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aufge z e i chne t vo n Pe te r Fe i e r a b e nd und Ka r s te n Za ng

Das erste Werksgebäude der Firma Habermaaß.

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Kapitel 6

Kapitel 1

Tia velenit, quas num faccatium excernam

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Kapitel 4

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fuga. Ut laborum

Seite XXX Kapitel 8 Tia velenit, quas num faccatium excernam ratem fugiae nonectatia volo offic to volo tem as doluptas am

INHALT

Kapitel 2

fuga. Ut laborum

Tia velenit, quas num

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faccatium excernam ratem fugiae nonectatia volo offic to volo tem as doluptas am fuga. Ut laborum

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Kapitel 3

Kapitel 9

Tia velenit, quas num

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Kapitel 7

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Kapitel 5

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Eugen Habermaaß, der Mitbegründer und gemeinsame Chef der beiden Unternehmen Habermaaß und Wehrfritz, wurde 1901 in Tübingen geboren und gelangte über Neustadt Die Gründungsverträge der heutigen Firma Habermaaß und Wehrfritz aus dem Jahr 1938 mit den Unterschriften der Gründer. Im gleichen Jahr verlässt Karl Wehrfritz die Firma wieder, 1940 zieht sich auch Anton Engel zurück und widmet sich wieder seiner Firma in Dreihacken.

bei Coburg und Bayreuth nach Bad Rodach. »Ich war Idealist, sozial veranlagt und hatte meine Aufgaben darin gesehen, durch persönliches Können etwas zu leisten. Unter vielen Erschwernissen habe ich mir einen Betrieb aufgebaut, der sich sehen lassen kann. Ich lege meine Ehre darein, in sozialer Hinsicht das Höchstmögliche zu leisten.«

Sie brachten das Spielzeug nach Rodach HABA und Wehrfritz sind urfränkische Unternehmen - aber gegründet wurden sie von einem Schwaben. Es war 1938, als der schwäbische Kaufmann Eugen Habermaaß beschloss, in Rodach nicht eine, sondern gleich zwei Firmen zu gründen: zusammen mit Anton Engel die »Firma Anton Engel« und zusammen mit Engel und Karl Wehrfritz das Unternehmen »Wehrfritz & Co.«. Habermaaß brachte das kaufmännische Know-how und Startkapital mit, Engel verfügte über wichtige Erfahrungen in der Herstellung lackierter Holzwaren, und Wehrfritz schließlich kannte sich bestens in der Textilbranche aus - eine ideale Kombination für die Gründungen einer Produktions- und einer Handelsfirma. Dennoch war die Partnerschaft nicht von langer Dauer. Bereits 1940 waren Habermaaß‘ Partner ausgestiegen; nun wurden beide Firmen von Eugen Habermaaß alleine geführt. Obwohl die Zusammenarbeit mit Karl Wehrfritz nur rund ein halbes Jahr gedauert hatte, so blieb sein Name bis heute. Auch an Anton Engel, der nach knapp zwei Jahren ebenfalls ausschied, erinnerte noch bis in die Sechzigerjahre der Engel im Firmenlogo.

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Es gibt sie immer noch! HABA-Produkte, die seit 1938 hergestellt werden.

Ebenfalls von Anfang an Bestandteil der Produktpalette: Holz-Plaketten für Vereine, Städte und Gemeinden, sowie die Nagelspiele.

Der Spielschemel-Satz ist von Anfang an im Wehrfritz-Programm, es gibt ihn noch heute. Allein der Preis hat sich von 8,- Reichsmark anno 1939 zu 100,– € im Jahre 2013 verändert.

In Natur oder bunt gefärbt und lackiert sind die HABA-Bausteine unter den ersten Produkten, die hergestellt werden. Im Lauf der 75 Jahre sind viele Variationen dazugekommen wie z.B. ›Sevilla‹ oder ›Technik‹. Die verschiedenen Steine werden dreidimensional gezeichnet und mit akkuraten Maßangaben gelistet.

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Das Ausscheiden von Anton Engel und der neue Name »Habermaaß & Co« werden 1941 in einem Schreiben an Kunden, Dienstleister und Mitarbeiter bekannt gegeben.

Mit Briefen an den Kompanieführer versucht Eugen Habermaaß, Mitarbeiter von der Front nach Bad Rodach zurückzuholen. Leider meistens ohne Erfolg, auch Louis Kleinlein muss weiter Kriegsdienst leisten (rechts).

Um in den schwierigen Kriegsjahren überleben zu können, stellt die Firma kleine Holzmodelle von Panzern und Militärfahrzeugen (oben) sowie Holzkisten für Präzisionswerkzeuge (rechts) her.

Die kleinen Panzer sind eigentlich zur Ausbildung von Wehrmachtssoldaten gedacht, für viele Kinder in Bad Rodach waren sie damals neben den HABA-Holzautos das einzige Spielzeug (ganz oben).

Viele Aufträge werden außer Haus zur Heimarbeit vergeben.

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Die »Vorläufige Sonderlizenz« (oben), ausgestellt 1945 von der amerikanischen Militärre¬gierung, zur Weiterführung des Betriebes unter der treuhändlerischen Leitung von August Bayerlein (unten).

Mit Holzabfällen beheizt HABA heute den ganzen Betrieb und sogar benachbarte Unternehmen. In den Vierzigern und frühen Fünfzigerjahren verfeuert man dagegen Holz, um durchs Land fahren zu können. Zu dieser Zeit fuhr nämlich der Chauffeur von Eugen und später Luise Habermaaß, Johann Steuerwald, ein Fahrzeug mit Holzvergaser. An die abenteuerlichen Fahrten mit dem behäbigen Gefährt, das mit einem riesigen Tank auf dem Kofferraum ausgestattet war, erinnert sich Johann Steuerwald: »Das war ein tolles Fahrzeug! Der Chef packte seine Kinder ein, nur um in einen benachbarten Ort zu fahren. Doch die Freude hielt nicht lange an, denn schon den ersten steilen Berg schaffte es nicht! Da hieß es aussteigen und mit anschieben. Zur Reserve hatten wir immer Holz in Säcken dabei. Für die regelmäßigen Fahrten nach Stuttgart oder Frankfurt hatte ich überall Holzdepots gelagert. Alle waren immer überrascht, wie ich das organisierte hatte. Das war aber mein Geheimnis!« Der Wagen mit Holzvergaser wurde später von einem mit Benzin angetriebenen Mercedes abgelöst, rechts im Bild mit Eugen Habermaaß. Fast vier Jahrzehnte lang chauffierte Steuerwald die Chefs zu wichtigen Einsätzen, etwa zur Nürnberger Spielzeugmesse oder auch zu Terminen weit außerhalb Bayerns. Nach 1945 darf Eugen Habermaaß seine Firma vorerst nicht betreten. Er überzeugt schließlich die Militärregierung, dass er für die Führung des Unternehmens unverzichtbar ist und kann 1946 zurückkehren.

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Die Logos!

1940–1954

1955–1958 1938–1954

1955–1971

1959–1960

1961–1998

ab 1998 1972–1985 Die Logos von HABA und Wehrfritz erleben in 75 Jahren einige Modifizierungen. Gelb und Rot bleiben die wichtigsten Farben für die Firmenfamilie.

Luise und Eugen Habermaaß mit einem Architekturmodell – Inspiration für Baupläne?

ab 1985

Eugen Habermaaß war ein Kind des zwanzigsten Jahrhunderts, geboren 1901 in Tübingen. 1934 hatte er Luise Fahrner geheiratet, gemeinsam gingen beide nach Oberfranken. Sie begründeten eine Familie und ein Doppelunternehmen, dessen Erfolg und Langlebigkeit damals vermutlich selbst wagemutige Optimisten nicht vorausgesagt hätten. Ab 1940 lenkte Eugen Habermaaß die beiden Betriebe alleine – jedoch von Anfang an mit tatkräftiger Unterstützung seiner Frau, die auch als Kommanditistin eingetragen war. Da man nur wenige Mitarbeiter hatte, war Luise aber nicht nur auf dem Papier an der Firma beteiligt, sondern sie widmete sich mit großem Einsatz dem

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Betrieb: Zunächst half sie in der Fertigung aus, später leitete sie das Versandgeschäft bei Wehrfritz. Mit großem unternehmerischem Geschick brachte Eugen Habermaaß die Firmen durch die von Mangel geprägten Kriegsjahre. Als die kriegsbedingte Materialknappheit die Produktion von Spielzeug immer schwieriger machte, gelang es ihm, Wehrmachtsaufträge für hölzerne Panzermodelle zu ergattern und so das Überleben der Firma zu sichern. Nach Kriegsende musste er zunächst die Leitung des Unternehmens treuhänderisch an August Bayerlein abgeben. Es dauerte aber nicht lange, bis er wieder

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Luise Habermaaß wird durch den damaligen Präsidenten der IHK Coburg geehrt.

Im Juni 1988 wird Luise Habermaaß das Ehrenbürgerrecht verliehen: »In Anerkennung und dankbarer Würdigung ihrer Verdienste um die Stadt Rodach«.

Luise Habermaaß übernimmt nach dem Tod von Eugen Habermaaß 1955 mutig die Firmenleitung und meistert nicht nur die schweren Jahre, sie führt das Unternehmen auch zur seiner heutigen Bedeutung. Ihr Bruder Gustav Fahrner, Prokurist August Bayerlein, Holzingenieur Rudolf Sonntag als technischer Betriebsleiter, sowie viele treue und erfahrene Mitarbeiter stehen ihr zur Seite.

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die Führung übernehmen konnte, und bald ging es wieder bergauf. Schon 1950 präsentierte sich HABA erstmals auf einer Spielwarenmesse, und zu Beginn der Fünfzigerjahre erschien der erste mehrsprachige Katalog - auf Deutsch und Englisch. Auch zur Schweiz und zu den Niederlanden hatte man bereits geschäftliche Beziehungen aufgebaut. In dieser Zeit etablierte sich die Kurzform »HABA« als endgültiger Firmenname, sie erwies sich als äußerst fremdsprachenkompatibel. Diese Zeit des Aufbruchs wurde allerdings bald erheblich getrübt: Am 30. Januar 1955

starb Eugen Habermaaß unerwartet an einem Herzinfarkt. Seine Witwe Luise war nun durch die Umstände gezwungen, die Rolle ihres verstorbenen Gatten zu übernehmen, während sie gleichzeitig ihre Familie versorgen musste. Sie konnte auf die tatkräftige Unterstützung treuer Mitarbeiter zählen, allen voran August Bayerlein in der Funktion des Prokuristen. Auch ihr Bruder, Gustav Fahrner, stand ihr zur Seite. Damals war eine Frau an der Spitze eines Unternehmens eine große Ausnahme. Dank ihrer Führungsstärke, begünstigt durch das so genannte Wirtschaftswunder,

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Die Einladungskarte zum zehnjährigen Bestehen von HABA und Wehrfritz.

leitete sie die Geschicke von HABA in den kommenden Jahrzehnten äußerst erfolgreich. Sie widmete sich besonders dem Wehrfritz-Versandhandel, dem damals wichtigsten Umsatzbringer. Ihre Mitarbeiter schätzten sie als strenge, aber gerechte und warmherzige Chefin. Selbst für das leibliche Wohl ihrer Angestellten sorgte sie mitunter persönlich - so ließ sie es sich nicht nehmen, eigens für die auf der Spielwarenmesse beschäftigten Firmenmitarbeiter Suppe zu kochen, die dann in ihrem Mercedes nach Nürnberg chauffiert wurde. Neben ihrer Funktion als eine der ersten erfolgreichen Frauen an der Spitze eines Unternehmens füllte Luise Habermaaß ganz selbstverständlich noch eine weitere Rolle aus: Sie war alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Ihrem Vorbild der berufstätigen, erfolgreichen Mutter gedenkt HABA noch heute mit der nach ihr benannten Kinderkrippe. Sie blieb der Firma auch noch eng verbunden, als längst ihr Sohn, Klaus Habermaaß, die Geschäftsführung übernommen hatte. Noch bis ins hohe Alter kam sie regelmäßig in die Firma, um nach dem Rechten zu sehen und Klaus Habermaaß mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Im Jahr 2003 starb Luise Habermaaß im Alter von 97 Jahren. Sie war die erste Ehrenbürgerin von Bad Rodach.

Die Bühne beim siebzigjährigen Jubiläum ist flankiert von dem Gründerehepaar, ohne das es die HABA-Firmenfamilie nicht gegeben hätte.

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Erste HABA-Produkte: Im Sortiment von 1938 bis 1957

Holzauto

Nachziehfahrzeug »Schäfer«

Pferdchen auf Rollen

Schaukelfigur

In den Zeiten des Wirtschaftswunders werden fleißige Arbeitskräfte überall im Betrieb gebraucht.

Holztrecker

»Ein jedes Bissel ist noch aufgehoben worden« Erika Scheller, Gisela Sühlefleisch, Johanna Kieser und Gisela Lindemann erinnern sich an die frühen Jahre

75 Jahre Firmengeschichte – das ist eine lange Zeit. Natürlich ist heute kaum noch etwas so wie in den frühen Jahren, als HABA und Wehrfritz kleine, von Eugen und Luise Habermaaß geführte Familienbetriebe waren. Vier Frauen, die in den Fünfzigerjahren dabei waren, werfen einen Blick zurück in die Ära des Wiederaufbaus, des Wirtschaftswunders und der Patriarchen. Die Bundesrepublik war gerade einmal ein Jahr alt, Konrad Adenauer war Bundeskanzler, als Johanna Kieser 1950 bei HABA begann; ein Jahr später folgte ihr Gisela Lindemann. Damals führte Eugen Habermaaß die beiden Firmen HABA und Wehrfritz mit sicherer Hand

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und optimistischem Blick in die Nachkriegsära. Der Start ins Berufsleben begann für die beiden Frauen bereits im Alter von 14 Jahren. »In den frühen Fünfzigerjahren war es schwer, eine Lehrstelle zu finden. Man brauchte jemanden, der für einen vorsprach, und wir hatten niemanden. Unsere Eltern bekamen kein Kindergeld, deshalb waren wir froh, dass wir nach dem Berufsschulabschluss bei HABA arbeiten konnten. Unser erster Lohn als Arbeiterinnen betrug 50 Pfennig. Später bekamen wir 5 Pfennig mehr, da waren wir schon stolz«, erinnert sich Gisela Lindemann. Lange Arbeitstage, die ungewohnte körperliche Tätigkeit und die eigene Unsicherheit machten den Einstieg nicht

Die Tasche aus polierten Holzstäbchen, Untersetzer und Körbchen sind 1938 Verkaufsschlager.

Jedes Produkt wird gezeichnet und gelistet.

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1963: Die Jubilare werden ausgezeichnet von der Chefin (mitte).

Freiwillige sorgen für das leibliche Wohl bei Betriebsfeiern. Es ist ein deutliches Zeichen für gutes Betriebsklima, wenn man auch nach einer 50-Stunden-Woche noch gerne zusammen feiert. Kleinteilige Mosaike werden eingelegt und verpackt.

Die Holzstäbchen sind begehrt zum Rechnen und Legen.

gerade leicht. »Nach meinem ersten Tag in der Fabrik dachte ich, das Kreuz bricht ein. Wir hatten Angst, uns zu blamieren, besonders vor den männlichen Kollegen. Feuerrot wurden wir, wenn uns jemand angesprochen hat!« Von ihrer Mutter bekam sie den Tipp, sich immer an die Älteren zu halten. »Guck dir bei denen was ab, dann kommst du schon über die

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Runden.« Nach ein paar Tagen in der neuen Umgebung kam jemand auf sie zu und sagte zu ihr: »Du kommst jetzt sofort zum Chef!« Frau Lindemann gesteht: »Ich hatte Angst, dass er mich heimschickt, weil ich zu langsam war. Er fragte aber nur ganz wohlwollend und interessiert: ›Du bist also das Lindemännle und willst bei uns arbeiten?‹« Sie antwortete mit

»Ja« und durfte zurück zum Arbeitsplatz – erleichtert über den harmlosen Vorfall. Als es einmal darum ging, die Böden von Spielzeug-Bauwagen aufzunageln, ging sie heim und übte dort den Umgang mit dem Hammer, damit sie dann in der Firma die Nägel gerade einschlagen konnte. Nach der anfänglichen Schüchternheit wuchs mit der Zeit das Selbstvertrauen – dabei halfen auch gelegentliche Aufmerksamkeiten des Chefs. »Er kannte jeden Einzelnen persönlich. Zu meinem Geburtstag kam er stets zu mir und gratulierte.« Den Tag konnte er sich gut merken, denn es war auch der Geburtstag seiner Tochter. Anfangs bot der Arbeitsplatz keineswegs die erhoffte langfristige Sicherheit, erzählt Johanna Kieser. Die Saison war oft nach Weihnachten vorbei, und man hoffte, dass man im Frühjahr wieder eingestellt wurde. Anders als heute, wo sich der

Nachwuchs früh für einen Bereich spezialisiert, wurden die Arbeiterinnen überall eingesetzt, wo Not am Mann war: Mal bohrten sie Löcher in der Schreinerei, mal fertigten sie Plaketten an oder arbeiteten in der Schlosserei. Oder sie arbeiteten im Paketversand – dort wurden damals Spiele nach Amerika verschickt. Da mussten die Frauen, um den Auftrag termingerecht zu erledigen, von frühmorgens bis um halb zehn am Abend Holzkisten mit Ölpapier und Pappe ausschlagen. Die Arbeitsbedingungen in den Fünfzigerjahren waren deutlich härter als heute: »Im Winter war es in der Fabrik so kalt, dass wir froh waren, dass wir warme ›Überfallhosen‹ anhatten. Wenn die Hände kalt waren, dann half es nur noch, sich auf diese zu setzen; erst Jahre später wurden die Hallen dann beheizt.« Und streng ging es auch zu: Einmal wollte Gisela Lindemann einen Rest Holz

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Weihnachten!

Der Brauhof von außen in Weihnachtsstimmung (links) und mit Weihnachtschor in der Eingangshalle 2010 (rechts).

Weihnachtsfeiern gehören seit Langem zur Firmentradition. Eugen Habermaaß im Gespräch mit Mitarbeitern (oben) und bei der Weihnachtsansprache 1953 (unten).

Nichts dem Zufall überlassen: Der Ablauf der Weihnachtsfeier 1957.

in die – damals noch offene – Ofenheizung werfen. Da kam ein Vorgesetzter und ermahnte sie, dass die Reste noch für kleine Stege verarbeitet werden können. »Ein jedes Bissel ist noch aufgehoben worden.« Mit der Umstellung vom Stundenlohn zum Akkord wechselten viele Arbeiter zu anderen Firmen. »Da ich am längsten von allen da war, bekam ich dann einen Posten als Vorarbeiterin.« 1955 war für die Firma ein trauriges Jahr, denn Eugen Habermaaß verstarb; seiner Witwe Luise fiel über Nacht die Aufgabe zu, das Familienunternehmen zu führen. In dieser Zeit traten Erika Scheller und Gisela Sühlefleisch als Auszubildende ihre Ausbildung in der Firma an. Frau Scheller erinnert sich an die erste Betriebsversammlung mit der Chefin, abgehalten im Maschinensaal: »Mir sind einfach die Zügel in die Hand gedrückt

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worden«, beschrieb Luise Habermaaß ihre Situation, was die Beschäftigten damals sehr berührte. Als starke Frau, als streng, aber fair haben die beiden ehemaligen Auszubildenden sie in Erinnerung behalten. Erika Scheller denkt zurück an ihren ersten Tag bei HABA: Sie stand in der Tür zum Büro von Luise Habermaaß und nickte zu allen Anweisungen immer nur. Daraufhin stellte die Chefin klar: »Bei uns sagt man ›ja‹, nicken tun die Esel!« Der Tag als Auszubildender begann früh am Morgen um sieben. Wer nach sieben Uhr kam, bei dem wurde rot gestempelt, und Luise Habermaaß kontrollierte regelmäßig die Karten an der Stempelmaschine. Erika Scheller kam öfter zu spät, aber die Chefin schalt sie nie dafür. Bei aller Strenge war Luise Habermaaß doch immer auch warmherzig und humorvoll. So erzählt

Erika Scheller: »Ich geh durchs Büro und habe die Additionsmaschine im Arm und bleibe mit dem Kabel am Stuhl hängen, da fliegt die Maschine herunter. Die Kollegen im Büro waren wie erstarrt, doch die Chefin sagte nur trocken: ›Wenn du wieder eine Additionsmaschine trägst, machste das Kabel ab, ne?‹ Laut geschimpft hat sie nie.« Respekt wurde nicht durch Lautstärke erzeugt, sondern durch Auftreten und klare Anweisungen. In der Chefetage herrschte natürlich wirtschaftliches Denken, dennoch wurde schon immer großer Wert gelegt auf ein menschliches Miteinander. Im Weihnachtsgeschäft mussten sie abends bis um neun Uhr arbeiten, dann kam die Chefin gegen halb sechs und verteilte Körbchen mit Äpfeln und Apfelsinen. Sie selbst blieb selbstverständlich auch bis um neun. »Wer ein Problem hatte, der ging einfach zu ihr«, erzählt Erika Scheller. »Ich war ein Jahr krank und im Krankenhaus, da kam Frau Habermaaß und besuchte mich. Als ich wieder gesund war, fragte ich, ob ich erst einmal halbtags arbeiten könnte, weil ich noch nicht mehr schaffte, und es war kein Problem. Ich war die erste Halbtagskraft in der Firma.« Die Frauen erinnern sich gut an die Zeit, als man in der Firma noch gemeinsam in den Urlaub fuhr. Erika Scheller verbrachte ihren ersten Urlaub mit HABA im Bayerischen Wald. Zum 20-jährigen Betriebsjubiläum 1958 ging es dann nach Österreich an den Wolfgangsee. »Die Chefin war dabei und fuhr im Mercedes hinter dem Bus her.« Später, als die Firma immer größer wurde und das Interesse am gemeinsamen Urlaub abnahm, ging man dazu über, das Urlaubsgeld auszubezahlen. Neben den »Urlaubsverschickungen« bot ihnen HABA viele weitere Vorzüge, beispielsweise die Firmenweihnachtsfeiern, bei denen die Kinder beschenkt wurden. Auch zur Geburt eines Kindes bekamen die Angestellten damals fünfzig Mark. Für viele Beschäftigte waren die Firmenfeiern gleichzeitig Familienfeiern:

Im Falle von Gisela Lindemann arbeiteten Mutter, Vater, Bruder, Schwägerin und Ehemann ebenfalls bei HABA! Auch wenn der Arbeitsalltag damals durchaus hart war, wurden kleine Abwechslungen organisiert, um den Alltag aufzulockern. Gisela Sühlefleisch erzählt: »Emil Hauptmann, der das Warenlager führte, richtete irgendwann auch einen Schrank für Süßigkeiten ein, die er dann verkaufte.« Später gab es dann auch eine Kaffeemaschine – was heute eine Selbstverständlichkeit ist, die niemand mehr wahrnimmt, galt damals schon als Auflockerung. Nachdem Klaus Habermaaß die Führung des Unternehmens übernommen hatte, wurde das Betriebsklima deutlich lockerer. Erika Scheller erinnert sich, wie sie an einem Faschingsdienstag mit Kollegen nachmittags eine Flasche Sekt aufmachte und sich dabei zum Spaß Hörner aufsetzte. »Da kam plötzlich der Chef dazu, und ich dachte schon: ›Oje, oje!‹, aber er lachte nur und sagte: ›Solange du deinem Mann keine Hörner aufsetzt!‹ Solche Scherze hätte man sich früher nie getraut gehabt. Die Arbeit wurde trotzdem immer erledigt, dann musste man halt ein bisschen schneller arbeiten.« Wenn sie die heutigen Auszubildende bei HABA sehen, dann staunen die vier Frauen nicht schlecht, wie sehr sich die Umstände doch verändert haben und wie viele Berufe junge Menschen bei HABA heute erlernen können. Im Unterschied zur heute allgegenwärtigen beruflichen Mobilität war eine lebenslange Firmentreue damals die Norm. Wie viele der frühen Auszubildenden wurden Erika Scheller und Gisela Sühlefleisch von HABA übernommen und blieben dem Unternehmen 45 Jahre lang treu. Selbst als Rentnerinnen fühlen sie sich der Firma noch immer verbunden: Alljährlich treffen sie sich mit anderen »Ehemaligen« zum Weihnachtsessen, und Klaus Habermaaß ist natürlich immer mit von der Partie.

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Klaus Habermaaß 1961 bei seinem Eintritt in die Firma.

Kongo oder Rodach Klaus Habermaaß über seinen Werdegang, seine bewegte Jugend und Träume von der Ferne

Die Entscheidung für Bad Rodach fällt nicht jedem leicht – selbst Klaus Habermaaß träumte einst eher von Abenteuern im Kongo als vom Familienunternehmen in der oberfränkischen Provinz. Als Sohn des Firmengründers wäre ihm die spätere Übernahme des HABA-Unternehmens sozusagen per Naturgesetz zugefallen, könnte man annehmen. Doch dem war nicht so. »Geplant war überhaupt nichts«, erinnert er sich. Seine frühen Ambitionen gingen eher in Richtung Landwirtschaft - schließlich ist er unter Bauern aufgewachsen. Während die Eltern durch den Betrieb stark gebunden waren, verbrachte Klaus Habermaaß als Kind sehr viel Zeit auf dem benachbarten Leschenhof, der so etwas wie ein zweites Zuhause für ihn war. »Ich fütterte die Tiere und konnte perfekt ein Pferd anschirren, bevor ich lesen konnte.« Natürlich war allen bewusst, dass er als einziger männlicher Nachkomme nach damaligen Gepflogenheiten als Nachfolger seiner Eltern prädestiniert war, doch als Eugen Habermaaß starb, war sein Sohn gerade einmal 16 Jahre alt – viel zu jung also, um in die Fußstapfen des Vaters zu treten. »Ich nehme an, dass es immer der Wunsch meiner Eltern war, dass ich eines Tages die Firma übernehmen würde, aber ausdrücklich wurde nie darüber gesprochen. Das war damals so – wessen Vater Bäcker war, der wurde auch Bäcker, und wessen Vater Bauer war, der wurde eben auch Bauer – so war das eben bei uns auf dem

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Land.« Dennoch hatte Klaus Habermaaß zunächst Anderes im Sinn als den väterlichen Betrieb. »Ich hatte eine sehr bewegte Jugendzeit, auf die ich heute nicht immer stolz bin, muss ich zugeben. Ich war im Grunde einer der ganz frühen Achtundsechziger sozusagen – vielleicht eher Achtundvierziger – wenn auch nicht wirklich im politischen Sinn. Als ich zum Beispiel den Erfolg der Piratenpartei im Fernsehen sah, habe ich zunächst mit dem Kopf geschüttelt. Doch dann dachte ich, so viel anders wirst du früher auch nicht gewesen sein. Die Prioritäten damals waren natürlich nicht die gleichen. Nach dem Krieg drängten ganz andere Fragen – zum Beispiel, ob die Familie versorgt war mit Essen und wie es mit der Firma weitergehen würde. Viel unmittelbarere Dinge eben.«

Der zukünftige Chef mit dem Bauer Hermann Lesch, der ihm viele Lebensweisheiten vermittelte und zu dem Klaus Habermaaß ein enges Verhältnis hat. Wichtige berufliche Erkenntnisse macht Klaus Habermaaß früh. Radiogehäuse werden in großer Stückzahl gefertigt und der Kunde drückt den Preis so stark, dass nur ein Verlustgeschäft bleibt. Diese Erfahrung seines Vaters begründet Klaus Habermaaß‘ Motto: Begib dich nie in die Abhängigkeit von einem einzelnen Auftraggeber.

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Oben: Die August-GroschStraße 1940. Kleines Bild: Die Straße heute mit dem neuen Leschenhof.

Nach dem Tod des Vaters übernahm die Mutter Luise Habermaaß den Betrieb in einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen und bemerkenswerten Doppelrolle als Hausfrau und Chefin. Ungewöhnlich war dies umso mehr, als sie den Betrieb in einer äußerst schwierigen Phase leiten musste. Es war die Zeit der Währungsreform, alles war im Umbruch. »Doch meine Mutter war eine starke Persönlichkeit; sie wusste sich durchzusetzen. Wenn ich mit meinen Schwestern bei Tisch saß, war das Reglement streng. Am Tischende saß meine Mutter, neben ihr lag griffbereit der Kochlöffel. Wenn wir Kinder dann anfingen, uns unter dem Tisch gegenseitig zu schubsen

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und zu stoßen, dann bekamen wir den Kochlöffel zu spüren. Die Prügelstrafe war damals noch gang und gäbe - sie wurde nicht diskutiert, sondern praktiziert, und ich war der Leidtragende dabei«, erinnert er sich lachend. Aller Strenge zum Trotz entwickelte Klaus Habermaaß schon früh seinen eigenen Willen. »Ich war immer ein ziemlicher Draufgänger, das kann man schon sagen. Mein Vater war deshalb auch immer der Meinung, aus dem wird nie was!« »Irgendwann wussten meine Eltern wohl auch nicht mehr, was sie mit mir anfangen sollten, und so kam ich ins Internat – das war damals üblich, wenn die Eltern viel arbeiten mussten und sich nicht um die Erziehung der Kinder kümmern konnten. Ich blieb sechs Jahre im Internat, in dieser Zeit starb mein Vater. Heute würde ich sagen, dass mir das Internat für meine schulische Entwicklung nicht allzu viel gebracht hat. Ich musste lernen, mich unter anderen zu behaupten; das habe ich dort allerdings sehr gut gelernt.« Doch das Internat erwies sich immerhin für seinen beruflichen Werdegang als wichtig, sagt er heute, denn dort konnte er in der internatseigenen Werkschule eine Lehre mitsamt Gesellenprüfung machen.

