bergundsteigen #127

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Eigen verantwortung

Wir greifen Leisten und Sloper. Wir clippen.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Um 1909 entwickelte der Münchner Arzt Dr. Alfred Dessauer (1875–1914) eine kleine, handliche Taschenapotheke, die im Rucksack mitgenommen werden konnte. Die kleine Blechbox enthielt Verbandsmaterial, Medikamente gegen Magen- und Darmbeschwerden, Kreislaufprobleme und Schmerzen. Der Lithograf Karl Kunst gestaltete für die Bewerbung ein Plakat, das im Alpinen Museum, genauer gesagt im Archiv des Deutschen Alpenvereins auf der Praterinsel in München zu finden ist und uns als Cover für diese Ausgabe dient: einen Bergsteiger, der zur Selbsthilfe schreitet und sich sein eigenes Bein verbindet. Passt doch zum Schwerpunkt „Eigenverantwortung“?

Dessauer war nicht nur Arzt mit Spezialgebiet Hautkrankheiten und Geschlechtsleiden, sondern auch ein umtriebiger Kletterer. So gelangen dem Mitglied des Alpenklubs Berggeist und der DAV-Sektion Bayerland einige Erstbegehungen im Zillertal und gemeinsam mit Paul Hübel die Erstbegehung der „Hübel-Dessauer Führe“ an der LamsenspitzeOstwand im Karwendel. In den Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wird 1908 auch von einem Rettungseinsatz am Totenkirchl berichtet, bei dem Dessauer eine behelfsmäßige Trage bastelte, mit der der Verletzte ins Tal gebracht wurde. (Apropos: In unserer neuen Bergrettungsserie geht es dieses Mal auch um den Wilden Kaiser, S. 42.) Die Bastelanleitung für die behelfsmäßige Trage wurde gleich mitgeliefert und er empfahl den bergsteigenden Ärzten, spezielle Schmerzmittel, wie Morphium, für solche Unfälle mitzuführen. Dessauer war vielseitig talentiert. Nicht nur die Berge faszinierten ihn, sondern auch der Wassersport. So verfasste er nicht nur Fachartikel zum Bergsteigen, sondern auch zum Segeln und war Erster Vorsitzender der Wassersportabteilung des Deutschen Touring-Clubs. Darüber hinaus war er literarisch tätig, schrieb Theaterstücke, Romane und satirische Erzählungen. Alois Dreyer bemerkt im Nachruf auf Dessauer in den Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins: „Mancher seiner alpinen Romane zeigt eine ganz bemerkenswerte dramatische Höhe […] und alle seine Schriften zeigen – im wohltuenden Gegensatz zu manchem sogenannten ‚alpinen‘ Roman – die umfassende alpine Erfahrung des Dichters.“ Besonders hervorzuheben ist die humoristische Gestaltungskunst Dessauers.

Als Stabsarzt der Reserve meldete er sich im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger. Nur wenige Wochen nach Kriegsausbruch verstarb er an einer Lungenentzündung in einem Lazarett in Flandern.

Dass er in Vergessenheit geraten ist, sei wohl auch darauf zurückzuführen, dass Alfred Dessauers Werke als die eines jüdischen Schriftstellers im Nationalsozialismus verpönt waren, schreibt Harald Beck. So dürfte es laut Beck kein Zufall sein, dass er ausgerechnet in Alois Dreyers Autobiographie von 1934 schon keine Erwähnung mehr findet.

Nach diesem historischen Exkurs zum Cover bleibt mir nur noch, Ihnen/euch viel Freude bei der Lektüre des alpinen Dauerbrenners „Eigenverantwortung“ zu wünschen sowie schöne Bergtouren im Sommer! Als Schlechtwetterprogramm oder zur Risikominimierung bei Hitze mit auftauendem Permafrost und bröckelnden Bergen empfehle ich einen Besuch im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins (mitsamt Archiv und Bibliothek). Denn das wurde in den letzten Jahren komplett umgebaut, neu ausgerichtet und ist nun wieder geöffnet. Auch in Dessauers Büchern kann man dort schmökern!

Gemeinsam Hütten und Wege retten! Jetzt Petition online unterschreiben!

Gebi Bendler, Chefredakteur bergundsteigen

Foto: Bernhard Kapelari

Die (un)sichtbare Arbeit

Fragen an die Grafikerin Anna Brunner (Team grafische auseinandersetzung)

Wie bist du als Nichtbergsteigerin zu bergundsteigen gekommen?

Zuerst möchte ich vorwegschicken, dass ich zwar keine Bergsteigerin in dem Sinne bin, aber trotzdem einen sehr starken Bezug zu den Bergen habe. Dieser ist weniger sportlicher Natur, begann aber wahrscheinlich früher als bei so manchem Bergsteiger, als ich im Alter von fünf Wochen meinen ersten Sommer auf der Alm antrat. Meine Eltern arbeiteten dort als Senner. So habe ich die Sommer meiner Kindheit mit meiner Familie, Kühen, Pferden und anderen Tieren in den Bergen verbracht. Das Leben ohne Warmwasser, Strom und Telefon hat mich nachhaltig geprägt und ich habe dort gelernt, mich geschickt im Gelände zu bewegen, ohne es je mit „Sport“ in Verbindung gebracht zu haben.

Es war eine wunderschöne Zeit und vielleicht kann ich dadurch auch das ein oder andere Motiv von Bergsportler:innen nachvollziehen. Zumindest dahingehend, als dass man das Leben so unmittelbar und intensiv spürt, wenn die Landschaft und die natürlichen Abläufe des Jahres, des Tages oder das Wetter den Takt vorgeben. Die Regeln für uns Menschen sind klar. Die Natur macht ihr Ding und wir sind zurückgeworfen auf unseren eigenen Wirkungsspiel-

raum. Vielleicht ist dieses Gefühl, unsere Selbstwirksamkeit zu erleben und unseren Platz in dieser Welt zu finden, eine tiefe Sehnsucht, die uns inneliegt. So geht es mir zumindest auch heute noch, wenn ich auf dem Berg unterwegs bin.

Jetzt aber genug der Philosophie und zurück zur Frage. Als ich meinen Partner kennenlernte, der ein leidenschaftlicher Bergsportler ist, habe ich den sportlichen Zugang zum Berg kennengelernt. Er war es auch, der mir Tine (Christine Brandmaier – grafische auseinandersetzung) vorgestellt hat. Damals habe ich noch studiert und durfte bei ein paar ihrer Projekte mitarbeiten. Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden, sowohl was das Menschliche als auch was das Grafische betrifft. Ich habe viel von ihr gelernt und inzwischen genießen wir die „grafische auseinandersetzung“ zusammen mit Julian und Anna schon seit einiger Zeit als Team.

Was macht ein gutes Layout aus?

Ein gutes Layout bringt den Inhalt in eine Form, die ihn optimal transportiert. Der Inhalt, also Texte und Bilder, wird nach Hierarchien und zentralen Elementen strukturiert. Bei einem guten Layout sieht das Ergebnis einfach logisch aus und lässt keine Fragen der Zuordnung von einzelnen inhaltlichen Elementen offen. Vielmehr werden die Betrachter:innen durch die Gestaltung durch den Inhalt geführt. Man könnte auch sagen, ein Layout ist dann gelungen, wenn man am Ende nicht mehr sieht, dass oder welche Arbeit im Vorfeld hineingesteckt worden ist.

Was gefällt dir besonders an der Arbeit am Heft?

Diese „unsichtbare“ Arbeit, das Eintauchen in die Inhalte und das Tüfteln an einer guten Form machen mir großen Spaß. Außerdem finde ich persönlich die vielseitigen Herangehensweisen an das Thema Bergsport, vor allem seit der Einführung der Schwerpunktthemen, sehr interessant und ich lerne dabei viel. Was an der Arbeit am bergundsteigen zusätzlich besonders Freude macht, ist die angenehme Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Da fällt es einem sehr leicht, immer motiviert zu bleiben und an der ständigen Weiterentwicklung der Gestaltung zu arbeiten.

Du kennst ja das Nischen-Magazin „Reportagen“ aus der Schweiz. Die setzen ganz auf Text, das Heft besteht aus langen Reportagen ohne Bilder, nur wenige Illustrationen betonen den Text. Könntest du dir so einen Ansatz für bergundsteigen auch vorstellen?

Der Inhalt des Magazins „Reportagen“ hat ganz andere Anforderungen, als ein Fachmagazin wie bergundsteigen. Text ist ein starkes

Werkzeug, um Bilder in den Köpfen der Leser:innen entstehen zu lassen und so an deren eigene Erfahrungen anzuknüpfen. Er regt die Fantasie an und erlaubt einen eigenen Interpretationsspielraum. Aber man muss sich eben darauf einlassen. Bilder dagegen werden schneller und beiläufiger wahrgenommen und werden in der Gestaltung unter anderem eingesetzt, um die Aufmerksamkeit zu lenken oder zu erhalten. Sie haben also meist auch einen gewissen Unterhaltungswert.

Wegen der Flut an Zeichen, Texten und Bildern, der wir heute täglich ausgesetzt sind, wird angenommen, dass es ein höheres Maß an Motivation braucht, um sich auf reinen Text einzulassen. Ich bin der Meinung, dass die Leser:innen eines Fachmagazins wie bergundsteigen diese Motivation eigentlich schon mitbringen.

Also könntest du dir bergundsteigen auch ganz ohne Bilder vorstellen?

Es gibt zwei Gründe, warum ich denke, dass bergundsteigen nicht ganz ohne Bilder auskommen kann. Zum einen spielen Bilder in bergundsteigen eine weitere wichtige Rolle. Nämlich wenn sie zum Verständnis beitragen – etwa wie eine bestimmte Knotentechnik funktioniert oder wie die tatsächlichen Umstände einer Begebenheit auf einer Tour waren. Bilder und Illustrationen sind da natürlich sehr präzise. Zum anderen werden ja wahre Geschichten erzählt und die Betrachter:innen möchten die Berge und die Menschen vor Augen haben. Auch wir verwenden Bilder durchaus auch als Gestaltungselemente, um eine Stimmung zu erzeugen, die der jeweilige Artikel oder Schwerpunkt einer Ausgabe wiedergibt. In der Auseinandersetzung mit der grafischen Weiterentwicklung von bergundsteigen ist die Reduktion aufs Wesentliche stets ein zentrales Anliegen von uns. Dazu gehört auch, Bilder dort einzusetzen, wo sie „Sinn machen“ und nicht nur zur Behübschung dienen.

Print und Online verschmelzen immer mehr. Wie wichtig ist es, das unverkennbare grafische Erscheinungsbild des Heftes auch in die digitale Welt zu übertragen?

Ich halte es für sehr wichtig, die Wiedererkennung so gut wie möglich in allen Medien zu sichern. Wenn wir die digitale Welt als Ort der Reizüberflutung, aber auch der breiten Reichweite verstehen, ist es wichtig, jene Elemente der grafischen Gestaltung, die eben beiläufig wahrgenommen werden, zu nutzen. Dazu gehört ein unverkennbares und einheitliches Erscheinungsbild. Es dient neben dem Effekt der Alleinstellung durchaus auch dazu, dass Inhalte einfacher aufbereitet, aber auch schneller aufgenommen werden können. Wenn leicht erkennbar ist, wo welche Inhalte in einem Post zu

finden sind, und ich mir sicher sein kann, dass das beim nächsten Post und sogar Heft gleich oder ähnlich sein wird, verbessert das die „User-Experience“.

Braucht es mit KI überhaupt in Zukunft noch Grafikdesigner? Die KI betrifft uns alle und welche Berufe es in 10 oder 20 Jahren noch brauchen wird, kann ich nicht beantworten. Lieber will ich den Versuch wagen, meine optimistische Haltung zu teilen. Ich möchte die Entwicklung gern als Chance sehen, die wir nutzen können, um unsere Vorhaben umzusetzen. Wichtig dabei finde ich eigentlich nur, dass wir überhaupt noch etwas vorhaben. So handhaben wir es auch beim Gestalten. Wir beschäftigen uns mit neuen Möglichkeiten und wo sie uns etwas erleichtern kann, setzen wir KI auch ein. Bisher beschränkt sich das aber eher auf kleinere Schritte der Bildbearbeitung. Die Illustrationen im bergundsteigen sind aber (noch) alle „handgemacht“. Manches, was die KI erstellt, ist eher kryptisch und vor allem auch falsch, wenn es um fachlich relevante und konkrete Illustrationen geht. Mal sehen, wie sich das noch entwickelt.

Wenn man aber die Kreativberufe, wie Grafikdesign, als etwas der Kunst Nahestehendes betrachtet, kann ich mir auch noch ein anderes Szenario vorstellen. In der Kunst geht es ja nie so sehr darum, wer die Idee hatte, ob diese nun wirklich zum ersten Mal gedacht wurde, und auch nicht darum, wer im Endeffekt ein Werk umgesetzt hat. Es geht um das Gefühl, das es bei uns auslöst. Vielleicht werden allgemein Dinge wie der zwischenmenschliche Kontakt oder das Tun einer Sache mit eigenen Händen plötzlich wieder wertvoller? Ich bin gespannt.

Was nervt dich an der Tiroler Bergsportblase?

Diese Frage kann ich nur schwer beantworten, denn darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Mich nervt eigentlich nichts an der Tiroler Bergsportblase … Obwohl, jetzt wo du fragst, vielleicht nervt mich, dass die Tiroler Bergsportblase in ihrer Wahrnehmung so „abgekapselt“ ist, dass sie davon ausgeht, Menschen, die keine Bergsportler:innen sind, muss irgendetwas daran nerven. Denn wie könnte es sonst sein, dass jemand nicht die „einzig wahre Leidenschaft“ mit ihnen teilt? ;-) Aber Spaß beiseite: Das Einzige, was mir dazu einfällt, ist, dass ich mir wünsche, dass ein respektvoller Umgang mit der Umwelt, also Tieren und Pflanzen, aber auch mit Menschen, die in alpinen Gebieten leben und arbeiten, ein zentraler Bestandteil des Bergsports bleibt.

