden» teilweise zu lesen ist. Das Gesicht der abgebildeten Frau ist das Gesicht der Sängerin, die das Festspiel eröffnet hat. Sie war Ida Huber-Petzold, und ihr Mann war der Komponist der Festspielmusik, Hans Huber.

Wie ich euch ganz am Anfang erzählte, hat Wilhelm Balmer 1900 die Gemälde an der Rathausfassade erneuert. Dabei hat er auch ein paar Sachen dazuerfunden. Zum Beispiel bei der Wächternische an der alten Kanzlei.

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So, nun verabschieden wir uns von der Volksmenge, die uns in unserer Fantasie dort unten auf dem Marktplatz zugejubelt hat, und gehen zurĂźck in den Vorraum. Dann gehen wir durch die TĂźr rechts in den Regierungsratssaal.

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Der Regierungsratssaal:

Der älteste Raum im Rathaus Auch hier findet ihr einige der Wahrzeichen von Basel, die ihr schon kennengelernt habt. Es hat goldene Baselstäbe und einen Kaiser Heinrich (aus Glas). Und es hat mehrere Basilisken, vier aus Holz und einen aus Stein. Zugegeben, diese fßnf sind diejenigen, die am schwierigsten von allen hier im Rathaus zu finden sind. Los Bella, hilf den Kindern suchen. Such!

O je, Bella, da unten am Boden suchst du aber am falschen Platz!

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Wir befinden uns jetzt im ältesten Saal des Rathauses. Wir haben gerade mit ein paar wenigen Schritten eine architektonische Reise von fast 500 Jahren hinter uns, vom Turmzimmer, Baujahr 1901, in den Regierungsratssaal, Baujahr 1514. Auch in diesem Saal hat es prächtige Glasfenster mit den Kantonswappen. Diese hier sind die Geschenke der damaligen Bundesgenossen an Basel. Hergestellt hat sie der Basler Glasmaler Antoni Glaser um 1519/20. Wie ihr euch denken könnt, kann ich mich an den modernen Tisch hier in der Mitte, den ihr auf der vorherigen Seite gesehen habt, einfach nicht gewöhnen. Ich komme ja aus einer anderen Zeit. Aber dieses Möbel scheint immerhin praktisch zu sein. An ihm sitzen jeden Dienstag die sieben Regierungsrätinnen und -räte mit dem Staatsschreiber oder der Staatsschreiberin. Sie oder er und ihre Stellvertretung sind so etwas wie das Sekretariat des Regierungsrats. An ihrer wöchentlichen Sitzung bereitet die Regierung die Geschäfte vor, die sie dem Grossen Rat vorlegen will. Ein Platz an dem Tisch ist für einen Gast reserviert. Diesen modernen Tisch gibt es erst seit 2001. Davor hatte es Pulte aus Holz, die nicht im Rund, sondern in Hufeisenform aufgestellt waren. Die Regierungspräsidentin oder der Regierungspräsident leitet die Sitzungen und nimmt oben in der Mitte Platz, vor dem schönen Holzportal. Er oder sie hat den kürzesten Weg zur Regierungsratssitzung, denn das Büro des Regierungspräsidiums befindet sich gerade hinter dieser Türe. Die anderen sechs Regierungsmitglieder und ihre vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben längst nicht mehr alle im Rathaus Platz. Die einzelnen Abteilungen der Regierung (man nennt sie Departemente) haben über die ganze Stadt verteilt ihre Büros. 114


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So, und jetzt machen wir etwas ganz Ungewöhnliches und legen uns auf den Boden. Wir dürfen das, weil wir Besucher sind und niemand sonst uns sieht. So können wir bequem zur Decke des Saales hinaufschauen, dort gibt es nämlich ganz viel zu sehen.