Damals, mit siebzehn, wurde ihm allmählich bewusst, dass er sich um seine weitere Ausbildung selbst kümmern musste – der Ernst des Lebens begann. So nahm er während der Internatszeit die Dinge selbst in die Hand, die Mutter machte ihm keine Vorschriften. »Das hätte sie auch nicht gekonnt, denn sie wusste ja nicht, welche Möglichkeiten es gab; sie kannte sich da überhaupt nicht aus.« »Die Mittlere Reife wollte ich mindestens erreichen. Allerdings war ich nie ein guter Schüler. Ich habe die Schule gehasst wie die Pest.« Die damalige Pädagogik beruhte noch wesentlich auf Autorität und Willkür – aus heutiger Sicht herrschten steinzeitliche Zustände. Kein Wunder, dass ihn nach der Mittleren Reife nichts an der Schule hielt. Stattdessen wollte er nach Rosenheim an das damals sogenannte Holztechnikum, eine Fachschule. Für die ganze holzverarbeitende Industrie galt diese Schule damals auch überregional als wichtigste Ausbildungsstätte. Was ihm dafür noch fehlte, war eine kaufmännische Ausbildung – die absolvierte er in der Firma Albrecht, einem holzverarbeitenden Betrieb in Weitramsdorf mit rund vierhundert Mitarbeitern. »Damals war das der Holzbetrieb schlechthin.«

»Herrn Albrecht kannte schon mein Vater. Ich glaube, ich hatte bei ihm immer einen Stein im Brett.« Die einfache und doch effektive Art, mit der Albrecht seinen Betrieb führte, imponierte Klaus Habermaaß sehr. Arbeitsdisziplin und Pünktlichkeit waren damals noch Werte, die hoch im Kurs standen – wenn auch nicht unbedingt bei den Jungen. Doch Albrecht wusste, wie man seine Mitarbeiter zur Räson bringt. »Was mich beeindruckte, war, dass Herr Albrecht jeden Tag am Fabriktor neben der Stempeluhr stand. Wenn die vierhundert Mitarbeiter kamen, stand er schon da. Ich musste immer von Rodach rund zwanzig Kilometer mit dem Motorroller zur Fabrik fahren. Im Winter war es oft kein Vergnügen, wenn man bei minus zwanzig Grad morgens in der Früh raus musste. Aber wer später als viertel vor am Fabriktor ankam, der kam schon zu spät. Herr Albrecht sagte nichts, er stand einfach nur da – das genügte. So lehrte er mich, pünktlich zu sein.« Damals kümmerte er sich auch um die Lohnbuchhaltung – das war, anders als heute, eine grundeinfache Sache: »Die Abrechnung für 400 Mitarbeiter machte ich mit einer grünen und einer gelben Karte – mehr brauchte man nicht.« Später erzählte er das manchmal im Scherz Helmut Siegmund, der lange

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Das HABA-Produktionsgebäude 1940.

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für die Lohnbuchhaltung von HABA verantwortlich war: »Ich weiß nicht wieso ihr so viele Leute in der Lohnbuchhaltung braucht – ich hab das früher für 400 Leute alleine gemacht! Ich hatte nur zwei Tabellen: eine rosafarbene für die Krankenkassen und eine grüne für die Lohnsteuer. Damals machte ich das für 400 Leute nebenher! Heute brauchen die dafür mehrere Computer.« In dieser Zeit entstand zwischen Klaus Habermaaß und seinem damaligen Chef ein gutes Vertrauensverhältnis; so betätigte er sich auch als Geldkurier. Dabei überließ Albrecht allerdings nichts dem Zufall. Um sicherzugehen stattete er Klaus Habermaaß mit einer Pistole aus – man weiß ja nie. »Der Fahrer sagte später immer zu mir, hör mir bloß auf, du mit deiner Knarre im VW Käfer!« Klaus Habermaaß hat Herrn Albrecht als einen unermüdlichen Unternehmer in Erinnerung behalten. So fuhr dieser regelmäßig mit dem Fahrrad den ganzen Betrieb ab – über den Hof, durch die Hallen. »Ich sah das und dachte immer, Mensch, so einen großen Betrieb möchte ich auch mal haben.« Später ging die Firma Albrecht in Konkurs, was er sehr bedauerte: »Das tat mir richtig weh. Es war wohl eine Verkettung von unglücklichen Umständen, die zum Konkurs führte.« Nicht nur, dass Klaus Habermaaß Albrecht eine sehr gute Ausbildung verdankte, »er war für mich schon auch ein Vorbild als Unternehmer«. Als der Betrieb aufgelöst wurde, gehörte auch Klaus Habermaaß’ Tochter Heike, deren berufliche Laufbahn ebenfalls bei Albrecht ihren Anfang nahm, zu den Betroffenen. Nach der Albrecht-Insolvenz mietete HABA einige seiner Lagerhallen an. Damals brachte es Klaus Habermaaß nicht fertig,

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Klaus Habermaaß lässt es sich schmecken bei einer Betriebsfeier Anfang der Sechzigerjahre.

Nach und nach übernimmt der Betriebsassistent die Cheffunktion für Technik, Finanzwesen und Zukunftsplanung und führt persönlich Besucher durch den Betrieb.

Ob bei der Einweihung des neuen Brauhofs, beim aufmerksamen Zuhören anlässlich der Siebzigjahresfeier oder im Kreise von Mitarbeitern und ›Ehemaligen‹: Klaus Habermaaß ist ein Chef zum Anfassen.

nach Weitramsdorf zu fahren und sich das verwaiste Gelände anzusehen. Die Albrecht-Geschichte ist für ihn auch eine ständige Erinnerung daran, wie vergänglich Erfolg sein kann. »Ich sage immer zu meinen Kindern und zu meinen Mitarbeitern, Ihr glaubt gar nicht wie schnell so etwas geht! Heute sind wir noch erfolgreich und alles scheint sicher, aber das kann sich morgen schon gewaltig ändern!« Nach seiner Zeit bei Albrecht schloss Klaus Habermaaß seine Ausbildung wie geplant am Holztechnikum in Rosenheim ab. Danach allerdings zog es ihn in die Ferne – nach Belgisch-Kongo. Dort unterhielt die Firma Danzer, die Furniere herstellt, eine ihrer Niederlassungen.

Immer interessiert an der Zukunft des Unternehmens, lässt sich Klaus Habermaaß den Lehrpfad der Auszubildenden erklären.

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Klaus Habermaaß studiert in Ruhe das Geschenk der Mitarbeiter zur fünfzigjährigen Betriebszugehörigkeit im Jahre 2011: Eine Reise mit seiner Frau nach Kanada.

Belgisch-Kongo versprach im Gegensatz zu Rodach Abenteuer, Herausforderung, Exotik. Dort hätte er durchaus in seinem Metier arbeiten und gleichzeitig den Duft der weiten Welt genießen können. Doch an dieser Stelle schaltete sich seine Mutter noch einmal energisch ein. »Als ich in Rosenheim fertig war, erzählte ich ihr von Belgisch-Kongo. Aber sie wollte davon nichts wissen: ›Ich kann dir genau sagen, was du machst. Du kannst eine Woche zum Skifahren, und anschließend bist du wieder hier in Rodach und übernimmst die Firma. Und zwar am 11. März 1961.‹ « Und genau so kam es dann auch.

Gertrud und Klaus Habermaaß grüßen aus Alaska.

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»Eigentlich wollte ich nach dem ersten Tag gleich wieder gehen« Der ehemalige Prokurist Helmut Siegmund über seine Zeit bei HABA

Knapp ein halbes Jahrhundert Firmengeschichte hat Helmut Siegmund in seiner Funktion als kaufmännischer Leiter und später als Leiter der Bereiche Finanzen und Informationstechnik so intensiv mitgestaltet wie kaum einer. Die vielen Hochs und Tiefs hat er hautnah miterlebt. »Seit 1938 ist die Firma im Grunde kontinuierlich gewachsen. Es gab allerdings auch Zeiten, in denen es wirtschaftlich schwierig für uns war. Sogar Phasen mit Kurzarbeit habe ich erlebt, etwa in den Achtzigern. Das war allerdings nie von langer Dauer. Die Wiedervereinigung gab uns einen enormen Schub, besonders im Geschäft von Wehrfritz. Dank der vielen Kindergärten in Ostdeutschland stieg die Nachfrage nach neuen, zeitgemäßen Einrichtungen sprunghaft an. Dort sah man plötzlich all unsere schönen Dinge und wollte die nun natürlich auch.« Die ersten Jahre nach der »Wende« brachten für HABA starkes Wachstum, während in der ostdeutschen Nachbarschaft viele Unternehmen »einfach wegbrachen«. »Wir dagegen konnten nun aus dem Vollen schöpfen; plötzlich gab

»Der Helmut Siegmund sitzt auf unserem Geld. Meine Funktion ist lediglich, zu sagen wann er aufstehen soll« sagt Klaus Habermaaß über seinen Prokuristen (in der Bildmitte, im Pullover).

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es gut ausgebildetes Personal, das wir ja händeringend gesucht hatten. Das alles hat HABA natürlich sehr weit nach vorn gebracht.« Anders als viele andere Firmen widerstand man den Verlockungen, nach »drüben« zu gehen und in den Genuss von Fördermitteln und niedrigen Löhnen zu kommen. Eine Entscheidung, die Siegmund nie bereut hat. »Unsere Haltung hat sich für uns bewährt, denn man kann ja nicht einfach das ganze Know-how mittransportieren. Dabei hätten wir nur dreißig Kilometer weiter ziehen müssen, um alle verfügbaren Fördermittel beanspruchen zu können. Stattdessen zog HABA es vor, in Bad Rodach zu bleiben und sich hier zu vergrößern.« Damals konnte man häufig beobachten, wie die Subventionierungen ausgenutzt wurden, ohne dass es langfristig der Region geholfen hätte. »Unternehmen wurden gegründet, kassierten Fördermittel und verschwanden dann plötzlich wieder. Das haben wir nie mitgemacht. Viele Westfirmen wanderten auch zunächst in den Osten ab und kehrten nach einem Fehlversuch in Thüringen

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1965 ist HABA mit der IBM-Tabelliermaschine und den riesigen Lochkarten sehr fortschrittlich. Der Start in die elektronische Datenverarbeitung ist vollzogen.

oder Sachsen wieder zurück.« Bei HABA verlief die Wanderbewegung umgekehrt: »Viele Leute kamen aus Thüringen nach Franken, um bei HABA zu arbeiten. Die brachten meistens eine sehr gute Ausbildung mit, das wurde bei uns sehr geschätzt. Eine unserer Top-Designerinnen, Ines Frömelt, stammt zum Beispiel aus der Nachbarschaft in Thüringen.« Über die Neuzugänge war man im Unternehmen hoch erfreut, und diese Wertschätzung drückte sich von Anfang an auch in den guten Arbeitsbedingungen aus, die HABA den Neuankömmlingen bot. So wurde die Gleichberechtigung aller Mitarbeiter immer großgeschrieben: »Unsere Erfahrungen mit diesen »Ost-Importen« waren fast ausschließlich sehr gut. Die ostdeutschen Angestellten verdienten bei uns immer das, was »unsere« Leute auch bekamen. Da wurden keinerlei Unterschiede gemacht, während die Ungleichbehandlung in anderen Firmen durchaus üblich war.« Das Personal und seine Ausbildung haben eben einen besonders hohen Stellenwert in der Firma. Am Beginn seiner beruflichen Laufbahn kam Siegmund selbst in den Genuss der besonderen Förderung: Die Ausbildung in Rosenheim hatte ihm Klaus Habermaaß als Stipendium finanziert; im Gegenzug musste Siegmund versprechen, dass er anschließend mindestens fünf Jahre bei HABA bleibt. Das alles haben sie damals per Handschlag vereinbart, »ausschließlich auf Vertrauensbasis«. Vertrauen und die darauf basierende Freiheit, die man bei HABA hat – das zeichnet für ihn den Familienbetrieb aus. Die Freiheit ist allerdings nicht grenzenlos, das hat Siegmund in frühen Jahren gelernt. »Einmal ließ ich meine Haare länger wachsen. Ich war bei einer Theateraufführung, die mit Leuten aus dem Betrieb anlässlich der Weihnachtsfeier aufgeführt werden sollte, für eine bestimmte Rolle eingeplant, die eine eher zottelige Haarpracht erforderte. Herr Habermaaß beobachtete meine zunehmend liederliche Frisur ein paar Tage lang mit Argwohn (lange Haare galten damals als antibürgerlicher Protest), drückte mir schließlich 50 Pfennig in die Hand und legte mir einen Frisörbesuch dringend ans Herz. Als er den Grund für das unkontrollierte Wachsen hörte, ließ er mich widerwillig gewähren – sein Geld nahm er allerdings auch wieder zurück!« Helmut Siegmunds Laufbahn bei HABA begann 1963, als er mit vierzehn Jahren eine Lehrstelle suchte. Vom Arbeitsamt erhielt er ein Päckchen mit Visitenkarten, und ganz oben auf dem Stapel war die von Klaus Habermaaß. So bewarb er sich und wurde gleich genommen. »Allerdings wollte ich nach dem ersten Tag gleich wieder gehen. Die Herren in Anzügen machten mir damals irgendwie Angst. Ich bin natürlich geblieben – Gott sei Dank!« Seine weitere berufliche Karriere wurde stets von

Klaus Habermaaß gefördert. Nach der Lehre ging Siegmund auf die weiterführende Schule in Coburg. Ein Gespräch mit Habermaaß lieferte ihm die Anregung, anschließend auf die Fachhochschule Rosenheim zu gehen – so absolvierte er die gleiche Ausbildung wie sein Chef. An der Fachhochschule folgte dann ein viersemestriges Studium zum technischen Holzkaufmann. »Das Studium teilte sich in einen kaufmännischen und einen technischen Teil. Das war für mich zunächst schwierig, da ich damals kaum Ahnung von den technischen Aspekten hatte, das musste ich mir mühsam selbst beibringen. Deswegen nutzte ich die Semesterferien, um bei HABA in der Fertigung zu arbeiten und so Erfahrungen in der technischen Praxis zu sammeln. Mit zwanzig war ich dann ausgebildeter Betriebswirt. Bevor ich allerdings bei HABA richtig anfangen konnte, musste ich noch meinen Wehrdienst ableisten.« 1971 kehrte er zurück nach Bad Rodach, wo Klaus Habermaaß ihn mit den Worten empfang: »Jetzt bist du Abteilungsleiter.« Helmut Siegmund erinnert sich noch gut, dass ihm Habermaaß keinerlei Gelegenheit lies, irgendwelche Bedenken zu äußern. So hat er den Chef in Helmut Siegmund setzt 1973 die Großrechenanlage Modell IBM/3 durch und legt wie immer selbst Hand an.

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Das erste Werksgebäude (links) mit dem Wohnhaus der Familie Habermaaß.

Zu Hause in Bad Rodach Klaus Habermaaß über Standorttreue

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Zugegeben – Bad Rodach ist nicht der Nabel der Welt; es gibt aufregendere Städte als den beschaulichen oberfränkischen Kurort mit rund 6.000 Einwohnern. Und doch – für HABA kam ein anderer Standort nie ernsthaft in Frage; obwohl es durchaus Zeiten gab, in denen man zumindest über Alternativen nachdachte, nachdenken musste. Aus Gründen der Expansions- und Wettbewerbsfähigkeit hätte man in der Ära vor der Wiedervereinigung durchaus an einen anderen Ort umziehen können, sollen – aber eben nicht wollen. Argumente für einen Umzug gab es genug – schließlich rissen sich in der Zeit des Wirtschaftswunders die arbeitsuchenden Fachkräfte nicht gerade darum,

im »toten Winkel« an der oberfränkischen Grenze zur DDR zu arbeiten und zu leben. Zweifellos war Bad Rodach lange ein Standort mit vielen Nachteilen für eine stetig wachsende Firma. Dass sich Klaus Habermaaß dennoch dafür entschied, in Bad Rodach zu bleiben, ist vor allem seiner persönlichen Verwurzelung in der Region zu verdanken. Für ihn, der einst den Familienbetrieb seiner Eltern übernahm, ist die Firma natürlich untrennbar mit dem Ort verbunden, an dem seine Eltern das Unternehmen aufbauten. Schließlich spielte er schon als kleiner Junge auf dem Firmengelände. Die emotionale Bindung an die Heimat war immer groß und damit auch die Zuversicht, es trotz

Der Aufenthaltsraum im ersten Werksgebäude.

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Baustein für Baustein: Ansicht02_HDR2

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Der Firmensitz in Bad Rodach

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Wer wachsen will braucht Platz - das gilt auch für den HABA-Firmensitz. Was zunächst als kleiner Familienbetrieb mit Wohnhaus und benachbartem Werksgebäude begann, wuchs im Laufe der Jahrzehnte zum heutigen mittelständischem Unternehmen mit rund 2000 Mitarbeitern und vier Standorten in Rodach an. So begleitete eine ständige Bautätigkeit die Entwicklung der Firma bis heute. Die Firmengeschichte begann ganz bescheiden mit dem Privathaus der Familie Habermaaß in der August-Grosch-Straße, das zusammen mit dem Nachbargebäude zugleich Firmensitz war. Zunächst neben dem Wohnhaus entstand später das Werk I, das im Laufe der Jahre immer wieder erweiter wurde, bis das Haus der Familie schließlich in den Siebzigerjahren abgerissen wurde, um das Grundstück vollständig für Werk I nutzbar zu machen. 1955 zog die Möbelproduktion in den benachbarten ehemaligen Eiskeller, den Eugen Habermaaß 1949 erworben hatte. Der Eiskeller existiert als einziger der Altbauten aus der Anfangszeit der Firma noch heute - nach umfangreichen Umbaumaßnahmen Leschenh_Tag_3943 bildet er heute, kaum wiedererkennbar, einen Teil des Werks II. Das Wachstum der Firma verlief weiterhin ungebremst, so mussten beide Standorte mehrfach erweitert werden. 1987 wurden auch diese beiden erweiterten Anlagen zu klein, so entstand in der Werner-von-Siemens-Straße das Werk III, dort ist unter anderem das Hochregallager untergebracht. Weiter südlich, an der Elsaer Straße, liegt mit dem Lager Elsa der vierte Standort. Die eigentliche Firmenzentrale befindet sich heute gegenüber von Werk I. Hier hatte man die Altbauten Brau- und Leschenhof Schritt für Schritt abgerissen, stattdessen entstand das hochmoderne und repräsentative Hauptquartier, entworfen vom Stuttgarter Architekturbüro h4h Gessert + Randecker. Es besteht aus zwei Baukörpern, dem „Neuen Brauhof“ und dem „Neuen Leschenhof“, die miteinander verbunden sind. Mit diesen modernen und nachhaltig konstruierten Gebäuden gewann HABA endlich einen repräsentativen Hauptsitz, dessen natürlich und farbenfrohe Gestaltung die Philosophie der Firma wunderbar zum Ausdruck bringt.

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Aus der Vogelperspektive: Das Firmengelände auf einem Blick.

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Nach dem Umbau ist der Eiskeller deutlich größer. Neu verputzt ist er kaum wiederzuerkennen.

Der Eiskeller vor dem Umbau, 1951. Das Gebäude wurde früher von der benachbarten Brauerei zur Lagerung von Eis genutzt.

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Die neuen Fertigungshallen für die Möbelproduktion

der widrigen Umstände auch in der strukturschwachen Region mit Randlage zu schaffen: »Ich habe einfach daran geglaubt, dass ich daraus etwas machen kann!«, erinnert sich Habermaaß. Sicher, das beschauliche Heilbad in der Nähe von Coburg war nie etwas anders als ein Provinzstädtchen – dennoch blieb die Firma in Bad Rodach zu Hause. Damit setzte Klaus Habermaaß auch ein Zeichen für Standorttreue und regionale Verbundenheit, dafür nahm er einiges an Unannehmlichkeiten und Widrigkeiten in Kauf. In den Jahrzehnten vor der Wiedervereinigung war es immer sehr schwer, Fachkräfte zum Umzug in die oberfränkische Provinz zu bewegen, zumal das nahe (und größere) Coburg

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Das Richtfest findet ohne Eugen Habermaaß statt, der die Baumaßnahmen beauf-

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Kaum fertiggestellt, erhält der Eiskeller 1960 einen Anbau mit Möbelversand und Büro.

tragt hat. Luise Habermaaß (inks im Bild) leitet das Unternehmen nach dem in der Todesanzeige geäußerten Vorsatz: »Sein hohes Verantwortungsgefühl und sein nimmermüder Arbeitswille werden als Vorbild weiter in uns leben.«

Werk 2 ist heute das älteste noch existierende Produktionsgebäude von HABA.

Aus der Richtfestschrift.

1955 feiert man das Richtfest von Werk 2.

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als Standort der Metallindustrie immer ein starker Konkurrent bei der Anwerbung von gutem Personal war. Viele Menschen wanderten ab, was die Region zusätzlich schwächte. Um dem Personalmangel entgegenzuwirken, stellte HABA sogenannte Fremdarbeiter ein; sie kamen zunächst aus Jugoslawien. »Die sprachen kein Wort Deutsch, wollten aber arbeiten, auch am Samstag und am Sonntag. So haben wir extra Wohnheime gebaut mit den letzten Kröten, die ich damals noch hatte. Als die dann nach vier Wochen das erste Geld bekamen, hieß es plötzlich: ›Chef, Samstag, Sonntag nix arbeiten.‹ Jeden dritten Tag musste ich runter, weil es irgendwo eine Prügelei gab. Es war also außerordentlich schwierig.« Personal kam damals auch aus kleinen bäuerlichen Betrieben aus dem Umland, von denen viele geschlossen wurden. Diese Arbeitssuchenden wanderten nicht etwa zu Siemens ab,

sondern sie gingen zu Klaus Habermaaß – was er seiner starken Verankerung in der Region zuschrieb. Man kannte sich eben. Allerdings seien dies »fleißige Leute, aber Grobmotoriker« gewesen. Manche kamen auch nicht damit zurecht, von morgens 6 Uhr bis abends um 19 Uhr an der Maschine zu stehen. »Das war mir nachher eine Lehre. Ein Bauer ist halt immer noch ein kleiner König auf seiner Scholle, egal, wie dreckig es ihm auch gehen mag. Was er sagt, wird gemacht. Und plötzlich mussten die also machen, was ihnen die anderen sagten. Das war für die natürlich ein richtiger Bruch.« Aus diesen nicht immer positiven Erfahrungen zog Habermaaß den Schluss, dass HABA seine künftigen Arbeitskräfte selbst ausbilden muss. Eine hohe Produkt- und Produktionsqualität erzielt man eben doch nur mit gut ausgebildeten Fachkräften. Und da diese nun einmal schwer nach Bad Rodach zu bewe-

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Anlässlich der Richtfeste zu den drei einzelnen Bauabschnitten von Werk 1 wird gefeiert und Luise Habermaaß nimmt Glückwünsche gern entgegen.

Bild oben: Die Bauaktivitäten gehen weiter. Werk 1 wird 1971 errichtet und die Büros, das neue Wehrfritzlager und die Spielwarenfertigung ziehen ein. Zunächst bleibt das alte Habermaaß-Wohnhaus noch erhalten.

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gen waren, zog HABA sich eben die Talente selbst auf. »Mittlerweile bilden wir in 16 verschiedenen Berufen aus! Das Thema Ausbildung ist ein sehr zentrales Anliegen.« So wichtig es für die Firma auch ist, dass Fachkräfte vor Ort bleiben, so sieht Klaus Habermaaß es für die persönliche Entwicklung der Einzelnen doch als unerlässlich an, sich zu bewegen, auch einmal woanders zu arbeiten als zuhause. Den Drang in die Ferne spürte er schließlich selbst als junger Mann. Ein wachsendes Familienunternehmen wie HABA bietet den Beschäftigten aber natürlich auch viele Vorteile – so war es beispielsweise gerade in dem familiären Umfeld möglich, Kleinbusse anzuschaffen, mit denen Mitarbeiter von außerhalb Fahrgemeinschaften gründen und täglich auf Firmenkosten nach Bad Rodach fahren konnten. Das ist vielen HABA-Angestellten bis heute sehr positiv im Gedächtnis geblieben. Die Wiedervereinigung änderte die schwierige Situation der Firma schlagartig: Nach der Grenzöff-

nung war HABA einer der ersten Betriebe an der thüringischen Grenze, der Arbeitskräfte aus diesem »neuen« Bundesland einstellte. So wurde aus dem ehemaligen Manko des grenznahen Standortes nun ein Wettbewerbsvorteil. Dennoch ist verklärtes Schwelgen in der Vergangenheit nie Klaus Habermaaß’ Sache gewesen. Er blickt lieber in die Zukunft, denn, wie er gerne sagt: »Das einzig Beständige ist der Wandel.« Wandel bedeutete für HABA immer auch Wachstum. Um dies zu ermöglichen, musste die Firma sich immer auch räumlich erweitern können. Eine nicht immer einfache Angelegenheit in einer Kleinstadt.

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Mit den Bauabschnitten 2, 1975, und 3, 1979, werden das Wehrfritzlager und die Packerei vergrößert sowie eine neue Lehrwerkstatt errichtet.

Behutsames Wachstum in der Kleinstadt Das Wohnhaus der Habermaaß-Familie war die Keimzelle des heutigen Unternehmens. Wo heute eine moderne Halle (Werk I) steht befand sich

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Das Bauschild aus dem Jahre 1971 und die Fassade von Werk 1 im Jahre 2012. Im Hintergrund der Übergang zum neuen Bürogebäude, dem ›Brauhof‹.

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Das Werk 3 wird 1987 etwas außerhalb des Stadtkerns von Rodach eröffnet.

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Zur Einweihung des neuen Distributionslagers gibt es einen Tag der offenen Tür.

Die Erweiterung von Werk 3 erfolgt schon 1988 und 1990 wird Werk 4 nebenan gebaut. Das Hochregallager und die Versandanlage werden 1992 eingeweiht.

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Der Wendelförderer im Hochregallager.

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einst das Familiendomizil. Dort sind Klaus Habermaaß und seine Schwestern aufgewachsen, dort kamen seine Kinder auf die Welt. Das Haus steht heute nicht mehr, aber es bildete den Ausgangspunkt der langen Expansion der Firma. Anfangs waren dem räumlichen Wachstum allerdings enge Grenzen gesetzt: Zahlreiche Bauernhöfe umgaben damals das Firmengelände. Bis heute erwarb Klaus Habermaaß deshalb etliche Grundstücke in Rodach. Natürlich war das kein einfaches Unterfangen; die Nachbarn zur Aufgabe ihres Hofes oder ihres Einfamilienhauses zu bewegen erforderte äußerstes Fingerspitzengefühl. »Ich könnte ein dickes Buch darüber schreiben«, sagt Klaus Habermaaß heute. Einen früheren Nachbarn, damals schon ein alter Mann am Stock, hatte Habermaaß schon zur Zusage bewegt. Beide saßen im Auto auf dem Weg zum Notar, doch als sie ausstiegen sagte der Nachbar: »Ich hab’s mir noch mal überlegt, ich verkaufe nicht!«. Später ging er dazu über, freie oder frei

werdende Grundstücke »auf Vorrat« zu kaufen. Das alles war nur möglich, sagt er heute, weil er in der ländlichen Gegend sehr eingebunden war und die Leute alle kannte und die Leute kannten ihn. So gelang es ihm, mit einer Ausnahme alle gewünschten oder benötigten Grundstücke im Laufe der Zeit für die Firma zu kaufen. Es kam sogar zu Tauschgeschäften, und selbst die Evangelische Kirche, die bis dahin nie Liegenschaften veräußert hatte, erklärte sich schließlich damit einverstanden, zwei ungenutzte Felder an HABA zu verkaufen. Es war ihm immer wichtig, dass die Bewohner dieser Grundstücke »sanft« umgesiedelt wurden. Allerdings erwartet er natürlich von der Stadt auch Verständnis für eventuelle Unannehmlichkeiten, die die Nachbarschaft zu einem so großen Unternehmen mit sich bringt. Als Nachbarn im Rentenalter sich darüber beschwerten, dass der Lärm morgens schon um sieben Uhr beginnt, bemerkte er, es müsse schließlich auch Leute geben, die schon früh arbeiteten, um die

Leistungen zu erwirtschaften, die Rentner in Anspruch nähmen. Auch die idyllische Lage mitten in der Natur liegt ihm sehr am Herzen. Um zu verhindern, dass die vertrauten Felder und Wiesen bebaut werden, kaufte er auch schon mal Gelände auf, um es für den Naturschutzbund zu sichern. Behutsames Wachstum prägte also immer die Entwicklung in Bad Rodach. Inzwischen steht an der Stelle des ehemaligen Brauhofs, den HABA im Jahr 2001 erworben hatte, ein moderner Komplex, der den Geist von HABA – Transparenz, Offenheit und eine freundliche Atmosphäre – perfekt widerspiegelt. Klaus Habermaaß’ Wertschätzung für Bad Rodach zeigt sich auch in anderen Projekten. Von der Renovierung des Bad Rodacher Rathaussaals bis zur behutsamen Instandsetzung der alten Mühle, die ihm nun als Freizeitdomizil dient – immer wieder findet er Spaß an der Renovierung alter Gebäude, die andere längst abgerissen hätten. Manche davon werden

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Im Jahr 2008 wird Werk 3 noch einmal um 8.700 m2 erweitert. Insgesamt sind es zehn Bauabschnitte bis heute.

Die Kommissionier- und Versandanlage.

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Im alten Brauhof wird gern gefeiert.

Der alte Brauhof vor dem Abriss.

Die Abrissarbeiten beginnen 2005.

Der alte Brauhof 1895.

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Der neue ›Brauhof‹

Der neue ›Leschenhof‹

L.o. Der Eingangsbereich von außen.

L.m. Blick von oben auf die Rezeption in der Eingangshalle.

L.u. Das Treppenhaus mit der Rezeption

R.o. Der Übergang über die August-Grosch-Straße von Werk I zum ›Brauhof‹.

R.m. Blick in die Kantine mit der dort ausgestellten, originalen Eingangstür des Brauhofs.

R.u. Die Terrasse am Teich hinter der Kantine.

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Der Bau des ›Leschenhofs‹ in einzelnen Stufen, vom Abriss der ursprünglichen Gebäude bis hin zum fertigen Neubau.