Die Fragen stellte Gebi Bendler n

Polarlichter entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes, hauptsächlich Elektronen, aber auch Protonen, auf die oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen. Dort regen sie die vorhandenen Luftmoleküle zum Leuchten an. Am 10. Mai waren ab 22 Uhr auch in den Alpen Polarlichter zu sehen. Auf Social Media wurden noch in der Nacht unzählige Fotos davon gepostet. Und ebenso viele Webcams, wie hier am Großglockner, haben dieses seltene Farbenschauspiel eingefangen.

Blick vom Glocknerwinkel zum Großglockner, 11.05.2024 Foto: www.foto-webcam.eu

rubriken unsicherheit

Gaswerkmethode ade? bergsönlichkeit

Am 28. Februar 2024 verstarb Pit Schubert im Alter von 88 Jahren. In Memoriam.

lehrer lämpel

Solange es noch Eis in den Bergen gibt, müssen Bergsteiger sich auf gefrorenem Untergrund bewegen können – und das erfordert Übung.

Petzl und Edelrid bringen zwei neue Sicherungsgeräte auf den Markt. Wir haben uns das Neox und das Pinch genauer angeschaut.

Einsatzort Wilder Kaiser

Am Kopftörlgrat kommt es immer wieder zu Rettungseinsätzen. Ein einheimischer Bergretter und Bergführer schildert seine Erfahrungen.

eigen verantwortung

Eigenverantwortung

Wer die Freiheit beansprucht, sich dem Risiko auszusetzen, sollte das mit Verantwortung und Kompetenz tun. Doch wie funktioniert’s?

Der wilde Hund, der keiner sein wollte

Jonas Hainz verstarb beim Soloklettern. Tom Dauer hat mit seinem Vater, dem Profibergsteiger Christoph Hainz, über das Spannungsfeld zwischen väterlicher Verantwortung und Eigenverantwortung gesprochen.

10 kommentar

12 dialog

16 dies & das

18 Die ständige Herausforderung

Walter Würtl

24 Gaswerkmethode ade?

Markus Schwaiger, Christoph Pirchmoser

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32 Bouldern – Sicherer Kletterspaß oder gefährlicher Risikosport?

Stefan Winter

40 Einsatzort Wilder Kaiser: Kopftörlgrat

Andreas Gastl

50 Assistiertes Abseilen

Von Erwin Steiner

56 verhauer. Die Geschichte vom Toten Mann

58 bergsönlichkeit. In Memoriam Pit Schubert

66 Eigenverantwortung: Die große Schwester der „Freiheit der Berge“

Andi Dick

74 Handy-App führt Bergsteiger in den Tod

Wolfgang Warmuth

82 Im Glauben erschüttert

Werner Beer

88 Selbst schuld! Oder doch nicht?

Andreas Ermacora

94 Der wilde Hund,der keiner sein wollte

Tom Dauer

102 Freikaufen von der Eigenverantwortung

Dominik Prantl

108 Klassenfoto am K2

Simon Schöpf

116 lehrer lämpel. Auf die Zacken, fertig, los!

122 alpinhacks. Abseil-Looping

124 medien

n rubrik n unsicherheit n eigenverantwortung

EigenVerantwortung!

Sie – die „Eigenverantwortung“ –gehört zu den sehr häufig strapazierten Begriffen im ÖAV. Sogar die Satzung kennt ihn: „Es ist Zweck des Vereines, das Bergsteigen, alpine Sportarten und das Wandern zu fördern und zu pflegen – dies in Eigenverantwortung seiner Zweigvereinsmitglieder –, die Schönheit und Ursprünglichkeit der Bergwelt zu erhalten, die Kenntnisse über die Gebirge zu erweitern und zu verbreiten und dadurch auch die Liebe zur Heimat zu pflegen sowie die Wissenschaft und Forschung in diesem Bereich zu fördern.“ Wie konnte man diesen zeitlos schönen Satz, in dem noch der humanistische und aufklärerische Geist der Gründungsväter mitschwingt, wie konnte man diesen Satz durch die Parenthese nur derart verhunzen? Die Parenthese („Einschub“) ist – richtig eingesetzt – ein geniales rhetorisches Stilmittel. In unserer Satzung entfaltet sie leider – unterstützt durch das Wortungetüm „Zweigvereinsmitglieder“ – eine zerstörerische Wirkung.

Lassen wir die Form einmal außer Acht. Was will uns dieser Einschub, der bestimmt nicht Teil der Urfassung war, Bedeutendes mitteilen? Dass Mitglieder des Alpenvereins selbst verantwortlich sind, wenn sie Bergsport ausüben? Wurde da ein Haftungsausschluss gleich per Satzung definiert? Oder soll man den Zusatz so verstehen, dass es primärer Vereinszweck ist, den „führerlosen“ Bergsport zu pflegen und zu fördern? Wer den Gipfel nicht „aus eigener Kraft“ erreichen kann, „soll unten bleiben“, postulierte schon Emil Zsigmondy. Aber das war im Jahr 1885. Diese moralisierenden Kategorien sind längst überwunden, zumal erst das (geführte!) Tourenprogramm einer Sektion den Vereinszweck auf den Boden bringt. Das ist mein Problem mit diesem Begriff „Eigenverantwortung“: dass er unreflektiert verwendet wird, meist mit Pathos aufgeladen, und – wenn man tiefer gräbt – zerfällt, „wie modrige Pilze im Mund zerfallen“ (Hugo von Hoffmansthal). „Eigenverantwortung“ –ein Begriff, den man getrost aus dem Wortschatz streichen könnte. Es wäre kein Verlust.

Verantwortung – darum geht es! Und um Vertrauen. Vertrauen ist meine Antwort auf deine Verantwortung, Verantwortung ist deine Antwort auf mein Vertrauen. So funktioniert Bergsport. Manchmal, ganz selten, sind wir allein am Berg. Aber niemand – auch nicht der Held – ist allein auf dieser Welt.

Denn ich weiß, was ich tue …

Es liegt in der Natur der Sache, dass in einer wilden Umgebung wie den Hochgebirgen unserer Welt nahezu keine Route ohne gewisse körperliche Voraussetzungen und eigene Erfahrung absolviert werden kann. Der Alpinismus bildet den Gegenpol zur abgesicherten Vollkasko-Mentalität im Tal. Doch wenn wir ehrlich sind, gilt dieses Grundprinzip der Eigenverantwortung in fast allen Lebenslagen. Eigenverantwortung ist der zentrale Begriff der Risikokultur und bedeutet vor allem: Aktiv informieren und mitdenken! Etwas ausführlicher beschreibt das DAV Bergsport-Lexikon den Begriff: „Eigenverantwortung wird beim Bergsport großgeschrieben und macht seinen Reiz mit aus. Gründliche Planung, achtsames Unterwegssein, defensive Grundeinstellung sowie Kompetenz für Notfallsituationen und Rückzüge sind die beste Lebensversicherung und tragen dazu bei, der Bergwacht nicht zur Last zu fallen.“

Apropos: Auch Bergretter entscheiden eigenverantwortlich über Einsätze. Auf Wikipedia ist zu lesen: „Als Eigenverantwortung […] bezeichnet man die Bereitschaft und die Pflicht einer Person, für das eigene Handeln und Unterlassen Verantwortung zu übernehmen. Das bedeutet, dass man für das eigene Tun und Unterlassen einsteht und die Konsequenzen […] dafür trägt.“ So verwundert es immer wieder, dass sich Menschen darüber beschweren, dass eine Route unzureichend abgesichert sei oder dass die Bedingungen wegen schlechter Verhältnisse nicht der Beschreibung entsprochen hätten. Dass notwendige Ausrüstung zu Hause gelassen wird, obwohl sie in der Tourenbeschreibung empfohlen wurde und man meint, die anderen werden sie schon mitbringen. Statt demütiger Anerkennung der eigenen Selbstüberschätzung oder Schlampigkeit wird die Schuld fürs Misslingen leider zu häufig erst bei den anderen gesucht. Ein interessantes Phänomen im Rahmen buchbarer Bergveranstaltungen, vom Anfängerkurs bis hin zur Multiplikatorenausbildung der alpinen Vereine und sogar bei Bergführerkursen beobachtbar, ist die Erwartungshaltung, mit allen wichtigen Informationen und sonstigen Tipps proaktiv versorgt zu werden. Und wie lautete die „Entschuldigung“ nach einer misslungenen Führungstechnikprüfung eines angehenden Alpintrainers: „Ich habe nur die kostenlose Version der Tourenplanungsapp. Deshalb war es mir nicht möglich, die höheren Schwierigkeiten des falschen Weges zu erkennen.“ Wir, die wir die Eigenverantwortung schon lange leben, müssen uns manchmal aber auch an der eigenen Nase packen. Denn wer eigenverantwortlich planen und entscheiden will, benötigt klare Fakten und Zahlen wie „800 Höhenmeter, Bergweg der Schwierigkeit T4, 8 km drahtseilversicherte Passagen sowie Klettern bis UIAA I“. Wann hast du zuletzt in sozialen Medien von deiner Tour berichtet und die Fotos unbewusst mit schwammigen Begriffen wie „bei guter Kondition eine mittelschwere Tour“ angereichert?

Michael Larcher

Leiter der Abteilung Bergsport, Stellvertreter des Generalsekretärs

Markus Fleischmann Bildungsreferent Bergsport Alpin

Eigenverantwortung hat ihren Preis

„Every man’s life ends the same way. It is only the details of how he lived and how he died that distinguish one man from another.“ [Ernest Hemingway]

Ich war mit meiner Familie im Berner Oberland am Skifahren, als uns die erschütternde Nachricht erreichte: Eine Gruppe von sechs Skitourengänger:innen, welche Zermatt am 9. März 2024 verlassen hat, ist nicht plangemäß in Arolla angekommen und gilt seither als vermisst. Offenbar gelang es einem Mitglied der Gruppe am frühen Abend noch die Rettungskräfte zu alarmieren, worauf die Alpinist:innen im Bereich des Col de Tête Blanche auf rund 3500 Metern Höhe lokalisiert werden konnten. Die schlechten Wetterbedingungen verunmöglichten einen sofortigen Rettungseinsatz. Am Sonntagabend wurden fünf der sechs Tourengänger:innen schließlich gefunden, alle tot. Das Unglück erinnert mich unweigerlich an die Tragödie vom April 2018, als sieben Menschen 550 Meter von der rettenden Hütte Cabane des Vignettes entfernt in einem Sturm ums Leben kamen. Sosehr ich für den Bergsport das „Recht auf Risiko“ fordere: Ich glaube nicht, dass die Verunglückten – und ich spreche sowohl von 2018 als auch von 2024 – bewusst und im Wissen um die Konsequenzen das Risiko suchten. Vielleicht war es Optimismus. Vielleicht war es Selbstüberschätzung. 2018 war es vielleicht auch das bedingungslose Vertrauen in eine Drittperson. So oder anders: Es endete für sie fatal.

Alpinsport ist mit Risiken verbunden. Entsprechend handeln Alpinist:innen eigenverantwortlich: Gefahren, die dem Alpinsport inhärent sind, gehen zu ihren Lasten. Selbst wenn eine Führerperson zur Durchführung einer Tour hinzugezogen wird, verbleibt das „alpine Restrisiko“ bei der geführten Person. Klassische Beispiele dieses „alpinen Restrisikos“ sind Stein- oder Felsausbrüche, Stolperstürze auf Gelände, auf dem nicht zu sichern war, oder nicht vorhersehbare Lawinenabgänge.

Bergsteiger:innen haben den Bergsport entsprechend ihren Fähigkeiten auszuüben, die notwendigen Vorabklärungen bezüglich Schwierigkeitsgrade etc. zu treffen und sich angemessen auszurüsten. Auch der allfällige Abbruch einer Tour ist Bestandteil des eigenverantwortlichen Handelns. Eigenverantwortung umfasst aber auch das Recht, diese Maßnahmen nicht zu treffen – und mit den tatsächlichen und rechtlichen Folgen dieses Entscheides zu leben – oder zu sterben.

Am Col de Tête Blanche war der Preis für die Eigenverantwortung hoch.

Rahel Müller

Mitglied Zentralvorstand SAC & Partnerin bei Burmann Müller Recht

Vorsicht mit den Aussagen!

Juniorcup. Unser regionaler Sportkletterwettbewerb – Kategorie U16 Mädchen: Eines meiner Klettermädls bereitet sich gerade auf seine erste Qualifikationsroute vor, voll im Fokus, bindet sich ein und … … wird plötzlich in eine Diskussion zwischen anderen Trainern und Schiedsrichtern über ihren Klettergurt (ein Allroundgurt mit nur einem Anseilring als einzige Einbindemöglichkeit) hineingezogen. Sie wird mit Aussagen und Fragen zu ihrem Gurt überhäuft, der nicht für das Sportklettern und den Wettkampf zugelassen sei – es sei ein reiner Klettersteiggurt. Nur ein Moment, in welchem ich mich mit meinen anderen Athleten befasste, und schon war meiner Athletin die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben. Mein schnelles Eingreifen konnte den angerichteten Schaden zwar noch etwas minimieren, das Resultat war aber ernüchternd aufgrund der geschaffenen Unsicherheit. Eine Diskussion mit den beteiligten Personen habe ich bewusst vermieden, wer mit einer solchen Überzeugung Aussagen trifft, wird sich meist nur schwer korrigieren lassen. Und in diesem Moment stand für mich vor allem die Betreuung meiner Schützlinge im Vordergrund. Die Situation beschäftigte mich trotzdem noch eine Weile; habe ich etwas übersehen? War mir im neuen Regelwerk etwas entgangen? Seit wann ist ein Allround-Sitzgurt nicht mehr für das Sportklettern geeignet? Diese Situation beschäftigte nicht nur mich, sondern auch meine Kletterin, die beim nächsten Training nach einem neuen Gurt fragte, den ich empfehlen könnte.

