brefreview

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Programm-Review 2012

Brückenschläge mit Erfolg

Projekte an Fachhochschulen fördern ALLE BREF-PROJEKTE AUF EINEN BLICK

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OFT VERLASSEN SICH SCHWEIZER FIRMEN ZU SEHR AUF DIE EIGENE ERFAHRUNG UND DAS EIGENE WISSEN.

Peter Stössel, Swissmem Seite 2

WIR MÖCHTEN NICHT SO VIELE PARTNER WIE MÖGLICH, SONDERN MÖGLICHST KOMPETENTE PARTNER.

Ursula Graf-Hausner, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Seite 5

FÜR EINE ERFOLGREICHE ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN DESIGNERN UND FIRMEN BRAUCHT ES ERFAHRUNG UND OFFENHEIT.

Claudia Acklin, Hochschule Luzern Seite 8

VOR ALLEM STELLT SICH DEN NEUEN FACHHOCHSCHULDISZIPLINEN DIE FRAGE, WIE FORSCHUNG ÜBERHAUPT DEFINIERT WERDEN SOLL. Thomas Bachofner, Rektorenkonferenz der Fachhochschulen der Schweiz

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Rektorenkonferenz der Fachhochschulen der Schweiz Conférence des Recteurs des Hautes Ecoles Spécialisées Suisses

GRSTIFTUNG.CH

Conferenza dei Rettori delle Scuole Universitarie Professionali Svizzere Rectors’ Conference of the Swiss Universities of Applied Sciences


BREF – BRÜCKENSCHLAG MIT ERFOLG

Fachhochschul-Landschaft im Umbruch «In der schweizerischen Fachhochschul-Landschaft findet ein rasanter Auf-, Um- und Ausbau statt: neue Fachbereiche kommen dazu, neue Disziplinen bilden sich heraus, vernetzte Organisationsformen halten Einzug, die junge Generation der Fachhochschul-Professoren hat sich mit einem kompetitiven nationalen und internationalen Umfeld vertraut gemacht. In diesem Wandel ist es für die Fachhochschulen eine besondere Herausforderung, ihre Nähe zu den KMU, zur Anwendung in Wirtschaft und Gesellschaft zu erhalten. Aber gerade die Praxisnähe ist ihre Stärke.»

Mauro Dell’Ambrogio, Staatssekretär für Bildung und Forschung

Darum geht’s Das Förderprogramm BREF von Gebert Rüf Stiftung und Rektorenkonferenz der Fachhochschulen der Schweiz KFH will neue Brückenschläge zwischen Fachhochschulen und Praxispartnern aus Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen. Es wurde im Jahre 2009 gestartet und ist auf mindestens fünf Jahre ausgelegt. Jedes Jahr werden im Rahmen einer Ausschreibung beispielhafte Brückenprojekte ermittelt und mit total CHF 1,5 Mio. finanziert. In aller Kürze, bref: Es soll bei jedem Projekt darum gehen, eine noch nicht dagewesene und auf Dauer angelegte Forschungs- und Entwicklungs-Zusammenarbeit auszulösen. Wo sind Potenziale, Chancen, Lücken?

Eine gemeinsame Initiative von Gebert Rüf Stiftung und Rektorenkonferenz der Fachhochschulen der Schweiz KFH


Erste Projektergebnisse

GROSS-AGGLO SCHWEIZ: QUALITÄT DES WOHNUMFELDS AUFWERTEN

INNOVATIONSVOUCHER IM TESSIN: WIRTSCHAFTS- UND FACHHOCHSCHULFÖRDERUNG ZUGLEICH

NEUE TESTMETHODE FÜR SONNENSCHUTZPRODUKTE: TECHNOLOGIETRANSFER AUS DER FACHHOCHSCHULE

Für das Wohlbefinden in einer Siedlung ist nicht nur die Qualität der Wohnung selbst, sondern auch das Umfeld von elementarer Bedeutung. In der von einem enormen Siedlungsdruck geprägten Schweiz wird dieser Umstand von den privaten und öffentlichen Akteuren vernachlässigt.

Wie gewinnt man ein KMU dafür, die Fachhochschulkompetenzen zu nutzen? Mit einem Innovationsvoucher. Das Unternehmen erhält einen Gutschein für eine F&E-Leistung aus der Fachhochschule. Die Idee ist nicht neu: Die Förderagentur für Innovation KTI vergibt seit einigen Jahren Innovationsvoucher, allerdings im grossen Massstab und nicht auf die regionalen Bedürfnisse von KMU’s und Fachhochschulen zugeschnitten. Das Projekt «VIP – Voucher for Innovation Partnerships» will nun dieser Idee im Tessin massgeschneidert zum Durchbruch verhelfen: Die Firmen erhalten Innovationsvoucher im Wert von CHF 4 000, CHF 7 500 und CHF 12 500. Unterstützt werden F&E-Leistungen in den Gebieten Technologie, Wirtschaftsberatung und geistiges Eigentum. Der Start war erfolgreich: Aus 42 Gesuchen wurden in einer ersten Runde 17 Voucher vergeben.

Das Projekt «Wohnumfeld» hat es sich zum Ziel gesetzt, ein Kompetenzzentrum zum Thema Wohnumfeld aufzubauen – basierend auf über die Jahre entwickelten Forschungserkenntnissen aus verschiedenen Fachrichtungen. Es richtet sich an Immobilienfachleute, Projektentwickler, Landschaftsarchitekten, Gemeindebehörden und Fachleute für Landschaftsbau. Seit August 2011 wird an einer Marktanalyse und -strategie gearbeitet. Dabei werden die Anforderungen der verschiedenen Anspruchsgruppen an ein Kompetenzzentrum im direkten Dialog geklärt. Eines der Instrumente, das im Rahmen des Projektes bereits entwickelt wurde, ist eine Matrix zur Bewertung der Gestalt- und Nutzungsqualität des privaten Wohnumfelds. «Damit können wir zum Beispiel eine Analyse zum Marktwert des Wohnumfeldes einer Immobilie vornehmen», so Projektleiter Joachim Schöffel.