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Der Schulungsraum im Erdgeschoß vom ›Leschenhof‹

Der Besprechungsraum im Obergeschoß mit Blick über Bad Rodach.

umgebaut zu Wohnungen für Praktikanten oder in der Probezeit befindliche HABA-Mitarbeiter. Seine Begeisterung für solche Vorhaben hat sich im Ort herumgesprochen. »Jeder, der eine alte Hütte hat, kommt jetzt zu mir«, sagt er lachend. »Aber ich mache das ganz gerne.« Die Verantwortung als einem der größten Arbeitgeber in der Region ist Klaus Habermaaß und der Firmenleitung stets bewusst. Höchste Priorität war immer, die Arbeitsplätze zu erhalten und jungen Menschen durch eine solide Ausbildung zu den besten Zukunftschancen zu verhelfen. Zumal nicht nur aus der unmittelbaren Umgebung, sondern aus ganz Deutschland Arbeitskräfte zu HABA kommen – wenn sie denn den Weg auf Anhieb

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Der neue ›Leschenhof‹ erinnert an einen riesigen Turm aus HABA-Bausteinen. Die Architektur ist bewusst symbolisch.

finden ...! Wer ortskundig ist, ist wohl auch heute in dieser Beziehung noch im Vorteil. Obwohl das Unternehmen mittlerweile ca. 2.000 Mitarbeiter zählt und mit mehreren Niederlassungen im Ausland vertreten ist, bleibt die Verwurzelung in der kleinen Gemeinde Bad Rodach bestehen. Eine lange Beziehung des Gebens und Nehmens bindet Klaus Habermaaß an den Standort, an dem bereits sein Vater als erfolgreicher Unternehmer tätig war. HABA und Bad Rodach, Bad Rodach und HABA – das gehört unverändert zusammen. Die Frage eines Umzugs stellt sich schon lange nicht mehr.

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Der Marktplatz von Rodach 1940.

»Wenn ich Rentner bin wünsche ich mir auch so ein Auto« Gerold Strobel, ehemaliger Bürgermeister von Bad Rodach, über Klaus Habermaaß

Als vor 75 Jahren der kleine Familienbetrieb gegründet wurde, ahnte in Rodach noch niemand, dass diese Firma einmal zum größten Arbeitgeber der Stadt heranwachsen würde. Nicht nur das, HABA ist heute eines der bedeutendsten Wirtschaftsunternehmen der Region. Klaus Habermaaß’ tiefe Verbundenheit mit seiner Heimatstadt ist weithin bekannt, und natürlich fühlen sich auch umgekehrt die Rodacher dem Traditionsunternehmen verpflichtet. Klaus Habermaaß ist, wie schon zuvor seine Mutter Luise, Ehrenbürger der Stadt – bis heute sind sie die Einzigen, denen diese Ehre zuteilwurde.

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Die enge Beziehung zwischen Firma und Stadt wurde natürlich auch bei der Jubiläumsfeier 2012 spürbar. So spielten die Nürnberger Philharmoniker öffentlich im Kurpark, nicht nur für die Belegschaft, sondern für alle. Die Veranstaltung war gedacht als Geschenk an Mitarbeiter und Bürgerschaft. Gerold Strobel, von 1994 bis 2012 Bürgermeister von Bad Rodach, hat in seiner Amtszeit Klaus Habermaaß als »Menschen mit äußerster Bescheidenheit« kennengelernt: »In seinem Büro hängen die Bilder von Vater und Mutter, die ihn sehr geprägt haben. Er ist den Eltern unheimlich dankbar, das merkt man in

Frisch gestrichen: Trotz der Neugestaltung von 2012 hat sich das Bild vom Marktplatz mit dem Rathaus im Hintergrund nur wenig verändert.

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jedem Gespräch. Mit den Bildern drückt er seine Achtung vor ihrer Leistung aus«. In den 18 Jahren, in denen Gerold Strobel Bürgermeister von Bad Rodach war, schätzte er Klaus Habermaaß als verantwortungsbewussten Unternehmer, der trotz seines Erfolgs immer bescheiden blieb. »Eines Tages«, erinnert sich Strobel, »nahm ich ihn mit nach Coburg; wir fuhren mit meinem Audi A4. Er sagte zu mir: ›Wenn ich mal Rentner bin, wünsche ich mir auch so ein Auto!‹« Irgendwann leistete sich Klaus Habermaaß dann den teuren Audi – »man sah ihn aber weiterhin eigentlich immer nur in seinem schlichten Golf«. Eine weitere charakteristische Anekdote zeigt Klaus Habermaaß’ Blick fürs Kleine, seine allgemeine Fürsorglichkeit: Strobel fiel eines Tages ein Wassereimer am Wegesrand auf. Auf seine Nachfrage, wer diesen dort stehen gelassen habe, hieß es: Klaus Habermaaß! Er nutze ihn, um den Lehm im Straßengraben zu befeuchten – für die Schwalben, die nassen Lehm für den Nestbau benötigten. Auch persönliche Interessen und Vorlieben seiner Mitmenschen nimmt Habermaaß sehr genau wahr. »Das sind Dinge, auf die der Mann achtet.« Dieses besondere Augenmerk für den Einzelnen, für die kleinen Dinge, gehören sicherlich auch zu den Vorzügen des Miteinanders in der Kleinstadt. Hier kennt man sich eben, das verbindet. Zur Feier des 50. Betriebsjubiläums ernannte die Stadt Klaus Habermaaß zum Ehrenbürger; eine durchaus bedeutungsvolle Geste, die laut Strobel »dokumentieren soll, wie wichtig die Firma und seine Arbeit für die Stadt sind«. An der Entwicklung der Stadt nimmt Habermaaß

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Mit viel Liebe zum Detail saniert Klaus Habermaaß alte Gebäude in Bad Rodach. Das restaurierte Sanktimeterhaus dient als Herberge für Auszubildende oder Mitarbeiter, die neu im Betrieb und auf Wohnungssuche sind.

Der Eingang des Sanktimeterhauses um die Jahrhundertwende.

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Die Lateinschule.

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Das Haus Heldritter.

Das Haus Steitzer.

Die alte Mühle Rossfeld ist der Rückzugsort für den Naturfreund Klaus Habermaaß. Hier betreut er seine Bienenvölker. Zu Weihnachten verschenkt er den dort gewonnenen Honig an die ehemaligen Mitarbeiter.

schon seit eh und je regen Anteil – auch als Bauherr. Strobel blickt zurück: »Seine erste Gebäudesanierung war ein Dreiseithof. Der war Eigentum der Stadt, die sich aber viele Jahre nicht ordentlich um solche Gebäude kümmerte, weil sie die nötige Finanzkraft nicht hatte. Er hat das Gebäude dann gekauft und hergerichtet!« Auch beim Brauhof verhielt es sich ähnlich – 1995 hatte Strobel versucht, Klaus Habermaaß das Gebäude zu verkaufen, weil die Stadt es nicht mehr unterhalten konnte. Ursprünglich wollte dieser nicht, lenkte schließlich aber doch ein und erwarb auch dieses Grundstück mitsamt abrissreifem Gebäude. Und das nicht einmal zu Vorzugskonditionen: »Er hat einen ordentlichen Bodenpreis bezahlt«, sagt Strobel. Nach dem Abriss des Brauhofes entstanden auf dem Gelände moderne, ansprechende Gebäude, die eine vernachlässigte Ecke der Stadt in einen ganz neuen Ort verwandelten. »Das sind stadtbildprägende, optimistische und moderne Gebäude; die südöstliche Stadt wird dadurch erheblich aufgewertet.« Anders als man befürchten konnte, empfand Strobel die kontinuierliche Expansion der Firma nie als bedrohlich oder beängstigend für den Ort. Zwar brachte Habermaaß immer auch die Belange der Firma zur Sprache, etwa, wenn es um

den Zustand der Zufahrtsstraßen zum Firmengelände ging, doch tat er das nie auf Gutsherrenart. Strobel erinnert sich nur an einen einzigen Fall, in dem Klaus Habermaaß seinen Einfluss im Stadtrat nachdrücklich geltend machte: »1991 kam er einmal ins Rathaus – ich war damals noch nicht Bürgermeister, sondern Protokollführer. An der Hauptstraße sollten ein Bäcker und ein Edeka gebaut werden; HABA hatte dort bereits seinen dritten Firmenstandort. Die Neubauten für Edeka und die Bäckerei waren schon genehmigt, da kam Klaus Habermaaß und protestierte: ›Ich bleibe in Bad Rodach, aber einen vierten Standort baue ich nicht. Engt mich nicht ein!‹ Anschließend kassierten wir die bereits erteilten Baugenehmigungen wieder. Eine große Bäckerei hätte Arbeitsplätze geschaffen, aber HABA bot natürlich die bessere Entwicklungsperspektive. Im Nachhinein erwies sich das als glückliche Entscheidung – damals hatte HABA ungefähr 500 Mitarbeiter, heute sind es rund 2.000! HABA ist unser wichtigster Gewerbesteuerkunde.« »Man nimmt schon Rücksicht auf HABA«, bekennt Strobel, schließlich sei es ein Geben und Nehmen. »Klaus Habermaaß ist wirklich einer, der in und mit der Stadt lebt, stadt- und menschenver-

bunden ist und sozial extrem viel macht. Es gab zum Beispiel eine größere Spende für den Wallgraben, den wir freigelegt haben. Das hängen wir gar nicht an die große Glocke. Natürlich will er respektiert und geschätzt sein, das kann ich wohl offen sagen, schließlich haben wir hier ja keine Coburger Verhältnisse«, sagt Strobel mit Blick auf Interessenskonflikte und Streitigkeiten in der Nachbarstadt. »Herr Habermaaß wollte auch nie hohen politischen Besuch in der Firma haben – Herr Grosch hatte einmal einige Bürgermeister, die natürlich auch für Kindergärten verantwortlich sind, eingeladen. Herr Habermaaß sagte damals: ›Eigentlich geht es um Kinder. Heute sind auch ein paar Politiker da, aber seien Sie sich darüber im Klaren, dass die nur Staffage sind!‹ Solche Sprüche hat er drauf.« Natürlich sorgt ein großes Unternehmen wie HABA auch dafür, dass die anderswo grassierende Abwanderung gebremst wird. »Ohne HABA würden wir wesentlich stärker an Bevölkerung abnehmen«, sagt Strobel. »Wir haben es im Wesentlichen der Firma zu verdanken, dass Rodach attraktiv für junge Familien ist. Die kaufen gebrauchte Immobilien und lassen sich mit ihren Kindern hier nieder – das passiert in erster Linie wegen HABA.«

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Der Bürgermeister gratuliert Klaus Habermaaß zum siebzigsten Firmenjubiläum

Bürgermeister Strobel betätigt sich aktiv bei der Eröffnung des HABA-Lehrpfads.

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Die Bahnhofstraße in Rodach um die Jahrhundertwende.

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Im Steinerer Weg, 1940.

Bad Rodach im Porträt

Ein Exponat auf dem Lehrpfad der HABA-Auszubildenden zeigt, wo sich Bad Rodach geographisch befindet.

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Bad Rodach ist die Wiege von HABAs Erfolg und

Im folgenden Jahrhundert zeitweise arg gebeutelt

später offiziell Heilbad. Doch dauerte es noch bis

Region und der größte Arbeitgeber der Stadt.

weiterhin die Heimat der Firmenfamilie. Doch

– im Dreißigjährigen Krieg niedergebrannt, später

1999, bis die Stadt den Zusatz »Bad« im Namen

Und noch eine Besonderheit hat Bad Rodach

was macht diese kleine Stadt aus, die als deutsche

von kaiserlichen Truppen geplündert –, ging es

führte. So verbindet man deutschlandweit nicht nur

aufzuweisen: Es gibt hier noch echte Nachtwächter.

Firmenzentrale fungiert? Mit gerade einmal 6.300

Anfang des 19. Jahrhunderts wieder aufwärts. Bad

die HABA-Firmenfamilie, sondern auch das Ther-

Ansonsten lebt das Städtchen hauptsächlich vom

Einwohnern ist sie nicht gerade eine Metropole,

Rodach wurde neu aufgebaut, und die Industrie

malbad mit seinen vielfältigen Wellnessangeboten

(Kur-)Tourismus. Als »Perle am Grünen Band« wirbt

aber durch HABA und den Status als Heilbad

hielt langsam Einzug. Die alte Stadtmauer wurde

mit dem Namen »Bad Rodach«.

Bad Rodach mit der herrlichen Natur ringsum, die

ist sie auch über den oberfränkischen Landkreis

abgerissen, und stattdessen wurden moderne

Coburg hinaus bekannt. Immerhin 14 Ortsteile

Einrichtungen wie ein Elektrizitätswerk und die

Durch seine Lage direkt an der thüringischen

Ort für Erholungsurlaub also. Mit dem historischen

umfasst sie heute.

Bahnanbindung an Coburg geschaffen. Obwohl

Grenze litt Rodach zur Zeit der deutschen Trennung

Stadtkern und weiteren reizvollen Ausflugszielen

1920 beschlossen worden war, dass Rodach eine

unter der Isolation – es war praktisch an drei Seiten

in der Umgebung weiß die Stadt zu locken – das

Die Geschichte Bad Rodachs begann noch ohne

kreisfreie Stadt bleiben sollte, wurde sie 1940 Teil

von der Mauer eingeschlossen. Dank dem Mut und

wissen auch die 1.800 Pendler, die täglich nach

das »Bad« im Jahr 1362, als Rodach die Stadtrech-

des Landkreises Coburg und ist es bis heute.

der Entschlossenheit der HABA-Geschäftsführung

Bad Rodach fahren. Für wie viele von ihnen das

te erhielt und kurz darauf eine Stadtmauer errich-

Mit der Entdeckung der wärmsten Thermalquelle

war es trotzdem nicht vorbei mit der erfolgreichsten

HABA-Firmengelände das Ziel ist? Genaues weiß

tete. 1531 wurde die Stadt zu einer mittelalterli-

im nördlichen Bayern 1972 war es dann so weit:

Rodacher Firma. HABA entschied sich, zu bleiben –

man nicht, aber bestimmt für einige!

chen Landesfestung ausgebaut.

Rodach wurde erst Erholungsort und neun Jahre

und ist heute einer der wichtigsten Arbeitgeber der

zum Wandern und Radfahren einlädt. Ein perfekter

Der Neubau ›Leschenhof‹ am Steinerer Weg.

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Möbel aus dem Eiskeller Klaus Habermaaß über die Entwicklung der HABA-Firmenfamilie

Alles Große fängt mal ganz klein an – das gilt natürlich auch für HABA. Eugen Habermaaß begann bereits in den Fünfzigerjahren damit, die ersten Möbel zu produzieren, anfangs reine Einzelanfertigungen. Doch genau darin lag die Zukunft, wie sich bald zeigte. Die Firma Wehrfritz war damals die »Keimzelle für den Bereich ›soziale Einrichtungen‹«, erinnert sich Klaus Habermaaß heute. Und ebendieser Bereich sollte sich zu einem der lukrativsten Geschäftsfelder des Unternehmens entwickeln. Mitte der Fünfzigerjahre kaufte Eugen Habermaaß den »Eiskeller« in Bad Rodach mit dem Ziel, dort ein großes Werk für die Möbelherstellung aufzubauen. Während das Werk sich noch im Bau befand, starb der Firmengründer, so dass er die Vollendung seiner Pläne nicht mehr erleben durfte. Sein Konzept ging voll auf: Mit ausrangierten Maschinen der Firma Albrecht, die

später der erste Arbeitgeber von Klaus Habermaaß werden sollte, begann Wehrfritz, im Eiskeller Möbel in Kleinserie zu produzieren. »Wir waren ja froh, dass überhaupt was da war«, sagt Klaus Habermaaß heute über die bescheidene Second-Hand-Ausstattung, mit der damals gearbeitet wurde. »So fing es an mit den ersten Möbeln, die später unser Hauptgeschäft wurden.« Für ihn kam diese Entwicklung gerade recht: »Ich hatte durch meine Ausbildung schon ein Faible für Möbel, als ich in die Firma eintrat.« Und so forcierte Klaus Habermaaß die Möbelherstellung nach Kräften, so dass schon bald »richtig Geld verdient wurde. – Damals habe ich Kalkulationen gemacht, die könnte ich heute nicht mehr machen. ›Kunde droht mit Auftrag‹, so war das damals!« Dem Umstand, dass Wehrfritz sich zu dieser Zeit neben den starken Marktführern der Branche behaupten musste,

Die August-Grosch-Straße, 1940, mit dem Eiskeller vor dem Umbau.

Bereits 1947 bietet Wehrfritz Liegematten für den Kindergarten an, geflochten in Heimarbeit.

begegneten sie ganz pragmatisch: »Wir waren eben billiger als die Konkurrenz, so habe ich mich dann vorgearbeitet.« So dauert es nicht lange, bis Wehrfritz selbst zum Marktführer wurde. Das erreichte die Firma nicht allein dank einer offensiven Preispolitik, sondern durch einen – damals völlig neuartigen – Rundumservice. Von der Zahnbürste bis zum Mobiliar, Wehrfritz lieferte als erste Firma die komplette Ausstattung für Kindergärten. Kein Wunder, dass sich die damals noch ver-

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Der Kindergarten in Bad Rodach wird in den Vierzigerjahren von Wehrfritz eingerichtet.

gleichsweise üppig ausgestattete »öffentliche Hand« schon bald zum wichtigsten Großkunden entwickelte. Das Geschäft mit Spielwaren betrachtete Klaus Habermaaß währenddessen als »Valuta-Bereich« – hier gab es lange Zahlungsziele, Skontoabzüge, wechselnde Kunden, weniger Sicherheit. »Die Geschäfte mit der öffentlichen Hand waren ja eine sichere Sache!« Wehrfritz entwickelte sich zum sprichwörtlichen »Dukatenesel« des Unternehmens, der in den Siebziger-

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und Achtzigerjahren wirtschaftliche Stabilität garantierte. »Die Spielwaren habe ich damals so nebenbei mitgemacht, weil ich es gerne gemacht habe, Kerngeschäft waren aber die Einrichtungen. Mir war immer wichtig, dass wir breit aufgestellt sind.« Eines der bedeutendsten Prinzipien lautete: niemals in Abhängigkeit von Großkunden geraten. Den großen Versandhäusern, die mit riesigen Aufträgen zu schwierigen Konditionen lockten, begegnete das Unternehmen zurückhaltend. »Ich bin immer äußerst kritisch mit solchen Aufträgen

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umgegangen. Das sind einfach Lebenserfahrungen, die man früh macht.« Während das Geschäft mit Wehrfritz florierte, kam das Versandgeschäft nur schleppend in Gang. »Schon damals versuchten viele, einen Spielwarenversand zu betreiben, und sind alle gescheitert.« Man musste das Geschäft anders aufziehen, das war offensichtlich; nur wie? 1987 wurde JAKO-O gegründet, und von Beginn an war klar: Das geht nicht mit Spielwaren allein. »Zusammen mit dem damaligen Prokuristen von Wehrfritz, Herrn Matthes

Die ersten WehrfritzKindergartenmöbel.

Der praktische, stapelbare Stuhl ›Modell 1303‹ ist mit einer verkauften Stückzahl von 102.300 sehr erfolgreich.

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(der war noch zehn Jahre älter als ich), habe ich mich hingesetzt und überlegt, wie man das am besten anstellt.« Sie stellten also ein Sortiment für Kinder der Altersgruppe 0 bis 6 zusammen: Spielwaren, Kleidung usw. Doch noch kam das Projekt nicht in Fahrt. Zu groß war der Werbeaufwand, auch wenn die Firma vertrieblich gut aufgestellt war. Offenbar lag es auch am Sortiment, dass die Kundschaft noch nicht richtig anbeißen wollte. »Ich sagte mir dann, Mensch, wenn zwei so alte Kerle sich zusammensetzen und überlegen, was würden junge Mütter wohl kaufen, das kann ja nicht funktionieren!« So wandte sich Klaus Habermaaß an Bettina Peetz und bot ihr an, das Projekt zu übernehmen. Sie hatte damals zwar selbst noch keine Kinder, war aber genau im richtigen Alter, und Habermaaß schätzte sie als kompetent und agil

genug ein, den Job zu übernehmen. Bettina Peetz sagte zu und hatte, zu Klaus Habermaaß’ Freude, »genau das Händchen dafür«. Der damalige Wirtschaftsprüfer war skeptisch und gab dem Projekt noch ein, zwei Jahre, bevor man die Konsequenzen ziehen und die Idee wahrscheinlich begraben müsse. Doch stattdessen erreichte JAKO-O schon bald die entscheidende Wendemarke, nach der ein Unternehmen rentabel wird. »Da habe ich dann gemerkt, jetzt sind wir auf dem richtigen Dampfer. Dann haben wir das Ding gepusht und aufgebaut, und heute ist es der wichtigste Umsatzträger!« Sobald sich JAKO-O auf der Erfolgsspur befand, begann konsequent der Ausbau des Versandhandels. Neue Kundengruppen galt es zu erschließen, und was lag näher, als die nächste Altersgruppe anzupei-

Die Wehrfritz-Kindergarteneinrichtung in Mönchröden in den Fünfzigerjahren.

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Neu im Katalog von 1941 sind die aufgeklebten vierfarbigen Zeichnungen

Der Katalog von 1948 richtet sich auch an die Zielgruppe der Schulen.

Der Katalog 1959/60, gestaltet von Wolfgang Reichel, daneben der Wehrfritz-Katalog im 75. Jahr des Bestehens.

Wehrfritz Eine typische Wehrfritz-Einrichtung auf dem Katalog von 1955 inklusive Gummibaum und HABA-Ente auf dem Tisch.

Der Rundum-Ausstatter für soziale Einrichtungen ist Marktführer im Bereich

Die Internationalisierung des Unternehmens nahm in den Neunzigerjahren

Betreuung. Egal, ob es um Kinder, Senioren, Therapiepatienten oder Behin-

Fahrt auf. So ging es 1993 nach Frankreich. Die dortige Niederlassung fir-

derte geht, Wehrfritz liefert Konzept, Einrichtung und Ausstattung.

miert unter dem Namen »HABA S.a.r.l.«. 2009 folgte die erste Filiale in Polen.

Das Unternehmen entstand 1938 fast zeitgleich zu HABA, gegründet von Anton Engel, Eugen Habermaaß und Karl Wehrfritz als »Anton Engel, Fabrik

Vom Buchstabenlernspiel bis zum Klettergerüst und vom Experimentierbau-

für fein polierte Holzwaren«. Bereits ein Jahr später erschien der erste Kata-

kasten bis zur flexiblen, rollbaren Möblierung für das Klassenzimmer bietet

log, noch in Schwarzweiß (1959 erstmals in Farbe). Er enthielt Bausteine und

Wehrfritz heute alles, was in sozialen Einrichtungen für die Betreuung von

andere Spielzeuge, aber schon damals lag der Schwerpunkt auf Möbeln für

Kindern, Senioren und Behinderten gebraucht wird. Mehrere Spezialkataloge

soziale Einrichtungen. Als erstes Einsatz- und Testgebiet fungierte bereits in

sind genau auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe zugeschnitten.

den Vierzigerjahren der Rodacher Kindergarten!

Jedes Jahr kommen neue Ideen und Konzepte hinzu – auch deshalb ist

In den Fünfzigerjahren ging es mit der Firma steil bergauf, nicht nur inner-

Wehrfritz Marktführer in diesem Bereich.

halb Deutschlands – Kindergärten und Schulen gibt es schließlich überall. Dort legt man Wert auf eine schöne, funktionale und nach pädagogischen Aspekten optimierte Ausstattung. Und diese kommt aus Bad Rodach – fast überallhin! 1939 erscheint der erste Wehrfitz-Katalog mit 26 Seiten. Der Katalog von 2013 umfasst 1.248 Seiten. Von Beginn an verkauft Wehrfritz auch die Produkte von HABA. HABA wiederum richtet die Produktion zu einem guten Teil am Bedarf von Wehrfritz aus.

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Mit dem Modulsystem produziert Wehrfritz ab 1994 eigene robuste, individuell planbare Außenspielgeräte.

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len? So entstand FIT-Z, der »Katalog für Selberdenker«. Darauf folgte Qiéro! für die »junge Mutter, die auch schick sein möchte, aber nicht mehr bauchfrei laufen will« – so begleitet HABA seine Kunden durch die unterschiedlichen Phasen des Familienlebens. Eine der großen Herausforderungen der Zukunft liegt für Klaus Habermaaß in der Internationalisierung des Unternehmens.

Zwar macht der Export heute 20 % des Geschäfts aus, doch diese Quote hält er für viel zu niedrig. »Wir müssen raus! Die Globalisierung ist die Zukunft. Das wird die nächste große Aufgabe!« Die Fähigkeit zum rechtzeitigen Erkennen von Strömungen und Entwicklungen betrachtet Klaus Habermaaß als eine seiner entscheidenden Stärken, auch wenn er das ungern sagt; Selbstlob liegt ihm nicht.

Die demographische Entwicklung mit der problematischen Umkehrung der Bevölkerungspyramide kann er natürlich nicht ignorieren. Für HABA bedeutet dies vor allem, dass es notwendig ist, weitere neue Kundengruppen zu gewinnen, sich breiter aufzustellen. In der Zukunft wird es bei HABA nicht nur um Kinder und Eltern gehen. »Wir setzen uns deshalb auch mit dem Thema ältere Bürger ausein-

ander.« Noch fehlt dabei ein bisschen der entscheidende Schub, das gibt er freimütig zu, und sagt scherzend: »Aber ich gestehe, ich beschäftige mich lieber mit Kindern als mit alten Leuten – obwohl ich natürlich selber alt bin.« Mit Sicherheit liegt hier eine der großen Zukunftsaufgaben des Unternehmens, die es schon bald zu bewältigen gilt.

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Bei den neuen ›Terramo‹-Elementen von 2013 steht die Natur Pate die Form-und Farbgebung.

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»Wichtig ist, was für unsere Kunden wichtig ist« Bettina Peetz über JAKO-O und die Herausforderungen der Zukunft Kinder glücklich und Familien stark machen: Um dieses Ziel dreht sich alles bei JAKO-O. Als eines der erfolgreichsten Mitglieder der HABA-Firmenfamilie ist das Tochterunternehmen für seine Kunden längst viel mehr als ein Anbieter von Kindersachen. JAKO-O ist ein verlässlicher Partner für Familien geworden, der mit gesellschaftlichem Engagement in verschiedensten Bereichen die Initiative für Kinder und Eltern ergreift. Dabei war das Unternehmen anfangs ein ganz kleines Pflänzchen mit Startschwierigkeiten. Bettina Peetz baute JAKO-O mit auf, heute leitet sie die Firma. »Was die Leute wirklich interessiert«, erzählt sie, »ist nicht die Historie, wie alles entstand. Die Leute interessiert, dass wir tolle Produkte haben, dass wir nachhaltig arbeiten, dass wir hier in Bad Rodach produzieren. Und dass wir jedes unserer Produkte auf Sicherheit testen. Das ist für unsere Kunden wichtig.« JAKO-O war gerade einmal ein halbes Jahr jung, als Bettina Peetz zum Team stieß. Der allererste Katalog war gerade erschienen. Die ursprüngliche Idee stammte von Klaus Habermaaß, der sie von einem Amerika-Aufenthalt mitgebracht hatte. Dort gab es Unternehmen, die mit sogenannten Family-Katalogen gute Erfahrungen gemacht hatten. So beschloss er, etwas Ähnliches für HABA aufzubauen. »Die Idee war da, die Firma war geboren, aber das Kind war noch klein«, erinnert sich Peetz. Daraus ist längst eine große Tochterfirma geworden, die eine ganz entscheidende Rolle einnimmt im HABA-Unternehmen.

Gibt’s nicht? Gibt’s nicht bei JAKO-O! Was es so noch nicht gibt, wird einfach „erfunden“ – wie die ganz spezielle und seit Jahren erfolgreiche JAKO-O Matschhose.​

Der Schranktrolley begeistert​als klasse Ordnungshüter und Reisebegleiter die Familien schon seit über sieben Jahren.

Die Entwicklung vom ersten Logo 1987 bis heute​.

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Ob Tagträumer, Luftschloss-Bauer, ob wilde Kreative oder mutige Abenteurer, ob Baby oder Kind... JAKO-O holt sie dort ab, wo sie sich gerade befinden. – mit 1.000 Kindersachen,die Eltern wie Kindern Spaß machen!

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26.000 Produkte listet der JAKO-O Katalog derzeit auf. Die Palette umfasst mittlerweile altersgerechtes Spielzeug, Kindermode und -möbel sowie Lernhilfen, Bücher und Bastelsachen. Als wichtigste Aufgabe der Firma nennt Peetz, den Überblick über den Markt zu behalten – und zwar weltweit – und regelmäßig hochwertige Neuheiten anzubieten. So sind Mitarbeiter der Einkaufsabteilung rund um die Uhr und rund um den Globus unterwegs. »Die Produktmanager und die Einkäufer optimieren ständig. Wir listen, unabhängig vom Spaßfaktor, nur ausgewählte Produkte auf. Sie unterliegen stringenten Vorgaben. Im Mittelpunkt steht die optimale Förderung der Kindesentwicklung. Deshalb treffen wir eine strenge Vorauswahl für unsere Kunden: Anstatt 150 Kinderwagen führen wir nur drei. Das ist unser Mehrwert!« Sicherheit ist natürlich ein wichtiges Thema: »Man kann sich nur wundern, was es anderswo alles gibt, zum Beispiel Schaukeln, die umkippen.« Bei JAKO-O käme ein fehlerhaftes Produkt nie durch die strenge Prüfphase. Sorgfalt, Qualität und Kompetenz sind drei wichtige Erfolgsfaktoren. Heute führt Bettina Peetz ein auf 450 Mitarbeiter angewachsenes Unternehmen, das auf eine erfolgreiche Bilanz blicken kann: JAKO-O erwirtschaftet die Hälfte des Umsatzes der gesamten Firmengruppe. Dass dies so bleibt, daran arbeiten Peetz und ihr Team mit Hochdruck. Für sie steht fest, dass in den kommenden Jahren wichtige Entscheidungen und große Veränderungen anstehen, für die gesamte Firmenfamilie, aber besonders auch für ihr »Kind« JAKO-O. »Dazu gehört beispielsweise das Modernisieren der Marke JAKO-O. Wir müssen uns dringend verändern. Wir müssen aufpassen, dass wir mit wichtigen Entwicklungen Schritt halten, denn die Eltern von heute haben sich total geändert. Eine weitere wichtige Frage, die wir uns immer wieder stellen müssen: Sind wir offen genug für die Kunden? Unsere Herausforderung besteht darin, zu beurteilen, ob es den Eltern gefallen könnte.« Um eine engen Kontakt zu den Kunden zu gewährleisten, nimmt das Kunden-Service-Center nicht nur Bestellungen sondern auch Anregungen und Wünsche der Kunden gerne entgegen.