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Die Wappen dort kennt ihr schon, das sind die gleichen wie an der Fassade, und ein paar mehr, weil es hier mehr Platz hat für weitere zugewandte Orte. Aber das Interessante sind die Schnitzereien. Schaut genau hin. Es sind Jäger und Gejagte. Aber wer sind die Jäger, und wer wird als Beute an Spiessen aus dem Wald getragen? Und was passiert mit den Jagdhunden? Die Hasen und die Menschen mit ihren Jagdhunden haben die Rollen vertauscht. Solche Bilder findet man in vielen Regierungsgebäuden auf der Welt. Man nennt sie ‹Verkehrte Welt›. Sie sollen die Regierenden daran erinnern, dass sie auf den Staat achtgeben, damit die Ordnung nicht plötzlich auf den Kopf gestellt wird und eben, bildlich gesprochen, die Hasen die Menschen jagen.

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Zum Schluss schauen wir noch kurz in die Ecke mit der seltsamen Steindecke. Dort hängt das Basler Exemplar des Bundesbriefes, der am 13. Juni 1501 auf dem Marktplatz beschworen wurde. Daran angehängt sind die Siegel der elf Orte, die diesen Bund beschworen haben. Unter der Steindecke könnte vielleicht einmal ein Altar gestanden haben, das ist aber nicht sicher. Vielleicht hängte man die Abschirmung auch dorthin, damit der Ofen, der früher einmal darunter stand, die Holzdecke nicht verkohlen konnte. Unter der Steindecke seht ihr die Marien-Darstellung, die ich vorhin (auf Seite 47) erwähnt habe, die einzige am und im Rathaus, die nicht in eine Justitia verwandelt wurde. Und sie hat einen vergoldeten Baselstab.

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So, jetzt gehen wir ein Bild anschauen, das eine eindrückliche Geschichte erzählt. Dazu müssen wir wieder über die Laube zurück ins ‹Hinterhaus› gehen. Du auch, Bella, komm jetzt!

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Im Vorraum geht es gleich rechts die Treppe hoch in den zweiten Stock. Dort prangt das Bild an der Wand.

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Salomons Urteil:

Ein Gerechtigkeitsbild, das einen schaudern macht Es erzählt eine Geschichte aus der Bibel, aus dem Alten Testament Ich lese sie euch wÜrtlich vor:

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Damals kamen zwei Frauen und traten vor den König (= Salomon, König von Jerusalem, der, wie seinerzeit alle Könige, auch Richter war). Die eine sagte: «Bitte, Herr, ich und diese Frau wohnen im gleichen Haus, und ich habe dort in ihrem Beisein geboren. Am dritten Tag nach meiner Niederkunft gebar auch diese Frau. Wir waren beisammen; kein Fremder war bei uns im Haus, nur wir beide waren dort. Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Sie stand mitten in der Nacht auf, nahm mir mein Kind weg, während meine Magd schlief, und legte es an ihre Seite. Ihr totes Kind aber legte sie an meine Seite. Als ich am Morgen aufstand, um mein Kind zu stillen, war es tot. Als ich es aber am Morgen genau ansah, war es nicht mein Kind, das ich geboren hatte.» Da rief die andere Frau: «Nein, mein Kind lebt, und dein Kind ist tot.» Doch die Erste entgegnete: «Nein, dein Kind ist tot, und mein Kind lebt.» So stritten sie vor dem König. Da begann der König: «Diese sagt: ‹Mein Kind lebt, und dein Kind ist tot!› und jene sagt: ‹Nein, dein Kind ist tot, und mein Kind lebt.›» Und der König fuhr fort: «Holt mir ein Schwert!» Man brachte es vor den König. Nun entschied er: «Schneidet das lebende Kind entzwei, und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen!» Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: «Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind, und tötet es nicht!» Doch die andere rief: «Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es!» Da befahl der König: «Gebt jener das lebende Kind, und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter.» 128


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Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten mit Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, dass die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach. Warum wohl hat man ein solches Bild im Rathaus an die Wand gemalt? Das ganze Rathaus und der Grossratssaal ist voll von solchen Bildern, die eine Tugend, also eine gute Eigenschaft, darstellen. Man nennt sie ‹Gerechtigkeitsbilder›. Die Idee dahinter ist, dass die Ratsmitglieder, wenn sie diese Bilder sehen, daran erinnert werden sollen, gerecht zu sein, wie zum Beispiel im Falle von Salomon.