SCHWEIZER GEMEINDEN: FORSCHUNGSUNTERSTÜTZUNG AUS FACHHOCHSCHULEN

Die Schweizer Gemeinden stehen vor neuen und sich stets verändernden Anforderungen in allen Bereichen. Wissens- und fachbasierte Innovation tut not. Hier haben die Fachhochschulen sehr viel zu bieten. Das Projekt «INGE» will Gemeinden das breite Know-how der Fachhochschulen näher bringen und so die Zusammenarbeit zwischen Fachhochschulen und Gemeinden intensivieren. Insbesondere soll es innovationswilligen Gemeinden leichter fallen, die für ihre Fragestellung kompetenten Forscherteams zu finden und Projekte zu lancieren. Seit Juni 2011 unterstützt ein Webportal den Ideen- und Erfahrungsaustausch zwischen Gemeinden und Fachhochschulen: gemeindezukunft.ch

Die Bestimmung des Lichtschutzfaktors von Sonnenschutzprodukten wird bisher – aus Mangel an technischen Alternativen – am Menschen, also in-vivo, durchgeführt. Testpersonen werden unter kontrollierten Laborbedingungen UV-Licht ausgesetzt, um die Wirkung der Sonne zu simulieren. Dies ist wissenschaftlich ungenau, ethisch bedenklich, kosten- und zeitintensiv. Das Projekt «Standardization of sunscreen products» entwickelt in Zusammenarbeit mit Kliniken sowie in der Schweiz ansässigen Kosmetik- und Life Science-Firmen einen invitro Test, der die bisherigen in-vivo Tests ersetzen und zum weltweiten ISO-Standard werden könnte. Ein ehrgeiziges Ziel, denn bisher sind alle derartigen Versuche gescheitert. «Wir wissen, was bei den bisherigen Versuchen und Entwicklungen nicht geklappt hat und verfolgen einen ganz neuen Ansatz», so Projektleiter Georgios Imanidis.

Liste aller geförderten BREF-Projekte Seite 6 1


BREF – BRÜCKENSCHLAG MIT ERFOLG

Die Erfolgsgeschichten bleiben oft geheim Peter Stössel ist Bereichsleiter Bildung und Innovation bei Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie. Er weiss, was es braucht, um erfolgreiche Brücken zwischen Firmen und Fachhochschulen zu bauen.

arbeit zu teuer war, das Produkt unbrauchbar. Die Erfolgsgeschichten aber – und das sind die Mehrheit – die werden von den Firmen weniger an die grosse Glocke gehängt. Die Firma freut sich und schweigt.

Herr Stössel, was sucht eine Firma, wenn sie die Zusammenarbeit mit einem Fachhochschulpartner anstrebt? Die Firma sucht hohe Qualität und ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Das Problem ist, dass die Firma oft nicht weiss, an welcher Hochschule die Kompetenz zu finden ist, die sie sucht. Für sie ist aber wichtig, gleich im ersten Anlauf den richtigen Partner zu finden. Es gibt in der Schweiz verschiedene Plattformen, die bei der Vermittlung zwischen Firma und Fachhochschule helfen, zum Beispiel regionale WTT-Zentren. Auch Verbände bieten ihren Mitgliedern diese Dienstleistung an. Was hält eine Firma davon ab, einen Fachhochschulpartner zu suchen? Oft verlassen sich Schweizer Firmen zu sehr auf die eigene Erfahrung und das eigene Wissen. Viele Firmen sind da eher konservativ. Und oft fürchten sie, geistiges Eigentum preiszugeben. Aber darauf muss sich eine Firma einlassen: Es gibt keine Garantie, dass Wissen absolut geheim bleibt. Ein Grund für die Zurückhaltung von Firmen könnten auch negative Beispiele der Zusammenarbeit sein ... Sicher gibt es auch diese Beispiele. Das Problem ist, dass in erster Linie die schlechten Beispiele herumgeboten werden: Dass die Zusammen2

Welches sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit? Wichtig ist, dass es keine einseitige Zusammenarbeit ist, sonst handelt es sich um einen Auftrag, den eine Fachhochschule für eine Firma ausführt. Die Zusammenarbeit muss für die Fachhochschule einen Mehrwert bringen, es soll keine Routinearbeit sein, sondern für die Studenten eine Herausforderung darstellen. Wichtig ist aus Sicht der Firma, dass sie das Projekt eng begleitet und periodisch mit den Forschern zusammensitzt, um zu sehen, ob die Richtung noch stimmt. Für die Firma müssen zudem gewisse Voraussetzungen bezüglich Projektinhalt, Preisvorstellungen und Zeitrahmen erfüllt sein. Welche Vorteile ergeben sich für die Firma? Einerseits liefert der Fachhochschulpartner Wissen, denn ein KMU kann unmöglich auf allen Gebieten auf dem neuesten Stand bleiben. Andererseits ist eine Zusammenarbeit stets auch eine Chance zur Rekrutierung von Fachleuten. Solche Projekte können für die Firma effektiver sein als ein Stelleninserat. Schon oft hat ein Student nach Projektende zur Firma gewechselt. Zudem verkürzt eine geglückte Kooperation mit der Fachhochschule die Zeitspanne, um das Produkt auf den Markt zu bringen. Das ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Auf diese Weise können die Projektkosten rasch wieder eingespielt werden. Wie könnte man die Zusammenarbeit verbessern? Es gibt vor allem Verbesserungsmöglichkeiten auf Seiten der Firmen. Früher wurden einschlägige Veranstaltungen gut besucht: Die Fachhochschulen luden die Firmen ein und präsentierten ihr Know-how. Beim Apéro

wurden dann die Kontakte geknüpft. Das ist heute leider weniger der Fall. Heute wird eher der direkte Kontakt gesucht, was nicht so einfach ist, aber von Technologietransferstellen – hoffentlich immer kompetent – unterstützt wird. Gibt es eine Konkurrenz zwischen Universitäten und Fachhochschulen, wenn es um die Zusammenarbeit mit der Industrie geht? Ich sehe da keine allzu grosse Konkurrenz. Die Dienstleistungen von Universitäten und Fachhochschulen unterscheiden sich klar. Bei Projekten mit akademischem Interesse, bei Projekten also, die potentiell eine Doktorarbeit füllen könnten, gehen Firmen zu einer Universität respektive zu einer ETH. Das gilt etwa auch für sehr innovative Spin-Offs oder Start-Ups. Ein Problem sehe ich eher bei der Konkurrenz zwischen Engineering-Firmen und den Fachhochschulen. Beide bieten ähnliche Dienstleistungen an, mit dem Unterschied, dass die Fachhochschulen hauptsächlich vom Staat finanziert sind. Damit besteht die Gefahr der Wettwerbsverzerrung.