Wer sonst, wenn nicht eine Persönlichkeit wie Bettina Peetz, kann die anstehenden Veränderungen mitgestalten? Bei ihrem Einstieg damals, vor 25 Jahren, musste sie ihren Kampfgeist bereits einmal beweisen. Anfangs gab es Konflikte mit der damaligen Leitung von JAKO-O, doch dann kam sie in die Führungsposition, die ihr wie auf den Leib geschneidert ist. Seitdem hat sie bei JAKO-O ideale Arbeitsbedingungen vorgefunden und kann ihrem tatkräftigen Naturell freien Lauf lassen. Von der Geschäftsführung bekam sie stets Rückendeckung und die nötige Freiheit, die sie braucht, um ihre Visionen zu verwirklichen. »Herr Habermaaß hat mich nie gebremst. Selbst wenn ich mal übers Ziel hinausschoss, dann lies er mich trotzdem ausprobieren und dachte sich wohl, sie wird schon merken, wenn es nicht passt.« An Durchsetzungsvermögen hat es ihr nie gemangelt, und vermutlich braucht sie das auch als bislang einzige Frau im sogenannten »Siebenergremium« der Geschäftsführung. Nicht nur die zufriedenen Kunden, sondern auch die eigenen Mitarbeiter betrachtet Bettina Peetz als entscheidend für den Unternehmenserfolg. 86 % der Mitarbeiter bei JAKO-O sind Frauen. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen wie individuelle Teilzeitregelungen und die firmeneigene Kinderkrippe sorgen dafür, dass sich Familie und Job leichter unter einen Hut bringen lassen. »Wenn die Mitarbeiter richtig eingesetzt sind, dann arbeitet auch das Unternehmen erfolgreich. Meine Mitarbeiter sollen sich freuen, zur Arbeit zu gehen.« Sie hat viel gelernt in den Jahren bei JAKO-O, und heute ist auch ihre eigene Sicht mehr vom Gedanken der Nachhaltigkeit geprägt. »Früher war mein Antrieb, einen Umsatz von 100 Millionen zu schaffen; an die Mitarbeiter und die Arbeitsplätze habe ich anfangs gar nicht so sehr gedacht. Das habe ich mit der Zeit dazugelernt.« Eines hat sich aber für sie nicht geändert: »Der Erfolg steht im Mittelpunkt. Wir haben gerade ziemlich viele Hausaufgaben zu tun, aber wir werden sie machen.« Schließlich möchte JAKO-O ein Vorbild für andere Unternehmen sein.

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JAKO-O, FIT-Z und Qiéro!

​ ie ersten Schritte von JAKO-O als Versender für D Kinder und das aktuelle „Gesicht“ des Kataloges.

Seit 2002 gibt es eigene JAKO-O Filialen in verschiedenen deutschen Städten zum Anschauen, Anfassen und Ausprobieren. Im Mai 2012 war die Eröffnung in Wiesbaden. ​ Eltern staunen immer wieder, wie schnell ihre

Sinne des Wortes ihren Preis wert sind. Genau

groß, dick oder dünn. Mit Qiéro! wurde auf den

Kinder wachsen. Vom Babyalter bis zum zehnten

wie bei JAKO-O sitzen auch im FIT-Z-Team viele

Wunsch reagiert, dass auch erwachsene Kunden

Geburtstag begleitet JAKO-O den Nachwuchs

Eltern mit Kindern im entsprechenden Alter, die

tragbare Mode jenseits von bauchnabelfrei und

beim Großwerden. Doch warum sollte es die be-

aus eigener Erfahrung wissen, dass der Nach-

Mainstream sowie schöne, hochwertige Produkte

währte JAKO-O-Qualität nicht auch für die noch

wuchs sich ab einem bestimmten Alter nicht mehr

mit Köpfchen wollten.

Größeren geben? Als Antwort auf diese von vielen

so einfach vorschreiben lässt, was er zum Beispiel

Kunden gestellte Frage entstand 2004 mit FIT-Z

anziehen soll.

auch bei Qiéro! die Zielgruppe selbst über die Ge-

das erste Tochterunternehmen von JAKO-O, das natürlich auch zur HABA-Firmenfamilie gehört.

Dem JAKO-O-Ansatz entsprechend entscheidet

Und ebenso wie beim JAKO-O-Sortiment gelten

staltung des Sortiments. Alle Produkte, die sich im

auch bei FIT-Z strenge Regeln für die Auswahl

Katalog finden, wurden vorher von den Mitarbei-

Trends und Moden wechseln noch schneller, als

der Produkte. Alles, was im Katalog landet, muss

terinnen intensiv getestet. Ob Mode, Haushalts-

Kinder wachsen. Für Eltern ist es angesichts des

zuvor einen ausgiebigen Praxistest bestehen. Im

helfer oder Wohn-Accessoires: Es geht darum, den

riesigen Angebots schwer, den Überblick über die

Klartext: Die FIT-Z-Mitarbeiter und ihre Kinder

Alltag schöner und das Leben leichter zu machen.

neuesten Trends zu bewahren. Noch schwieriger

prüfen alles genauestens – passt es, hält es etwas

Der Mehrwert muss ganz einfach stimmen – vom

ist es, die eigenen Ansprüche an Qualität zu erfül-

aus, ist es cool und gefällt es allen? Ganz bewusst

modischen, aber dennoch zeitlosen Design über

len und gleichzeitig den Geschmack der Kids zu

bestimmen ältere Kinder und Jugendliche über

perfekte Passformen bis hin zu Materialien, die

treffen. FIT-Z ist die Adresse für alle Familien mit

das Sortiment für ihre Altersgenossen mit ab.

auch im Familienalltag lange halten.

Kindern, die zwischen 10 und 14 Jahren alt sind

Neben Mode finden sich in der FIT-Z-Palette mitt-

und genau wissen, was sie wollen - Kinder, die

lerweile unter anderem auch Accessoires, Möbel,

Zusammen mit seinen Töchtern hat sich JAKO-O

eine eigene Meinung haben, die sich einmischen

Schulsachen und Outdoor-Ausrüstungen.

damit vom Versandhandel rund ums Kind zu

und engagieren, die kreativ und offen für Neues sind.

einem echten Dienstleister rund um die Familie Die zweite JAKO-O-Tochter hört auf den spa-

entwickelt. Der wichtigste Antrieb dabei: Das

nischen Namen Qiéro! Ins Deutsche übersetzt

hohe Vertrauen der Kunden, dem nicht nur jedes

Die Philosophie von FIT-Z ist es, Produkte anzu-

bedeutet das »Ich mag Dich!«. Dieser Name ist

Produkt, sondern auch der Service Tag für Tag

bieten, die Kinder genauso toll finden wie Eltern

auch Programm. Zielgruppe von Qiéro! sind alle

gerecht werden soll.

– Produkte, die etwas taugen und im wahrsten

»klasse Frauen« – egal ob jung oder alt, klein oder

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»Die lachen während der Arbeitszeit!« Klaus Habermaaß über die Entstehung der Designabteilung

›Forminant‹ heißt das innovative Möbelsystem von Wehrfritz, konzipiert als Reaktion auf die ›diadaktische Welle‹ der Siebzigerjahre. Entworfen 1976 von ›Erfinder‹ Horst Dwinger (es war eine seiner ersten Arbeiten), wird das System einige Jahre später von ›Pluraform Plus‹ abgelöst.

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In Neustadt bei Coburg befand sich in den Nachkriegsjahren die Zentrale der fränkischen Spielzeugindustrie; sie bestand hauptsächlich aus kleinen Familienbetrieben. »Das war schon eine sehr bedürftige, klein strukturierte Wirtschaft«, erinnert sich Klaus Habermaaß. »Damals gab es so etwas wie den Designer nicht. Das übernahm halt jemand, der in dem Bereich irgendwie begabt war. Der machte dann mal ein neues Pferdchen, mal eine neue Puppe.« Doch schon bei der Möbelfabrikation wurde ihm bewusst, dass das Gestalten der Produkte nichts ist, was man so nebenher leisten kann. »Damals war ›Designer‹ für meine Mutter, für die ältere Generation, ein Fremdwort. Wir müssen das in Zukunft anders machen, dachte ich. Ich schrieb dann die Stelle des Designers aus.« Auf diese Stelle bewarben sich, unter anderem, Horst Dwinger und Günter Pries, beide aus Hamburg. Zu der Zeit, als sich beide in der Firma vorstellten, weilte Klaus Habermaaß gerade am Nordkap, konnte also die zwei Bewerber nicht selbst in Augenschein nehmen. Per Telefon ließ er sich Bericht erstatten; das Urteil lautete: Beide sind gut. »Dann sagte ich, wir nehmen sie einfach alle beide. Eigentlich hatte ich nur das Geld für einen. Dass ich beide nahm, erwies sich in mehrerlei Hinsicht als Glücksfall. Erstens hatten die beiden völlig neue Ideen in den Be-

Mit den Designern Günter Pries und Horst Dwinger gründet Klaus Habermaaß eine eigene Designabteilung. Um etwaigem Heimweh der beiden Norddeutschen vorzubeugen, bringt der Chef schon mal ein Fischbrötchen aus Coburg mit.

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Das Turnspielgerät von 1975 ist eine der ersten Arbeiten von Günter Pries.

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reichen Möbel, Spielzeug, Spielgeräte. Sie sprühten regelrecht vor Ideen! Mit den beiden zog außerdem eine neue Generation ein. Es hatte vorher ältere Leute in der Firma gegeben, bei denen durfte im Büro nicht gelacht werden. Dagegen war ich schon ein bunter Hund – aber als einziger Junger im Betrieb, mit wem sollte ich denn da lachen ... Mit den alten Damen?« Klaus Habermaaß sieht die Einstellung der ersten Designer als wichtigen Wendepunkt in der Geschichte und Entwicklung der Firma an. »Es war ja ein Wunder, dass aus Hamburg Leute hierherkamen!« Dwinger und Pries betrachtete er von Anfang an als enorme Bereicherung, auch für ihn persönlich. »Die haben immer mal einen Spaß gemacht. Harald Grosch gehört auch zu dieser Generation, er arbeitete

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damals noch im Einkauf. Eine der älteren Mitarbeiterinnen ging zu meiner Mutter und beschwerte sich: ›Da kann man ja nicht mehr arbeiten, die lachen während der Arbeitszeit!‹ Für meine Mutter war das allerdings kein Thema. Mit diesen jüngeren Leuten kam ein ganz neuer Unterbau, eine ganz neue Welt in die Firma. Die Zeit der Altehrwürdigen aus dem vorigen Jahrhundert war vorbei. Es war ein Paradigmenwechsel ersten Ranges, der von mir ausdrücklich gewünscht war. Für mich war das ungeheuer wichtig! Hier in Rodach, in dieser Enklave, konnte es so nicht weitergehen. Das erkannte ich damals als junger Mensch und entwickelte die Dinge langfristig, gerade im Personalbereich. Die Personalfrage war eine entscheidende Frage – ohne gute Leute kein Erfolg.

Dass ich es allein nicht schaffen konnte, das wusste ich!« Dabei erinnert Klaus Habermaaß nachdrücklich daran, dass er zwar meist die notwendigen und richtigen Entscheidungen getroffen hat, der Erfolg des Unternehmens aber immer das Resultat der Arbeit von vielen ist. »Vielleicht war die Einstellung der Designer ein Teil unseres Erfolgsgeheimnisses, weshalb wir uns besser entwickelt haben als viele andere. Das war niemals mein alleiniger Verdienst – daran waren viele, viele Leute beteiligt!« Eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg der Design- und Entwicklungsabteilung ist ganz klar der Mut zum Risiko, die Bereitschaft, zu experimentieren. Ohne Experiment, ohne Freiheit kann sich Kreativität nicht entfalten, und es entsteht nichts Neues. »Diese

damals neue Generation von Dwinger und Pries, die hatte schon ihren eigenen Kopf, die waren nicht mehr so autoritär zu führen, wie das unter meinem Vater noch üblich gewesen war. Damals war er der Patriarch, und alle folgten ihm, ohne zu diskutieren.« Das änderte sich in den Siebzigerjahren grundlegend. Sich auf wandelnde Mentalitäten einzustellen, fiel Klaus Habermaaß damals natürlich leichter als den älteren Mitarbeitern, weil er selbst noch jung war. Aber diese Einsicht hat er bis heute behalten: »Heute machen es junge Leute wieder anders, und man muss sie bis zu einem gewissen Grad auch lassen. Man muss irgendwann aber auch sagen, fertig, so wird’s gemacht. Und wenn das dann falsch war, war es eben falsch.«

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Das Raumsystem ›Gemino‹ erweitert den Gruppenraum nach oben um eine zweite Ebene. 1986 von Reimar Quentin entwickelt, wird es mehrfach den pädagogischen Anforderungen angepasst und erhält als ›Gemino +‹ seine heutige Form.

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Nordisches Design und fränkisches Gemüt Horst Dwinger über die Anfänge der Designabteilung

Der Puppenwagen, 1976 von Horst Dwinger geschaffen, ist seit 2008 in Rosa zu haben, die klassische Form ist unverändert.

Es ist ein weiter Weg von der Waterkant nach Bad Rodach. Denn nicht alle Wege führen nach Oberfranken – manchmal sind es nur die Landstraßen. Einer, der die lange Reise auf sich genommen hat, ist Horst Dwinger, der norddeutsche Import bei HABA. Er bringt seit seinem Einstieg Mitte der Siebzigerjahre nordisches Gespür für Formen und Funktionalität in die HABA-Spielewelt ein. Dabei war es anfangs eher die frische Meeresluft, die ihn in ganz andere Richtungen zu locken schien. Als Teenager absolvierte Dwinger eine Schreinerlehre in Hamburg und arbeitete anschließend bei einem Betrieb, der zu einer Werft gehörte. Beste Voraussetzungen also für ein Arbeitsleben auf hoher See? Zumindest für die Dauer seiner Ausbildung blieb er der norddeutschen Küstenregion verbunden. Als Student schrieb sich Dwinger im Fach Holztechnik an der Fachschule Hamburg ein. Im Anschluss ging er nach Kiel – dort hatte die Muthesius-Werkkunstschule gerade den neuen Studiengang Produktdesign eingerichtet. Horst Dwinger gehörte

zu den ersten Studenten dieses Fachbereichs, und er hatte großen Spaß dabei. An der Fachhochschule wurde einiges geboten: Architektur, Fotografie, Bildhauerei, Malerei, Industriekeramik, Illustration, Buchgestaltung, Buchdruck – also fast alles außer Mode. Der angehende Gestalter nutzte dieses Angebot nur zu gerne: »Wir konnten in alle Fächer reinschauen, uns einfach dazusetzen und mitmachen – das war sehr spannend, und man konnte unheimlich viel lernen.« Nach dem Ende des Studiums fand der frischgebackene Produktdesigner in der Zeitschrift »Die Form« eine Anzeige, die Klaus Habermaaß geschaltet hatte: ›Wir suchen einen Designer für Holzspielwaren.‹ Gemeinsam mit seinem Studienkollegen Günter Pries bewarb er sich bei HABA, daneben hatte er sich auch schon bei Hülsta in Stadtlohn vorgestellt. Beide Bewerber wurden auch tatsächlich ins ferne Bad Rodach eingeladen, um ihre Arbeiten zu präsentieren. Von diesem Ort hatten sie allerdings noch nie etwas gehört, so erwies sich die Reise zum Vorstellungstermin

Die Möbel werden in der Designabteilung gezeichnet. Heute gibt es spezielle Computerprogramme, die die Ideen der Designer nach deren Vorgaben umsetzen.

im fränkischen Hinterland als unerwartet schwierig: »Wir konnten den Vorstellungstermin nicht einhalten, weil wir uns auf dem Weg nach Rodach einfach hoffnungslos verfahren hatten. Aus lauter Not fuhren wir an diesem Abend stattdessen nach Bamberg, dort kannten wir Gott sei Dank eine ehemalige Studienkollegin, bei der wir übernachten konnten.« Zum Termin bei HABA kamen die beiden mit einem ganzen Tag Verspätung an. Die Vorstellung stand also unter keinem guten Stern, könnte man meinen, doch entgegen seinen Befürchtungen schadete das Malheur nicht: »Schon bald erhielt ich ein Schreiben von HABA: Man wolle meinen Kommilitonen einstellen. Ich dagegen hätte ja noch das Angebot von Hülsta, so wären wir ja beide versorgt.« Kurze Zeit später kam allerdings ein zweiter Anruf aus Bad Rodach: Herr Habermaaß hatte sich eingeschaltet und Dwingers Arbeiten begutachtet. Offenbar gefielen sie ihm sehr. Eine richtig professionelle Designabteilung sollte geschaffen werden, dafür schienen beide Bewerber gleichermaßen geeignet. Da man bei HABA nun nicht mehr so richtig wusste, welchen der beiden Bewerber man einstellen sollte, sagte Herr Habermaaß: »Dann stellen wir sie eben beide ein« – nach dem Motto: »Einer wird schon hängenbleiben.« 1975 fing Dwinger bei HABA an, der Umzug nach Rodach gestaltete sich als kleine Odyssee, die abermals über Umwege nach Bamberg, dann nach Coburg und letztlich an das ersehnte Ziel Bad Rodach führte. Seine erste Aufgabe in der neuen Rolle als Spielzeugdesigner bei HABA war, einen Puppenwagen zu

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entwerfen – diesen gibt es heute noch im Sortiment. Die Aufgabe stammte von einer Schwester von Klaus Habermaaß; sie lieferte oft wertvolle Anregungen und gute Ideen. Von Anfang an gab es viel Freiraum zum Experimentieren, betont Dwinger. »Das ist in meinem Beruf sehr wichtig, denn Kreativität braucht Freiheit und die Bereitschaft zum Risiko. Vieles, was man ausprobiert, funktioniert dann doch nicht oder erweist sich langfristig als ungeeignet – das muss man akzeptieren können. Und das ist in der Firma auch überhaupt kein Problem. Man ist hier für Experimente sehr aufgeschlossen, denn wenn man das Risiko eines Flops scheut, dann kann sich die Kreativität nicht voll entfalten.« Diese braucht nicht nur Freiraum, auch ein Zuviel an Ausstattung kann wie ein Hemmschuh auf die Phantasie wirken. Deshalb arbeitet Horst Dwinger bis heute ganz puristisch, nämlich weitestgehend ohne Computer. »Die ganze neue Technik mit komplexen Computerprogrammen und 3D-Animationen, die man heute zur Verfügung hat, gab es damals noch nicht, und ich brauche sie noch immer nicht. Ich benutze nicht einmal einen PC bei meiner Arbeit.« Bleistift, Papier, Holz und Modelliermasse – mehr braucht er nicht. Der Erfolg gibt ihm Recht: Nicht ohne Grund ist er heute Mitglied des Deutschen Instituts für Normung (DIN). Doch auch als Berufener dieses Gremiums begrüßt er nicht jede neue Vorschrift und Regulierung. »Wenn es um die Sicherheit geht, ist eine präzise Regulierung angebracht, aber davon abgesehen ist manches wirklich überzogen.« Zu den Grundprinzipien des Entwerfens gehört für Horst Dwinger das Fördern der Phantasie des Kindes. Unterstützt oder bremst

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ein Spielzeug die kindliche Kreativität? Ist der Charakter einer Spielfigur zum Beispiel wandelbar, oder ist er bereits im Vorhinein festgelegt? »Den Eltern zu vermitteln, dass sie am besten einfaches Spielzeug kaufen, gehört zu den großen Herausforderungen«, so Dwinger. »Am schwierigsten zu verkaufen sind leider ausgerechnet die Spielsachen, mit denen man am meisten machen kann.« Wenn die Verwendung von Spielzeug nicht in ein, zwei Bildern eindeutig illustriert werden könne, dann verkaufe es sich deutlich schlechter. »Verpackungsfotos sind heutzutage leider

wichtiger als das klassische Beratungsgespräch.« Dabei sollte das Kind die Funktion des Spielzeugs selbst festlegen, je nach Lust und Einfallsreichtum. »Das ist ganz wichtig für den Lernprozess, denn dieses Lernen und Erkunden der Möglichkeiten fördert das Zusammenwirken der beiden Hirnhälften.«

Mit der neuen Grundpackung ›Klänge‹ wird das Musikverständnis angeregt.

Den kreativen Arbeitsprozess beschreibt er so: »Zunächst werden Zeichnungen gemacht, diese werden dann in Besprechungen vorgestellt.« Häufig kommen Anregungen und Wünsche vom Vertrieb, doch es

2012 rollen die Kugeln der Kugelbahn bereits seit 30 Jahren und sie rollen und rollen mit bis zu 7 Ergänzungssets pro Jahr.

Die kleinen Fans des Spielsystems schreiben dem ›Mister Kugelbahn‹ Horst Dwinger ihre Begeisterung, Anregungen und Erfahrungen in zahllosen Briefen – und sie bekommen eine persönliche Antwort.

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gibt immer auch genügend Freiraum für eigene Ideen und Konzepte. Mittlerweile kann sich Horst Dwinger auf einen stattlichen Stab an Mitarbeitern verlassen. Gab es anfangs nur zwei Designer, so arbeitet er heute mit elf Kollegen zusammen, darunter allein fünf Spieleredakteure. Heute fühlt sich der Wahlfranke in Bad Rodach ganz wie zu Hause. »Meine Frau habe ich auch hier kennengelernt, sie

stammt aus der Region.« Allerdings dauere es schon etwas länger, bis man wirklich dazugehöre. So waren die Ersten, zu denen er hier guten Kontakt hatte, ebenfalls Zugezogene. Die Eingewöhnung war für einen Norddeutschen nicht immer ganz einfach. »Natürlich mussten wir gleich mitfeiern, wenn etwa Fasching war, was ja nicht gerade eine Hamburger Spezialität ist. Aber das war egal, da mussten wir

mit, mein Kumpel Günter Pries und ich. Günter hatte sich eine Perücke aufgesetzt, die fiel ihm später in die Gulaschsuppe! So verlief unsere ›Einbürgerung‹ nicht ohne Rückschläge.« Natürlich war für den Spielzeuggestalter besonders die Beobachtung der eigenen Kinder wichtig. »Von meinen eigenen Kindern habe ich sehr viel dazugelernt. Man sieht als Vater ja genauer, welche Bedürfnisse kleine Kinder haben und welches Spielzeug für sie am besten funktioniert.« Auch die Rückmeldungen von HABA-Kunden sind ihm immer sehr wichtig. Manchmal schreiben ihm Eltern Briefe und fragen nach alten Spielsachen, die es im Handel nicht mehr gibt, zum Beispiel nach einem Telefon mit Wählscheibe. Viele schicken HABA auch Vorschläge oder Entwürfe – auf solche Briefe antwortet er immer. »Dann wird man schon mal zum ›Kugelbahnbaumeister‹ erklärt. Mittlerweile habe ich eine umfangreiche Sammlung von Fotos, die Kunden – Eltern und Kinder – mir geschickt haben. Einige sind richtige Erfinder, bauen ganz sagenhafte Sachen aus Holzbausteinen oder konstruieren riesige, komplexe Kugelbahnen. Es kommen immer wieder viele sehr wertvolle Anregungen. Manchmal kann ich wiederum Eltern und Kindern auch mit ganz einfachen Tipps helfen.« Die Schreiber erhalten dann meistens ein Geschenk, und wenn HABA den Entwurf umsetzt, bekommen sie sogar einen Lizenzvertrag oder eine Einmalzahlung. »Diese Offenheit ist mir sehr wichtig«, sagt Dwinger heute, »denn schließlich entwickeln und produzieren wir ja für die Menschen.«

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Der Grafiker Wolfgang Reichel beeinflusst von 1950–1982 die werbliche Gestaltung der Firmen HABA und Wehrfritz entscheidend. Ab 1958 bekommt er einen größeren Werbeetat und die Kataloge erscheinen mit dickerem Papier und teilweise mit Farbabbildungen.

Die HABA-Kataloge von 1961/62 und 1963/64 sind klar und markant in der Gestaltung von Wolfgang Reichel.

Zeichenstift, ReiSSbrett und Computer Der Leiter der Werbeabteilung von HABA und Wehrfritz, Lothar Mulack, über seine Arbeit Was wäre die HABA-Firmenfamilie ohne die vielen, aufwendig gestalteten Werbemittel? Lothar Mulack hat in seiner Funktion als Grafiker viel zum äußeren Erscheinungsbild von HABA beigetragen. Dazu gehören vor allem das Layout und die Bebilderung der vielen Tausend Katalogseiten, die für die Unternehmen jährlich gestaltet werden. Zehn Jahre lang kümmerte er sich bei HABA um die Grafik, sammelte dann einige Jahre Erfahrungen in einer Werbeagentur. Durch die rasante Entwicklung im Bereich der EDV befand sich die Grafikwelt Anfang der Neunzigerjahre mitten in einem gravierenden Umbruch – die meisten Grafiker arbeiteten zwar noch mit Zeichenstift und Reißbrett, jedoch lag die Zukunft in der computergestützten Arbeitsweise. Die Agentur war vollständig computerisiert, und so musste er umsteigen – was ihm später die Rückkehr zu HABA erleichterte. Denn dort war man gerade dabei, sich den Möglichkeiten des digitalen Layouts zu öffnen. Mulack erinnert sich: »Anfangs gab es bei HABA nur einen einzigen Rechner, und alle anderen haben noch von Hand gearbeitet. Aber Herr Grosch und Herr Habermaaß setzten sich dafür ein, möglichst früh zu modernisieren.« Zu Beginn seiner Laufbahn war die grafische Abteilung noch überschaubar: Sie bestand nur aus sechs Mitarbeitern.

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Neben seinem Kernarbeitsbereich, der Kataloggestaltung, blieb ihm damals noch Zeit, seine zeichnerischen Fähigkeiten der Spieleillustration und der Designabteilung zur Verfügung zu stellen. »Zunächst hatte ich von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber es bereitete mir großen Spaß. Mit meinen Entwürfen fielen wir auf der Spielwarenmesse in Nürnberg zumindest auf.« Aus weiteren Motiven auf Bauklötzen und Legetäfelchen entwickelte sich dann seine Leidenschaft für dreidimensionales Arbeiten. In der Designabteilung war man mit seiner Arbeit offensichtlich zufrieden, denn eines Tages kam der Chef der Abteilung, Horst Dwinger, auf ihn zu mit dem Angebot, ganz in die Designabteilung zu wechseln. »Das hätte mir gefallen, jedoch war Herr Habermaaß davon nicht begeistert: ›Herr Mulack, ich lasse nicht mein bestes Pferd aus dem Stall galoppieren. Sie bleiben mal schön in der Grafik!‹« Aus dem Sechserteam haben sich im Laufe von gut drei Jahrzehnten mehrere Abteilungen mit über 60 Mitarbeitern entwickelt, die Werbekonzepte schmieden, fotografieren, retuschieren, texten, layouten, Videos drehen und Internetauftritte realisieren. Längst ist die ursprünglich händische Arbeit mit Skizzen, Schere, Kleber und Stift nahezu vollständig durch Computer abgelöst worden. Bis heute schätzt Lothar Mulack jedoch

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Griffige Slogans werden schon Anfang der Fünfzigerjahre entwickelt und mit der Hand gescribbelt.

Eine Anzeige von 1962 mit der Einladung, den HABA-Stand auf der Messe in Nürnberg zu besuchen.

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die konventionelle Herangehensweise an Gestaltungsaufgaben. »Ich bin selbst nach Jahren kein Rechner-Freak, obwohl es toll ist, was die modernen Grafikprogramme alles können. Die besten Ideen entstehen bei mir immer zunächst im Kopf, ganz ohne Computer. Erst wenn ich eine Vorstellung habe, lege ich am Rechner los. Ich halte nichts davon, erst zu gucken, was der Rechner so hergibt.« Lothar Mulack tauscht sich gerne mit jungen Menschen aus und gibt sein Wissen an die nächste Generation weiter, gleichzeitig schätzt er deren Können und Erfahrungen als Bereicherung. »Kinder und junge Menschen haben eine andere Art, an Dinge heranzugehen. Das ist aber ganz normal; wir wussten damals ja auch andere Dinge als unsere Eltern.«

Der erste englische Katalog von 1950 kurbelt auf 12 Seiten den Export an. Die in den Nachkriegsjahren etablierte Kurzfassung ›HABA‹ ist auch im Ausland einprägsam.

Manchmal allerdings verblüfft ihn die Entwicklung dann doch. Bei einem Spiel mit einem sprechenden Stift kommt er ins Grübeln. »Das Kind berührt mit dem Stift eine bestimmte Stelle im Buch, und dann erklärt der Stift ihm einen Sachverhalt. Ich denke nicht, dass das ein wirklich zukunftsweisender Weg ist. Wir brauchen Spielzeug, das das Gehirn und die Motorik des Kindes fordert. Ich selbst hätte noch ein ganz anderes Problem. Ich hätte gar keine Lust, ein Produkt auszupacken, das man erst ›programmieren‹ muss. Aber das sehen meine Kinder und Enkel bestimmt mit ganz anderen Augen!«

Der Katalog von 1971 mit einer Modifizierung des HABA-Schriftzug.

Die neue Generation der HABA-Kataloge.

Lehr-und Lernmittelflyer aus den Sechzigerjahren.

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Konstruktives und Sinnliches Ines Frömelt über ihre Arbeit als Designerin

Die Wiedervereinigung brachte Ines Frömelt zu HABA. Genauer gesagt war es ein Geschäftskontakt ihres vorigen Arbeitgebers. Eine kleine Firma im Erzgebirge, für die sie sechs Jahre lang gearbeitet hatte, wollte bei HABA Holzprodukte fertigen lassen ... und verlor prompt ihre langjährige Mitarbeiterin an das Rodacher Unternehmen. Sie gehörte zu den ersten ›Ost-Importen‹ bei HABA, und sie wurde mit offenen Armen empfangen. Kein Wunder, denn die Designerin war bestens ausgebildet mit Tischlerlehre, Diplom und Zusatzstudium - u.a. an der Hochschule für Kunst und Design Halle Burg Giebichenstein, wo schon zahlreiche Bauhaus-Mitarbeiter gewirkt hatten. Dennoch, Zukunftsängste waren anfangs durchaus vorhanden: »Da stand ich: eine Frau aus dem Osten, alleinerziehende Mutter. Aber ich wurde bei HABA so nett aufgenommen!« Schon bei ihrem Umzug

nach Rodach leisteten ihre zukünftigen Kollegen mächtig Hilfestellung. Für Ines Frömelt ist die Arbeit nicht ›nur‹ Beruf, sondern Leidenschaft. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise unterstreichen ihr Engagement. Ihr breites und abwechslungsreiches Arbeitsspektrum beschreibt sie so: »Gestaltung von Holzund Textilspielzeug, Kinderzimmereinrichtungen und Illustrationen, u.a. auch die Entwicklung von Puppen. « Die im Umgang mit den verschiedensten Materialien geschulte Designerin schätzt gerade die Herausforderung ihrer vielen Arbeitsbereiche. »Es ist täglich ein Ringen um konstruktive Lösungen im Holzbereich, es geht um besondere Mechaniken und um die Auseinandersetzung mit physikalischen Gesetzen. Technische Zeichnungen mit Autocad oder 3D-Programmen stehen an der Tagesordnung. Der Textilbereich ist wiederum von Sinnlichkeit und Materi-

2013 erscheint neu der Greifling.