Nun geht es zum – wörtlich genommen – Höhepunkt unseres Rundgangs, nämlich auf den Turm. Seid ihr noch fit genug für die 105 Treppentritte?

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Also los! Wir gehen wieder Ăźber die Laube ins Vorderhaus und schauen kurz auf die bemalte Fassade links. Habt ihr ihn entdeckt, unseren sagenhaften Vogel?

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Der Hase, den ihr dort auch seht, wurde angebracht, weil an dieser Stelle, bevor man den Rathausturm und den neuen Grossratssaal baute, das ‹Haus zum Hasen› stand, das dann abgerissen wurde. Als kleine Erinnerung hat man auf die neue Fassade den Hasen gemalt und darunter einen frühen Besitzer des Hauses, Jakob Meyer (1482 – 1531), der sich wegen seines Wohnortes auch ‹Jakob Meyer zum Hasen› nannte.

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Dann gehen wir links durch die TĂźr ins Treppenhaus und steigen die Wendeltreppe zum Turm hinauf.

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Der Rathausturm:

Ohne Funktion aber mit tollem Ausblick Ist euch auch ein bisschen schwindlig? Wir sind jetzt 30 Meter Ăźber dem Marktplatz. Insgesamt, mit der Windfahne, ist der Turm 47 Meter hoch.

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((Zeichnung: Basil, vielleicht auf dem Tisch in der Turmstube sitzend [Foto pendent] > ggf. beide Figuren in einer Abbildung)))) ((Zeichnung: Bella, ausser Atem > ggf. beide Figuren in einer Abbildung))))

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Und was man hier für einen tollen Ausblick hat. So habt ihr, auch wenn ihr in Basel wohnt, die Freie Strasse noch nie gesehen! Die Aussicht ist zwar schön, aber so richtig gebrauchen kann man diese Turmstube nicht, schon gar nicht für Sitzungen: Es hat keine Heizung, keinen Wasserhahn, und natürlich auch kein WC. Vom Lift ganz zu schweigen. Ganz nutzlos ist der Bau aber doch nicht. Im Turmspitz hängen die ‹Roothuusgleggli›. Sie läuten immer eine Stunde und eine Viertelstunde vor jeder Grossratssitzung. Also an jedem zweiten und dritten Mittwoch im Monat um 8 und um Viertel vor 9 Uhr sowie um 2 und um Viertel vor 3 Uhr. Manchmal gibt es eine Nachtsitzung; dann läuten die Glocken auch um 7 und um Viertel vor 8 Uhr abends. Als man 1899 anfing, den Rathaus-Anbau zu planen, hat man ziemlich heftig darum gestritten, ob es überhaupt einen Turm geben sollte. Man liess auch Pläne ohne Turm zeichnen. Schliesslich mussten die Basler Stimmberechtigten in einer Abstimmung darüber entscheiden, und sie waren klar für den Turm. Zum Glück, kann man heute sagen. Findet ihr nicht auch? Aber der Turm wurde gar nicht gebaut, um für etwas gebraucht zu werden. Sondern das Rathaus sollte einfach am Marktplatz besser zur Geltung kommen.

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Wusstest du, … dass es im Rathausturm einen kleinen Flugplatz gibt?

Neben den beiden Rathausglocken im Dachstock befindet sich ein weisser Kasten hinter einer Öffnung im bunten Ziegeldach auf der Nordseite des Turms. In diesem Kasten wurde ein Nistplatz für Vögel eingerichtet, der ab und zu von Turmfalken und Stockenten genutzt wird. Wenn du also am Rathaus vorbeigehst und auf der linken Seite zum obersten Fensterchen guckst, kannst du mit etwas Glück die Vögel dort ein- und ausfliegen sehen.


