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Bergeerleben

Poste Italiane SpA · Versand in PA · ges. Dekr. 353/2003 (abgeändert in Ges.27/02/2004 Nr. 46) Art. 1, Komma 1, NE BOZEN – TASSA PAGATA – TAXE PERCUE · Bergeerleben Nr. 5/2019, erscheint 5 x jährlich

DAS MAGAZIN DES ALPENVEREINS SÜDTIROL 0 5 / 19 www.alpenverein.it

75 Jahre Reinhold Messner SCHLERN­ BÖDELE­HÜTTE AVS-Hüttenserie  38

WIR SOLLTEN ALLE IN PANIK VERFALLEN

Die Bedrohung der ­Artenvielfalt durch den ­Menschen  50

PAUL GROHMANN 150 Jahre Besteigung Große Zinne  57

I.R.


23 s t o re s&o nlin e sh opp ing spor tler. com

TO MOUNTAINS

ADDICTED


EINSTIEG

Liebe Leser

Lieber Reinhold

„Wir hören das Credo eines jungen Menschen, der mit brennendem ­Herzen Fragen zu lösen versucht, an denen die Menschen mehr und mehr zerbrechen!“, so das Vorwort von Josl Rampold in Reinhold Messners erstem Buch „Zurück in die Berge“ aus dem Jahr 1970. Reinhold tritt als Mahnender auf und seine Botschaft klingt wie jene der heute 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg an die Mächtigen der Welt.

Deine Erfolge bleiben in mehr als 14 Monumente gemeißelt, deine Abenteuer sind Meilensteine des ­Alpinismus. Willensstärke und Kreati­ vität, Ziele jenseits der Berge und des Horizonts. Markant deine Eloquenz, deine scharfkantigen Urteile.

Reinhold hat in seiner Zeit im AVS viel Positives bewirkt. Trotzdem gab es ­immer wieder Differenzen, die schließlich 1977 zum Austritt aus dem Verein führten. Dass er 1986 als Erster alle 14 Achttausender bestiegen hatte, machte ihn zum erfolgreichsten Berg­ steiger der Welt. Es folgten abenteuerreiche Durchquerungen der Antarktis, Grönlands und sein einsamer Gang durch die Wüste Gobi. Sein Museum auf Schloss Sigmundskron hat der AVS stets unterstützt. Wenn der Alpenverein in seinem 150. Jubiläumsjahr Reinhold Messner zu seinem 75. Geburtstag das Titel­ thema dieser Ausgabe widmet, dann soll dies ein Zeichen der Anerkennung für sein alpines Werk und auch ein Dank dafür sein, dass er uns immer wieder in die richtige Spur geführt hat. Für die Zeit, die noch kommen wird, wünsche ich dir, lieber Reinhold, ­Gesundheit, Erfolg und frohe, erfüllte Tage.

Die Wucht deiner Worte traf auch den Alpenverein. Dennoch widmen wir dir unsere Titelgeschichte, nicht weil du unser Gipfelgott bist, aber weil uns die Berge als Sehnsuchtsort verbinden. Solange sie noch stehen. Berge sind sensible Seismografen des tickenden Erdenwandels. Sie alpinistisch nur ­bespaßen zu wollen, zeugt von Egozentrik in der Falle des Kurzzeit­ denkens. „Die Natur hat immer Recht. Die Fehler machen immer nur wir“, dein Zitat. Umso verbundener sollten wir in derselben Seilschaft gehen, wider monströse Artefakte des Menschen, wider gärende Geschwüre in zerrissener Landschaft, wider pietätlose Vernichtung der Artenvielfalt. Gleichsam als leuchtendes, beispiel­ gebendes Fanal. Eine Seilschaft für ein hoffnungsvolles Morgen. Alles Gute, Reinhold, zu deinem 75. Geburtstag!

Luis Vonmetz

Ingrid Beikircher

AVS-Präsident 1991 – 2009

Redaktionsleitung

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Wer sich seine Träume erfüllen will, muss die Bereitschaft mitbringen, jedem seiner Träume eine Chance zur Verwirklichung zu geben. Reinhold Messner; Buch: „Die großen Wände“, 1977

Foto: Alfred Erardi – Strix Naturfotografen Südtirol


Den Herbst entdecken mit Kindern

68 Foto: Hubert Hilscher, Strix – Naturfotografen Südtirol

Viele Meilensteine gesetzt

Es geht rund!

Gislar Sulzenbacher, seit 35 Jahren Generalist im AVS

Die AVS-Kletterscheibe

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Foto: Archiv AVS

Was unsere Funktionäre bewegt Umfrageergebnisse aus dem Referat Natur & Umwelt

Sterne Über der Grands-CharmozWestwand 56

Uneinigkeit und andere Irrtümer Südtiroler Bergnamen

Wondoluscht Wanderbuch in Reimen

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Herrliches Friaul Foto: AVS-Archiv

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Radtage mit der AVS-Sektion St. Pauls 

Grohmann-Hainz-Führe Neutour an der Großen Zinne

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Bergsteigertipp Achtung auf deine Zähne!

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Tour gesucht? Tour gefunden! Mit der neuen alpenvereinakiv-App  94 Titelfoto: Reinhold Messner im Rahmen des Interviews mit Lenz Koppelstätter Foto: Miriam Federspiel/AVS


INHALT TITELTHEMA KURZ & BÜNDIG8

75 Jahre Reinhold Messner

75 JAHRE REINHOLD MESSNER Reinhold Messner im Interview 10 Die Seilschaft Kammerlander–Messner 16 Messner und das Dolomitenklettern 21 Luis Vonmetz über Reinhold Messner 26 Messner vs. Alpenverein  30

AVS AKTUELL Klettergärten einrichten & sanieren Jugenditalienmeisterschaften 2019 Morderplottn Trad Klettergarten Morderplottn Klettersimulator mittels Kletterscheibe Neuer Mitarbeiter: Stephan Illmer In memoriam: Albert Ploner Hüttenserie: Schlernbödelehütte

32 33 34 35 36 36 37 38

GIPFELGESPRÄCHE 40 Jahre Hüttenwirt: Gottfried Leitgeb AVS-Geschäftsfuhrer: G. Sulzenbacher Bergführer Erwin Steiner Die Bedrohung der Artenvielfalt

40 44 48 50

NATUR & UMWELT Kampagne: #UnsereAlpen Umfrageergebnis aus dem Referat

Foto: Archiv Reinhold Messner

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40 Jahre ­ üttenwirt H Gottfried Leitgeb auf der AVS-Rieserfernerhütte

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KULTUR & CHRONIK Grohmanns goldenes 1869 Südtiroler Bergnamen

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STRIX NATURFOTOGRAFEN Thema: Pilze

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UNTERWEGS Die schönsten Touren in Südtirol 64 Wanderbuch „Wondoluscht“ 66 Den Herbst entdecken mit Kindern 68 Herrliches Friaul: Radtage 71 Wanderwoche Sardinien 74 Wanderwoche Liparische Inseln 76 Grands-Charmoz-Westwand80 Kletterreise nach Jordanien 84

ERSTBEGEHUNGEN Grohmann-Hainz-Führe86 Rosengarten mal drei 88 6 Erstbegehungen 90 Sid lives 91

TIPPS & INFOS Bergsteigertipp: Achtung auf die Zähne 92 alpenvereinaktiv.com94 Produktneuheiten96 AVS-Bücherecke97 Kultbuch/Impressum98

Foto: Gottfried Leitgeb

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Kurz & Bündig

kurz & bündig TAGUNG: Klimawandel in den Alpen

Windwurfschäden (Oktober 2018) im Bannwald im Gemeindegebiet Deutschnofen Foto: Anna Pichler

Am Samstag, 19. Oktober veranstalten AVS und CAI gemeinsam eine Tagung zum Thema Klimawandel in den Alpen. Es referieren: Prof. Georg Kaser von der Universität Innsbruck und interna­ tional anerkannter Glaziologe, Evelyn Kusstatscher vom Naturmuseum ­Bozen, der Landesgeologe Volkmar Mair, die Direktorin der Stiftung Dolomiten UNESCO Marcella Morandini und viele mehr. Es geht um Klimapolitik, die Folgen des Klimawandels im

Hochgebirge, Schutzmaßnahmen usw. Im Anschluss findet eine Diskussionsrunde statt, bei der verschiedene Sichtweisen erörtert werden. Simultanübersetzung dt./ital. Ort: Kongresszentrum Messe Bozen, Bruno-Buozzi-Straße 35; Dauer: 8.30 bis ca. 13 Uhr; Infos und Anmeldung unter: ­segreteria@caicaltoadige.it; 0471 402144.

kleinDORFgeflüster im Bergsteigerdorf Matsch Das Bergsteigerdorf Matsch lockt mit einer grandiosen Natur und Bergwelt. Unverfälscht. Prächtig. Gelassen. ­Wenig Veränderung, wenig Eingriffe. Und doch wird nicht konserviert. Die Matscher lieben ihr Tal und ihr Dorf. Unter dem Motto „schaugn – lousn – koschtn“ lädt das Bergsteigerdorf Matsch mit seinen Vereinen am Samstag, 19. Oktober, von 9.30 bis 18 Uhr zum Genießen und Verweilen ein. Beim Kulturfest „kleinDORFgeflüster“ anlässlich 150 Jahre

Alpenverein in Südtirol lassen sich in den Stadeln verschiedene Besonderheiten des Dorfes erleben: z. B. Krampuslarven schnitzen, ­Patschen filzen oder es können auch vielerlei Gerichte mit zu 100 Prozent Matscher Zutaten gekostet werden. Mit dem Citybus ist Matsch ab Mals im Stundentakt erreichbar. Im AV-Jubiläumsjahr setzt das erste Südtiroler Bergsteigerdorf, eine Initiative der Alpen­vereine, ein klares Zeichen für Regionalität und Nachhaltigkeit. www.bergsteigerdoerfer.org/matsch ◾

Foto: Georg Simeoni

Verdienstmedaille für Sepp Hofer 2018 hat Sepp Hofer aus Lana die ­Auszeichnung erhalten (siehe Bergeerleben 05/18). Abgeholt hat Sepp die Verdienstmedaille in diesem Jahr: Am 15. August 2019 wurden in Innsbruck die Verdienstmedaillen des ­Landes Tirols verliehen. Wir gratulieren herzlich unserem dienstältesten Sektions­vorstand und Ehrenmitglied Sepp ­Hofer zu dieser besonderen ­Ehrung. Foto: Karin Thöni

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Salewa unterstützt Sportkletterer im AVS Seit seinem Bestehen fördert das Referat Sportklettern im Alpenverein das Wettkampfklettern. Vor allem in die Nachwuchsarbeit hat der Alpenverein zuletzt viel Arbeit und Mittel investiert. Die Erfolge sprechen Bände: Über 250 AVS-Jungathleten haben sich allein im vergangenen Jahr an den regionalen Juniorcups beteiligt; und viele haben über die Förderung des Alpenvereins den Sprung in die Erwachsenenklassen geschafft. Einen wichtigen Faktor nimmt in dieser Erfolgsgeschichte der

AVS-Landeskader ein, in dem seit 2011 junge Sportkletterer durch gezieltes Training und gemeinsame Trainings­ camps auf die nationalen und inter­ nationalen Wettbewerbe vorbereitet werden. Die Bergsportmarke Salewa hat kürzlich seine finanzielle und materielle Unterstützung für die Wett­ kampf­kletterer im AVS insbesondere für den Landeskader für die kommenden drei Jahre zugesichert. Gemeinsam hofft man, die AVS-Athleten auf der Siegerstraße zu halten. ◾

Klettern & gewinnen

Nein zur Gletscher­­verbauung Pitztal-Ötztal Der Nutzungs- und Erschließungsdruck auf die letzten alpinen Frei­ räume ist größer denn je; auch bei ­unseren Tiroler Nachbarn. Die Ski­ gebiets­erweiterung Pitztal-Ötztal sieht etwa vor, dass eine Fläche von rund 64 Hektar (ca. 90 Fußballfelder) an wild zerklüfteter Gletscherlandschaft zu Skipisten eingeebnet und planiert wird. Für die Errichtung neuer Gebäude sollen 1,6 Hektar (2 Fußballfelder) an Gletschereis abgetragen werden, für den Bau der Bergstation müsste sogar ein Gipfel weichen. Der Öster­ reichische Alpenverein fordert daher zusammen mit seinen Partnern den Stopp für das geplante Mega-Projekt und kritisiert die ökologische Kurzsichtigkeit der Projektpläne. Mit dem Linken Fernerkogel und den Gletschern Karlesferner, Hängender Ferner und Mittelbergferner würde zugunsten des Massentourismus eine gänzlich ursprüngliche und intakte Hochgebirgslandschaft endgültig zerstört. ◾

Klettere die Jubiläumsroute, hol dir deinen Stempel und mach mit beim Alpenvereins-Gewinnspiel zum Jubi­ läumsjahr! Die grün gekennzeichnete Jubiläumsroute findest du in den 15 AVS-Kletterhallen; sie ist im unteren bis mittleren Schwierigkeitsgrad (ca. 6a) eingerichtet. Nach dem Durchstieg der Route wird dein Routenpass an vorgesehener Stelle abgestempelt.

Die Aktion läuft noch bis 17. November 2019. Den Abschnitt des Routenpasses mit den Kletterhallenstempeln und den persönlichen Daten bitte bis 17. November 2019 in die vorgesehenen Boxen der teilnehmenden Kletterhallen einwerfen! Auf die Teilnehmer warten viele Sachpreise: Mit 5 bis 7 Stempeln kannst du einen von 35 La-Sportiva-Rucksäcken gewinnen;

V. l.: AVS-Präsident Georg Simeoni, AVS-Mitarbeiterin Alexandra Ladurner, Salewa-Mar­ ketingdirektor Thomas Aichner, AVS-Referatsleiter Sportklettern Ernst Scarperi Foto: AVS-Archiv

Foto: ÖAV

Die Naturschutzverbände, darunter der ÖAV, fordern die Integration des Linken Ferner­ kogels in das angrenzende Ruhegebiet ­„Ötztaler Alpen“ Foto: WWF

mit 8 bis 10 Stempeln eines von 20 Mountain-Spirit-Kletterseilen und mit 11 bis 15 Stempeln eines von 25 Sets aus einem Mountain-Spirit-Kletterseil und einem La-Sportiva-Rucksack. Bereits mit einem Stempel nimmst du im Dezember an der Hauptverlosung teil und kannst einen von drei Reisegutscheinen von Vai e Via gewinnen! ◾ Bergeerleben 05/19

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Messner

„Das selbstbestimmte Leben ist mir heilig“ Reinhold Messner und seine Zeit als großartiges Geschenk Zum 75. Geburtstag erinnert sich die Südtiroler Bergsteiger­ legende Reinhold Messner an die Dolomiten seiner Kindheit und an seinen Schicksalsberg, den Nanga Parbat. Er schimpft über den AVS und lobt ihn auch ein wenig. 10

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einhold Messner empfängt im Büro von Sigmundskron, von wo aus der Blick über Täler, ­Berge und das Messner Mountain ­Museum reicht. „Wir haben nur eine Stunde“, sagt Messner und will gleich loslegen. Unten im Garten wartet ein Filmteam, außerdem warten neue Buchprojekte, neue Expeditionen, neue Filme. 75? Für Messner kein Alter, zurückzuschalten.

Herr Messner, schließen Sie die ­Augen, denken Sie zurück an Ihre erste Kindheitsbergerinnerung. Was sehen Sie? Da bin ich in Gedanken im Villnößtal – mit meinen Brüdern. Vor allem mit Günther. Im Sommer verbrachten wir stets einige Wochen auf der Gschnagenhartalm. Von dort aus brachen wir zum Klettern auf. Schon im A ­ lter von fünf Jahren kraxelte ich mit meinem Vater, der bereits seit den 1930er-­


Jahren kletterte, auf den Sass Rigais. Dass ich mein späteres extremes Bergsteigen überlebt habe, verdanke ich diesen frühen Kindserfahrungen in der archaischen Bergwelt der Geisler­ spitzen. Wie war das Klettern damals? Dort, wo wir in den Bergen unterwegs waren, gab es weder Markierungen noch Steige. Wir kletterten mit Hanfseil – ohne Helm. Wir lernten, Maß zu nehmen. Wir lernten zu verstehen, wo die Gefahr ist, wann das Wetter umschlägt. So wuchsen Instinkte in uns, die sich nur in früher Jugend entwickeln können. Wir schauten nach Gämsen, wir suchten bei Regengüssen Schutz unter Bäumen, liefen unter Blitz und Donner zurück zur Alm. Wir setzten uns mit der Natur auseinander. In der Pubertät wurde die Kletterleidenschaft noch einmal stärker.

Schultage versäumt, besagter Lehrer fragte mich, was ich getrieben hätte. Ich sagte ihm, das gehe ihn nichts an. Aus Rache ließ er mich sitzen und zuletzt durch die Matura rasseln. Ich war wütend und schwor mir: Nie mehr im Leben lasse ich mir von jemandem vorschreiben, was ich wie zu tun habe! Die Geburt des Freigeistes und ­­Rebellen Reinhold Messner? Ja. Das selbstbestimmte Leben ist mir heilig. Die Matura habe ich als Privatist nachgeholt. Wann wurde Ihnen das Abenteuer zum Beruf? Seit der Tragödie am Nanga Parbat. Im Himalaja haben mein Bruder Günther und ich erstmals überlegt: Was machen wir danach? Er hatte seinen Job bei der Bank gekündigt, ich war Student: Hoch- und Tiefbau in Padua. Wir überlegten, in Villnöß eine Bergsteiger-

Wie drückte sich diese Leidenschaft aus? Wir erkletterten die großen Dolomitenwände, dann fuhren wir weiter – zu den Westalpenwänden. Ich war 18 Jahre alt, da entdeckten wir, dass es eine europäische Kletterszene gibt, und rutschten in diese Szene hinein. Mit Günther machte ich viele Erstbegehungen, wir bewältigten immer schwierigere Routen.

Tun, was andere für unmöglich halten: ­Reinhold Messner am 9. August 1978 am Gipfel des Nanga Parbat nach der ersten Solobesteigung eines Achttausenders ­überhaupt; nur drei Monate zuvor stand er zusammen mit Peter Habeler am Gipfel des Mount Everest – ohne die Verwendung von Flaschensauerstoff Messner, der Dolomitenkletterer Fotos: Archiv Reinhold Messner

Was wollte der kletternde, ­pubertierende Reinhold Messner werden? Sicher nicht Berufsabenteurer. Das war jenseits jeder Vorstellung, dafür gab es keine Beispiele. Von gewollter Karriere konnte zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede sein. Wir hatten daheim eine Geflügelfarm, wir Brüder mussten mithelfen. Mit etwas Verspätung schickten mich die Eltern in die Geometerschule. Ich rebellierte gegen autoritäre Lehrer. Da gab es einen, der dachte, er sei das Gesetz. Ich widersetzte mich. Eines Winters, 1966, versuchte ich, das Matterhorn über die Bonatti-Route in der Nordwand zu besteigen – ein Wettersturz in der Wandmitte zwang mich, umzukehren. Ich hatte ein paar

schule zu gründen und als Free­lancer zu schreiben, Vorträge zu halten, uns gemeinsam auch durchs Alltagsleben zu schlagen. Es kam anders. Günther Messner kam bei der Nanga-Parbat-Expedition 1970 ums Leben, nachdem er gemeinsam mit seinem Bruder den Gipfel erreicht hatte. Reinhold wurde im Nachhinein mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Er habe von Anfang an heimlich die 11


Messner Messner, der Vermarkter, bei einer ­Diskussion im japanischen Fernsehen Messner 1978 im Basecamp des Mount Everest mit Peter Habeler

Der Nanga Parbat wurde zu ihrem persönlichen Schicksalsberg. Tod des Bruders, Beginn der Kar­ riere. Wie sehr beschäftigt Sie ­dieser Berg heute noch? Der Nanga Parbat war meine zweite Bergsteiger- und Lebensschule, nach dem Klettern als Bub in den Dolo­ miten. Dort habe ich den nötigen Rest gelernt. Überschreitung des Berges geplant, er habe seinen Bruder nach der Durchsteigung der Rupalwand im Süden des Gipfels im Stich gelassen. Er konterte: Die Überschreitung und der Abstieg über die westliche Diamirwand sei die einzige Möglichkeit gewesen, mit dem höhenkranken Bruder und bei schlechtem Wetter wieder abzusteigen. Er habe Günther bis an den Fuß der Wand gebracht, dort sei sein Bruder von einer Lawine verschüttet worden. In den Jahren 2000 und 2005 wurden Überreste von Günther Messner am Fuße der Diamirwand gefunden. Sie waren 26. Sie kehrten ohne ­Bruder aus dem Himalaja nach Villnöß zurück. Wie sollte es ­weitergehen? Meine Eltern bedrängten mich, das ­Studium abzuschließen. Meine Brüder sagten, du kannst eh nicht mehr richtig klettern – mit deinen amputierten ­Zehen. Nach Trauer und Zweifeln entschloss ich mich dazu, das Leben zu führen, das ich bis heute führe: Ein L­ eben in Freiheit. Ein Leben als Abenteurer. Ohne zu wissen, ob es klappt. Was war der Plan B? Den gab es nicht. Ich entwickle Ideen, plane und mache sie wahr. Und erst, wenn etwas nicht klappt, entwickle ich einen Plan B. Sonst müsste ich ja von Anfang an meine Energie teilen und ­jeweils in zwei Projekte stecken.

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Was mich fasziniert: Sie sind bei ­ihren Touren oft umgedreht. ­Dabei hing an den Expeditionen doch Ihre Existenz. Der Druck, selbst in der Gefahr nicht kehrtzumachen, muss enorm ­gewesen sein. Ja, bei einem Drittel der Touren bin ich umgedreht. Aber Druck verspürte ich nie. Ich habe in meinem Leben nie Geld geliehen. Ich habe immer mit dem Geld der vorherigen Unternehmung die nächste bezahlt. Und dadurch, dass meine Expeditionen von Mal zu Mal mini­malistischer wurden, wurde auch das benötigte Geld w ­ eniger.

Messner legte eine unvergleichliche Bergsteigerkarriere hin: Gemeinsam mit Peter Habeler erreichte er 1978 den Gipfel des Mount Everest – erstmals ohne Sauerstoffzusatz. Von 1970 bis 1986 erklomm er alle 14 Achttausender – jeweils ohne Flaschen­ sauer­stoff. 1978 erreichte er als erster Mensch im Alleingang den Gipfel ­eines Achttausenders – den des ­Nanga Parbat. 1980 bewältigte er den Mount Everest – solo. Es folgten Expeditionen in der Antarktis, in Grönland, in der Wüste Gobi.


Eine scheinbar simple Frage: ­Warum? Was war der Antrieb? Die unbändige Leidenschaft. Aber es ging mir immer auch um mehr als das bloße Erreichen eines Ziels. Es ging mir ums Narrativ, um die Haltung. Mich fasziniert die Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem Berg. Dieses Narrativ ist heute mächtig ins Wanken geraten. Wenn heute am Mount Everest 200 Sherpas eine Piste zum Gipfel errichten, für irgendwelche Touristen, die nie im Leben alleine den Montblanc schaffen würden, dann ist der Kern des Bergsteigens in Gefahr. Dann wird das Bergsteigen zum Tourismus, zum Spazierengehen in der Todeszone. ­Anstrengend, ja, gefährlich, ja, aber kein Abenteuer mehr. Bergsteigen als Outdoor-, Sport-, Freizeitvergnügen. Als Fun. Kommendes Jahr in Tokio wird Sportklettern zur olympischen Disziplin. Da klettern also Olympioniken eine 20 Meter hohe Plastikwand hoch – und wir erkennen das als einen Aspekt des Bergsteigens an. Das ist nicht mein Narrativ des Alpinismus. Echter Alpinismus kann keine olympische ­Disziplin sein. Dafür ist das Bergsteigen viel zu gefährlich. Wetter, Gefah-

ren, N ­ atur – all das ist unvorhersehbar. Schuld an dieser ganzen Entwicklung sind übrigens die Alpenvereine, weil sie diese Welle reiten. Sie hätten ja ­dagegen opponieren können. Die Haltung muss sein: Klettern in der Halle ist ein schöner Sport – aber kein Alpinismus. Bergsteigen ist nicht messbar. Bergsteigen ist kulturelle Auseinandersetzung des Menschen in der Berg­ natur. Ich sage dem Alpenverein Südtirol: Verliere deine Kernkompetenz nicht aus den Augen. Überlasst das Sportklettern den Sportvereinen. Überlasst den Tourismus den Touris-

Messner, der Museumsmacher, auf der ­Baustelle seines MMM Messner Mountain Museums am Kronplatz Messner, der Kletterer, in den Cinque Torri in den Dolomiten, 1981

musvereinen. Brennerbasistunnel, ­Bozner Flughafen, das sind alles keine AVS-Themen. Die Wildnis hoch über der Waldgrenze gilt es zu verteidigen. Alpenvereine sollen sich um die Berge und um Bergsteiger – echte Berg­ steiger – kümmern, so wie sie es über Jahrzehnte großartig gemacht haben: Versicherung für die Alpinisten, Wegmarkierungen inklusive. Was noch? Schutzhütten. Nein, die hätten sie lange schon an Bergbewohner übergeben können. Ursprüng­lich, 1869, stand in den ­Satzungen der alpinen Vereine: Die Alpi­nisten sollen den Einheimischen ein Auskommen sichern. Die Berg­ bauern waren vielfach abgewandert. Schutzhütten als Fetisch, okay, aber nicht als Rechtfertigung. Herr Messner, Sie sind schon ­w ieder im Angriffsmodus! Nein, ich muss rückblickend ein Lob aussprechen. An Luis Vonmetz, den ehemaligen AVS-Vorsitzenden, ein Bergsteiger mit Format und Weitblick. Nach der Nanga-Parbat-Tragödie ­wurde ich über Jahre immer wieder mit schlimmsten Anschuldigungen 13


Messner

konfrontiert. Von anderen Expeditionsteilnehmern, von Medienhäusern. Der Deutsche Alpenverein hat sich nicht von diesen Anschuldigungen distanziert – im Gegenteil. Vonmetz schon. Das halte ich ihm heute noch zu Ehren. Sie teilten viel aus, Sie mussten viel einstecken. Auch unter der Gürtellinie: Heimatverräter, Nestbeschmutzer, rücksichtsloser Selbstvermarkter, Streithammel. Ich bin durch Widerstände zum Erfolg gekommen. Die Schimpfworte, die ich ertragen habe, sind mehr als ausgrenzend. Was immer ich in Südtirol angefangen habe, wurde blockiert. Weil ich den Leuten nicht nach dem Mund rede. Entschuldigen Sie, nur eines möchte ich nach all den Jahren noch loswerden, wenn ich darf: Seit 40 Jahren wird mir vorgeworfen, dass ich mir alle Erfolge, die Anerkennung klaue. Nein, es ist genau umgekehrt. Ich beschreibe meine Abenteuerkameraden, Peter Habeler, Hans Kammerlander, Arved Fuchs, als große Könner – in all meinen Büchern, Vorträgen, Filmen. Das ist alles nachlesbar. Wie ist heute das Verhältnis zu ­Habeler, Kammerlander, Fuchs? Wenn wir von ihnen selbst reden, nicht von ihren Managern, kann ich nur ­sagen: Das Verhältnis ist sehr gut. Wir hatten auch während der Expedi­tionen

nie Probleme. Die Streitereien ­kamen immer hinterher. Weil es danach nie mehr nur um unsere gemeinsame ­Sache ging. Weil es danach immer Dritte gab: Manager, sogenannte Medien­freunde, die Zwietracht gesät haben. Bergkameradschaft, dieses Wort wird oft zur Hülse. Sind Sie heute milder? Ich bin völlig zufrieden. Sie sehen, ich schmunzele … Doch, völlig mild. Außer jemand kommt mir mit Rechtsradikalismus à la Salvini! Aber wir wollten über die Berge sprechen, nicht über Politik … Berge und Politik, man sieht es an ihrer Person, sind schwer zu trennen. Berge wurden immer auch ­politisiert. Kreuze am Gipfel! Vetta d’Italia! Ihr Spruch: „Das Schneuztuch ist meine Fahne!“ Das stimmt, aber das ist eine vergleichsweise junge Entwicklung. Die Gipfelkreuze entstehen mit den Napoleonischen Kriegen – Gipfelkreuze gegen die Aufklärung. Fahnen am Gipfel sind Kinder des kolonialistischen Geistes und Wettlaufs. Wir Europäer wollten die ganze Welt erobern. Aber erklären Sie mir bitte schön, wie erobert man ­einen Berg? Das ist dummer Herois­mus. Ich gehe nach wie vor für niemanden auf den Berg – nur für mich.

Der Berg verliert nicht. Weil er nicht kämpft. Der Berg ist nur da. Reinhold Messner

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Was ist der Berg dem Menschen ­eigentlich? Ein Widerstand. Hier auf Sigmundskron gibt es eine Stelle an der Burgmauer, da kann ich auf die Autobahn hinunterblicken. Ich sehe, wie die ­Autos auf der Schnellstraße MeBo im Berg verschwinden. Das ist der Blick auf die heutige Zeit. Die Berge sind durchlässig geworden. Vor tausend Jahren gab es keine Tunnel. Ötzi musste über die Berge gehen. Hat der Mensch gewonnen, der Berg verloren? Der Berg verliert nicht. Weil er nicht kämpft. Der Berg ist nur da. Ohne ­Willen. Ohne Haltung. Ohne Hinter­ gedanken. Er ist nicht böse. Böse können nur wir Menschen sein. Berge sind absichtslos. Der Berg zeigt uns die Erdgeschichte. Er rächt sich nicht, er ruft nicht, er lügt nicht. Wir Menschen lügen. Wie wünschen Sie sich den ­Alpi­nismus der Zukunft? Dafür müssen wir zuerst einen Blick in die Vergangenheit werfen. Es gibt eine erste Phase des Bergsteigens, den Eroberungs­alpinismus, der in den ­Alpen zwischen 1786 und 1865 stattfand, im Himalaja zwischen 1950 und 1965. Es folgt der Schwierigkeitsalpinismus, da ging es nicht mehr um das „Ob“, sondern ums „Wie“. In Italien und Deutschland folgt der Heroische Alpinismus in den Jahren der Dikta­ turen. Schließlich etablierte sich der auch von mir geprägte Verzichtsalpinismus. Mein Postulat: Besteige die schwierigsten Wände mit möglichst wenig Material! Ohne Bohrhaken, ohne zusätzlichen Sauerstoff, ohne


Kontakt nach außen. Heute nun leben wir im Zeitalter des Pistenalpinismus. 90 Prozent der zeitgenössischen Alpinisten steigen auf Berge, die präpariert sind. Dabei sind viele Berge in ­aller Welt noch nicht bestiegen. Ein Glück, oder? Wenn ich von Neuguinea nach Indien fliege, fliege ich über hunderttausend nicht erklommene Berge. Von 1999 bis 2004 machte Messner ­einen kurzen Ausflug in die parlamen­ tarische Politik und saß als Parteiloser für die Grünen im Europäischen Par­ lament. Heute ist er Museumsherr, Filme­macher und weiterhin Buchautor. Sechs Standorte bilden das MMM, das Messner Mountain Museum. ­Messner hat insgesamt vier Kinder. Was raten Sie Ihren Kindern? Nur so viel: Es kommt nicht darauf an, auf ein gelungenes Leben zurückzu­ blicken. Es kommt darauf an, im Hier und Jetzt Ideen umzusetzen. Im Umsetzen passiert gelingendes Leben. Den besten Wein zu machen, ihn nicht nur zu trinken, macht glücklich. Nicht Konsum, nicht das Haben. Nur die ­Umsetzung von Ideen macht kreativ, stark und glücklich. Welche jungen Bergsteiger ­faszinieren Sie? Was Alex Honnold am El Capitan im kalifornische Yosemite-Nationalpark gemacht hat, hat mich beeindruckt: Tausend Meter Steilwand, free solo – das ist erste Qualität! Es gibt heute eine kleine Riege von exzellenten traditionellen Alpinisten, die haben meine ganze Hochachtung. Sie sind besser als alle andere vor ihnen. Drei, die

vor wenigen Monaten ums Leben kamen, gehörten ganz sicher dazu: Jess Roskelley, David Lama, Hansjörg Auer. Ist der Berg ein schlimmer Ort, um zu sterben? Die Kunst ist es, dort nicht zu sterben. Es gehört aber einfach auch verdammt viel Glück dazu. Es ist nicht so, dass die Besseren überleben und die Schlechteren sterben. Aus dem absoluten Spitzenfeld der Alpinisten stirbt die Hälfte am Berg. Jess, David, Hansjörg, hatten dieses eine Mal nicht genug Glück. Ich hatte öfters auch Glück. Haben sie Angst vor dem Sterben? Der Prozess des Alterns ist der schwierigere. Bisher ist es mir ganz gut gelungen, damit zurechtzukommen. Weil ich nach wie vor viele Ideen habe und diese umsetze. Und ich muss nichts mehr. Ich muss mich auch von niemandem mehr gängeln lassen. Ich kann mich für den Rest meiner Tage da draußen an die Burgmauer setzen, zufrieden ins Gebirge schauen und alles Gewesene akzeptieren. Es war gut so!

Reinhold Messner im Interview im April auf Schloss ­Sigmundskron Fotos: Miriam Federspiel

Messner, der Bergbauer, beim alljährlichen Yakauftrieb im Frühsommer in Sulden

Erlösung wovor? Das Leben ist ein großartiges Geschenk, eine Möglichkeit, sich auszu­ drücken, Maß zu nehmen, zuletzt – im Angesicht des Todes – absurd. Es war in meinem Fall auch Selbst­ verpflichtung, Anspruch an mich selbst. Das Mich-Verlieren in Unendlichkeit, Stille und Zeitlosigkeit muss erlösend von allem anderen sein, wie ein Ver­ lorengehen in der Wüste. Lenz Koppelstätter

Lenz Koppelstätter, Jahrgang 1982, ist in Südtirol geboren und auf­ge­wach­ sen. Er ist Bestsellerautor, R ­ eporter und Kolumnist, Kommunikations­ berater und Medienentwickler.