Im Grunde war es lobenswert, dass eingegriffen wurde, denn oft wird nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt, anstatt aktiv zu handeln. Solche Aussagen sollten jedoch mit Vorsicht getroffen werden, wenn das entsprechende Fachwissen fehlt. Im Nachhinein bin ich immer noch schockiert über das mangelnde Einfühlungsvermögen und Bewusstsein für die Auswirkungen solcher Aussagen sowie über die Unwissenheit von Personen, die eigentlich mit ihren Arbeitsutensilien und dem Umgang damit vertraut sein sollten.

Wie können wir das richtige Bewusstsein für Sicherheit schaffen? Welche präventiven Maßnahmen haben sich bewährt? Nicht nur im Bereich des Materials, sondern in allen Bereichen des Klettersports. Und sind wir als qualifizierte und ausgebildete Kletterinnen immer auf dem neuesten Stand?

Als neuer Sportkletter-Mitarbeiter für den Bereich Breitensport sehe ich es als meine Aufgabe und mein Ziel, dieses Bewusstsein zu schaffen. Mit meinen zwei Jahrzehnten Erfahrung im Klettern habe ich viele Entwicklungen miterlebt und eine Fülle von Ideen gesammelt. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringen wird. Und kann nur hoffen, dass sich solche Vorfälle minimieren, statt zu häufen …

Benjamin Kofler Referat Sportklettern – Breitensport

[Gedanken zum Unglück an der Tête Blanche]

Die Tragödie an der Tête Blanche gibt zu denken. Auch einem Sofa-Alpinisten. Voreilige Schlüsse sind fehl am Platz. Dennoch darf vermutet werden, dass die Tourengänger letztlich erfroren sind. Nicht das erste Mal erfrieren Patrouillen beim Training für die Patrouille des Glaciers (PDG) oder andere Skitouren-Rennen. Die PDG selbst wie auch andere SkitourenRennen im Hochgebirge sind unglaublich sicher geworden: Gefahren wie Spalten und Lawinen werden von ganzen Profiteams minimiert, das Wetter sorgfältigst beurteilt, die Strecken gespurt und mehrfach markiert – und wenn auch das nicht reicht, sind überall Retter und Hilfeposten.

Es ist naheliegend, dass bei gleichem Trainingsstand die Patrouillen mit der leichtesten Ausrüstung die besten Chancen auf gute Plätze haben. Deshalb gibt es eine vorgeschriebene Minimalausrüstung. Meist wird auch im Training die Ausrüstung möglichst so wie beim echten Rennen getragen. Nur gibt es im Training keine markierten Pisten, Spaltenfinder, Lawinensicherer, Retter und Hilfeposten. Es darf vermutet werden, dass die Ausrüstung der verstorbenen Gruppe ähnlich der Ausrüstung für das echte Rennen war – und damit für eine Notsituation nur bedingt geeignet. Zwar sind heute schon unter anderem Lawinensuchgerät, Schaufel und Sonde bei Rennen vorgeschrieben, dass sie im echten Rennen heute noch gebraucht werden, erscheint wenig wahrscheinlich. Im Training aber reicht diese Ausrüstung nicht immer. Daher mein Vorschlag an die Leitungen der PDG und anderer Skitouren-Rennen: Zur obligatorischen Ausrüstung soll ein mindestens 250 Gramm schwerer BiwakSack gehören. Damit wird zwar das Rennen nicht sicherer, das Training für das Rennen aber ganz bestimmt. Und es wäre ein deutliches Zeichen an alle Alpinisten. Ob das gereicht hätte, um diese Tragödie zu vermeiden, ist nicht sicher, aber vielleicht verhindert es die nächste Tragödie?

Fabio Vassalli, Brugg, Schweiz

Du hast völlig Recht, Rennen und Training sind zwei Paar Schuhe: Im Training sind die Akteure zu 100 Prozent auf sich allein gestellt und demnach für ihr Handeln selbst verantwortlich, beim Rennen versuchen die Organisatoren – soweit es geht –, alle möglichen Risiken zu minimieren. Heuer wurden auf Grund widriger Verhältnisse drei von vier Rennen abgesagt und nur die kurze Distanz durchgeführt. Leider war ich selbst davon betroffen und jetzt komme ich auch schon zum Punkt: Der Wetterbericht meldete Sturm und Temperaturen um die -30 °C in 3500 m Höhe. Bei dieser Prognose war für uns klar, dass es selbst im Rennen – hätte es stattgefunden – bei allen Sicherheitsvorkehrungen fahrlässig gewesen wäre, mit Rennanzug und nur der vorgeschriebenen Minimalausrüstung zu starten. Erfrierungen wären vorprogrammiert gewesen. Beim Rennen und ganz besonders im Training ist Eigenverantwortung und eine realistische Einschätzung der Situation – trotz trügerischer Sicherheit – angebracht. Tragischstes Beispiel sind jene zwei Athleten, die 2008 beim Zugspitz-Lauf in einem vermeintlich sicheren, organisierten Wettkampfsetting ums Leben kamen … Gerhard Mössmer, Bergsportabteilung Österreichischer Alpenverein

bergundsteigen #126 > Glück² am Schrötterhorn. Verhauer: Wechtenbruch

w[Wechtenbruch mit Todesfolge]

Zur Info möchte ich eine fast identische Situation eines Wechtenabbruchs am 4.2.2024 in der Silvretta auf der Schneeglocke schildern (siehe Abb. 1 und 2). Das Unglück passierte beim Abstieg zum Schidepot. Dabei kam eine Person ums Leben. Gerhard Sieß, Bludenz

d[Die Wechte – mehr als nur Schneeablagerungen?]

Der hervorragende Beitrag aus #126 trifft die Sache sehr gut auf den Punkt. Mir erging es Ende Jänner am Ampferstein in Tirol ähnlich. Eine kurze Fellabfahrt in die Scharte und plötzlich bricht ein Teil der Wechte (Abb. 3 ). Blöd oder gut, dass ich mit einem Bein auf der Wechte stehe und gerade noch einen Schritt zur Seite komme. Das war wirklich knapp. Sofort schießen mir ähnliche Fragen durch den Kopf:

Habe ich die Gefahr erkannt? Nein, sicher nicht in diesem Ausmaß, vor allem habe ich nicht mit einer so großen Hebelwirkung gerechnet. Auch ich ließ mich einlullen: nach der steilen Rinne „nur“ noch durch die Scharte auf den Gipfel. Dazu blauer Himmel, ich war der Erste vor zahlreichen anderen, es wartet eine Traumabfahrt. Außerdem war ich nur „schnell“ eine Skitour, während der Junior in der Axamer Lizum beim sportlichen Skilauf war. War das nun Glück? Oder doch Können, dass ich so schnell einen Schritt zur Seite machen konnte? Oder eben reiner Zufall? Ich denke, es war eine Mischung aus allem. Wieder einmal zeigt sich, dass wir gut daran tun, uns in Bescheidenheit zu üben! Bene Treml aus Rum

w[Wechten-Hotspot Norwegen]

Vielen Dank für euren Beitrag. Hier eine ähnliche Situation. Am Vorgipfel des Roalden (862 m) auf der nordnorwegischen Insel Senja bin ich auf diese Spur gestoßen (Abb. 4). Der Grat wird ab hier schmäler, wer nicht vom Gipfel über die Südflanke abfahren will, richtet in diesem Bereich ein Skidepot ein und steigt dem Roalden zu Fuß auf sein Haupt. Ob die spurlegende Person die Wechte testen wollte, sie übersehen hat oder einfach nur einen Tiefblick in die imposante Nordwand erhaschen wollte, wir wissen es nicht. Definitiv aber hat sie großes Glück gehabt und durfte sich auch den restlichen Tag der traumhaften Bedingungen erfreuen. Ich konnte diese Szene von einem Felsen aus fotografieren. Unter Umständen hat dieser bei der Spuranlage eine gewisse Sicherheit vermittelt.

Senja ist bekannt für perfektes Skigelände, spektakuläre Gipfel, traumhafte Ausblicke auf das Nordmeer – und aufgrund seiner exponierten Lage an der Nordwestküste Norwegens für Wind, viel Wind. Der Baumeister der Lawinen hat eben noch ein weiteres Talent: Wechten! Dementsprechend mahnt Espen Nordahl in seiner Führerliteratur mit dem Hinweis „be aware of cornices“ bei fast jedem Gipfel zum umsichtigen Verhalten in Bezug auf Wechten. Anderl Hartmann, Bad Reichenhall

Abb. 1 Links der abgebrochene Wechtenkeil am Grat zu Schneeglocke. Die durchgehende orange Linie zeigt die in der Folge tiefer angelegte Aufstiegsspur.

Abb. 2 Der Wechtenabbruch unterhalb des Gipfels der Schneeglocke. Man sieht deutlich die Trittspur.

Abb. 3 Der gebrochene Wechtenkeil am Ampferstein in den Kalkkögeln bei Innsbruck.

Abb. 4 Blick nach Nord-West und auf den Gipfel des Roalden (862 m). Im Vordergrund die Wechte des Vorgipfels mit der Skispur überm Abgrund.

Abb. 5 Stau am überwechteten Gipfelgrat des Everest. Hier ist die Wechte noch nicht gebrochen.

Abb. 6 Hier ist ein Stück der Wechte bereits abgebrochen. Sechs Bergsteiger stürzten in die Tiefe. Vier, darunter der Bergsteiger links im Bild, konnten sich am Fixseil wieder nach oben ziehen.

[Overtourism am Mount Everest mit Wechtenbruch]

oAuch am Gipfelgrat des Mount Everest kam es im Mai zu einem Wechtenbruch. Unter der Last von einigen Bergsteigern, die im Stau standen (Abb. 5), brach ein Stück des überwechteten Grates ab. Mehrere Personen stürzten in die Tiefe, wie der Bergführer Vinayak Malla berichtete. Vier davon blieben im Fixseil hängen und konnten sich selbst retten (Abb. 6). Zwei weitere werden leider seither vermisst. „Der Gipfelgrat des Everest fühlte sich anders an als in anderen Jahren“, schreibt Malla auf Instagram. „Es gab weichen Schnee, viele Wechten und schneebedeckte Felsabschnitte. Sogar die Wetterstation war halb im Schnee begraben.“

Durch den Abbruch der Wechte war das Stück nicht mehr passierbar. „Viele steckten fest und der Sauerstoff ging langsam zur Neige“, berichtet Malla. Ihm gelang es dann, das Fixseil zu verlegen und eine neue Spur anzulegen (Abb. 7).

Anna Kuhlmann aus München

Vielen Dank für das Teilen eurer Erfahrungen. Hier noch eine eindrückliche Grafik (Abb. 8), die zeigen soll, wie weit weg von der Kante sich die mögliche Bruchzone befinden kann.

Gebi Bendler, Chefredakteur bergundsteigen

Abb. 7 Blick zurück auf den Grat mit dem abgebrochenen Wechtenkeil. Fotos: Vinayak Malla

d[Die Beißer, # 126] Mit großem Interesse habe ich den Artikel von Chris Semmel und Stefan Blochum zur Verwendung der Seilklemmen als behelfsmäßige Sicherungsgeräte gelesen. Insbesondere das Szenario 1 (Seilweiche) ist für mich von Interesse, und zwar für die Begleitung einer Seilschaft im Rahmen von Mehrseillängen-Kletterkursen in leichtem Gelände. Die Seilweiche dient als Sicherung des Übungsleiters, um komplett seilfreies Klettern vermeiden zu können.

Für den oben geschilderten Fall bietet sich noch die Ergänzung um einen Bandfalldämpfer (oder ein Klettersteigset) an, um den Fangstoß zu reduzieren. Ebenso Sicherungsgeräte aus dem Rettungs-/Industriebereich, wie der Petzl Rescucender, die deutlich schwerer sind, aber ähnliche Eigenschaften wie der RockGrab haben dürften. Habt ihr auch dazu Tests gemacht oder Anmerkungen? Gibt es neben den zusammengefassten Empfehlungen aus eurem Artikel (<25 cm Weichenlänge, kritisch bei weniger als 3 m unter dem Fixpunkt) auch detailliertere Ergebnisse? Insbesondere die Unterschiede zwischen den getesteten Geräten wären interessant. Auf S. 27 wird nur grob erwähnt, dass die Rollklemmen etwas stärkere Seilschäden als der Tibloc verursachten. Hat der Tibloc (alt und neu) dafür andere Nachteile? Der RockGrab schneidet am besten ab, ist aber im Kursablauf nicht geeignet, da er nur über das Seilende aufgeschoben werden kann (die andere Montagemethode ist unterwegs nicht praktikabel). Eine ergänzende Frage:

Wie verhält sich die Seilweiche bei einem Sturz knapp über einer Zwischensicherung, die zur besseren Seilführung für den Nachsteiger wieder eingehängt wurde? Durch Seildehnung stößt die Weiche an die Expressschlinge der Zwischensicherung – und dann? Im Voraus vielen Dank für Antworten! Grüße aus Wien, Stefan Spielauer

Danke für deinen Leserbrief bzw. deine Fragen. Zu deinen Fragen:

Ein Klettersteigset bzw. Falldämpfer begrenzt zwar die mögliche wirkende Kraft, ein Klettersteigset hat mit 6 kN für die Aufnahme des Fangstoßes jedoch einen zu hohen Wert. Hier würde das Seil durch eine Klemme immer noch stark beschädigt werden. Mantelverletzungen treten in etwa ab 4 kN auf.

Falldämpfer mit 2–3 kN Ansprechkraft wären nötig. Da diese oft eine recht große Länge haben (50 cm), würde die Weichenlänge vergrößert werden und damit die mögliche Fallhöhe mit Klemme und Karabiner auf etwa 100 cm erhöht werden. Der Rescucender als Nachfolger des Microcenders verhält sich, wie du schon vermutet hast, wie der Rock Grab. Er wurde nicht weiter getestet, weil er uns für den Einsatz an der mobilen Weiche als zu groß und schwer erschien. In einer Versuchsreihe mit der Bundeswehr haben wir ihn jedoch mitüberprüft und zwischen den drei Geräten Rock Grab, Microcender und Rescucender keine Unterschiede festgestellt.