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Dank

Es bleibt mir zu danken. Zuerst einmal jenen vielen freundlichen Menschen, von denen ich in der Vergangenheit so viel über das Rathaus erfahren durfte und die mir beim Verfassen des Textes im Zweifel immer wieder hilfreich zur Seite standen: Erwin Bezler, der ehemalige Rathausabwart und wohl beste Kenner des Hauses, Eva Gschwind, die Leiterin der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit des Grossen Rates, Christian Heydrich, Restaurator, der alle paar Jahre das Äussere des Rathauses wieder in Schuss bringt, Gregor Mahrer, der Restaurator des Dachreiters, Martin Möhle, Verfasser des Rathaus-Kunstführers, und schliesslich Adrian Zumbach, der Rathausabwart, der mir zu allen Unzeiten Zugang zu den unmöglichsten Orten im Rathaus gewährt hat. Danken möchte ich den vielen Sponsoren, die diese Publikation überhaupt erst möglich gemacht haben: der Christoph Merian Stiftung, der Bürgergemeinde der Stadt Basel, dem Swisslos Fonds Basel-Stadt, der Willy A. und Hedwig Bachofen-Henn-Stiftung, der Ernst Göhner Stiftung, HEIVISCH, dem Kinderbüro Basel, der UBS Basel, der Basler Kantonalbank, dem Kiwanis Club Basel, Pro Innerstadt und Vischer Architekten (deren Gründer, Eduard Vischer-Sarasin, die Erweiterung des Rathauses 1889 bis 1904 als Architekt realisiert hat). Besonders gefreut hat mich, dass sich auch zwei Nachbarn des Rathauses an der Publikation beteiligt haben: die Schiesser Confiserie zum Rathaus (die diesen Namen ja nicht zufällig trägt), und die E. E. Zunft zu Weinleuten, die als Besitzerin der Geltenzunft, des Renaissance-Gebäudes unmittelbar rechts neben dem Rathaus, in wirklich engem Kontakt zum Basler Parlamentsgebäude steht. Ein grosser Dank gebührt aber auch dem Christoph Merian Verlag, der mein Manuskript so wohlwollend aufgenommen und von einem Kreativ-Team hat realisieren lassen, das aus meinem bescheidenen Manuskript das gemacht hat, was heute in Ihren Händen liegt. Allen voran Gregorio Caruso, Buchgestalter, und Jooce Garrett, Schöpfer von Basil und Bella, die diese beiden Figuren erst wirklich zum Leben erweckt haben. Dann Jörg Bertsch, der mein Manuskript sprachlich veredelt, und Michael Fritschi, der all meine Bild-Ideen professionell umgesetzt hat.

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Literatur

Gedruckte Werke:

Internet:

C. H. Baer: Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band 1. Vorgeschichtliche, römische und fränkische Zeit; Geschichte und Stadtbild; Befestigungen, Areal und Rheinbrücke; Rathaus und Staatsarchiv. (Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 3). Basel, 1971.

Der Grosse Rat des Kantons Basel-Stadt. Basel-Stadt, seine Politik und sein Parlament – einfach erklärt (Hg. Grosser Rat des Kantons Basel-Stadt): http://www.bs.ch/dam/jcr:c7a39b4b-6a94-4742a248-2a103fb45dc2/der_grosse_rat_screen_doppelseitig.pdf%20 (01.04.2019)

Grosser Rat des Kantons Basel Stadt (Hg.): Der Grosse Rat des Kantons Basel-Stadt. BaselStadt, seine Politik und sein Parlament – einfach erklärt. Basel 2017 (erhältlich bei der Pforte beim Treppenhauseingang)

Peter Habicht: Stadtansichten: Rathaus (Hg. Christian Heeb/barfi.ch): www.youtube.com/watch?v=MR1GgoKdFos&list=PLU4XlQYPyoi8pKMolRfhlaH3ENrNVP2Zf&index=46&t=0s (01.04.2019)

Martin Möhle: Das Rathaus in Basel. Gesellschaft für schweizerische Kunstgeschichte GSK (Hg.) (Schweizerischer Kunstführer). Bern 2014.