Herr Messner! Gut, nein, das entspricht nicht meinem Naturell. Aber was ich sagen will, ist: Ich spiele nur noch. Ich spiele, so gut und lange es geht. Ja, irgendwann wird die Unmöglichkeit eintreten, ich werde zittrig und tattrig sein. Ich bin Realist, das Sterben wird sicherlich ein schwieriger Prozess. Der Tod ist einfach, das Sterben für jemanden wie mich ein Massaker. Aber wenn ich heute Nacht gut einschlafe und morgen früh nicht mehr aufwache, ist das völlig in Ordnung – Erlösung zuletzt. 15


Messner

Am Berg die ideale Seilschaft

Hans Kammerlander und Reinhold Messner haben an den hohen Bergen der Welt gemeinsam Alpin­ geschichte geschrieben Fotos: Archiv H. Kammerlander

Hans Kammerlander und seine Acht­­ tausender mit ­Reinhold Messner Hans Kammerlander hat sieben der 14 Achttausender gemeinsam mit Reinhold Messner bestiegen: Cho Oyu, Gasherbrum I & II, ­Annapurna, Dhaulaghiri, Makalu, Lhotse. Hans ist somit der Alpinist, der am meisten an Messners Erfolgs­geschichte mitgewirkt hat. Gleichzeitig begünstigte dies seine eigene Karriere als Profi-Berg­ steiger, w ­ ovon er uns hier erzählt. 16

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Wie kam der Kontakt mit Reinhold Messner zustande? Mein damaliger Kletterpartner Werner Beikircher, selbst Bergführer, vermittelte mich an Reinhold Messners Alpinschule Südtirol. Als uns Reinhold 1982 dann zur Expedition zum Cho Oyu ­einlud, wollte Werner aus privaten Gründen nicht mit, für mich jedoch ­bedeutete es den Start zu den Achttausendern. Wie war deine erste Expedition mit Reinhold? Obwohl ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde, war ich sorglos. Ich war konditionell und alpintechnisch stark, gipfelorientiert und risikofreu-

dig, wie man es nur in der Jugend sein kann. Am Berg merkte ich sofort, wie gut Reinhold und ich uns ergänzten. Gleichzeitig kam ich an Reinholds Seite in den Sog des alpinen Wettlaufs und der Medien. Im Endeffekt war ich nicht mehr frei, sondern wurde getrieben. Rückblickend sehe ich es so: ­Damals mittendrin im „Fieber“, war es natürlich eine große Zeit. Was schätzt du an Reinholds ­alpinen Projekten? Bei seinen Achttausendern ging es ihm nicht um den einfachsten Weg, sondern um besondere Routen und Wände. Er hätte sich vieles auch leichter machen können. Die Besteigung


des Makalu und Lhotse, seine beiden letzten Achttausender, empfand ich allerdings nur mehr als ein schnelles Abhaken, damit er seinen Erfolg als erster Mensch aller 14 Achttausender einfordern kann. Alpinistisch gesehen war es ein Rückschritt im Vergleich zu den anderen tollen gemeinsamen Projekten. Welches war die schönste Tour an Reinholds Seite? Die kühnste war sicher 1984 die Überschreitung des Gasherbrum I und II. Die schönste 1985 die Annapurna-­ Nord­westwand, eine steile Kletterei in großer Höhe. Gleich anschließend an den Annapurna stiegen wir weiter zum Basislager des Dhaulagiri und vier Tage später verließen wir nach dem Gipfel wieder das Basislager; das ging alles sehr rasch. Es war taktisch klug, diesen Berg gleich „anzuhängen“. Das waren schon Traumtouren! Gewiss gab es auch heikle Situa­ tionen? Davon gab es einige. Am tiefsten in Erinne­rung blieb mir eine Situation am Gasherbrum. Wir waren sieben Tage in großer Höhe unterwegs. Müde und ausgelaugt sehnten wir uns nur mehr zurück ins Basislager, das wir noch am selben Tag erreichen wollten. Der Schnee war aufgeweicht, wir brachen knietief ein. Im spaltenreichen Gelände ging ich voran und mahnte Reinhold, die uns verbindende 6-Millimeter-Schnur straff zu halten. Zwecks Gewichtseinsparung verwendeten wir nämlich nur dieses dünne Seil und hatten es nur um den Brustkorb gebunden. Mir war bewusst, dass dieser bessere Bindfaden einen Spaltensturz nicht halten würde; es war vielmehr eine mentale Absicherung. „Reinhold, halt das Seil straff!“, immer wieder wies ich darauf hin, immer wieder spürte ich es durchhängen. Und da passierte es! Ich stürzte tief in eine Gletscherspalte. Das dünne Seil hielt, schnürte mir aber den Brustkorb zu. Reinhold vermochte mich nicht hochzuziehen. Ich musste so schnell wie möglich raus aus diesem blanken Eisschlund! Im Seil pendelnd versuchte ich also, die Steig­eisen vom Rucksack zu klauben

und mit einer Hand an die Schuhe binden. Wäre mir ein Steigeisen aus der Hand gerutscht, wäre ich verloren gewesen. Zum Glück gelang es mir, die Eisen anzulegen und die Spalte hinaufzuklettern. Reinholds Schlamperei hätte uns beide das Leben kosten können. Durch diese Havarie mussten wir zudem auf etwa 5.100 Meter noch einmal biwakieren, nur im Zelt, ohne Schlaf­ sack, da wir diesen aus Gewichts­ ersparnis weiter oben zurückgelassen hatten. Es war brutal hart. Und doch wart ihr ein echtes Traumteam? Im kombinierten Gelände gingen wir viel frei, in vereisten Platten war Reinhold mit Steigeisen unwahrscheinlich schnell und sicher unterwegs, das machte ihm keiner nach. Außerdem war er ein taktischer Fuchs. Ich hin­ gegen zeichnete mich in den reinen Kletterwänden aus und war psychisch stark. Am Annapurna wollte ich es mir nicht nehmen lassen, die Kletterpassagen zu führen; damals war ich im Fels in meiner besten Zeit. Konditionell schenkten wir uns beide nichts. Was ich an ihm schätze: Nie hätte er mich in meiner Risikobereitschaft in ein voraus­ sehbares Unglück rennen lassen. Gemeinsam wägten wir die Herausforderungen ab. Ich glaube, er spürte auch, dass wir uns bestens ergänzten, denn sonst hätte er sich bestimmt einen anderen Bergpartner gesucht. Die Zeit am Berg mit Reinhold war schön, im Tal ging jeder seinen Weg, diese waren grundverschieden, sowohl in seiner bergaktiven Zeit wie auch nachher. Wie erging es dir, als nach eurer Rückkehr in Kathmandu die ganze Weltpresse herbeiströmte, um Reinholds 14 Achttausender zu ­feiern? Ich war medial nicht vorbereitet und konnte mich über diesen Riesenrummel nicht freuen. Erst später lernte ich, vor die Medien zu treten und heute bin ich natürlich über eine objektive, me­ diale Berichterstattung froh. Auf die Frage eines Reporters, wie er sich auf die letzten zwei Berge vorbereitet habe, antwortete Reinhold, dass er

„Diese Urfreude am Berg hatte ich im Hamsterrad des Expeditions- und Spitzenalpinismus verloren. Heute hab' ich sie wieder.“ Hans Kammerlander Foto: Brigitte Oberhollenzer

sich in Tibet bei einer Trekkingtour akklimatisiert habe und dabei wahrscheinlich ein Wesen gesehen habe, das die Einheimischen Yeti nennen. Mit diesem Satz löste er einen Mediensturm aus. Manche fanden diese Story fast interessanter als die 14 Achttausender, der Yeti-Hype eskalierte. Es vergeht heute noch kaum ein Vortrag, wo ich nicht gefragt werde, ob auch ich den Yeti gesehen habe – immer begleitet mit einem Augenzwinkern, so als ob man sich darüber lustig machen wolle. Wart ihr im Anschluss noch gemein­sam unterwegs? Die Wanderung mit ihm an den Grenzen rund um Südtirol 1991 war eine tolle Sache, die ich nicht missen möchte: Eine relaxte, erlebnisreiche Tour, wo wir beide erstmals ohne nennenswerte Gefahren unterwegs waren, sechs ­Wochen mit nur einem Ruhetag. Es war wie entlang einer Säge zu steigen, rauf, runter, 1.200 Kilometer, 100.000 Höhen­meter, über 300 Gipfel. Die bekanntesten und auch schönsten Spitzen Südtirols sind fast alle Grenzberge wie Ortler, Drei Zinnen, Rosengarten, ­Dreiherrenspitze usw. 17


Messner Nacht durchzugehen. In weniger als 24 Stunden war die ganze Aktion ­beendet. Außer den Aufstiegs- und Skiabfahrtsspuren hab’ ich am Berg nichts hinterlassen. Diese Kombination mit Ski­abfahrt war mein Topstückl. Klettertechnisch am steilsten war die Erstbegehung der Annapurna-Westwand. Technisch schwierig waren ganz andere Berge, nicht unbedingt Achttausender, wie der richtig steile Grat am Jasemba, auch der Shivling war klettertechnisch kein Spaziergang.

„Konditionell schenkten wir uns beide nichts.“ Hans Kammerlander

Ein Blick zurück … Die Zeit mit Reinhold am Berg war grandios. Ohne ihn hätte ich in der Art mit Sicherheit nie meinen Weg auf die ­hohen Berge der Welt gefunden. Er bot mir die Chance und natürlich profitierte ich, an seiner Seite zu sein. Das machte mich bekannt. Später, ohne ihn, war es für mich relativ leicht, meinen Weg fortzusetzen, auch kam ich durch ihn an Sponsoren. Ich denke, am Berg profitierte ich mehr von ihm als er von mir. Wie ging es für dich nach Reinholds 14 Achttausendern weiter? Ich plante und organisierte dann alles selbst und suchte auch immer besondere Projekte wie die Everest-Skiabfahrt. Reinhold äußerte sich zu meinen Aktionen, einige Male sehr fair, einige Male in meinen Augen in einer Art Besserwisserei, die ich nicht gut fand. Zum Beispiel regte er sich auf, dass ich Satellitentelefone benutzte, die gab es zu unserer gemeinsamen Zeit noch nicht. Bei seinen letzten zwei Achttausendern jedoch hatte auch er Funkteams dabei, die Funkbrücken vom Basis­lager aus Richtung Kathmandu machten und stets über das Neueste berichteten, mit der Rai als Haupt­ 18

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sponsor. Das war ein massiver technischer Aufwand. Warum also kritisierte er mich wegen der Satellitentelefone? Weiters bezeichnete er es als Show, dass ich auf dem Kangchendzönga ­einen Kopfstand machte. Es war von mir einfach nur pure Freude, Ausdruck von Übermut. Was ist daran so schlecht? Ein Kopfstand sollte eigentlich niemanden stören? Oder meine vier Grate am Matterhorn in 24 Stunden im Auf- und Abstieg. Es war eine sportliche Aktion. Wenn das zu kritisieren ist, kannst du jede Erstbesteigung oder neue Route als Show abtun. So waren halt immer wieder Reinholds Sticheleien. Er ist mit Kritik immer sehr schnell. Etwas Reflektion wäre manchmal besser. Reinhold ist ein Mann mit einem großen Ego und nicht immer einfach im Umgang mit anderen Menschen. Was war dein größtes Highlight an den Bergen der Welt? Einmal die Aufstiegszeit 1996 zum Everest in 16 Stunden und 40 Minuten, die bis heute nicht untertroffen ist. Es war eine perfekte Taktik, nachmittags aufzubrechen und ohne Biwak die

Du setzt dich auch stark karitativ ein …? Bereits seit 25 Jahren arbeite ich bei der Spendenaktionsgesellschaft von Beilngries mit. Drei Grundschulen in Nepal tragen meinen Namen. Diesen Jänner weihten wir eine große Schule für ca. 400 Kinder ein. Insgesamt konnten meine Freunde aus Beilngries 26 Schulen gründen, drei Kinder­ waisenheime und 2018 die einzige Kinder­blindenschule in Nepal.

  „Mein Topstückl: 16 Stunden und 40 Minuten Aufstieg zum Everest ­kombiniert mit der Skiabfahrt“ Hans Kammerlander


Kopfstand am Kangchendzönga von Hans Kammerlander, aus purer Lust und Freude. In Reinhold Messners Augen eine Show

Dem Alpenverein wirft Reinhold vor, er solle sich nur um das ­Alpine kümmern wie Ausbildung und ­Förderung, um die Schutz­ hütten ­jedoch, um Naturschutz, Wege­markierung und -instand­ haltung sollten sich andere ­Institutionen bzw. die Tourismus-

vereine kümmern. Was ist deine Meinung? Naturschutz geht den Alpenverein in jedem Fall was an. Er motiviert die Leute, in die Natur zu gehen und macht Sensibilisierung und Aufklärung zum Umweltschutz, das finde ich gut. Alpenverein und Naturschutz sind eine

logische Kombination. Der AVS fördert viele junge Leute und er zeigt ihnen die Herangehensweise zum Berg, das ist wichtig. Dass der Alpenverein ehren­amtlich die Wege instandhält, darüber müssen wir nur mehr als froh sein. Der Alpenverein hat auch die besten Versicherungen im Alpinbereich. Was ich reduzieren würde, sind die Vorteile wie die Preisnachlässe auf Hütten. Manche Vereinsmitglieder ­f lattern den Hüttenwirten mit dem AVS-Ausweis vor der Nase herum, noch bevor sie Grüß Gott sagen. Das ist krass. „Manaslu, Berg der Seelen“: Was war dir als Botschaft im Film wichtig? Das Echo zum Film ist sehr positiv. Es sind starke Bilder und Szenen zu ­sehen, der Aufwand war riesig. Jeder Mensch zeigt sich vor anderen lieber mit seinen Erfolgen und Leistungen, vor allem Bergfilme sind oft voller Sensa­tionen und Heroismus. Das Heldenhafte mag ich überhaupt nicht. Der Alpinismus ist ein Sport, da braucht es das nicht. Mir war es im Film wichtig, auch meine Fehler nicht zu verschweigen. Erst dann ist eine 19


Messner ­ iedergewonnen, wie einst, als ich als w junger Bursch durch eine Wand gestiegen bin. Diese Urfreude hatte ich im Hamsterrad des Expeditions- und Spitzenalpinismus verloren. Heute hab’ ich sie wieder.

„Die Wanderung mit Reinhold an den ­Grenzen rund um Südtirol 1991 war eine tolle Sache, die ich nicht missen möchte.“ Hans Kammerlander „Die Zeit mit Reinhold am Berg war grandios. Ohne ihn hätte ich in der Art mit ­Sicherheit nie meinen Weg auf die hohen Berge der Welt gefunden.“ Hans Kammerlander

Porträt-Doku authentisch, und ich glaube, dass ist recht gut gelungen. Meine Botschaft im Film sollte sein, nach Vorne zu schauen, auch wenn du große Fehler gemacht hast; die Fehler bleiben ewig, die kannst du nicht ­auslöschen. Reinhold hat sich mir gegen­über zum Film nicht geäußert, er stellte sich auch nicht als Interview­ partner zur Verfügung. Was wünschst du dir? Ich bin eigentlich mein ganzes Leben auf und hinter den Bergen hergelaufen. Heute brauche ich keinen Wettlauf und keinen Rekord mehr. Ich würde mich ja lächerlich machen, immer noch in den Wänden herumhängen zu wollen und dies dann als Topleistung zu verkaufen. Ich bin nicht mehr getrieben und kann das Bergsteigen wirklich genießen. Damit bin ich glücklich. Das Loslassen ist ganz leicht. Auch meine Tochter hat es mir leichter gemacht, neue Prioritäten zu setzen. Man muss auch einsehen, dass mit dem Alter Kraft und Kondition nachlassen und 20

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man muss sich vor allem eingestehen, ganz viel Glück am Berg gehabt zu ­haben. Glück im Sinne von Freude und im Sinne von günstiger Fügung. Wenn ich jetzt am Berg unterwegs bin, bewege ich mich auf einem normalen Level. Und ich habe die kindliche Freude

Was wünschst du Reinhold zum 75. Geburtstag? Reinhold hat neue Denkweisen eingebracht – schlecht oder gut sei dahingestellt –, er hat unheimlich viel bewegt, gesagt, geschrieben. Er braucht niemandem mehr etwas zu beweisen. Man muss aber nicht immer provozieren, nur um ein Gespräch anzuregen. Das bringt ständige Angriffswellen mit sich; das muss nicht sein. Reinhold sollte sich vielleicht auch etwas mehr von der Bühne zurückziehen und endlich mehr Zeit für sich finden. Gelassenheit und Entspanntheit wünsche ich ihm. Und dass er die Jahre, die er vor sich hat, noch mit Freude füllen kann. Reinhold, genieße deine Zeit! Ingrid Beikircher


Messners Einfluss auf das Klettern in den Dolomiten AVS-Förderpreisträger Alex Walpoth über Vorbilder, große Dolomiten­wände und strenge Kletterethik

Cirspitzen, 1976 Fotos: Archiv Messner

Inwiefern hat Reinhold Messner, der wohl bekannteste Alpinist der Welt, andere junge Kletterer in den letzten Jahrzehnten beeinflusst? Gewiss sehr viele, so wie auch mich. Dabei will ich mich hier auf Messners Klettereien in den ­Dolomiten beschränken, auch weil mein Horizont noch nicht viel ­weiter reicht.

N

un ist es schwierig, Einfluss wirklich zu messen, weil wir in ständigem Kontakt und Austausch mit anderen Menschen stehen. Folglich lässt sich schwer unterscheiden, welche Motivation von außen

kommt und welche Leidenschaft in uns selbst entfacht. Im Grunde ist es einerlei, solange wir Gefallen und Sinn an unserem Tun in den Bergen finden. Von Reinhold Messner habe ich, vor ­allem über seine Bücher, durchaus maßgebliche Impulse zum Klettern ­bekommen. Darunter waren Ideen für Felsfahrten ebenso wie Einblicke in seine persön­ liche Faszination für das Klettern. Die Persönlichkeit Messner Seit ich mich erinnern kann, klettere ich. Wie jedes Kind orientierte ich mich an Vorbildern. Über allen schwebte die Figur von Reinhold Messner. Zunächst verband ich ihn vor allem mit dem

­ imalaja und den 14 Achttausendern. H Eine Welt, die von der wohl behüteten Umgebung der Kletterhallen unendlich weit weg schien. Mit 12 Jahren ­begann ich, in den Bergen zu klettern und Messners Bücher zu lesen. Plötzlich war meine Welt nicht mehr so weit weg. Mit 13 traf ich Reinhold zum ­ersten Mal in der Werkstatt meines ­Vaters. Er ist Künstler und fertigte eine lebensgroße Figur von Messner an. Auch Martin Dejori, mit dem ich die ersten eigenständigen Routen kletterte, kam in die Werkstatt. Wir ­waren ziemlich stolz, dass er sich für unsere leichten Klettereien an den Sella­türmen interessierte. 21


Messner

Von den Geislerspitzen in die Welt Messner unternahm seine ersten Touren an den Geislerspitzen, die auf der Villnößer Seite schroff und abweisend in den Himmel ragen. Auf einen Buben müssen sie riesig und unerreichbar gewirkt haben. Doch auf Reinhold wirkten die geheimnisvollen, steilen Wände in erster Linie anziehend. Anfangs noch in Begleitung des Vaters, dann schon bald mit dem jüngeren Bruder Günther oder allein fand er den Weg durch die berüchtigten Nordwände von Sass Rigais, Kleiner und Großer Fermeda. Dabei sammelte er wichtige Erfahrungen und lernte Verantwortung zu übernehmen. Es waren sicherlich gefährliche, schwierig abzusichernde und teilweise arg brüchige Routen. Aber nur dank dieser machten Reinhold und sein Bruder so schnell Fort22

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schritte, sodass die Geislerspitzen irgendwann schrumpften: Nicht durch die Erosion, sondern weil der Blick der Brüder weiter wurde, die Fähigkeiten und mit ihnen die Möglichkeiten ständig wuchsen. In Reinhold keimte die Erkenntnis, das Bergsteigen würde sein Leben sein. Die Erfahrungen aus den Jugendjahren waren so intensiv und einzigartig, dass er immer wieder nach dieser Zeit suchen würde. Wie kein anderer Alpinist schaffte er es, sich von den Konventionen der Gesellschaft zu befreien und das Abenteuer zum Beruf zu machen – in Messners Augen war es vielmehr seine Berufung. Der große Erfolg stellte sich ein, als er≈zu den höchsten Gipfeln dieser Welt aufbrach und mit seiner Kreati­ vität und Fantasie vieles auf den Kopf stellte.

Verzicht ohne Grenzen Seine Lehrjahre hatte Messner jedoch in den Dolomiten verbracht: in dieser wunderschönen und einzigartigen Gebirgsgruppe, die dem jungen Messner noch sehr viel Raum für Erstbegehungen und Abenteuer bot. Die unberührten Winkel gibt es auch jetzt noch, ­obwohl das Netz an Routen, das die Dolomiten überzieht, sich in den letzten 50 Jahren deutlich verdichtet hat. Dass wir junge Alpinisten immer noch die Möglichkeit haben, Erstbegehungen zu machen, ist vielleicht auch Reinhold Messner zu verdanken. Einerseits hat er das Klettern sicher noch populärer gemacht, andererseits propagierte er den Verzicht: auf sinnlose Direttissimas, auf Bohrhaken, auf Materialschlachten, auf lange Vorarbeiten. In „Die Freiheit, aufzubrechen wohin ich


Klein-Reinhold bei ersten Kletterversuchen am Fuße der Geislerspitzen Neunerplatte Fanes, Südwand

will“, schreibt er: „Ich habe gelernt mich einzuschränken, um weiterzukommen. In der Freiheit gibt es den Verzicht, aber keine Grenzen.“ Mit 18 war Messner noch fasziniert von Haken und Strickleitern, aber wenig später änderte er sich zum überzeugten Freikletterer. Mitte der 1960er-Jahre hatte das Zeitalter der Direttissimas seinen Glanz bereits etwas verloren und spätestens seit der direkten Begehung des Riesendaches an der West­ lichen Zinne 1968 war offensichtlich, dass alles möglich wäre mithilfe von moderner Technologie. Die schwierigste Kletterstelle Dennoch brauchte es charismatische und vor allem unglaublich leistungsstarke Kletterer, die diese Irrfahrt des Alpinismus in den Dolomiten korrigieren konnten. Reinhold Messner war ­einer davon und er polarisierte am meisten. Ein anderer war der talentierte Enzo Cozzolino aus Triest, von dem Messner schreibt, dass er die Schwelle zum VII. Grad überschritt. Messner und Cozzolino waren überzeugt, dass ein Fortschritt nicht durch neue Technologien, sondern nur durch das Verschieben der psychischen und körperlichen Grenzen des Kletterers selbst zu erreichen sei. Natürlich ließen sie diesen Überlegungen auch Taten folgen. Ein perfektes Beispiel ist Reinholds und Günthers Neutour am Mittel­ pfeiler des Heiligkreuzkofels im Jahre 1968. Es ist eine der beeindruckendsten und unnahbarsten Wände der ­Dolomiten – bis zu 500 Meter hoch und mehrere Kilometer breit. Sie ist zum Symbol für schwierige, nur mit Normalhaken abgesicherte Freiklette­ rei geworden. Die Messner-Führe hat einen komplexen, geschlängelten Verlauf: Weil sie in einer nahezu grifflosen Wand die kletterbarsten Abschnitte aufsucht. Die Brüder Messner bewältigten schon vom breiten Band weg schwierigste Kletterstellen. Eine glatte,

gelbe Platte ließen sie mit einem Pendelquergang hinter sich. Doch ungefähr in Wandmitte, unterhalb einer grifflosen, vier Meter hohen Platte, erschien die Fortsetzung der exponierten Kletterei unmöglich. Messner in „Die Freiheit, aufzubrechen wohin ich will“: „Nun war ich endgültig am Ende. Eine glatte Platte, in der keine Ritze und kaum Griffe waren, versperrte mir den Weg. Vier Meter weiter oben ein Riss. Dorthin musste ich. Ich stand auf einem fußbreiten Band, auf einer Leiste. Unter mir viel Luft, ein überhängender Abbruch. (…) Hinauf, das war der einzige Ausweg. Immer wieder setzte ich an, wollte mich vom Band abstoßen. Immer wieder stieg ich zurück, mit dem Vorsatz, doch das Abklettern zu versuchen. (…) Ich wagte alles, riskierte. Oben war ein kleiner Griff. Als ich ihn hatte, konnte ich nicht mehr zurück. Ich setzte den rechten Fuß ganz hoch, aufstehen – ein Balanceakt –, mit der linken Hand die abschüssige Leiste erreichen und durchziehen … – ein Eindruck, der ein Leben lang blieb.“ Damals konnte Messner wohl kaum ahnen, dass um diese Platte ein Mythos entstehen würde. Für ihn selbst wurde sie zur „schwierigsten Kletterstelle“

seiner Kletterkarriere. Heutzutage ­vermutet man den VIII. Grad auf der UIAA-Skala. Bloß machte diese damals schon bei VI Halt. Viel wichtiger waren jedoch die Tatsache, dass Messner diese Stelle in freier Kletterei schaffte, und die damit verbundene Erkenntnis, dass trotz Verzicht eine Steigerung der Schwierigkeit möglich war. Gerade aufgrund des Verzichts auf Expansions­ haken konnte die Entwicklung des Kletterns in den Dolomiten voranschreiten. Mord am Unmöglichen 1968 sorgten nicht nur Messners Kletter­abenteuer für Aufruhr, sondern auch sein Artikel „Mord am Unmög­ lichen“, in dem er wortgewaltig und glühend zum Verzicht auf technische Hilfsmittel, allen voran Expansions­ haken, aufrief. Mit den Verfechtern des Direttissima-Ideals ging er hart ins ­Gericht: Es würde immer mehr gebohrt und immer weniger geklettert, das Unmögliche und damit auch das Abenteuer würden in absehbarer Zeit verschwinden. Am Ende steht der Aufruf, einfach loszuziehen, ausgerüstet nur mit einem Seil und ein paar Haken für die Standplätze, sodass der Drache, Symbol für das Ungewisse, auch 23


Messner

Reinhold Messner am Südwest-Pfeiler der Marmolata Foto: Archiv Luis Vonmetz

Civetta-­Nordwestwand. Sepp Mayerl, Renato Reali, Heini Holzer und Reinhold Messner kletterten diesen Weg 1967. Ungefähr in Wandmitte errichteten sie ihr Biwak. „Gegen fünf Uhr abends erreichten wir den Kopf des Pfeilers rechts der geschlossenen Wandflucht, durch die ein breiter Riss verlief. Nicht die ideale Route! Das stark überhängende Verschneidungssystem über uns sah sehr brüchig aus. Wasser tropfte herunter, viel Wasser. Die Wand direkt zu nehmen, wäre einer Materialschlacht gleichgekommen. Wir hätten hundert und mehr Haken schlagen müssen. Wir wollten deshalb noch die dritte, die rechte Variante studie­ren.“ Über diese, eine Reihe an dunklen Rissen, erreichten die Freunde am nächsten Tag den Gipfel. Sie hatten e ­ inen logischen Weg gefunden. Wie die Route auf dem Wandfoto aussehen würde, war ihnen gleichgültig.

weiterhin überleben könne. Es war ein bemerkenswerter Artikel für einen 23-Jährigen. Mangelnde Erfahrung konnte sich Messner zumindest nicht vorwerfen lassen. Bis Ende 1969 hatte er über tausend Klettereien bewältigt, die meisten in den Dolomiten, aber auch in vielen großen Wänden der Westalpen. Darunter waren 50 Erst­ begehungen und 20 extrem schwierige Alleingänge. Fast alle großen Wände der Dolomiten durchstieg er auf neuen 24

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Routen: Die Nordwände von Agner, Langkofel und Peitler­kofel, die Nordwestwand der ­Civetta und die grandiose Südwand der Marmolata. Alle Felsfahrten zeichnen sich durch hohe Freikletterschwierigkeiten und geringen Hakeneinsatz aus. Messners Ethos des Verzichts ­gemäß sind es logische Linien, die den Weg des geringsten Widerstandes suchen. Einen persönlichen Bezug habe ich zum „Weg der Freunde“ in der

Messner als Wegbereiter Im Sommer 2015, knapp 50 Jahre später, erreichten Martin Dejori, Titus Prinoth, Giorgio Travaglia und ich den Kopf des gleichen Pfeilers. In der unteren Wandhälfte waren wir rechts vom „Weg der Freunde“ geklettert. Nun wollten wir gerade hochklettern und die überhängenden Verschneidungen überwinden, von denen Messner meinte, sie seien nur mit mehr als 100 Haken zu bewältigen. Der Blick nach oben ließ auch unsere Zuversicht schwinden: Die Wand erschien entweder äußerst glatt oder sehr brüchig. Dank dem Wissen um unsere moderne Ausrüstung wagten wir trotzdem einen Versuch. Tatsächlich schafften wir diesen mittleren Wandabschnitt mit nur einem Dutzend Haken, weil wir überwiegend mobile Klemmgeräte zur Siche­rung verwendeten, sogenannte Friends. Wahrscheinlich ist auch unser Freikletterniveau höher als damals, ­bedingt durch das Sportklettertraining und die engen Kletterschuhe mit Reibungs­sohlen. Dieses Abenteuer


konnten wir nur erleben, weil die Wand noch unberührt war: Messner & Co. hatten damals verzichtet, weil ihnen der zu erwartende Materialaufwand unverhältnismäßig erschien. Die wenigen von uns verwendeten Haken halten wir und vielleicht auch Messner für vertretbar. Messner hat Ideen geboren und darauf verzichtet. Dadurch hat er sie lebendig gehalten, sodass sich nachfolgende Generationen weiterhin kühne Träume erfüllen können. Der klassische, auf Verzicht ­basierte Alpinismus Ich muss jedoch erwähnen, dass wir auch einen Handbohrer und ein paar Bohrhaken dabei hatten. Wir hätten diese nur im äußersten Fall eingesetzt und doch ist der Raum des Unmöglichen damit geschrumpft. Messner war in seiner Ethik wohl absoluter als wir jungen Kletterer es heute sind. Durch den Sportkletterboom sind Bohrhaken zur Normalität geworden. Wo setzen wir heutzutage die Grenze zwischen Klet-

tergarten und Gebirge? Und wird nicht in vielen Gebirgsregionen Europas, zum Beispiel in der Schweiz, der Bohrhaken bereits akzeptiert beziehungsweise sogar gefordert? Dass sich in den Dolo­miten viele Routen noch in ihrem ursprünglichen Zustand befinden, liegt sicherlich auch an Persönlichkeiten wie Reinhold Messner, die die Idee des klassischen, auf Verzicht basierten Alpinismus weitergetragen haben. Auch ein Hanspeter Eisendle, ein Adam Holzknecht und viele andere gehören an dieser Stelle erwähnt. Ich denke, dass in Südtirol zurzeit viele junge Alpinisten jene Ansichten teilen und auch versuchen, diese in neuen, herausfordernden Routen umzusetzen. Das stetig wachsende Erstbegehungsportal auf der AVS-Webseite bezeugt diese Entwicklung. Die meisten darauf veröffentlichten Routen sind im klassischen Stil. Für Reinhold Messner gewiss ein schönes Geschenk zu seinem 75. Geburtstag! Alex Walpoth

Alex Walpoth, 25, klettert seit zehn Jahren in den Dolomiten, am liebsten dort, wo noch keiner hingekommen ist. Obwohl er alle Sommer gefühlt „nur“ klettert, zählt sein Tourenbuch „nur“ einige Hundert Felsfahrten. Vielleicht, weil er seine Zeit auch gerne dem Medizinstudium und neuerdings dem Bergführerberuf widmet Foto: Martin Dejori

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Messner

„Biabl, tu no zwoa Johr Knödl essen … … und noar kimmsch wieder“ Luis Vonmetz am Seil mit Reinhold Messner – Erlebnisse und Gedanken Zum 75. Geburtstag von Reinhold Messner bat mich die Redaktion von Bergeerleben, von meinen Erinnerungen und Erlebnissen zu erzählen. Mein Verhältnis zu Reinhold war von Höhen und Tiefen geprägt. Die Höhen haben aber bei Weitem überwogen.

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ngefähr zeitgleich zu meinen ersten Felsfahrten war auch Reinhold mit seinem Bruder Günther unterwegs. Ihre Touren wurden immer schwieriger und ihr Bekanntheitsgrad wuchs. Etwa Mitte der

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1960er-Jahre wollte sich Reinhold bei der AVS-Hauptleitung für einen Bergführerkurs anmelden. Emil Schorn, der schon etwas ältere AVS-Sekretär schaute den Reinhold an und gab ihm den Rat: „Biabl, do tuasch no a zwoa Johr Knödl essen, nor kimmsch wieder!“ Das ließ sich Reinhold natürlich nicht gefallen, ging zur CAI-Zentrale und wurde dort sofort zum Kurs ­gemeldet. Bald danach gründete ­Reinhold mit seinen Freunden in Villnöß eine Bergrettungsstelle, die deshalb bis heute an den CAI gebunden ist. Wie man sieht, trägt der AVS an diesem Umstand selbst sein Maß an Schuld. Die Brüder Reinhold und Günther 1969 waren die Leistungen der Messner-Brüder nicht mehr zu übersehen. Reinhold gelangen die beiden damals

schwierigsten Bergfahrten in den West- und in den Ostalpen im Alleingang, die Nordwand der Droites und die Philipp-Flamm-Route an der Civetta. In diesem Jahr stieß er zu unserer Hochtourengruppe (HG) in Bozen und wurde Mitglied. Reinhold nahm sofort eine bestimmende Rolle ein und wurde für einige Jahre HG-Referent in der AVS-Hauptleitung. 1970 wurden er und sein Bruder Günther zur Nanga-Parbat-­ Expedition von Karl Herlingkoffer eingeladen. Ziel war die höchste Wand der Welt, die 4.500 Meter hohe Rupal­ flanke. Der Alpenverein startete für die Aktion der Brüder eine Spenden­ aktion. Wir verabschiedeten Reinhold am 2. April 1970 im Hotel Mondschein mit den Worten des Hausherrn und AVS-Sektionsvorstandes Heinz Mayr: „Lieber Reinhold, Du bist nicht er ­Erste, der von hier aus in die Berge der


Reinhold Messner, Luis Vonmetz und ­Jochen Gruber (v. l.) beim Biwakieren in der Pelmo-Nordwestwand 1973 Reinhold Messner am Gipfel der ­Marmolata 1973 Fotos: Archiv Luis Vonmetz

Welt zieht. Vor 16 Jahren haben wir in diesem Raum Erich Abram zum K2 verabschiedet. Unsere Freundschaft soll dich begleiten. Komm gut wieder!“ Reinhold und Günther durchstiegen die Rupal-Flanke als Erste bis zum ­Gipfel, nachdem sie jedes Höhenlager selbst eingerichtet hatten. Es wurde die erste Überschreitung eines Achttausenders, aber Günther kam nicht mehr zurück. In seinem Gedenken hat der AVS 1972 eine Biwakschachtel ­unter der Hochferner-Nordwand errichtet, sie trägt den Namen Günther Messner. Neue Akzente gesetzt 1971 gelingt Reinhold in Neuguinea allein die erste Durchsteigung der Nordmauer am Puntiak Djaja, vergleichbar mit der Solleder-Route in der Civetta-­ Nordwestwand. 1972 heiratete Reinhold Uschi ­Demeter und ich weiß noch, wie wir ihn in Villnöß mit lustigen Plakaten und Südtiroler Sekt feierten. Im selben Jahr folgt die Südwand des Manaslu mit dem bedauernswerten Bergtod zweier Kameraden. Mit der direkten Durchsteigung der Großen-Zinne-Nordwestwand hatten in den Dolomiten 1958 die Direttissimas ihren Einzug gehalten. Reinhold und seine Generation erkannten das als Fehlentwicklung. Sie waren der ­Linie von Paul Preuss verpflichtet, und es gelang ihnen, ein Umdenken in der alpinen Szene herbeizuführen. In den Dolomiten wurde keine einzige der klassischen, alten Routen mit Bohr­ haken „saniert“. Ebenso hat Reinhold das Himalaja-Bergsteigen beeinflusst: Inspiriert durch seine Vorbilder Hermann Buhl und Walter Bonatti gelang es ihm, den Alpenstil in den hohen Bergen der Welt zu etablieren. Kein zusätz­licher Sauerstoff, kaum Fixseile

und Träger am Berg. Durch minimierte Gewichtlast wurden die Besteigungen schneller und der Aufenthalt in der Todes­zone minimiert. Gemeinsame Erstbegehungen Im Sommer 1973 lud mich Reinhold zu einer Erstbegehung an der Marmolata ein. Unsere Freunde aus der HG Jörgl Mayr und Jochen Gruber gesellten sich dazu. Reinhold führte fast alles, er schlug nur Normalhaken, von Bohr­ haken wollte er nichts wissen. Knapp unterm Ausstieg übernahm Jörgl die Führung und meisterte die schwierigste Stelle, die Reinhold als siebten Grad bezeichnete. Den gab’s aber damals noch nicht. Am Gipfel bemerkte Reinhold, er wüsste eine freie Tour in der Pelmo-Nordwestwand. Wir vereinbarten sie für das kommende Wochenende. Das Wetter war nicht besonders gut. Die Wand war etwa 100 Meter oberhalb des Einstiegs von einem mächtigen Band durchschnitten. ­Jochen und Jörgl erkletterten diesen unteren Teil, Reinhold und ich umgingen ihn und stiegen ab dem Band in die eigentliche Route ein. Reinhold ­bewegte sich in seiner meisterhaften Art Seillänge um Seillänge nach oben,

während ich ihn sicherte. Für die Nachkommenden ließen wir die wenigen Haken und Seilschnüre zurück. Nach etwa 400 Metern schlug das Wetter endgültig um. Reinhold und ich standen ausgesetzt im Nebel und Regen und beschlossen den Rückzug zum ­darunterliegenden Biwakplatz. Inzwischen waren auch Jörgl und Jochen nachgekommen. Der Platz war überdacht und eigentlich recht gut. Mit ­Singen und Erzählen verbrachten wir die Nacht, bis ein eisiger, jedoch heller Morgen aufzog. Reinhold und ich machten uns an die Arbeit. Wir hatten am Vortag das Rückzugsseil hängen gelassen, sodass wir diese erste Seillänge gesichert aufsteigen konnten. Das Gelände wurde etwas leichter, die kommenden 500 Meter ging’s z­ ügig aufwärts. Gegen Mittag waren wir am Gipfel. Riesige Freude, Um­armungen, schließlich waren uns in einer Woche Neutouren an Marmolata und Pelmo, den schönsten Dolomitenwänden, ­gelungen. Mit Jochen und Jörgl war ich ja schon öfters unterwegs gewesen. Reinhold lernte ich als rücksichtsvollen, besorgten und stets hilfsbereiten Seilkameraden k­ ennen. Ich hätte mir ­keinen besseren wünschen können. 27


Messner

HG-Freunde am Gipfel des Pelmo: Luis ­Vonmetz, Jörgl Mayr, Jochen Gruber, ­Reinhold Messner Schlechtwetter am Pelmo. Abseilen zum Biwak­platz Foto: Archiv Messner

Das Taschentuch als Fahne In der Zwischenzeit hatten sich Reinhold und Josef Rampold, Chefredakteur der Tageszeitung Dolomiten, und deren Bergsteigerseite zerstritten. Rampold hatte die Messner-Buben eigentlich immer unterstützt und gehörte zu deren Bewunderern. Dies hörte jedoch auf, als Reinhold die Bergkameradschaft in Zweifel zog, den Optanten vorwarf, sie hätten 1939 ihre Heimat verraten und feststellte, sein Taschentuch sei seine Fahne auf den Gipfeln der Welt. Es kam zu unguten Auseinandersetzungen, die bis in viele Südtiroler ehemalige Optanten-Familien hineinreichten.