Bei einer Weichenlänge <25 cm ist die Verwendung von Rollenklemmen auch direkt an der Umlenkung bei Sturzfaktor 1 tolerabel. Bei Sturzfaktor 2 (50 cm Sturzhöhe direkt an der Umlenkung bei Weichenlänge 25 cm) würden Mantelschäden auftreten, der Kern sichtbar sein, aber unbeschädigt bleiben. Bei mehr als drei Metern Abstand zur Aufhängung und einer Fallhöhe von 1 m besteht auch kein Problem mehr. Das Ganze bei 100 kg Fallmasse, die parallel zur Wirbelsäule aufgefangen werden (Sandsack verhält sich ähnlich wie ein Mensch mit achsenparalleler Krafteinleitung zur Wirbelsäule).

Lange Rede, kurzer Sinn: Ja, du kannst dich mit einer Rollenklemme mit Weiche <25 cm so ins Seil einhängen (mache ich mit SafelockKarabiner und Micro Traxion auch immer so).

Windrichtung

mögliche Bruchzone

Abb. 8 Häufig wird unterschätzt, wie weit entfernt vom Wechtenende und Abgrund die Wechte brechen kann.

Tibloc: Wir haben nur den Erklärungsansatz, dass die Zähne beim Tibloc geradlinig über eine größere Fläche auf das Seil wirken, die Rollenklemmen mehr punktuell, also kleinflächiger. Aber das ist nur eine Vermutung als Ursache. Die Unterschiede waren jedoch gering, also maximal eine Verletzungsstufe geringer. Da der Tibloc jedoch gravierende Nachteile beim Mitlaufen und vor allem beim Umfassen hat, würde ich diesen für die Verwendung als mobile Weiche nicht empfehlen. Bei einer längeren Weiche von 60–100 cm würde die Kraft dann zum Teil vom oberen Seilstrang aufgenommen werden sowie umgelenkt in der eingehängten Exe vom Seilstrang des zweiten Nachsteigers. Dieser würde dann nach „oben gezogen werden“ – wie bei einer Körpersicherung. Welche Kräfte wirken, hängt von der Geometrie, der jeweiligen Seildehnung der Seilabschnitte und der Masse des zweiten Nachsteigers bzw. der Bremskraft des oberen Seilstrangs ab. Diese Situation würde aber eher zu einer Entspannung beitragen, da weniger Last auf das obere Seil an der Klemme kommt, als wenn der Weichen-Mann „nur“ in die Klemme stürzt.

Ich hoffe, dass ich dir deine Fragen damit ausreichend beantworten konnte.

Chris Semmel, staatl. geprüfter Berg- und Skiführer, Sachverständiger für Berg-, Kletter- und Lawinenunfälle n

Bruch eines Umlenkrings, gefunden in Leonidio.

Warnung vor Rissen in Umlenkringen

Ein kürzlich aufgetretener Vorfall in Leonidio weist auf unerwartetes Versagen von Umlenkringen hin, nach nur einigen Monaten/Jahren im Einsatz. Diese Ausfälle treten hauptsächlich bei Edelstahlringen (!) auf und sind auf Umwelteinflüsse zurückzuführen, d. h. Korrosion und spezifisches Spannungsrisskorrosionsversagen (SCC). Empfehlungen:

Hier können defekte Haken gemeldet werden.

Mehr Infos zu Umlenkern und Spannungskorrosion.

1. Visuelle Überprüfung der Umlenker, haltet Ausschau nach Rissen, auch wenn diese schwer zu erkennen sind, SCC ist nicht immer sichtbar.

2. Redundanz bei Umlenkern beachten, mehrere Bolts, wenn möglich mit mehr als einem Ring, zum Ablassen verwenden.

3. Backup schaffen bei verdächtigen Haken und Ringen.

4. Abbruch von Projekten mit verdächtigen Haken und Ringen.

Im Falle eines Ring- oder Hakenversagens: 1. Teile sammeln, 2. die lokale Gemeinschaft informieren, 3. die UIAA kontaktieren und defekte Bestandteile zur Analyse der UIAA zur Verfügung stellen. [Alexandra Schweikart]

Ausprobiert

Zinal 2 von Hoka. Für den Sommer war ich auf der Suche nach einem leichten Zustiegsschuh für das Alpinklettern, der im Schrofengelände gut performt und am Klettergurt bzw. im Rucksack gewichtmäßig kaum zu spüren ist. Gefunden habe ich den Zinal 2 von Hoka, der mit einer klettertauglichen Vibram-Megagrip-Sohle ausgestattet ist und in Größe 42 nur bescheidene 209 Gramm auf die Waage bringt. Damit zählt der Schuh zu den leichtesten am Markt. Im Gegensatz zu den anderen Hoka-Trailrunning-Schuhen hat der Schuh keine dicke, Hoka-typische Sohle für eine besondere Dämpfung beim Laufen. Dieser Umstand ist für das Schrofengelände jedoch von Vorteil, weil man den Fels unmittelbarer spürt und der Schuh dadurch noch leichter wird. Durch den Stretch-Strickkragen sitzt der Schuh wie eine Socke. Ein zusätzlicher Fersenzug an der Rückseite erleichtert das An- und Ausziehen und was für das Klettern wichtig ist: Mit dieser Lasche lässt sich der Schuh einfach an den Gurt hängen. Performance im Fels: sehr gut. Performance beim Laufen: sehr gut. GewichtPerformance-Verhältnis: sehr gut. Nachteil: Wie alle leichten Trailrunning-Schuhe nicht besonders langlebig. [Gebi Bendler]

Cric von Climbing Technology. Multifunktionssteigklemme mit Umlenkrolle für Seilzugang und Rettung. Während bei Rollen anderer Hersteller und auch bei der Rollnlock von CT die Rücklaufsperre stets auf die Rolle greift, hat man diese Funktion beim Cric getrennt: Die Sperre greift unabhängig von der Rolle ans Seil. Laut Hersteller soll sie so multifunktional als Lastenrolle, Handsteigklemme und vieles mehr dienen. Wir haben das Cric für die Spaltenrettung und für Flaschenzüge getestet und es funktioniert tadellos. Allerdings wiegt es mit 150 Gramm nicht wenig und wir konnten keine wichtige Anwendung finden, die man nicht auch mit T-Bloc (35 Gramm) und Seilrollenklemme (Micro Traxion, 85 Gramm; Spoc, 60 Gramm; RollnLock, 80 Gramm; etc.) hätte lösen können. [Gebi Bendler]

Cric von Climbing Technology

Der Europäische-Bergführerverband-Exekutive stellt sich vor

Dieses Logo ist dir sicher schon einmal aufgefallen. Wenn nicht, dann schau doch einmal auf die Seite des Impressums. Denn neben den vier Bergführerverbänden der Länder empfiehlt auch der Europäische Bergführerverband der Exekutive (EBVE) das Fachmagazin bergundsteigen. Wer steckt eigentlich hinter dem Verband und was sind dessen Ziele? Im Jahr 2003 schlossen sich die Landesverbände der europäischen Polizeibergführer zusammen. 2014 erweiterte sich der Zusammenschluss auf weitere Exekutivkörper, wodurch sich der Name des Verbandes auf den „Europäischen Bergführerverband der Exekutive“ änderte. Der Verband umfasst heute Bergführer aus Polizei, Gendarmerie, Militär und Zoll aus Österreich, der Schweiz, Italien und Deutschland und hat 730 Mitglieder.

Die Heeres- bzw. Polizeibergführerausbildungen sind staatlich anerkannte Ausbildungen, welche innerhalb der einzelnen Organisationen in Anlehnung an die Standards des IVBV und auf Grundlage der dienstlichen Erfordernisse durchgeführt werden. Bergführer von Exekutivkörpern verfolgen unterschiedliche dienstliche Aufträge im Gebirge, wie zum Beispiel die Erhebung von Alpinunfällen, die Rettung von Personen oder das Führen von einzelnen Personen bis hin zu großen Gruppen, und repräsentieren die höchste Qualitätsstufe in der Gebirgs- bzw. Alpinausbildung der jeweiligen Organisation.

Das Kernziel des EBVE sind die Vernetzung und der Erfahrungsaustausch innerhalb der Verbände sowie eine Zusammenarbeit mit alpinen Institutionen, wie zum Beispiel dem Bayerischen und dem Österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit. Auf Grundlage dieser Zusammenarbeit können Ausbildungen, Techniken und Sicherheitsstandards der jeweiligen Verbände dargestellt und verglichen werden.

Der EBVE veranstaltete Anfang dieses Jahres erstmals eine dreitägige Fortbildung für seine Mitglieder, welche von 28.2.–1.3. am Truppenübungsplatz in Hochfilzen stattfand. Auf Grund der zahlreichen positiven Rückmeldungen beabsichtigt der EBVE, auch künftig wieder eine Fortbildung anzubieten, um auf diese Weise eine zweckmäßige Nutzung von Ressourcen und Synergien sicherzustellen und den Erfahrungsaustausch über die unterschiedlichen Organisationen und über die Ländergrenzen hinweg zu fördern. [Rafael Sandner (Präsident), Thomas Abfalter (Vizepräsident), Hans Ebner (Vizepräsident)]

Der EBVE auf Winterfortbildung in Hochfilzen, Tirol.

Der Zinal 2 von Hoka

Die ständige Herausforderung

In bergundsteigen #118/Frühling 22 hat Walter Würtl den Bergführer Christian Hechenberger interviewt, der innerhalb kurzer Zeit zwei markante Unfallereignisse hatte, die sein Leben und auch seine berufliche Tätigkeit stark beeinflusst haben. Christian hat damals sein Tun am Berg intensiv reflektiert und auch einige Vorsätze formuliert, die er insbesondere beim Führen einhalten wollte. Nun, zwei Jahre später, hat ihn Walter Würtl nochmals getroffen und nachgefragt, ob die Vorsätze gehalten haben.

Interview von Walter Würtl

Foto: Nick Rieder

Jeder von uns kennt es, man nimmt sich etwas vor, knüpft an diese Vorsätze große Erwartungen und nach einer gewissen Zeit ist alles beim Alten. Wie schaut es bei dir aus?

Wenn du mich fragst, würde ich die Vorsätze, die ich damals gefasst habe, auch heute noch so formulieren. Die Hauptfrage ist aber, ob ich meine Vorsätze in den letzten zwei Jahren auch umgesetzt habe, wobei man ja vielleicht nicht alles immer sofort erfüllen muss und das Ganze auch als Entwicklungsprozess sehen könnte! Wir lernen ja ständig dazu und gerade bei der Bergführertätigkeit gibt es immer wieder neue Sachen, auf die man draufkommt. Jedenfalls steht fest, dass sich meine Sicht auf die Dinge in den letzten zwei Jahren nicht geändert hat und ich aus meiner subjektiven Sicht auch das meiste eingehalten habe. Vielleicht solltest du da aber meine Frau fragen … (lacht), ob das so stimmt. Ob ich alle Vorsätze auch in Zukunft schaffe, kann ich zwar nicht garantieren, ich glaube aber, dass ich da auf dem richtigen Weg bin. Der Punkt bei mir ist, dass mein Unfall für mich der entscheidende Auslöser war, mich zu hinterfragen und etwas zu ändern. Vielleicht hätte sich diese Änderung auch von selber ergeben, weil man älter und durch andere Ereignisse „gescheiter“ geworden wäre.

Ein Grund, warum du Risiken beim Führen eingegangen bist, war, „dem Gast etwas bieten zu wollen“. Wie gehst du heute mit diesem Punkt um?

Es ist die Frage, wie ehrlich man in diesem Punkt zu sich selber ist. Mein Verlangen, den Gästen was zu bieten, ist tatsächlich noch stärker geworden, aber nicht was die Schwierigkeit der Touren angeht, sondern was die „gute Zeit“ am Berg angeht. Vielfach ergibt es sich ja von selber, dass über einen guten persönlichen Zugang zu den Geführten auch die „hard facts“, also die Schwierigkeit oder der Leistungsanspruch an eine Tour passen. Du startest bei einer Kletterwoche ganz entspannt und ohne Stress und bist am Ende doch wieder in einer alpinen 6er-Tour unterwegs. Wenn es sich so ergibt, dann fällt es einem auch recht leicht, einen tollen Job abzuliefern. Wenn du deine Leute gut kennst, mit ihnen fast freundschaftlich verbunden bist, dann weißt du auch, was sie brauchen, um gemeinsam etwas Schönes zu erleben. Insgesamt weiß ich beim Bergführerberuf diese besondere Beziehung zu meinen Gästen sehr zu schätzen, da sie auch sehr bereichernd für mich ist. Da gibt es einfach so viele tolle Persönlichkeiten, mit denen man hier in engem Kontakt sein kann, was ein echtes Privileg ist. Was ich sagen will, ist: Mit gestiegenem Anspruch an die Qualität der gemeinsamen Zeit ergeben sich die passenden, optimal schwierigen Touren von selber und damit hat man einem Gast sicher das Maximum geboten.

„Der Unfall war für mich der entscheidende Auslöser, mich zu hinterfragen und etwas zu ändern.“

Walter Würtl war langjähriger Au sbildungsleiter beim Österreichischen A lpenverein und Redakteur bei bergundsteigen.

Inzwischen arbeitet der Bergführer bei LO.LA, einer Firma, die sich mit alpinem Risikomanagement beschäftigt.

„Mit gestiegenem Anspruch an die Qualität der gemeinsamen Zeit ergeben sich die passenden, optimal schwierigen Touren von selber und damit hat man einem Gast sicher das Maximum geboten.“

Ist ein schöner Tag am Berg oder eine gute Zeit also immer noch besser als eine exklusive Tour oder ein schwieriges Ziel?

Ja. Im Idealfall geht beides! Wenn ich mich aber entscheiden müsste, dann Ersteres!

Einer deiner sehr guten Freunde, Guido Unterwurzacher, beschreibt in bergundsteigen #125/Winter 23/24 eine recht dramatische Aktion, wo er sich mit seiner Gruppe in eine fast ausweglose Situation gebracht hat. Als Grund dafür nennt er: „Ich bin ein Typ Bergführer […], der seinen Gästen gern das Maximum bietet – natürlich den aktuellen Verhältnissen angepasst, aber gerne das Maximum im Hinterkopf. In diesem konkreten Fall war aber das kleine bisschen Mehr […] genau das kleine bisschen zu viel – und es endete beinahe wirklich in der Katastrophe.“ Guido kennt vielleicht wie kaum ein anderer deine Geschichte und doch ist es dasselbe Motiv, das ihn als Bergführer in die Bredouille brachte. Wie schwierig ist es, aus Fehlern anderer zu lernen?