Zeichnungen von Ines Frömelt zur Entwicklung der kleinen Ratterfiguren.

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Zeichnungen der ›Türmchen‹ und das fertige Produkt.

Zwei echte Frömelt-Puppen.

algespür geprägt. Und das alles gepaart mit Witz und Esprit.« Ziel ihrer Arbeit ist es, eine Synthese von Konstruktivem und Sinnlichem zu erreichen. Für ihren Erfolg bei HABA spielten aber auch die guten zwischenmenschlichen Beziehungen sowohl zu den anderen Designern als auch zu Vorgesetzten eine entscheidende Rolle. Die Designer von HABA und Wehrfritz sitzen noch heute alle in einem Raum, die enge Zusammenarbeit trägt regelmäßig Früchte: »Zeichnungen, Skizzen und Gespräche über die Produkte bringen uns im Gestaltungsprozess weiter, viele Fragen lassen sich anhand der Skizzen schon im Vorfeld klären.« Sehr von Vorteil ist auch der direkte Kontakt mit

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den Technikern, welche unmittelbar am Entwicklungsprozess beteiligt sind. Nicht nur das gute Verhältnis untereinander, auch die kreativen Freiräume, die die Designer genießen, sind wichtig für die Entwicklung und Verwirklichung von Ideen. »Herr Habermaaß hat uns immer ausprobieren lassen, wollte nie sofort Ergebnisse und Kosten sehen und hatte selbst Freude an Neuerkundungen.« Die sehr hohen Sicherheitsstandards und die immer zahlreicher werdenden Vorschriften schränken die Möglichkeiten der Produktdesigner natürlich zunehmend ein. Andererseits entstehen so auch neue Herausforderungen an die Kreativität.

»Die Sicherheitsbeauftragten kontaktieren wir ständig, wir haben ja schließlich auch eine große Verantwortung den Kindern gegenüber.« HABA – der Marktführer für Holzspielzeug – bewahrt sich die Vorreiterrolle, auch wenn das kein Kinderspiel ist. »Die ganze Holzwelt war vor 20 Jahren noch viel kleiner; heute ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten.« Viele Firmen aus Frankreich und dem asiatischen Raum sind heute stark auf dem Spielzeugmarkt vertreten, das gilt für den Holzbereich sowie auch für die Textillinie. Die Frage, ob man nach so langer Zeit als produktiver Designer bei HABA immer noch frische Ideen hat, bejaht sie ganz

klar. »Es ist überhaupt nicht so, dass uns die Ideen ausgehen. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, zu überlegen, welche die wichtigsten sind und wo man ansetzt. Auch haben sich die Zeiträume geändert, Produkte bleiben nicht so lange mehr im Handel.« Für ihre Arbeit bedeutet das, mehr Ideen in einem kürzeren Zeitraum zu entwickeln. Schiefgegangen sei eigentlich nie etwas, sie habe schon ein gutes Gespür dafür, ob ein Produkt läuft oder nicht. Die höchsten Ansprüche stellen sich die Gestalter immer noch selbst, denn Herausforderungen beleben die Kreativität. »Das Spielerische, das Träumerische, das Kindhafte, das muss man ein Stück weit ausleben können und das ist harte Arbeit!«

Der Engel hat sich weiterentwickelt, 2012

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Die Leidenschaft zählt Michael Hopf über die Produktentwicklung im Wandel der Zeit

Michael Hopf, Geschäftsleiter für die Bereiche Marketing und Vertrieb von Spielzeug und Spielen, sorgt für die Abstimmung der Arbeit von Entwicklern und Designern mit den Bedürfnissen und Gesetzen des Marktes. Der studierte Betriebswirt und vierfache Vater ist seit 1982 bei HABA. Nicht zuletzt dank seiner Kinder hat er sich schon früh ganz unmittelbar mit dem Praxistest der HABA-Spielsachen und -Spiele beschäftigt. Als er zu Beginn der Achtzigerjahre anfing, schien HABA – mit einem bescheidenen Umsatz von 1,5 Millionen DM – wirtschaftlich ein Zwerg verglichen mit dem Wehrfritz-Geschäft. Erst im Laufe der Achtzigerjahre spielte HABA allmählich eine zunehmend wichtigere Rolle, in den Neunzigerjahren beschleunigte sich das Wachstum dann sehr deutlich. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Klaus Habermaaß die Spieleentwicklung gezielt forcierte: »Wir haben dann noch mehr Designer eingestellt, Spiele mit ins Programm genommen und eine Spieleredaktion gegründet. Das passierte alles erst seit den Achtzigerjahren.« Die Spieleentwicklung wuchs aus der Probierphase heraus – und erforderte durch einen seit den Neunzigerjahren völlig veränderten Markt eine durchgreifende Professionalisierung. »Früher, da haben wir einfach drauflos entwickelt, einfach gemacht«, erzählt er. Heute ist die Spielzeug- und Spieleentwicklung viel stärker mit dem Vertrieb und Marketing verzahnt. So ist es mittlerweile entscheidend für den Verkaufserfolg, populäre Themen in das Programm aufzunehmen. Die zentrale Frage der Entwickler ist heute: »Was kommt gut an?« Aktuelle Trends und darüber hinaus das Verpackungsdesign sind für die Platzierung im

Handel äußerst wichtig geworden: Da wird dann auch schon einmal ein Spiel in einer Flasche verpackt – damit es eben beim Händler nicht bloß im Regal steht, sondern an einer gut sichtbaren Stelle im Laden. Auch muss das Sortiment passende Spiele für möglichst alle Anlässe wie z. B. Kindergeburtstage, Feste, Jahreszeiten oder Feiertage bieten. Genauso gilt es, verschiedene Altersstufen und unterschiedliche Preisklassen abzudecken. Nach solchen Aspekten muss die Redaktion Spielideen finden, bearbeiten und entwickeln. Anders als heute, wo die regelmäßige Entwicklung neuer Ideen ein fast schon durchgeplanter Prozess ist, lief die Spielzeugentwicklung vor 25 Jahren noch freier ab. In früheren Jahren kamen die Ideen oft auch mal von Kunden, etwa aus den Kindergärten. Gelegentlich ließ man sich auch von der Konkurrenz inspirieren, häufig lieferten Vertriebsmitarbeiter dazu die Anregung. Am wichtigsten ist es aber, eigene Konzepte zu entwickeln – und Kinder beim Spiel mit den Produkten zu beobachten. Michael Hopf erinnert sich an die alle sechs Wochen stattfindenden Musterbesprechungen, an denen neben den Spielzeugentwicklern auch Herr Habermaaß teilnahm, und bei denen neue Produkte entwickelt wurden. »Da saßen dann verschiedene Menschen an einem Tisch (Herr Habermaaß, Herr Hopf, Herr Dwinger), die eine große Leidenschaft für die Spielentwicklung vereinte. Uns hat es schon immer großen Spaß gemacht, neue Produkte zu entwickeln, und was Spaß macht, das läuft gut. Ich bin überzeugt, dass dies mitverantwortlich für unseren Erfolg ist.«

Hasch mich! Seit 1955 sind die Mäuse am Davonlaufen. Die Verpackung wird 1987 modernisiert und das Fangspiel Bestandteil

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der ›Gelben Reihe‹ von

Der Bauernhof ist seit

HABA-Spielen.

2012 neu im Programm.

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Flunkernde Piraten Fragen der Pädagogik

Hochwertiges, langlebiges und vor allem pädagogisch anspruchsvolles Spielzeug und Spiele herzustellen, ist eins der Unternehmensziele bei HABA. Daher arbeitet man schon lange projektweise eng mit Wissenschaftlern und Fachleuten zusammen. Der pädagogische Input von außen ist aber nicht nur für die Produktentwicklung positiv – er lässt sich auch in der Werbung nutzen, wie Michael Hopf bereitwillig einräumt. So war der bekannte Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) in Ulm beispielsweise an der Entwicklung der Spielereihe »fex« beteiligt: »Wir versuchen, externes Wissen ins Haus zu holen. Bei den Projekten mit dem ZNL handelt es sich um eine intensive Zusammenarbeit, nicht nur ein aufgedrucktes Label, sondern die Leute sind regelmäßig hier. Redaktion und Experten tauschen sich aus, wir arbeiten zusammen. Die Zusammenarbeit mit Experten begann bereits in den Siebzigerjahren im Möbelbereich bei Wehrfritz; von da aus war der Weg zur HABA-Spielzeugentwicklung für die Pädagogen und Psychologen kurz. Mittlerweile fließen auch Erkenntnisse und Entwicklungen aus anderen europäischen Ländern in die Produktentwicklung und in das Sortiment ein, beispielsweise aus der italienischen Reggio-Pädagogik. Bei der Entwicklung von Kleinkinderspielzeug, so ist Michael Hopf überzeugt, ist aber weniger Theorie oft mehr. Hier bewährt sich Beobachtung in der Praxis: »Da brauchen Sie nicht nur die Arbeit mit Pädagogen, sondern eigene Augen – und die Erfahrung von Leuten, die selbst Kinder haben und sich viel mit Kindern beschäftigen.« Setzte man ausschließlich auf pädagogische Theorie, entstünde schlimmstenfalls ein Spiel, das vom Kind ignoriert wird: »Meine Devise beim Kinderspielzeug lautet: Du kannst ein pädagogisch unglaublich tolles Spielzeug machen, aber

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es kann seine Pädagogik nur dann entfalten, wenn ein Kind auch damit spielt.« Um genau dies zu erreichen und um herauszufinden, wie gut neue Spiele Kinder wirklich ansprechen, lässt HABA in Kindergärten testen, indem Erzieher ihre Beobachtungen in Fragebögen festhalten, die dann ausgewertet werden. Doch in einer Hinsicht, gibt Michael Hopf zu, ist die von Fachleuten bescheinigte pädagogische Eignung immerhin sehr nützlich. Nämlich als Kaufargument für die Eltern, da Kinder unter vier Jahren ja selbst noch kein Spielzeug kaufen.

»Zipfelalarm« oder Feigenblatt Gelegentlich aber führte der hohe pädagogische Anspruch an HABA-Produkte schon zu hitzigen Diskussionen. Und zwar wenn es um Fragen ging wie: »Dürfen wir das? Ist das moralisch in Ordnung für ein HABA-Spiel?« Beim Kinderspiel »Piraten-Pitt«, erzählt Markus Nikisch, hatte man zunächst Bedenken. Die Frage war: Ist es in Ordnung, wenn ein Kind im Spiel schwindeln muss? Im Spiel sollten die Mitspieler Piratenschätze finden und vor dem grimmigen Ober-Piraten in ihrer Kiste verstecken. Das Kind müsste auf die Frage von Piraten-Pitt »Hast Du mir den Schatz gestohlen?« die Antwort geben: »Nein, habe ich nicht!« – und dann die (nur scheinbar leere) Schatztruhe vorzeigen. Anstiftung zum Flunkern? Doch Pädagogen entkräfteten schließlich die Bedenken der Redaktion - gerade das Rollenspiel sei für Kinder wichtig. »Piraten-Pitt« kam auf den Markt, entwickelte sich zum Bestseller und erhielt sogar mehrere Preise. In einem anderen Fall gab es in der Redaktion vor einer Veröffentlichung Bedenken wegen »nackter Tatsachen«. Stein des Anstoßes war eine Illustration, die einen nackten Zwerg beim Duschen zeigte. Redakteure fragten: Ist es moralisch vertretbar, in einem HABA-Spiel einen kleinen nackten Mann zu zeigen? Nach langem Hin und Her entschied man sich laut Nikisch gegen eine Zensur »per Feigenblatt«. Das Spiel wurde unverändert veröffentlicht – und es gab nie Beschwerden.

In die Zukunft blicken! Das ist auch die HABA-Devise.

Der Entdeckerwagen ist die logische Weiterentwicklung

Der große Optikbaukasten wird 2011 ausgezeichnet.

von Horst Dwingers Klassiker, dem Puppenwagen.

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Die »Erfinder für Kinder« Besuch bei den Abteilungen Spielzeugentwicklung und Spieleredaktion Langsam aber sicher ›wächst‹ aus einem Holzprofil der Obstgarten-Rabe.

Woher kommen die Ideen der »Erfinder für Kinder«? Wie entstehen immer neue Spielsachen, und wer denkt sich die ausgeklügelten Gesellschaftsspiele aus? Verantwortlich für die Entwicklung neuer Ideen und Konzepte ist die Designabteilung, die im Wesentlichen zwei Sparten abdeckt: Spielsachen und Spiele. Das Kerngeschäft für HABA bildet immer noch das Spielzeug, das von Ines Frömelt und einem 13-köpfigen Team entworfen wird. Dazu gehören Puppen und Puppenzubehör, aber auch kreatives Holzspielzeug wie die Kugelbahn. Es gibt auch Überschneidungen, etwa mit der Möbelgestaltung bei Wehrfritz – Horst Dwinger entwirft beispielsweise sowohl HABA-Spielzeug als auch Wehrfritz-Möbel. Ein weiterer Bereich ist die Spiele- und Buchredaktion, die u. a. Bücher und Puzzles entwickelt. Früher liefen die Spiele eher nebenbei mit, aber aufgrund der großen Erfolge, auch auf dem internationalen Markt, wuchs dieser Bereich stetig. Auch wenn das Kerngeschäft bei HABA immer noch das Spielzeug bildet, so nehmen die Gesellschaftsspiele seit etwa 10 Jahren eine immer wichtigere Rolle ein.

Die Arbeit der Spiele- und Buchredaktion Im Grunde entstehen die Spiele aus der Zusammenarbeit von Spieleautoren, die die Ideen liefern, und der Spie-

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leredaktion, die diese Ideen kreativ in die Praxis umsetzt. Doch die Redakteurinnen und Redakteure bearbeiten Ideen für Spiele, Bücher und Puzzles nicht nur – sie denken sich auch selbst welche aus. Denn heutzutage wird, anders als früher, gut die Hälfte aller HABA-Spiele, Bücher und Puzzles im eigenen Haus von Designern und Spieleredakteuren entwickelt. Die andere Hälfte der Ideen allerdings kommt von externen »Spieleerfindern«, die eine Idee oder gar ein ganzes selbstgebasteltes Spiel an HABA schicken. Ein knappes Tausend solcher Kartons kommt pro Jahr in der Redaktion an; reichlich Arbeit für die sieben Redaktionsmitglieder, die fast alle Ideen ausführlich begutachten und Probe spielen. Meist sind die externen Autoren gar keine »Profis«, erzählt Markus Nikisch, der Leiter der Spieleund Buchredaktion. Manchmal seien es sogar Kinder, die eine Idee einschickten. In der Regel haben sich aber Eltern oder Großeltern für den eigenen Nachwuchs ein Spiel ausgedacht – in der Hoffnung, dass HABA es produziert. »Da ist die gesamte Bandbreite dabei: über den Professor, Lehrer, Erzieher bis hin zum Anwalt oder Mathematiker. Und genauso vielfältig sind auch die Ideen, die eingereicht werden.« Und alle diese Einsender wollen auch betreut und darüber informiert werden, was mit ihrer Idee passiert – schließlich seien die

Alle gegen den frechen Raben. Seit 1986 ist Obstgarten nach einer Idee von Anneliese Farkaschovsky das Spiel der Spiele bei HABA, 2011 erscheint eine Jubiläumsausgabe.

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Spiele ihre »Babys«, so Nikisch. Wenn sie erfahren, dass an ihrer Spielidee etwas verändert werden muss, sind sie oft irritiert. Und immer wieder rufen vermeintliche Ideengeber an, die sich den Weg von der Spielidee zum kommerziellen Erfolg extrem einfach vorstellen: »Die fragen manchmal sofort: ›Wann würden Sie denn überweisen?‹« Die Hauptaufgabe der Redaktion beschreibt Nikisch als »Spiele noch schöner und besser zu machen«. Nicht zuletzt bedeutet das, die vielen eingesandten Spiele auf Herz und Nieren zu prüfen. Und das geht nicht ohne Praxistest: In den Redaktionsräumen trifft man sowohl während der Arbeitszeit als auch in den Mittagspausen in Spiele vertiefte Menschen an – die HABA-Redakteure sind eben mit Herzblut dabei. Da kommt es bei Kollegen aus den anderen Abteilungen auch schon einmal zu Verwirrung: »Arbeitet ihr noch, oder habt ihr schon Pause?« lautet eine häufig geäußerte Scherzfrage.

»Obstgarten« als Goldesel Mitte der Achtzigerjahre, in der Zeit, als Habermaaß den Spielebereich im Unternehmen auszubauen begann, gelang HABA ein Glückstreffer. Ein Spieleklassiker entstand: Der »Obstgarten«, das mit Abstand meistverkaufte Spiel im HABA-Sortiment, ist ein Produkt jener Zeit des Ausprobierens. Geschäftsleiter Michael Hopf erinnert sich, dass damals Wehrfritz-Mitarbeiter zu HABA kamen und meinten, für Kindergärten gäbe es keine »gescheiten« Kinderspiele. Daraufhin erdachte Firmenchef Habermaaß einen Wettbewerb, um die Kreativität potentieller Abnehmer direkt anzuzapfen: Kindergärtnerinnen sollten selbsterfundene Spiele einsenden. HABA stellte in Aussicht, das Siegerspiel zu produzieren, zusätzlich winkte ein Preisgeld von 500,- DM. Als aber die Auszahlung des Preises an die Gewinnerin anstand, so erinnert sich Horst Dwinger, empfand Herrn Habermaaß das Preisgeld als recht hoch. »Kann man das nicht irgendwie anders drehen?«, habe er gefragt. Schließlich war der Erfolg des Spiels noch nicht abzusehen, und es galt, das finanzielle Risiko der Firma so gering wie möglich zu halten. Also bot HABA der erfinderischen Erzieherin statt der festen Prämie einen Lizenzvertrag an. Die Lizenz wurde für die Gewinnerin zum Goldesel: »Inzwischen hat sie mehrere Häuser davon bauen können. Ich gönne es ihr ja«, lacht Michael Hopf – denn »Obstgarten«, das 1986 erschien, verkaufte sich millionenfach. Aus einem glücklichen Zufall heraus entstand also ein Spieleklassiker – und alle Beteiligten profitierten.

Auszeichnungen für gutes Spielzeug gibt es jedes Jahr seit 1955 u.a. das ›spiel gut‹-Siegel.

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Professionalisierung und Kreativität Als Markus Nikisch im Jahr 2001 als Redakteur zur Spieleentwicklung stieß, war die Firma mit 680 Mitarbeitern immer noch recht überschaubar. Anfangs war er ein »Einzelkämpfer«, wie Nikisch es ausdrückt, da es noch keine Spiele- und Buchredaktion gab; pro Jahr entstanden auch »nur« etwa 20 Spiele, die ausschließlich von Gastautoren kamen. Im Vergleich dazu sind Strukturen und Arbeitsweise im heutigen Unternehmen völlig anders. Die Herausforderung für die mittlerweile siebenköpfige Redaktion liegt darin, die Entwicklungsprozesse im größeren Unternehmen einerseits professioneller zu gestalten, andererseits aber die kreativen Freiräume zu erhalten. So sind die Abläufe in Redaktion und Entwicklung nun stärker standardisiert und »durchgetaktet«, aber das war unumgänglich, meint Redakteurin Kristin Mückel. Denn die Zeitfenster sind enger geworden: Kam es früher, auch bei Erscheinungsterminen, auf ein paar Tage Verzögerung nicht unbedingt an, geht es heute manchmal um Stunden. Eine weitere Veränderung betrifft das Wissensmanagement: Informationen zu den zahlreichen HABA-Produkten sind heute so gespeichert, dass alle Zugriff darauf haben, während das Spezialwissen früher stärker personengebunden war. Solche transparenten Strukturen zu schaffen, schätzt Kristin Mückel in einem großen Unternehmen als unvermeidlich ein. »Früher gab es Personen, die ein unglaubliches Wissen gespeichert hatten, die brauchte man nur zu fragen, dann konnten die sagen, wo dieses oder jenes kleine Bestandteil von einem bestimmen Spiel zu finden ist. Das geht ab einer gewissen Firmengröße nicht mehr. Dann muss es ein System geben, auf das alle gleichermaßen zugreifen können.« Daher sind heute z. B. die Speicherorte von Dateien auf den Rechnern der Redakteure so organisiert, dass auch beim Fehlen eines Mitarbeiters alle wichtigen Informationen verfügbar sind. Dank dieser Umstrukturierungen entstehen heute in der Redaktion mehr eigene Produkte als jemals zuvor. Das Programm wächst ständig, und es kommen immer wieder neue Bereiche hinzu (Bücher, Puzzle etc.). Die Abteilungen wachsen stärker zusammen, und man profitiert von den Synergieeffekten. Die Kreativität ist ungebremst, das ist das Wichtigste.

Auf dem Siegerpodest der besten Spiele erklimmen viele Spiele aus der ›Gelben Reihe‹ den ersten Platz, ausgezeichnet mit verschiedenen Gütesiegeln wie ›Kinderspiel des Jahres‹, ›Deutscher Spielepreis‹ oder ›Spiele Hit‹.

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»Wichtig ist, dass das Kind an und mit dem Spiel wachsen kann«

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Manfred Spitzer

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit HABA?

der richtigen Schreibmaschine ein paar Wörter zu tippen, das war schon

Weil ich immer wieder einmal zu Vorträgen auf der Nürnberger Spielwaren-

etwas Tolles. So ist es auch mit einer Spielzeugküche, in der man sicherlich

messe eingeladen war und zudem Kinder habe und daher auch recht viel

viel Spaß haben kann. Noch mehr Spaß haben aber kleine Kinder, wenn sie

Spielzeug kenne, habe ich gerne zunächst lose Kontakte weitergeführt, bis es

beispielsweise zur Weihnachtszeit beim Plätzchenbacken selber mitmachen

dann zu einer regelrechten Zusammenarbeit kam.

dürfen. Das macht zwar durchaus mehr Arbeit für den Plätzchenbäcker oder

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Die Fex-Spiele werden in Zusammenarbeit mit der Universität Ulm entwickelt und fördern die exekutiven Funktionen der Kinder.

die Plätzchenbäckerin als man ohne diese »Hilfe« hat, es macht aber allen Welche Kriterien muss ein Spiel/Spielzeug erfüllen, um aus Sicht der Neurowissen-

Beteiligten einen unglaublichen Spaß! Zudem wird ganz viel gelernt!

schaft sinnvoll zu sein? Zunächst einmal ist klar, dass aus der Gehirnforschung nicht direkt folgt,

Ganz grundsätzlich: dient Spielen immer einem Zweck (Lernen und Trainieren),

welches Spielzeug gut und welches schlecht ist. Die Zusammenhänge sind

oder gibt es von Natur aus auch sinn- und zweckfreies Spielen?

durchaus komplizierter. Wichtig ist, dass Spielzeug Möglichkeitsräume

Ihre Frage ist nicht nur grundsätzlich, sondern vor allem auch viel kniffliger

schafft, in denen sich die Phantasie des Kindes ausleben kann. Viele Spielzeu-

als Sie denken: Spielen macht Kindern Freude und was wäre denn »zweck-

ge haben nur eine einzige Funktion, wenn man irgendwelche Knöpfe drückt,

freie Freude«? – Menschen sind so gebaut, dass sie sich in ihrer Umgebung

dann blinkt und tutet es, aber letztlich hat das alles mit dem Ausleben von

rasch zurechtfinden, mit ihr umgehen und ihre Bedürfnisse befriedigen: Wer

Phantasie wenig zu tun. Mit Spielen ist es ganz genauso. Wichtig ist weiter-

nur herumsitzt, verdurstet, verhungert, erfriert und wurde früher noch dazu

hin, dass das Kind an und mit dem Spiel wachsen kann: Der Schwierigkeits-

aufgefressen. Entsprechend gibt es im menschlichen Gehirn Motivations-

grad nimmt zu, aus einer kleiner Modelleisenbahn kann eine große werden

systeme, die dafür sorgen, dass wir nicht rumsitzen. Anders als andere Lebe-

etc., so kann man lange Zeit mit einem Spielzeug verbringen und es liegt

wesen, denen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse nach Wasser und Nahrung

nicht gleich nach ein paar Tagen in der Ecke. Schließlich ist es noch wichtig,

schon genügt, haben Menschen ein besonders großes Gehirn, das beständig

dass Spielzeuge die Sinne ansprechen, dass man sie also im wahrsten Sinne

lernen will. Uns wird es schlicht langweilig, wenn nichts los ist! Dieser

des Wortes »begreifen« kann. Wir haben durch Methoden der Neurowissen-

Charakterzug des Menschen »ist besonders« und weist auf eine typisch

schaft herausgefunden, wie wichtig das Begreifen der Dinge für das spätere

menschliche Verknüpfung von Motivation und Lernen hin. Im Gegensatz

Nachdenken über sie ist.

zum Krokodil, das am Nil herumliegt und wartet, bis die nächste Beute zum Wasser kommt, machen wir Menschen uns auf und erkunden die Gegend.

Ist einfaches Spielzeug grundsätzlich sinn- und wertvoller als komplexes Spielzeug

Dabei erleben wir Gutes und Schlechtes und die Emotionen, die wir dabei

mit einer konkret vordefinierten Funktion?

erleben, helfen uns dabei, uns das Wichtige einzuprägen. All dies erfolgt auch

Wie ich gerade angedeutet habe, geht es nicht um Einfachheit und Kom-

im Spiel. Um die Frage weiter zu beantworten könnte man die Gegenfrage

plexität, sondern darum, dass ein Spielzeug wenn es irgend geht, beides ist:

stellen: Wenn Sie einem Kind beim Laufen lernen zuschauen, gibt es dann

Ein Holzeisenbahn kann zunächst einmal aus einem ganz einfachen Zug

zweckfreies sich Hochziehen und wieder Hinplumpsen? Das Kind hat

und einem Oval bestehen. Dann kann man sich überlegen was es bedeutet,

eine Riesenfreude daran, sich immer wieder irgendwo entlang zu hangeln,

wenn man eine Weiche hätte und den Schienenverlauf komplizierter machen

sich hochzuziehen und wenn es hinplumpst lacht es und zieht sich wieder

könnte. Wie schafft man es, dass der Zug die Fahrtrichtung umdreht? Wie

irgendwo hoch. Wie wir wissen, ist das Ganze keineswegs zweckfrei, sondern

steil kann ein Berg sein und wie viele Wagen kann er welchen Berg noch

am Ende kommt die sehr wichtige Fähigkeit heraus, Laufen zu können. Denn

hochziehen? All dies sind Dinge, die man ausprobieren kann, ganz zu

noch wird der Zweck vom Kind selbst geschaffen und selbsttätig verfolgt.

schweigen von der Ausgestaltung der Umgebung etc. Bei einem Spielzeug

Laufen lernen ist kein »Lernspiel«, bei dem Erwachsene dem Kind irgendet-

wie beispielsweise einer Eisenbahn muss man verstanden haben, dass es

was »unterjubeln wollen«, das ihm sonst keinen Spaß machte zu lernen. Von

weniger darauf ankommt, mit einer fertigen Eisenbahn zu spielen, sondern

solchen Lernspielen halte ich übrigens gar nichts.

vielmehr darauf ankommt, eine Eisenbahn zu planen, zu entwerfen, erneut zu planen und wieder zu planen, dann aufzubauen und beim Bauen immer

Wie schwierig ist es, hohe didaktische Ansprüche zu erfüllen und gleichzeitig Spiele/

das Ziel vor Augen zu haben und es zu verfolgen. Völlig falsch ist der Kauf

Spielzeug zu konzipieren, das sich im kommerziellen Wettbewerb behaupten kann?

einer fertigen elektrischen Eisenbahn, bei der das Kind noch die Möglichkeit

Das ist heute leider sehr schwierig, weil der Kommerz sehr viel Geld für

hat, die Geschwindigkeit des Zuges zu regulieren. Wer dies (seinem Kind

Werbung ausgibt, bei der es ja letztlich darum geht, ein so billig wie möglich

an-) tut hat nicht begriffen, wozu eine Eisenbahn als Spielzeug dient.

herzustellendes Produkt für so viel Geld wie möglich an den Mann zu bringen. Deswegen gibt es so unglaublich viel abgrundtief schlechtes Spielzeug.

Ist es wichtig, auf eine Spielzeugmischung zu achten - also darauf dass das Kind

Ich denke also, dass dies sehr schwierig ist, halte es aber nicht für unmöglich,

nicht nur mit Spielzeug spielt, sondern auch mit Gegenständen, die eigentlich

wie beispielsweise viele Produkte von HABA beweisen.

andere Funktionen erfüllen? Kinder spielen am allerliebsten mit Dingen, die die Erwachsenen auch

Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer ist Leiter des Transferzentrums für Neuro-

haben. Früher war das ganz klar: Eine Spielzeugschreibmaschine hätte ich

wissenschaften und Lernen (ZNL) und ein angesehener Fachmann für Neurodi-

nie gewollt. Aber gelegentlich (und unter Aufsicht des strengen Papas) an

daktik.

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Das Ratz-Fatz-Lernspiele-Prinzip: Eine Geschichte, ein Gedicht oder ein Rätsel wird vorgelesen und gleichzeitig wird ein Gegenstand, der auf dem Tisch liegt, genannt oder im Rätsel gesucht.

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Größer und moderner. Ein Blick in den Messe-Stand, Nürnberg 2012.