swissmem.ch


PROJEKT «WISSENSMANAGEMENT FÜR NACHHALTIGE LANDWIRTSCHAFT»

Von links nach rechts: Michael Schoch, Andreas Stämpfli, Jan Grenz (Projektleiter) und Christian Thalmann

Den Faktor Mensch nicht unterschätzen Eine Forschergruppe um Jan Grenz hat eine Software entwickelt, um Bauernhöfe effizienter zu machen. Damit die Software erfolgreich eingesetzt werden kann, braucht es mehr als technische Perfektion. Die Landwirtschaft steht weltweit vor riesigen Herausforderungen. Sie muss über die nächsten Jahrzehnte zusätzlich zwei bis drei Milliarden Menschen mit Lebensmitteln versorgen, dies bei steigenden Energiepreisen sowie einem immer lauter werdenden Ruf nach nachhaltiger Produktion und besserer Wirtschaftlichkeit der Betriebe. Der Beitrag der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft SHL in Zollikofen an diese Herausforderungen heisst unter anderem «Rise» – eine Analysesoftware, mit der wichtige Indikatoren eines Bauernhofs wie Wasserverbrauch, Bodennutzung, Arbeitsbedingungen analysiert und bewertet werden können. Nach mehrstündiger Datenaufnahme auf dem Bauernhof zeigt das Programm, wo Verbesserungspotential besteht.

AUCH INTERNATIONAL GEFRAGT «Rise» wird nicht nur auf Schweizer Bauernhöfen eingesetzt, sondern weltweit, zum Beispiel in Mexiko. Dort hatten insgesamt elf Grossbetriebe zum einen das Problem, dass sie zur Kühlung der Ställe und Bewässerung des Futterbaus stark von billiger Energie abhingen. Zum anderen hatten sie ein Entsorgungsproblem, weil sie nicht mehr wussten, wohin mit der Gülle. Auf der Suche nach einer Lösung kontaktierten sie die Experten der SHL. Unter Einsatz von «Rise» konnte eine Lösung für beide Probleme gefunden werden: Dank einer neu erstellten Biogasanlage kann jetzt mit der Gülle Strom produziert werden. So werden gleich mehrere Bereiche verbessert: Wirtschaftlichkeit, Energieversorgung, Nährstoffbilanz und Emissionen. «Das ist unser Ansatz: Ein ganzheitlicher Blick auf den 3


BREF – BRÜCKENSCHLAG MIT ERFOLG

Nach der Datenaufnahme zeigt das «Rise»-Polygon, wo Verbesserungspotential besteht.

Betrieb, damit die Akteure vor Ort bessere Lösungen finden», erklärt Jan Grenz, Experte für Nachhaltigkeit. Im Rahmen des BREF-Projekts hat ein Team aus vier SHL-Mitarbeitern «Rise» überarbeitet und perfektioniert (Informationen Seite 6). Und ist dabei auf verschiedene Probleme gestossen, wenn es darum ging, Brücken zu Partnern und Anwendern zu schlagen. «Wir haben uns in einer ersten Phase darauf konzentriert, eine technisch möglichst perfekte Software zu bauen», so Grenz. Die Herausforderung bestand vor allem darin, das Know-how der Wissenschafter und Bauern abzurufen und in eine Software zu giessen. Dazu wurden unter anderem Kontakte zum Bundesamt für Landwirtschaft, zur Forschungsanstalt Agroscope oder zum Forschungsinstitut für biologischen Landbau geknüpft. Um Rückmeldungen aus der Praxis zu erhalten, wurde ein Arbeitskreis mit zehn Bauern gebildet, der die «Rise»-Methode beurteilte. «Wichtig ist, die Bauern und ihre Kompetenz ernst zu nehmen», so Grenz. Rasch merkte das «Rise»-Team, dass es neben der technischen Perfektion noch andere 4

Erfolgsfaktoren gibt. «Damit die Anwender einen Nutzen daraus ziehen, braucht es mehr», so Grenz. Es braucht zum Beispiel eine verständliche Kommunikation der Resultate. Und vor allem braucht es den direkten Kontakt, die Information von Mund zu Mund an Veranstaltungen oder Workshops, da man den Nutzen einer solchen Analyse nur schwer via Web erläutern kann. Das Team möchte darum in Zukunft vermehrt auf lokale Vermittler setzen. Dies können zum Beispiel Bauern und Agrarberater sein, die an «Rise» ausgebildet wurden und in ihrer Region das Angebot bekanntmachen. Zudem besteht die Idee, «Rise» vermehrt in die landwirtschaftlichen Ausbildungslehrgänge einzubauen. Denn in dieser Zeit müssen sich die Bauern ohnehin Gedanken zu den komplexen Vorgängen auf ihrem Bauernhof machen. «Rise» könnte da ein nützlicher Begleiter sein. DIE HÜRDE VOM WISSEN ZUM HANDELN Bei der Umsetzung der Massnahmen, die aufgrund von «Rise» vorgeschlagen werden, ist der Faktor Mensch nicht zu unterschätzen. «Uns war es immer wichtig, dass die Bauern mehr als nur eine Analyse erhalten, sondern

auch gleich Vorschläge für konkrete Massnahmen», so Grenz. Der Schritt vom Wissen zum Handeln kann aber gross sein. Wichtig war daher, die Schwelle zum Handeln möglichst niedrig zu halten. So werden nicht bloss Massnahmen vorgeschlagen, sondern gleich auch kompetente Umsetzungspartner vermittelt, die über das nötige Fachwissen verfügen. Insgesamt sieht Jan Grenz das Projekt «Rise» auf gutem Weg. Mit der alten Software wurden etwa 750 Analysen durchgeführt, davon 150 in der Schweiz. «Mit der neuen Version werden wir diese Marke durchbrechen, gerade international ist die Nachfrage gross.»

shl.bfh.ch


PROJEKT «KOMPETENZZENTRUM FÜR KÜNSTLICHE GEWEBE»

Kein Wissenstransfer ohne das Vertrauen der Partner Ursula Graf-Hausner und ihr Team bauen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften derzeit das weltweit erste Kompetenzzentrum für künstliche Gewebe zur Prüfung von Wirkstoffen auf. Die Startphase verläuft vielversprechend.