Ich spreche mit Guido ja wirklich oft über das Thema Risiko und er sagt immer, dass es beim Skifahren einfach ein sehr schmaler Grat zwischen „megageil“ und „fucking hell“ ist und wir uns sehr oft auf „Messers Schneide“ bewegen. Guidos Fazit ist, dass es sich bei unserer Arbeit echt auszahlt, wenn wir auf das kleine „Extra“ verzichten, das uns das eigene Ego immer andrehen will, da wir uns ein Stückweit in einer Grauzone bewegen!

Was das Lernen angeht, finde ich es total wichtig, dass wir auch die extremen Momente und Erlebnisse beim Führen ansprechen; und ich habe großen Respekt vor Guido, mit welcher Offenheit er sein Erlebnis in den Hohen Tauern kommuniziert. Man darf aber nicht erwarten, dass sich gleich bei allen Lesern auch das Verhalten ändert, nur weil du etwas in einem Bericht thematisierst. Eine Fehleinschätzung, die jemand aufzeigt, ist ja nur die Grundlage, ein Denkanstoß. Ich muss das dann für mich selber und auf meine Tätigkeit reflektieren und erst dann kann ich was ändern.

Es ist was ganz anderes, wenn ein Wissenschaftler oder Techniker ein Forschungsergebnis präsentiert. Da geht es um Zahlen, Daten, Fakten oder um Materialeigenschaften, die keinen Diskussionsspielraum lassen, hier kann man viel leichter und auch schneller reagieren. Im Führungskontext ist das völlig anders. Da gibt es nicht nur Schwarz und Weiß! Nur etwas zu lesen, was einem Kollegen passiert ist, ist da zu wenig, da muss man sich schon selber darauf einlassen; und das geht auch nicht von heute auf morgen. Gerade als Bergführer ist es aber wichtig, dass wir das aufgreifen und berichten.

Es geht ja auch nicht um Lehrmeinungen, sondern um das Aufzeigen von Fehlerketten oder das Aufzeigen von Situationen, in die man bei der Führungstätigkeit geraten kann, um vielleicht den Moment rechtzeitig erkennen zu können, wo man noch reagieren kann. Alleine schon die Einsicht, dass einem dasselbe auch passieren könnte, ist meiner Meinung nach viel wert. Grundsätzlich braucht es einfach Leute, die auch einmal die „Hose runterlassen“ und sagen, was Sache ist! Wenn sich nämlich niemand outet, dann kann auch keine Reflexion oder Diskussion entstehen. In diesem Sinn ist es extrem wichtig, dass man offen Sachen anspricht, aus denen man lernen könnte!

Wie ist es dir mit deinem „Bergführerego“ in den letzten zwei Jahren gegangen? Also dem Drang, „mehr“ zu leisten oder sich auch einmal mit anderen Führern zu vergleichen?

Mein Ego beschränkt sich mittlerweile hauptsächlich auf den Punkt, dass ich nur mehr das mache, was ich gern mache!

Bist du heute „zurückhaltender“ unterwegs als früher?

Sowohl privat als auch beruflich bin ich wesentlich zurückhaltender geworden. Diesen Vorsatz habe ich voll umgesetzt! Ich konnte das heuer z. B. sehr gut beim Eisklettern beobachten, da ich doch einige Male „leer“ gefahren bin, weil einfach die Verhältnisse nicht gepasst haben. Mit meiner Einstellung vor 10 Jahren wäre ich sicher nicht so oft umgekehrt! Hier bin ich deutlich vorsichtiger geworden. Ich arbeite heute auch viel mehr mit Fakten (z. B. mit der Temperatur oder der Neuschneemenge) und treffe Entscheidungen objektiver. Früher habe ich es mir viel öfter schöngeredet und in der inneren Diskussion ist in der Vergangenheit auch viel öfter ein „Ja“ herausgekommen.

Eine wichtige Lehre für dich war, dass du die sogenannten Schlüsselstellen auf Tour – jene Momente also, wo Entscheidungen getroffen werden – in Zukunft noch besser wahrnehmen wirst. Wie ist es dir damit gegangen?

Da geht es mir jetzt so, dass ich mir während der Tour die Schlüsselstellen einfach noch bewusster mache. Ganz bestimmt bin ich aber im Vorfeld viel sensibler geworden und versuche, mich noch besser auf Kunden und Tour einzustellen. Was meine Gäste angeht, so ist es natürlich viel leichter, mit Leuten unterwegs zu sein, die man schon kennt. Bei Personen, die ich noch nicht kenne, ist für mich der erste Eindruck ganz entscheidend. Da beobachte ich sehr

genau, wie jemand geht, das heißt, wie sportlich oder geschickt sich jemand anstellt, aber auch was jemand sagt und was die Person für Ziele hat. Ich probiere da, die Leute richtiggehend zu durchleuchten, und das funktioniert recht gut, sodass möglichst wenige Fragezeichen mit auf Tour sind.

Du bist ja mittlerweile auch Obmann der Kitzbüheler Bergsportführer. Muss ein Bergführer aus deiner Sicht mehr bieten als „nur“ den Gipfel oder eine Tour? Oder anders gefragt: Haben unsere Gäste ein Recht auf eine „gute Zeit“?

Das Bergführerhonorar bekommt man für die Führung von A nach B und das Gipfelbild. Mein Anspruch ist hier aber deutlich gestiegen. A nach B ist natürlich nach wie vor Pflicht, mir ist es aber – wie schon angesprochen – wichtig, darüber hinaus noch einen guten Tag für mich und meine Gäste zu haben. Das beginnt, wenn man in der Früh bei der Türe hinausgeht. Wenn ich die Leute kenne und ein passendes Ziel im Auge habe, dann starte ich schon mit einem Lachen im Gesicht und komme auch wieder fröhlich nach Hause. Wenn du mit dieser Einstellung unterwegs bist, kann gar nicht mehr viel schiefgehen und in diesem Sinn bedeutet die gute Zeit für die Gäste auch eine gute Zeit für den Führer! Die Gäste zahlen ordentliches Geld und haben es sich natürlich auch verdient, dass man sich auf sie einlässt – zumindest, wenn sie das auch wollen. Es sind ja nicht alle Gäste gleich und manche wollen auch nur von A nach B gebracht werden, dann ist das natürlich auch gut. Aber die Leute, die mehr am Berg erleben wollen, die sollten es auch kriegen. Obwohl man als Bergführer ja immer gleich viel verdient, ob du dich jetzt voll engagierst oder nicht. Dann ist halt der Mehrwert der, dass die Leute wieder mit dir unterwegs sein wollen und auch du selber glücklicher unterwegs sein kannst.

Christian beim Führen in der „Schüle-Diem“, VI, an der Predigtstuhl-Westwand im Wilden Kaiser. Foto: Alpsolut Pictures

„Was meinen Enthusiasmus angeht –ich bin halt so! Wenn man etwas mit so viel Freude macht, dann kommt das von selber.“

Kann man das von Kollegen verlangen, dass sie fröhlich aus dem Haus gehen und sich auch emotional auf ihre Gäste einlassen? Woher kommt dein Enthusiasmus?

Ich fände es gut, wenn es so wäre und wenn es um mehr gehen würde als nur um den richtigen Standplatz oder die kritische Schwachschicht in der Schneedecke. Was meinen Enthusiasmus angeht – ich bin halt so! Wenn man etwas mit so viel Freude macht, dann kommt das von selber. Zumindest jetzt ist es so –und ich glaube auch, dass es so sein sollte.

Hast du mittlerweile andere Gäste als vor deinen Unfällen?

Ich habe Stammgäste, die ich davor gehabt habe und immer noch habe. Insgesamt sind es aber die gleichen Gäste, weil es für mich immer schon wichtig war, dass die Chemie passt, und da hat sich auch nicht viel geändert.

Ein wichtiger Schluss für dich war, dass du das Risiko beim Klettern wesentlich geringer einschätzt als auf Hochtour? Hat sich daran was geändert oder hast du den einen oder anderen hohen Gipfel eingestreut bzw. hat sich die eine oder andere Gletschertour als „Rosine“ herausgestellt?

Nein – zum Glück nicht! Es ist bei den Klettertouren geblieben und ich bin nach wie vor der Meinung, dass das Risiko beim Klettern viel besser einzuschätzen ist als auf Hochtouren. Charakteristisch war für mich ein Erlebnis im Sommer, wo ich auf einem Dolomitengipfel eine nette Südtiroler Seilschaft getroffen habe, die eine andere Tour geklettert ist. Wir haben uns unterhalten und vereinbart, gemeinsam abzuseilen. Dadurch konnten wir das Steinschlagrisiko deutlich minimieren und damit die Tour insgesamt sicherer gestalten. So etwas geht bei Gletschertouren oder hohen Bergen viel schwieriger oder gar nicht.

Ein anderer wichtiger Punkt ist für mich als hauptberuflicher Bergführer natürlich auch das Einkommen. Ziel ist es, mit viel Freude und wenig Risiko das Geld zu verdienen, das ich zum Leben für mich und meine Familie brauche. Auch wenn wir insgesamt sicher einen sehr schönen Beruf haben, darf man nicht naiv sein, denn das Honorar bleibt der Hauptzweck der Führungsarbeit. Für jemanden, der 40 Stunden im Büro hockt, klingt es natürlich sehr romantisch, wenn das Hobby irgendwann zum Beruf gemacht werden kann. Ein Hobby ist es aber nur, wenn es dir auch gefällt. Wenn es dir nicht mehr gefällt, ist es nur noch Beruf. Für mich ist es aktuell noch Berufung und die Entscheidung, Bergführer zu werden, habe ich noch nicht bereut. Irgendwann ist bei mir halt ein echter Dämpfer gekommen, aber nichtsdestotrotz war es richtig, mich für diesen

Beruf zu entscheiden. Ob ich es mit 60 immer noch mache, kann ich nicht sagen … aber solange es Berufung ist, bleibt es so!

Abschließend die zentrale Frage: Bist du heute ein besserer Bergführer als damals?

Ich bin heute vielleicht kein besserer Bergführer als damals, aber ich habe es irgendwie gebraucht, um mich weiterzuentwickeln. Vielleicht ist es auch so etwas wie Karma, dass mir irgendwer oder irgendwas meine Grenzen aufzeigen wollte. Jetzt ist es Teil meines Lebens und die Auseinandersetzung mit dem Risiko am Berg hört auch nicht auf. Ebenso ist die Verarbeitung der Unfälle für mich und auch für meine Familie noch nicht abgeschlossen, was teilweise auch heute noch sehr schmerzlich und herausfordernd ist. Die Arbeit als Bergführer ist sehr komplex und selbst die beste Ausbildung kann hier nicht alles vermitteln, was es am Ende des Tages braucht. Die Bergführertätigkeit kann man auch nicht aus einem Buch lernen, sondern jeder Bergführer muss sich dieses Buch selber schreiben. Meine Unfälle stehen in meinem Buch und in diesem Sinn sind sie auch eine Bereicherung für mich. Ich denke, dass wir Bergführer auf unser Buch aus Erfahrungen und Erlebnissen v. a. auch dann zurückgreifen können, wenn das Standardwissen am Ende ist. Und das ist sicher ein riesiger Vorteil, den wir nützen sollten! ■

Traumberuf Bergführer? Christian mit einer geführten Skitourengruppe aus dem Bezirk Kitzbühel auf dem Gipfel des Kjerringa bei Alesund, Norwegen Foto: Archiv Hechenberger

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Gaswerkmethode ade?

Edelrid PINCH und Petzl NEOX heißen die zwei neuesten Sicherungsgeräte am Markt. Wir haben sie uns genauer angeschaut. Von Markus Schwaiger und Christoph Pirchmoser

Abb. 1 Das Petzl NEOX im Einsatz.

Prinzip GRIGRI

Das GRIGRI von Petzl ist seit 2017 das meistverwendete Sicherungsgerät in deutschen Kletterhallen (DAV-Kletterhallenunfallstatistiken, 2015–2022) und in unserer subjektiven Wahrnehmung gilt das auch für Österreich. Seit der Markteinführung 1992 hat sich, selbst nach zwei Neuauflagen des Gerätes, nicht viel verändert: Es wurde über die Jahre hauptsächlich an die mittlerweile deutlich dünneren Seildurchmesser angepasst. Die Blockierfunktion im Gerät funktioniert sehr gut, für das schnelle Seilausgeben benötigt es jedoch eine eigene Handhabung. Diese muss einerseits garantieren, dass beim Ausgeben weder das Bremshandprinzip verletzt wird noch die Blockierfunktion das Seil blockiert, andererseits dass man auch im Falle eines Sturzes während der Seilausgabe reagieren kann und der Blockiermechanismus greift. Dafür wurde die „Gaswerkmethode“ – benannt nach einer Schweizer Kletterhalle in einem ehemaligen Gaswerk – entwickelt. Diese Methode funktioniert an sich sehr gut, aber der Teufel steckt im Detail, weshalb sie übungsintensiv ist und häufig Fehlanwendungen wie das komplette Umklammern des Gerätes beobachtet werden können. Für Kinder ist die Gaswerkmethode oft nicht geeignet, weil sie sich aufgrund ihrer kleinen Handgröße schwertun, das Gerät in der richtigen Position zu halten. Nachdem das Patent von Petzl ausgelaufen ist, haben einige Hersteller die Idee aufgegriffen und Geräte nach demselben Prinzip nachgebaut. Dabei wurde versucht, den Seildurchlauf so zu optimieren, dass man die Gaswerkmethode möglichst selten verwenden muss. Dies ist einigen Herstellern nicht so schlecht gelungen, wie zum Beispiel Madrock mit dem LIFEGUARD oder Beal mit dem BIRDIE. Allerdings machen sie dem GRIGRI bisher nicht merklich Konkurrenz. Während Edelrid mit dem PINCH jetzt ein weiteres Sicherungsgerät mit ähnlichem Funktionsprinzip auf den Markt bringt, schlägt Petzl mit dem NEOX (Abb. 1) einen neuen Weg ein.