Staatskanzlei Basel-Stadt – Rathaus. Geschichte und Besuch (Hg. Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt/ Staatskanzlei): www.staatskanzlei.bs.ch/rathaus/geschichtebesuch.html (01.04.2019)

Markus Ritter (Hg.): Wer regieren will, muss viel hören, und nicht hören. Spruchweisheiten und Inschriften im Basler Rathaus. Basel 2014. Spalentor Verlag (Hg.): B wie Basel. Das Basler Rathaus. Dezember 2016 / Januar 2017. Basel 2017. Staatskanzlei des Kantons Basel-Stadt (Hg.): Das Basler Rathaus. Basel 1983. Staatskanzlei des Kantons Basel-Stadt (Hg.): Das Basler Rathaus (Leporello, liegt im Rathaushof aus)

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Impressum

Diese Publikation wurde ermöglicht durch Beiträge der Christoph Merian Stiftung, der Bürgergemeinde der Stadt Basel sowie der Willy A. und Hedwig Bachofen-Henn-Stiftung, der Basler Kantonalbank, E.E. Zunft zu Weinleuten, Ernst Göhner Stiftung, HEIVISCH, Kinderbüro Basel, Kiwanis Club Basel, Pro Innerstadt Basel, Schiesser Confiserie zum Rathaus, Swisslos-Fonds Basel-Stadt, UBS, Vischer Architekten AG.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Christoph Merian Verlag Alle Rechte vorbehalten; kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Jörg Bertsch, Basel; BUCHGESTALTUNG UND LITHOGRAFIE: Gregorio Caruso, aplus caruso GmbH, Basel; Jooce Garrett, Basel; FOTOGRAFIE: Michael Fritschi, foto-werk gmbh, Basel; Oswald Inglin, Basel; shutterstock.com; fotolia.com; Staatsarchiv Basel-Stadt; DRUCK: Eberl Print, Immenstadt; BINDUNG: Kösel, Altusried-Krugzell; SCHRIFTEN: Serifa Light, Roman, Bold; PAPIERE: Lessebo Smooth White 130 g/m2 sowie 115 g/m2; Lessebo Rough 300 g/m²; Curious Matter Goya White 135 g/m2 LEKTORAT:

ILLUSTRATIONEN:

ISBN 978-3-85616-886-5 149

www.merianverlag.ch


Der Autor

Oswald Inglin, geb. 1953, ist promovierter Historiker und Anglist und arbeitete bis 2016 als Lehrer und Konrektor am Basler Gymnasium Leonhard. Er ist langjähriger Grossrat und führt seit 2005 durchs Basler Rathaus. Daneben bietet er auch Rundgänge durch die Quartiere im Basler Osten an. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe MiGs (‹Mitenand im Gspröch sy›), einer Vereinigung von aktiven und ehemaligen Grossrätinnen und Grossräten, die zusammen mit dem Kinderbüro Basel den ‹Polit-Baukasten› entwickelt haben, mit dessen Hilfe jungen Menschen die demokratischen Strukturen unseres Staatswesens nähergebracht werden sollen. Leserinnen und Leser, die sich für Rathausführungen interessieren, können sich direkt an den Autor wenden. Kontakt: Oswald Inglin, Nadelberg 30, 4051 Basel Tel.: 079 396 81 95, osi.inglin@bluewin.ch www.osi-inglin.ch

Diese Publikation wurde unter anderem auch im Rahmen der Kinderführungen des Projekts ‹Polit-Baukasten› des Kinderbüros Basel entwickelt. Sie wird künftig als Begleitbuch Bestandteil der Kinderführungen durch das Rathaus im Rahmen des ‹Polit-Baukasten› sein. 150


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