Differenzen am Aconcagua 1974 plante Reinhold einen neuen Durchstieg durch die Südwand des Aconcagua in Südamerika. Mit dabei waren seine Frau Uschi, der Arzt ­Oswald Ölz, Konrad Renzler, Jochen Gruber, Jörgl Mayr und Ernst Pertl, Letzterer als Filmemacher. Die ersten Versuche in dieser 3.000 Meter hohen Wand liefen gut. Lediglich Jochen übernahm sich mit der Erstellung der Hochlager, wurde höhenkrank und musste von Ölz ins Basislager geleitet werden. Vom letzten Höhenlager aus wollte Reinhold bei zweifelhaftem Wetter allein den Gipfel angehen, was auch erfolgreich geschah. Jörgl sollte bis zur Rückkehr Reinholds den Rückzug versichern, stieg dann aber nach und wurde von Reinhold, dem Ersten am Gipfel, abgewiesen. Zurück in Südtirol kam es zu Differenzen. Jörgl fühlte sich um den Gipfel betrogen, und Reinhold schrieb in seinem Buch, Jörgl sei den Schwierigkeiten ohne Seilhilfe

„Ich bin relativ erfolgreich geworden, weil die Besseren umgekommen sind, nicht weil ich besonders gut war. Es gab Bessere als mich!“ Reinhold Messner

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Bergeerleben 05/19

nicht gewachsen gewesen. Die Entscheidung von Reinhold ist rückblickend auf die tödlichen Unfälle seiner früheren Expeditionen verständlich. Abschied vom AVS 1977 feierte die HG ihr 25-jähriges Bestehen und Reinhold Messner trat aus unserer Klettergemeinschaft und aus dem AVS aus. Wie er später erwähnte, war ihm der Alpenverein zu völkisch ausgerichtet und vertrete zu wenig alpine Interessen. In der HG habe man zwar viel von Kameradschaft gesprochen, ihm gegenüber habe aber Neid und Missgunst vorgeherrscht. Schade! Erster Mensch auf den 14 Acht­ tausendern Im Himalaja erzielte er indes einen herausragenden Erfolg: 1978 die erste Allein­begehung eines Achttausenders. Reinhold bestieg innerhalb von drei Tagen allein den Nanga Parbat auf einer neuen Route über die Diamir-Flanke. Ebenso gelang ihm 1978 mit Peter ­Habeler die, von fast allen Ärzten abgeratene, sensationelle Besteigung des Everest ohne Flaschensauerstoff. Zu den folgenden Himalaja-Expedi­ tionen lud Reinhold auch die besten jungen Südtiroler Bergsteiger ein. Er wollte ihnen den Weg zu den Achttausendern ebnen. Noch nie wiederholte Spitzenleistung jener Jahre war 1984


die Überschreitung zweier Achttau­ sender – des Hidden Peak und der Gasherbrum II – im Alpenstil in einem Zug mit Hans Kammerlander. In den Jahren von 1970 bis 1986 hat Reinhold als erster Mensch alle 14 Achttausender bestiegen, viele auf ganz neuen Routen und manche mehrmals. Ebenso war er zur selben Zeit der zweite Bergsteiger weltweit, dem die Seven Summits, die Besteigung der höchsten Gipfel aller Kontinente gelungen war. Er war nun der bekannteste und erfolgreichste Südtiroler und auch Bergsteiger weltweit. Die Achttausender lockten Reinhold nun weniger, er verlagerte sich auf neue Abenteuer. So gelang ihm 1989 – 9 0 die 2.700 Kilometer lange Durchquerung der Antarktis mit Arved Fuchs, 1993 folgte die Durchquerung Grönlands und 2004 durchquerte er zu Fuß allein die Wüste Gobi. Auch das waren 2.000 Kilometer Fußmarsch durch einsamstes Gebiet mit 40 Liter Wasser am Rücken. Reinhold war damals 60 Jahre alt. Messner, der Museumsmensch Als ich 1991 zum Ersten Vorsitzenden des AVS gewählt wurde, fragten mich Reporter über meine Ziele und ich gab an, Südtirol habe noch kein alpines Museum und der AVS würde sich darum kümmern. Reinhold versprach mir damals seine Hilfe. Wir vom Alpen­ verein schafften das Museum nicht, ­jedoch Reinhold bemühte sich darum und beantragte beim Landeshauptmann für diesen Zweck das Schloss Sigmundskron. Nun hagelte es Proteste von allen Seiten. Wir vom AVS wollten keinen Streit, waren für ein alpines Museum und warum sollte das nicht im reichlich vergammelten Schloss ­Sigmundskron entstehen? Südtirol war ja ein Land mit reicher Berg­steiger­ tradi­tion und ein Museum konnte dies unter­streichen. Heute wird jeder eingestehen, dass Schloss Sigmundskron zu einem Schmuckstück restauriert wurde und ein Magnet für Einheimische und Gäste darstellt. Insgesamt hat Reinhold sechs Bergmuseen geschaffen, die sich mit alpiner Geschichte, mit tibetischen Kunstsammlungen

und mit den Bergvölkern der Erde ­befassen. Sie erhalten sich alle selbst und kommen ohne öffentliche Zuschüsse aus. Messner, der Filmemacher Letzthin befasst sich Reinhold mit der Erstellung von Bergfilmen. Er kennt die Berge und ihre Geschichten wie kein Zweiter und seine Filme sind authentisch, wahrheitsgetreu und äußerst erfolgreich. Trotz seiner Kritik an den Alpen­vereinen hat wieder eine Annäherung stattgefunden. Reinholds Sohn Simon ist den Fußstapfen seines Vaters gefolgt, hat ihn in seinen Filmen gedoubelt und ist ein weitum anerkannter Alpinist; 2016 verlieh ihm der AVS in Würdigung seiner Leistungen den alpinen Förderpreis als Ansporn für die heranwachsende Bergsteigerjugend.

Reinhold Messner bei der 2.700 Kilometer langen Durchquerung der Antarktis mit ­Arved Fuchs 1989 – 1990

Ich glaube, dass dies auch Reinhold gefreut hat. Meine Erlebnisse mit Reinhold werden mich ein Leben lang begleiten. Er ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit und der größte Abenteurer, den ich kenne. Unser persönliches Verhältnis ist von gegenseitigem Respekt geprägt. Er wird als einer der ganz Großen in die Geschichte unseres Landes eingehen. Zu seinem 75. Geburtstag drücke ich ihm ganz fest die Hand, schenke ihm ein dankbares Lächeln und wünsche ihm und seiner Familie alles Glück der Welt. Luis Vonmetz

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Der Zorn des Gipfelgottes

Messner vs. Alpenverein Zum Alpenverein pflegt Reinhold Messner eine gespaltene Haltung, vor allem zum Deutschen Alpen­ verein DAV. Über die möglichen Gründe sprachen wir mit dem Präsi­denten des DAV Josef Klenner. Was macht der Alpenverein falsch, dass Messner ihn so verteufelt? Er stellt dem DAV den zentralen Vorwurf in den Raum, dass wir zu viele Leute ins Gebirge locken. In den letzten Jahrzehnten hat sich natürlich mit dem zunehmenden Freizeittourismus der Drang zu den Bergen verstärkt. Man mag darüber philosophieren, ob man jemandem den Zutritt zum Ge­ birge verweigern soll, aber mit welchem Recht? Was wir selbstverständlich versuchen und wofür wir sorgen 30

Bergeerleben 05/19

Foto: Claudio Sferra – Strix Naturfotografen Südtirol

müssen, ist, dass die Leute sich im Gebirge rücksichtsvoll der Natur und den Mitmenschen gegenüber verhalten und sich mit der nötigen Ausbildung dem Berg nähern sollten. Andererseits hat Messner selbst in früheren Zeiten gelegentlich Gruppen mit dem DAV-Summit-Club in die Berge geführt. ­Zudem hat er über Jahre hinweg zahlreiche Vorträge bei unseren AV-Sektionen gehalten und damit Tausende von Menschen für die Berge begeistert. Das ergibt einen gewissen Widerspruch, den kann ich nicht er­klären. Gab es weitere Unstimmigkeiten zwischen Messner und dem DAV? Es gab auch Meinungsverschieden­ heiten zu Ausstellungsstücken in ­unserem Alpinen Museum in München.

Dabei ging es um Berechtigungen, ob und unter welchen Bedingungen ­alpine Gegenstände ausgestellt ­werden dürfen. Und was brachte den Vulkan zum Ausbruch? Der DAV stellt seine Räume im alpinen Museum immer wieder Autoren zur Vorstellung von deren Büchern zur Verfügung. So auch 2003, als die Autoren Kienlin und Saler ihr neuestes Buch dort vorstellten. Hans Saler und Max von Kienlin befassen sich in ihren ­Büchern mit der Nanga-Parbat-Expe­ di­tion 1970 und schildern ihre Sicht­ weisen zur Tragödie, bei der Reinhold Messners Bruder Günther ums Leben kam. Sie stellen eine gewisse Mitschuld Reinholds an Günthers Tod in


den Raum. Messner beschimpfte den DAV und meinte, dass der DAV den Autoren den Saal nicht hätte zur Ver­ fügung stellen dürfen. Und dies, obwohl wir die Bücher vor der Veröffent­ lichung nicht kannten und auch nicht bewerteten und obwohl wir nur die Plattform für die Buchvorstellung boten, die wir ebenso Messner für seine Bücher gegeben hatten. Wir haben damals die Hintergründe und Riva­li­ täten und deren mögliche Eskalationen offensichtlich vollkommen unterschätzt. In der Amtszeit meines Nachfolgers hat sich dann das Verhältnis weiter ­verschlechtert und nach meiner Wiederwahl 2010 haben wir dann versucht, miteinander ins Gespräch zu kommen, was aber letztendlich nicht gelang.

Wie sieht die Situation heute aus? Aktuell gibt es Kontakte zu Messners Büro bezüglich einer Leihgabe für eine Ausstellung in unserem Museum. Von meiner persönlichen Seite aus ist die Tür jederzeit offen. Denn ich glaube nicht, dass man sich in eine Sache so verbeißen kann, dass es keinen Schritt zueinander gibt. Mag sein, dass es mit dem DAV in grundsätzlichen Fragen unterschied­ liche Meinungen gibt, aber das hat nichts mit der Person zu tun. Messners alpinistische Leistungen sind unbestritten, genauso wie die k­ ulturellen Stätten, die er mit seinen Museen schuf. Das alles ist absolut hervorragend und wurde im DAV auch nie infrage gestellt. Also warum nicht mit­

Josef Klenner, Präsi­dent des DAV Foto: DAV/Tobias Hase

einander sprechen? Das wäre i­mmer noch das Beste. Was wünschst du Reinhold M ­ essner zum 75. Geburtstag? Ich wünsche ihm alles Gute, vor allen Dingen Gesundheit. Denn gerade mit der Gesundheit ist es ab einem ­gewissen Alter nicht immer so einfach. Und dass er noch lange Freude hat, in die Berge zu gehen. Ingrid Beikircher

3hochk.de

Habt ihr euch seitdem persönlich nie mehr gesprochen? Das letzte Mal begegnete ich Messner 2006 bei der 60-Jahr-Feier des AVS auf Schloss Sigmundskron, damals in

meiner Funktion als Präsident des CAA, nicht des DAV. Die Begegnung verlief ziemlich unterkühlt und ohne ­inhaltlichen Austausch. Ich habe das zur Kenntnis genommen und es dabei belassen.

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AVS aktuell

Haken ­setzen, aber richtig! Einrichten und Sanieren von ­Klettergärten Der Alpenverein Südtirol ist die zentrale Anlaufstelle, wenn es um Klettergärten in Südtirol geht. ­Deren Wartung und Erschließung wird von den Sektionen und Ortsstellen in Zusammenarbeit mit der lokalen Kletterszene voran­ getrieben. Die Landesgeschäftsstelle unterstützt sie beim Ankauf der Haken und durch das Organisieren von Kursen zum richtigen Einbohren.

K

lettergärten sind Infra­struk­ turen, die gewartet und ­gepflegt werden müssen; bei Neu­erschließungen ist mit besonderer Umsicht zu handeln. Drei Faktoren müssen bei Arbeiten im Klettergarten besonders berücksichtigt werden: ­Befindet sich der Klettergarten in ­einer sen­siblen Zone (z. B. Naturpark), gibt es eine Absprache mit dem Grund­besitzer, und handelt es sich um eine Sanierung oder Neuerschließung?

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Bergeerleben 05/19

Einbohrkurs Das richtige Setzen von Haken und die Auswahl des geeigneten Materials entscheiden über die Nachhaltigkeit und Attraktivität eines Klettergebietes. Dazu bietet der Alpenverein Südtirol jährlich einen „Einbohrkurs“ an. Der diesjährige Kurs im Mai war mit elf Teilnehmern aus sieben verschie­ denen Sek­tionen und Landesteilen gut besucht. Im Rahmen des Kurses wurden in ­einem Klettergebiet in Latsch bereits bestehende Routen saniert und einige neu erschlossen. Die Teilnehmer lernten die einzelnen Schritte für das Einbohren und Errichten von Klettergärten, vom Gesamtkonzept bis hin zur einzelnen Routenplanung. Die recht­ lichen und ökologischen Aspekte standen an vorderster Stelle. Kursleiter Rene Kuppelwieser, Bergführer und Erschließer von Kletter­ gärten, war vom Einsatz und Interesse der Kursteilnehmer erfreut. „Der wichtigste Zweck des Kurses ist die Aus­ bildung als Multiplikatoren vor Ort. Es braucht kompetente Ansprechpartner in den Sektionen und Ortsstellen, wenn junge, motivierte Kletterer ein

Ausputzen der Bohrlöcher mit einem „Flaschenputzer“ Foto: Peter Warasin

‚Wandl‘ gefunden haben und am liebsten mit dem Einbohren gleich loslegen möchten. Das Schwierigste ist oft nicht das Einbohren selbst, sondern die Vorbereitung. Es müssen alle ört­ lichen Gegebenheiten abgeklärt und Genehmigungen eingeholt werden.“ Ulla Walder

RICHTIG EINBOHREN • Verschaffe dir einen Gesamtüberblick und plane die Routen • Reinigung der Kletterlinie von oben, nachdem der Wandfuß sachgemäß abgegrenzt wurde • Die Hakenabstände in Bodennähe sind so zu wählen, dass Bodenstürze vermieden werden • Die Bohrlöcher müssen gründlich ausgeputzt werden. • Die Bohrtiefe ist mindestens gleich lang wie der Dübel • Der Abstand zu Felskanten beträgt mindestens die Dübellänge • Bei Klebehaken ist die Bedienungs­ anleitung des Klebers zu befolgen und die vollkommene Aushärtung zu überprüfen


Südtiroler Athleten rocken Arco Jugenditalien­ meisterschaften 2019 Die diesjährigen Jugenditalienmeisterschaften fanden zum ­ersten Mal für alle Kategorien an einem einzigen, verlängerten Wochen­ende statt. Es waren ins­ gesamt 702 Athleten aus über hundert Vereinen anwesend, davon ­kamen 60 Kletterkids aus Südtirol.

D

ie Italienmeisterschaften waren für die Südtiroler sehr erfolgreich. Die zwei besten Mannschaften kamen aus Sudtirol: In der Kate­gorie U14 gewann der AVS Passeier und der AVS Brixen wurde Dritter; In der Kategorie U20 holte sich der AVS Meran den Mannschaftstitel. Insgesamt standen 32 Mal Südtiroler Athleten am Podium: 22 Einzelmedaillen und 10 Medaillen für die Gesamt­wertung. Goldregen Erfolgreichste Athletin war Bettina ­Dorfmann vom AVS Brixen mit vier Goldmedaillen. Sie gewann in allen Disziplinen, Speed, Boulder und Lead, und holt sich somit souverän die Gesamtwertung. Alex Pichler (AVS Meran) gewann ebenfalls vier Medaillen: Gold im Lead und Silber in Speed und Boulder und klar die Gesamtwertung. Der Grödner Filip Schenk (Fiamme Oro), war der dritte Athlet im Bunde, der die Gesamtwertung für sich entschied. Er siegte im Lead und wurde Dritter im Boulder. Einzelsiege gingen weiters an L­ eonie Hofer (AVS Passeier) im Speed, die in der Gesamtwertung ausgezeichnete Zweite wurde. Es siegten Johannes ­Egger (AVS Bruneck) im Boulder und Elisabeth Lardschneider (AVS Meran)

Eine Klasse für sich: vier Goldmedaillen für Bettina Dorfmann Foto: Piero Balestrini

und Jana Messner (AVS Brixen) im Lead. Am Podium in der Gesamt­wertung standen als Zweite noch Maxi­milian Hofer (AVS Gherdeina) und D ­ avid ­Piccolruaz (AVS Meran). David Grasl und Vanessa Kofler (beide AVS Passeier), Oliver Root (AVS Brixen) und Johannes Egger (AVS Bruneck) wurden Gesamt-­ Dritte. Daniela Augscheller (AVS Passeier) und Jonathan Pallhuber (AVS Bruneck) wurden im Lead Dritte und Vanessa Kofler (AVS Passeier) ­wurde im Lead ausgezeichnete Zweite und im Boulder Dritte. Top-Ten-Platzierungen gab es noch für Matilda Moar (AVS Brixen), Lena

Santoni (AVS Passeier), Elsa Giupponi (AVS Meran), Lukas Pixner (AVS Pas­ seier), Evi Niederwolfsgruber (AVS Bruneck), Alina Benazzi (AVS Meran), Lena Trojer (AVS Meran), Andreas ­Cagol (AVS St. Pauls), Jan Schenk (AVS Meran), Jonathan Kiem (AVS Meran), Nora Rainer (AVS Meran) und Jana ­Sanin (AVS Meran). Ulla Walder

Die Athleten des AVS-Landeskaders ­­werden unterstützt von Salewa und Alperia

Athlet

Verein

Kategorie

Speed

Boulder

Lead

Gesamt

Bettina Dorfmann

AVS Brixen

U12F

1.

1.

1.

1.

Daniela Augscheller

AVS Passeier

U12F

3.

Alex Pichler

AVS Meran

U12M

2.

2.

1.

1. 3.

David Grasl

AVS Passeier

U12M

2.

Leonie Hofer

AVS Passeier

U14F

1.

3.

2.

Vanessa Kofler

AVS Passeier

U14F

3.

2.

3.

Maximilian Hofer

AVS Gherdeina

U14M

2.

3.

2.

Oliver Root

AVS Brixen

U14M

2.

3.

Jonathan Pallhuber

AVS Bruneck

U16M

3.

Elisabeth Lardschneider

AVS Gherdeina

U18F

1.

Johannes Egger

AVS Bruneck

U18M

1.

3.

Jana Messner

AVS Brixen

U20F

1.

Filip Schenk

Fiamme Oro

U20M

3.

1.

1.

David Piccolruaz

AVS Meran

U20M

3.

2.

Bergeerleben 05/19

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AVS aktuell Beim Testen des Mirkofriends am Ende der Route „McIntosh“. Ein mulmiges Gefühl vor dem Sprung ins Seil: Hält der Friend? In der Route „Fanta“ bewältigt man die ­erste Schlüsselstelle, die bestens abgesichert ist. Danach kommt die zweite Stelle, von der man einen langen Runout bis zum Umlenker hat Fotos: Matthias Dilitz

Friend, immer mit dem Hinter­ge­dan­ ken, dass mich ein Neun-Meter-Flug erwartet, wenn er ausbrechen sollte. Glücklicherweise saß er bombenfest. Also ging’s an den Durchstieg und ich konnte auch diese Route clean punkten.

Morderplottn Trad Drei knackige 7a-Routen im Trad-Stil Eine Sportkletterroute clean – das heißt ohne Verwendung der Bohrhaken – begehen? Eine verrückte Idee. AVS-Jugendführer Benjamin Kofler ist im Klettergarten Morderplottn bei Kurtatsch drei tolle 7a-Sportkletterrouten in Selbst­ absicherung geklettert. Fanta So war es auch im Sommer 2018, als die Idee aufkam, die Route „Fanta“ clean (nur mit mobilen Sicherungen) zu klettern. Ich checkte die Sicherungen, schaute, wo ich welche Friends und Keile unterbringe. Nach ein paar Runden auf der Route wagte ich den Vorstieg, etwas nervös beim Einstieg startete ich los, mit jedem Meter wurde ich sicherer, voll fokussiert auf die Bewegungen. Die Schlüsselstelle ist gut ­abgesichert, danach, nach der Hälfte der Route wird die Kletterei leichter, jedoch hat man einen sehr langen Runout bis zur Kette. (Ab hier war, 34

Bergeerleben 05/19

glaube ich, mein Sicherungspartner nervöser als ich). Mit voller Konzentration ging’s immer näher zum Umlenker. Der Druck verflog, sobald ich den letzten Henkel in der Hand hatte. McIntosh Nachdem ich wieder am Boden war, schweiften meine Gedanken aber schon zur nächsten Route. Gleich daneben befindet sich „McIntosh“. Klettertechnisch schwieriger und mit spärlicheren Absicherungen, ich verwarf die Idee aber wieder und erst heuer, Anfang Juni, hängte ich mich rein und checkte dort die Sicherungen. Von der Mitte, oberhalb der schwierigen Stellen, bringt man nur zwei Mikro-­Friends unter. Bevor ich einen Durchstieg versuchen konnte, musste ich s­ icher sein, dass ein Sturz am Ende der Route, wo sich die Schlüsselstelle befindet, auch sicher genug ist. Ich platzierte den letzten Friend und machte einige Stürze. Ich sprang einige Meter in den

Weather Report Nummer zwei erledigt, blieb nur noch die dritte 7a übrig, „Weather Report“! Die schwierigste der drei Routen, die erste Hälfte mit zweifelhaften Sicherungen, dafür ab der Hälfte, wo sie bis zum Umlenker immer steiler und knackiger wird, besser absicherbar. Ich kontrollierte wieder die Sicherungen und machte eine Runde mit den Expressen und legte zugleich die ­Friends, um zu schauen, wo ich etwas an den Bewegungen ändern müsse. Ich war voller Motivation, sodass ich ­direkt einen cleanen Versuch startete. Jeder Zug saß perfekt, den Fokus immer auf die nächsten Meter, bis nur noch der letzte Zug übrig blieb. Wahnsinn, die Morderplotten-Trad-Trilogie ist geschafft! Eine Idee, die entstand, um meine mentale Stärke zu erweitern und zu testen. Keine klettertechnisch schwierige, aber dafür eine mentale Herausforderung, die nun auf eine ­cleane Wiederholung wartet. Benjamin Kofler


Klettern im Süden Südtirols Klettergarten Morderplottn Die südseitig gelegene Morderplottn hoch über Kurtatsch ist ­einer der ersten Klettergärten ­Südtirols. Seit mehr als 30 Jahren wird dort geklettert. Die Sektion Unterland und die lokalen Kletterer halten ihr Kletterwandl bis heute vorbildlich in Stand.

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as Gebiet wird nicht nur von Einheimischen besucht, sondern auch von ausländischen Kletterern als willkommener Zwischenstopp beim Weg in südliche Kletter­ gefilde. Auch die Kletterteams aus dem Unterland nutzen die Wand; zum ↗ Graun

Foto: Benjamin Kofler

Training und um ihre Kletterkids mit der Kletterei am Felsen vertraut zu ­machen. Sonnige Kalksteinwand Es handelt sich um eine vorwiegend senkrechte, leicht überhängende Wand in kompaktem Kalkgestein. Alle Routen sind technisch sehr anspruchsvoll und befinden sich im mittleren bis hohen Schwierigkeitsbereich. Die ­Kletterei ist abwechslungsreich und kraftraubend. Die Wand ist durch ihre südliche Ausrichtung das ganze Jahr über bekletterbar. An heißen Tagen ist Klettern jedoch erst ab dem späten

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↖ Fennberg

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Nachmittag ratsam. Die Sonne am Felsen genießen auch Reptilien jeder Art, so wurden vor allem im Frühjahr Sichtungen von Schlangen am rechten Wandband gemeldet. Links der Route „Fanta“ wurde eine neue Route eingebohrt mit dem Schwierigkeitsgrad 6c. Die Anfahrt erfolgt über Kurtatsch und von dort Richtung Fennberg/ Graun. Das Verhältnis mit dem Grundbesitzer war von jeher gut und damit das auch so bleibt, beachten wir Kletterer die Parkvorschriften und hinterlassen den Wandfuß in geordnetem Zustand! Auf keinem Fall soll hinter der Schranke geparkt werden, da es sich um Privatbesitz handelt und damit die Zufahrt versperrt wird. Der offi­ zielle Parkplatz befindet sich auf der Straße von Kurtatsch nach Fennberg, wo es kurz nach der Kehre Nr. 4 Einbuchtungen gibt. Auf der „alten ­Grauner Straße“, die nur für Anrainer befahrbar ist, geht es zu Fuß bis zur XI. Kreuzwegstation bergauf und dann nach links, wo die Wand bereits sichtbar ist. Ulla Walder

↙ Neumarkt

Bergeerleben 05/19

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AVS aktuell

Es geht rund! Klettersimulator mittels Kletterscheibe Die Scheibe ist ein Klettersimulator. Der geringe Platzbedarf, die einfache Bedienung durch nur eine Person und die hohe Sicherheit, machen die Scheibe zu einer tollen Alternative bei Veranstaltungen.

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or über 20 Jahren übergab ­Reinhold Messner der AVS-­ Sektion Meran eine automatisierte, drehbare Kletterscheibe. Die Sektion Meran hat sie der Landes­ geschäftsstelle zur Verfügung gestellt, die sich seither um die Instandhaltung und den Verleih an die Sektionen und Ortsstellen kümmert. Die Kletterscheibe ist als Prototyp in den 1990er-Jahren an der Universität Potsdam vom Sportwissenschaftler Dieter Lazic entwickelt worden. Unseres Wissens gibt es nur zwei Exemplare, das zweite Modell ist in Deutschland im Einsatz. Nachdem vor sechs Jahren die Schaltung kaputtging, ­entwickelten unter der Leitung von Professor Heidegger der Technologischen Fachoberschule „Max Valier“ in Bozen zwei seiner Schüler im Rahmen

der Projektarbeit der 5. Klasse einen ­neuen Schaltplan samt Programm und Schaltung. Vielseitiger Klettersimulator Nun strahlt die Kletterscheibe wieder in neuem Glanz und ermöglicht sowohl einen rein manuell- als auch einen ­programmgesteuerten Betrieb. Die Geschwindigkeit, Drehrichtung und Neigung der Scheibe können beliebig verstellt werden. Für den Transport der Kletterscheibe werden ein Laster mit Kran oder Hebebühne sowie ein Stapler benötigt. Weitere Infos für den Verleih: sportklettern@alpenverein.it. Ulla Walder

TECHNISCHE DATEN Grundfläche gesamt 2,25 x 3,50 m Grundfläche ohne Räder 1,80 x 3,30 m Stellfläche 4,00 x 4,00 m Fläche Kletterscheibe: Ø 2,80 m Benötigte Raumhöhe: min. 3,50 m Gewicht 350 kg

Kletterscheibe in Probephase in der TFO „Max Valier“ Foto: Ulla Walder

Neuer Mitarbeiter in der Landesgeschäftsstelle – Bereich Kultur Ich bin Stephan Illmer und komme aus dem Burggrafenamt. Nach der ­Matura am Realgymnasium Meran habe ich in Innsbruck Philosophie und Kulturwissenschaften studiert und mehrere Jahre dies- und jenseits des Brenners im Hochschulwesen und im Bereich Umweltbildung ­gearbeitet. Zum Bergsteigen bin ich durch die „Zugvögel“ Lana gekommen und ­daher bald auch Alpenvereinsmitglied geworden. Noch während meiner Studien­zeit habe ich angefangen, 36

Bergeerleben 05/19

ehren­amtlich im Verein mitzuarbeiten – zunächst im Referat Natur und Umwelt, anschließend im Kulturreferat, ­zuletzt auch im Bergrettungsdienst. Seit Mai bin ich nun in der Geschäftsstelle für die Berg-Kultur zuständig und darf s­ omit auch beruflich die eine Passion (für das Alpine) mit der anderen (für das Kulturelle) ver­ binden.


in memoriam

Danke Albert In Erinnerung an Albert Ploner, einem Vorbild an Gemeinschaftssinn und Lebensmut

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ine große Menschenschar hat unlängst am Friedhof in Niederdorf Abschied genommen. ­Abschied von unserem Ehrenmitglied des Gesamtvereins und der Sektion Hochpustertal. Seit der Wiedergründung der Sek­ tion im fernen Jahr 1957 war Albert stets treibende Kraft, in der Sektionsleitung wie auch in der Ortsstelle Nieder­dorf/Prags, mit einem großen Herzen für die Jugend, aktiv im Wegebereich und bei der Hilfe am Berg. ­Obwohl er die letzten 32 Jahre im Rollstuhl lebte, in den Gesprächen über die Berge und den Verein war er stets dabei. Was bleibt, sind die Erinnerungen an seine Ausstrahlung, seinen Lebens­mut und seine Begeisterungsfähigkeit für das Bergsteigen als Lebens­schule. Was bleibt Dieses Bild kann kaum treffender nachgezeichnet werden als durch die bewegenden Worte seiner Tochter Carmen, aus deren Gedenkrede wir ­einiges zitieren. „Als das Leben unseres Vaters am Dienstagmorgen zu Ende ging, brach gerade ein neuer, wolkenloser Tag an und mir war es, als würde Albert sich aufmachen zum Sonnenaufgang auf den Dürrenstein. Hier und heute drängt sich die Frage auf: Was bleibt von diesem langen, erfüllten Leben mit seinen vielen Höhen und Tiefen? Sind es die vielen Lebensjahre? Sind

es Urkunden, Medaillen, Auszeichnungen? Oder die Tausende Fotos und Dias, die unzähligen geordneten Schriftstücke oder die konsequent ­geführten Tagebücher? Es ist wohl mehr als das. Es sind die vielen Erinnerungen an einen Menschen, der Ja sagte zum Leben und zu allem, was es ihm brachte – der sich mit positiver Kraft und Einstellung auch den Hürden und Grenzen gestellt und diese mit­ gestaltet hat. Liebe zur Familie und zu den Bergen Albert war viel auf Arbeit unterwegs und in Vereinen engagiert. Und trotzdem lag sein großes Bemühen immer darin, für die Familie zu sorgen. Gerade durch seine Behinderung nach dem Unfall bewahrte er seine Auto­ nomie und Selbständigkeit, konnte aber auch Hilfe annehmen und musste dies auch. Seine große Liebe zur Natur, zu den Bergen und zu seinem Alpenverein hat ihm für jede Lebenssituation Kraft gespendet und ihn wohl auch viel Weisheit gelehrt. Hängend in der Kletterwand in jungen Jahren, wandernd in Bergschuhen oder auf Tourenskiern, muss er so viele tiefe, bereichernde Momente erlebt haben, dass sie ihm für das Leben im Rollstuhl Kraft und Lebensmut gegeben haben. Ein treuer Freund Der Sport bereicherte auch mit Beeinträchtigung sein Leben und gab ihm so viel, dass er von seiner Motivation

Foto: AVS-Archiv

auch noch an andere in ähnlichen Lebens­schicksalen abgeben konnte. Albert konnte begeistern: am Berg, im Alpenverein, in der Bergrettung und in der Sportgruppe für Körper­ behinderte. Viele tiefe Freundschaften durften entstehen und bestehen. Albert war ein guter, ein offener, ein treuer Freund, der ein ehrliches Interesse an und ­Respekt vor dem Tun anderer h ­ atte. Sein Tod macht uns traurig, sein verschmitztes Lachen, die Gespräche mit ihm, er selbst werden uns sehr fehlen, aber wir wollen ihn nun gehen lassen und wünschen ihm von Herzen, dass er seinen Rollstuhl und die Leiden der letzten Zeit weit über Bord werfen und seinem Schöpfer auf eigenen Beinen entgegenlaufen kann.“ Persönlich tut es mir leid, dass er unsere Feier zum 150-jährigen Jubi­läum in Toblach nicht mehr miterleben konnte. Er war mir ein guter Freund und Rat­ geber seit meinen Anfängen in der Sektion und uns allen im Alpenverein Südtirol. Danke Albert. Gislar Sulzenbacher

Bergeerleben 05/19

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AVS aktuell

Die Schlernbödelehütte Hüttenserie: AVS-Hütten

Die Schlernbödelehütte befindet sich in einer kleinen Waldlichtung unter den Ostabstürzen des Schlern. Durch ihre reizvolle Lage im Naturpark Schlern-Rosengarten etwas abseits vom Trubel der Seiser Alm wird sie bei Genusswanderern als Wanderziel sehr geschätzt.