Probieren geht über Studieren

Wir konnten das PINCH (Abb. 2) und das NEOX bereits vor Markteinführung ausprobieren. Im Rahmen der Koordination des Bundeslehrteams Sportklettern des Österreichischen Alpenvereins haben 16 Sportkletterlehrer und Bergführer mit langjähriger Ausbildungserfahrung die Geräte getestet. Anschließend wurden mit einem kurzen Fragebogen verschiedene Kriterien abgefragt, die uns bei der Verwendung von Sicherungsgeräten im Allgemeinen und bei der Vermittlung des Sicherns wichtig erscheinen. Die Experten konnten durch schriftliche Kommentare ihre Einschätzungen spezifizieren. Außerdem sind wir drei Wochen fleißig mit beiden Geräten klettern gegangen, um einen möglichst umfangreichen Eindruck zu bekommen. Wir haben versucht, mit den formulierten Kriterien die Geräte so objektiv wie möglich zu beurteilen, wollen aber an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es sich dabei eher um die Zusammenfassung mehrerer Expertenmeinungen als um einen komplett standardisierten, objektiven Test handelt. Wir sind aber überzeugt, dass dieser Expertenkreis einen guten ersten Überblick geben kann.

Abb. 2 Das Edelrid PINCH in geöffnetem Zustand.

Edelrid PINCH

Das PINCH von Edelrid basiert auf demselben Prinzip wie das GRIGRI von Petzl – durch Zug am Lastseil entsteht Reibung an einem Bremsnocken, der das Seil abklemmt. Das Einzigartige an diesem Gerät ist, dass es direkt in den Gurt eingehängt werden kann, ohne dass ein Karabiner dafür benötigt wird. Der Hersteller beschreibt die Vorteile des direkten Einhängens folgendermaßen: „Durch die körpernahe und tiefe Position muss das PINCH beim Seilausgeben nicht fixiert und das Bremsseil kann stets mit allen Fingern umschlossen werden.“

Soll heißen: Der Zeigefinger muss bei der Gaswerkmethode nicht gesondert am Gerät platziert werden, sondern umschließt, auch während der Daumen auf den Hebel gelegt wird, das Bremsseil (Abb. 3). Außerdem soll die Kompaktheit des Sicherungssystems dafür sorgen, dass „die sichernde Person 20–30 cm mehr Seil auf einmal ausgeben kann“. Das Ablassen erfolgt mit einem Hebel, wobei das Seil direkt von vorne über Bremsrillen in das Gerät geführt werden kann, wodurch eine erhöhte Bremswirkung erzielt und Krangelbil-

Abb. 3 Der Zeigefinger muss bei der Gaswerkmethode nicht am Gerät platziert werden. Er umschließt das Bremsseil auch, während der Daumen auf den Hebel gelegt wird.

dung vermieden werden soll. Zum Ablassen verfügt das PINCH über eine Anti-Panik-Funktion, bei der der aktivierte Blockiermechanismus (wie beim GRIGRI+) durch weiteres Ziehen am Hebel wieder gelöst werden kann und so auch leichte Personen bei viel Reibung wieder auf den Boden zurückdürfen. Wer gerne auf eine solche Anti-Panik-Funktion verzichtet, kann sie mittels einer mitgelieferten Schraube dauerhaft ausschalten (Abb. 4). Ein weiteres Novum des PINCH ist die zugelassene Verwendung zur Fixpunktsicherung. Vier verschiedene Optionen ermöglichen es, das Gerät in 90°-Schritten am Standplatz zu fixieren. Dieser Einsatzbereich erscheint nur für sehr wenige Situationen sinnvoll und der Hersteller selbst weist bereits auf einen sehr hohen möglichen Fangstoß beim Vorstiegssichern vom Fixpunkt hin. Da wir bisher keine Gelegenheit hatten, das PINCH beim Fixpunktsichern auszuprobieren, können wir keine Aussage zum Handling treffen. Das PINCH ist für Seildurchmesser von 8,5–10,5 mm zugelassen.

Abb. 4 Die Anti-Panik-Funktion kann durch eine mitgelieferte Schraube deaktiviert werden.

Das PINCH

Mit dem PINCH ist Edelrid ein Gerät gelungen, mit welchem das Seilausgeben insgesamt gut funktioniert. Während das Seilausgeben mit einem dünnen Seil völlig problemlos ist und das PINCH von unserem Team dafür ausschließlich Bestnoten bekam, nimmt die Performance beim Seilausgeben mit einem dickeren Seil zwar ab, wurde von der Mehrheit aber immer noch als „gut“ eingestuft. Durch den relativ geringen Bewegungsspielraum des Bremsnockens kann ein ungewolltes Blockieren schnell wieder gelöst werden. Ganz lässt sich nicht auf die Gaswerkmethode verzichten, aber man braucht sie kaum noch. Dass beim Ausgeben nur der Daumen von hinten auf den Hebel gedrückt wird und der Zeigefinger nicht am Gerät platziert werden muss, also das Gerät oben nicht mit Daumen und Zeigefinger zwischen Metallfalz und Bremsmechanik umfasst werden muss, wird vor allem die Handhabung für Kinder mit kleinen Händen leichter machen. Da wir alle die Gaswerkmethode mit dem GRIGRI gewohnt sind, war es anfangs gewöhnungsbedürftig, den Zeigefinger nicht an das Gerät zu legen und das Bremsseil mit vier Fingern zu kontrollieren, während nur der Daumen auf den Hebel gelegt wird. Aber sobald man sich damit vertraut gemacht hat, funktioniert es gut (siehe auch Abb. 3).

Uns hat vor allem interessiert, welchen Unterschied die neuartige direkte Verbindung mit dem Gurt macht und ob sie die versprochenen Vorteile (siehe Kasten) bietet. Die Kompaktheit direkt am Gurt, durch die das Gerät beim Vorstiegssichern nicht so weit nach unten hängt und nach oben wandert, ist ein weiterer Vorteil für Kinder und für kleinere Personen, da beim Seilausgeben weniger Reichweite durch die Bewegung des Sicherungsgerätes am Gurt verloren geht und so der Sicherungskomfort höher ist. Wenn das Gerät im Gurt ohne Karabiner eingehängt ist, ist es durch einen Verschlussmechanismus (Abb. 5) gesichert. Wir haben ausprobiert, ob es bei Verwendung mit Gaswerkmethode zum Öffnen kommen könnte. Das war – zwar bewusst provoziert – relativ leicht möglich. Im normalen Betrieb ist dies eher unwahrscheinlich und das Problem kann durch das unbelastete Einhängen eines Karabiners gänzlich gelöst werden (Abb. 6). Vollkommen überzeugt hat uns das Konzept des Verschlusses aber trotzdem nicht. Bei Gurten mit sehr breitem Anseilring hat der Ring etwas zu wenig Platz, was vermutlich dazu führen kann, dass der Anseilring stärker bzw. schneller abgenutzt wird.

Abb. 5 Der rechte Daumen löst den Verschlussmechanismus, um das Gerät zu öffnen.

Markus Schwaiger ist Klettertrainer und hat in den letzten Jahrzehnten das Sportklettern in Österreich mitgeprägt. Er ist beim Österreichischen Alpen verein für den Bereich Spor tklettern verantwortlich.

Abb. 6 Das unbeabsichtigte Öffnen des Gerätes kann durch das Einhängen eines zusätzlichen Karabiners gänzlich ausgeschlossen werden. |

sehr gut gut ok nicht gut

Seil ausgeben dünnes Seil

Seil ausgeben dickes Seil

Ablassen dünnes Seil

Funktionelles Design, Verarbeitung

Geeignet für Anfänger

Geeignet für Kinder

Abb. 7 Bewertung des Edelrid PINCH durch das Bundeslehrteam Sportklettern des Österreichischen Alpenvereins.

Abb. 8 Hier erkennt man die Bremsrillen zum Ablassen.

Der Hebel ist – wie bei anderen Geräten auch – aus Plastik. Er ist recht locker verbaut, d. h., er hat etwas seitliches Spiel. Er hat so viel Spiel, dass er, wenn das Gerät blockiert, vorne an der kleinen Nase, wo er normalerweise anschlägt, vorbeigedrückt wird. Dies hat keinerlei sicherheitsrelevante Auswirkungen, wirkt aber nicht sehr wertig. Funktionelles Design und Verarbeitung wurde von unserem Team zwar mehrheitlich als „gut“ eingeschätzt (Abb. 7), aber diese beiden Punkte wurden kritisiert.

Die erhöhte Reibung durch Bremsrillen ermöglicht ein kontrolliertes Ablassen auch mit einem dünnen Seil (Abb. 8). Dadurch ist das Ablassen weniger kritisch als mit vergleichbaren Geräten und wurde ausschließlich mit „sehr gut“ und „gut“ bewertet. Unser Team schätzte das PINCH mehrheitlich als „gut“ geeignet für Kinder ein, wofür die Kombination aus Kompaktheit, einfacher Handhabung beim schnellen Seilausgeben und kontrolliertem Ablassen mit Anti-Panik-Funktion als Backup ausschlaggebend war. Aufgrund der beiden letztgenannten Punkte wurde die Eignung für Anfänger sogar mit „gut“ bis „sehr gut“ bewertet.

Bei der Verwendung des Gerätes mit einem neuen Seil am untersten Limit des Seildurchmessers (8,5 mm), kaum Seilreibung und noch dazu mit einem schweren Kletterer ist das Seil im blockierten Zustand ganz langsam durch das Gerät gerutscht, was aber kein sicherheitsrelevantes Problem darstellt.

Edelrid PINCH

+ direkte, karabinerlose Verbindung mit dem Gurt

+ Seilausgeben mit Tubermethode außer mit dicken Seilen gut möglich

+ Ablassen: erhöhte Reibung durch Bremsrillen und Backup durch (ausschaltbare) Anti-Panik-Funktion

– Verschlusssystem lässt sich zu leicht öffnen

– Ablasshebel wirkt insgesamt etwas fragil

Petzl NEOX

Das neue Gerät von Petzl sieht dem GRIGRI auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich, wobei die minimal größere Dimensionierung selbst den eingefleischtesten Fans nur im direkten Vergleich auffallen wird (Abb. 9). Erst auf den zweiten Blick und vor allem nach dem Öffnen des Geräts wird klar, dass hinter dem neuen Namen auch wirklich ein neues Sicherungsgerät steckt. Herzstück dieses neuen Geräts ist eine Rolle mit Abschrägungen (Abb. 10), die schnelles Seilausgeben und -einholen mit der Tubermethode ermöglichen soll, ohne dass das Gerät dabei blockiert. Die Gaswerkmethode, die bei GRIGRI und GRIGRI+ als offizielle Methode für schnelles Seilausgeben gilt, ist in der Bedienungsanleitung des NEOX nicht mehr zu finden. Wer neues Sicherungsgerät, Rolle und Blockiermechanismus hört, denkt unweigerlich an das REVO von Wild Country, doch das NEOX basiert auf einem anderen Mechanismus. Während das REVO nach dem Prinzip einer Fliehkraftkupplung funktioniert und die Rolle erst bei einer Geschwindigkeit von 4 m/s (14,4 km/h) blockiert, ist die Rolle des NEOX in einen Klemmnocken integriert (Abb. 11).

Dort ist sie, etwas dezentral zu dessen Achse, so gelagert, dass sie sich nicht nur drehen kann, sondern auch ihre Position ab einem bestimmten Seilzug verändert. Ab einem gewissen Zug am Führungsseil entsteht so viel Reibung, dass die Rolle nach vorne oben gedrückt wird, was unabhängig von der Geschwindigkeit des Seildurchlaufes geschieht. Wenn sich die Rolle durch Seilzug nach vorne oben bewegt, kann sie sich maximal noch wenige Zentimeter drehen, bevor sie durch einen Mechanismus im Inneren der Rolle blockiert wird. Sobald die Rolle steht, kommt der Klemmnocken als Ganzes in Bewegung und klemmt das Seil nach dem gleichen Prinzip wie beim GRIGRI ab (Abb. 12). Die Abschrägungen der Rolle sorgen für zusätzliche Kontaktfläche mit dem Seil und sollen dadurch die Bremswirkung beim Ablassen erhöhen, was sich v. a. bei dünnen Seilen auch als notwendig erweist (siehe Haupttext). Auf eine Anti-Panik-Funktion wie beim GRIGRI+ wurde beim NEOX verzichtet. Wie das GRIGRI und das GRIGRI+ ist das NEOX für Seildurchmesser von 8,5–11 mm zugelassen, wobei der Hersteller keinen optimalen Bereich angibt.

Abb. 10 In der Draufsicht auf die Rolle erkennt man die Abschrägungen.

Abb. 9 Autor Christoph Pirchmoser beim Testen des neuen NEOX.

Abb. 11 Petzl NEOX im unbelasteten Zustand. Die Feder hält die Rolle im unblockierten Zustand, Blockier- und StopperElement im Inneren der Rolle (eingekreist) kommen nicht in Kontakt. Das Seil kann fei durchlaufen.

Das NEOX

Uns hat beim Testen des NEOX als Erstes interessiert, ob das Seilausgeben mit der Tubermethode schnell und reibungslos funktioniert. Der erste Eindruck bei der Handhabung des Gerätes war: Der Seildurchlauf und das Ausgeben sind sehr geschmeidig, durch die Rolle läuft das Seil mit sehr wenig Widerstand durch das Gerät und dadurch ist das Seilausgeben sehr einfach. Bei sehr dünnen Seilen – hier sind wir bis ans unterste Limit (8,5 mm) gegangen –gab es kein unabsichtliches Blockieren beim Seilausgeben, was von unserem Team mehrheitlich mit „sehr gut“ bewertet wurde (Abb. 13).