Auf den Spielwarenfachmessen 1950 wurde Nürnberg zu einem bedeutenden Schauplatz in der Geschichte der Spielwarenindustrie, denn im März fand in der Stadt die Erste Deutsche Spielwarenmesse statt, die bis heute existiert. Im ersten Jahr ihres Bestehens ging es auf der Messe noch überschaubar zu: es beteiligten sich rund 350 Aussteller und rund 4.300 Facheinkäufer. Das Messegelände mit einer Fläche von 3.000 m2 erstreckte sich auf das Wieselerhaus, das Gemeindehaus Maxfeld, das Gewerbemuseum, das Rot-Kreuz-Gebäude Maxfeld und zwei Zelthallen.

Seite 1950 ist HABA ständiger Aussteller auf der Spielwarenmesse in Nürnberg. Im Bild der Stand von 1952.

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HABA ist auf der Triennale in Mailand vertreten.

Die Chefin auf der Messe 1958. Oben rechts: Wirtschaftsminister Ludwig Erhard im Gespräch mit August Bayerlein auf dem HABA-Stand in Nürnberg, 1958.

Der Messestand in Göteborg in den Fünfzigerjahren.

Seit 1974 ist Wehrfritz regelmäßig auf der Fachmesse für Bildungswirtschaft, der ›Didacta‹, vertreten. Im Bild unterhalten sich in Hannover Prokurist Wolfgang Mathes und der Bayrische Kultusminister Hans Meier.

Der Messestand in Frankfurt 1988. Die Messen Besuch auf einer Messe in Hannover, 1949.

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Die Einladung zur Messe 1954. In den ersten Messejahren ist der HABA-Stand immer am gleichen Platz.

›Ambiente‹ und ›Tendence‹ werden seit 1987 besucht.

Im März 1950 machte sich Eugen Habermaaß mit einem

tisch und die Dekoration bastelte ich aus blauem und gelbem

einem langen Tag traten wir die Heimfahrt an und es kam zum

ganzen Vielfalt präsentiert. Mittlerweile gibt es bei HABA einen

Lieferwagen bepackt mit seinen neuesten Ideen auf den Weg

Krepppapier. Mein Vater schrieb mit großen Lettern auf den

Höhepunkt des Tages: beim Wirtshausbesuch gab es endlich mal

eigenen Bereich Messebau, in dem sich ein Designer nur um die

von Rodach nach Nürnberg. Im Gepäck hatte er frühkindliches

Tisch: »HABA: Zählen und Rechnen«. Er hatte ganz einfache

was Gescheites zu essen.«

Planung des Stands kümmert. Horst Dwinger erinnert sich noch

Lernmaterial, und sein damals 12-jähriger Sohn Klaus begleitete

Dinge dabei: bunte Zählstäbchen und Rechenscheibchen, die in

Aus der einst kleinen Schau ist eine der größten Messen für

an die Anfänge des Messebaus: »Wir haben in der Kantine noch

ihn. Sein erster Messebesuch in Nürnberg ist Klaus Habermaaß

kleine Schachteln verpackt waren. Es handelte sich noch nicht

Spielwaren weltweit geworden: Heute strömen ins große Mes-

auf Böcken alles aufgebaut. Die Bücher wurden alle festgeklebt,

in lebendiger Erinnerung geblieben. »Unser Stand befand sich

um Spiele im heutigen Sinne, sondern es waren beispielsweise

sezentrum in Langwasser jährlich rund 76.000 Fachbesucher,

damit sie keiner klaut, die konnte man dann bloß nicht mehr

im Wiesener Haus, das heute nicht mehr existiert. In einem

einfache Steckbretter, mit denen man Zahlen und Mengenbe-

und die 2.700 Aussteller kommen mittlerweile aus 60 Ländern.

verwenden mit dem Kleber.« 2009 wurde HABA als eine der

größeren Raum standen einfache Tische, an denen die Leute

griffe lernen konnte. Lehrer und Ladenbesitzer interessierten

Aus dem einstigen HABA-Biertisch ist ein Stand mit einer

wenigen Firmen geehrt, die seit dem Bestehen ohne Unterbre-

ihre Sachen ausstellten. Unser Stand bestand aus einem Bier-

sich für unsere Sachen und mein Vater führte Gespräche. Nach

Fläche von 600 m2 geworden, auf dem sich HABA in seiner

chung zum 60. Mal auf der Spielwarenmesse vertreten war.

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Die Chefetage 2013: Links Klaus Habermaaß in seinem Büro, rechts das Büro von Harald Grosch, dazwischen als ›Insel‹ das Sekretariat mit Elvira Löwel und Assistenz.

»Eine gute Portion Intuition« Die Sekretärin der Geschäftsführung Elvira Löwel berichtet aus der Firmenzentrale

Das Herz jedes Unternehmens ist sein Kommunikationszentrum - der Ort, an dem alle Fäden zusammenlaufen. Dies ist das Reich von Elvira Löwel. Als Sekretärin der Geschäftsführung ›wacht‹ sie über die Korrespondenz, organisiert die Terminplanung für Klaus Habermaaß, Harald Grosch und die Abteilung Controlling und ist gleichzeitig das inoffizielle Auskunftsbüro der Firma. Alle möglichen Fragen rund um die HABA-Firmenfamilie treffen bei ihr ein. »Manchmal fühle ich mich als Auskunftsbüro – sowohl für Mitarbeiter als auch für externe Anrufer. Sicher kann ich nicht immer alle Fragen direkt beantworten, aber wenn ich die Antwort nicht weiß, weiß ich doch meistens, wer der richtige Ansprechpartner ist.« Ihre Chefs und die Mitarbeiter schätzen ihre Zuverlässigkeit und ihr Einfühlungsvermögen hoch ein. »Eine gewisse Kombinationsgabe gehört zu meiner Tätigkeit dazu und mitunter auch eine gute Portion Intuition.« »In meiner Funktion ist es am wichtigsten, einen halbwegs guten Überblick zu haben«. Ohne die volle Identifikation mit der Firmenphilosophie könnte sie sich ihre Tätigkeit nicht vorstel-

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len. Die Bindung zu HABA liegt sozusagen in der Familie, da schon ihre Mutter Mitte der Sechzigerjahre im Unternehmen gelernt hat. So machte sie bereits im Alter von zwei Jahren erste Bekanntschaft mit HABA, denn ihre Mutter schenkte ihr zum Weihnachtsfest die legendäre blaue Puppenwiege und den dazugehörigen Puppenschrank. 1989 stieg Elvira Löwel bei HABA ein und arbeitete zuerst in der Spielwarenfertigung. Während ihrer anschließenden Ausbildung zur Industriekauffrau hat sie sämtliche Abteilungen durchlaufen und nach Abschluss der Ausbildung verschiedene Aufgaben im Bereich Arbeitsvorbereitung ausgefüllt. In dieser Zeit arbeitete sie eng mit den verschiedenen Fertigungsbereichen zusammen - daher ist sie mit den Mitarbeitern und den Betriebsabläufen bei HABA bestens vertraut. Seit 1997 füllt sie den wichtigen Posten als Sekretärin der Geschäftsführung aus. Den Wandel vom Familienbetrieb zum mittelständischen Unternehmen hat sie deutlich gespürt. »Als ich mit der Ausbildung begann, waren es noch ca. 500 Mitarbeiter. Von da ab, also ab

Mitte der Neunzigerjahre, verzeichneten wir ein starkes, kontinuierliches Wachstum. Die größere Zahl an Mitarbeitern verändert meine Arbeit aber nicht so sehr, denn die meisten Leute, mit denen ich intensiver zusammen arbeite, kenne ich schon länger und die neueren Mitarbeiter sind sehr kooperativ, da klappt die Zusammenarbeit meist auf Anhieb. Auch wenn vieles anonymer geworden ist - durch die elektronische Kommunikation fallen ja viele persönliche Kontakte weg – ergeben sich die meisten Kontakte automatisch, wenn man offen aufeinander zugeht. Es ist also insgesamt nicht schwerer sondern nur anders geworden in meiner Position.« Da bei ihr sprichwörtlich alle Drähte des Unternehmens zusammen laufen, hat sie sich auch schon einmal mit Kollegen den einen oder anderen Aprilscherz erlaubt: »Wir haben die beiden Flügel der Schwingtür vom Flur zum HABA-Büro mit Klebestreifen zugeklebt, so dass der erste Mitarbeiter, der aus der Mittagspause zurückkam und voller Elan die Tür aufriss, von dem sehr lauten Ratschen des durchreißenden Klebebandes einen

Mords-Schrecken bekam. Oder in der Technik-Abteilung wurden während der Frühstückspause alle vier Telefone beliebig aufeinander umgeleitet, so dass unsere Techniker von den folgenden Anrufen einigermaßen verwirrt wurden. Erst nach einiger Zeit und dem nicht zu überhörenden Kichern der Mitarbeiter aus der Nachbarabteilung ging ihnen ein Licht auf. Über derartige Scherze haben ›Täter‹ und ›Mitwisser‹ oft herzhaft und ausdauernd gelacht. Heute ginge sowas in der Firma kaum mehr, denn man muss schon einschätzen können, mit wem man solche Scherze treiben kann – und dafür muss man sich natürlich gut kennen.« Ihre Beziehung zu HABA heute drückt sie so aus: »Ich trage meinen Teil dazu bei, unser Unternehmen weiter zu bringen und ich fühle mich hier wie zuhause. Meine Arbeit macht mir richtig viel Spaß und ich hoffe, dass ich lange dafür flexibel genug bleibe.«

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Ein Gedicht als Andenken an die ›Urlaubsverschickung‹.

Langjährige Mitarbeiter werden mit einer gemeinsamen Reise belohnt. Die ersten ›Urlaubsverschickungen‹ gehen in die Fränkische Schweiz, ins Fichtelgebirge oder in den Bayrischen Wald.

Eine ständig wachsende Familie Der ehemalige Personalleiter Gerhard Pflaum erzählt

Dass HABA in der Region Arbeitsplätze schafft, bestätigen viele Mitarbeiter und Ehemalige, die aus der Gegend stammen. Einer von ihnen ist Gerhard Pflaum, ehemaliger Personalleiter von HABA. Er stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Bad Rodach, wo er auch eine Schreinerlehre absolvierte. Nach einem Abstecher nach Lübeck an die Medizinische Akademie Süd zur Krankenpflegeausbildung zog es ihn jedoch zurück zum Holz, genauer gesagt: ans Holztechnikum in Rosenheim. Danach musste ein Arbeitsplatz her, und das am liebsten vor der Haustür, da er inzwischen auch verheiratet war und zwei Kinder hatte. Sein Bruder arbeitete bei der Firma Albrecht – bei der übrigens auch Klaus Habermaaß selbst gelernt hatte –, und so war der Plan eigentlich, es dort zu

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Das Organigramm der HABA-Firmenfamilie 2013.

versuchen. Auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch fuhr Pflaum jedoch am Firmengelände von HABA vorbei und dachte sich: »Den Namen HABA haste auch schon mal irgendwo gehört ...« Die spontane Idee, dort anzufragen, kam auf – der Rest ist Geschichte. Er sprach mit Klaus Habermaaß persönlich, der ihn tatsächlich sofort fragte, wann er anfangen könne: »Damals war das mehr so hemdsärmelig.« Die Sympathie, mit der man ihm bei HABA begegnete, beruhte sofort auf Gegenseitigkeit. Pflaum wurde zunächst Assistent der technischen Betriebsleitung. Über mehrere Jahre hinweg verlagerte sich sein Schwerpunkt dann auf den Personalbereich, wo Einstellungen im gewerblichen und später auch kaufmännischen Bereich zu seinen Aufgaben gehörten. Viele Jahre war er in Bad Rodach für Personalfragen zuständig und kümmerte sich mit einem offenen Ohr um die Belange der HABA-Angestellten. Er erlebte auch das Wachstum der Firmenfamilie mit – von 200 Mitarbeitern aufwärts. Besonders nach der Grenzöffnung 1989 strömten Arbeitskräfte aus Thüringen zur Firmenfamilie. Deren Einstellung war anfangs noch kompliziert, denn handelte sich damals noch um DDR-Bürger, der administrative Aufwand war also enorm. Die Grenze fällt. Eine Befreiung in mehrfacher Hinsicht: Rodach ist nicht mehr dreiseitig eingeschlossen und die deutsche Wiedervereinigung vergrößert sowohl den Kundenstamm als auch das Einzugsgebiet für Mitarbeiter.

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In all den Jahren war Gerhard Pflaum der Kontakt zu den Mitarbeitern immer sehr

wichtig. Er wusste nicht nur über die Anforderungen und Voraussetzungen der verschiedenen Positionen Bescheid, sondern kannte bis zu einer gewissen Betriebsgröße auch seine »Pappenheimer« ganz genau, was ihn bei seinem Chef zu einem gefragten Ratgeber machte. Als Bittsteller sollte bei ihm niemand auftreten müssen – auch nicht bei heiklen Gehaltsfragen. Seinen Kontakt zu den Mitarbeitern schildert er so: »Wenn man die Leute auffordert, zu einem zu kommen, wenn sie etwas besprechen wollen, dann kommen die schon rein und sind sooo klein. Man muss selbst hingehen.« Er machte die Erfahrung, dass die HABA-Mitarbeiter, an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz angesprochen, durchaus auch über Privates sprachen – im Einklang mit der engen Verbundenheit, die im damals noch kleinen Betrieb herrschte. Immer wenn Klärungsbedarf bestand, kümmerte er sich schnell und zuverlässig um das Problem, »sonst nimmt man das abends mit ins Bett, das ist gar nicht gut«. Da er viele seiner Mitarbeiter persönlich kannte, war es nicht immer einfach, unangenehme Themen anzusprechen. Manchmal musste er für Ordnung sorgen, tat dies jedoch nie ohne eine Portion Humor. So riet er einmal einem ansonsten sehr zuverlässigen Mitarbeiter, der immer zu spät kam, seinen Wecker doch in eine Metallschüssel zu stellen, das wirke be-

stimmt – und tatsächlich: »Der kam dann immer pünktlich!« Familiär geht es bei HABA immer noch zu. Viele Mitarbeiter sind miteinander verwandt, und manchmal entstehen gar neue Partnerschaften im Betrieb, auch wenn Luise Habermaaß davon wohl weniger begeistert war, wie der ehemalige Personalleiter schmunzelnd erzählt; sie ordnete dann schon mal die räumliche Trennung der beiden Mitarbeiter an. Auch den Urlaubszuschuss für die Mitarbeiter gibt es bei HABA noch – dass jedoch der Urlaub selbst und sogar das jeweilige Hotel für die »Urlaubsverschickungen« von der Geschäftsführung gebucht werden, ist Vergangenheit. »Als wir 700 Leute waren, mussten wir das ändern«, erklärt Pflaum. Heute wird der Urlaub ausbezahlt, allerdings muss nachgewiesen werden, dass der Mitarbeiter tatsächlich einen Erholungsurlaub genommen hat. Also größenbedingt kein Rundumservice mehr, aber viel Unterstützung. Die Geschäftsführung legt Wert darauf, dass der Urlaub auch wirklich genommen wird. Die Mitarbeiter sollen sich erholen, um fit und leistungsfähig zu bleiben. Vielleicht bleiben sie dem Unternehmen dann als langjährige Begleiter erhalten, so wie Gerhard Pflaum, der im Juni 2009 in den Ruhestand ging – und übrigens immer noch im gleichen Dorf in der Region Bad Rodach wohnt.

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2008: In dem ehemaligen Wohnhaus von Luise Habermaaß findet die bereits 2004 gegründete betriebliche Kinderkrippe neue, ideale Räumlichkeiten mit großem Garten.

Kollegialer Umgang Die Personalleiterin Christine Vollmer über die sozialen Vorzüge des Unternehmens

Soziales und Nachhaltigkeit werden bei HABA großgeschrieben – das spielt auch bei der Arbeit von Christine Vollmer eine große Rolle. »Wir versuchen immer, individuelle Lösungen zu finden«, sagt die Personalleiterin, die seit 17 Jahren für die HABA-Firmenfamilie arbeitet. Bei zurzeit rund 2.000 Mitarbeitern werde das zwar zunehmend schwieriger, Frau Vollmer kümmert sich trotzdem so gut wie möglich um ihre Mitarbeiter. »Zaubern können wir nicht, aber wir versuchen das Beste.« Bei Neuankömmlingen leistet die Personalabteilung Hilfestellungen vor allem in organisatorischen Dingen, seit neuestem gibt es außerdem ein Patenprogramm mit dem Motto »Kollege hilft Kollege«. So sollen neue Mitarbeiter einen Ansprechpartner bekommen, der sich in der Firma und in Bad Rodach schon

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auskennt und ihnen auch bei persönlichen Fragen helfen kann. Gleichberechtigung ist der Personalabteilung von HABA sehr wichtig. Auf die Frage, ob die gleiche Behandlung von Männern und Frauen sich auch im Gehalt widerspiegelt, antwortet Christine Vollmer: »Da gibt es keine Unterschiede. Entscheidend für die Besetzung ist immer die Eignung – ob eine Frau oder ein Mann die Stelle erhält, ist für uns Nebensache.« Außerdem bewege sich langsam etwas in den Führungsetagen, die im Moment zwar noch größtenteils mit männlichen Angestellten besetzt seien, »inzwischen kommen da aber immer mehr Frauen nach«. Dass sie sich um die Work-Life-Balance der Mitarbeiter bemüht und so das Prinzip der Nachhaltigkeit in die Personalpolitik bringt, zeigt

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Eine Betriebs-Fußballmannschaft, hier im Jahr 1959 nach dem Spiel gegen ›Presswerk Siemens‹, gibt es heute leider nicht mehr.

Seit 1996 informiert die Hauszeitung ›Baustein‹ vierteljährig über alles, was in der Firmenfamilie wichtig ist.

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sich daran, dass sie vor acht Jahren die Kinderkrippe im Betrieb gründete. »Es war ja damals schwer, Betreuung für Kinder unter drei Jahren zu bekommen. Deshalb waren wir aufgrund der hohen Anzahl weiblicher Beschäftigter einfach so ›egoistisch‹, fachlich hochqualifizierte Mitarbeiterinnen früh zurückzuholen.« Dabei gab es anfangs eine heute kaum vorstellbare Komplikation: Es wollte sich nämlich kein Kind für die Kinderkrippe finden. »Wir haben jeden Vater und jede Mutter angesprochen. Wahrscheinlich lag es auch daran, dass bei vielen damals noch die Großeltern zur Betreuung zur Verfügung standen.« Nach diesen Anlaufschwierigkeiten wird das Angebot, sein Kind betreuen zu lassen, heute sehr gerne angenommen: »Mittlerweile betreuen wir 30 Kinder.« Aufgrund der hohen Nachfrage wurden nochmals die Kapazitäten erweitert. Eine hauseigene Kinderkrippe in einem Unternehmen, das Spielzeuge herstellt und ebensolche Kinderkrippen ausstattet, hat aber weitere Vorteile: »Wir möchten den Kunden natürlich auch etwas präsentieren.« Und was eignet sich dafür besser als eine echte Kinderkrippe, ausgestattet mit all den HABA-Produkten? »Außerdem passiert es häufiger, dass die Designer mit neuem Spielzeug zu den Kindern kommen, sich danebensetzen und zuschauen, wie die Kinder es verwenden. Daraus können die Entwickler dann ihre Schlüsse ziehen.«

Allerdings hat das Wachstum der Firma auch einen Nebeneffekt für die Personalabteilung: HABA ist längst kein kleines Familienunternehmen mehr, wo jeder jeden kennt. Das macht eine persönliche, fürsorgliche Personalpolitik leider auch schwieriger. Frau Vollmer steht dem aber recht gelassen gegenüber: »Mit vielen langjährigen Kollegen und deren Erfahrungen, gepaart mit frischem Wind von neuen Kollegen arbeiten wir nach wie vor für die ›schönste Zielgruppe der Welt‹. Das motiviert und macht Spaß!« Dass trotzdem nicht alles so bleiben kann, wie es früher war, ist ihr aber bewusst. »Wenn man immer globaler wird, muss man sich von manchen Dingen eben verabschieden. « Dass es Mitarbeiter gibt, die sozial gar nicht so eng eingebunden sein möchten, hat Frau Vollmer noch nicht erlebt. »Wenn man die Leute anspricht, sprudelt es oft nur so aus ihnen heraus. Viele fangen dann an, von sich aus viel zu erzählen. Ich habe das immer positiv erlebt, und die meisten sind dankbar. Es kommt immer darauf an, wie man den Leuten begegnet, und natürlich gibt es auch Grenzen.« Obwohl HABA mittlerweile eine sehr, sehr große Familie ist und eine persönliche Vertrautheit nicht mehr automatisch gegeben ist, so steht doch immer das Angebot an alle Mitarbeiter, den persönlichen Kontakt zu suchen – ganz gleich, in welcher Angelegenheit.

Gemeinsamer Sport unter Mitarbeitern spielt eine große Rolle, im Bild die HABA-Biathlon-Staffel, 2012.

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Investitionen in die Zukunft Im Gespräch mit dem Nachwuchs

Eine Lehrpfad-Station 2012.

Mit Auszeichnung! 2013 werden es über hundert Auszubildende sein, die in gewerblichen, kaufmännischen und kreativen Berufen in der HABA-Firmenfamilie einen Beruf erlernen. Das Drechsler-Gesellenstück von Felix Beiersdorfer erhält die Ehrenurkunde im Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks unter der Schirmherrschaft des deutschen Bundespräsidenten.

In der Nachwuchsförderung im Kreis Coburg spielt die HABA-Firmenfamilie mit rund hundert Auszubildenden ganz vorne mit. Die Auszubildenden können dabei heute zwischen 14 Ausbildungsberufen wählen, darunter auch eher seltene Berufe, wie beispielsweise Polsternäher/in. Inzwischen gibt es zusätzlich die Möglichkeit, in vier dualen Studiengängen Berufserfahrung zu sammeln, denn dem Unternehmen sind zukunftsorientiertes

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Handeln und Verantwortung für die jungen Menschen aus der Region sehr wichtig. Fast alle ehemaligen Auszubildenden arbeiten später auch im Betrieb. Zwei Mitarbeiter, die ihre Ausbildung zum Holzmechaniker bzw. zur Industriekauffrau kürzlich abgeschlossen haben und übernommen wurden, sind Michael Schönemann und Kathrin Hofmann.

Beide kommen aus der Gegend und haben sich bei HABA auf Anhieb wohlgefühlt. »Wenn ich woanders arbeiten würde, wüsste ich vielleicht gar nicht, wofür – aber hier hat man ständig Kontakt zu den Produkten, das finde ich unheimlich schön«, schwärmt Kathrin Hofmann. Auch die Offenheit, die sich bereits in der neuen Firmenarchitektur widerspiegelt, sorgt für eine besondere und kreative Arbeitsatmosphäre. »In anderen Firmen sind das häufig graue, abweisende Gebäude, in die man überhaupt nicht hineinsehen kann, aber hier bei uns ist alles offen und bunt.« Die jungen Mitarbeiter wissen HABA auch als Familienunternehmen zu schätzen. »Ich denke, es ist wichtig, dass wir an der Spitze nicht irgendjemanden haben, der mit dem Unternehmen gar nichts zu tun hat, sondern dass ein familiärer Bezug besteht«, betont sie. Im Jahr 2011 ließ sich die Geschäftsführung etwas ganz Besonderes einfallen, um die Kreativität und das eigenständige Arbeiten ihrer Auszubildende zu fördern: Der HABA-Erfinder-Lehrpfad wurde geboren. Auszubildende aus allen Bereichen konzipierten in kleinen Gruppen elf Stationen, die verschiedene Erfindungen präsentierten, und fertigten diese selbst an. »Da prallen schon Welten aufeinander«, stellt Michael Schönemann fest, der miterlebte, wie sowohl angehende Bürokaufleute als auch praktisch

veranlagte Handwerker in die unterschiedlichen Arbeitsabläufe eingebunden wurden und Hand in Hand zusammenarbeiteten. »Wir mussten schon schauen, dass wir als Theoretiker nicht nur danebenstehen«, sagt Hofmann. Aber in den Bereichen Marketing, Kontakt zu Radio und Fernsehen sowie in der Organisation der verschiedenen Arbeitsbereiche waren wiederum die angehenden Kaufleute gefragt, und so konnte jeder einen wichtigen Teil zum Projekt beitragen. Die Stationen waren bis Anfang 2012 auf dem Gelände der Bad Rodacher Mittelschule zu bewundern. Jeder Interessierte – ob Familien mit Kindern, Lehrer mit ihren Schulklassen oder andere Besucher – konnte die großen Aufbauten von Druckerpresse bis Wasserpumpe ausprobieren und dabei etwas über die jeweilige Funktionsweise und physikalischen Gesetze lernen.

Eine Schreinerwerkstatt nur für Auszubildende entsteht 1977. Zwei Jahre später wird die neu erstellte Lehrwerkstatt bezogen, wo Horst Eppler ausbildet.

Die Wartung der Modelle und eventuelle Reparaturen waren ebenfalls Aufgabe der Auszubildende – auch nach der Fertigstellung war die Anlage der ganze Stolz aller, die daran mitgearbeitet hatten, und ihre Umsetzung, da sind sich die ehemaligen Azubis einig, hat ihre Ausbildungszeit sehr aufgelockert.

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Der Kontakt zur Zielgruppe, also Kindern und Jugendlichen, wird bereits in der Ausbildung großgeschrieben. Ob bei Berufsbildungsmessen, wo die Auszubildenden ihre eigene Tätigkeit vorstellen dürfen, beim Bad Rodacher Schulfest oder beim HABA-Familientriathlon, der in Zusammenarbeit mit dem Landkreis und einem lokalen Radiosender ausgerichtet wird: In die Organisation und den Kundenkontakt werden auch Neueinsteiger sofort einbezogen. Michael Schönemann, der dank seines Großvaters, eines Schreiners, schon einen Bezug zu Holz mitbrachte, zeigte bei HABA besonderen Ehrgeiz und wurde von der Industrie- und Handelskammer mit der Auszeichnung als Bundesbester in seinem Ausbildungsberuf belohnt. »Als ich anfing, gab es einen separaten Schulungsraum für Holzmechaniker, in dem auch deren Urkunden für besondere Leistungen aufgehängt wurden. In der ersten Woche sagte ich zu meinem Meister, dass ich da auch gerne mal hängen würde«, erzählt er lachend. Bei HABA gehen eben nicht nur Kundenwünsche in Erfüllung.

Auszubildende zeigen Exponate aus dem Lehrpfad.

Mit der Motivation und Freude, die das Unternehmen seinen zukünftigen Fachkräften mitgibt, ist der erste richtige Schritt ins Berufsleben bereits getan.

Die ›Kennlerntage‹ der Auszubildenden in Würzburg 2012 stehen unter dem Motto: Kommunikation, Netzwerk und das eigenverantwortliche Arbeiten.

Der Lehrpfad wird 2011 geplant und vorbereitet.

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Der Garten hinter dem Werk 2 mit Gewächshaus, altem Baumbestand und Blumenbeeten. Dem Erhalt der natürlichen Umgebung wird bei der Errichtung neuer Gebäude und bei der Sanierung des alten Gebäudebestandes erhöhte Bedeutung beigemessen.

Im Kreislauf der Wiederverwertung​ Ökologische Nachhaltigkeit ist eine der Säulen, auf denen die HABA-Firmenphilosophie ruht. Doch was bedeutet dies für ein Unternehmen wie die »Erfinder für Kinder«? Wie sieht es mit dem Energiehaushalt von HABA aus? Und was genau kann eine große Firmenfamilie tun, um ressourcenschonend zu arbeiten? Die Erhaltung der Umwelt war dem Unternehmen immer schon ein Anliegen, und in den letzten Jahren hat sich viel getan: HABA hat Maßnahmen zur Einsparung von fossilen Rohstoffen und Wasser ergriffen und die Müllverwertung umgestellt.

Der Teich mit gesammeltem Regenwasser hinter der Kantine erfreut Mensch und Tier. Regenwasser bewässert auch die Gebäudebepflanzung, lässt den Brunnen vor dem Brauhof ›springen‹ und spült die WCs.

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Oben: Die Spänesilos am Werk 4 sind keine Geldspeicher à la Dagobert Duck, wie manche schon scherzhaft vermutet haben, sondern sie dienen zur Sammlung der Holabfälle. Das Werk 3 erhält mit dem Neubau zugleich eine Hackschnitzelheizung. Das gesamte Firmengelände und sogar benachbarte Betriebe werden mittlerweile mit firmeneigenen Holzabfällen beheizt. Die Silo-Türme laden durch ihre Höhe u.a. Turmfalken zum Nisten in den eigens angebrachten Kästen ein.

Die Filteranlage am Werk 4.

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Der Umweltehrenbrief wird Klaus Habermaaß 1983 vom Vorsitzenden des Stiftungskomitees zur Verleihung der Umweltschutz-Medaille überreicht.

Die Solaranlagen auf den Dächern der Werke dienen der eigenen Stromgewinnung.