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ie nahen Dolomitenwände der Burgstallwand, der Santnerspitze, des Mumelterkopfs oder des Schattenkofels machen sie zu einem idealen Ausgangspunkt für Klettereien. Die Besteigung des Schlerns selbst ist über den Normalweg oder, etwas anspruchsvoller, über den Gamssteig möglich. Vom Schlernplateau aus lassen sich wiederum Wanderungen zu weiteren Schutzhütten in

den westlichen Dolomiten unternehmen. Der Normalzustieg führt in 1,5 Stunden von Bad Ratzes (1.200 m) oberhalb von Seis auf die Schlernbödelehütte. Etwas länger, aber gemüt­ licher, weil weniger steil, läuft es sich direkt von Kompatsch (1.842 m) auf der Seiser Alm. Empfehlenswert ist auch der Geologensteig über die Prossliner Schwaige. Die Abfolge der lokalen Gesteinsschichten wird hier entlang des Frötschbaches in zehn Stationen erläutert, selbst säulenförmige Basalte und Kissenlaven lassen sich hier bestaunen. Ersatz für das Schlernhaus Für die Sektion Bozen war der politische Verlust ihres Schlernhauses nach dem Ersten Weltkrieg ein herber Rückschlag. Die stolze Unterkunft auf dem

Hochplateau des Südtiroler Symbolberges wurde nicht nur wegen der grandiosen Aussicht in einmaliger Lage geschätzt und bewundert, sie war auch Zeichen der Bozner Vereinsstärke. Als sich nach der Neugründung des Alpenvereins Südtirol im Jahre 1946 abzeichnete, dass mit einer Rückführung des Schlernhauses nicht zu rechnen sei, wurde am sogenannten Schlernbödele unter den Schlern­ wänden der Bau einer Schutzhütte ange­regt. Hier bestand bereits eine kleine Schwaige, die in jener Zeit Bergsteigern als Kletterstützpunkt diente, übernachtet wurde damals noch im Heulager. Im Jahr 1958 konnten die ersten Bauarbeiten beginnen.

Unter den Felswänden des Schlern: die Schlernbödele­hütte Foto: Theo Daum

Für Touren auf das Schlern­plateau eignet sich die Hütte wunderbar als Stützpunkt Foto: Martin Niedrist

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SCHLERNBÖDELE­HÜTTE (1.693 M) Hüttenwirtin Verena Wolf Öffnungszeiten von Mitte Mai bis ­Anfang Oktober Kontakt Tel. Hütte: +39 0471 705345; 0471 1885169 info@schlernboedelehuette.it www.schlernboedelehuette.com Schlafplätze 20 im Matratzenlager, 2 im Winterraum Anreise mit Bus und Bahn: mit der Bahn oder Linienbus nach ­Bozen oder Brixen, dann mit Linienbus nach Seis Hüttenzustieg Normalzustieg von Bad Ratzes ­oberhalb Seis in ca. 1,5 h Tourenmöglichkeiten Schlern (Petz, 2.568 m), Burgstall (2.516 m), Roterdspitze (2.655 m) Nachbarhütten Schlernhaus (2.450 m), ­Tierser Alpl (2.440 m), Grasleiten­hütte (2.134 m)

­ unächst war lediglich eine SelbstverZ sorgerhütte geplant, aufgrund der hohen Besucheranzahl wurde die Hütte allerdings bereits im Folgejahr bewirtschaftet. Die offizielle Einweihung der „Johann-Santner-Hütte am Schlern­ bödele“ erfolgte schließlich 1961. Im Laufe der Zeit wurden eine Materialseilbahn errichtet und weitere bauliche Anpassungen durchgeführt. Im April des Jahres 1984 zerstörte ein gewaltiger Lawinenabgang die Schlernbödelehütte, an eine Sanierung war nicht mehr zu denken. Die Wiedererrichtung erfolgte gemeinsam mit der Sektion Schlern rund 80 Meter vom alten Standort entfernt. In kürzester Zeit schafften es die ambitionierten Sektionen Bozen und Schlern, den etwas größeren Holzblockbau zu reali­ sieren. Die Holzbauelemente wurden im Tal zusammengestellt, wieder zerlegt und per Helikopter zum Bauplatz transportiert. Die Einweihung der ­neuen Hütte fand am 15. Juni 1986 mit einer großen Feier statt.

Kinderfreundliches Ausflugsziel mit feiner Küche Die Schlernbödelehütte nimmt an den beiden Alpenvereins-Initiativen „So schmecken die Berge“ und „Mit Kindern auf Hütten“ teil. Für die Zubereitung der typischen Südtiroler Gerichte werden vorrangig Lebens­ mittel aus der Umgebung verwendet, was die regionale Wirtschaft fördert und die natürlichen Ressourcen schont. Die Bewirtschaftung ist auch

auf Familien mit Kindern ausgerichtet und die umgebende Natur wird schnell zum spannenden Erlebnisraum. Martin Niedrist

Die Schlernbödelehütte mit seiner Umgebung ist ein hervorragendes Wanderziel für Familien mit Kindern Die Hüttenwirte Verena Wolf (2. v. l.) und Erich ­Federspieler Fotos: Thomas Rötting

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Gipfelgespräche

„Ich bin mit Leib und Seele Hüttenwirt!“ Gottfried Leitgeb, 40 Jahre Hüttenwirt der AVS-Rieserfernerhütte Der Antholzer Gottfried Leitgeb ist seit 40 Jahren Hüttenwirt der AVS-Rieserfernerhütte (2.798 m). Bereits beim Hüttenbau wirkte der heute 62-Jährige mit und hat dementsprechend viel zu erzählen. Wie entstand die Rieserferner­ hütte? Im Gebiet der Rieserfernergruppe war ich schon im Alter von sechs ­Jahren als Hüterbub beschäftigt, die Berge waren somit mein sommerliches „Wohnzimmer“. Später, als Mechaniker, arbeitete ich hauptsächlich im Bau von Materialseilbahnen. So war ich auch 1975 beim Aufstellen der Materialseilbahn für den Bau der Rieserferner­ hütte dabei. Während des Baus der AVS-Schutzhütte logierten wir nebenan in der ehemaligen Fürther Hütte, die zur Ruine verkommen war und spä40

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ter abgerissen wurde. Der Hüttenbau der Rieserfernerhütte auf nahezu 2.800 Metern war sehr schwierig, sämtliches Material musste mit der Bahn von Antholz aus hinauftransportiert werden, Hubschraubereinsatz gab es damals noch nicht und Sturm und Schnee behinderten immer wieder den Baufortschritt. Vom AVS aus war ich gewissermaßen zur Bauaufsicht und als Koch für die Arbeiter engagiert. 1980 wurde die Hütte eingeweiht. Warum hat man nicht einfach die alte Fürther Hütte renoviert? Die Fürther Hütte wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom Militär besetzt und galt als militärstrategischer Punkt zur Verteidigung der Landesgrenze, konkret des Gebietes um den Staller Sattel. In der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg positio-

nierten italienische Alpini Geschütze und Mörsergeschosse, Plattformen davon sind heute noch vorhanden. Wegen der militärstrategischen Wichtigkeit übertrug man nach dem Zweiten Weltkrieg die Hütte nicht dem CAI, sondern behielt sie als Verteidigungsstützpunkt in Grenznähe. Mit zehn ­Jahren war ich das erste Mal auf der Fürther Hütte und auf dem Magerstein. Die Gaststube war damals arg beschädigt, das Holz vom Dachstuhl wurde verheizt, somit drang Wasser und Schnee ein und die Hütte wurde zusehends unbewohnbar. Aus alpinistischer Sicht war der Standort nach wie vor interessant, und so entschied der AVS, neben der Fürther Hütte einen neuen alpinen Stützpunkt namens Rieserfernerhütte zu bauen. Die Fürther Hütte renovieren wollte man nicht, da man fürchtete,


Die AVS-Rieserfernerhütte ist sowohl vom Antholzer wie vom Tauferer Tal aus ein ­lohnendes Wanderziel mit zahlreichen ­Gipfelmöglichkeiten zu den Dreitausendern der Rieserfernergruppe 40 Jahre Hüttenwirt unter der Fahne des Alpenvereins Südtirol Fotos: Gottfried Leitgeb

Einzig mein damals bereits 80-jähriger Vater traute es mir zu: „Du schaffst das schon!“, sagte er. Und ich packte an. Den Mut hab’ ich wohl in den ­Genen: Mein Ururgroßvater ­Josef ­Leitgeb war bei den Tiroler Freiheitskämpfern und wurde von den Franzosen erschossen.

dass das Verteidigungsministerium als damaliger Besitzer möglicher­ weise erneut die Hütte besetzen ­könnte. Und wie wurdest du Hüttenwirt? Der Auslöser war ein Ereignis am 9. September 1978, als meine Schwester Maria bei einer Bergtour am ­Sassongher tödlich abstürzte. Ich selbst war bis dahin begeisterter Bergsteiger, war am besagten Tag an der Gelben Kante in den Zinnen unterwegs. Der Unfall aber bewog mich umzu­denken. Ich wollte in den Bergen sein, aber mit weniger Risiko. Da bot sich für mich die Führung der Hütte regel­recht an. Allerdings war ich mit 23 Jahren noch recht jung und hatte keine Erfahrung in der Gastronomie. Man prophezeite mir, dass ich nicht ­imstande wäre, die Hütte zu führen.

War der Anfang schwierig? Der Anfang war nicht leicht, es gab Saisonen mit schlechtem Wetter, wo ich knapp an den roten Zahlen vorbeischlitterte, aber der Idealismus versiegte nie. Seitdem bin ich im Sommer mit Leib und Seele Hüttenwirt, im ­Winter bin ich im Seilbahnwesen tätig. Ich ­hatte auch das ganz große Glück, eine Frau zu finden, die mein Leben als Hüttenwirt teilt; Christl hat mir immer den Rücken gestärkt. Wenn die Familie nicht mitmacht, geht es nicht, auch meine Brüder halfen mir viel vom Tal aus. Am 25. Juni 1985 überlebte ich einen Lawinenabgang, als ich nach Neuschnee ins Tal absteigen wollte. Zum Glück konnte ich mich selbst aus der Lawine befreien und wieder zur Hütte hinaufsteigen. Erst dort, als der Schock nachließ, bemerkte ich die Blutungen, die auf innere Verletzungen deuteten. Bei Sturmwind fuhr man mich mit der Materialseilbahn ins Tal hinab, von wo man mich gleich ins Krankenhaus brachte. Einmal zog ich mir nachts bei einem Bergrettungseinsatz eine Sprunggelenksverletzung zu und musste dann in diesem Zustand die Hütte führen, das war eine „harte G’schicht“. Ein anderes Mal stürzte ich im Nahbereich der Hütte in eisigem Gelände ab. Wenn du solche Sachen überlebst, gewinnst du an Erfahrung und wirst bescheidener und dankbarer für jeden neuen Tag. Du brauchst einfach ganz viel Glück im Leben!

Wie wird die Hütte energie­ technisch versorgt? Früher gab es ein Stromaggregat, das benutzen wir nur mehr im Notfall. Die elektrische Energie gewinnen wir aus Windkraft und aus einer 60 m² großen Fotovoltaikanlage. Wir sind energietechnisch vollkommen autark. Nur die Materialseilbahn wird mit Strom aus dem Tal versorgt. Da immer wieder Blitzeinschläge einen Stromausfall verursachen, musst du stets 100 Kerzen für das Licht zur Verfügung haben, und ein Holzofen gibt im Notfall Wärme. Als Hüttenwirt reicht es nicht aus, nur Gastronom zu sein, du musst auch ­einiges von Technik verstehen. Hat sich in den 40 Jahren der ­Anspruch der Gäste verändert? Ja, natürlich. Ich bin heute ein Hüttenwirt mit Laptop und Lederhose. Das Bergeerleben 05/19

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Gipfelgespräche

„Die Entwicklung, dass auf Schutz­ hütten quasi Hotelstandard verlangt wird, gibt mir zu denken. Ich wünsche mir, dass der Mensch wieder mehr ­zurück zur Bescheidenheit gelangt.“ Gottfried Leitgeb

heißt, dass ich die moderne Technik begrüße, aber Traditionen und Bräuche bewahre. Bei mir gibt es in der Gastronomie keinen Schnickschnack, sondern traditionelle Küche aus ­regionalen, gesunden Lebensmitteln. Heute verwechseln manche Gäste eine Schutzhütte mit einem Hotel, aber das ist auf 2.800 Metern gar nicht möglich und auch nicht gewollt. Die Entwicklung, dass auf Hütten quasi Hotel­ standard verlangt wird, gibt mir zu denken, genauso wie die überbordende Bürokratie. Ich wünsche mir, dass man wieder mehr zurück zur Bescheidenheit gelangt.

Du bist auch in der Bergrettung ­tätig … Der Unfall meiner Schwester war auch Motivation, mich voll in die Bergrettung BRD einzubringen. Am 2. November 1979 wurde die BRD-Sektion Antholz im Alpenverein unter der Leitung von Sepp Bachmann gegründet, ich war dessen Stellvertreter, wir waren die treibenden Kräfte. Nach ein paar Jahren übernahm dann ich für 24 Jahre die Leitung. Später entwickelte sich das First-Responder-System im BRD als Helfer vor Ort für Rasen und Antholz, was sich sehr gut bewährt. Bergrettungseinsätze haben wir im Schnitt

„Du kannst dich in den Bergen in vielerlei ­Hinsicht entfalten. Der Horizont weitet sich.“ Gottfried Leitgeb

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15 bis 20 zu verzeichnen, Helfer-­vor-­ Ort-­Einsätze bis zu 80 im Jahr. Die ­Arbeit beim BRD ist für mich bis heute Lebens­inhalt. Ihr wart auch sonst beim BRD recht innovativ unterwegs … Die relativ vielen Unfälle im Gebiet um den Hochgall brachten mich auf die Idee, eine Notrufsäule mit Funksystem im Bereich Riepscharte aufzustellen. Es war ein großes Problem, die Finanzmittel für diese Säule aufzutreiben und ich musste sogar Bürge machen, um Gelder für diese Investition für den BRD zu erhalten. Die Notrufsäule diente zur Alarmierung von Unfällen, Handys gab es ja noch nicht. Wir ­waren mit dem System revolutionäre Vorreiter, doch es war auch umstritten, ob es das überhaupt brauche. Als dann allerdings die Handys aufkamen, erübrigte sich die Notrufsäule und wir bauten sie ab.


Wie hat sich im Hüttenbereich der Gletscher in den 40 Jahren ­verändert? Bereits seit den 1980er-Jahren ist der Gletscherrückgang zu beobachten. Durch die Auftauung des Permafrostes bekommen wir Probleme durch Muren, Geröllabgang und Felsstürze, der Hüttenzustieg musste bereits umgeleitet bzw. anders angelegt werden. Durch Schutzbauten können wir vorbeugend wirken, auszuschalten ist das Szenario aber nicht mehr. Das hat mit der globalen Erwärmung zu tun und wird sich noch verstärken. Auch das Trinkwasser wird ein Thema. Winter mit mehr Schnee sagen gar nichts aus, im All­ gemeinen wird es schlimmer werden. Ich beobachte auch, dass die Vegeta­ tion immer höher steigt. Früher gab es im Hüttenbereich nur den Gletscherhahnenfuß und das stengellose Leimkraut, jetzt wachsen schon Primeln. Es ist unumstritten, dass der Mensch einen Teil der Schuld am Klima­wandel trägt. Die Bevölkerung nimmt immer mehr zu und immer mehr fossile Brennstoffe werden verbraucht. Da nützt kein Schönreden. Du hast in Hüttennähe auch wertvolle Funde gemacht … Mein Steckenpferd ist die Heimat­ kunde und so bin ich mit der Ge­schich­ te des Tales verbunden, vor allem, was die Ur- und Frühgeschichte betrifft. So ist es naheliegend, dass mein Forscherauge stets wach ist. Der Rückgang des Gletschers bewirkte, dass ich im September 1991 im Bereich der Schützhütte Stoffreste entdeckte, die dann als 3.000 Jahre alte Beinkleider bestimmt wurden. Sie sind h ­ eute im Archäologiemuseum in ­Bozen neben dem Ötzi zu sehen. Ein weiterer interessanter Fund war 2008, als ich in der Nähe der Hütte ­Teile eines Fallschirms fand. Sie stammen von einer Boing B-17 Flying Fortress, einem schweren Bomber der US-Luftstreitkräfte, der in der Gegend der Mittertaler Ochsenalm in Antholz am 19. Dezember 1943 abgestürzt war. Dabei war auch ein Erste-Hilfe-Set mit Morphium­spritze und unberührtes Verbandsmaterial. Meine Recherche

Der Fallschirm eines amerikanischen Piloten, 1943 über dem Antholzer Tal ab­gestürzt, ­gehört neben eisenzeitlichen Schneegamaschen zu Gottfrieds b ­ edeutendsten Gletscherfunden Fotos: Südtiroler Archäologiemuseum

ergab, dass die Teile dem Flugzeug­ kapitän gehörten, der den Absturz überlebte. Der damalige Luftangriff durch die deutsche Wehrmacht war über Innsbruck, die amerikanische ­Maschine bog Richtung Italien ab und zerschellte bei der Ochsenalm. Die Fundstücke waren diesen Sommer bei einer Sonder­ausstellung im Naturparkhaus in Sand in Taufers zu sehen. Weiter hoffe ich immer noch, dass ich durch den Gletscherrückgang ein besonderes Tier entdecke, und sei es auch nur ein winziges, seltenes Insekt. Sehenswert in der Nähe der Schutzhütte sind auch die fantastischen ­Eishöhlen, die sich immer wieder neu bilden und vergehen, es sind wandelbare Naturdenkmäler. Wie lange wirst du noch die Hütte führen? Von meiner Passion her denke ich, noch einige Jahre weiterzumachen, ­solang ich es gesundheitlich schaffe. Meine Tochter Iris und ihr Freund ­zeigen Interesse, die Hütte weiterzuführen. So stelle ich mir vor, künftig die Logistik der Hütte zu übernehmen und nicht mehr 16 bis 18 Stunden am

Tag arbeiten zu müssen. Ja, ich möchte mich schon etwas mehr zur Ruhe ­setzen und schauen, dass die jungen Leute weitermachen. Sehr gut passt mir das einjährige Pachtsystem im gegenseitigen Einverständnis mit dem AVS, das ist für beide Parteien gut überschaubar. Anfangs gab es lange Pachtverträge, das war belastend. Was machst du in deiner Freizeit im Tal? Ich bin bei den Pustertaler Mineraliensammlern, mich interessiert aber mehr die Geologie und weniger die Steine an sich. Vor allem bin ich leidenschaftlicher Sportschütze mit dem Luftgewehr, nehme auch an Landesmeisterschaften teil und bin im Ausschuss bei den Sportschützen von Antholz. Ich kann da total in mich gehen, noch mehr, als beim Lesen. Ich vertiefe mich liebend gern in Bücher über Geschichte und Archäologie. Wenn ich noch einmal zur Welt komme, werde ich Archäologe oder Geschichtslehrer, aber nicht mehr Bergsteiger. Meine bisher schönsten Zeiten jedoch hab’ ich am Berg erlebt. Ingrid Beikircher

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Gipfelgespräche

Viele Meilensteine mitgesetzt Gislar Sulzenbacher, seit 35 Jahren der ­Generalist im AVS Der gebürtige Welsberger mit Wohnsitz in Brixen ist Geschäftsführer im Alpenverein Südtirol. Wie kein anderer kennt er die Veränderungen des Vereins und ­erlebte das Kommen und Gehen vieler Ehren- und Hauptamtlicher. Wie kamst du zu diesem Job? Bereits seit 1980 war ich als Jugendführer in der Sektion Hochpustertal, Ortsstelle Welsberg/Taisten, tätig und besuchte im Jahr darauf den Tourenleiterkurs. Nach der Matura interes­ sierte mich ein Job im Verwaltungs­ bereich. Als ich hörte, dass der AVS einen Sekretär suchte, bewarb ich mich, ­erhielt den Zuschlag und so ­arbeite ich praktisch seit 1984, meinem 22. Lebens­jahr, in der AVS-Landes­ geschäftsstelle. 44

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Wie hat sich die Arbeit in den ­Jahren entwickelt? Anfangs waren wir zu zweit: Lydia Lantschner war zuständig für das Jugend­referat und ich für die restliche Verwaltungstätigkeit. Die Rahmen­ bedingungen waren natürlich anders, damals mit gut 25.000 Mitgliedern. In wirtschaftlicher Hinsicht z. B. betrug das Budget umgerechnet 110.000 Euro, wovon 80 Prozent durch Mitgliedsbeiträge gedeckt wurden. Heute zählen wir 19 Hauptamtliche, 70.000 Mitglieder, ein Budget von 4 Millionen Euro, wobei die Mitgliedsbeiträge noch immer mit 70 Prozent zu Buche schlagen. Auch der Vereinssitz vergrößerte sich. Einen Teil der vom Staat für die enteigneten Schutzhütten ausbezahlten Entschädigungsgelder verwendete der AVS 1970 für den Kauf eines Vereins­ sitzes am Sernesiplatz in Bozen. Mit dem Umzug in den Vintlerdurchgang

im Jahr 1989 fand ein deutlicher Wandel statt. Mit der räumlichen Erweiterung wurde die erste Landesnotruf­ zentrale – heute 112 – im Sitz des AVS untergebracht und im Sommer während der Heli-Flugzeiten durch die Berg­rettung dauerhaft besetzt. Durch die Zunahme der Mitglieder verstärkte sich der verwaltungstechnische Aufwand, ebenso kamen neue Referate hinzu, sodass es immer mehr Personal erforderte. Und so wurde ich mit der Rolle des Geschäftsführers betraut, die neue operative und strategische Herausforderungen mit sich brachte. Inwiefern veränderte sich die ­operative Umsetzung? Die Zeit ist schnelllebiger geworden, die Kommunikation hat sich intensiviert. Viele Sachen lassen sich heute durch E-Mail und Internet wesentlicher leichter abwickeln. Die mediale Wahrnehmung bedingt zudem, dass der Verein mehr in Szene gesetzt wird, das bringt mehr Herausforderungen mit


In jungen Jahren mit Schwester Gerlind am Dürrenstein … … oder am Piz Boè Fotos: Archiv G. Sulzenbacher

sich. Die Gratwanderung liegt in der Abwägung der Positionierung, in der richtigen Balance. Welche Meilensteine wurden in deiner Zeit umgesetzt? Gleich zu Beginn wurde ich mit der ersten Ausgabe der Vereinszeitschrift „AVS-Mitteilungen“ konfrontiert und im Herbst 1984 fand dann das große Symposium von DAV, ÖAV und AVS in Brixen statt, wo das Sportklettern als alpine Spielform anerkannt wurde. Dieser Schritt war wichtig, um eine Plattform für ehrenamtlich Engagierte zu bilden, was sich in der Folge ja auch bestätigte, und letztendlich um der zwischenzeitlichen Entwicklung im ­Bereich Sportklettern Rechnung zu ­tragen. Das größte Projekt und am arbeits­ intensivsten war das Südtirol-Wege­ projekt. Die Idee dazu entstand bereits 1999, doch bedurfte es geraumer Zeit, bis die Finanzierung des über 4 Millionen Euro umfassenden Budgets gesichert war. Die Digitalisierung und Strukturierung sämtlicher Wanderwege in Südtirol war irgendwo auch „mein Kind“, für das ich mich mit ­besonderem Engagement einsetzte.

Ein weiterer Meilenstein war das Leitbildprojekt 2001, das notwendig wurde, um der wachsenden Struktur entsprechend mehr strukturelle Klarheit im Verein zu verschaffen. Auch diesem Projekt folgte eine Satzungsänderung, wie es deren viele gab; u. a. beim großen Strukturwandel 1996, als alle Sektionen rechtlich eigenständig wurden, bis letzthin mit der Anpassung zur aktuellen Reform des Dritten Sektors auf nationaler Ebene. Bei den Serviceleistungen für unsere Sektionen sind die zentrale Mitgliederverwaltung und die Einführung des zentralen Beitraginkassosytems zu nennen – kaum vorstellbar, dass vor nicht einmal 20 Jahren die Mitgliedsbeiträge vom Kassier noch persönlich eingesammelt wurden. Viele der verwaltungstechnischen Maßnahmen sind durch Erfahrungswerte und im Meinungsaustausch mit dem ÖAV, DAV oder SAC entstanden. Womit ich sagen will, dass auf Geschäftsführerebene ein sehr enger Austausch mit diesen Vereinen erfolgt und wodurch ich sehr viele positive Erfahrungs­werte mitnehmen durfte, die allgemein die Tätigkeit im Alpenverein bereichern. Seit gut drei Jahren sind wir mit der Landesgeschäftsstelle in den neuen, vereinseigenen Sitz in die Giottostraße umgezogen. Und nicht zuletzt war die 150-Jahr-Jubiläumsfeier in Toblach ein persönlicher Höhepunkt meiner haupt­ amtlichen wie auch ehrenamtlichen

Tätig­keit im Alpenverein, zumal ich gleichzeitig auch Zweiter Vorsitzender unserer Sektion Hochpustertal bin. Du hast bisher unter drei ehrenamtlichen Präsidenten gearbeitet. Wie war die Zeit mit ihnen? Grundsätzlich gilt: Alle drei waren für den Verein Glücksgriffe an Motivation, Einsatz und Werteverständnis. Gerd Mayer (1971 – 1990) präsentierte den Verein sehr gut und hatte Führungsqualitäten. Ich empfinde die ersten Jahre unter ihm als eine sehr wertvolle Zeit. Damals vertrat man u. a. die Meinung, dass der Vorsitzende Akade­ miker sein sollte; unter vorgehal­tener Hand war das noch Thema bei der Nachfolge von Luis Vonmetz, der in ­Sachen Alpinerfahrung und Einsatz ­geradezu prädestiniert dazu, beruflich jedoch „nur“ Kaufmann war. Luis (1990 – 2009) war dann charakterlich ganz anders, hatte einen unglaublichen Elan und viel Charisma. Als Jugend­führer hatte ich mit ihm als Landesjugendführer bereits einen guten Austausch. Georg Simeoni (seit 2009) ist der ausgleichende Typ. Auch sein Wissen als Techniker ist sehr wertvoll, zumal ich bis vor drei Jahren den Hütten­bereich noch selbst operativ bearbeitete und mit ihm als Hütten­ referent stets eng und gut konnte. Gewandelt hat sich zwischenzeitlich das Werteverständnis gegenüber einem hauptamtlichen Mitarbeiter. Früher lag die Leitungsfunktion ausschließlich Bergeerleben 05/19

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Gipfelgespräche

Seit 35 Jahren im Dienste der mittlerweile 70.000 Mitglieder Foto: Miriam Federspiel

In der AVS-Landesgeschäftsstelle im ­Gespräch mit Vizepräsidentin und Berge­ erleben-Chefredakteurin Ingrid Beikircher Foto: Theo Daum

bei den Ehrenamtlichen, während heute die Vielfalt und die Intensität der Aufgaben eine große Herausforderung im Führungsverständnis zwischen Ehren- und Hauptamt bildet. Was bedeuten deine 35 Jahre im selben Betrieb: Treue zum Verein oder Traumjob? Ich meine, dass die Grundlage jeder Zusammenarbeit, egal ob kurz oder lang, die gegenseitige Wertschätzung und das vereinbaren gemeinsamer ­Ziele ist. Klarerweise gibt es auch unterschiedliche Meinungen und manchmal Unstimmigkeiten, dann geht es aber um sachliche Argumente und um den Blick auf das große Ganze. Meine Tätigkeit war immer geprägt von interessanten Herausforderungen, aber auch das Tagesgeschäft ist nicht mono­ton, was sicher durch die Vielfalt und Bandbreite im Verein und meinen Arbeitsbereich bedingt ist. Wie siehst du die Zukunft für den AVS? Ich bin fest davon überzeugt, dass die Motivation von Menschen, sich für den AVS ehrenamtlich einzubringen, heute 46

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fast größer ist als früher. Dies allein schon aufgrund der gesellschaftlichen Rolle des Vereins. Nach wie vor sind der Gemeinschaftsfaktor, das Thema Berg und der Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit wesentliche Motivations­ gründe. Verändert hat sich die Form: Wo früher das „Stammtischdenken“ im Vordergrund stand, wird man Mitsprache und Partizipation intensiver einfordern müssen. Rechte und Pflichten bedarf es klar zu definieren, damit der Einsatz entsprechend richtig erkannt und wahrgenommen wird. Ich denke mir oft, dass ein Wertekatalog für einen Verein genauso wichtig ist wie eine Satzung. Und wie diese Wertediskussion geführt und Meinungs­ bildungs­prozesse gestaltet werden, davon hängt meiner Meinung nach die Entwicklung des Vereins ab. Wie war dein persönlicher Zugang zu den Bergen? Als Bub war ich viel mit meinem Onkel in den Bergen unterwegs. Er nahm mich mit zu Wanderungen und Bergtouren. Bereits früh interessierte es mich, meine Heimat zu erleben, ­genauso wie der Schutz von Natur und Umwelt. Das sind seit meiner Kindheit und von elterlicher Seite geprägte Werte. Mit 16 – 17 Jahren kam dann der Alpenverein und mit dem Heranwachsen steigerten sich sukzessive die alpinistischen Interessen zu Touren in Fels und Eis. Ich war nie ein Spitzenalpinist, habe jedoch den Bezug zu allen alpi-

nen Spielformen gesucht, wobei mir Ski- und Eistouren mehr zusagten als das Klettern im Fels. Ein einschneidendes Erlebnis war 1986 ein Sturz im unteren Bereich der Ortler-Nordwand. Es brauchte einige Zeit, diesen Unfall mental zu verarbeiten und körperlich zu heilen: ein verletztes Knie, ein Wirbelbruch und mehrere äußere Verletzungen. Eine Zeit lang war der Berg für mich zum Alptraum geworden. Wobei kannst du ausspannen? Nach wie vor bin ich gern am Berg unter­wegs, egal ob mit dem Verein, mit Familie, mit Freunden oder, nicht ungern, allein. Wobei ich sagen muss: Wenn ich die ganze Woche mit dem Thema Berg konfrontiert bin, benötige ich zwischendurch auch Abstand dazu. Das kann auch bei der Arbeit im ­Garten sein, wo man die Kraft der ­Natur tagtäglich spürt, im Frühling am Wachsen, im Herbst am Vergehen, beim Beobachten von Blumen und ­Insekten. Gibt es für dich einen Sinnspruch? „Wir haben die Erde nicht von unseren Vorfahren geerbt, wir haben sie von unseren Kindern geliehen“, sagte Sitting Bull, ein Lakota-Indianer. Diese Botschaft ist alles andere als abgedroschen und 130 Jahre nach seiner Zeit aktueller denn je. Im Grunde wäre es einfach: weniger Konsum und mehr Zeit – für alle Dinge des Lebens. Ingrid Beikircher


Gipfelgespräche

Ein Schritt zum Berghimmel Erwin Steiner erzählt über Filme und Bergführerwesen

Erwin Steiner aus Prags ist seit 30 Jahren Bergführer und seit über 10 Jahren Ausbildner im Berg­ führerwesen. Sein Fachwissen trug auch zum Entstehen einiger Filme bei.

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um 150-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung der Großen ­Zinne durch Paul Grohmann ­wurde am 21. August der Film „Die Große Zinne“ von Reinhold Messner und Markus Frings uraufgeführt. Die Idee zum Film aber hatte Erwin Steiner.

Erwin, wie kam es zum Film? Schon vor einiger Zeit trat man seitens des Tourismusvereins an mich heran zwecks Ideenfindung für Aktionen zum 150-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung der Großen Zinne. Mit Paul Grohmann befasse ich mich ja schon seit Längerem, und nachdem bereits zwei Bücher über ihn erschienen sind, lancierte ich die Idee, einen Film über ihn zu machen. Dabei wollte ich hauptsächlich die Persönlichkeit Grohmanns und weniger den Alpinisten beleuchtet wissen. Meine Idee kam sofort gut an, und zur Erstellung des Filmes engagierte man Markus Frings. Dieser wie48

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derum holte Reinhold Messner mit ins Boot, was primär nicht geplant war und was auch das Budget um ein Vielfaches steigerte. Zudem erweiterte sich das Thema: Es geht jetzt im Film um die Klassiker an der Großen Zinne wie um Grohmanns Normalweg, um die Dülfer-, die Comici- und die Hasse-­ Brandler-Führe. Eine tolle Szene ist auch, wo Grohman in eine heiße Diskussion mit den Bergführern gerät und ihnen die Notwendigkeit des Alpenvereins erklärt. Was war dein Part beim Film? Ich war in hohem Maße in die Organisation involviert, für Sicherungsarbeiten im Fels und logistische Sachen wie Hubschrauberflüge. Es freut mich sehr, dass die jungen, starken Süd­ tiroler Kletterer wie Manfred Stuffer, Alex Waldboth, Martin Dejori, Didi Niederbrunner, Marc Oberlechner ­sowie weitere Bergführer als Darsteller mitmachen konnten. Die Rollen von Grohmann und Dülfer übernahm Messners Sohn Simon, der Schau­ spieler Anton Algrang verkörperte Paul Grohmann. Das Tolle am Film ist, dass 90 Prozent an den Originalschauplätzen gedreht wurde.

Wie war die Zusammenarbeit mit Reinhold Messner? Reinhold ist eine einzigartige Persönlichkeit mit einer unglaublichen Energie. Ich habe ihn oft auch ein wenig „sanfter“ erlebt, als er manchmal nach außen wirkt. Erstaunt hat mich seine Aussage im Zuge von Gesprächen, dass der Spitzenalpinismus gegenüber den Ange­hörigen der Akteure aufgrund des Risikos, das er beinhaltet, eigentlich nicht zumutbar sei. Du selbst hast bereits Terence Hill gedoubelt … Ja, im Film „Un passo al cielo“ doubelte ich ihn teilweise. Im privaten Leben ist Terence Hill alias Mario Girotti ein ganz herzlicher, feinfühliger und tief­ religiöser Mensch. Für den Film suchte ich auch Drehorte aus. Über das Ergeb­nis des Films bin ich geteilter Meinung. Ich finde es auch nicht gut,


dass solche Serien von der Südtiroler Filmförderung so stark unterstützt ­werden, weil sie von unserer Region, inklusive Kultur und Tradi­tion, so gut wie gar nichts wiedergeben bzw. sogar ein falsches Bild erzeugen. Es sollten vielmehr Filme gefördert werden, die eine gewisse Authentizität zum Land und seinen Leuten haben. Die Eigendynamik, die der Film durch die sozialen Netzwerke erhielt, war natürlich nicht voraussehbar. Der Pragser Wildsee hat heute das Siebenfache an Google-­Zugriffen im Vergleich zu ­Gröden, Seiser Alm, Drei Zinnen. Ich sehe den Film für das Pragser Tal heute eher kontraproduktiv als förderlich, auch wenn ein enormer Bekanntheitsgrad generiert wurde. Das Tal wird seitdem von Tagestouristen förmlich überschwemmt. Die Geister, die man rief, hätte man aus heutiger Sicht nie wecken sollen. Wie schätzt du die alpinistische Leistung von Paul Grohmann ein, vor 150 Jahren diesen Weg durch die Große Zinne gefunden zu haben? Meiner Meinung nach ging es Grohmann weniger um die Erstbesteigung, vielmehr war es seine unbändige ­Neugier, die ihn in die Berge lockte. Die Leistung ist ganz viel den Begleitern zusprechen. Ich wage sogar zu ­behaupten, dass diese möglicherweise schon vorher die Tour gegangen sind,

um dann die Führungstour reibungslos abwickeln zu können. Das soll Grohmanns Leistung nicht schmälern. Denn er hatte schließlich die Idee dazu  – und darum geht es bei ganz vielem in der Welt, was zu neuen ­Wegen führt. Die alpinistische Leistung spreche ich den Begleitern zu, die Idee jedoch Grohmann, der das Projekt überhaupt ini­tiierte bzw. ermöglichte. Aus diesem Begleitertum entstand das Bergführerwesen. Wie siehst du als Ausbildner den heutigen Bergführernachwuchs? Während in anderen Alpenländern der Nachwuchs an jungen Bergführern deutlich rückläufig ist, verzeichnen wir in Südtirol seit Jahren einen großen Zulauf. Weiters ist positiv, dass es wirklich ganz tolle Typen sind, sei es menschlich wie athletisch. Als Aus­ bildender ist es eine wahre Freude, solche angehende kompetente Bergführer bei uns zu haben. Was macht einen guten Bergführer aus? In der Ausbildung verlangen wir ein gewisses technisches Niveau als Basis, um darauf aufbauend, den Job gut machen zu können. Spitzenleistungen selbst werden im Job sehr selten ­gebraucht. Es geht vielmehr um die Auswogenheit in allen technischen Disziplinen des Bergsteigens und

Erwin Steiner und Terence Hill bei den ­Dreharbeiten zu „Un passo dal cielo“ Erwin als Double für Terence Hill Fotos: Archiv Erwin Steiner

-­ führens. Und es geht um Empathie, sich in seinen Gast am Seil einfühlen zu können, in dessen Ängste, Selbstwertgefühle und Freuden. Wie siehst du die Zukunft für das Bergführerwesen? Bei uns ist das Kerngeschäft immer noch das klassische Bergführen in den Dolomiten oder auf den Gletschern und ich denke, das wird auch in Zukunft so sein. Das Spektrum der Möglichkeiten hat sich aber enorm erweitert, wenn wir an Trekkingreisen oder an die Touren an den Bergen der Welt denken. Wie sich das entwickeln wird, ist derzeit nicht abzusehen. Wenn wir den Klimawandel betrachten, kann es auch sein, dass gerade Flugreisen ­untrendy werden, da die Leute sich ja auch hier verwirklichen können. Es ist bei uns unwahrscheinlich schön, wir haben alles von Kletter-, über Berg- bis zu Eis- und Skitouren in allen Schwierigkeitsgraden. Wenn es um das reine Bergsteigen geht, brauchen wir nirgends hinzufliegen. Wir haben in Südtirol alles anzubieten. Ingrid Beikircher

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Gipfelgespräche

„Wir sollten alle in Panik ­verfallen!“ Die Bedrohung der Artenvielfalt durch den Menschen „Das weltweite Artensterben ist für den Menschen bedrohlicher als der Klimawandel.“ Der Bericht des Welt-Biodiversitätsrats sorgte Anfang Mai dieses Jahres für ein großes Medienecho.