Bei dicken, pelzigeren Seilen kann es nach wie vor vorkommen, wenn auch sehr selten, dass das Gerät beim Seilausgeben blockiert. Durch den kurzen Weg des Klemmnockens bis zur vollständigen Blockade muss man in diesem Fall das Gerät nur kurz entlasten, indem man das Lastseil zum Gerät zieht, um die Blockierung zu lösen. Bei längerer Verwendung haben wir bemerkt, dass eine Blockierung des Gerätes auch beim Ausgeben mit dicken Seilen fast gänzlich vermieden werden kann und es wurde von den meisten Sichernden mit „gut“ oder „sehr gut“ beurteilt.

Beim Ablassen muss man beim NEOX, vor allem wenn man dünne Seile verwendet, behutsam vorgehen. Die Rolle bleibt zwar blockiert, erzeugt aber dennoch relativ wenig Widerstand und durch den kurzen Weg des Klemmnockens reagiert das Gerät sehr sensibel, also muss der Hebel entsprechend vorsichtig gelöst werden. Je weniger Reibung in der Sicherungskette vorhanden ist, desto mehr Gefühl und Handkraft wird benötigt, um gleichmäßig und sicher abzulassen. Das Ablassen mit einem dünnen Seil wurde von vielen der Experten zwar trotzdem mit „sehr gut“ bewertet, aber

Abb. 12 Petzl NEOX im belasteten Zustand. Die Feder wird zusammengedrückt, Blockier- und Stopper-Element kommen in Kontakt, die Rolle (eingekreist) blockiert und das Seil wird durch den Klemmnocken abgeklemmt.

es wurde dabei von ihnen mehrfach auf die oben genannten Problematiken hingewiesen. Wie dramatisch diese empfunden werden, hängt natürlich stark vom Niveau der Sichernden ab. Wie schon oben erwähnt, eine Anti-Panik-Funktion wie das GRIGRI+ hat das NEOX nicht. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Ablassen eine sehr sensible Phase beim Sichern mit dem NEOX ist. Bei der Schulung dieses Gerätes wird dementsprechend ein besonderes Augenmerk darauf gelegt werden müssen, dass das Loslassen des Ablasshebels im Schockmoment trainiert wird. Wenn dies berücksichtigt wird, hat das NEOX das Potenzial, sich auch bei Anfängern, Kindern und in Kletterkursen zu etablieren.

Drei Viertel unseres Teams schätzten die jeweilige Eignung dafür als „sehr gut“ und „gut“ ein (Abb. 13). Die Handhabung mit nur einer Technik, der Tubermethode, macht das Erlernen einfacher und die Anwendung weniger fehleranfällig als bei anderen Geräten. Es sollte aber in Kursen und Ausbildungen auch dementsprechend auf die Feinheiten der Tubermethode (siehe Kasten) eingegangen werden. Das NEOX kommt im vertrauten GRIGRI-Gewand daher und auch die Rolle wirkt sehr hochwertig verarbeitet, deshalb wundert es wenig, dass es bei funktionellem Design und Verarbeitung überwiegend die Bestnote gab.

Petzl NEOX + sehr leichtgängiges Seilausgeben mit Tubermethode auch mit dicken Seilen + keine spezielle Methode zum schnellen Seilausgeben mehr nötig – Ablassen: wenig Widerstand und geringer Bewegungsspielraum des Klemmnockens erfordern – je nach Seildurchmesser – viel Gefühl und Handkraft

sehr gut gut ok nicht gut

Seil ausgeben dünnes Seil

Seil ausgeben dickes Seil

Ablassen dünnes Seil

Funktionelles Design, Verarbeitung

Geeignet für Anfänger

Geeignet für Kinder

Abb. 13 Bewertung des Petzl NEOX durch das Bundeslehrteam Sportklettern des Österreichischen Alpenvereins.

Fazit

Die Handhabung ist bei beiden Geräten einfach und mit der klassischen Tubermethode kann man sehr gut sichern. Während beim PINCH zum schnellen Seilausgeben manchmal noch die Gaswerkmethode nötig ist, wird man beim NEOX mit der Tubermethode auskommen.

Das neue Funktionsprinzip des NEOX mit seiner Rolle im Klemmnocken setzt neue Maßstäbe in Sachen reibungsarmes Seilhandling mit dickeren Seilen, was das Sichern für Einsteiger und Kinder erleichtern wird. Das PINCH hat seine Stärken eher bei dünneren Seildurchmessern und punktet mit sehr direktem Handling durch das neuartige Verbindungssystem ohne Karabiner, was bei Fortgeschrittenen gut ankommen könnte.

Beiden Herstellern ist jeweils ein vielversprechendes neues Gerät mit Innovationen gelungen, beide haben gute Chancen, sich am Sicherungsgerätemarkt zu etablieren.

Fotos: Markus Schwaiger, Petzl

Allgemeiner Tipp: Tubermethode

Das langsame Seilausgeben ist bei den meisten gängigen Sicherungsgeräten (Halbautomaten, Autotubern) mit der Tubermethode möglich. Die Bremshand umschließt dabei das Bremsseil und schiebt es von unten in das Sicherungsgerät, während es die Führungshand oben aus dem Gerät herauszieht. Das Timing und die Koordination sind dabei entscheidend. Solange das Bremsseil locker ist, kann das Führungsseil meist problemlos aus dem Gerät gezogen werden, ohne dass dieses blockiert bzw. sich der Widerstand erhöht (Tuber).

Sicherungsgeräte werden immer blockieren oder den Widerstand erhöhen (Tuber), wenn zuerst am Führungsseil gezogen wird und erst dann die Bewegung des Bremsseiles erfolgt. Bei dickeren Seilen oder sehr schnellem Seilausgeben stößt diese Methode bei vielen Geräten aber an ihre Grenzen und wir müssen auf die gerätspezifische Methode zum schnellen Seilausgeben zurückgreifen. Diese sollte aber nur zum Seilausgeben angewandt werden, anschließend sollte sofort wieder in die Grundhaltung – Bremshand am Bremsseil und unterhalb des Sicherungsgeräts –zurückgekehrt werden

Sportkletterlehrer und ist beim Österreichischen Alpenverein für den Bereich

unsicherheit Christoph Pirchmoser ist Bergund Sk iführer sowie

Bouldern – Sicherer Kletterspaß oder gefährlicher Risikosport?

Bouldern wird immer beliebter, womit die absoluten Unfallzahlen steigen und sich Fragen nach den typischen Gefahren, dem Risiko und der Prävention stellen, insbesondere in Settings mit Aufsichtsanforderungen.

Teil 1. Sicherheit

Dieser Artikel ist dreiteilig. Teil 2: Prävention und Teil 3: Aufsicht erscheinen in den nächsten Ausgaben.

Foto: Hansi Heckmair, DAV

Markante Zunahme des Neubaus an Boulderflächen in Deutschland ab 2010, alle Anlagen (privat und DAV). Grafik: DAV

Klettern zählt neben Gehen, Laufen, Springen u. a. zu den motorischen Grundfertigkeiten. Nicht zuletzt deshalb wird von Menschen aus unterschiedlichen Gründen schon immer geklettert, in Absprunghöhe und ohne Seilsicherung. Dem sogenannten Bouldern in heutigen Zeiten werden rein sportliche Motive zugeschrieben. Einer der ersten sportlichen Boulderer war Oscar Eckenstein (*1859, † 1921) in England, der Sinn darin sah, an Felsblöcken in Wales zu bouldern, nicht nur als Training für Klettertouren im Gebirge, sondern auch zum Selbstzweck. Eine Liste an wegweisenden Boulder:innen ließe sich von den frühen Bleausards in Fontainebleau bei Paris (ab Ende 19. Jhdt.) über John Gill (*1937, USA), Jacky Godoffe (*1956, Frankreich), „Flipper“ Fietz (*1953, BRD) bis in die Gegenwart zu Will Bosi (*1998, Schottland), Janja Garnbret (*1999, Slowenien) und anderen fortführen. Eine zunehmende internationale Verbreitung erfuhr das Bouldern in den 1990erJahren mit dem Entstehen von künstlichen Kletteranlagen, der Etablierung als weltweite Wettkampfsportart bis zu den Olympischen Spielen (Tokio 2020, Paris 2024) und in Deutschland mit dem Bau großer Boulderanlagen insbesondere ab dem Jahr 2010. Nach Schätzungen des Deutschen Alpenvereins (DAV) ist in Deutschland von ungefähr 500.000 aktiven Boulder:innen auszugehen, von denen ca. 350.000 Mitglied im DAV1 sind. In seiner bundesweiten Statistik führt der DAV 190 reine Boulderhallen. Hinzu kommen viele Kletterhallen, die beides anbieten, Seilklettern und Bouldern, und viele kleine Anlagen in (Hoch-)Schulen, Sportvereinen und im öffentlichen Raum (Spiel- und Sportplätze). Zu ergänzen sind die zahlreichen Möglichkeiten, an Felsen zu bouldern und auch an Gebäuden (Buildering). Somit ist Bouldern heute zu einem etablierten Freizeit-, Breiten-, Leistungs- und Spitzensport angewachsen, der vielfältige Bedürfnisse der Aktiven jeden Alters befriedigt und sogar von führenden Krankenkassen2 als gesundheitserhaltend- und -fördernd und in der Pädagogik3

als positiv wirksam eingeschätzt wird. Mit der Zunahme an aktiven Boulder:innen nehmen jedoch auch die absoluten Unfallzahlen zu und es stellen sich Fragen nach den typischen Gefahren, dem Risiko und der Prävention, insbesondere in Situationen mit Aufsichtsanforderungen bezüglich Minderjähriger und Teilnehmer:innen von Kursen, Trainings und Gruppen im Anfängerbereich. Der folgende Text bezieht sich nur auf künstliche Kletteranlagen. Einige Inhalte lassen sich auf das Bouldern an Felsen übertragen. Eigens zu betrachten sind beim Outdoor-Bouldern die Aspekte des Natur- und Umweltschutzes sowie bestimmte Aspekte des Helfens und Sicherns (Spotten).4

Typische Boulderszene. Foto: Hansi Heckmair, DAV

Gefährdung und Gefahren

Während der Begriff „Gefährdung“ das zeitlich-räumliche Setting und das gefährdete Schutzgut5 aufzeigt, benennt der Begriff „Gefahr“ die in einer Gefährdung bestehenden konkreten Situationszusammenhänge, die dem betreffenden Schutzgut verschiedene Schadensarten6 zufügen können. An der Phänomenologie des Boulderns lässt sich unschwer eine Gefährdung der körperlichen Unversehrtheit erkennen. So ist es augenscheinlich, dass Bouldernde an Kunstwänden aus der Höhe auf den Boden fallen können. Laut Boulderwand-Norm (DIN-EN 12572-2) können Höhen von 4 m (mit Ausstieg am Top) bis 4,5 m (kein Ausstieg am Top) erreicht werden. Dem Fall von einer Boulderwand geht entweder ein Absprung oder Absturz voraus (Absturz: der unbeabsichtigte Fall; Absprung: der willentliche Niedersprung). Konkret besteht dabei die Gefahr, sich Brüche, Risse, Stauchungen, Prellungen des Muskel-, Sehnen-, Bänder- und Knochenapparats zuzuziehen.

Auch das Bouldern an sich – unabhängig von einem Absprung bzw. Absturz – ist eine Gefährdung der Gesundheit. Hier besteht die Gefahr, durch sehr hohe Belastungen von Körperstrukturen bei gleichzeitig mangelnder anatomischer Widerstandsfähigkeit ein akutes Trauma (z. B. Bandruptur) oder einen sich aufbauenden Überlastungsschaden (z. B. Sehnenentzündung) zu erleiden. Eine falsche oder verminderte Körperwahrnehmung und Selbsteinschätzung (zu schwere Boulder, kein richtiges Aufwärmen, unzureichende Regeneration usw.) bedingen Überlastungsschäden.

Absturz auf den Nacken. Foto: Stefan Winter
Absprung mit Blick auf den Boden. Foto: Marisa Koch, DAV

Disziplinenverteilung DAV/KLEVER-Kletterhallenunfallstatistik 2022. Grafiken: DAV

Seilklettern n=39

Bouldern n=160

Sonstiges n=11

Unfallzahlen

Die Sicherheitsforschung des DAV führt zusammen mit dem Kletterhallenverband KLEVER seit 2015 jährlich eine Kletterhallenunfallstatistik durch. Grundlage der Statistik sind die von ca. 250 Kletterhallen in Deutschland gemeldeten Unfälle, die das Alarmieren eines Rettungsdienstes nach sich zogen. Im Jahr 20227 wurden 160 Boulderunfälle gemeldet. Bei einer Aktivenzahl von ca. 500.000 Boulder:innen ist das ein sehr geringer absoluter Wert. Hier muss jedoch auf eine Dunkelziffer an Unfällen hingewiesen werden, die nicht gemeldet wurden oder keinen Rettungsdienst erforderlich machten, und auf solche, bei denen Verunfallte erst später eine ärztliche Behandlung in Anspruch nahmen. Zudem sind nicht alle gewerblichen Kletter- und Boulderanlagen Mitglied bei KLEVER und melden Unfälle. Außerdem treten viele geringfügige Verletzungen wie Bänderdehnungen, Stauchungen etc. auf, die nicht den Einsatz eines Rettungswagens erforderlich machen. Die erfassten Unfälle betreffen hauptsächlich die körperlichen Extremitäten, die Verletzungen sind zumeist Bandrupturen und -zerrungen sowie Knochenbrüche.

Bouldern (n=160)

54% 90 x Beinverletzungen

28% 45 x Armverletzungen

8% 13 x Rumpfverletzungen

4% 7 x Sonstiges/keine Angabe

3% 4 x Kopfverletzungen

1% 1 x Multiple Verletzungen

Betroffene Körperregionen bei Boulderunfällen.