Ein rasant wachsendes Unternehmen wie HABA benötigt natürlich viel Energie, genauso wie es Emissionen und Müll produziert. Da wollen Büroräume geheizt, Maschinen angetrieben und Toiletten gespült werden. Doch in Bad Rodach hat man es sich mit hohen Umweltstandards zur Aufgabe gemacht, Verantwortung für die Natur zu übernehmen und durch neue Verfahren an allem zu sparen, was auf der Erde knapp ist. Geheizt werden sämtliche Betriebsgebäude mit Holzabfall, also Holzresten und Sägespänen, die in der Produktion anfallen. Somit vermeidet HABA die Verbrennung fossiler Rohstoffe. Die Abgase, die bei

der Verbrennung der Holzteilchen entstehen, werden wiederum entsprechend dem Emissionsschutzgesetz gefiltert. Die Wärmeenergie der Abluft wird zurückbehalten, um Heizleistung einzusparen – in der Größenordnung von bis zu 100 Einfamilienhäusern. Natürlich wird auch Erdwärme verwendet: Außenluft wird vor der Einspeisung ins Gebäude durch 1,3 km lange Erdrohre geleitet, sie ist somit im Sommer optimal vorgekühlt und im Winter vorgewärmt, damit Klimaanlage und Heizung weniger zu tun haben. Sehr viele Produkte von HABA bestehen bekanntlich aus Holz. Um dessen Transportweg kurz zu halten, stammt es nach Möglichkeit aus heimischen Wäldern

um Bad Rodach. Nur die Holzsorten, die nicht aus der deutschen Forstwirtschaft bezogen werden können, werden aus Finnland oder Russland importiert. In jedem Fall ist das Holz mit dem PEFC-Siegel zertifiziert, das die nachhaltige Forstwirtschaft garantiert. Die Holzprodukte werden mit Lacken und Beizen auf Wasserbasis eingefärbt, die genauestens kontrolliert sind. So sehen die Spielsachen nicht nur besonders schön aus, auch die Sicherheit im Umgang ist

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gewährleistet. Eltern können sicher sein, dass ihr Kind keinen Schaden nimmt, wenn es zum Beispiel an einem HABA-Baustein lutscht. Außerdem wird die Umwelt geschont, indem HABA auf giftige Chemikalien verzichtet. Alle anderen Materialien, die in der Produktion der Spielwaren verwendet werden, werden ebenfalls genauestens auf Schadstoffe geprüft – auch wenn sie aus dem Ausland zugeliefert werden, wie bei-

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spielsweise Stoffe für Puppen, Babyspielzeug und Kinderkleidung. Anfallendes Verpackungsmaterial – Pappkartons, Folien, Metallteile – wird sortiert, platzsparend gepresst oder aufgewickelt und über Rohstoffhändler wieder in den Kreislauf der Wiederverwertung eingespeist. Daheim in Bad Rodach, in der Firmenzentrale, trägt ein grünes Umfeld nicht zuletzt zur Gesundheit und zum Wohlbefinden der Belegschaft bei: So können

HABA-Mitarbeiter im Sommer auf der Terrasse der Brauhofkantine die Sonnenstrahlen mit Blick auf einen Teich genießen. Vom Arbeitsplatz aus ist man schnell im Grünen. In der Mittagspause mal kurz vom Büro in die Natur und zurück - in Bad Rodach ist‘s möglich!

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Der Teich hinter der Kantine ist mit natürlichem Schilfbewuchs umgeben. Die Mitarbeiter sitzen in der Pause gern auf der Terrasse.

Viele Singvögel finden Nistmöglichkeiten in den Hecken um die Gebäude und in der Einfriedung der Parkplätze.

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Alle Farben werden auf Wasserbasis hergestellt und sind lösemittelfrei.

Qualität fängt beim Material an Stephan Rautenberg über den wichtigsten Rohstoff des Unternehmens - Holz Stephan Rautenberg, zuständig für die Rohstoffkontrolle und die Leitung des Einkaufs, schaut ganz genau hin, wenn es um Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein geht. Er achtet darauf, dass alle Beteiligten, auch die Lieferanten, in die Umweltpolitik einbezogen werden. »Als holzverarbeitender Betrieb beziehen wir fast ausschließlich PEFC-zertifizierte Ware. Damit kann man genau zurückverfolgen, dass nur Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet wird. In Deutschland dominiert PEFC, auf internationaler Ebene ist jedoch - noch - die FSC-Zertifizierung verbreiteter. Für die Firma Habermaaß, die Buche ausschließlich von heimischen Sägewerken bezieht, macht eine FSC-Zertifizierung für uns also keinen Sinn. Oder sollen wir unsere Spielwaren aus Tropenholz fertigen, nur um einem Zertifikat gerecht zu werden? Das wäre kontraproduktiv!« Für das PEFC scheut HABA weder Mühen noch Kosten - nicht nur die Gebühr für die jährliche Auditierung, viel schwerer fällt der Aufwand ins Gewicht, der permanent in eine gewissenhafte Durchführung investiert wird. Lieferantenbesuche im In- und Ausland, besonders bei neuen Lieferanten, sind unerlässlich um sich einen aussagekräftigen Eindruck zu verschaffen - auch im Hinblick auf eine korrekte Anwendung der PEFC-Prinzipien. Außerdem setzt Herr Rautenberg bei seinen Zulieferern auf möglichst dauerhafte Bindungen: »Zum einen sind da die heimischen Sägewerke, da hat man seine Geschäftsbeziehungen, ist zusammengewachsen und hat seine Erfahrungen gemacht. Bei neuen Lieferanten absolvieren wir zunächst einmal einen Besuch, um uns ein Bild zu machen, und fragen natürlich nach der PEFC-Zertifizierung.« Soziale Kriterien sind grundsätzlich ebenfalls ein Thema für den Einkauf, allerdings »achtet der Import für den Spielwarenbereich – der ja unter anderem aus Ländern wie China und Indien Ware bezieht – mehr darauf. Da ist permanent jemand in den Ländern unterwegs.« HABA verlässt sich trotzdem nicht vollständig auf die Zertifizierung, obwohl die »schon Hand und Fuß hat«. Überprüft wird bei den Lieferanten, beim Warenausgang, beim Wareneingang und vor dem Verkauf: »Da sind wir ganz genau. Wir haben in Bad Rodach sogar ein eigenes Labor mit zwei Mitarbeitern, die Kontrollen besonders für Spielwaren, aber auch für Lacke und Mechanisches durchführen.« Im Labor wird zudem die chemische Belastung überprüft, obwohl das bei Holz heute kein Problem darstelle, erklärt Rautenberg. »Früher, als zum Beispiel Tschernobyl noch aktuell war, haben wir sicherheitshalber jeden Birkenholz-Eingang mit Geigerzähler überprüft. Zum Glück hat sich gezeigt, dass wir uns auf unsere Lieferanten verlassen können - es kam zu keinen Beanstandungen.« Generell muss sich niemand Sorgen um eine mögliche Knappheit von Buche oder Birke machen. In Deutschland wird jedes Jahr mehr aufgeforstet als verbraucht wird, und »die PEFC-Zertifizierung garantiert uns auch den nachhaltigen Umgang unserer Lieferanten im Ausland mit der Ressource Holz.« Probleme machen allerdings zu milde Winter. »Wenn der Boden nicht gefroren ist, kann nicht gefällt werden weil man mit den Gerätschaften für die Holzernte nicht in den Wald hineinkommt.« Um die Zukunft des Unternehmens angesichts billiger Konkurrenzware aus Asien macht sich Herr Rautenberg keine Gedanken: »Wir haben schon immer auf höchste Qualitätsansprüche geachtet, und der Erfolg zeigt, dass wir da auf dem richtigen Weg sind. Wenn der Kunde nur billig kaufen würde, wäre das Unternehmen gar nicht so weit gekommen.«

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Zertifikate PEFC und FSC PEFC bedeutet »Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes«, also »Programm für die Anerkennung von Forstzertifizierungssystemen«. Das Siegel dient zur Sicherstellung einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung. In Deutschland sind 7,3 Millionen Hektar Wald PEFC-zertifiziert. Trägt ein Produkt aus Holz dieses Siegel, heißt das, dass vom Rohstoff bis zur Endware nur PEFC-zertifiziertes Holz verwendet wurde. Ob die Anforderungen für das Zertifikat eingehalten wurden, überprüft jedes Jahr eine unabhängige, fachlich kompetente und vom PEFC Deutschland e. V. zugelassene Zertifizierungsstelle, für HABA übernimmt dies die LGA Intercert mit Sitz in Nürnberg. FSC steht für das »Forest Stewardship Council«, das ebenso ein Zertifikat für nachhaltige Forstwirtschaft vergibt. Dabei gibt es zehn für alle beteiligten Staaten geltenden Prinzipien, in denen ökologische, aber auch soziale Standards festgehalten sind. Darüber hinaus hat jeder Staat seine eigenen, zusätzlichen Prinzipien. Auch der FSC zertifiziert nicht selbst, sondern kontrolliert und bevollmächtigt unabhängige Zertifizierungsunternehmen. Ein vergebenes Siegel ist fünf Jahre gültig; ob die Bestimmungen kontinuierlich eingehalten werden, überprüft ein Zertifizierer aber trotzdem jährlich.

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Da schult man sich durch entsprechende Veranstaltungen und hält Rücksprache mit den Behörden. Auch mit der Gewerbeaufsicht, die in Deutschland für die Marktüberwachung zuständig ist, hält Löhnert engen Kontakt. »Es werden öfters Details besprochen und gemeinsam wird nach Lösungen gesucht. Insgesamt muss man Kontakt halten und darf nicht auf seiner Insel sitzen und warten, dass das jemand an einen heranträgt.« Da sich die Richtlinien und Gesetze, vor allem zur chemischen Sicherheit, in den letzten Jahren schnell und oft geändert haben, »kann es sogar einem Unternehmen wie HABA passieren, dass manchmal Materialien nicht mehr verwendet werden können, bis sich die Zulieferer darauf eingestellt haben«. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis zu den entsprechenden Anforderungen von HABA zu erzielen, ist nicht immer einfach. Dass die Kunden immer mehr Wert auf die Spielzeugsicherheit legen, kann Löhnert aber gut nachvollziehen. »Gerade bei Kleinkindspielzeug wird ein hohes Maß an Sicherheit erwartet. Kinder in diesen Altersgruppen erkunden vieles mit dem Mund. Das Spielzeug wird so eingespeichelt, es wird geknabbert und gesaugt. Hier muss einfach alles vollkommen sicher sein. Die meisten im Unternehmen haben selber Kinder, und man will ja, dass alles sicher ist, wenn die Kinder damit spielen.« Weniger Verständnis hat er jedoch für die Medien und Politiker, die gerade um die Weihnachtszeit auf die Barrikaden gehen, um die mangelnde Sicherheit von Spielzeug anzuprangern. »Das ist dann schon grenzwertig und macht einem zu schaffen, wenn zertifizier-

te Produkte in den Medien abgemahnt werden. Vor Weihnachten reden Viele über Qualität und Sicherheit von Spielzeug und fordern strengere Gesetze und mehr Überwachung. Die meisten machen sich vorher eben keine Gedanken. Dass man dafür über einen längeren Zeitraum was tun muss, sehen sie nicht.« Leider muss die Qualitätssicherung auch unangenehme Aufgaben übernehmen. »Manchmal müssen wir Produkte stoppen, weil mechanische Anforderungen nicht erfüllt sind. Da wird viel diskutiert, aber in dem Moment müssen wir eben die Spaßbremse sein und nein sagen. Zum Zweiten passiert es auch, dass Produkte oder Ideen sterben, weil die Prüfungen einfach zu teuer wären, wenn wir das mit dem erwarteten Absatz abgleichen.« Qualität hat eben ihren Preis – das gilt auch für HABA. 600.000,- € werden jährlich für externe Prüfungen ausgegeben, Tendenz angesichts künftiger Richtlinien steigend. Daher ist es wichtig, auf einen gewissenhaften Umgang mit Materialien zu achten. »Wir versuchen natürlich, die Materialien, die geprüft sind, möglichst effizient zu verarbeiten und nicht jedes Mal neue Materialien, die wir wieder neu prüfen müssen, zu nehmen. Qualität und Sicherheit haben ihren Preis. Daher ist es schwer vorstellbar, dass ein Holzspielzeug für 3,- € die gleichen Anforderungen erfüllt wie höherpreisiges Spielzeug, auch wenn das natürlich nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist.« Gut, dass der Trend in der letzten Zeit immer mehr dahin geht, das qualitativ Hochwertige auch mit höherem Preis anzuerkennen. Der Erfolg von HABA spricht jedenfalls dafür, und Matthias Löhnert wird sein Bestes für die Sicherung der Qualität tun.

Verlässliche Standards nach ISO ISO steht für »International Organization for Standardization«. Diese Organisation entwickelt standardisierte Anforderungen und Richtlinien für unterschiedliche Bereiche, z. B. Lebensmittelsicherheit, Landwirtschaft und Gesundheit. Richtet sich ein Unternehmen nach einem oder mehreren Standards, kann es sich in diesem Bereich entsprechend zertifizieren lassen. Umweltschutz war HABA schon früh ein besonderes Anliegen. Als erster Spielzeugund Möbelhersteller in Deutschland unterzog sich das Unternehmen daher einem »Umwelt-Audit« und betreibt ein

Die höchstmögliche Sicherheit eines Produktes ist ein für die Firma selbstverständlicher Standard.

Umweltmanagement nach DIN ISO 14001.

Keine Abstriche bei der Sicherheit Matthias Löhnert über die Qualitätssicherung

Bereits 1951 werden die Räder mit höchster Sorgfalt montiert und auf ihre Sicherheit überprüft.

Ebenso großer Wert wird auf höchste Produktqualität gelegt, die das Familienunternehmen mit einem nach DIN ISO

Matthias Löhnert ist der Mann, der genau hinschaut, wenn es um Qualität geht. Dass das Spielzeug und die Möbeleigenprodukte in Bad Rodach ordentlich verarbeitet werden, ist die eine Sache. Viel zu tun hat Löhnert, der seit über 25 Jahren für HABA arbeitet, mit der Sicherheit der Produkte. »Wir achten genauestens darauf, dass alle Gesetze eingehalten werden.« Den Entstehungsprozess eines Spielzeugs begleitet der Verantwortliche für die Produktqualität komplett mit. »Mit der Überprüfung der chemischen Qualität haben wir die größte Arbeit. Mechanisch ist es einfacher, da sieht man schnell, ob das passt oder nicht. Das ist beim Chemischen nicht so.« Sich nur auf die Eckdaten der Lieferanten zu verlassen, kommt für ihn nicht in Frage. Schwermetalle können mittels Röntgenfluoreszenz vor Ort

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in der Firma geprüft werden, alle weiteren chemischen Analysen müssen extern in speziellen Laboren durchgeführt werden. Besonders wachsam ist Matthias Löhnert bei Waren, die aus Asien importiert werden: »Diese lassen wir noch zweimal zusätzlich prüfen.« Besonders bei neuartigen Produkten ist die Qualitätssicherung sehr komplex. »Wir wollen ja immer interessantes neues Spielzeug herausbringen. Hier ist es wichtig, die entsprechenden Normen und Richtlinien zu kennen und diese richtig zu interpretieren. Außerdem sind die Normen immer in Bewegung, einzelne Punkte werden laufend überarbeitet.« Diesen bürokratischen Aufwand sieht er gelassen. »Ich weiß, wo ich nachschauen kann. Es gibt verschiedene Richtlinien, die beachtet werden müssen.

9001 zertifizierten Qualitätsmanagement stetig und verlässlich überwacht.

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Eine Ente reist um die Welt HABA im Ausland

Die Verkaufsniederlassung in Frankreich besteht seit 1993.

Auch wenn das Herz der Firma in Bad Rodach schlägt – der Blick in die Zukunft war immer schon verbunden mit dem Blick auf andere Länder, andere Märkte. Und in Zukunft wird das Ausland, hauptsächlich Asien, eine weitaus bedeutendere Rolle spielen für HABA. Das liegt zum einen an der demografischen Entwicklung: Während in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden, steigen die Geburtenraten in Asien kontinuierlich, gleichzeitig wächst die Kaufkraft in

diesen Ländern. Mit der Niederlassung in Hongkong hat HABA bereits einen Schritt in die Richtung der Expansion nach Osten getan, doch laut Geschäftsführer Harald Grosch hat das Abenteuer Asien gerade erst begonnen: »Dort können wir den zweitwichtigsten Punkt nach Deutschland aufbauen.« Auch China boomt, besonders im Kindergarten- und Schulbereich. Kontakte zu Korrespondenten vor Ort sind hier, wie überall, das A und O, damit der Export reibungslos läuft.

Vor allem aufstrebende Schwellenländer wie Indien holen in Sachen Bildung kräftig auf und benötigen dazu natürlich die passenden Materialien und Ausstattungen für Schulen und Kindergärten – »ein Milliardengeschäft« für HABA, erklärt Klaus Habermaaß. Hierfür soll eine Produktion direkt vor Ort im jeweiligen Land mit der HABA-Produktphilosophie verknüpft werden: Hohe Qualitätsansprüche, pädagogische Werte und nicht zuletzt ein Auge für ansprechende Gestaltung werden als Image des Unternehmens auch ins Ausland vermittelt, zudem haben viele asiatische Länder ein Faible für europäisches Design – was hätte also besseres Exportpotential als deutsche Spielwaren? Klaus Habermaaß ist privat durchaus ein Reiseliebhaber mit besonderem Faible für Skandinavien, doch beruflich bevorzugt er es, von Bad Rodach aus die Geschicke der Firma zu lenken. Von der HABA-Zentrale aus behält er den Überblick, denn er ist überzeugt: »Wachstum muss aus eigener Stärke kommen«, und die Firmenfamilie zieht ihre Stärke aus der Heimatregion.

Die Ente ist seit 1954 ein HABA-Klassiker und watschelt auch international von Erfolg zu Erfolg.

Mit der fortschreitenden Globalisierung wächst natürlich die Bedeutung von Niederlassungen in der ganzen Welt. »Wir müssen raus und mehr von der Welt sehen, weil sie sich immer schneller wandelt«, sagt Klaus Habermaaß. Um am Puls der Zeit und konkurrenzfähig zu bleiben, richtet HABA trotz seiner festen Verwurzelung in Oberfranken den Blick deshalb weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Tritt die HABA-Ente also ihren Siegeszug durch die ganze Welt an? Bereits Anfang der Achtzigerjahre, als Holzspielzeug durch die aufkommende Umweltbewegung einen Aufschwung erlebte, streckte Klaus Habermaaß seine Fühler nach Amerika aus. HABA übernahm die Firma Skaneateles Handicraf-

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ters in New York und begann, unter dem Namen T. C. Timber erfolgreich seine Produkte zu vertreiben. Seit 2002 fungiert die Außenstelle in der Neuen Welt als HABA USA. »2002 haben wir die Fertigung in den USA eingestellt und machen nur noch die Distribution dort. Dadurch haben wir den Standort Bad Rodach wieder gestärkt, weil wir jetzt mehr hier produzieren«, erklärt der technische Leiter Norbert Kemper. Seit 1993 ist das Unternehmen unter dem Namen HABA S.a.r.l. auch in Frankreich vertreten und vertreibt von Égly aus seine Produkte an französische Kinder, Eltern, Großeltern und alle anderen, die schönes Spielzeug schätzen. Frankreich ist inzwischen das größte Exportland von HABA. Auch im Kindergarten- und Krippenbereich ist HABA dort ein Vorreiter. Für die wichtigsten Exportländer wurden spezielle Marketingkonzepte erarbeitet. In Osteuropa ist das Unternehmen mittlerweile ebenfalls aktiv: Im November 2009 wurde eine erste Wehrfritz-Niederlassung im polnischen Breslau (Wrocław) gegründet. Bisher werden gut ein Drittel des HABA-Umsatzes im Ausland erzielt, und diese Zahl soll in Zukunft deutlich steigen – auch wenn Kommunikationsschwierigkeiten und verschiedene nationale Sicherheitsbestimmungen immer neue Herausforderungen darstellen, doch diese nimmt man gerne an. Das Sortiment – inklusive Ente – ist jedoch in jedem Land gleich (die Spiele sind natürlich in die jeweilige Landessprache übersetzt); hier macht HABA keine Kompromisse. »Bei uns ist ja nichts 08/15, wir machen das Besondere«, fasst Klaus Habermaaß den Gedanken hinter der Produktpalette zusammen. Und das Besondere aus Bad Rodach kommt an – zu Hause, bei den Nachbarn und in Fernost!

Im November 2009 wird ›Wehrfritz Polen Sp. z o.o.‹ gegründet.

Das Büro in Hongkong im 7. Stockwerk gibt es seit 2011.

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Heimkehr in die Ferne Volker Habermaaß als Vermittler zwischen den Welten

Bei einem familiengeführten Unternehmen wie HABA stellt sich natürlich an einem gewissen Punkt die Frage, wie die nächste Generation mit dem Erbe umgehen soll. Der Wunsch, das HABA-Vermächtnis noch viele Jahrzehnte innerhalb der Familie weitergeführt zu sehen, war vermutlich immer da. Als Sohn von Klaus Habermaaß erlebte Volker Habermaaß dennoch nie Druck seitens der Eltern, später einmal den Betrieb zu übernehmen. Gemeinsam mit seinen beiden Schwestern wuchs er auf dem Firmengelände von HABA auf – für sie war es ein riesiger Abenteuerspielplatz. Auch die Firmenmitarbeiter hatten immer Zeit für die Habermaaß-Sprösslinge, erlaubten den Kindern, in den Lagerräumen zu spielen oder nahmen sie im VW-Bus mit zum Schwimmen, erinnert sich Volker Habermaaß. Trotzdem hatte er wie viele junge Menschen nach der Schule das Bedürfnis, in einer ganz anderen Branche zu arbeiten als die Eltern, und entschied sich für eine Gärtnerlehre – ein Bereich, in dem er anschließend auch einige Jahre arbeitete. Der wirkliche Traumberuf, in den er all sein Herzblut stecken wollte, war das Gärtnern jedoch nicht. Damals begann, wie er selbst sagt, seine Reisezeit: Südamerika, Saudi-Arabien – je weiter weg von Rodach, desto besser. Mit seiner japanischen Freundin kam dann auch das Interesse an ihrem Heimatland, einem Ziel, das ihn vorher nicht besonders gereizt hatte. Und in Japan schließlich kam Volker Habermaaß beruflich »nach Hause«. In der südjapanischen Metropole Osaka arbeitete er zunächst als Vermittler zwischen deutschen und japanischen Händlern – unter anderem für einen japanischen Importeur von HABA-Spielwaren!

Berufliches Interesse am elterlichen Betrieb stellte sich erst ein, als er es dort im Lager mit den HABA-Produkten zu tun bekam – und sie auf einmal mit anderen Augen sah: »Das sind ja eigentlich total schöne Sachen!« Als er mit seiner Partnerin zurück nach Deutschland zog, reifte der Wunsch, bei HABA einzusteigen und sich Japan als Vertriebsschwerpunkt zuzuwenden. Inzwischen ist er ein Experte für den japanischen Markt und die dortigen Geschäftsverhältnisse und Etikette. Der Anfang gestaltete sich jedoch schwierig. »Anfangs sind meine Frau und ich tatsächlich mit dem Rollköfferchen und Prospekten überall herumgelaufen und haben angeklopft.« Auch waren die aus Deutschland eingekauften Produkte nur an wenigen Orten innerhalb des Landes teuer zu erstehen. Nach der Geburt seines Sohnes zog das Paar wieder nach Japan und baute dort eine HABA-Niederlassung auf. Der Einstieg ins traditionell geprägte, strenger reglementierte japanische Geschäftsleben klappte nicht zuletzt dank seiner Partnerin Kuriko, die zwischen ihm und ihren Landesgenossen vermittelte. Mit dem Lesen und Schreiben der japanischen Schriftzeichen tut Volker Habermaaß sich heute immer noch ein wenig schwer. »Ich werde auch nie ein echter Japaner«, sagt er lachend. »Man soll dort den Kopf unten halten und sich anpassen. Ich glaube jedoch nicht, dass das der richtige Weg ist – jeder ist doch ein freier Mensch und sollte seine Ecken und Kanten behalten. Ich bin, wie ich bin, und so trete ich auch auf.« Die Liebe, die ihn nach all den Jahren mit dem Land der aufgehenden Sonne verbindet, ist jedoch weiter gewachsen, auch wenn er HABA Japan inzwischen hauptsächlich von Deutschland aus leitet, denn zusammen mit seiner Familie wohnt er wieder in Bad Rodach.

Der Rabe vom Obstgarten-Spiel ist frech, auch in der japanischen Version des Spiels.

Japanische Gäste auf der Spielwaren-Messe in Nürnberg, 1958.

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Der Modernisierungsprozess ist nie abgeschlossen Der Geschäftsleiter IT/Organisation, Roland Wimmer, über die ständige Herausforderung Der IT-Bereich ist essentiell – ohne IT-Unterstützung kann keine Abteilung mehr effizient arbeiten. Die rasante Entwicklung der Firma in den letzten Jahrzehnten, neue Geschäftsfelder wie das Internet und die Öffnung für internationale Märkte stellten die IT-Organisationsabteilung immer wieder vor neue Herausforderungen. »Viele Mitarbeiter haben diese Entwicklung der IT in den letzten Jahren hautnah miterlebt. Vor allem die, die seit Jahrzehnten mit dabei sind, mussten sich permanent dem Veränderungsprozess anpassen. Gleiche Tätigkeiten in den verschiedensten Fachabteilungen werden heute durch IT-Unterstützung ganz anders umgesetzt. Beispielsweise hat sich unsere Katalogproduktion in den letzten 20 Jahren vom Klebelayout zur rein digitalen Erstellung gewandelt.« Roland Wimmer, gebürtiger Rodacher, kam zu einer Zeit

zu HABA, als die ersten EDV Systeme im Unternehmen bereits vorhanden waren. Klaus Habermaaß und Helmut Siegmund, der damalige EDV-Leiter, sahen das Potential der EDV für die Zukunft und wollten deren Ausbau weiter vorantreiben. »Ich war als Trainee erst seit kurzer Zeit im Unternehmen, als Herr Siegmund auf mich zukam und sagte: ›EDV, das wär‘ doch was für dich!‹ Da ich während meines BWL-Studiums auch Datenverarbeitung als einen Schwerpunkt hatte, reizte mich die neue Aufgabe, diesen Bereich im Unternehmen weiter auf- und auszubauen.« Spannend waren die Anfänge der EDV definitiv. »Networking war schon damals das A und O, morgens auf dem Weg zur Arbeit oder abends in der Kneipe haben wir eifrig diskutiert. Wir betraten schließlich weitestgehend Neuland, und für mich war es die erste

Bewährungsprobe. Ich hatte Glück, denn der neue Bereich bot mir von Anfang an die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Eine meiner ersten Investitionen war die Anschaffung einer Anlagenbuchhaltungssoftware, die uns von einem IT-Kollegen einer befreundeten Firma für ein Frühstück und einen Kasten Bier überlassen wurde! Heutzutage zahlt man dafür durchaus fünf- bis sechsstellige Beträge.« »Ein bisschen wehmütig denke ich an die Zeit zurück, als der erste PC gekauft wurde. Heute werden die damaligen Leistungsdaten dieses PCs von jedem Smartphone weit übertroffen. 1988 hat er knapp 80.000,- DM gekostet, das war ein Riesengerät, mit einem 12-Zoll-Farbbildschirm, 10 MB Festplatte, und er war so schwer, dass der Tisch mit einer Platte verstärkt werden musste. Wenn der im Winter

lief, ersetzte er auch die Heizung, soviel Wärme gab er ab. Und heute geht man zu Aldi und kauft sich ein wesentlich luxuriöseres Gerät für 300,- €.« Als Chef eines großen Bereichs wie der IT nimmt Herr Wimmer in seiner täglichen Arbeit das veränderte Geschäftsklima wahr. »Früher wusste ich genau, was in jedem Bereich passiert, heute muss ich meine Leute fragen, es gibt für viele Aufgaben Spezialisten, auf deren Zuarbeit ich angewiesen bin und denen ich vertrauen muss. Das ist schwer, wenn man aus einer kleinen, überschaubaren Struktur kommt.« Das Familiäre bei HABA hat er immer sehr geschätzt. »Dass man sich nach Feierabend getroffen hat, gemeinsam etwas unternommen hat – dieser engere persönliche Kontakt ist leider teilweise auf der Strecke geblieben. Vor 10 oder 15 Jahren war es noch anders, heute ist die Abteilung größer, die Arbeitsbelastung eine

andere, auch sind die Interessen unterschiedlicher und nach einem anstrengenden Arbeitstag hat man auch einfach keine Lust mehr, sich abends spontan zu treffen.« Nun stehen wieder einmal große Veränderungen für seinen Bereich an, denn HABA steckt mitten in einer Umgestaltung der gesamten IT-Landschaft. Standardisieren, konsolidieren, die IT zukunftsfähig gestalten – das sind die Triebfedern der Umgestaltung. In der Wachstumsphase der letzten 15 Jahre lag das Hauptaugenmerk der IT-/Organisation darauf, die Systeme stabil zu halten und die gesteigerten Anforderungen abzubilden. Zeit für Neues war da nicht. »Trotz aller Verbesserungen passte letztendlich unsere IT nicht mehr zu uns. Renoviert wurde schon immer, stückchenweise (bildlich gesprochen) ein neuer Balkon oder Erker an der Software angebaut. Die Programme wurden

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dadurch schwerfälliger, die Umsetzung von notwendigen Änderungen dauerte immer länger, die gesamte Landschaft ist fast nicht mehr wartbar. Vieles hängt an einzelnen Mitarbeitern, die mit ihrem Wissen das ganze System aufrechterhalten.« »Renovieren, restaurieren oder komplett neu gestalten?« Der Beantwortung dieser Frage ging ein längerer Entscheidungsprozess voraus. Mit Unterstützung externer Fachleute wurde gesucht, begutachtet, diskutiert. Neue Herausforderungen, die Internationalisierung, zukünftig leichte Haftbarkeit, Wissen vom »Markt« holen – all dies waren Anforderungen an das zukünftige System. Am Ende dieser Findungsphase fiel die Entscheidung auf die Einführung einer Lösung, die sich in vielen anderen Firmen bereits bewährt hat. Microsoft Dynamics AX ist der Name der ERP-Softwarelösung, die wir in den kommenden Jahren einführen.«

Hintergrund: Das Bestellwesen läuft über das neue ERP-System.

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»Wir müssen gewappnet sein«“ Bernd Kiesewetter, Geschäftsleiter von Wehrfritz, über Zukunftsperspektiven

Mit Spezialkatalogen und einem breiten Sortiment für die Bereiche Altenpflege und Therapie will Wehrfritz den Alltag von hochbetagten, pflegebedürftigen und körperlich oder geistig beeinträchtigten Menschen erleichtern.