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ber 400 Wissenschaftler hatten Tausende Studien ausgewertet und kamen zum Schluss: Von weltweit geschätzten acht Millionen Arten ist eine Million vom Aussterben bedroht. Die Hauptursachen dafür sind Landnutzungsänderungen, die Über­ fischung der Weltmeere, der Klimawandel und die Umweltverschmutzung. Dafür verantwortlich ist der Mensch und er setzt damit seine eigene Existenz aufs Spiel. David Gruber, Direktor des Naturmuseums Südtirol, und die Kuratoren für Zoologie bzw. Botanik, Petra Kranebitter und Thomas Wilhalm, verfolgen

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das Thema Artenvielfalt von Berufs ­wegen. Wir haben uns mit ihnen über die Folgen des Rückgangs der Artenvielfalt in Südtirol unterhalten.

über Arten urteilen, ob es sie braucht oder nicht, denn wir wissen noch sehr wenig über die Zusammenhänge und die langfristigen Folgen.

Was bedeutet Biodiversität? Thomas: Biodiversität bedeutet: Alles was lebt, in seiner Vielfalt. Damit meint man vordergründig die Artenvielfalt, aber genauso wichtig ist die genetische Vielfalt innerhalb einer Art. Je variabler die genetische Ausstattung ist, desto besser sind die Chancen, sich an veränderte Umweltbedingungen an­ zupassen. Biodiversität ist ein Ergebnis von Millionen von Jahren Evolution. Es ist wie in einer Dorfgemeinschaft: Jeder hat seine Funktion, das System ist aufeinander abgestimmt und es funk­tio­niert, solange die Schlüssel­ stellen besetzt sind. Fallen diese aber plötzlich weg, entsteht ein Problem. Wir Menschen sollten deshalb nicht

In den Medien werden Sie mit dem Satz „Wir sollten alle in Panik verfallen“ zitiert. Was genau ist damit gemeint? David: Ich meine damit, dass es im Moment kein wichtigeres Problem gibt als das Artensterben und den Klimawandel. Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, braucht es im Großen die politischen Leitlinien, aber auch den kleinen individuellen Beitrag. ­Jeder Einzelne sollte nicht in eine Art Schockstarre fallen, sondern selbst ­Akzente setzen, das eigene Konsumverhalten überdenken, andere für das Thema sensibilisieren, im eigenen Einflussbereich für mehr Artenvielfalt ­sorgen. Das Problem ist: Effiziente


Mittlerweile selten, aber umso wertvoller: die extensive Bewirtung von Bergwiesen fördert die Artenvielfalt Foto: Thomas Wilhalm/Naturmuseum

Die Planierung und Intensivierung von Bergwiesen – hier auf über 2.000 m Meeres­höhe – kann fatale Folgen für die Biodiversität haben Foto: Archiv Dachverband für Natur- und Umweltschutz

Maßnahmen gegen den Artenverlust und damit auch gegen den Klima­ wandel bedeuten vor allem einen drastischen Einschnitt beim Konsum – und das ist unbequem. Warum ist eine hohe Artenvielfalt wichtig? David: Der Bericht des Weltbiodiversitätsrats bringt es auf den Punkt: Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen. Der Artenverlust ist nicht nur ein Umweltproblem, sondern auch ein wirtschaftliches und soziales, die Folgen können sogar mit Geld beziffert werden. Wir verbrauchen zu viele Ressourcen, ­heizen durch unseren Lebensstil den Klimawandel an. Folgen sind häufiger auftretende Naturkatastrophen, Flüchtlingswellen, aber auch wirtschaftliche Einbußen z. B. durch den Verlust von Arten, die für die Bestäubung der

Kultur­pflanzen sorgen. Das ist eine der vielen sogenannten Ökosystemleistungen, die die Natur für uns kostenlos ­erbringt. Wenn wir wie in China die Apfelbäume von Hand bestäuben müssten, weil die Insekten fehlen, wäre unser Produkt nicht mehr konkurrenzfähig. Eine weitere wichtige Leistung der Natur ist die Erholungsfunktion. Unser Tourismusland Südtirol lebt vom Bild einer weitgehend intakten Natur.

nennen, die an Feuchtlebensräume wie Moore und Feuchtwiesen oder an Trockenstandorte gebunden sind. Diese Lebensräume werden auch heute noch stark bedrängt – obwohl sie gesetzlichen Schutz genießen. Oder z. B.

Feuchtlebensraum in alpiner Landschaft, das Zuhause besonders sensibler Arten Foto: Stephan Illmer

Wo liegt das Problem, wenn es ein paar Insektenarten weniger gibt? David: Ich finde den Vergleich mit dem Geschicklichkeitsspiel „Jenga“ treffend, wo einige Bausteine zu einem Turm gestapelt werden: Die Spieler nehmen immer wieder einen Baustein heraus, das kann lange gut gehen, bis es irgendwann den falschen Baustein erwischt und der Turm umfällt. Die kaskaden­förmige Auslöschung von ­Arten kann man sich so vorstellen. Welche Arten sind in Südtirol ­besonders bedroht? Petra: Zunächst fallen die Spezialisten und sensiblen Arten weg, die an einen bestimmten Lebensraum gebunden sind oder eine spezielle Lebensweise haben. Als Beispiel kann man Arten Bergeerleben 05/19

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Gipfelgespräche

Die Rauchschwalbe zählt aufgrund der Intensi­vierung der Landwirtschaft zu den Verlierern. Es fehlen Insekten als Futter und Lehm für den Nestbau Foto: Klaus Bliem

Schmetterlinge reagieren empfindlich auf Umweltveränderungen, weil ihre Raupen oft ganz bestimmte Futterpflanzen brauchen Foto: Zenzi Martin

Schmetterlinge. Die Raupen brauchen oft ganz bestimmte Futterpflanzen, fehlen diese, kann sich der Falter nicht entwickeln. In Südtirol gelten 40 Prozent der Tierarten und 30 Prozent der Pflanzenarten als bedroht. Übrig bleiben häufig Arten, die geringe Ansprüche an ihre Umwelt h ­ aben, wie z. B. die für uns Menschen lästigen Mücken. Wo und wie sieht man den ­Biodiversitätsrückgang? Thomas: Man sieht das schon beim Autofahren – es kleben kaum noch Insekten an der Windschutzscheibe. Bei den Vögeln stellt man fest: Bodenbrüter sind praktisch verschwunden, in den Obstwiesen fehlen Arten wie der Wendehals und viele Finkenvögel. Dafür nimmt die Zahl der Amseln und Singdrosseln stark zu. Sie profitieren; dem gegenüber stehen aber mindestens sechs bis sieben Arten, die aufgrund der Intensivierung der Landwirtschaft zu den Verlierern zählen. Ein anderes Beispiel ist die Rauchschwalbe: Früher brütete sie in jedem Stall, heute ist ihr Bestand stark zurückgegangen. Es fehlen Insekten als Futter, es gibt kaum mehr Lehm für den Nestbau. Auf ihrer Zugroute gehen Rastplätze verloren, Zugvögel werden gefangen oder 52

Bergeerleben 05/19

das Nahrungsangebot in den Winterquartieren nimmt ab, weil der Mensch die Lebensräume verändert. Petra: Man sieht weniger das Sterben selbst, sondern die Abnahme der Artenzahlen und das Schwinden der Population. Weniger Individuen bedeutet eine geringere genetische Vielfalt und damit eine weitere Schwächung. Bei der Feldarbeit suche ich oft gezielt nach Arten, die in einem bestimmten Lebensraum vorkommen müssten, aber oft vergebens. Das Fehlen lässt Rückschlüsse auf den ökolo­ gischen Zustand des Lebensraumes schließen. In Wiesen, die früh und immer wieder gemäht werden und wo das Gras sofort in Siloballen verpackt wird, finde ich manchmal sogar keine einzige Heuschrecke mehr. Das habe ich letztes Jahr ein paar Mal erfahren, das erschreckt mich. Es gibt auch in Südtirol Gebiete, die völlig ausgeräumt und sogenannte ökologische Wüsten sind. Welche Lebensräume sind in den Alpen am meisten bedroht? Thomas: Es sind dies nicht nur die Lebens­räume in der Talsohle, die durch Zersiedelung und Intensivierung der Landwirtschaft bedroht sind,

s­ ondern auch das Berggebiet, der Waldgrenzbereich. Oder die Berg­ wiese auf 1.800 Metern Meereshöhe, die sich in der Artenzusammensetzung kaum mehr von der Talwiese unterscheidet. Durch die Rodung und Urbarmachung des Waldgrenzbereichs in den letzten 1.000 Jahren hat der Mensch die Biodiversität gefördert: Die Wiesenarten, die es zwar immer schon gab, die aber auf natürliche waldfreie Rasenstandorte wie Lawinenrinnen beschränkt blieben, konnten sich ausbreiten, in die neu geschaffenen offenen Flächen zusammen mit anderen Pflanzenarten einwandern und dadurch auch vielen Insektenarten Lebensraum bieten. Durch die Erschließungen in den letzten Jahrzehnten hat sich dieser Prozess häufig ins Gegenteil verkehrt: Die Intensivierung durch Düngung verringert die Artenvielfalt, der Bau von Skipisten, Stau­ anlagen, touristischen Infrastrukturen oder der Straßenbau im Gebirge ­haben massive Auswirkungen. Die Ein­ ebnung, Meliorierung und Einsaat von Flächen mit überwiegend nicht-heimischem Saatgut führt dazu, dass sich die Arten- und v. a. die natürliche genetische Zusammensetzung verändert.


Wie kann man das Bewusstsein für diese Veränderungen schärfen? Petra: Das ist schwierig und eine Herausforderung. Wir verlieren zunehmend das Bewusstsein dafür, wie eine bunte Blumenwiese aussieht – die Kinder wachsen heute mit anderen Bildern auf. Ein sattes Grün begeistert. David: Als Museum haben wir die Aufgabe zu sensibilisieren, die Menschen zum genauer Hinschauen zu bringen und zu erklären, dass die vermeintlich schöne grüne Wiese manchmal leider eine grüne Wüste ist. Der Alpenverein kann mithelfen, den Bezug zur Natur zu vermitteln und Interesse zu wecken. Durch die verschiedenen Apps für Smartphones wird es für Laien immer einfacher, Tier- und Pflanzenarten im Gelände zu bestimmen. Sich mit den eigenen Beobachtungen – z. B. über die App „iNaturalist“ – an einem großen Monitoringprojekt beteiligen zu können, ist ein großer gesellschaftlicher Wert. Wissenschaftler und interessierte Bürger aus der ganzen Welt tauschen sich bei „iNaturalist“ über Beobachtungen zur Artenvielfalt aus, man spricht von Bürgerwissenschaften (citizen science). Was kann der Alpenverein für die Bewahrung der Artenvielfalt tun? Petra: Die wichtigste Rolle und Ver­ antwortung hat der Alpenverein dahingehend, sich weiterhin kritisch gegen-

über Projekten zu äußern, die die Natur im Allgemeinen und die Artenvielfalt im engeren Sinne bedrohen. Thomas: Die Fridays-for-Future-­ Bewegung formuliert es klar: Wir ­wissen genug und haben genug geredet, jetzt müssen nachhaltige und fundamental anders gerichtete Entschei­ dungen folgen, die unbequem sein

werden. Alle reden vom Schutz des ­alpinen Raums als letzte Zuflucht großteils unberührter Biodiversität, aber wenn es drauf ankommt, sind weitere Erschließungen für kurzfristige Gewinne – wie beim Beispiel Glasturm am Rosengarten – anscheinend wichtiger als jedes Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Eine Forderung an die Politik muss daher sein, Eingriffe in der alpinen Stufe nur mehr dann zu ermög­ lichen, wenn es um wahrlich Existenzielles wie die Trinkwasserversorgung oder den Zivilschutz geht – sonst ­verkommen alle Reden zum Schutz der Artenvielfalt zu einer Farce. David: Wir müssen uns bewusst sein: Es gibt keinen Plan(eten) B! Judith Egger

Es ist eine der wichtigsten Aufgaben des Alpenvereins: Der Einsatz für den Erhalt der alpinen Lebensräume Foto: Sigrid Leiter

Der Weg- und Straßenbau hat oft weit­ reichende Folgen: zuerst die Erschließung, dann die Intensivierung der landwirtschaftlichen und touristischen Nutzung Foto: Zenzi Martin

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Natur & Umwelt

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Gemeinsam Mit der Kampagne #unserealpen setzen sich DAV, ÖAV und AVS für den Erhalt und den Schutz der Alpen ein. Sie wollen der breiten Öffentlichkeit zeigen, wie wertvoll, aber auch bedroht dieser Natur- und Kulturraum ist. Dabei sind alle gefragt. In den Sozialen Medien haben die drei Alpenvereine alle Bergfreunde dazu auf­gerufen, ihr schönstes Bergfoto unter dem Hashtag #unserealpen zu posten, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen. Die Bilanz: Über 5.000 Bilder sind eingegangen, ein Großteil davon ist in dieses Mosaik eingeflossen. Diese großartige ­Beteiligung zeigt, wie brisant dieses politische Thema ist. Unsere Botschaft lautet: Die Alpen sind schön. Noch. Denn sie sind bedroht. Es lohnt sich dafür zu kämpfen!


Natur & Umwelt Ehrenamtliche bei der Biotoppflegeaktion des Referats Natur & Umwelt am Kalterer See Foto: Franziska Zemmer

Was unsere Funktionäre ­bewegt Umfrageergebnisse aus dem Referat Natur & Umwelt Das Referat Natur & Umwelt hat die Funktionäre in den Sektionen und Ortsstellen zu Themen aus den Tätig­keits­bereichen Naturschutz, Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit befragt. Die wichtigsten Ergebnisse sind im Folgenden zusammen­gefasst und dienen als Orientierung für die Mehrjahresplanung.

W

o wollen wir hin und welche Themen aus unseren Tätigkeitsbereichen sind besonders wichtig? Diese Fragen bewogen den Referatsausschuss dazu, bei der Basis nachzufragen. Das erfreuliche ­Ergebnis der Umfrage ist: Das AVS-­ Grundsatzprogramm „Für Natur und Umwelt“, das als Fundament der Natur­schutzarbeit grundlegende Leitlinien und Handlungsfelder festlegt, ist mehr als der Hälfte der Funktionäre bekannt, weitere 38 Prozent kennen es zumindest teilweise. Die wichtigsten Informationsquellen zu den Umweltthemen des Alpenvereins sind das Vereinsmagazin Bergeerleben und der Jahresbericht, gefolgt von Webseite, Newsletter und Informationen aus der Tagespresse. Aus dem Teilbereich der Umwelt­ bildung werden die Schwerpunkte Müll(vermeidung), Informationen zu Wildtieren, Pflanzen und praktischer Naturschutz als besonders wichtig ­erachtet. Der Einsatz für einen umwelt56

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verträglichen Bergsport erhält ebenso große Zustimmung. Projekte Das Referat setzte und setzt eine ­Reihe von Projekten um. Den größten Bekanntheitsgrad hat das Projekt Bergsteigerdörfer der Alpenvereine (> 92 %), mehr als die Hälfte der Antworten­den kennt das Projekt Müll.Berge mit der Ausstellung Neobiota. Der Bekanntheitsgrad von „Freiheit mit Rücksicht“, des Folders „Wandern im Bärengebiet“ und der Initia­tive „So schmecken die Berge“ auf den Alpenvereinshütten soll noch durch weitere Kommunikationsmaßnahmen gesteigert werden. Naturschutz Eine weitere Kernaufgabe des Referats ist der Naturschutz. Die Funktionäre wünschen sich besonderes Engagement in Fragen der Erschließung (Ski-

gebiete, Almen), damit zusammen­ hängend die Einflussnahme auf die Umweltgesetzgebung und Stellungnahmen zum Bau neuer touristischer Infrastrukturen. Die Folgen des Massentourismus sind für die Funktionäre erkennbar, sie möchten, dass der AVS wo möglich entgegensteuert und sich entsprechend einsetzt. Der Schutz des UNESCO-­ Welterbes Dolomiten u. a. durch Besucherlenkung und eine Reduktion des Verkehrs auf den Passstraßen ist mehr als 86 Prozent der Befragten ein An­ liegen. Auch die Frage, ob der AVS weiterhin auch gerichtliche Schritte gegen Projekte mit erheblichen Umweltauswirkungen führen soll, beantwortete die große Mehrheit (> 78 %) der Befragten mit Ja. Besonders erfreulich ist, dass Naturund Umweltthemen in der Jugendund Familienarbeit einen hohen Stellenwert haben. Müllsammeln und Müllvermeidung sind durchwegs Thema, man versucht zu sensibilisieren und die Begeisterung für die Natur zu wecken. Vom Referat wünschen sich die Ehrenamtlichen vor allem praktische Initiativen zum Mitmachen und die Einbindung und Sensibilisierung der Jugend. Judith Egger

Zu welchen der folgenden Themen soll sich der AVS positionieren? (max. 5 Antworten)

36,4 % Verkehr auf den Passstraßen 62,3 % Skigebietserweiterungen und Neuerschließungen 47,7 % Bau von neuen Almzufahrtswegen 25,2 % Einsatz von Pestiziden 13,2 % Neue Wasserkraftwerke 23,2 % Windkraftanlagen 43 %

Umweltgesetzgebung

19,2 % Intensive Landwirtschaft 27,8 % Luftverschmutzung 19,2 % Transit 21,2 % Bär und Wolf 41,1 % Neue touristische Infrastrukturen 27,8 % Flächenverbrauch


Grohmanns Goldenes 1869 Drei Dolomitgipfel werden erstbestiegen: ­Dreischusterspitze, Langkofel, Große Zinne Im Sommer 1869 gelang Paul Grohmann mit den einheimischen Bergführern Peter Salcher (aus Maria Luggau) und Franz Innerkofler (aus Sexten) die Erstbesteigung dreier prominenter Dolomitgipfel: der Dreischusterspitze, des Langkofels und der Großen Zinne. Die Besteigungen waren ein bergsteigerisches Husarenstück, am Ende aber weit über den Alpinismus hinaus von Bedeutung. Grohmanns „Arbeitsgebiet“: Die Dolomiten „König der Dolomiten“, „liebenswür­ diger Nestor der Alpinistik“, „Bahnbrecher der Touristik in den Dolomiten“ wurde Paul Grohmann bereits von Zeitgenossen anerkennend genannt. Der Wiener Bürgersohn war 23 Jahre alt und hatte bereits alpinistische Erfahrung gesammelt, als er im Jahr 1862 zum ersten Mal in die Dolomiten kam,

die er sich als Mitbegründer des Öster­reichischen Alpenvereins zu seinem „Arbeitsgebiet“ auserkoren hatte. Die Gegend war nach dem Erscheinen von Reisebeschreibungen und des Buches „The Dolomite Mountains“ (1864) von Josiah Gilbert & George C. Churchill zwar nicht mehr völlig unbekannt, alpinistisch jedoch gänzlich unerschlossen. Die Schwierigkeiten, die Grohmann zu bewältigen hatte, waren demzufolge beträchtlich: Es fehlte an zuverlässigen geografischen Karten, an ausgebildeten und geländekundigen Führern, an Schutzhütten und Unterkünften. In hingebungsvoller und leidenschaftlicher Arbeit ver­ mochte Grohmann all diese Hindernisse zu überwinden und innerhalb weniger Jahre die Marmolata (1862), den Sorapis (1864), die Tofanen (1864/65), den Monte Cristallo (1865) und vielleicht auch den Antelao (1863) zum ­ersten Mal zu besteigen. Die Besteigung der Dreischusterspitze Die Ersteigung der Dreischusterspitze hatte der junge Wiener bereits 1867 ins Auge gefasst: Der damals fraglos beste Kenner der Sextner Bergwelt,

Landro in den späten 1860er-Jahren. Von hier brachen Grohmann, Salcher, ­Innerkofler am 20. August 1869 zur ­Erstbesteigung der Großen Zinne auf Foto: Alois Kofler - Privatarchiv

„der alte Steinmetz“, wie ihn Grohmann nennt, hatte aber noch „bedenklich sein erfahrenes Haupt“ geschüttelt. Ein Jahr später machte schlechtes Wetter alle Versuche einer Besteigung zunichte. Am 17. Juli 1869 wollte man es dann aber wissen. Als Begleiter konnte der junge Wiener den Gailtaler Jäger Peter Salcher – ihn hatte er bei der Besteigung der Kellerwand kennen und schätzen gelernt – und den Sextner Franz Innerkofler gewinnen. Erstbesteigungen wurden gewöhnlich als Zweitagestouren durchgeführt. Man biwakierte auf einer gewissen Höhe, um am nächsten Tag früh aufzubrechen und am Gipfel genügend Zeit für Messungen und Aufzeichnungen zur Verfügung zu haben. Im Fels bewegten sich die Führer mit Socken (!), Grohmann mit den im Comelico und Friaul gebräuchlichen „Scarpetti“, ­einer Art leichter, für den Fels adaptierter Pantoffeln. Um 3.45 Uhr war die Bergeerleben 05/19

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Kultur & Chronik

Die Langkofelgruppe 1897; im August 1869 gelang Grohmann und seinen Begleitern die Besteigung des 3.181 Meter hohen Langkofels Foto: DAV-Archiv/Eugen Albrecht

Seilschaft aufgebrochen, um 8.45 Uhr war der Gipfel erreicht. Das Seil benötigte man allein für den Transport von Proviant und Heberbarometer. Bis 12.30 Uhr hielten sich die Erstbesteiger dann am Gipfel auf: Grohmann nahm Messungen und Aufzeichnungen vor, Innerkofler und Salcher hissten eine Fahne, bauten das obligatorische Steinmandl und meißelten zur dauerhaften Erinnerung eine Inschrift in den Fels. Eine scheinbar unersteigbare Spitze war gefallen, der Dreischusterspitze ihre Jungfräulichkeit genommen – um eine beliebte Metapher der damaligen Zeit zu gebrauchen. 58

Bergeerleben 05/19

Der zweite Streich: Der Langkofel Bereits im Herbst 1867 hatte sich ­Grohmann im Grödner Tal aufgehalten, um die Möglichkeit einer Ersteigung der markanten Bergspitze aus­ zuloten. Zeitungsberichten zufolge war der Pionier bereit, dafür die stattliche Summe von 500–600 Gulden auszugeben. Ende Juli 1869 hatte Grohmann von Santo Siorpaes, einem bergkundigen und stets gut informierten Führer aus Ampezzo, erfahren, dass ein deutscher Alpinist mit einem einheimischen Führer – es handelte sich um den Münchner Heinrich Waitzenbauer und um den Suldner Hans Pinggera – zum am Ende nahezu erfolgreichen Sturm auf den Gipfel angesetzt hatte. Dies stachelte den ehrgeizigen Grohmann in besonderer Weise an, er wollte den beiden Konkurrenten den Gipfel nicht ohne Weiteres überlassen. Weil Peter Salcher durch unsachgemäßes Hantie-

ren sein Heberbarometer zerbrochen hatte, galt es noch das Eintreffen eines neuen Gerätes aus Wien abzuwarten. Am 12. August konnten die drei Bergsteiger endlich das „Unternehmen Langkofel“ starten, wobei sich diese Erstbesteigung nun aber mühsamer und gefahrvoller gestaltete. Der Fels war gefroren, es galt daher Stufen zu schlagen, mehrmals Couloirs und steile Eisrinnen zu überwinden sowie sich vor gefährlichem Steinschlag in Acht zu nehmen. Nach vierstündiger Kletterei erreichte das Trio den Gipfel – „meine Leute jubeln, umarmen mich und danken mir, ich weiß nicht wofür“, erinnert sich Grohmann in seinem Bericht. An diesem Tag sollte im Grödner Tal auch manch anderer jubeln: Auf ­Erfolg und Misserfolg dieses Unternehmens waren zahlreiche Wetten ­abgeschlossen worden.


Foto: Alois Kofler - Mitteilungen der Akad. Sektion Wien 1900

Die Drei Zinnen um 1890; Grohmann, Salcher und Innerkofler erreichten den Gipfel der Großen Zinne am 21. August 1869. Foto: DAV-Archiv

Der dritte Streich: Die Große Zinne Auf der Dreischusterspitze war in Grohmann der Entschluss gereift, möglichst bald auch die Große Zinne zu besteigen. Der Berg galt als unersteigbar: „Auf die höchste, mittlere Zinne, da komme wohl nur ein Vogel

Grohmann, das Jahr 1869 und die Folgen Im Sommer 1869 war dem 31-jährigen Grohmann Großes gelungen, er hat zweifelsfrei Alpingeschichte geschrieben. Unerklärlicherweise scheint mit diesem Jahr aber auch sein alpinistischer Ehrgeiz und Schwung zu erlöschen, obwohl noch einige markante Dolomitenspitzen auf ihren Erstbesteiger warteten. Es scheint fast so, als ob er mit seinem Goldenen Jahr das Szepter aus der Hand geben und einer neuen, alpinistisch um einiges versierteren Generation Platz machen wollte.

Mit dem Wiener Börsenkrach 1873 ­verlor Grohmann den größten Teil ­seines Vermögens; auf kostspielige Reisen und Expeditionen in die Dolomiten musste er fortan fast gänzlich verzichten. Grohmanns erschließerisches Wirken in den Dolomiten kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er bestieg Berge, verfasste über seine Exkursionen ausführliche Berichte für Alpin- und Fremdenzeitungen, fertigte eine eigene Karte der „Dolomit-Alpen“ an, veröffentlichte sein berühmtes Werk „Wanderungen in den Dolomiten“ (1877), hielt Vorträge und warb mit seiner Kompetenz und Begeisterung bei Freunden und Bekannten. Gewissermaßen ein Influencer ante litteram. Mit seiner „Arbeit“ trug er daher ganz wesentlich zur Bekanntheit der östlichen Dolomiten und damit gewiss auch zum touristischen und wirtschaftlichen Aufschwung der gesamten Region bei. Wolfgang Strobl

Paul Grohmann.

BUCHTIPP!

Grohmann (1868), ein Jahr vor der Erst­ besteigung der Großen Zinne

hinauf“, gibt Grohmann die allgemein vorherrschende Meinung wieder. Erneut legte er das Unternehmen auf zwei Tage an (20./21. August), erneut begleiteten ihn seine „beiden Unzertrennlichen“. Salcher, Innerkofler und Grohmann übernachteten bei italienischen Sennern auf der Alm Rinbianco. Nahezu spielerisch, ohne auf größere Schwierigkeiten zu treffen, ging dem Trio auch diese Erstbesteigung von der Hand: „Ich kann wirklich nichts Bemerkenswerthes von unserer Kletterei berichten“, bilanziert Grohmann befriedigt. Genugtuung und Freude ­waren freilich auch diesmal groß, als die Kletterer bemerkten, dass Senner und Wanderer im Tal sie am Gipfel ­voller Staunen und Bewunderung wahrnahmen.

Erschließer der ­Dolomiten und ­Mitbegründer des Alpen­vereins Wolfgang Strobl (Hrsg.) Bozen 2014 Toblacher Ortsgeschichte Bd. 1 Athesia Verlag ISBN 978-88-6839-037-2

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Kultur & Chronik

Uneinigkeit und andere Irrtümer Südtiroler Bergnamen Der Sozial- und Kulturanthropologe Johannes Ortner stellt ausgewählte Südtiroler Bergnamen vor.

O

ft genug bilden Gebirgskämme die Grenze zwischen zwei oder mehreren Talschaften und so erstaunt es nicht, dass einzelne Gipfel zwei oder auch drei unterschiedliche Namen tragen. Meistens erwies sich eine Namenform als die dominantere, die sich in den Wanderkarten und in der Bergsteigerliteratur als Schreibung durchsetzte. Ein Beispiel wurde bereits im Bergeerleben 03/18 vorgestellt: der Alplerspitz zwischen Sarntal/ Weißenbach und Passeier. Die Alpler sind Almweiden im Weißen­bacher Unter­berg, die vom Alpler­spitz überragt werden. Die schroffere Passeirer Seite ist als ­Mudatsch bekannt. Dieser alpen­romanische Name – *muntatšja „schlechte, große Alm“ – ist sogar ­älter als „Alpler“, nur wird „Mudatsch“ in der Kartografie nicht einmal in ­Klammern berücksichtigt. Wie lange wird sich der Mudatsch in Passeier noch halten? Deutschroi – Saurüssel Der Name der 3.139 Meter hohen Deutschroi (alpenromanisch *rajone „Bezirk“; i. S. einer von Deutschen und nicht von Romanen bewohnten Gegend?) zwischen Laaser und Tschenglser Tal geht vom Laaser Tal aus. Die Nachbarn aus Tschengls nennen den 60

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Gipfel Saurüssel (mda. Sauriasl), aufgrund der Gipfelform, die dem Wühlund Riechorgan der Schweine ähnelt. Die Laaser kennen ihrerseits einen Saurüssel, meinen damit aber die kleine der Deutschroi vorgelagerte Erhebung (2.724 m). Die Kartografie gibt bis dato den Laasern recht. Sarner Scharte und Jåggl Der von der Bozner Talferbrücke im Sarntal zu erkennende Bergrücken wird landläufig als Sarner Scharte bezeichnet, im Sarner Dialekt „Schoochtn“. Der Bergrücken hat den Namen von der Scharte (2.381 m), die den Übergang nach Villanders bildet. In der Tabacco-­Karte ist der höchste Punkt des „Schoochtn“ als Villanderer Berg (2.509 m; bei Einheimischen „die Larmstange“) eingetragen – ein Verlegenheitsname, denn das Villanderer Berggebiet ist genau genommen die Villanderer Alm. Zwei Namen, die beide in der Kartografie Eingang fanden, trägt der Jåggl oberhalb von Graun im Vinschgau, der auch den Zweitnamen Endkopf hat. Der Jåggl bezieht sich auf die Beweidung Ende Juli (um Jakobi) auf den aus­ gedehnten Jågglböden oben auf dem Gipfelplateau. Endkopf meint die An­ höhe oberhalb der Flurgegend „End“ gegenüber Pedross in Lang­taufers. Historische Zweinamigkeit Als Beispiel für historische Zweinamigkeit kann der „Berg der Hirsche“ (mittel­hochdeutsch hirz „Hirsch“),

nämlich der Hirzer (2.781 m), heran­ gezogen werden. Der höchste Gipfel der Sarntaler Alpen ist wohl vom ­Sarntal aus benannt worden. In Peter Anichs Atlas Tyrolensis findet sich noch der Prenner Spiz, das ist der Spitz oberhalb des Bergweilers Prenn in Obertall (Schenna). Ein bekanntes Beispiel für Mehr­ namigkeit betrifft den Laaser Spitz (jünger), Orgelspitz bzw. Årgler (älter; vgl. dazu Bergeerleben 01/17). Schwarz, rot, grün Weniger bekannt dürfte sein, dass der Schwarzkopf oberhalb des Spronser Schwarzsees in der Gemeinde Tirol von den Valser Almleuten in der Gemeinde Riffian als Rotkopf bezeichnet wird (nach der Berggegend „Reaten“). Im Franziszeischen Kataster 1858 ist der Gipfel dagegen als Grünjoch eingetragen. Dieses Grünjoch müsste korrekt eigentlich Krinnjoch lauten, denn es bezeichnet den Felsgrat („Joch“) über den „Krinnen“. Die Krinnen sind steile Bergweiden im hintersten Vals, die von Furchen, Gräben – eben „Krinnen“ – durchzogen sind. Dort oben ist nichts grün, sondern alles übersät von glänzendem Glimmerschiefer. Ziel- oder Gånnenspitz Bleiben wir in der Texelgruppe, wo der Zielspitz (3.006 m), der Hausberg der Partschinser, mit einer Überraschung aufwartet. Ältere Partschinser erinnern sich nämlich noch gut, als der Zielspitz


Gleich zwei mehrnamige Gipfel auf einem Blick: Ganz rechts im Bild der Deutschroi (von den Tschengelsern Sauriasl genannt); links die Laaser Spitz, (auch Orgelspitz oder Årgler genannt) Foto: Wikimedia Commons/ Whgler

Sarner Scharte und Villanderer Berg Foto: Wikimedia Commons/Mario Penner

Der Reschensee mit Endkopf (auch Jåggl genannt) Foto: Wikimedia Commons/ Roberto Ferrari

nur unter dem Namen Gånnenspitz bekannt war – nach den „Gånnen“ (Geröllhalden) am Fuße der dreieckigen Gipfelpyramide zu oberst des Schindeltals. Die landfremden Karto-

grafen aus Böhmen verhörten sich ­gehörig und trugen den Gånnenspitz zu allem Überfluss als Golmenspitz in den Franziszeischen Kataster ein! Auf der Schian – Großer Hund Rittner Almhirten „auf der Schian“ ist heute noch die Bezeichnung Großer Hund geläufig. Damit ist nicht das Sternbild gemeint, sondern der Schwarzseespitz (2.070 m) mit der Bergstation der Umlaufbahn von Pemmern auf das Rittner Horn. „Hund“ sind öfter große Geländeteile – mit der Aura des Gewaltigen, Gefährlichen. Das Biotop des namengebenden Schwarzsees wurde jüngst einfach

weggebaggert, dort steht nun ein Speicherbecken für die Produktion von „technischem“ Schnee. Madrutt- oder Ursulawand Mehrere Namen hat auch die Symbolwand des Bozner Unterlandes, nämlich die Madruttwand. Dieser Name leitet sich von der Großflur „Madrutt“ (alpen­romanisch *mont ruttu „zerbro­ chener Berg“, 1558 „der prochen perg“) ab. Der Berg ist zerfurcht und wirkt „zerbrochen“, obschon es sich geologisch gesehen um keinen Felssturz handelt. Die Bewohner des Unterlandes kennen die Wand auch als Ursulawand und interpretieren dies als „Uhr su la bònd“, will sagen „Uhr auf der Wand“. Die Vorstellung von Sonnen­ uhren auf Felswänden ist gar nicht so selten. An der Goidner Wand unterm Tschigat (Partschins) kann man mit etwas Fantasie eine Sonnenuhr, gebildet durch schwarze Felsbögen, erkennen. Im Berg oberhalb von Laag befinden sich Felstrümmer wie der Elferstein, der Neunerstein und der Achterstein. Diese dienten den Laagern als Zeitmesser. So könnte die „Uhr su la bònd“ mit der für das Unterland typischen Interferenz zwischen deutschen und italienischen Mundarten erklärbar sein. Manche stellen auch eine Verbindung zur Kirche der hl. Ursula im nahen Buchholz (Salurn) her. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Kurtatscher die Wand schlicht „die Plååttn“ nennen. Johannes Ortner