Medikamente, die auf den Markt kommen, sollen möglichst sicher sein. Noch immer werden deshalb in Schweizer Pharmafirmen Jahr für Jahr etwa 300 000 Tierversuche durchgeführt. Seit Jahren forschen Wissenschafter an Testverfahren, etwa an Modellen mit lebenden Zellen: Der Wirkstoff wird nicht an einer Maus getestet, sondern er wird in einer Petrischale auf Zellen aufgetragen. «Die heutigen Zellkulturversuche haben verschiedene Nachteile. Sie sind nur zweidimensional und bestehen nur aus einem Typ Zellen, zum Beispiel aus Hautzellen», so Projektleiterin Ursula Graf-Hausner. «Daher können sie die Komplexität eines Gewebes, das aus verschiedenen Zelltypen besteht, nur ungenügend abbilden.» Ein Manko mit Folgen für die Pharmaindustrie, denn immer wieder müssen hoffnungsvolle Wirkstoffe in der Pipeline gestoppt werden, obwohl Versuche mit Zellkulturen und Tierversuche zuvor grünes Licht signalisiert hatten. Das Projekt «Kompetenzzentrum TEDD» (Informationen Seite 6) will diesen tierethischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Missstand beheben. Das weltweit erste Kompetenzzentrum dieser Art will gemeinsam mit Industriepartnern dreidimensionale Gewebemodelle entwickeln, die ohne Tierversuche bessere Testergebnisse ermöglichen. Der Start des Zentrums verlief vielversprechend: Beteiligt sind bislang unter anderem Pharmafirmen wie Actelion und Novartis, Biotechfirmen wie das Gründungsmitglied Insphero, aber auch Hochschulen wie die ETH Zürich oder die Universität Basel.

Frau Graf-Hausner, warum braucht es das Kompetenzzentrum TEDD? «Es geht darum, alle Partner einzubinden, die zur Wirkstoffentwicklung etwas beitragen können. Hierzulande gibt es in diesem Be-

Mikroskop-Aufnahme von Tumorzellen: Die Zellen sind grün gefärbt, die Zellkerne blau.

reich sehr viel Know-how. In der Vergangenheit liefen solche Projekte meist eins zu eins: ein Industriepartner und ein Partner aus der Hochschule versuchten, ein Problem zu lösen. Das war spannend, aber in den Auswirkungen oft limitiert. Mit diesem Zentrum wollen wir eine nächste Stufe der Kooperation erreichen.» Wie sind Sie vorgegangen, um das Zentrum aufzubauen? «Ähnlich einer Rakete mit mehreren Stufen: Zunächst mit einer Pressekonferenz, um das Projekt bekanntzumachen. Dann folgte ein Kick-Off-Meeting, zu dem wir alle potentiellen Partner eingeladen haben. An diesem Treffen erhielten wir wertvolle Rückmeldungen darüber, wie die Zusammenarbeit aussehen könnte. Wir konnten so die Bedürfnisse der verschiedenen Akteure in Erfahrung bringen. Bei allen Schritten war das Gründungsmitglied Insphero als erster Industriepartner sehr wertvoll.» Wo liegen die Probleme in der Zusammenarbeit mit den Partnern? «Ein grundsätzliches Problem besteht darin, dass einige Partner ihr Wissen lieber für sich

behalten. Aber man kommt nur gemeinsam zu besseren Lösungen. Es braucht ein Vertrauensverhältnis.» Welches sind die nächsten Schritte? «Als nächstes müssen wir uns überlegen, wie unser Businessmodell aussehen soll. Wir möchten nicht so viele Partner wie möglich, sondern möglichst kompetente Partner, die sich engagieren. Zudem sind wir derzeit daran, ein Leitungsgremium aufzubauen. Es gibt noch viel zu tun, bis wir auf eigenen Beinen stehen.»

project.zhaw.ch/de/science/tedd.html 5


BREF – BRÜCKENSCHLAG MIT ERFOLG

Geförderte Projekte Via Projektdatenbank sind Beschreibungen und Ergebnisse zugänglich: grstiftung.ch

2010: 5 Projekte aus 56 Gesuchen 2011 – 2013

Eine neuartige Innovationsplattform für Forscher und Firmen aufbauen

Inno_Kick: Plateform transdisciplinaire dédiée à l’innovation pour les start-up et PME/PMI Prof. Nathalie Nyffeler, Haute Ecole d’Ingénierie et de Gestion du Canton de Vaud, Filière economie d‘entreprise, HES-SO Förderbeitrag: CHF 285 000

Ein Kompetenzzentru m zur Entwicklung von dreidimensionalen, kün stlic zwecks Prüfung von Wirk hen Geweben stoffen aufbauen

Kompetenzzentrum für künstliche Gewebe zur Wirkstoffprüfung und Medikamentenentwicklung Prof. Ursula Graf-Hausner, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Institut für Chemie und biologische Chemie, ZFH Förderbeitrag: CHF 300 000

Ein Kompetenzzentrum zum Thema Wohnumfeld etablieren

Kompetenzzentrum Wohnumfeld Prof. Joachim Schöffel, Hochschule für Technik Rapperswil, Institut für Raumentwicklung, FHO Förderbeitrag: CHF 210 000

2009: 5 Projekte aus 56 Gesuchen 2010 – 2012

nthodik der desig Den KM U die Me ation näherbringen ov getriebenen Inn

Design-getriebene Innovationsprojekte mit KMU Claudia Acklin, Hochschule Luzern, Departement Design & Kunst, HSLU Förderbeitrag: CHF 300 000