Das Motorikspiel ›Schnapp den Wurm‹ von Wehrfritz trainiert spielerisch genaues Schauen, Zuordnen und die Fingergeschicklichkeit. Das Spiel ist für Kinder sowie für geistig beeinträchtige Menschen jedes Alters geeignet

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Bernd Kiesewetter kam im Jahre 1973 zu Wehrfritz. Nach Stationen im Innen- und Außendienst wurde er 1999 Vertriebsleiter von Wehrfritz und ist heute im selben Unternehmen Geschäftsleiter. Als Ausstatter von öffentlichen sozialen Einrichtungen wie Kindergärten, Krippen und Schulen ist Wehrfritz in besonderem Maße von familienpolitischen Entwicklungen abhängig. Programme wie die Förderung von Ganztagsschulen und der Krippenplatzausbau bescherten Wehrfritz in den letzten Jahren ein kontinuierliches Wachstum. »Heute haben wir doppelt so viel Umsatz wie vor 6 Jahren. Wenn 2014 das Programm für Krippenplätze ausläuft, müssen wir gewappnet sein«, warnt Kiesewetter und blickt – nicht ohne Sorge – auf die derzeitige bildungs- und familienpolitische Debatte. »Wir hoffen jetzt, dass sich bei den Kindergärten, die eigentlich seit 10 Jahren vernachlässigt wurden, hinsichtlich der Förderung etwas tut. Die Frühförderung von ganz kleinen Kindern hat neue Märkte geschaffen. Die Grundlage für den späteren Schul- und Berufserfolg beginnt praktisch mit der Geburt und die ersten drei Jahre sind in Sachen Bildung sehr wichtig. Schon die Krippen sind also Bildungshäuser. Die Kinderkrippe soll nach den neuesten Erkenntnissen wichtige Grundlagen für die Bildung legen, beispielsweise in der Motorik. Mit einem umfangreichen und eben auch mit Hilfe von externen Pädagogen zusammengestellten Sortiment unterstützt Wehrfritz dieses Ziel. Wir hoffen natürlich, dass es eine neue didaktische Welle gibt, wie schon in den Siebzigerjahren, als der Kindergarten als Bildungseinrichtung anerkannt wurde. Dazu muss sich aber auch die Situation und vor allem die Ausbildung für Erzieher(innen) ändern. Die Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland fühlen sich benachteiligt«, so Kiesewetter. Das Zuhören bei den Kunden brachte immer wieder Innovationen und so konnte sich Wehrfritz erfolgreich auf dem Markt behaupten. Viele Länder werden bereits über HABA mit dem Wehrfritz-Sortiment bedient. Die Expansion ins Ausland wie z.B. mit der Einrichtung der Wehrfritz-Niederlassung in Polen sieht Kiesewetter als notwendige Entwicklung für Wehrfritz. »Wehrfritz wird sich auch weiterhin bemühen, über Partner innovative Wehrfritz-Produkte im mittel- und osteuropäischen Raum anzubieten.«

Das Gebäude der project GmbH in Eisleben, die seit 2009 zur HABA-Firmenfamilie gehört.

Genauso wie HABA wird sich auch Wehrfritz dem demografischen Wandel der Gesellschaft stellen müssen. Die größte Zukunftschance liegt darin, neben der Unterstützung für Kinder verstärkt Hilfen für ältere Menschen anzubieten. »Seit etwa 10 Jahren bieten wir mit unserer Abteilung ›Miteinander leben‹ Produkte für Therapie und Altenheime an. Momentan kaufen ungefähr 35 % der Altenheime bei Wehrfritz. Das ist auf jeden Fall ausbaufähig.« Betroffenen und Angehörigen von Pflegebedürftigen das Leben zu erleichtern, dieser Aufgabe wird sich Wehrfritz also mehr und mehr widmen, auch wenn das Kindergarten-Programm im Mittelpunkt steht. »Bereits jetzt gehören zu unserem Sortiment viele nützliche Produkte für den Alltag, z.B. unser ›Manufit‹ für Menschen, die in ihrer Motorik eingeschränkt sind. Solche Produkte sind gefragt«, berichtet Kiesewetter. Anders als im Kindergarten-Bereich wird Wehrfritz aber nicht die gesamte Ausstattung übernehmen, sondern nur spezielle Einzelprodukte anbieten. Das Thema Betreuung von Angehörigen in der Familie wird in den nächsten Jahren ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Ein Katalog für Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause betreuen, ist ein logischer Schritt in die Zukunft.

Seit einigen Jahren beobachtet Wehrfritz das Ausland auch noch unter einem anderen Gesichtspunkt genauer. »Bei der Suche nach Ideen für neue Produkte schauen wir stärker ins Ausland als bisher. Mit offenen Augen durch die Welt gehen, dann kriegt man oft die besten Ideen.«

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„Unsere Kernkompetenz ist die Produktentwicklung“ Geschäftsführer Harald Grosch über die Zukunft des Unternehmens

Als Klaus Habermaaß gefragt wurde, welcher zurückliegende Moment für ihn perfekt gewesen sei, antwortete er, darüber habe er nie nachgedacht. Statt über die Vergangenheit zu sinnieren, sei er immer vollauf damit beschäftigt, in die Zukunft zu denken. Eine klare Zukunftsstrategie und eine Vision zwischen Ambition und Machbarkeit seien für ein erfolgreiches Unternehmen unverzichtbar – sonst werde es schnell überholt von der Konkurrenz. Damit formulierte er ein wichtiges Grundprinzip erfolgreichen Unternehmerdenkens. Harald Grosch, seit 1978 im Unternehmen, teilt diese Einsicht voll und ganz. Grosch hat die Zukunft im Blick, das gehört zu seinen Aufgaben. Die Herausforderungen, die HABA in den

nächsten Jahren bevorstehen, analysiert er klar: »Wir gehen davon aus, dass wir die bisherige Strategie weiterführen können, angepasst an die sich verändernden Gegebenheiten auf den Märkten.« Ganz konkret definiert er als Unternehmensziel das Generieren von Wachstum. Unsere sozial-unternehmerische Verantwortung ist es, Jobs zu schaffen.« Ein moderates Wachstum muss erzeugt werden, um Arbeitsplätze zu sichern – es ist also auch eine Frage der sozialen Verantwortung. »Das erreichen wir«, so erklärt Harald Grosch weiter, »mit einem einzigartigen Programm, gültig für alle Betriebsbereiche: Die Produktentwicklung ist und bleibt die Kernkompetenz des Unternehmens. Ziel ist es, 80 % des Umsatzes mit selbs-

Harald Grosch avanciert 1995 zur ›rechten Hand‹ des Chefs.

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tentwickelten Produkten zu erzielen und diese Produkte im Multichannel-Verfahren über die eigenen Vertriebswege zu vertreiben.« So bleibt der Produzent und Händler HABA immer eng in Verbindung mit den Kunden. Diese Strategie birgt natürlich auch Risiken; so muss ein Unternehmen wie HABA ganz nebenbei Vertriebsstrukturen schaffen und erhalten, während Konkurrenten wie Amazon oder Zalando sich sozusagen hauptberuflich genau darauf konzentrieren können. »Die Onlineanbieter haben nur zwei Kompetenzen, und das sind IT und Logistik - diese beiden Kernkompetenzen sind allerdings nicht zu unterschätzen«, so Grosch. Die Herausforderung für HABA ist also, im Wettbewerb mit diesen in den Bereichen Onlinehandel und Logistik hochspezialisierten Marktgrößen zu bestehen. HABA ist ein mittelständisches Unternehmen, Amazon ein Weltkonzern – keine harmlose Konkurrenz also. Eine weitere Herausforderung sieht Harald Grosch in dem Willen der Firma, keine qualitativen Zugeständnisse an den Markt zu machen, sondern weiterhin qualitativ auf höchstem Niveau zu produzieren, und das erfolgreich. Der Spielzeugmarkt unterliegt einem harten, globalen Preiskampf – eine weitere Herausforderung, der HABA sich immer wieder von neuem stellen muss. »Ist der Kunde weiterhin bereit, für gute Produkte etwas mehr zu zahlen?«

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Die gegenwärtige Marktentwicklung macht es für Hersteller hochwertiger Produkte nicht eben leichter. »Der Einzelhandel verändert sich, und eine Hochpreispolitik ist im Onlinehandel schwerer durchzuhalten.« Die Konzentration auf die firmeneigenen Vertriebswege verschafft dem Unternehmen also zumindest in dieser Hinsicht etwas Luft, denn so kann HABA zumindest die Handelsmargen überschaubar halten. Außerdem war man schon immer sehr darauf bedacht, Abhängigkeiten von allzu großen Kunden und Auftraggebern zu vermeiden. Die vertriebliche Unabhängigkeit folgt diesem Prinzip. Ein weiteres wichtiges Prinzip der Firmenentwicklung war und ist die Vollständigkeit des Angebots. Von der Mode für Schwangere bis zum Babybedarf, vom Baby übers Kleinkind, von der Krippe bis zum Kindergarten – die HABA-Firmenfamilie möchte ihren Kunden ein möglichst umfassendes Angebot an Produkten und Leistungen bieten. So unterschiedlich die verschiedenen Bereiche der Firmenfamilie auch sein mögen, sie alle vereint eine besondere Philosophie, ein ambitioniertes Konzept. »JAKO-O hat zum Beispiel einen sehr praktischen Ansatz: Qualität, z.B. Waschbarkeit der Stoffe etc. Bei HABA ist es die Gesamtheit schöner Produkte, farbliche Abstimmung, pädagogischer Nutzen. Bei Wehrfritz ist es die Gesamtheit,

Anlässlich der fünfzigjährigen Betriebszugehörigkeit bekommt Klaus Habermaaß einen Blumenstrauß vom zweiten Geschäftsführer Harald Grosch.

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auch das Umsetzen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse wie zum Beispiel mit dem Möbelprogramm ›move upp‹ für den Bewegungsdrang der Kinder. Deshalb haben wir uns beispielsweise auch an der Firma project GmbH beteiligt, um uns im Bildungsbereich weiterzuentwickeln.« Dass die Rolle des Spieleerfinders und pädagogischen Vorreiters auch Nachteile mit sich bringt, liegt auf der Hand: »Wenn wir etwas entwickeln, macht es ein Wettbewerber nach, aber nur wir haben die Entwicklungskosten. Die Konkurrenz schaut das dann nur ab. Aber ich denke immer, VW hat den Golf auch erfunden, und der läuft immer noch!«

Wandel

Die Umsatzentwicklung von HABA und Wehrfritz aus dem Jahre 1962 auf Millimeterpapier gezeichnet.

Wer im Konkurrenzkampf überleben möchte, muss nicht nur gut sein, sondern auch schnell. »Deshalb investieren wir in IT – wir haben ein neues Produkt-Informationsmanagement-System, damit verwalten wir Bilder, Texte, Videos etc. Das ist verbunden mit einem System der Warenwirtschaft, das die kaufmännischen Prozessabwicklungen beschleunigt. Dies gilt ebenfalls für unsere Onlineplattform und den gesamten ›e-commerce‹. Wir haben diese ganze IT-Kompetenz nach Rodach geholt, um schnell Anpassungen realisieren zu können, sobald sie nötig sind. Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, schnell zu sein – Schnelligkeit ist ein Schlüssel zur Weiterentwicklung des Unternehmens.« Wandel, maßvolles Wachstum und eine sinnvoll gesteuerte Expansion werden die nächsten Jahre bestimmen. Der Standort Bad Rodach steht dabei nicht zur Debatte, darin sind sich alle einig. »Die Füße in Bad Rodach, die Augen in aller Welt.«

Internationalisierung Für andere Märkte, die HABA erschließen möchte, ist allerdings auch größere Flexibilität beim Produktionsstandort notwendig: »Wir können nicht planen, dass wir hier in Bad Rodach den weltweiten Geschmack treffen. Deshalb haben wir auch die Niederlassung in Hongkong gegründet. Wir lassen in anderen Ländern auch Produkte von dortigen Designbüros entwickeln, die mit der lokalen Kultur vertraut sind. Es ist eben Teil der Internationalisierung, nicht alles von Rodach aus zu denken.« Konkret heißt das, vom Bedarf und von der Perspektive des jeweiligen Landes auszugehen. »Wir haben zum Beispiel Kindergärten in China angeschaut; man muss die Menschen kennenlernen und offen sein, sich kundig machen.« Andere Denkweisen sind gefordert: »Wir hatten auch schon indische Designer hier, Frau Frömelt wiederum war in Indien und hat dort Workshops besucht. Ein Designer aus Mexiko war ebenfalls

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schon zu Besuch in Bad Rodach – er hatte einen ganz anderen Ansatz, hochinteressant! Aus diesen Erkenntnissen müssen wir Zukunftsideen entwickeln.« Diese Offenheit betrachtet Grosch als unverzichtbar, denn »sonst wird man von den anderen überrollt«. Neben einer grundsätzlichen Offenheit nennt Grosch ein geschicktes Timing als Voraussetzung einer erfolgreichen Expansion. »Man sollte nicht unbedingt bei den Allerersten dabei sein, aber man darf eben auch nicht zu spät sein.« Natürlich sind auch Misserfolge unvermeidbar. So erwiesen sich die USA für HABA als äußerst schwieriger Markt. Doch Misserfolge gehören dazu, das weiß auch Harald Grosch. »Wir sind in einem Veränderungsprozess, müssen neue Strategien entwickeln.« Aber seine Strategie ist eine langfristige. Man muss Kontakte pflegen, andere Länder verstehen lernen und gleichzeitig »dort Leute für langfristiges Qualitätsdenken begeistern«.

Qualität Qualität ist letztlich der Schlüssel zum langfristigen Erfolg. Für ein Unternehmen wie HABA erfordert das, permanent Schritt zu halten mit der pädagogischen Entwicklung. »Netzwerke sind enorm wichtig, um am Lauf der Zeit dranzubleiben. Persönlichkeiten

wie Prof. Dr. Spitzer zu gewinnen und seine Ideen einzubinden. Ganz aktuell die Diskussion um das Thema Inklusion. Wie integriert man behinderte Kinder in den Schulen? Solche gesellschaftlichen Entwicklungen muss man aufgreifen, wenn man Kompetenz beweisen will.« Erfolgsmodelle lassen sich außerdem nicht einfach eins zu eins übertragen. Was in Deutschland funktioniert, weil es den Bedarf genau trifft, liegt schon in den Nachbarländern knapp daneben. Auch die Strukturen sind natürlich in jedem Land spezifisch. »Deutschland ist mehr kindergartenlastig. In Frankreich zum Beispiel gibt es die Krippe schon viel länger. Im Großen und Ganzen ist es in Europa ähnlich, in Asien verhält es sich dagegen natürlich anders.« Zum Qualitätsanspruch HABAs gehört es eben auch, die jeweils ideale Lösung zu finden. »Man kann unser System da nicht einfach überall überstülpen.« Was allerdings durchaus in seiner unveränderten Form als Exportschlager bezeichnet werden kann, ist die deutsche Frühpädagogik: »Die hat weltweit einen sehr guten Ruf.« So muss und wird HABA sich also nicht verbiegen bei dem Anspruch, den eigenen Überzeugungen und Ansprüchen treu zu bleiben und dennoch für jede Kultur das Passende zu entwickeln.

Die Umsatzentwicklung der letzten 10 Jahre zeigt eine kontinuierliche Steigerung.

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»Damals sah es in Rodach noch aus wie kurz nach dem Krieg« Der ehemalige technische Betriebsleiter Rolf Sievers blickt zurück

Möbel-Entwürfe aus den Sechzigerjahren von Winfried Schaaf, Dozent an der Meisterschule für das gestaltende Handwerk Hildesheim.

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Als er als junger Holz- und Betriebstechniker im Jahr 1967 zum ersten Mal aus Niedersachsen nach Rodach kam, erschien ihm der Ort wie aus der Zeit gefallen: »Vom Aussehen her war es wie kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Es war ja von drei Seiten eingegrenzt durch die ›Zone‹, und die Einschusslöcher waren noch in den Häusern zu sehen – wirklich gewöhnungsbedürftig.« Doch auch Rolf Sievers war gekommen, um zu bleiben, nicht anders als viele altgediente HABA-Mitarbeiter von auswärts. Seine Freunde hätten seinerzeit geunkt, er werde es keine zwei Jahre im Zonenrandgebiet aushalten, erinnert sich der Pensionär. »Ich bin trotzdem hier hängengeblieben.« Heute kann er auf ein jahrzehntelanges und ereignisreiches Berufsleben als technischer Leiter bei HABA zurückblicken. Doch in gewisser Weise erfüllte sich die Prophezeiung dennoch: Knapp zwei Jahrzehnte lang war Sievers vor allem unterwegs – im Auftrag der Habermaaß-Firmenfamilie. Besonders in den USA verbrachte er viel Zeit - es galt, das amerikanische Tochterunternehmen in den Achtzigerjahren mit aufzubauen. Zu verdanken hatte Sievers das »Jobangebot« bei HABA seinem ehemaligen Dozenten Herrn Scharf an der Hildesheimer Hochschule; Klaus Habermaaß hatte diesen kurz zuvor als Möbeldesigner für Wehrfritz engagiert. Damals kümmerte sich Juniorchef Habermaaß hauptsächlich selbst um die Technik im Unternehmen und benötigte Unterstützung. Scharf empfahl seinen ehemaligen Studenten, »und da hab ich mich natürlich vorgestellt.« Sievers’ Stelle als technischer Leiter erwies sich als attraktiv: Wegen der abwechslungsreichen Tätigkeit – und vor allem wegen der vielen Gestaltungsmöglichkeiten. Klaus Habermaaß hatte jemanden gesucht, der die Umstellung des Unternehmens vom Handwerksbetrieb zu einem Industriebetrieb bewerkstelligen konnte – was unter Sievers’ Leitung umgesetzt wurde. Aber nicht nur rein technische Belange gehörten zu seinem Aufgabenfeld: »Man musste ja alles machen.« Das fing bei den Grundlagen der Betriebsabrechnung an – die Erstellung eines akkuraten Zahlenwerks war eine der ersten Aufgaben– und hörte beim Einkauf neuer Maschinen noch lange nicht auf. Als eine der ersten Maßnahmen ließ Sievers die damaligen Betriebsgebäude vermessen und legte Grundrisse an, wofür er eigens ein riesiges Zeichenbrett bekam. Damit konnte die Neuplanung der Produktionsanlagen beginnen. Die ersten der neuen Trommel-Anlagen zeichnete er sogar noch selbst; sie ist bis heute in Betrieb. Später war er auch für den Kauf neuer Maschinen verantwortlich, doch am Anfang seiner Tätigkeit war im Unternehmen Eigeninitiative durchaus noch nicht selbstverständlich. Er erinnert sich, wie Mitarbeiter ihn einmal davor warnten, ohne Absprache mit dem temperamentvollen Juniorchef ein Neugerät zu bestellen. Sievers, erst wenige Monate im Unternehmen, hatte sich beim Auswechseln von Leuchtstoffröhren an einem vom Betriebselektriker

»selbstgebastelten« Vervielfältigungsgerät für technische Pläne verletzt. Kurzerhand beschloss er, den unfallträchtigen Apparat auf eigene Verantwortung – Klaus Habermaaß war abwesend – durch ein Neugerät zu ersetzen. Sievers’ Mitarbeiter reagierten bestürzt: »Das hat noch nie einer gemacht – etwas selber bestellt. Du wirst bestimmt entlassen.« Und tatsächlich: Als das Gerät schließlich eintraf, war der Chef zunächst irritiert. Doch Habermaaß hörte sich Sievers’ Erklärung zu den Umständen und zum Unfallrisiko an. »Dann kam er auf mich zu und meinte: ›Endlich mal einer, der eine Entscheidung trifft.‹« Im damals noch kleinen Unternehmen kannte man sich, schließlich waren die Wege kurz. Seinerzeit hatte Sievers sein Büro im Untergeschoss des Altbaus, in dessen Obergeschoss auch Firmenchefin Luise Habermaaß saß, sein direkter Büronachbar war Klaus Habermaaß. Sievers erinnert sich, dass Frau Habermaaß es sich damals nicht nehmen ließ, beim Versand für Wehrfritz noch selbst anzupacken. »Damals musste jeder alles machen, musste letzten Endes auch alles können.« Und Sievers selbst engagierte sich überall für Verbesserungen. Durch von ihm eingeführte Innovationen konnte das Unternehmen an vielen Stellen rationeller produzieren. So kehrte er beispielsweise bei der Spritzlackierung der Wehrfritz-Möbel die Arbeitsschritte um: Waren sie zuvor im zusammengeleimten Zustand gespritzt worden, ließ er nun als Erstes die Einzelteile lackieren, erst danach wurden diese verleimt. Im Ergebnis eine dreißigprozentige Verbesserung im Preis: »Das sind so Meilensteine in der Entwicklung«, konstatiert er zufrieden. Und auf eines ist er bis heute stolz: Dass eine Abordnung von »Quelle« zu HABA kam, um sich die neue Versandanlage vorführen zu lassen. Vor allem aber war das Rodacher Unternehmen schon früh in der Umwelttechnik führend. Sievers erinnert sich, wie er vor Jahren einmal in Bamberg Seminare zum Thema Umwelttechnik besuchte: »Da haben sie erzählt, was man alles machen kann. Ich sagte: ›Du, das haben wir schon!‹« Schon allein aus wirtschaftlichen Gründen wurden Energie und Ressourcen wo immer möglich eingespart. Im Rückblick bewertet Sievers seine Tätigkeit als äußerst abwechslungsreich – »wenn ein Projekt so weit war, dass es laufen gelernt hat, habe ich es an den nächsten Mitarbeiter weitergegeben und dann das Nächste angefangen, dadurch war es dann immer wieder interessant.« Besonders spannend waren die ersten Schritte HABAs in den USA, bei denen Sievers ebenfalls involviert war: Als die Firma im Jahr 1980 den kleinen Handwerksbetrieb Skaneateles Handicrafters übernahm, plante Sievers die neuen Betriebsanlagen am amerikanischen Standort und begleitete den Aufbau. Er erinnert sich an die schwierige Suche nach einem geeigneten Gelände und daran, dass er am Abend vor der Kaufentscheidung noch schnell aktuelle Pläne zeichnen musste –

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T.C. Timber Das Jahr 1980 setzte

im Bundesstaat New

HABA einen Meilen-

York Holzspielwaren

stein: Mit der Über-

wie Schienen, Tunnels

nahme der New Yorker

und Brücken für die

Firma Skaneateles

Eisenbahn, aber auch

Handicrafters wagte

Autos, Hochhäuser,

das Unternehmen

menschliche Figuren

den Sprung über den

und Tiere her. Diese

großen Teich.

waren verhältnismäßig

1938 von Marshal

teuer und wurden in

Larrabee gegründet,

erster Linie von spezi-

hatte sich Skanea-

alisierten Spielwaren-

teles Handicrafters

läden verkauft.

auf Holzeisenbahnen

2002 verlegte man die

spezialisiert. Larra-

Fertigung der Produk-

bee hatte die ersten

te nach Deutschland,

Modelle auf Anregung

mittlerweile wird in

seiner Frau entwickelt,

den Vereinigten Staa-

als es aus gesundheit-

ten aber die gesamte

lichen Gründen viel

HABA-Produktpalette

Zeit totzuschlagen

unter dem Namen

galt. Er produzierte sie

HABA USA vertrieben.

noch vor dem Sieges-

Die amerikanischen

zug der schwedischen

Hauptkunden sind

Brio-Bahnen – mit

Spielwarenfachhändler

großem Erfolg bei

und vorschulische

Eltern, Kindern und

Einrichtungen.

Erziehern. 1941 erhielt

Die Holzzüge aus

er sogar das amerika-

den USA aber sind

nische Patent für seine

heute beinahe schon

kleinen Eisenbahnen,

Kult; Sammler und

die er zeitweise auch

Nostalgiker reißen sich

unter dem Namen

um die unbemalten

»Playskool« vertrieb.

Originalexemplare

Dies war ein Produkti-

aus den 30er und 40er

onsschwerpunkt, dem

Jahren!

sich HABA anschloss – vor allem, da die Bahnen perfekt zu dem Anspruch von HABA passten, durch möglichst schlicht gehaltenes Spielzeug die kindliche Phantasie anzuregen. Nach der Übernahme durch HABA umbenannt in T.C. Timber, stellte das Unternehmen

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während Klaus Habermaaß sowie dessen mitreisender Schwager, Herr Schöpf, und der Wirtschaftsprüfer Herr Hoffmann schon in der Hotelbar saßen. Amüsiert erinnert er sich an die »goldenen Schaufeln« bei der Grundsteinlegung. Beim Bau der Werkshallen gab es dann wieder andere Herausforderungen – von den anfänglichen Sprachschwierigkeiten (»Ich hatte 20 Jahre lang kein Englisch mehr gesprochen«) bis hin zu den ungewohnten Gepflogenheiten der amerikanischen Baufirmen: »Die Amerikaner planen so einen Bau erst vollkommen durch bis zum Ende, und dann muss man unterschreiben, dass man es so haben will – jede Änderung kostet extra. Die wollten also nicht nur wissen, wohin die einzelnen Baukörper sollten, sondern wo welche Steckdose hinkam. Aber ich wusste noch nicht einmal, welche Maschinen ich kriege!« Nachdem die Produktion in den USA angelaufen war, schloss die mittlerweile in »T. C. Timber« umbenannte Firma wichtige Lizenzverträge – unter anderem mit der Gesellschaft, die das Vermächtnis des berühmten amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright verwaltet. Unter deren Lizenz stellte die amerikanische HABA-Tochter Bausteine her, die von den Bauten des Stararchitekten inspiriert waren, und vermarktete sie. Denn der Schöpfer des Guggenheim-Museums in New York hatte als Kind mit den pädagogisch wertvollen Fröbel-Bausteinen gespielt und erklärt: »Ohne die Fröbel-Bausteine wäre ich kein Architekt geworden.« Für Sievers ein Beleg dafür, dass gerade einfaches Holzspielzeug die menschliche Kreativität anregt – und so als Spielzeug durchaus auch für eine nachwachsende »Computer-Generation« interessant ist. Sievers’ Beobachtung: Nicht bloß Kleinkinder spielen damit, sondern auch ältere Kinder beziehen Holzbausteine ganz selbstverständlich in ihre Spiele ein: »Wenn Mädchen mit Barbie gespielt haben, haben sie die Bausteine genommen und ihre Puppenhäuser damit gebaut. Der Baustein wurde eben immer weiterverwendet.« Er sieht im einfachen geometrischen Baustein die meisten Möglichkeiten – bis hin zum

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Eine kleine Betriebsführung

Trockenkammer

Klappsäge: Rohe Bretter werden auf Länge geschnitten.

Mehrblattkreissäge: Rohzuschnitt auf Breite.

Vierseithobelmaschine

Drehautomat

Profillager

Hobelmesser

CNC-Fräse

Die Bohrmaschine für die Spielwaren

Der Roboter bohrt und fräst

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Einsatz als Lehrmittel: »Das geht letzten Endes auch dahin, dass Mathematik damit gelehrt werden kann. Denn ein Würfel ist eine Einheit, und zwei Würfel sind schon eine kleine Säule. Wenn man die Würfel teilt, hat man Dreiecke, und da sind wir schon bei der Geometrie.« Aber, so seine Erfahrung, gerade der schlichte Baustein mit den vielfältigen Möglichkeiten erfordert das umfassendste und deutlichste Marketing – sonst ist er zu abstrakt für den Verbraucher. Auch Spiele müssen möglichst einfach und in weniger als fünf Minuten erklärbar sein; sein Marketing-Credo aus den USA lautet: »Don’t let them think« – zu viel Nachdenken darf man dem Verbraucher nicht abverlangen. Anwendungsmöglichkeiten müssen konkret und einfach sein, denn komplexe Anleitungen haben in einer schnelllebigen Gesellschaft keine Chance: »Der Verbraucher will ruck, zuck die Erklärung und die Lösung wissen.« Inspiriert vom Designer George Rhoads wurde erfolgreich Zubehör entwickelt, als der Baustein-Absatz in den USA stagnierte: Damit konnten Parcours aus Gängen und Röhren für Metallkugeln gebaut werden. Den »universalen« Bausteinen wurde durch die Bausätze eine konkrete Spielidee hinzugefügt – der Umsatz verdreifachte sich. Letztlich aber gab die rigorose Preispolitik einiger amerikanischer Hauptkunden den Ausschlag dafür, den Produktionsstandort im Staat New York zu schließen: »Daraufhin stellten wir 2002 die Fertigung drüben ein und organisierten nur noch die Distribution dort.« Mittlerweile pensioniert, ist Rolf Sievers dem Unternehmen HABA noch immer verbunden. Er erzählt, dass er am Anfang jeden Jahres immer wieder in seine alte Firma zurückkehrt, um am Computer die neuesten Zahlen des Unternehmens zusammenzustellen; denn die braucht er für die Betriebsführungen, die er regelmäßig durchführt: »Und an sich bekomme ich die Zahlen heute schneller als früher, da will man sich keine Blöße geben.«

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Polier-Trommeln

Poliertrog

Tampondruck

Digitaldruck

Poliertrog

Würfelprägemaschine

Spielwarenmontage

Einlegerei Spielwaren

Einlegerei Spieleband

Verschieberegallager

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Eine erfolgreiche Geschichte geht weiter Sabine Habermaaß über die nächste Generation im Unternehmen

Es ist unser Selbstverständnis, dass ein Familienunternehmen auch von einer Familie geführt werden sollte. Aktiv, nah an den Menschen und mit Visionen, die zu einem Unternehmen passen. Seit der Gründung des Unternehmens war das so und so soll es auch für die Zukunft bleiben. Meine Geschwister und ich sind deshalb seit Jahren an verantwortlicher Stelle im Unternehmen tätig – jeder nach seiner Neigung. Im Unternehmen mitzuwirken ist eine Verantwortung, der wir uns gerne stellen. Stets bleibt uns dabei die Verbindung zur Region wichtig – so wie das schon bei unseren Großeltern war und bei unserem Vater heute noch ist. Auch wir sehen in den Menschen aus unserem direkten Umfeld großes Potenzial, das Unternehmen voranzubringen. Selbstverständlich sind wir offen für alle, die von weiter her zu uns kommen, um uns mit ihrem Wissen und ihrer Einstellung zu unterstützen. Seit frühester Kindheit sind wir mit dem Unternehmen verbunden. Damals haben wir es als echtes »Spielparadies« wahrgenommen. Heute haben wir selbst Familie. Mitunter fällt es da schon leichter, für die schönste Zielgruppe der Welt beruflich tätig zu sein. Es ist schön, dass uns bei dieser Arbeit auch noch Mitarbeiter unterstützen, die uns aus Kindertagen kennen. Unser Wunsch und unsere Aufgabe ist es, dieses Unternehmen im bisherigen Geist weiterzuführen: zu expandieren, um Arbeitsplätze nicht nur zu erhalten, sondern auch zu schaffen, und uns der Zeit zu stellen, die heute schon ganz anders ist als vor 10 Jahren. Der Wandel, der sich immer schneller vollzieht, birgt viele Herausforderungen und ebenso viele Chancen und Möglichkeiten.

Wir freuen uns auf eine spannende Zukunft!

Die Familie Habermaaß. Von links nach rechts: Klaus Habermaaß, Volker, Max, Lena, Anna, Sabine und Heike.

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