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Thema: Pilze Foto: Claudio Sferra – Strix Naturfotografen Südtirol

Foto: Zeno Tolpeit – Strix Naturfotografen Südtirol


Foto: Silvan Lamprecht – Strix Naturfotografen Südtirol

Foto: Paul Erlacher – Strix Naturfotografen Südtirol


Unterwegs

Die schönsten Touren in Südtirol Aus dem Alpenvereins-Jubiläumstourenbuch von Hanspaul Menara

Das Gipfelkreuz auf dem Tellakopf mit traumhaftem Bergpanorama

Tellakopf (2.525 m) Der Tellakopf ist ein schöner, ziemlich ausgeprägter Gipfel auf der Sonnenseite des äußeren Münstertales, das bei Glurns vom Vinschgauer Haupttal westseitig abzweigt und eine Zufahrt in die Schweiz vermittelt. Er ist über den nur mäßig steilen, grasbewachsenen Westrücken leicht zu besteigen. Talort für die Tour ist Taufers im Münstertal, von wo eine Höfestraße den Streuweiler Tella erschließt und auch dem Bergwanderer zunutze kommt. Vom gut 1.700 Meter hoch gelegenen Egghof wandern wir gemächlich auf breitem Forstweg hinauf zur Tellaalm, und dann geht es auf Fußpfaden weiter zum Tellajoch. Hier bietet nun der Ortler mit seiner weithin leuchtenden Vergletscherung ein besonderes Prachtbild, während in der Nähe alte Holzrinnen und Trockenmauern beweisen, dass hier einst ein offener Wasserkanal, ein sogenannter Waal, das heute unterirdisch fließende Bewässerungswasser von der Nordseite des Kammes auf die Südseite führte. Vom Joch ist es dann nur noch ein gut halbstün­ diger Aufstieg zum Kreuz auf dem Tella­kopf, und dort gesellt sich zum 64

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Ortler­blick ein ebenso weitreichendes wie umfassendes Bergpanorama. Wegverlauf: Anfahrt über Schluderns und Glurns nach Taufers im Münstertal (1.240 m) und auf der Höfestraße hinauf zum Parkplatz beim Egg­hof (1.723 m; zu Fuß hierher 1 ½ Std.). Von da der Markierung 6 folgend auf ungeteertem Güterweg zu einer Kapelle nahe dem einstigen Samhof (1.807 m) und großteils durch Lärchenwald in Kehren hinauf zur Tellaalm (2.098 m; ab Egghof 1 Std.). Nun auf dem weiterhin mit Nr. 6 markierten Fußsteig durch Lärchenwald und freie Grashänge mittelsteil hinauf zum Tellajoch (2.358 m) und rechts auf dem markierten Steig über den Gratrücken mittelsteil hinauf zum Gipfel (2.527 m; ab Egghof 2 ½ Std.). Abstieg wie Aufstieg (1 ½ Std.). Gesamtgehzeit: 4 Std.; Höhen­unter­ schied: 804 m; Anforderung: Für gehgewohnte Bergwanderer leicht und problemlos Obisell und Hochwart (2.452 m) Der Zielbereich dieser Tour liegt westseitig hoch über dem äußersten Passeiertal und damit im Osten der Texelgruppe. Er besteht aus dem

Bergsee Obisell, der gleichnamigen Alm und der nahen Hochwart, einem hübschen Gipfel. Ausgangspunkt für die Wanderung sind die Parkplätze bei den fast 1.400 Meter hoch gelegenen Öbersthöfen im Bergweiler Vernuer, die auf guter Höfestraße erreichbar sind und auch Busverbindung mit dem Tal haben. Von dort geht es zunächst auf breitem Forstweg hinein zu den unteren Viehweiden im steilen Saltauser Tal, und dann führt ein teils gepflasterter, teils mit Steinstufen ansteigender Fußweg empor zum See mit der nahen bewirtschafteten Almhütte. Bei dem großteils von Grasgelände umrahmten Obisellsee handelt es sich um ein landschaftlich schönes Gewässer, das für Wanderer ohne Gipfel­ ambitionen zusammen mit der Alm ­bereits ein beliebtes Endziel darstellt. Doch auf der Südseite des Sees lockt die Hochwart – ein aussichtsreicher Gipfel, der vom See auf Pfadspuren unschwierig zu ersteigen ist. Wegverlauf: Anfahrt auf der etwas nördlich von Riffian von der Passeirer Talstraße abzweigenden Vernuerer Straße den Schildern „Vernuer“ und „Öberst“ folgend hinauf zu den


Öberst­höfen (1.392 m, Parkplatz). Nun stets den Wegweisern „Obisell“ folgend auf dem etwas tiefer von der Zufahrtsstraße abzweigenden Forstweg hinein ins Saltauser Tal und dann auf dem Fußweg 5 steil über die untere Almhütte empor zum Obisellsee mit der bewirtschafteten oberen Alm (2160 m; ab Parkplatz 2 ½ Std.). – Auf die Hochwart: Vom See auf unmarkiertem Fußpfad mittelsteil südwärts hinauf zu einer Gratsenke und ostwärts zum Gipfelkreuz (2.452 m; ab Alm knapp 1 Std.). Abstieg wie Aufstieg (2 ½ Std.). Gesamtgehzeit: 6 Std.; Höhenunterschied: 780 m; Anforderung: Für berggewohnte Wanderer problemlos, aber teilweise steil Weißspitze bei Sterzing (2.714 m) Die aus hellem Dolomitgestein auf­ gebaute Weißspitze ist einer der vielen „weißen“ Berge Südtirols und, wie die meisten von ihnen, ein recht auf­fallender. Der nicht schwierig zu ­besteigende Felsgipfel erhebt sich im Nord­osten des Sterzinger Talkessels über den grünen Wäldern und Bergwiesen wirklich als weiße Spitze, die den dunkleren Schiefergesteinen weithin sichtbar aufgesetzt ist. Ausgangspunkt für den Aufstieg ist der Bereich der bewirtschafteten Prantneralm oberhalb des Weilers

Blick von der Riedbergalm auf die Weißspitze Fotos: Hanspaul Menara

Schmuders, von wo wir zuerst die ebenfalls bewirtschaftete Riedbergalm im Bereich der Baumgrenze erreichen. Auf markiertem Pfad steigen wir über Grashänge bergan zum Kleinen Weiß­ eck, einer Dolomitkuppe mit schöner Kalkflora. Dann verschmälert sich der Kamm und wird auch steiler, aber er ist gut begehbar, und schließlich geht es über das Dolomitblockwerk der Gipfelzone stellenweise etwas mühsam, aber insgesamt doch unschwierig zum Gipfelkreuz und zum höchsten Punkt. Das Panorama umfasst die Sarntaler, Ötztaler und Stubaier Alpen sowie ­Teile der Zillertaler Alpen. Wegverlauf: Anfahrt von Sterzing kurz in Richtung Wiesen, dann links ­hinauf nach Schmuders und (zuletzt auf ungeteertem Fahrweg) bis in die Nähe der bewirtschafteten Prantneralm (1.800 m; begrenzte Parkmöglichkeit am Fahrweg). Von da stets der Markierung 3 folgend auf dem Fahrweg ein Stück weiter und rechts kurz hinauf zur bewirtschafteten Riedbergalm (1.947 m); nun auf dem gerade ansteigenden Steig 3 über Gras­und Zwergstrauchgelände, Schieferschrofen und zuletzt über steiles Dolomit-Blockwerk (hier stellenweise etwas mühsam) hinauf zum Gipfelkreuz und kurz weiter zum höchsten Punkt der Weißspitze (2.716 m; ab Prantneralm 2 ½ Std.). Der

Abstieg erfolgt über die Aufstiegs­ route (knapp 2 Std.). Gesamtgehzeit: 4 ½ Std.; Höhenunterschied: 914 m; Anforderung: Für berggewohnte Wanderer problemlos, nur im Gipfelbereich steil und etwas mühsam Hanspaul Menara

BUCHTIPP!

Bergsee Obisell mit der gleichnamigen Alm

Jubiläums-Tourenbuch Die 150 schönsten Touren in Südtirol Autor: Hanspaul Menara Athesia Verlag ISBN 978-88-7073-933-6

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Unterwegs

Wondoluscht Wanderbuch in Reimen von Rosa Rauter Ein reizvolles Buch für Familien und Senioren hat Rosa Rauter herausgegeben: Die Olangerin beschreibt ­sämtliche Touren in Gedichtform und zwar im urigsten Puschtra Dialekt.

D

as Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Verein der Werktätigen (KVW). „Wir im KVW sind es gewohnt, unsere Fähigkeiten mit Freude einzubringen und wir versuchen auch, unser Miteinander dadurch zu bereichern“, sagt Charly Brunner, Bezirksvorstand im KVW Pustertal. „Ein besonders gelungenes Beispiel dafür ist das Büchlein ‚Wondoluscht‘. Die Kombination mit den ­Begabungen ‚unserer‘ Rosa hat zu einem schönen Ergebnis geführt, das auch noch auf eine andere Weise gut zum KVW passt: Unsere wunderbare Natur liegt uns am Herzen und ­erfüllt uns mit Dankbarkeit darüber, dass wir in so einer schönen Umgebung leben dürfen.“ Mit einem Teil der Einnahmen aus dem Buchverkauf unterstützt der KVW Menschen in Not innerhalb und außerhalb unserer Landesgrenzen. Brich au mit Wondoschuiche und Rucksack, nimm des Biochl in die Hand. Mir wünschn enk olln offna Augn und Herzen, ban Erkunden va inson kostborn Lond!“ heißt es in der Einleitung. Also los geht’s: 66

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Riesa-Alm in Weißenbach im Ahrntal Mir startn ba do Kirche, benutzn in Kneippweg, den schion, af den lehrreicha Tofl und guita Tipps gsund zi bleibn stiohn. So kemmo af Schneidaleachn a vorzüglichis Restaurant, eppas zi trinken man glei sebm inkeahrn kannt. Nua geht’s a wion steil in die Heache augn, ollwa wiedo konnsche af Weißnboch ogn schaugn. Übon Forstweg gelong mozi do Riesa Olbe inson Ziel, und do gibs an Köstlichkeitn eppa gor a wion viel. Do tüchtige Olmwirt isch jo Schiffskoch giwesn, und mit duftenda Kraito schmückta s guite Essn. Do kemmos schun ausholtn an odo zwa Stundn, s Wegile zruck ogn ins Tol hot no jedo gfundn. Ausgangspunkt: Weißenbach Kirche 1.334 m Ziel: Riesa Alm über Schneidaleachn HU: ca. 200 m


Plätz übers Knappenfusstal Zwischn Tobla und Cortina, kurz vorn Gimärk, isch rechts ba do Stroße a Parkplotz vor zwa ruata Bohnwächtahaislan wohlgimerkt. Markierung 18 isch leicht zi fenn, nua geht’s gimiotlich, tui et renn, inne übos einsome Knappnfuißtol, ba do Schlucht, man unbeding holtn soll. Amo schaugn wie do do Wossofoll suicht sein Weg, nua schnaufmo augn übon schmol Steg, zwischn Felsn und Latschn bis af die Heache augn, und die herrliche Aussicht wersch jedn taugn. So steahsche af amo mittn af do Plätzwiese, va do Hohen Gaisl, Dürrnstein, bis zin Cristallo siechsche. In Friohjohr bliohts wio in an Paradies, tui au die Augn, sogor Fraunschiochlan und Türknbund konnsche unschaugn. Donkmo in Herrgott für de schione Welt, und hoffn, dassa inso Hamat segnt und uns erhält.

BUCHTIPP!

Ausgangspunkt: Gemärk (Cimabanche) Ziel: Plätzwiese HU: 460 m

Holzerböden, St. Johann im Ahrntal Heint isch Wondowetto ungsog, und i hon a bäriga Olmhitte dofrog. Va Mühlegg ban Gollhaus biegmo links augn, fohrn bis zi die Holzahöfe af 1.470 m, des tuitmo taugn! A Schildl weist zin Parkplotz hin, a wion schmole isch do Weg, pass au’, sischt bische hin … Guita Schuiche unlegn und in 6a Steig nochgiohn, do hot do Senna an Themenweg gstoltn, extra schion. Holzskulpturn vokürzn die Aufstiegszeit, sie stiohn afn Weg und votreibn die Miodigkeit. Es wersch liochte, die Olbe isch in Sicht, und i freime schun afs Kasegericht. Do Senna isch für sei Mozzarella weitum bekonnt, man sog: „Es isch die Beschte ba ins in Lond!“ Parkplatz: 1.470 m Holzerböden: 1.900 m HU: 430 m Gehzeit: ca. 1 ½ Std Ingrid Beikircher

Wondoluscht Anregungen für Familien und Senioren 24 Wandertipps im Pustertaler Dialekt Das Buch ist beim KVW ­Pustertal erhältlich

Rosa Rauter und Charly Brunner Fotos: Rosa Rauter

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Unterwegs

MIT

N R E D N I K

Den Herbst entdecken

W

enn die Tage kürzer werden, abends ein kühler Windstoß das Laub vom modrig duftenden Waldboden in die Luft wirbelt, dünne Nebelschwaden die gelb gefärbten Lärchenwälder in geheimnisvolle Landschaften verwandeln und das Licht der tiefer stehenden Sonne das Land in einen goldigen Zauber hüllt, merken wird, dass sich das Jahr langsam dem Ende neigt und sich auch der Jahreskreis der Natur erneut schließt. Genau jetzt aber, im Herbst, strotzt die Natur noch einmal voller Leben. Beeren und Früchte entfalten ihre volle Reife, es ist Erntezeit. Viele Tiere sind jetzt besonders aktiv, da sie Vorräte für den bevorstehenden Winter

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sammeln oder sich auf ihre Rückkehr in tiefere Tallagen oder auf den Abflug in südlichere Breiten vorbereiten. Die Bäume färben ihre Blätter in ein unvergleichlich rotes, gelbes, braunes Farbenschauspiel. Während kaum einer anderen Jahreszeit gibt es so viel Faszinierendes in der Natur zu entdecken wie im Herbst. Er lädt uns geradezu ein, „bewaffnet“ mit Tier- und Pflanzenbestimmungsbüchlein und Becherlupe, hinaus zu gehen, um zu beobachten und kreativ zu werden. Einige Anregungen, wie wir die bunte Jahreszeit gemeinsam mit unseren Kindern ganz bewusst und intensiv er- und beleben können, aber auch ein paar Hinweise, die fürs Unterwegssein

im Freien im Herbst wichtig sind, möchten wir euch in dieser Ausgabe vorstellen. Im Herbst draußen unterwegs Der Reiz der in ein buntes Kleid ge­ hüllten Landschaft, die abgeklungene Hitze des Sommers und eine gerin­ gere Gewitterneigung – der Herbst ist eine ideale Zeit zum Wandern. Gleichzeitig gilt aber auch zu beachten: Je weiter der Herbst fortgeschritten ist, desto früher wird es dunkel. Unseren Aufenthalt in der Natur planen wir also so, dass wir sicher früh genug vor Dämmerungsanbruch wieder zurück sind und nehmen sicherheitshalber Stirn- oder Taschenlampe mit.


Ideale Wanderzeit für Familien – zu kaum ­einer anderen Jahreszeit gibt's in der Natur so viel zu entdecken wie im Herbst Foto: Othmar Mayrl

Beim Auslegen eines M ­ andalas aus herbst­ lichen Naturgegenständen kennt unsere Kreativität keine Grenzen Foto: Archiv AVS-Jugend

(Alm-)Hütten oder Gasthöfe haben oft schon geschlossen, daher genügend Proviant mitnehmen und sich über Einkehrmöglichkeiten, auch für den Notfall, im Voraus gut informieren! Die Tage werden kälter, daher gehört auch schon warme Kleidung mit in den

Rucksack. Nach Regen trocknen Wege langsamer als im Sommer und in höheren Lagen kann es durchaus auch schon einmal gefrieren. Gutes, rutschfestes Schuh­werk ist ein Muss. Der Herbst ist auch die Zeit, in der unsere Natur nur so sprießt von Pilzen, Waldfrüchten und Beeren. Nicht alle sind aber ­genießbar! Deshalb ist mit Kindern Vorsicht geboten. Begleiten wir unsere Kinder bei der Verkostung dieser ­Natur-Naschereien, schlagen gemeinsam im Bestimmungsbuch nach, ­warum eine Pflanze essbar ist oder nicht und erklären wir, was man mit diesen Naturgaben sonst noch machen kann. Der Fantasie freien Lauf lassen Kastanien, Eicheln, Bucheckern, Zapfen von Nadelbäumen und unendlich viele Blätter in allen Formen und Farben – im Herbst fallen uns ganz besondere Naturmaterialien sprichwörtlich nur so vor die Füße, wenn wir mit offenen Augen den Wald durchstreifen. Und mit diesen Dingen lassen sich wunderschöne Kunstwerke erschaffen, denn Herbstzeit ist auch Bastelzeit. Direkt inmitten der Natur können wir mit unseren gesammelten Naturmaterialien wunderschöne Naturmandalas gestalten, indem wir die bunten Blätter, Zapfen, Nüsse und Samen zu einem

harmonischen Bild am Boden auslegen oder im Stile der Land Art kleine Natur­skulpturen bauen. Besonders gern bauen Kinder auch Windspiele aus Kastanien, Nüssen, Früchten und Blättern aus dem Herbstwald. Dazu nehmen wir ein kleines Werkzeug zum Durchbohren der Früchte (Kindern helfen) und einen dünnen Faden mit, auf dem wir sie in regelmäßigen Abständen und durch kleine Knoten gesichert auffädeln und unser „Waldmobile“ dann am Wegesrand auf einen Ast hängen oder mit nach Hause nehmen. Nachkommende Wanderer werden sich vielleicht über unsere vielen Naturkunstwerke freuen. Zuhause können wir gesammelte, bunte Blätter pressen, trocknen und wunderschöne Blätterbilder daraus kleben. Oder wir schneiden ein dünnes Stirnband aus Karton oder Stoff aus, auf das wir unsere Herbstblätter befestigen und so einen Indianer-Kopfschmuck basteln. 1.001 Laubblätter Laubblätter sind ein vielseitiges Material zum Spielen. Besonders spannend ist es, versteckt im Wald geheime Hütten aus Ästen und Zweigen zu bauen. Mit einer dicken Schicht aus abgefallenen Laubblättern können wir unsere Hütte nicht nur ausgezeichnet tarnen, sondern auch gegen Kälte und sogar Bergeerleben 05/19

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Unterwegs so leise als möglich, bleiben auf den Wegen und beschränken unsere Lichtquellen auf ein Minimum, um Dämmerungs- und nachtaktive Tiere nicht zu stören. An ausgewiesenen Lagerfeuerplätzen können wir im Herbst am Lager­feuer Kastanien oder Äpfel braten und spannende Geschichten ­erzählen. Ralf Pechlaner

DIE VORRÄTE DES EICHHÖRNCHENS

Kinder lieben es, aus Ästen und Zweigen versteckte Unterschlüpfe im Wald zu bauen und mit Laub zu tarnen und abzudichten Foto: Lukas Gummerer

Aus Zapfen, bunten Blättern, Nüssen und Beeren basteln wir ein farbenfrohes Windspiel Foto: Archiv AVS-Jugend

leichten Regen dämmen. Wichtig, wenn wir im Wald etwas bauen: nie gesunde Äste abschneiden, sondern Holz oder Rinden verwenden, die bereits am Boden liegen. Es macht aber einfach auch nur Spaß einen riesigen Laubhaufen zusammenzutragen, in den wir aus geringer Höhe wie beim Heuhüpfen hineinspringen und uns so richtig austoben können. Unsere Laubhaufen, egal ob im Wald oder in unserem Garten, können wir dabei auch so zurücklassen, denn dort nisten sich im

Herbst gerne Igel oder andere Kleintiere ein. Generell können wir Tieren helfen, wenn wir im Herbst unseren Garten möglichst natürlich belassen. Eine besondere Naturerfahrung ist es, uns rücklings auf den Boden hinzulegen und uns mit Laub zudecken zu lassen, bis nur mehr der Kopf aus den Blättern herausragt. So daliegend und eins werdend mit der Natur blicken wir ganz bewusst hinauf in die Baumkronen und beobachten, was dort oben alles passiert. Tierische Herbstbegegnungen Sehr gut möglich, dass wir dort Eichhörnchen oder Vögel beobachten können, die eifrig dabei sind, Vorräte für den bevorstehenden Winter zu sammeln. Vor allem Eichelhäher oder Tannenhäher machen sich bei ihrer herbstlichen Vorratsbeschaffung durch ihren unverkennbaren Ruf bemerkbar. Andere Vögel wie Schwalben oder Stare können wir im Herbst dabei beobachten, wie sie sich in Scharen für den gemeinsamen Flug in den Süden sammeln. Wenn es anfängt zu dämmern, können wir in dieser Jahreszeit vielleicht auch den Brunftrufen der Hirsche lauschen. Abenteuer Nacht im Herbst Apropos Dämmerung und Nacht. Der Herbst bietet sich besonders gut für abenteuerliche Spaziergänge im Dunkeln an, da es schon wieder früher finster und für Kinder somit nicht zu spät wird. Dabei verhalten wir uns

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Der Spielleiter erklärt den Teilnehmern zunächst wie Eichhörnchen überwintern, dass sie im Herbst möglichst viele Vorrat-Depots anlegen, und dass sie im Winter gelegentlich aufwachen, um sich ihre im Herbst versteckten Nüsse in den Kobel (Eichhörnchenbau) zu holen. Dafür müssen die Eichhörnchen ihren Stoffwechsel ankurbeln, was für sie mit großem Energieaufwand verbunden ist. Ablauf: Alle Spieler erhalten zu Beginn eine bestimmte Anzahl an Nüssen, die sie im Umfeld des Spielortes in der Natur gut und strategisch verstecken sollen. Nach dem Verstecken versammeln sich alle „Eichhörnchen“ im Kobel (in der Mitte des vereinbarten Spiel-Umfeldes). Auf Anleitung des Spielleiters erwachen die Eichhörnchen nun und sollen sich Nüsse aus ihren Depots zurückholen. In einer vorgegebenen Zeit (30 Sekunden) haben die „Eichhörnchen“ nun Zeit, eine bestimmte, vorgegebene Anzahl ihrer versteckten Nüsse aus ihren Verstecken zurückzuholen. Beim nächsten „Aufwachen“ wird die Zeit von 30 auf bspw. 20 Sekunden und noch einen Durchlauf später auf 10 Sekunden reduziert. Einige „Eichhörnchen“ werden es jetzt nicht mehr schaffen, in der kurzen Zeit ihre Vorräte aus den weiter entfernten Verstecken zurückzubringen. Sie scheiden aus dem Spiel aus – sie haben im Herbst also ihre Vorräte nicht gut versteckt und werden den Winter leider nicht überstehen. Kinder erlernen dabei spielerisch die Vorratsbeschaffung im Herbst zu ver­ stehen und wie schwierig die Über­ winterung für viele Tiere ist. Material: Nüsse; Stoppuhr


Herrliches Friaul Radtage mit der AVS-Sektion St. Pauls 370 Kilometer sind wir von Tarvisio nach Pordenone geradelt, entlang von aufgelassenen Bahn­ trassen, malerischen Flüssen und durch mittelalterliche Städte. Auch ein Abstecher nach Slowenien war dabei. Doch vorerst ging es per Zug von St. Pauls durchs Pustertal nach ­Lienz und über Arnoldstein nach Tarvis. Tarvisio – Osoppo, ca. 70 km Im Nordosten Italiens, im Drei­län­der­ eck zwischen Österreich, Italien und Slowenien, findet man einen der schönsten Bahntrassenradwege Ita­ liens: den neuen Radweg auf der alten Pontebbana-Eisenbahnstrecke. Mit Mitteln der EU wurde auf der stillgelegten Bahnstrecke von Tarvisio nach

Resiutta ein 47 Kilometer langer Radweg angelegt, der am Fella-Fluss entlang (Kanaltal/Valcanale) durch die Berge von Friaul-Julisch Venetien führt. Der aufgelassene Bahnhof in Chiusaforte wurde zu einem netten Bistro ausgebaut. Besonders der Abschnitt zwischen Resiutta und Pietra­ gliata ist gespickt mit Tunneln und Brücken, die Ausblicke in das Flusstal oder auf die umgebenden Berge sind atemberaubend. Der Tagliamento hat ein sehr weites und weißes Flussbett. Das Wasser ist aquamarinblau! Die Strecke ist sehr gut ausgebaut und asphaltiert, auch wenn einige ­kürzere Umfahrungen notwendig sind. 35 der 50 Kilometer fährt man auf der Bahntrasse, nur die Umfahrungsstrecken bieten einige kurze Steigungen bzw. Gefälle.

Fotos: AVS St. Pauls

Osoppo – Görz, ca. 90 km Von Osoppo radeln wir zuerst auf dem Radweg Alpe Adria über Rivoli di Osoppo, Tomba, Ontegnano, Ursinins Grande, Treppo Piccolo und Felettano bis Reana del Rojale, wo wir den Radweg Alpe-Adria verlassen. Nun geht es auf dem Radweg Cividale del Torre nach Savorgnano del Torre. Dort wechseln wir auf den Radweg Pedemontana del Collin und folgen diesem über Ronchis nach Cividale del Friuli. Kurz darauf folgt unser Mittagshalt bei Gagliano. Danach geht es südlich weiter und dann gegen die Hügel zu. Südöstlich von Corno di Rosazzo erreichen wir die slowenische Grenze und fahren auf der slowenischen Seite ca. 8 Kilometer der Grenze entlang. Nach dem Wiedereintritt in Italien sind es nur noch ca. 8 Kilometer bis zu unserem Hotel in Görz. Bergeerleben 05/19

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Unterwegs

Görz – Slowenientour, ca. 60 km Heute radeln wir über die Grenze nach Neu-Görz und dann dem Fluss Isonzo entlang aufwärts über Plave, Anhofo, Gorenja vas-Poljane bis zur Brücke nach Kanalburg. Kurz danach fahren wir links den Hügel hinauf und bewältigen auf der 5 Kilometer langen Steigung einen Höhenunterschied von 600 Meter. Oben a ­ ngelangt werden wir mit einer wunderschönen Aussicht auf die umliegenden Hügel belohnt. Nun geht es südwärts weiter; wir durchqueren ­Vrhovlje pri Kojskem und erreichen kurz nach der Grenze San Floriano del

Gruppenbild vor Schloss Görz

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Collio. Hier halten wir Mittagsrast und gestärkt schaffen wir auch die rest­ lichen 8 Kilometer bis zum Hotel. Am späten Nachmittag machen wir einen geführten Rundgang durch die geschichtsträchtige Stadt Görz. In Görz atmet man die typische, schwebende Atmosphäre einer Grenzstadt: Auf der Piazza Transalpina, die bis 2004 durch eine Mauer geteilt war, spaziert man mit einem Fuß in Italien und einem in Slowenien. Dank ihrer besonderen geografischen Lage war die Stadt stets von verschiedenen Kultu­ren beeinflusst, u.a. von der römischen, der slawischen und der germanischen Kultur. Ihre östliche Lage führte zu einer starken mitteleuropäi-

Die Villa Manin aus dem 17. Jahrhundert liegt in Codroipo bei Udine Der farbenprächtige Tagliamento Hindernis Wasser: Die Gruppe beim ­Überqueren einer Furt

schen Prägung, was man heute noch an den Straßen, Bauten und Parks der Stadt erkennen kann. Herzstück ist die mittelalterliche Burg, von der man einen herrlichen Blick auf die umliegende Hügellandschaft und auf Görz genießt, wo sich die Architekturstile des Mittel­alters, des Barocks und des 19. Jahrhunderts auf harmonische Weise ver­einen. Die habsburgische Bourgeoisie flanierte gern durch das Zentrum der Stadt, die nicht ohne Grund auch das „habsburgische Nizza“ genannt wurde. Neben den bezaubernden Parks wie dem Parco Piuma am Fluss Isonzo, dem Park des Palazzo Coronini Cronberg und dem Parco Viatori gibt es beson­dere Museen wie die Provinz­ museen mit dem Museum der Mode und der Angewandten Künste, das Mu­seum des Ersten Weltkriegs und die Archäo­logische Sammlung oder das Museum des Görzer Mittelalters in der Burg. Die Geschichte der Jüdischen Gemeinde von Görz wird im Museum ­Jerusalem am Isonzo in der Via Ascoli erzählt. Auf den Anhöhen der Stadt im Ortsteil Oslavia befindet sich das imposante Gebeinhaus von Oslavia mit den Überresten gefallener italienischer und österreichisch-ungarischer Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg.


Görz – Palmanova, ca. 85 km Wir benützen mehrheitlich Radwege. Kurz nach dem Start radeln wir über den Fluss Isonzo und dann geht es ­lange in südwestlicher Richtung nach Gradisca d’Isonzo und wieder über den Fluss nach Sagrado und über San Pier d’Isonzo nach Cassegliano. Nun folgt in südlicher Richtung Pieris, und dann fahren wir durch die Felder runter zum Meer. Von hier aus erreichen wir bald Grado, wo wir den Mittagshalt einlegen. Danach radeln wir auf dem Radweg Alpe–Adria nördlich – zuerst ca. 5 Kilometer auf dem Damm – weiter über Aquileia, Servignano del Friuli und Strassoldo zu unserem Ziel Palmanova. Die Festungsstadt Palmanova wurde 1593 von der Republik Venedig gegründet und zeichnet sich durch ihren außerordentlich guten Erhaltungs­ zustand aus. Seit 1960 gehört sie zu den Nationaldenkmälern und ist seit 2017 Teil des transnationalen Unesco-­ Weltkulturerbes Venezianische Verteidigungsbauten des 15. bis 17. Jahr­ hunderts Stato da Terra – westlicher Stato da Mar. Palmanova ist das Modell einer Renaissancestadt und auch ein eindrucksvolles Beispiel für Militärbauten. Auf der Piazza Grande, einem weit­ läufigen Exerzierplatz im Zentrum der Festung, zeigt die Dauerausstellung Geräte und Maschinen für den Bau der

Festung Palma naturgroße Nachbildungen einiger Maschinen, die für die Errich­tung von Palmanova verwendet wurden. Palmanova – Pordenone, ca. 66 km Kurz nach dem Start überqueren wir die Autobahnkreuzung und dann geht es immer westwärts durch die Ebene von Friaul und durch die Orte Gonars, Morsano di Strada, Gastions di Strada, Sant Adrat del Cormor, Flumignano, Talmassons, Flambro, Virco, Bertiolo und Passariano, wo die Villa von Manin besichtigt werden kann. Die Villa ­Manin ist ein Juwel der Kunst und der Geschichte im Herzen der Ebene von ­Friaul. Mit dem 8.500 Quadrat­meter großen Ansitz, der Kapelle von

Die „Pianura“ mit den Julischen Alpen im Hintergrund Die Küstenstadt Grado am äußersten Golf von Venedig

St. Andrew und dem 18 Hektar großen Landschaftspark ist sie eine der größten venezianischen Villen in Codroipo. Nach Codroipo und Biauzzo über­ queren wir den farbenprächtigen Fluss Tagliamento. Es folgen San Giovanni di Casarsa, Orcenico Inferiore, Cusano und Poincicco. Kurz darauf treffen wir in Pordenone ein. Um viele Eindrücke reicher, ohne Unfälle und nur mit ganz wenigen Reifen­pannen fahren wir mit dem Bus glücklich zurück nach St. Pauls. Margit Komiss, AVS-Sektion St. Pauls

Über den neuen Radweg auf der alten ­Pontebbana-Eisenbahnstrecke von Tarvisio nach Resiutta und dann weiter nach Osoppo

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Unterwegs

Wandern auf Sardinien

Mit der AVS-Ortsstelle Vahrn Am 27. Mai starteten wir von der AVS-Ortsstelle Vahrn mit 30 Teilnehmern zu unserer Wanderwoche nach Sardinien.

U

nser Ziel war die Gallura im äußersten Nordosten Sardiniens, bekannt für die schönen ero­ sionsverformten Granit- und Porphyrfelsen, dem Maddalena-Archipel an der Straße von Bonifazio mit seinen traumhaften Stränden, den Korkeichen und Stazzi, der duftenden Macchia und der Garrigue, die im Frühling besonders schön blüht. Wir fuhren mit dem Reisebus nach Laconia, zwei Kilometer vom kleinen

Die Porphyrklippen leuchten in ­verschiedenen Tönen

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ehemaligen Fischerdörfchen Canningone entfernt, am Golf von Arzachena. Dort nisteten wir uns in einem netten Hotel ein und gleich gingen wir schon auf Erkundungstour ins Dorf, immer an einer Strandpromenade entlang. Ein sehr gepflegter, netter Ort! Capo Testa und die Hippies Alle sitzen voller Erwartungen pünktlich im Bus. Endlich geht’s los mit den Touren. Wir fahren nach Santa Teresa di Gallura und wandern von dort immer der Küste entlang zur Halbinsel Capo Testa, wo sich uns eine wundervolle bizarre Granitwildnis in skurrilsten Formen, entstanden durch jahrtau-

Wundervolles Caprera Fotos: AVS Vahrn

sendlange Erosion und Sturm, begrüßt. Wir machen Pause in der Nähe des alten Römerhafens, wo man noch die bearbeiteten Granitreste der Römer­bauten bewundern kann. Über Felsen, bei starkem Wind und tobenden Wellen umrunden wir die Halb­ insel. Auch die Valle di Luna, die in den 1970er- und 1980er-Jahren hauptsächlich von Hippies besucht wurde, durchqueren wir und stellen fest, dass noch einige Hippies dort leben. Wunderbare Aussicht auf dem ­Tuttavista Heute geht’s in die Baronia südlich von Olbia bei Orosei, wo wir den Gipfel des Monte Tuttavista besteigen. Der Berg besteht aus karstigem Kalkgestein und erinnert an die Gebirge am Gardasee. Mastix, Wolfsmilchsträucher und Zistrosen begleiten uns fast bis zum Gipfel, dort oben empfängt uns ein riesiger Bronzeherrgott, und wir können eine wunderbare Aussicht genießen. Die Sandsteinklippen auf Korsika Von Santa Teresa di Gallura fahren wir mit der Fähre (50 Minuten) nach Bonifacio, zum südlichsten Punkt Korsikas. Diese beeindruckende Stadt steht auf einem überhängenden Kreidefelsen und man erkennt die Escala de Aragon von Weitem. Wir wandern zum Capo Pertusato und genießen einen herr­


lichen Strand eingebettet in Sandsteinklippen. Nach der Wanderung wird das Städtchen erkundet, manche steigen die steilen Stufen der Königstreppe hinunter, ein tolles Erlebnis! Abends geht’s bei rauer See und ­schönem Sonnenuntergang zurück nach Sardinien. Blumenteppiche an der Costa ­Paradiso Die Costa Paradiso wird heute zu einer wahren Traumtour. Es ist, als hätten die lieben Sarden extra für uns bunte Blumenteppiche ausgebreitet. Den ganzen Tag begleitet uns eine Blütenmeer aus Mittagsblumen, Zistrosen, Ginster, Lavendel, Rosmarin und vielen mehr. In verschiedenen Tönen leuchten die roten Porphyrklippen bis zu ­unserem Ziel, dem Örtchen Isola R ­ ossa. Auf der Rückfahrt genießen wir den weiten Blick über die Valle della Luna bei einem kühlen Bier. Die vielen Kork­ eichen­wälder begleiten uns fast bis zur Ankunft. Nuraghe, Giganten, Stazzi Bei Arzachena startet unsere Tour mit einer kurzen Besichtigung einer der berühmten Nuraghe (prähistorische Turmbauten) und eines Gigantengrabes. Dann fahren wir nach Pantaleo, ein Künstlerdorf mit schönen Granithäusern, den sogenannten Stazzi. Im Dorf findet donnerstags immer ein Künstler- und Spezialitätenmarkt statt,

Blumenteppiche entlang der Costa Paradiso

den wir vor unserer kleinen Bergtour besuchen. Wir steigen zu einem der Granittürme von Pantaleo hinauf, die das Dorf umrahmen. Von oben hat man einen tollen Ausblick auf die ­Costa Smeralda und das Hinterland. Am Ende der Tour gibt es in Pantaleo noch ein leckeres Mirtoeis. Caprera mit Gipfel Die Insel Caprera ist leider unser letztes Wanderziel. Wir fahren mit unserem Bus mit der Fähre bis La Madda­ lena und weiter über die Brücke über den Passo della Moneta nach Caprera,

der wundervollen wilden Insel, die früher im Besitz von Giuseppe Garibaldi war. Der höchste Gipfel ist bald be­ stiegen (ca. 200 m), der Blick auf die Farbtöne des Meeres und die Inseln des Archipels ist gigantisch. Wir umrunden den Nordteil der Insel, wo wir wieder besondere Felsformationen und Pflanzen bewundern. Wir hatten viel Glück mit dem schönen Wetter, es war eine wunderbare Reise mit vielen netten Leuten. Sardi­ nien und seine unberührte Natur wird uns sicher bald wiedersehen. Margareth Kofler, AVS-Ortsstelle Vahrn

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Unterwegs

Äolische ­Inseln Wanderwoche mit der AVS-Ortsstelle St. Lorenzen Die Äolischen oder Liparischen ­Inseln, wie sie auch genannt werden, sind 115 Quadratkilometer groß, vulkanischen Ursprungs und haben ca. 14.000 Einwohner. Sie ­liegen zwischen 30 und 80 Kilo­ meter vor der Nordküste ­Siziliens und wurden im Jahre 2000 zum Weltnaturerbe erklärt.