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Den Gemeinden das Know-how der Fachhochschulen erschliessen

INGE – Innovationsförderung in Schweizer Gemeinden Prof. Urs Sauter, Berner Fachhochschule, Technik und Informatik, BFH Förderbeitrag: CHF 294 000

Das erste FabLab der Schweiz aufbauen: eine individualisierbare High-Tech-Werkstatt

Fablab der Hochschule Luzern Prof. Patricia Wolf, Hochschule Luzern, Institut für Betriebs- und Regionalökonomie, HSLU Förderbeitrag: CHF 300 000


ALLE BREF-PROJEKTE AUF EINEN BLICK

2011: 5 Projekte aus 38 Gesuchen 2012 – 2014

Development of a Business Incubator for the Hospitality Industry Frédéric Delley, Ecole Hôtelière de Lausanne, Institute of Innovation & Entrepreneurship (INTEHL), HES-SO Förderbeitrag: CHF 300 000

Competence Center for Complex Digital Forensics Prof. David Billard, Haute École de Gestion de Genève, HES-SO Förderbeitrag: CHF 267 000

-Systeme ne-to-Machine Drahtlose Machi gänglich und erschwingzu auch für KM U lich machen

Simple Machine-to-Machine Communication Systems Prof. Bertrand Hochet, Haute Ecole d’Ingénierie et de Gestion du Canton de Vaud, HES-SO Förderbeitrag: CHF 290 000

Einen in vitro-Test zur Prüfung von Sonnen schutzprodukten entwickeln

Establishment of a knowledge-based competence platform for the in vitro evaluation and standardization of sunscreen products Prof. Georgios Imanidis, Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Life Sciences, FHNW Förderbeitrag: CHF 299 000

iFusionCrisis: Kompetenznetzwerk und Prototypen für den Aufbau nahtlos integrierter Informationssysteme im Krisenfall für Einsatzbeteiligte vor Ort Dr. Michael Kaschewsky, Berner Fachhochschule, BFH Förderbeitrag: CHF 292 000

EEROS: An Easy, Elegant, Reliable, Open and Safe Robotic Software Prof. Einar Nielsen, Interstaatliche Hochschule für Technik Buchs, FHO Förderbeitrag: CHF 300 000

FabLab Neuchâtel: Co-création entreprises & HES Dr. Jérôme Mizeret, Haute Ecole ARC, HES-SO Förderbeitrag: CHF 300 000

Die Idee des Innovationsvouchers im Tessin verankern

VIP – Voucher for Innovation Partnerships Dr. Giorgio Travaglini, Scuola Universitaria Professionale della Svizzera Italiana, Dipartimento tecnologie innovative, SUPSI Förderbeitrag: CHF 300 000

Die Effizienz von Bauernb etrieben steigern

Wissensmanagement für nachhaltige Landwirtschaft Dr. Jan Grenz, Schweizerische Hochschule für Landwirtschaft SHL, Abteilung, Pflanzenwissenschaften und Agrarökologie, BFH Förderbeitrag: CHF 294 550

grstiftung.ch/de/portfolio.html 7


BREF – BRÜCKENSCHLAG MIT ERFOLG

Christoph Rogger, Felice Dittli und Claudia Acklin besprechen gemeinsam die weiteren Schritte zur Entwicklung eines Sideboards.

Gutes Design braucht Erfahrung und Offenheit Die Zusammenarbeit von Designern und Firmen ist kein Selbstläufer, sondern muss angestossen werden. Nicht nur einen Katalysator braucht es, sondern erfahrene Designer – und natürlich Firmen, die offen sind. Wenn es um die Zusammenarbeit mit Designern geht, pflegen Firmen oft die immer gleichen Vorurteile: Designer sind erstens zu teuer, zweitens zu wenig ergebnisorientiert und drittens zu kompliziert. Claudia Acklin, Professorin für Design Management an der Hochschule Luzern – Design & Kunst, lebt mit diesen Vorurteilen. Und hat die richtigen Antworten parat. «Erstens gibt es viele Beispiele, in denen Designer den Produktionsprozess eines Produktes markant vergünstigt haben», so Acklin. Etwa durch eine geeignetere Materialwahl oder durch die Optimierung des Produktionsprozesses. «Zweitens steigert gutes Design den Marktwert eines Produktes, weil es das Produkt einzigartig macht.» Das dritte Vorurteil lässt Acklin stehen: Tatsächlich kann der Beizug eines Designers den 8

Prozess zunächst erschweren. «Aber nur mit dieser Reibung kann Innovation entstehen», erklärt Acklin.

Das Dipro-Projekt läuft noch bis im Frühjahr 2012. Insgesamt haben sich neun Firmen beteiligt. Die Aufgabe von Claudia Acklin und ihrem Team bestand darin, den Firmen design-getriebene Innovation sowie die entsprechenden Prozesse und Methoden näher zu bringen, den Prozess zu begleiten und, falls nötig, mit den Firmen den richtigen Designer zu finden.

Designer suchen oft nicht nach der Innovation in kleinen Schrittchen; wirklich Neues

entsteht nicht so. Schneller, besser, höher, leichter ist noch nicht innovativ. Stattdessen suchen sie auch nach der radikalen Innovation, die beim grundlegenden Quer- oder Umdenken entsteht. Designer glauben nicht alles, was die Leute ihnen erzählen, sie machen sich ihr eigenes Bild. Der AutomobilPionier Henry Ford sagte einst: «Wenn wir auf die Leute gehört hätten, dann hätten wir eine Kutsche mit vier statt zwei Pferden gebaut, denn die Leute wollten eine schnellere Kutsche. Wir haben stattdessen ein Auto gebaut.» NEUN BRÜCKEN GEBAUT Claudia Acklin hat im Rahmen des BREFProjekts «Dipro – Design-getriebene Innovationsprojekte» versucht, neun verschiedene Brücken zwischen Firmen und Designern zu


PROJEKT «DESIGN-GETRIEBENE INNOVATIONSPROJEKTE MIT KMU»