D

er Mai 2019, unser Reisemonat, wird in die Wettergeschichte eingehen als der kühlste und regen­reichste der letzten Jahrzehnte. Dennoch wagen 40 Wanderfreunde das Abenteuer „Wanderwoche im ­Süden“. Und diese Woche war ein­ same Spitze: durch das Wetter, das Reiseziel, die Unterbringung und die sehr guten Küche! Und jeden Tag wandern auf e ­ iner anderen Insel! Die Busfahrt nach Milazzo führte uns an schönen Orten wie Taormina vorbei oder am Drehort für den Film „Der Pate“ an der Meeresenge von Messina. Den kurzen Aufenthalt in ­Milazzo nutzen wir für die Erkundung der Altstadt, den Fischmarkt am Strand oder für e ­ inen guten Espresso. 76

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Mit dem Tragflächenboot dauert die Überfahrt nach Lipari gerade mal 75 Minuten. Am Nachmittag erkun­den wir die Altstadt mit der alten Schlossanlage und ihren Steinsarkophagen und genießen den Tiefblick aufs klare und ruhige Meer. Salina, die Grüne Unser Ausflug beginnt mit der 50-minütigen Bootsfahrt auf die zweitgrößte Insel Salina. Besonders bekannt wurde diese Insel durch den Drehort Pollara für den Film „Il postino“ mit Ingrid Bergmann. Im Hafen von Rinella liegt ein blaues Fischerboot, der alte ­Fischer erzählt uns gerne von seinem kargen Leben. Unser Weg führt gemütlich hinauf nach Valdichiesa zur Marienkirche, weiter über Steinstufen und später über eine Forststraße steil zum Monte Fossa delle Felci auf 962 Meter. Es ist dies die höchste ­Erhebung aller Liparischen Inseln, ein Steinhaufen mit einem kleinen Holzkreuz markiert den Gipfel. Der Ausblick aufs Meer und auf die Nach­ bar­inseln ist durch Nebel etwas ein­ geschränkt. Tino, unser Begleiter für

diese Wanderwoche, wird nicht müde, unsere Fragen zu beantworten und sein Spruch „in gonzn Toug dotiomo des leicht“ begleitet uns durch die Woche. Bei der Überschreitung wandern wir auf der anderen Seite des Berges hinab und dürfen erste Orchideen bewundern. Ein Neben­ krater und imposante Vulkanwände am Weg sind sichtbare Zeitzeugen, bevor wir unser heutiges Ziel, das Dorf Santa Marina erreichen. Unsere Wegstrecke betrug 11,8 Kilometer, wofür wir 3,5 Stunden brauchten. Lipari, die Größte Zu Fuß starten wir vom Hotel hinauf übers Dorf, zuerst vorbei an schönen Villen mit Parkanlagen, später auf ­einem naturbelassenen Steig auf den Monte Guardia (369 m). Oben haben wir herrliche Ausblicke zu den Nachbarinseln, zur Küste von Sizilien, der Landzunge von Milazzo. Unsere Rundwanderung führt steil hinab mit Sicht auf Lipari, und unten angekommen stärken wir uns mit Kaffee oder Bier – jeder nach seinen Gelüsten. Beim Rückweg in die Altstadt besuchen wir


Abstieg vom Monte Guardia auf der Insel Lipari, im Hintergrund die Insel Vulcano Auf der Insel Panarea mit Blick auf die ­Punta Milazzese mit der prähistorischen Siedlungsstätte Fotos: AVS St. Lorenzen

Die 7 Kilometer lange Runde sind wir in 2 Stunden gewandert.

ein Lokal, wo hiesige Spezialitäten ­verkauft werden. Tinos Geheimtipp: Arancini – panierte Reiskugeln mit Thunfisch und Kapern gefüllt. Vor dem Abendessen erlaubt die Zeit noch eine Abkühlung am hotel­ nahen Strand, den allerdings auch die rosa Quallen lieben – erste Annäherungsversuche sind schmerzhaft. Die Tour war 9,85 Kilometer lang, wir waren 2,5 Stunden unterwegs.

wo aus man sogar den schneebedeckten Ätna sieht. Das Mittagessen ist im Dorf unten bestellt und schmeckt hervorragend mit typischen Spezialitäten und selbst gebackenem Brot. Anschließend nutzen einige unserer Gruppe die Möglichkeit, im öffentlichen Schwefelbad einzutauchen und im Meer zu schwimmen.

Filicudi, die Einsame Die heutige Bootsfahrt dauert 75 Minuten, und bereits bei der Einfahrt in den Hafen Porto Graziano fallen die vielen langen, gut in das Gelände ­eingefügten Natursteinmauern auf. ­Filicudi hat ca. 250 Einwohner, und in der kleinen Bar gibt es eine schöne Auswahl an landestypischen Keksen. Der steile Weg führt uns hinauf zum kleinen Ort Val di Chiesa. Wir kommen an einem Weinberg vorbei, wo der Bauer gerade das Erdreich pflügt – der typische Wein ist der berühmte süßliche Malvasia. Die historischen Eselspfade sind teils der Sonne ausgesetzt, dann wieder flankiert von dichtem, dornigem Gestrüpp: Hier in dieser Einsamkeit blüht die Zistrose tausendfach in Weiß und Rosa. Und wieder ist es ein unspektakulärer Steinhaufen, der den Gipfel des Fossa Felci (774 m) krönt. Beim Abstieg kommen wir bei der Eselin Margerita vorbei und ihr B ­ esitzer – ein Kapernbauer – freut sich über ein

Vulcano, die Interessante Heute steuern wir Vulcano an. Ständig steigen aus ihrem Krater (391 m) weithin sichtbare Schwefeldämpfe auf. Vor 80 Jahren ist er das letzte Mal ausgebrochen, seither verstopft und deshalb gefährlich. Er ist mit seinen 10.000 Jahren der jüngste Krater. Ein Teilstück des Weges ist aus dem Felsen gehauen, teilweise sehr breit, wohl für die vielen Touristen. Am Kraterrand beeindrucken uns die heißen und giftigen Schwefeldämpfe, die aus den Löchern entweichen und das Gestein gelb färben. Wir umrunden den Krater und folgen einem gut angelegten Weg, der uns hinauf auf den Gipfel bringt, von Bergeerleben 05/19

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Unterwegs

Gruppenfoto auf dem Stromboli Foto: AVS St. Lorenzen

kurzes Gespräch. Unten im Hafen bieten sich jetzt zwei Möglichkeiten an: Wettschwimmen mit den Quallen oder ein kühles Blondes. Und trotz der Umweltproblematik der verschmutzten Weltmeere – hier gibt es sie noch: die sauberen Strände mit glasklarem und tiefblauem Wasser. Sie sind steinig und von Quallen geliebt. Bei der Rückfahrt fährt der Kapitän ganz nahe an die Grotta del bue marino heran, dann weiter zur Felsnadel mit der Madonnina an der Spitze, schließlich durch die zwei engen Felsen hindurch. Jede ­größere Bucht und jeder höhere Felsen hat hier einen Namen. Und irgendwo da draußen liegt jetzt der Hut von Lois, ein Tirolerhut mit vielen schönen Erinnerungen, Ansteckern und stets blumengeschmückt. Urlaub kann so wunderbar sein – jetzt spendiert der Kapitän auch noch ein Glas Malvasia. Heute waren es 9,6 Kilometer und 750 Höhenmeter, die wir in 3,15 Stunden gewandert sind. Stromboli, der aktivste Vulkan ­Europas Nach 90 Minuten Bootsfahrt geht es mit zwei einheimischen Bergführern und mit Helm im Rucksack bergan. 78

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880 Höhenmeter sind es; durchwegs steil, aber gut angelegt ist der Steig ­hinauf zum Gipfel des Stromboli. Schon bald begrüßt er uns mit seinem regelmäßigen und unheimlichen ­Grollen. Es gilt Helmpflicht. Oben ange­kommen spüren wir die Kraft des Vulkans: Alle 15 bis 20 Minuten spuckt einer der fünf Krater tief unter uns Gesteins­brocken und Lava, begleitet von riesigen Rauchwolken und es ­regnet feinsten Vulkanstaub. Heute Morgen gehört der Gipfel nur uns, nachts geht es ganz anders zu, da steigen die Touristen zu Hunderten hinauf. Beim Rückweg waten wir eine steile Vulkansandrinne hinunter, das letzte Wegstück wegen des Feinstaubes mit Mundschutz. Mit dem Boot fahren wir wieder ­zurück, zuerst um das vorgelagerte Insel­chen Strombolicchio mit dem „Steinherzen“ herum, und dann auf der Rückseite des Stromboli, wo die Lavaströme und der schwarze Sand bis ans Meer herab reichen. Heute noch findet man an den Stränden ­Obsidian (Vulkanglas), das bereits von den Steinzeitmenschen zu Werkzeug und Messern verarbeitet wurde. Unsere Strecke heute: 9,3 Kilometer und 3,10 Stunden Gehzeit. Panarea, die Noble Bei der Hinfahrt zur kleinsten der sieben Inseln lässt es sich unser Kapitän nicht nehmen, uns die versteckte

und schönste Bucht des Archipels zu zeigen. Im Hafen angekommen fallen das viele Baumaterial auf, die Elektrotaxis, die noblen Villen auf der Anhöhe mit Hubschrauberplätzen. Durch die ­Ginsterbünsche geht es einsam und steil mit immer wieder schönen Fotomotiven bergauf: das Loch im Felsen oder der steinerne „Liegestuhl“ hoch über dem Abgrund. Am Ende unserer Rundwanderung machen wir einen ­Abstecher zur prähistorischen Siedlung an der Punta Milazzese. Darunter lädt die Cala Junco zum Baden ein, auf der anderen Seite – in Dorfnähe – gibt es doch tatsächlich einen Sandstrand. Der höchste Punkt der heutigen Wanderung liegt auf 430 Meter, ins­ gesamt wanderten wir 7,5 Kilometer mit 2 Stunden Gehzeit. Mit vielen schönen Erinnerungen nehmen wir Abschied von den Inseln, und wir sind uns einig: Es braucht schon ein sehr gutes Organisationsvermögen, viel Erfahrung und Freude, um eine solche Urlaubswoche anbieten zu ­können. Ein großes und aufrichtiges Vergelt’s Gott allen, die an der Vor­ bereitung und Durchführung dieser Wanderwoche beteiligt waren. Dieses Reiseziel zu toppen, ist unmöglich (aber das haben wir uns bisher jedes Mal gedacht …). Michi Zössmair, AVS-Ortsstellen St. Lorenzen


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Unterwegs

Sterne

Über der Grands-­Charmoz-Westwand Aus einem unruhigen Schlaf wache ich auf – wo zum Teufel bin ich? Ach ja, Chamonix, Klettern, Aiguilles, Grands-Charmoz-Westwand, im Freibiwak auf der Gletschermoräne des Nantillionsgletschers.

B

iwak und Hüttennächte waren noch nie meine Stärke. Von ­Natur aus mit einem leichten Schlaf gesegnet, bin ich immer froh, wenn es Zeit ist aufzustehen. Doch noch ist es stockdunkel und neidisch höre ich ­Felix neben mir ruhig atmen. Der wacht sicher die ganze Nacht nie auf, denke ich mir ärgerlich. Nachdenklich drehe ich mich auf den Rücken und schaue hoch zum Firmament. Sterne, ich sehe nur Sterne, so unglaublich hell und nah, die Milchstraße, alles so rein, so klar, Myriaden von Lichtern, von fernen Welten. Würde ich die Hand ausstrecken, ich glaube, ich könnte sie fast berühren. Kein Laut. Keine Wolke trübt den Nachthimmel. Staunend wie ein kleines Kind starre ich in die Stille hinauf. Ich spüre die kalte Luft der Nacht und mir wird auf einmal ganz klar, dass ich trotz des ­unbequemen Schlafgelages genau da 80

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bin, wo ich sein will. Dass ich mit niemandem auf dieser Welt tauschen möchte. Mit einer tiefen Zufrieden­heit in mir drehe ich mich auf die Seite und nehme meinen Kampf mit dem Schlaf wieder auf. Die Neugier, gemeinsam ­aufzu­brechen Am Morgen um halb sechs ist es kalt. Wir zweifeln ein wenig, ob es nicht zu kalt ist für diese hoch gelegene Westwand, wo wir die Sonne erst gegen Mittag sehen werden. Doch das Wetter ist herrlich, unsere Motivation groß und schließlich können wir ja jederzeit abseilen. Also packen wir unsere Sachen und queren den Gletscher Richtung Einstieg. Die ersten Seillängen verlaufen etwas holprig, der Fels ist eiskalt, Finger und Zehen sind bald gefühl­los und wir haben unseren gewohnten Rhythmus noch nicht gefunden. Bei langen Klettertouren stellt sich im Idealfall nach einer gewissen Zeit eine eigene Dynamik ein, wo alles fließt, in ständiger Bewegung ist, jeder genau weiß, was getan werden muss. Während ich Felix beim Klettern zu­ sehe und am Stand sichere, denke ich


Foto: Pixabay/O2

Tiefblick in den oberen Seillängen Blick vom Ausstieg zur Aiguille du Crèpon Fotos: Lukas Troi

nach, wie lange wir uns schon kennen: 20 Jahre, eine kleine Ewigkeit. Obwohl wir in einiger Entfernung wohnen, ist unsere Freundschaft über die Jahre gereift. Von der gemeinsamen langen Ausbildung ging es nahtlos über in unsere Leidenschaft für den Alpinismus. Doch das ist nur die Oberfläche, der Kern unserer Freundschaft sitzt tiefer: eine ähnliche Art die Dinge zu fühlen, zu sehen. Eine Neugier, die uns in einem wechselseitigen Verhältnis immer wieder dazu treibt aufzubrechen. Wie kann man Stille und Worte in Ehrfurcht fassen? Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als das Seil schnell durch meine Hände läuft, ich baue den Stand ab und steige nach. Viele herrliche Verschneidungen, Risse und Platten später klettern wir die letzte schwierige Seillänge vor dem Stufengelände auf zwei Drittel der Wandhöhe. Direkt ne-

ben unserer Route befinden sich dünne Eisglasuren auf den Granitplatten, die nun im Sonnenlicht glitzern. Die Kälte hat uns ziemlich zugesetzt, doch endlich kommen wir vom Schatten ins Licht. In leichtem Gelände beschließen wir, ein wenig zu rasten und etwas Wärme zu tanken. Lange wird uns die Sonne nicht erhalten bleiben, da schon die für die Aiguilles typischen Thermikwolken auftauchen und die Sonne abschirmen. Wir sind ganz allein in der Wand, und während ich an einem Müsli­ riegel kaue, fallen mir wieder die Sterne der Nacht ein. Mit leiser Wehmut überlege ich, dass ich dieses unglaubliche Bild, diese Empfindung mit niemandem t­ eilen kann, nicht einmal mit meinem Freund, da die Stille der Sterne seinen Schlaf bestimmt nicht stören konnte. So oft schon war ich alleine auf Graten, auf wilden Gipfeln, und fast nie konnte ich jemandem später vermitteln, was ich wirklich empfand, wie glücklich, wie einsam ich dort manchmal war. Worte sind meist unzulängliche Mittel, um wirklich zu beschreiben, was man fühlt. Wie sollte man Stille und Ehrfurcht in Worte fassen? Ein Wider­spruch in sich. Bergeerleben 05/19

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Unterwegs Im unteren Teil des Pfeilers

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Die offensichtliche Sinnlosigkeit des Tuns Wir liegen gut im Zeitplan und so können wir die letzten acht Seillängen richtig genießen. Risse in allen Varianten, herrlicher rotbrauner Granit und die pure Freude am Klettern an diesem hochalpinen Schauplatz. Wir ­beobachten zwei Seilschaften am Grat­übergang vom Charmoz zum ­Grepon und staunen über die Gewagtheit ­dieser historischen Route. Hier wurde Klettergeschichte geschrieben, als Albert Frederic Mummery mit ­Gefährten schon 1881 als Erster den Übergang wagte. Am späten Nachmittag sind auch wir am Gipfelgrat, doch die Tour ist lange noch nicht zu Ende. Es erwarten uns über 20 Abseillängen bis zum Wandfuß und zu unseren Gletscherschuhen. 20 Mal bangen, ob sich das Seil nicht doch hinter irgendeinem ­Zacken verfängt und uns zu zeitaufwendigen Manövern zwingt. Nach ­einer kurzen Diskussion sind wir uns ­einig, dass wir über unsere Aufstiegsroute abseilen werden, da wir dort das Gelände schon kennen. Die Alternative über eine Abseil­ piste schaut kompliziert aus, da noch relativ viel Schnee auf den Bändern liegt und sich Schneefelder und Reibungs­kletterschuhe eher schlecht vertragen. Also wieder dort hinunter, wo wir uns erst vor wenigen Minuten hinaufgemüht haben! Ich muss schmunzeln, als mir die offensichtliche Sinnlosigkeit unseres Tuns bewusst wird. Und trotzdem, die Emotionen, die Erinnerungen, die ich von diesem Ort mitnehme, sie geben mir eine Kraft, von der ich noch in vielen Jahren zehren werde. Ich hasse abseilen, Felix auch, trotzdem kommen wir recht schnell und ohne größere Schwierigkeiten Richtung Einstieg und bei jedem Abseilstand gibt es die kurze Entspannung, wenn sich das Seil ohne Probleme ­abziehen lässt. Schließlich, drei Abseillängen über dem Wandfuss sind wir uns uneinig, in welche Richtung es weitergeht. Ich will nach links, Felix gerade hin­ unter.


Die Kathedrale aus goldbraunem Granit Es war ein langer Tag, langsam lassen unsere Konzentration und Geduld nach, doch durch unsere lange Freundschaft wandeln wir meist auf der sicheren Seite des Grates, der eine ernste Diskussion in einen Streit aus­ arten lassen würde. Unser Respekt, ­unser Vertrauen zueinander sind groß, unsere Argumente legen wir klar auf den Tisch, frei von Rechthaberei und Geltungsbedürfnis. Dann wird entschieden, ganz rational, ganz einfach. Als mir dann Felix, der am Seil an einer steilen Platte hängt, die unter ihm hundert Meter haltlos auf den Gletscher niederschießt, mit einer deutlichen Bestimmtheit versichert, dass sich unter ihm nicht das Stufengelände befindet, das ich gefordert hatte, ist alles klar. Wir müssen weiter nach links. Schließlich kommen wir problemlos zu unseren Gletscherschuhen am Einstieg. Während wir das Material sortieren, hören wir das bedrohliche Pfeifen von Steinen, die sich wegen der Nachmittagssonne in der Westwand gelöst ­haben und nun wie kleine Meteore Krater in den Gletscher schlagen. Also heißt es noch einmal schnell sein. Wir hasten, wir rennen vom geschützten Einstieg quer über den Gletscher, bis wir einigen Abstand von der Wand ­haben. Dann, langsam, fällt die ganze Anspannung des Tages ab. Es ist

Die Westwand des Grand Charmoz mit dem Cordierpfeiler

Licht und Schatten am Gran Charmoz - und über uns ein Himmel wie die Milchstraße

i­mmer ein besonderer Moment, es ist die Genugtuung, gemeinsam etwas erlebt, geschafft zu haben, etwas Wertvolles, das wie ein Schatz im Speicher unserer Erinnerungen leuchtet. Ein lang gehegter Traum, der nun verwirklicht ist. Am Biwakplatz packen wir gemütlich unsere Sachen zusammen und immer wieder gehen unsere Blicke hinüber zur Westwand des Charmoz, die wie eine Kathedrale aus goldbraunem G ­ ranit 700 Meter in die Höhe schießt. Gestern, als sie immer wieder aus dem Nebel auftauchte, hatte sie noch etwas Geheimnisvolles, Unbekanntes, jetzt kennen wir ihre Struktur, waren selber für einen Tag Teil dieses Berges.

Es ist sieben Uhr abends, wir beschließen noch abzusteigen. Weit, weit unten sieht man das Tal von Chamonix. Also schultern wir die schweren Rucksäcke und machen uns auf den Weg, der in endlosen Serpentinen über die verschiedenen Vegetationsstufen hinunterzieht. Schließlich wird es langsam dunkel und als der Pfad dann im Wald auch noch fast ansteigt, beginne ich zu jammern und fluche über die französischen Wegebauer, die meiner Meinung nach nicht besonders zielorientiert sind. Worauf mir Felix mit einer gewissen Belustigung entgegnet, dass wir ja aus eigenem Willen da sind und froh sein sollten, dass überhaupt ein Steig existiert. Verblüfft und lachend über die unerwartete Antwort füge ich mich dem Weg und meinem weiteren Schicksal. Genau das ist es, was mir an unserem Unterwegssein so gefällt: Wir nehmen uns selber nicht allzu ernst. Es ist wie ein Spiel, ein Experiment, ein Wechsel aus Spannung und Entspannung, wo Zahlen und Schwierigkeitsgrade nur eine sekundäre Rolle spielen. Wichtig ist nur die Wirkung, die die Ereignisse auf uns haben. Minuten, Stunden, Tage, die uns verändern und prägen, uns am intensivsten zeigen, wie lebendig wir sind. Während wir das letzte Stück zum Auto in der Dunkelheit zurücklegen, hält Felix einen Moment inne und dreht sich zu mir um: „Hast du gestern in der Nacht diese Sterne gesehen?“ Ich lächle. Lukas Troi

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Unterwegs

Auf den Spuren von Lawrence von Arabien Kletterreise nach ­Jordanien Mit einem Jucken in den Fingern und großer Reiselust planten ­Armin, Hannes und ich den nächsten Klettertrip nach Jordanien – ­genau ein Jahr, nachdem wir im Oman zum Klettern waren.

G

ewappnet mit einem Kletterführer von 1987 machten wir uns auf den Weg nach ­Malpensa, wo unsere Reise begann. Den Großteil der Anreise verbrachte ich mit Schlafen, da ich gesundheitlich etwas angeschlagen war. Als ich die Augen öffnete, staunte ich nicht schlecht: Schnee auf dem Desert Highway im südlichen Jordanien? ­Kühlere Temperaturen waren zu erwarten, aber auf Schnee waren wir nicht wirklich vorbereitet. Glücklicherweise war es halb so schlimm, denn wir

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­ enossen tagsüber Temperaturen um g die 15 °C und nachts immerhin 2 °C. The Beauty Am zweiten Tag war es endlich soweit und unsere erste Route, „The Beauty“, konnte erklettert werden. Allein der Zustieg stimmte uns auf die nächsten Tage ein, wir wanderten durch die ­riesigen und eindrucksvollen Canyons in dieser surrealen Landschaft. Beim Einstieg eröffnete sich uns ein herr­ liches Panorama und der Blick auf die schöne Rissverschneidung, die sich für 120 Meter nach oben zieht. Nach fünf Seillängen bis zum 6. Grad waren wir oben auf dem Gipfelplateau, das uns schlicht und einfach ins Staunen versetzte. Höchst motiviert für die nächsten Tage seilten wir uns ab. Ein Bett in Wadi Rum Beim Abendessen trafen wir Gleichgesinnte aus aller Welt, etwa Australien, Amerika, Schweiz und Kanada – ein

Klettern in Jordanien heißt sehr oft Rissklettern: von fingerbreit bis offwidth Fotos: Stefan Plank

überschaubarer, aber bunter Haufen. Alle waren damit beschäftigt, sich über das Erlebte auszutauschen und die Touren für die nächsten Tage zu planen. Auffallend oft fiel der Name ­Lionheart. Alle schwärmten von der Tour, unüberhörbar, aber immer schwang ein bisschen Demut mit. Die Route sei nicht ganz ohne, hier muss man schließlich alles selbst absichern. Nichtsdestotrotz ging es für uns an diesem Abend früh ins Bett. Das Bett befand sich in diesem Fall in Wadi Rum, einem von Beduinen geführten Nationalpark. Ähnlich wie in Amerika betritt man ihn durch ein Wartehäuschen, in dem man sich bei der Polizei anmeldet und Eintritt bezahlt. Wir lernten dort Hilejel kennen, einen Beduinen, der anbot, sich um uns zu kümmern. Die


ersten Nächte verbrachten wir auf seinem Grundstück in einem Beduinenzelt. Innen war es mit schönen orientalischen Teppichen verkleidet und bot uns den idealen Unterschlupf für die doch noch etwas kalten Nächte. Lionheart Am nächsten Morgen machten wir uns früh auf den Weg zum Lionheart. Vorbeigekommen an der Lawrence Quelle, stiegen wir durch ein Loch, das kaum breiter war als wir selbst und erblickten unsere Route: ein Riss, der von fingerbreit bis offwidth reicht. Hannes zeigte uns einige Tipps, die er sich bei seinen Reisen ins Yosemite Valley und mit dem AVS-­Projekt Alpinist ins chinesische Li Ming zum Rissklettern angeeignet hatte. Die Route selbst war von ­unten bis oben durchwegs schwierig, aber das gerade noch rechtzeitige Ankommen auf dem Gipfel übertraf all unsere Erwartungen. Wir freuten uns über den fantastischen Sonnenuntergang in dieser einmaligen Landschaft und fielen am Abend müde ins Bett. Petra Während der zweiten Hälfte unseres Trips schliefen wir direkt in der Wüste, wo Hilejels Vater mit anderen Beduinen wohnte. An diesen Abenden tranken wir literweise süßen Tee, blickten ins Lagerfeuer und versuchten, mehr über die Kultur der Beduinen zu erfahren. Jahrtausendealte Kultur fanden wir auch während unseres Ausflugs in die Ruinenstadt Petra, die in Wirklichkeit noch viel beeindruckender ist, als auf den Fotos, die man aus dem Internet kennt. Die Stätten in Petra wurden mit Präzision und Perfektion in den Sandstein gehauen, beeindruckend, wenn man an den ganzen Arbeitsaufwand

denkt. Genießen lässt sich die Aussicht am besten mit einem kalten Getränk von ganz oben. Beim Kloster gibt es ein Café mit „the best view of the ­world“, also mit der besten Aussicht auf der ganzen Welt, was wir nur bestätigen können. Klettern in der Wüste An diesem Abend trafen wir im Dorf wieder die anderen Kletterer, die uns vom strömenden Regen des Tages und den daraus entstandenen Wasserfällen in den Felsen berichteten. Ein etwas anderes Erlebnis, das sicherlich auch uns beeindruckt hätte. Hannes kletterte am kommenden Tag mit einem Australier, dessen ­Partner leider krank geworden war. Die beiden kletterten die Route „The Star of Abu Judaidah“, während ich mit ­Armin „Merlins Wand“ bzw. den „Super­crack“ hochstieg. Unser Favorit war definitiv „La ­Guerre Sainte“ in der 400 Meter hohen Wand Nassarani. Für mich wahrscheinlich mit Abstand eine der schönsten Routen, die ich je geklettert bin. Elf Seillängen bis zur Schwierigkeit 7b, ­super mit Klebehaken abgesichert, an gut griffigem Fels, von Henkeln bis zu den letzten Seillängen, an der die Wand noch spiegelglatt wird und nur einzelne kleinste Leisten sich hervorheben. Einfach eine wunderschöne technische Wandkletterei. Unsere letzte Route am darauffolgenden Tag war ein Klacks dagegen, an ihr war unser Hauptziel die natürliche Steinbrücke am Gipfel, an der wir eine Ropeswing bauen wollten. Und nach zehn Tagen Wüste, orangeroten Felsen und täglicher Kletterei fühlten wir uns schließlich wie Kinder

Krönender Abschluss einer Route: R ­ ­opeswing auf der Steinbrücke am Gipfel

nach einem ganzen Tag im Sandkasten und beschlossen, uns ein bisschen zu waschen. Angelangt am Toten Meer trieben wir auf dem Wasser wie tote ­Fische und wunderten uns über das ungewöhnliche Gefühl, im Wasser aufrecht stehen zu können, ohne den ­Boden mit den Füßen zu berühren. Mit salzigem Nachgeschmack und noch etwas Sand im Koffer ging es dann wieder ab nach Hause. Rückblickend sicherlich eine absolut empfehlenswerte Kletterreise. Stefan Plank

Zehn Tage Wüste, Kletterei und orangerote Felsen

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Erstbegehungen

GrohmannHainz-Führe Neutour an der Großen Zinne Die Neutour zeichnet sich durch eine Schwierigkeit im Bereich -V und durch die gute Absicherung aus Foto: Gerda Schwienbacher

Wieso sollte es nicht einen weiteren Normalweg auf die Große Zinne geben? Diese Idee geisterte schon seit Längerem in meinen Gedanken herum. Dabei dachte ich an eine Route, die vielleicht etwas anspruchsvoller als der altgewohnte Normalweg war, jedoch mit guter ­Absicherung und in einem Schwierigkeitsbereich, der auch für den geübten Hobbybergsteiger noch gut machbar sein sollte.

I

mmer wieder, wenn ich in den Zinnen unterwegs war, schweiften meine Blicke durch die Wände. Ich erkundete die Große Zinne von allen Seiten und hielt Ausschau nach einer brauchbaren Linie, die sowohl von der Felsqualität als auch von der Schwierigkeit her für mein Vorhaben passend wäre. Dabei hatte es mir besonders der Südpfeiler angetan. Öfters stieg ich ein und kletterte Teile im Alleingang, um zu erkunden, ob er mir das bieten konnte, was ich mir erhoffte, und ich wurde fündig. Beflügelt, eine durchgehende Route vom tiefsten Punkt am Südpfeiler bis auf den Gipfel

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der Großen Zinne zu ziehen, startete ich vergangenen Herbst das Unter­ nehmen. Über Türme, Platten, Schluchten und Bänder eine schöne und sinnvolle Linie zu ziehen, reizte mich – und das alles an der Sonnenseite der Großen Zinne! Wunderbar! Es sollte eine Tour zum Genussklettern werden. Bei meinen Erkundungen und schließlich beim Eröffnen der Tour stieß ich auf etliche alte Stände und Haken, sowie einige Abseilstellen, was bedeutete, dass der Bereich sicherlich kein reines Neuland ist. Hier waren überall schon Bergsteiger zugange, vielleicht Kletterer, die sich in der Wand vertan hatten, oder sich irgendwie einen Weg nach unten bahnen mussten. Ein Geschenk an die Große Zinne Ende September des vergangenen Jahres fuhr ich in Begleitung meiner Lebensgefährtin Gerda und bestückt mit reichlich Material sowie mit Bohrer und Akkus ausgerüstet in Richtung Drei Zinnen. Ungünstigerweise war ­genau an jenem Tag die Straße zur Auronzo­hütte wegen eines Radrennens

gesperrt. So blieb uns keine Wahl: ­Alles Material in die Rucksäcke gestopft machten wir uns auf den Weg. Angesichts der schweren Last auf dem Rücken, die wir nun von der Malga Rin Bianco hochschleppen mussten, hielt sich unsere Begeisterung über den verlängerten Fußmarsch in Grenzen. Aber mein Entschluss stand fest. Ich wollte die Route beginnen und im Herbst noch so weit als möglich voranbringen, denn schließlich schien es mir passend, wenn sie zum Jubiläum „150 Jahre Erstbesteigung der Großen Zinne“ frisch und fein herausgeputzt fertiggestellt wäre – als mein Geschenk an die Große Zinne zum Jubiläum und an alle Zinnen-­begeisterten Kletterer. Im Schnee vollendet Nachdem wir im September und im Oktober die ersten 20 Seillängen erschlossen hatten, wussten wir, es würde eine lange Tour, eine sehr lange Tour werden! Ich zweifelte, ob ich es schaffen würde, sie für den Sommer 2019 fertigzustellen. Dann bescherte uns der Herbst e ­ inen schier unendlich langen Altweibersommer, der sich bis


Ende Novem­ber hinzog und mir für mein Vor­ haben sehr entgegenkam. Noch im November konnte ich den gesamten oberen Bereich im Allein­gang eröffnen. Mit dem Winter kehrte an den Zinnen langsam Ruhe ein und die Wege und Wände blieben menschenleer. Diese Zeit nutzte ich, um einige unstabile, gefährliche Pfeiler und lose Blöcke zu entfernen und talwärts zu schicken; das wäre im Herbst viel zu gefährlich gewesen. Die übrigen fehlenden Seillängen im Mittelteil erschloss ich ebenso im Alleingang Ende Mai, Anfang Juni dieses Jahres. Es war viel zu winterlich und zu kalt für die Jahreszeit, weshalb ich den unteren Teil der Route mit Steig­ eisen bewältigen musste. Ab dem ersten Band versank ich bis zum Bauch im Schnee. Ein Weiterkommen war nur noch mit Schneeschuhen möglich. Untypisch für die Jahreszeit biss sich der viele Schnee hartnäckig im Gelände fest. Erst in der Nachmittagszeit konnte er sich nicht mehr halten und als ich beim Abstieg war, ­entlud der Berg die Schneelast immer wieder in Nassschneelawinen, denen ich lieber nicht in die Quere kommen wollte! 47 Seillängen, 1.050 Klettermeter Nach vollendeter Arbeit war ich gespannt, endlich die einzelnen Seil­längen zusammenhängend als Ganzes zu durchsteigen. Hatte sich die Mühe gelohnt? Am 8. Juni 2019 kletterte ich sie mit Gerda in ca. sieben Stunden Rotpunkt. Beeindruckende 47 Seillängen, 1.050 Meter Kletterstrecke, eine gelungene Linie an einem einmaligen Berg im Herzen der Drei Zinnen. Allen Wiederholern wünsche ich viel Spaß und Freude an der neuen Route! Berg Heil! Christoph Hainz

Die Rotpunktbegehung gelang Christoph Hainz und Gerda Schwienbacher am 8. Juni

Normalweg von Westen Grohmann-Hainz-Führe

GROHMANN-HAINZ-­ FÜHRE 2019 Große Zinne Südpfeiler V- (oder IV A0) Erstbegehung: Christoph Hainz, Gerda Schwienbacher Oktober, November 2018 und Juni 2019 Die ersten 20 SL eröffnete ich zusammen mit meiner Lebensgefährtin Gerda Schwienbacher von unten nach oben, die restlichen 25 SL ebenso von unten im Alleingang. 1. Rotpunkt: Christoph Hainz mit Gerda Schwienbacher am 8.6.2019 Schwierigkeit: V- oder IV A0 (oblig. IV), 47 Seillängen, 1.050 m Kletterstrecke, 600 Hm Absicherung: Klebehaken und Normal­ haken, alle Standplätze sind mit Klebe­ haken oder Standketten versehen. Ein Standplatz ist an einer Sanduhr und ein weiterer an einem Felszacken zu finden. Material: 12 Expressschlingen, einige Bandschlingen, Abseilgerät und einige Schraubkarabiner, sowie eine Prusik­ schlinge. Zeit: 6–9 Stunden für eine klassische Seilschaft Zustieg: von der Auronzohütte 25 Min. Abstieg: über den Normalweg 2,5 bis 3 Stunden Charakter: sehr genussvolle Kletterei in meist recht gutem Fels über Zacken, Türme, Felsbänder und Schluchten

Foto: Christoph Hainz

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Erstbegehungen

Rosengarten mal

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… und die Suche nach den tieferen Erfahrungen im Bergsteigen Im Frühsommer vorigen Jahres zog es unsere Seilschaft, Heinz Grill, Florian Kluckner und Barbara ­Holzer, unter die Punta Emma, die direkt über der Vajolethütte aufragt. Uns beschäftigte der Gedanke, ob man an der von Dächern durchzogenen Ostwand noch neue Kletterjuwelen hinzufügen könnte.