Firmenpartner: ALPNACH NORM-SCHRANKELEMENTE AG Alpnach Dorf

PIATTI KÜCHEN Dietlikon

SCHREINEREI FREDY BIERI AG Schötz

SISTAG AG Eschenbach

STIFTUNG SCHÜRMATT Zetzwil

STUDER MASCHINENBAU Zell

TOFWERK AG Thun

VAPORSANA AG Hochdorf

ZIMMERMANN TECHNIK AG Luzern

schlagen. «Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit braucht es Erfahrung und Offenheit», fasst Acklin die wichtigsten Punkte aus der Auswertung dieser Brückenschläge zusammen. Damit sich eine produktive Zusammenarbeit von Designern und Firmen einstellt, braucht es ein auslösendes Moment, das zumeist aus der Wettbewerbssituation kommt, in dem die Firma steckt. Ein erfahrener Designer kennt die Prozesse in einer Firma und weiss, wie weit er diese umkrempeln darf. Die Firma wiederum muss akzeptieren, dass der Designer Prozesse und Produkte grundsätzlich in Frage stellen kann. Bis zu einem gewissen Grad muss die Firma dem Designer vertrauen. Ein weiterer Stolperstein ist oft die Frage nach den Rechten am geistigen Eigentum. «Sobald diese Stolpersteine gemeinsam überwunden sind, steht einer erfolgreichen Zusammenarbeit meist nichts mehr im Weg», so Acklin.

Eine bereichernde Erfahrung Christoph Rogger ist Marketingverantwortlicher bei der Firma Alpnach Norm, die Schränke nach Mass produziert. Im Rahmen des BREF-Programmes haben er und sein Team gemeinsam mit dem Designer Felice Dittli ein neues Sideboard entwickelt. Herr Rogger, wie kam die Zusammenarbeit zustande? Ich hatte bereits früher mit Claudia Acklin zu tun und traf sie zufällig an einer Veranstaltung, an der sie ihr BREF-Projekt Dipro vorstellte. Ich war sofort interessiert, und auch in der Firma stiess die Idee auf Wohlwollen. Wir beschlossen, für die Entwicklung eines neuen Sideboards eine Zusammenarbeit zu suchen. Wie waren ihre Erwartungen zu Beginn des Projekts? Es sind die gleichen wie heute: Wir möchten Produkte entwickeln, die sich auf dem Markt durchsetzen können. Für uns geht es aber auch darum, vom Know-how der Designer zu profitieren. Wie war die Zusammenarbeit mit dem Designer? Wichtig war uns, einen Designer zu finden, der zu uns passt und der mit uns ein Produkt entwickelt, das in unsere Arbeitsprozesse reinpasst. Das hat gut geklappt. Die Wahl des Designers ist entscheidend. Würden Sie in Zukunft wieder mit einem Designer zusammenarbeiten? Auf jeden Fall. Auf der «Entdeckungsreise» im Entwicklungsprozess entstanden spannende Diskussionen. Die Zusammenarbeit war für die gesamte Arbeitsgruppe sehr bereichernd.

swissdesigntransfer.ch 9


BREF – BRÜCKENSCHLAG MIT ERFOLG

Neue Fachhochschulbereiche, neues Forschungsverständnis, neue Potentiale Fachhochschulen stehen der Praxis nahe, ihre Forschung und Entwicklung ist anwendungsorientiert. Nicht allen Fachhochschulbereichen fällt es aber gleich leicht, Brücken zu Unternehmen oder zu Organisationen zu schlagen. Vor allem interdisziplinäre und so genannt «weiche» Fächer wie Soziale Arbeit, Pflege und Künste tun sich schwer damit.

Als im Jahre 2005 die «weichen» Disziplinen neu in die Schweizer Fachhochschulen integriert wurden, übernahmen diese den gesetzlichen Leistungsauftrag, der für alle Fächer gilt: Lehre, Weiterbildung, Dienstleistung und angewandte Forschung. Insbesondere der letzte Punkt bedeutete für einige Fachhochschulfächer Neuland und stellte diese vor schwierige neue Fragen: Warum sollte ein Künstler oder ein Musiker überhaupt forschen? Wie baut man eine Forschungsabteilung auf? Wer sind die Abnehmer? WAS IST FORSCHUNG? «Vor allem stellt sich den ‹weichen› Disziplinen die Frage, wie Forschung definiert werden soll», so Thomas Bachofner, Generalsekretär 10

der Rektorenkonferenz der Fachhochschulen der Schweiz KFH. Denn zum Beispiel medizinische Forschung und Fachhochschulforschung im Bereich Musik sind miteinander nur schwer vergleichbar. Das Forschungsverständnis, die Bewertung sind unterschiedlich, aber auch die Form, wie Forschungsresultate veröffentlicht werden: Sind in der Medizin Publikationen in renommierten Fachjournalen wichtig, so braucht es in der Musikforschung nicht selten das Konzert inklusive Tonaufnahme, um das Ergebnis festhalten und zugänglich machen zu können. Schliesslich sind auch die Kriterien, die Güte der Forschung zu messen, vielfältiger. Die Zahl von Zitationen ist kein taugliches Mass, Forschung im Bereich der Künste zu qualifizieren.

Florian Dombois kennt beide Seiten. Er hat in Berlin Geophysik studiert und arbeitet heute als Professor und forschender Künstler an der Zürcher Hochschule der Künste. «Es gibt in den Künsten viele verschiedene Möglichkeiten, Forschungsergebnisse zu präsentieren», sagt er. Dazu gehören die klassischen Kanäle wie Fachjournale, Bücher und Konferenzen, aber auch Ausstellungen, Konzerte und Theateraufführungen. Den Peer-review-Prozess, den man aus den Naturwissenschaften kennt, gibt es auch hier, aber er heisst anders und läuft anders ab. Die Peers sind bei den Musikern zum Beispiel Konzertagenten, bei Künstlern die Kuratoren der Museen und Galerien. «Keine Konzertagentur und kein Museum kann es sich leisten, mit schlechten Künstlern zu-