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on der gemütlichen Sonnenterrasse der Vajolethütte aus stellten wir unterschiedliche Über­ legungen an, wobei sich eine Linie herauskristallisierte. Die Idee gab uns den unwiderstehlichen Antrieb, zur Tat zu schreiten. Die Fragen nach der Felsqualität und ob in den steilen Abschnitten auch für unser mittlerweile schon fortgeschrittenes Alter noch entsprechend große Griffe versteckt sind, blieben unbeantwortet. Klar hingegen war, dass die Route aufgrund der guten Erreichbarkeit und relativ geringen Wandhöhe von 250 Metern eine zugängliche und für Dolomitenverhältnisse gut gesicherte Tour werden sollte. So legten wir links der „Via Helma“ die Hände an den Fels und fanden wie erwartet schöne graue 88

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Platten vor. Die Schwierigkeiten blieben gemäßigt im klassischen V. und VI. Schwierigkeitsgrad. Dies sollte sich aber mit dem Beginn des gelben Wandbereichs mit seinen lastenden und schaurigen Überhängen und ­Dächern schlagartig ändern. So gelangen uns im ersten Anlauf fünf zufriedenstellende Seillängen. Der Bergsteiger als abnormale ­Spezies Nach all den Jahrzehnten des Bergsteigens, der Erschließung von Hunderten Neutouren und Auszeichnungen stellte sich mir die Frage, warum es mich und viele andere Menschen immer wieder in die Berge treibt. Ist es tatsächlich wie eine Gegen­bewegung zum erdrückenden und bequemen Alltag mit seinen von außen auferlegten Regeln, Sicherheitsbestimmungen und Überwachungsmaßnahmen? Oder ist wie ein Gleichnis für das Leben, da das Bergsteigen von Spannungen, Hindernissen, Schönheit, scheinbaren Un­ lösbarkeiten, Schlüsselpassagen, Bedrängnissen und Möglichkeiten, diese zu überwinden, erzählt? Der Bergsteiger stellt sich freiwillig den Strapazen,

Gefahren, großen Entbehrungen und nimmt damit eine Opferleistung auf sich, oder er bezahlt sogar dafür. Für viele Bürger erscheint diese Tatsache verrückt oder auf jeden Fall nicht ganz normal zu sein. So gehört der Bergsteiger wohl zur Spezies der abnormalen Menschen. Nach dem Kletterer und Schriftsteller Heinz Grill liegt in der Begegnung von Berg und Mensch ein Mysterium. Er schreibt, dass der feste und unverrückbare Berg seine Herausforderung setzt und der sich bewegende Mensch mit seinem Bedürfnis nach Formüberwindung und der Eroberung des bisher Unbekannten sich immer fantastischeren Höhen hingibt und sich Schwierigkeiten sogar freiwillig aussetzt. Dadurch reift seiner Meinung nach die Individualität im Menschen. Wörtlich: „Das äußere Abenteuer, das immer reichhaltig mit Emotionen geschmückt ist, führt, um es nur einmal etwas tiefgründiger zu betrachten, zu einer Willenserkraftung und dadurch zu einer Stärkung der Persönlichkeitsstruktur. Die Berührung am Felsen, mit dem absolut unnachgiebigen Festen, fördert die individuelle


Unabhängigkeits- und Freiheitsnatur des Menschen.“ „Architettura gialla“ Erst im dritten Versuch gelang der Durchstieg der „Architettura gialla“ (VI+, A1), wie wir die Route aufgrund der plastischen Formen von schwindel­ erre­gen­den gelben Überhängen, ­Dächern, Pfeilern und Kanten nannten. Dabei brachten wir an den Standplätzen einen Ring und an den zwei schwierigsten Stellen, die den VII. Grad erreichen, noch einen Bohrhaken an, sodass eine freie Begehung entspannter möglich ist. Wie erwartet, gab es bereits ­einige Wiederholer, welche die Schwierigkeiten der athletischen Kletterei und Schönheit der Route bestätigen. „Spigolo sud diretto“, Florian Kluckner in dem Quergang und den grauen Platten der 5. Seillänge. Im Talgrund ist die Gardeccia sichtbar. Dahinter der Baumannkamm Foto: Sandra Schieder

„Architettura gialla“, Barbara Holzer am ­löchrigen und überhängenden Pfeiler der 6. Seillänge Fotos: Florian Kluckner

Oberhalb der sonnenbeschienenen Vajolet­ hütte führt ein Kar zum „Gartl“ und den ­zackigen Vajolettürmen, rechts davon ist der massige Ostturm, links die niedrigere Punta Emma und der Nord- und Haupt­ gipfel der Rosengartenspitze

Guglia Franca, „Via Anne-Michele“ In der Schlucht zwischen Punta Emma und der Rosengartenspitze (2.981 m) mit ihren drei Gipfeln liegt ein bislang vergessener ca. 200 Meter hoher Turm: die unscheinbare Guglia Franca. Sie wurde 1929 durch Hans Steger und Paula Wiesinger erstiegen und es ist auch ein Gipfelbuch hinterlegt. 2018 kundschaftete die Seilschaft Heinz Grill, Martin Heiß, Barbara Holzer an einem Schlechtwettertag diese Erhebung aus. Es muss eine große Über­ raschung gewesen sein, als sie sich als achte Seilschaft in das Gipfelbuch ein­ trugen. Aufgrund dieser historischen Besonderheit suchten sie eine Linie mit der besten Felsqualität, um die gut gesicherte „Via Anne-Michele“ (VI-, VI) zu kreieren. Pala di Socòrda, „Via Spigolo sud diretto“ Im Gegensatz zu den beliebten Vajolettürmen erntet die gezackte und verwinkelte Larsèc-Gruppe trotz ihrer Nähe zur Gardeccia nur wenig Aufmerksamkeit. In nur einer halben Stunde ist der Einstieg erreicht. Der Fels der 450 Meter hohen Südwand ist vielfach von Gras durchsetzt, doch darunter verbirgt sich eine erlesene Qualität von festem Gestein.

Es zeigte sich das in Bergsteigerkreisen sehr wohl bekannte Phänomen, dass das Zusammenwirken einer Seilschaft, relativ unabhängig vom Kletterniveau, gute oder schlechtere Ergebnisse herbeiführen kann. Das menschliche Vertrauen in den Gefährten, mit dem man zusammen die nicht immer ganz gefahrlose Schule am Berg durchläuft, ist wie eine gediegene Basis für das Unternehmen. Es werden Durchhaltevermögen, Können, Geistesgegenwart, Entscheidungskraft und Selbstverantwortung in jedem Augen­blick vom Kletterer abverlangt und nehmen sein ganzes Gemüt in Anspruch. Auch der große Emilio Comici schrieb davon. Die Logik der direkten Linie war durch eine luftige Kante rechts der „Schubert-Werner“ von 1970 vorgegeben. Mit der Erstbegehung wollten wir nicht nur ein persönliches Abenteuer erleben und uns in der Eitelkeit mit der Bewältigung größter Schwierigkeiten darstellen, sondern ein Werk hinterlassen, das sich in den Berg harmonisch einfügt. Die Wiederholer sollten sich am Berg durchaus aufgenommen ­fühlen und eine weite Atmosphäre mit einem freien Atem wahrnehmen. Florian Kluckner

„Architettura ­gialla“

Guglia Franca, „Via Anne–­ Michele“

Pala di Socòrda, „Via Spigolo sud diretto“

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Erstbegehungen

Erstbegehungen Jung & Alt

Somnium

Hans Ekhardt und Lukas Pichler kletterten diese neue Linie am Staller Sattel an drei Tagen im September 2018. Eine schöne, logische Linie am besten Fels. Diese Tour hatte Lukas Pichler schon länger im Auge. Durch den griffigen Felsen und die einzigartige Struktur war es für die beiden ein wahrer Genuss, diese ­Linie von unten einzubohren.

Michael Kofler, Manuel Gietl und Florian Wenter gelang an der Neunerspitze eine neue Tour mit begeisternder Plattenkletterei mit Schwierigkeiten bis 7a. Laut der Erstbegeher, wie der Name bereits verrät, ein Traum!

Staller Sattel, Antholzer Tal

Neunerspitze, Fanes

Alles im Kasten

Mittleren Kasten, Kalser Dorfertal/Hohe Tauern Im Juni 2019 gelang Simon Gietl und ­Vittorio Messini die Rotpunktbegehung ihrer Neutour in Pfeilermitte des Mittleren Kastens. Auf zwei Tagen aufgeteilt konnten die seichten Risse, Platten und überhängenden Verschneidungen, die man in dieser Tour antrifft, überwunden werden. Laut den beiden Kletterern ist die Route „Alles im Kasten“ wirklich etwas Besonderes und für Liebhaber von granitartiger Kletterei ein absolutes Muss.

The clean Nose Eppan

Hefe im Kopf

Mauerläufer

Der verregnete und kühle Frühling ließ 2019 nicht besonders viel zu. Umso motivierter und entschlossener war man, als die Bedingungen besser und die Zustiege beinahe schneefrei waren. Recht zügig konnte Manuel Gietl mit Michael Nocker eine weitere lohnende 7 Seillängen zählende Route einrichten. Laut Manuel ist der Fels nahezu perfekt. Insbesondere nach der Einstiegsseillänge wird er mit jedem Meter fester und genussvoller.

Neben den bereits beliebten alpinen Mehrseillängengebieten Kleiner Hochgall und Staller Sattel gibt es seit Herbst 2018 einen dritten noch weitgehend unbekannten Sektor am Südsockel des Magersteins. Die ersten Seillängen richtete Manuel Gietl im Sommer 2017 ein. Mit der Route „Mauerläufer“ kreierte Manuel eine 6-Seillängen-Route im besten Fels. Die erste freie Begehung gelang Manuel gemeinsam mit Josef Hilpold.

Antholzer Tal, Staller Sattel

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Magerstein-Südseite, Antholz

Florian und Martin Riegler gelang am 2. April 2019 in ihrer Heimatgemeinde eine neue Erstbegehung mit toller Risskletterei. Die Route befindet sich in ­einem schönen, aber sensiblen Gebiet in der Nähe eines Biotops. Wie Florian Riegler schreibt, haben die Brüder dabei bewusst auf Haken verzichtet und bitten alle Kletterer, sich respektvoll der Natur gegenüber zu verhalten. So werden auch in Zukunft weitere Kletterer viel Spaß beim Klettern an der „Clean Nose“ haben.


Kurz  und knackig Alexander Feichter ­ gelingt Sid Lives

Die Route „Sid Lives“ im Kletter­ gebiet Nago bei Arco ist eine kurze, sieben Meter hohe Klettertour im Schwierigkeitsgrad UIAA 11. Sie wurde am 12. November 2015 vom italienischen Top-Athleten ­Gabriele Moroni eröffnet.

D

ie Tour setzt sich aus einer 40 Grad steilen, überhängenden Kalksteinplatte zusammen, in der es ca. 27 Kletterzüge zu bewäl­ tigen gilt. Die ersten zehn Züge sind mit einem Bouldergrad von Fb. 8b ­bewertet, der restliche Teil mit einem Bouldergrad von Fb.7b/+. Die gesamte

Alexander Feichter in Sid Lives Fotos: Alexander Feichter

Tour bietet keine Rastmöglichkeit, was auch den Übergang vom ersten in den zweiten Teil erschwert. Umso besser ist das Gefühl, wenn man den guten Schlussgriff in der Hand hält! Sid Lives zählt bis jetzt zehn Begehungen ins­ gesamt. Die Klettertour besteht zum Großteil, mit Ausnahme von zwei bis drei Leisten bzw. Fingerlöchern, aus abschüssigen Auflegern und Zangengriffen. Da die gesamte Platte stark nach hinten neigt und die Griffe nicht allzu groß sind, ist die Kletterei sehr körperspannungsbetont und fordert neben der Blockierkraft auch eine gute Fußplatzierung. Die Tour ist kurz und knackig: Man klettert knappe zwei Minuten ohne Rastmöglichkeit durch die Wand.

Durchstieg am 15. Mai 2019 Gabriele Moronis Tour „Sid Lives“ erweckte eine gewisse Neugierde in mir. Im Mai 2018 stand ich zum ersten Mal vor dem Felsblock. 2019 war ich bereit, mich diesem schweren Seilkletter­ projekt zu widmen. Am 4. Januar 2019 studierte ich die einzelnen Züge ein. Es dauerte eine Weile, den optimalen Bewegungsfluss bzw. Ablauf zu finden. Gewisse Klettertouren verhalten sich oftmals wie ein Labyrinth, das es zu ­erforschen gilt, den optimalsten, oftmals auch einzigen Weg zum Ziel hin zu ­finden, der dann letztendlich am 15. Mai umgesetzt wurde! Gesichert hat mich mein Bruder Benjamin. Es war ein tolles Erlebnis! Alexander Feichter

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Info-Service

BERGSTEIGERTIPP

Achtung auf deine Zähne! Klippen mit Seil im Mund Sich beim Einhängen der Zwischensicherungen das Seil zum Nach­ ziehen zwischen die Zähne zu klemmen, wird von Anfängern und von Profis in den Kletterhallen und am Fels praktiziert. Stürzt man aber genau in diesem Moment, kann das Seil im Mund von schweren Zahn­ verletzungen bis hin zu schweren Entstellungen des Gesichts und bleibenden Schäden am Gebiss ­führen. Reflex Die Erklärung hierfür ist einfach: Die Muskeln anzuspannen ist eine typische menschliche Schreckreaktion, die tief verankert ist und nicht einfach aus­ geschaltet oder abtrainiert werden kann. Wie bei der Bedienung des Sicherungs­geräts müssen auch beim Klettern und Stürzen die natürlichen Reflexe des Menschen berücksichtigt werden. Zu dieser reflexartigen Anspannung während eines Sturzes ge-

hört es auch, die Zähne zusammenzubeißen. So sind uns in Südtirol einige schwere Zahnverletzungen bekannt, bei denen Kletterer während eines unkontrollierten Sturzes das Seil im Mund hatten. Auch wenn es Klettersituationen gibt, in denen es sich nur schwer vermeiden lässt, das Seil in den Mund zu nehmen, wollen wir euch auf diese Gefah­ren­quelle aufmerksam machen und Methoden aufzeigen, wie man die weit verbreitete, aber dennoch ­gefährliche Praxis vermeiden kann. Lösungsmöglichkeit Um das Seil nicht überstreckt einzuhängen und mit Zwischenstopp im Mund hochzuziehen, gibt es eine einfache Lösung: Man klettert ausreichend nahe zur nächsten Zwischensicherung hoch, bis sich diese ungefähr zwischen Hüft- und Schulterhöhe befindet. Dann nimmt man das Seil mit der Hand so weit als möglich unterhalb

ZWISCHENSICHERUNGEN NICHT ­ÜBERSTRECKT E ­ INHÄNGEN Bei den ersten drei bis vier Zwischensicherungen bis ca. 5 Meter Höhe sollte man Stürze vermeiden und besonders auf das korrekte Einhängen Acht geben. Während des überstreckten Klippens liegt der Kletternde bei einem Sturz zwingend auf dem Boden. Das Gleiche gilt, wenn zwar nicht überstreckt geklippt, aber mit Schlappseil gesichert wird. Wer es nicht glaubt, kann seine Sturzweite testen, indem er sich im T ­ oprope und ­parallel im Vorstieg sichern lässt. Zum Test zieht man das Seil zum Klippen hoch und setzt sich, ohne die Express einzuhängen, in das Toprope. Der Vorstiegsichernde ­ändert seine Position nicht mehr, und der

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Kletterer wird am Toprope abgelassen. Strafft sich das Vorstiegsseil, muss man noch den Bremsweg dazurechnen, also die Strecke, um die der Sichernde ange­hoben wird und die Menge an Seil, die durch das Sicherungsgerät läuft. Tipp: Dasselbe funktioniert übrigens auch mit den Selbstsicherungsgeräten, die es mittlerweile in fast a ­ llen Südtiroler Kletterhallen gibt. Mit diesem Gerät als redun­ dantes Sicherungs­system kann man in der Seilschaft Stürze üben, die Folgen von Schlappseil und überstrecktem Einhängen testen und mit unerfahrenen Sicherern das Vorstiegssichern üben.

des Anseilpunktes beim Hüftgurt und hängt mit einem einmaligen Seilhochziehen in der Expressschlinge ein. Mit dieser Methode sind Sturzhöhe und Verletzungsgefahr wesentlich geringer und das Seil in den Mund zu nehmen ist überflüssig. Vor allem in den Kletterhallen, wo die Hakenabstände genormt sind und sehr nahe aneinander liegen, sind das überstreckte Einhängen mit mehrmaligem Seilhoch­ ziehen und das Seil mit den Zähnen festzuhalten viel gefährlicher als diese Methode. Es gibt zwar mehrere alternative Möglichkeiten – wie das Seil zwischen Kinn und Brust zu klemmen oder wie einen Telefonhörer zwischen Kinn und Schulter, sie sind aber in der Praxis schlecht umsetzbar. Auch das Seil mit den Lippen festzuhalten ist in der ­Praxis sehr schwerfällig, da das Seil stark nach unten zieht und man mit den Lippen nicht genügend Kraft hat. Stefan Steinegger


Unkontrollierte Stürze durch Ausrutschen kommen beim Klettern vor. Aber auch ­Griffe, die sich drehen oder brechen, ­können die U ­ rsache sein. Passiert das kurz vor dem Einhängen, sind die Stürze weit. Ist dabei das Seil im Mund, kann der Sturz zu Zahn­verletzungen führen Grafiken: Georg Sojer

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Info-Service

Tour gesucht? Tour gefunden! Mit der neuen alpenvereinaktiv-App Nachdem wir im Bergeerleben 02/19 den Menüpunkt „Karte“ erklärt ­haben, stellen wir hier die Volltextund Ortssuche sowie die Suche nach Touren, Hütten und aktuellen Bedingungen vor.

W

as früher so manchen Nutzer der alten App verzweifeln ließ, funktioniert nun in der neuen App viel einfacher und schneller: die Suche nach Orten und Inhalten. Möglich ist diese Suche im Menüpunkt „Karte“ (Startseite der App) wobei es hier zwei Suchlogiken gibt: die Volltext- und Ortssuche sowie „In diesem Bereich suchen“. Volltext- und Ortssuche Direkt über der Karte befindet sich das Eingabefeld für die Volltext- und Ortssuche. Gibt man hier z. B. „Ankogel“

Abb. 1

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ein, dann erscheint automatisch eine Ansicht mit Suchvorschlägen. (Abb. 1) Klickt man nun auf den Begriff unter „Volltextsuche“ (iOS) bzw. „Suchbegriffe“ (Android), werden alle Inhalte von alpenvereinaktiv, also Touren, ­Hütten und aktuelle Bedingungen, in denen das Wort „Ankogel“ vorkommt, angezeigt. Man kann das Suchergeb-

nis nun entweder in einer Karten- oder in einer Listenansicht durchstöbern und somit direkt zu einer Tour oder Hütte gelangen. Klickt man hingegen auf einen der Orts-Suchvorschläge unter „Ergebnisse“, wird der Ort auf der Karte angezeigt. Nun kann man sofort die Optionen „Route hierhin“, „Hier starten“ oder „In diesem Bereich suchen“ (siehe unten) nutzen oder ganz normal mit der Karte weiterarbeiten, indem man rechts oberhalb der Karte mit Klick auf das „X“-Symbol die Suche beendet. In diesem Bereich suchen Das ist die neue starke Suche nach Touren, aktuellen Bedingungen und Hütten in der alpenvereinaktiv-App. Die Suchlogik basiert immer auf den sichtbaren Bereich des gewählten Karten­ausschnittes, daher auch der Name „In diesem Bereich suchen“. Mit folgenden Schritten findet man schnell das gewünschte Ergebnis: 1. Kartenausschnitt für die gewünschte Region anpassen. Um die Region zu finden, kann man die Ortssuche verwenden (siehe oben). 2. Auf „In diesem Bereich suchen“ ­klicken. 3. In der folgenden Ergebnisansicht unter „Beste Ergebnisse“ auswählen, ob man eine Tour, eine aktuelle Bedingung oder eine Hütte finden will. 4. Sucht man z. B. eine Tour, kann man im nächsten Schritt die Disziplin ­auswählen. 5. Als letzten Schritt könnte man noch genauere Filter aktivieren, wie z. B. „Top-Touren“, „Nur Inhalte von alpenvereinaktiv.com“ oder Schwierigkeiten. Dazu findet man in der verschiebbaren Filterleiste viele Möglichkeiten und zusätzlich lässt sich über das orange Filtersymbol noch das Filtermenü ausklappen. (Abb. 2)


Ausklappbares ­Filtermenü

Verschiebbare Filter

Hat man in dem gewählten Kartenausschnitt nicht die gewünschten Inhalte gefunden, kann man die Karte entsprechend verschieben oder weiter hinein­zoomen. Dabei werden aber nicht automatisch neue Suchergeb­ nisse nachgeladen und angezeigt, ­sondern erst dann, wenn man auf „Hier neu suchen“ geklickt hat. Tipp Damit die Kartenansicht auf dem kleinen Bildschirm des Smartphones nicht durch eine „Ergebnis-Wolke“ überladen ist, werden bei allen Suchen maximal 25 Ergebnisse auf der Karte an­ gezeigt. Um zu weiteren Inhalten zu kommen, muss man entweder: • genauere Filter wählen, • weiter hineinzoomen und auf „Hier neu suchen“ klicken, • die Listenansicht wählen, da hier auto­matisch weitere Ergebnisse nachgeladen werden.

Abb. 2

Georg Rothwangl, Wolfgang Warmuth alpenvereinaktiv-Redaktion, ÖAV

Listenansicht öffnen

Josef Essel, ÖAV-Sektion Innsbruck

Günther-Messner-Steig – aussichtsreich über den Kamm der Aferer Geiseln

STRECKE DAUER AUFSTIEG ABSTIEG

SCHWIERIGKEIT

15,8 km 7:15 h 1.350 m 1350 m schwer

KONDITION TECHNIK HÖHENLAGE

Der wunderschön angelegte Günther-­ Messner-Steig verläuft nord- und ­südseitig durch die Aferer Geiseln. Die Tour geizt nicht mit landschaft­ lichen Schönheiten und alpinen Herausforderungen. Ungesicherte Steige wechseln sich mit seilversicherten ­Passagen ab. Auch eine Leiter führt über eine senkrechte Felswand. Bei eini­gen Felseinschnitten ist das ­Gestein mitunter brüchig. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit ist aber während der gesamten Tour not­ wendig. Weniger Geübte sollten ein Klettersteigset mitführen.

IV 2.652 m 1.670 m

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Info-Service

- en t k u d Pro euheit n

JORASSES PLUS JACKET KARPOS

Karpos kommt mit einer intelligent aufgebauten Jacke auf den Markt: Die Jorasses Plus Jacket ist mit zweiteiligem Goretex Infinium sowohl wind- als auch wasserdicht. Im Schulter-, Kapuzen- und Armbereich wird „GoreTex zonal weather protection“ verwendet; das schützt vor Regen und nassem Schnee. Im Brust, Bauch- und Rückenbereich kommt „Gore Infinium“ zum Einsatz, das absolute Winddichte verspricht, aber trotzdem eine angenehme Atmungsaktivität gewährleistet. Das Windstoppermaterial hat eine robuste Ripstop-Struktur, die gute Bewegungsfreiheit und Feuchtigkeitstransport mit sich bringt. Weitere technische Feinheiten wie Ventilationsöffnungen, die helmkompatible und regulierbare Kapuze mit hohem Kragen und die fürs Klettern konzipierten hohen Seitentaschen mit wasserdichten Reißverschlüssen machen die Jorasses Plus Jacket von Karpos zum treuen ­Begleiter bei anspruchsvollem Eisklettern und Hoch- und Skitouren. Preis: 449 €

HIGHLAND PANT MARMOT

Vielseitig & abriebfest – die Highland Pant von Marmot vereint Komfort und Funktionalität. Marmot’s M3-Soft­ shell­material gibt bei jeder Bewegung dank Stretch­ gewebe schön nach und leitet überschüssigen Körperdampf nach außen. Nach der Tour trocknet die Hose rasch. Diese Eigenschaften machen die Highland Pant auch zur idealen Mehrtagestour-Wanderhose. Sensible Körperpartien wurden zusätzlich verstärkt und garantieren somit maximale Abriebfestigkeit. Für die optimale Passform kann der Bund individuell reguliert werden. Verschiedene Einschub- sowie Reißverschlusstaschen bieten Stauraum für Utensilien. Preis: 139 €

SWIFT RL PETZL

Stark & technisch – Die neue Swift RL von Petzl begeistert mit starken 700 Lumen und wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Batterien. Damit ist die Swift die stärkste Lampe mit Frontbatterie. Die Reactive-Lightning-­ Technologie ist sehr anpassungsfähig: Ein Sensor wertet die Helligkeit des Umfelds aus und passt somit die Lichtintensität an die Bedürfnisse des Benutzers an. Es gibt drei Einstellungsmöglichkeiten: Nahbereich, gemischt und Fernbereich. Alle Funktionen der Stirnlampe sind praktisch durch einen Knopf bedienbar. Eine Batterieanzeige mit fünf Stufen lässt den Akkustand genau bestimmen. Für einen optimalen Sitz sorgt das zweiteilige Band, das auch bei bewegungsintensiven Aktivitäten wie Mountainbike oder Trailrunning nicht verrutscht. Die LOCK-Funktion verhindert das Anschalten während des Transports. Preis: 99 €

TX TOP GTX LA SPORTIVA

Rundum-Schutz – Der neue TX Top GTX aus dem Hause La Sportiva überzeugt mit Funktionalität und tollen technischen Eigenschaften. Die ursprüngliche TX 4 GTX Schuh-Form wurde um eine schützende, thermische Single-Mesh-Gamasche erweitert und bietet nun eine wasserdichte, rutschfeste Membran für winterliche Outdoorakitivitäten. Der schnelle Reißverschluss ermöglicht einen raschen Einstieg, ist wasser­ abweisend und robust. Ein inneres Gummiband schützt vor Abschürfungen beim Benutzen von Ministeigeisen. Das GoreTex Extended Comfort schützt den Schuh zusätzlich vor Nässe und gewährt recht gute Atmungs­aktivität. Ob auf steinigem Gelände, Schneefeldern oder Waldpassagen – die Vibram-Megagripsohle hat einen super Grip. Das Ortholite Approach Fußbett und STB Control System verfeinern die Passform und machen den Schuh zum idealen Begleiter für winterliche Touren. Preis: 229 €

DUFFEL PRO 90 DUETTO GRIVEL

Schlicht und ultraleicht – Mit dem Duetto bringt Grivel den leichtesten Helm mit Doppelzertifizierung („Duetto“) auf den Markt: Der sowohl für Skifahren und Bergsteigen als auch fürs Klettern (CE EN 12492, CE EN 1077/B, UIAA 106) zertifizierte Helm wiegt nur 195 Gramm und überzeugt mit seinem schlichten Design. Bestehend aus einer dicken, sehr harten Styropor-Plus-Außenschicht verfügt der Helm nur über essenzielle Extras, wie einige Ventilationsöffnungen seitlich und im hinteren Bereich, vier Stirnlampenclips und abnehmbare Schaumstoff-Einsätze. Der individuell anpassbare Duetto kann stets getragen werden, sowohl im Auf- als auch im Abstieg, da er kaum ins Gewicht fällt, gut sitzt und gut belüftet ist. Preis: 139 €

DEUTER

Für die weite Ferne – Wer Lust hat, fremde Länder zu bereisen, sollte einen Blick auf den neuen Duffel Pro von Deuter werfen: Die Reisetasche mit einem Volumen von 90 Litern eignet sich sehr gut für Backpacking-Abenteuer und Fernreisen, bietet sehr viel Stauraum und eine gute Organisation sowohl innen als auch außen an. Sie ist aus PFC-freiem, wasserabweisendem und robustem Material hergestellt. Praktisch am Duffel ist der integrierte, abnehmbare Daypack und die Tragegriffe, die als Schulterträger umfunktioniert werden können. Zwei große Außentaschen geben zusätzlichen Stauraum, Kompressionsriemen im Inne­ren des Duffels fixieren die Kleidung. Der Duffel Pro 90 ist ein wahres Packwunder und definitiv ein nützlicher Begleiter für den nächsten Trip. Preis: 139 €


Bücher aus der AVS-Bibliothek Im neuen Online-Katalog kann im Bestand der AVS-Bibliothek gestöbert werden: alpenverein.it/online-katalog

-MITGLIEDER FÜR ALLE AVS

KOSTENLOS AUSZULEIHEN

Longo

Athesia

Pustet

AVS

Hanspaul Menara

Thomas Neuhold

150 Jahre ­Alpenverein in Südtirol

Jubiläums-­ Tourenbuch

100 große Gipfel­ziele (in Österreich)

Die 150 schönsten Touren in Südtirol

Die Entstehung und Geschichte des ­Alpenvereins in Südtirol. Themen: Bergsport, Natur & Umwelt u.v.m.

Normalwege und alternative Routen

Tappeiner Christoph Hainz mit Jochen Hemmleb

Nur der Berg ist mein Boss

Leo Brugger

Höhenweg ­Meran–Ortler

Sagen­ wanderungen Südtirol – ­Dolomiten

Ein Weitwanderweg mit Charme

Das Leben des ­Südtiroler Extrem­ kletterers und ­Bergführers

Malik

Christjan Ladurner

Die 40 schönsten Touren durch die Südtiroler Sagen­welt

Galiani Berlin

Conrad Stein

Martl Jung

Rudi Palla

Carina Harrer

O Sohle Mio

In Schnee und Eis

Spanien: O Camiño dos Faros

Barfuß durchs ­Leben und über die Alpen

DAV-Sektion­ ­Rheinland-Köln Reinhold Kruse

Otto Welter – Der Tod in der Gletscherspalte Leben und Wirken des DAV-Gründungsmitgliedes Otto Welter

Die Himalaja-­ Expedition der ­Brüder ­Schlagintweit

Bene! Verlag

Der Camiño in 10 Etappen

Athesia Verlag Thomas Mohr

Mit drei Lamas nach Rom Mit Lamas pilgern drei Männer 1.070 Kilometer von ­Südtirol nach Rom

Hans-Joachim ­Löwer

Gipfelkreuze Träume, Triumphe, Tragödien

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KULTBUCH Reinhold Messner

Zurück in die Berge

Bergsteigen als Lebensform „Das Alpenbergsteigen als eine Möglichkeit zur Selbstäußerung ­außerhalb des steinernen Dschungels der Städte, wo wachsende ­Bürokratie, lähmende Versicherung und bürgerliche Intoleranz zu ­einer Art Knast werden.“ Die Bücher über Reinhold Messner ­füllen einen guten Regalmeter – die meisten davon hat Messner selbst ­geschrieben. Wer nun gar nicht mehr weiß, wo die Lektüre ihren Anfang nehmen soll, kann sich mit Messners Erstlingswerk aus dem Jahre 1970 ­„Zurück in die Berge“ versetzen lassen. Messner, der heuer 75 Jahre alt wird, hat dieses Buch ursprünglich „als zwanzigjähriger Aussteiger“ geschrieben, wie er selbst sagt – angetrieben von der Enttäuschung seiner Genera­

tion über die zunehmende Entfernung des Menschen von der Natur, auch der eigenen: „Unsere Krise ist die Krise des Sattseins.“ „Zurück in die Berge“ ist das Credo eines bereits in jungen Jahren zor­nigen, mitunter aber auch poesie­geladenen Mannes, der seinen ­Frieden bei Erst-, Winter- oder Alleinbegehungen ­findet. Der Fotograf Ernst Pertl, selbst ein ­erprobter Bergsteiger, hat Messners Worten die ­Ä sthetik der Bergwelt im Bild gegenübergestellt.

Die wohl­wollenden Worte zum Geleit hat ein späterer Gegen­redner verfasst: Josef Rampold. Zurück in die Berge. Bergsteigen als Lebensform. Gedanken und Bilder. Ein Bildband. Athesia, Bozen 1970 bzw. ­Droemersche Verlagsanstalt, München 1993 (Taschenbuchausgabe) Stephan Illmer

Impressum 36. Jahrgang, Nr. 05/2019 Eigentümer und Herausgeber: Alpenverein Südtirol, I-39100 Bozen, Giottostraße 3 Tel. 0471 978 141 · Fax 0471 980 011 www.alpenverein.it E-Mail: office@alpenverein.it Presserechtlich verantwortlich und Redaktionsleitung: Ingrid Beikircher Stellv. Redaktionsleitung: Evi Brigl Redaktion: Judith Egger, Stephan Illmer, Ralf Pechlaner, Stefan ­Steinegger, Gislar Sulzenbacher Ermächtigung: Landesgericht Bozen, Nr. 4/84 vom 27.1.1984 Druck: Fotolito Varesco GmbH, Auer Auflage: 44.000 Gestaltungskonzept: www.gruppegut.it Layout, Druckvorstufe: www.typoplus.it

Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe: 1. 10. 2019 Anzeigenannahme: Alpenverein Südtirol, z. H. Miriam Federspiel Giottostraße 3, I-39100 Bozen bergeerleben@alpenverein.it, Tel. 0471 053 190

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VEREINSHAUS TICKET: TV-BRUNECK T 0474 55 57 22

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Bergeerleben - AVS-Magazin September 2019