PERSPEKTIVEN: HÜRDEN BEIM BRÜCKENSCHLAG

Schweizer Förderstiftungen wenden sich den Fachhochschulen zu

Die Arbeitsgruppe «Bildung, Forschung, Innovation» von SwissFoundations, dem Verband der Schweizer Förderstiftungen, hat sich im Sommer 2011 mit Vertretern der Fachhochschullandschaft an einen Tisch gesetzt. Resultat dieser Zusammenkunft sind Handlungsempfehlungen: Schweizer Förderstiftungen sollen sich in Zukunft auch Bildungs- und Forschungsprojekten aus Fachhochschulen zuwenden. Im Fokus steht die gesellschaftliche Innovation und damit die neuen Fachhochschulbereiche Soziale Arbeit, Künste, Lehrerausbildung. swissfoundations.ch

sammenzuarbeiten», so Dombois. Auch dies ist eine Form von Peer-review. Trotzdem bemängelt er, dass es für die Künste bisher kein Peer-review-Fachjournal gab. Daher hat er gemeinsam mit Kollegen im wahrsten Sinne des Wortes das Heft selbst in die Hand genommen und ein entsprechendes internationales Journal gegründet, eine Online-Publikation namens «Journal for Artistic Research» (JAR). «In JAR sind die Kunstforschenden selber die Peers. Und zudem bietet ein e-Journal die Möglichkeit, Ton, Video, Bild und Text darzustellen. Darum ist es für uns besser geeignet», so Dombois. NEUE WEGE GEHEN, NEUE BRÜCKEN SCHLAGEN Eine weitere Schwierigkeit der neuen Fachhochschul-Disziplinen besteht im Aufbau von Partnerschaften zu Firmen oder Organisationen, weil sie sich dabei oft nicht auf ausgeschilderte Pfade verlassen können. Dem potentiellen Anwender ist oft gar nicht bekannt, dass die Fachhochschule ein Fachpartner sein könnte.

Ein Beispiel dafür sind die Orchester, die versuchen, historische Kompositionen möglichst originalgetreu aufzuführen. Eine schwierige Aufgabe, denn die Noten sind zwar überliefert, aber die Instrumente haben sich über die Jahrhunderte stark verändert. «Für eine historisch informierte Aufführungspraxis braucht es eine Zusammenarbeit zwischen Orchester, universitären Musikwissenschaftern und Fachhochschulen», so Dombois. Mittlerweile gibt es immer mehr solcher Zusammenarbeiten, aber es brauchte einige Zeit, bis die Orchester merkten, wie fruchtbar die Kooperation mit den Fachhochschulen auch für sie ist. Es bleibt jedoch ein Kernproblem, dass sich die Dienstleistungen der «weichen» Fächer nicht so einfach in eine harte Währung umrechnen lassen. Es gibt durchaus Kritiker, die hinter vorgehaltener Hand finden, es sei doch überflüssig, dass nun auch noch die neuen Disziplinen Forschung betreiben. «Diesen Ansatz finde ich aber falsch. Wir dürfen die Disziplinen nicht gegeneinander ausspielen, denn die Herausforderungen der Zukunft können wir mit Natur- und Technikwissenschaften alleine nicht lösen», sagt Thomas Bachofner von der KFH.

Wichtig sei, dass sich auch die «weichen» Fachbereiche an gewisse Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens halten würden, etwa Reproduzierbarkeit und Dokumentierbarkeit. Darüber hinaus dürfen aber durchaus andere Regeln gelten. Noch sind die Fachleute daran, diese Regeln zu entwickeln und zu definieren. In den Künsten etwa ist klar: Es gibt kein richtig oder falsch. Es braucht aber einen Konsens über die Beurteilung von Kunstforschung. Solange F&E-Projekte aus den neuen Fachhochschulbereichen nicht mit neuen Ellen gemessen werden, haben sie bei privaten und staatlichen Förderagenturen sowie bei möglichen Praxispartnern einen schweren Stand. Auf Seiten der Fachhochschulen ist die Entwicklung und Durchsetzung von Qualitätsstandards gefordert, auf «Abnehmerseite» die Bereitschaft, neue Brückenschläge zu wagen.

Literaturhinweis Weber/Balthasar/Tremel/Fässler: Gleichwertig, aber andersartig? Zur Entwicklung der Fachhochschulen in der Schweiz; Bern/Basel 2010; hsg. Gebert Rüf Stiftung; ISBN 978-3-033-02651-3 oder Download via grstiftung.ch

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BREF – BRÜCKENSCHLAG MIT ERFOLG

Wenn sich Bits und Bytes materialisieren Im Februar 2011 hat das Fablab Luzern seine Türen geöffnet, eine Hightech-Werkstatt, die allen offen steht. Hier stehen nicht nur eine Fräse und ein Laser-Cutter, sondern auch ein 3D-Drucker, ein Gerät, das die Massenproduktion der Zukunft grundlegend verändern könnte.

Der Ort, an dem vielleicht die nächste digitale Revolution beginnt, sieht ziemlich unspektakulär aus. Eine rote Fabrikhalle in der Nähe des Bahnhofs Horw bei Luzern, darin eine Werkstatt, fünf schwarze Tische im Parterre, ein «Coffee Corner» oben auf dem Balkon, Backsteinwände und Parkettboden. Und mittendrin Roman, der Fablab-Manager. Roman Jurt, krauses Haar und kurze Hosen, ist der Dompteur im Fablab Luzern. Er bändigt nicht nur die Geräte, sondern auch die Gäste, die hierher kommen, um ihre Vision zu verwirklichen. Fablab ist die Abkürzung für «Fabrication laboratory», eine Werkstatt, in der man – so das Motto – (beinahe) alles rasch und unkompliziert herstellen kann. Das Fablab Luzern verfügt über eine Fräse und einen Laser-Cutter, mit dem man Holz-, Karton- oder Plexiglasplatten beschneiden kann. Beides Geräte, die bislang aufgrund ihres Preises und der komplexen Bedienung Privatanwendern nicht zur Verfügung standen. EINE INDIVIDUALISIERTE MINI-FABRIK Seit Juli 2011 steht den Nutzern ein ganz besonderes Gerät zur Verfügung: ein 3D-

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PROJEKT «FABLAB DER HOCHSCHULE LUZERN»

Ein Netzwerk von über 50 Fablabs weltweit

Das erste Fablab wurde von Neil Gershenfeld im Jahre 2002 am Massachussetts Institute of Technology (MIT) auf die Beine gestellt. Heute gibt es weltweit über 50 solcher Labors, zum Beispiel in Takoradi (Ghana) und Kamakura (Japan). Nach der Realisierung des ersten Schweizer Fablabs in Luzern stehen in der Schweiz weitere Fablabs in Planung, unter anderem in Neuchâtel, Basel, Bern und Lausanne. Die Fablabs sind untereinander vernetzt, Projekte und Pläne werden allen Fablabs gemäss dem «Open source»-Gedanken frei zugänglich gemacht.

Drucker mit dem brachialen Namen «Ultimaker 3D». Roman Jurt erklärt, was ein solches Gerät kann: «Stell dir vor, deine Lieblings-iPhone-Hülle ist zerbrochen und der Hersteller hat die Produktion dieser Hülle eingestellt. Da hilft nur noch ein 3D-Drucker.» Zunächst wird am Computer ein dreidimensionales Modell der Hülle erstellt. Dann «Drucken» drücken und aus der Druckerdüse spritzt ein hauchdünner Kunststoffstrahl hervor, der Schicht um Schicht die gewünschte Hülle aufbaut. Eine Stunde später ist die Hülle bereit für den Einsatz. «Mit Worten ist das schwer zu beschreiben, man muss es selbst sehen», so Roman Jurt.

bei mir im Keller herstellen kann? Es wäre der nächste Schritt der digitalen Revolution: die Materialisierung von Bits und Bytes. Bräuchte es dann überhaupt noch Warenlager, Verpackungen oder Transportfirmen?

Im Moment sind 3D-Drucker für den Eigengebrauch noch limitiert: Der «Ultimaker 3D» kann Objekte von maximal 20 mal 20 mal 20 Zentimeter produzieren, er arbeitet ausschliesslich mit Kunststoff, die produzierten Objekte sind einfarbig. Aber der Fortschritt ist rasant und die Möglichkeiten beinahe unbegrenzt. 3D-Drucken könnte die Massenproduktion, wie wir sie heute kennen, grundlegend verändern. Wozu in den Baumarkt gehen, wenn ich die gewünschte Schraube

HEUTE DIE ZUKUNFT TESTEN Franklyn Spence möchte bereits heute die Zukunft austesten. Der Kanadier wohnt seit einigen Jahren in der Region Basel. An diesem Nachmittag ist er ins Fablab Luzern gekommen, um seiner Idee Gestalt zu geben: Er will einen Hobel mit einem Boden realisieren, der formbar ist. Hobel mit runden Böden gibt es bereits auf dem Markt, aber die Rundung ist starr. Franklyn Spence dagegen möchte den Hobel situativ an eine erforderliche Rundung

3D-Drucker könnten auch Innovationsprozessen einen neuen Kick verleihen: Designer und Unternehmer der Zukunft können ihre Ideen einfach von der digitalen in die reale Welt überführen. Anhand des Prototyps werden sie dann rasch seine Marktfähigkeit prüfen können. Das Design lässt sich umgehend verbessern, schnell sind weitere 50 Stück gedruckt.

anpassen können. «Der Markt für einen solchen Spezialhobel ist klein», sagt der Künstler, der beruflich viel mit Holz arbeitet, «aber es gibt ihn.» Er hat Konstruktionspläne mitgebracht und kann innerhalb eines Tages seinen ersten Prototypen herstellen. «Ich habe lange im Internet nach einem Ort gesucht, um meine Pläne zu verwirklichen. Das Fablab ist der ideale Ort für mich.» INNOVATION UND KREATION ERLEBEN Patricia Wolf, Professorin an der Hochschule Luzern und Leiterin des Fablab-Projekts, erklärt: «Seit seiner Eröffnung wird das Fablab von verschiedensten Personengruppen genutzt, von Studenten, Unternehmern, Designern oder Tüftlern.» Nach der erfolgreichen Startphase will Patricia Wolf mit ihrem Team das Fablab auf eigene Beine stellen. Ideen für neue Partnerschaften gibt es viele, mit Vereinen, Schulen, Unternehmen. «Wir sind auf gutem Weg», ist Patrica Wolf überzeugt. «Wer immer will, kann hier etwas Besonderes produzieren. Und nach Hause nehmen.» luzern.fablab.ch 13


Brückenschläge mit Erfolg Starke Partner Die Fachhochschulen sind seit jeher starke Forschungs- und Entwicklungs-Partner für die Wirtschaft. Angesichts ihrer Praxis- und Anwendungsnähe verfügen sie über Möglichkeiten, die sie für Unternehmen und ihre Innovationsprozesse zu einzigartigen Partnern machen. Diese Stärke soll erhalten und für die neuen und disziplinenübergreifenden Fachbereiche entwickelt werden. Die Pflege eines für beide Seiten fruchtbaren Brückenschlags ist angesichts der hohen Dynamik der Entwicklungen in Wirtschaft und Hochschullandschaft entscheidend.

Förderprogramm Mit den Jahresausschreibungen von BREF soll es initiativen Projektgruppen ermöglicht werden, neue Partner in der Wirtschaft zu erreichen und neue, vielversprechende Arten von Partnerschaften zu realisieren. Mehr über das Programm BREF und die Jahresausschreibungen 2009 bis 2011: grstiftung.ch

Jahresausschreibung 2012 Lancierung: März 2012, Eingabetermin: August 2012 Mitteilung über Förderentscheide: November 2012

Kontakt Thomas Bachofner, Generalsekretär KFH, thomas.bachofner@kfh.ch Philipp Egger, Geschäftsführer Gebert Rüf Stiftung, philipp.egger@grstiftung.ch

Impressum Gebert Rüf Stiftung und Rektorenkonferenz der Fachhochschulen der Schweiz Redaktion: advocacy ag, Gebert Rüf Stiftung, KFH; Gestaltung: aplus; Bilder: Christoph Läser, Fotolia Bern/Basel, Januar 2012 Diese Broschüre ist in deutscher und französischer Sprache erhältlich.