Große Schulterbelastung. Foto: Matthias Marke, DAV

Risiko

Beim Begriff „Risiko“ bestimmen in der landläufig am meisten verwendeten Definition die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadens und das Schadensausmaß die Aussage8. Um nach dieser Denklogik das (Schadens-)Risiko einer Sportart analysieren zu können, sind Kennzahlen nötig. In der Sportunfallstatistik werden für die Bestimmung der Eintrittswahrscheinlichkeit eine Population (Stichprobe), die Unfallzahlen in dieser Population und die Dauer der Ausübung (Expositionszeit in h) herangezogen. Damit kann ausgesagt werden, wie viele Unfälle bzw. Überlastungsschäden – in der am meisten verwendeten Bezugsgröße – pro 1000 Stunden Sportausübung in dieser Stichprobe auftreten. Den Begriff Schadensausmaß zu definieren, ist ungleich schwieriger. Verletzungen und Überlastungsschäden nach Schweregraden zu differenzieren und in eine statistische Taxonomie zu überführen, wird im Sport teilweise über den sogenannten NACA-Code9 umgesetzt. Kommentarhaft lässt sich sagen, dass die Datenlage im Sport umso differenzierter und umfangreicher und damit aussagekräftiger ist, je mehr wirtschaftliche Interessen vorliegen – Beispiel Profisport und „Volkssport“ Fußball –, je höher der (volks-)wirtschaftliche Aufwand durch kassenärztliche Leistungen ist und je größer der hoheitliche Wille zur Regulierung eines als nicht tolerabel betrachteten Zustands ist.

In der Kletterhallenunfallstatistik von DAV und KLEVER wäre es über die Heranziehung des internationalen NACA-Codes zwar prinzipiell auch möglich, nach Schadensausmaß zu differenzieren, dies ist aber aufgrund der begrenzten Ressourcen der Institutionen im Klettersport nicht umgesetzt. Deshalb wird als abstrakter Grad des Schadensausmaßes, quasi als Messgröße und als relevante Eingangshürde in die Kletterhallenunfallstatistik grundsätzlich die Alarmierung eines Rettungsdienstes verwendet. Die Annahme ist dabei, dass die Alarmierung des Notrufs 112 und die Bereitstellung eines Rettungstransportwagens (RTW) Beleg einer nachhaltigen gesundheitlichen Funktionsstörung sind. Das Manko für die Auswertung und Bewertung ist hierbei, dass die Schadensbandbreite von schweren Wirbelsäulenverletzungen bis hin zu einfachen Verstauchungen reicht und so die Aussage über das Schadensausmaß qualitativ in die Breite gezogen wird. Auch werden Überlastungsschäden, die nicht aus einem Unfall resultieren, nicht eigens erhoben, es sei denn sie münden irgendwann in ein gemeldetes relevantes Unfall-Verletzungs-Ereignis. Der Rechenwert dieser Risikoaussage drückt also genau genommen „nur“ eine relativ gut getroffene Eintrittswahrscheinlichkeit auf Basis einer pauschalierten Schadensbestimmung im Sinne von „der Rettungswagen musste kommen“ aus.10 Das Wissen über die gemeldeten Unfälle mit

RTW-Einsatz und die Erkenntnisse über die Eintrittswahrscheinlichkeit erlauben es jedoch, zumindest Annäherungswerte über das Schadensrisiko beim Bouldern zu erhalten bzw. zu erfahren, wie viele Stunden man Bouldern könnte, bis statistisch betrachtet ein Unfall mit Notrufverständigung/RTW-Einsatz eintritt. Laut annähernd repräsentativen Befragungen des DAV unter seinen Mitgliedern liegt beim Bouldern die Zeit der Sportausübung bei durchschnittlich zwei bis drei Stunden Aufenthalt in der Sportstätte pro Bouldertag.11 Die Netto-Bewegungszeit (Expositionszeit) liegt deutlich darunter; es ist von nur 15 bis 30 Minuten auszugehen.12 Richtet man nun den Blick beispielhaft auf einzelne Kletterhallen13 aus der Kletterhallenunfallstatistik ergibt sich für 2022 folgendes Bild: Drei ausgewählte große Kletterhallen in München verzeichneten in Summe rund 100.000 Eintritte für Bouldern und meldeten 30 Unfälle, woraus sich bei einer durchschnittlichen Bewegungszeit von 20 Minuten ein Wert von ~ 0,90 Unfällen pro 1000 h Expositionszeit ergibt. Wohlgemerkt nur für diese drei ausgewählten Kletterhallen im Raum München. Nimmt man beispielhaft drei Kletterhallen aus einer anderen Region (Nordhessen)14, so meldeten diese 2022 gesamt rund 59.000 Bouldereintritte mit 15 Unfällen, woraus sich ein Wert von ~ 0,76 Unfällen pro 1000 h Expositionszeit ergibt. Das heißt, auf 1000 Stunden Expositionszeit entfällt 2022 in beiden Regionalclustern im Rückblick weniger als ein Unfall mit relevanter Verletzung, den eine Person aus den Stichproben erleiden könnte. Würde man die Rechnerei auf die Spitze treiben, hätte z. B. eine Person der Münchner Stichprobe theoretisch 47 Jahre15 lang bouldern gehen können, bis ihr ein Unfall zustößt. Daraus würde wohl jede:r den Schluss ziehen, dass sich in den beschriebenen Kletterhallen 2022 Indoorbouldern als relativ risikoarme Breiten- und Freizeitsportaktivität erwiesen hat.

Da die Begriffe Gefährdung, Gefahr und Risiko geisteswissenschaftlich betrachtet an sich wertneutral sind, stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage eine derartige Bewertung der Zahlen beruht. Ob ein errechnetes Risiko als tolerabel oder nicht hinnehmbar eingeschätzt wird, ist im Sport ein gesellschaftliches und institutionelles Werturteil. Vermutlich ist wegen der fehlenden Relevanz des Boulderns in der öffentlichen Aufmerksamkeit bis heute keine breite Debatte über das Schadensrisiko beim Bouldern entstanden und so bleibt es dem Verkehrskreis weitgehend selbst überlassen, vorliegendes Wissen zu diskutieren und daraus Schlüsse zu ziehen. An dieser Stelle lohnt sich ein vergleichender Blick auf die UnfallEintrittswahrscheinlichkeiten pro 1000 h Expositionszeit anderer Sportarten, wenngleich auch hier die Datenlage gering ist, die Vergleiche aufgrund unterschiedlicher systematischer Herangehens-

weisen „hinken“ und auch die Aktualität gering ist. Dennoch soll zumindest das zitiert werden, was dem Autor bekannt ist, auch wenn Vergleiche des Breitensports mit dem Leistungssport durchaus problematisch sind: Indoorklettern (Weltcup) 3,1, Rock Climbing 4,2, Männerfußball Profis 9,4, Handball Frauen Wettkampf 50,0, Rugby Amateure Wettkampf 283,0.16 Selbst unter Miteinbezug einer hohen Dunkelziffer an Boulderunfällen (Verdopplung der Unfallzahlen) läge deren Eintrittswahrscheinlichkeit (basierend auf vorliegenden Beispielrechnungen 2022) im Vergleich zu anderen Werten aus dem Sport deutlich im unteren Eskalationsbereich, was eben für ein relativ geringes Schadensrisiko spricht.

Fazit Sicherheit

Bouldern ist ein relatives Wagnis mit an sich schützenswerten Handlungen, dessen Gefahren durch die handelnden Personen auf ein akzeptables Maß reduziert werden können.

y Die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Unfalls beim Bouldern ist gering. Das Schadensausmaß liegt im Bereich von geringfügigen bis mäßigen, selten bis schweren, aber nicht lebensbedrohlichen Verletzungen.

y Die gesellschaftliche Akzeptanz der Unfallzahlen gegenüber den gesundheitlichen Vorteilen des Boulderns ist derzeit gegeben.

y Das Neminem-laedere-Prinzip17 müssen alle Boulder:innen beim Besuch einer Anlage beachten, d. h. stets Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer:innen nehmen.

Foto: DAV

Bemerkungen:

1 DAV-Mitgliederbefragung 2022 zu Sportaktivitäten

2 https://www.tk.de/techniker/magazin/sport/sporttrends/bouldern-2063208, aufgerufen am 06.02.24; und https://www.barmer. de/gesundheit-verstehen/sport/sportarten/bouldern-1072084, aufgerufen am 06.02.24

3 Grundlagen: „Sportklettern mit Kindern und Jugendlichen“, Stefan Winter, BLV-Verlag 1999; „Klettern“, Peter Klein/Erich Schunk, Hofmann Verlag 2009; „Therapeutisches Klettern: Anwendungsfelder in Psychotherapie und Pädagogik“, Anne-Claire Kowald/Alexis Zajetz (Hrsg.), Schattauer Verlag 2018

4 Siehe aktuelle Veröffentlichungen in: PANORAMA, Heft 3/2024, „Landung stabil“, Martin Prechtl; „Sicher draußen bouldern“, Benedikt Trübenbacher, DAV, München, 2024

5 Nachstehend geht es um die Gesundheit als Schutzgut.

6 Es wird zwischen einer Verletzung nach plötzlich eintretendem Unfallereignis und einer sich kontinuierlich aufbauenden Überlastung einer Körperstruktur unterschieden.

7 https://www.alpenverein.de/verband/bergsport/sicherheitsforschung/kletterhallen-unfallstatistik, aufgerufen am 06.02.24 https://www.kletterhallenverband.de/unfallprotokoll/, aufgerufen am 06.02.24

8 Siehe die häufig zitierte und verwendete Risikomatrix nach Nohl: „Systematik zur Durchführung von Gefährdungsanalysen“, Teil I und II; Nohl, J./ Thiemecke, H. (Hrsg.), in: Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz, Fb. 536 und 542, 1988

9 Der NACA-(„National Advisory Committee for Aeronautics“-)Score ist ein verbreitetes deskriptives Instrument zur Einschätzung der Schwere von Verletzungen und Erkrankungen in der präklinischen Notfallmedizin. Die Verletzungsschlüssel des siebengradigen NACA-Scores wurden in Deutschland in ein bundeseinheitliches Notarzt-Einsatzprotokoll integriert und finden auch im Sport Anwendung. Eine monetäre Bezifferung des Unfallschadens findet nicht statt.

10 Todesfälle beim Indoorbouldern sind der Sicherheitsforschung des DAV bislang nicht bekannt. Die Verletzungsschweregrade in der Kletterhallenunfallstatistik bewegen sich nach eigenen Einschätzungen zwischen NACA II und NACA III.

11 DAV-Mitgliederbefragung 2022 zu Sportaktivitäten, ~ repräsentativ hinsichtlich Alter, Geschlecht, Region

12 Gemittelte Beispielrechnung: bei 20 gekletterten Bouldern bis zum Top zu je ca. 40 bis 80 Sekunden Boulderzeit ergibt sich eine Netto-Expositionszeit von ca. 20 Minuten.

13 DAV-Kletterzentren: München/Freimann, München/Thalkirchen, Gilching b. München

14 DAV-Kletterzentren: Nordhessen (Kassel), Marburg, Bielefeld

15 In der Münchner Stichprobe gab es 2022 insgesamt 30 gemeldete Unfälle bei 100.000 Eintritten, das entspricht 0,0003 Unfällen pro Eintritt. Eine Person, die auf dieser Basis 70-mal im Jahr eine Bouldereinheit absolvierte (1,3/Woche), hatte ex post ein Unfallrisiko von 0,021 Unfällen/Jahr und hätte demnach 47,6 Jahre in dieser Häufigkeit bis zu einem statistisch betrachtet eintretenden Unfall bouldern gehen können.

16 Unfallrisikoanalyse Klettersport, Masterthesis, PD Dr. med. Volker Schöffl, Erlangen, 2009

17 Das alte Neminem-laedere-Gebot des römischen Rechts ist ein allgemeiner Grundsatz, der vorsieht, niemand anderem Schaden zuzufügen (siehe auch §§ 823 ff. BGB). ■

Foto: Thomas-Schermer, DAV

Videotutorials Hochtouren

Trailer HochTouren

Ausrüstung & Material

Der Spaltensturz

Risiko Hochtouren

Tourenplanung & Orientierung

Richtig Steigen in Firn & Eis

Sicher in Firn & Eis

Die Gletscherseilschaft

Sicher im Fels

Einsatzort Wilder Kaiser: Kopftörlgrat

Immer wieder kommt es an der beliebten Gratüberschreitung zu Unglücken. Was macht die vermeintlich einfache Route schwierig? Worauf kommt es an? Welche Art von Einsätzen hat die Bergrettung Tirol dort? Ein einheimischer Bergführer und Bergretter in der zuständigen Bergrettungsortsstelle ScheffauSöllandl schildert seine Erfahrungen.

Der Kopftörlgrat ist eine beliebte Führungstour bei den einheimischen Bergführern. Über weite Passagen wird am „kurzen Seil“ gesichert. Die Wegfindung ist anspruchsvoll. Foto: Michael Meisl

Bergrettung. Dieser Artikel bildet den Auftakt zu einer neuen Serie. In jedem zweiten Heft erscheint in Zukunft ein Artikel zu Bergrettungsthemen. Die Intention dahinter ist, Wissen und Erfahrung der verschiedenen Bergrettungsorganisationen mit der Bergsportcommunity zu teilen und damit die Unfallpräventionsarbeit und die Zusammenarbeit zwischen den Verbänden zu vertiefen. Die Medizinserie „Bergsport und Gesundheit“ erscheint in Zukunft im Wechsel mit der neuen Bergrettungsserie. Im Herbstheft erscheint wieder „Bergsport und Gesundheit“ und im darauffolgenden Winterheft „Bergrettung“ usw.

Leuchs und der Kopftörlgrat

„Der Wilde Kaiser ist heute vielleicht das am besten gekannte und am stärksten besuchte Hochgebirge der Alpen. Diesen Vorzug dankt es seiner wilden Schönheit, seinem Reichtum an prachtvollen Klettereien und seiner günstigen Lage. Man hat es den Dolomiten Südtirols gleichgestellt. In mancher Hinsicht mag das zutreffen; dem Auge, Gemüt bietet es mehr.“ So schreibt Georg Leuchs 1911 in seinem Führer durch das Kaisergebirge.

Heute ist es nicht mehr das meistbesuchte Gebirge der Alpen. Dafür sind wir Menschen zu mobil geworden. Damals aber, als die Eisenbahn noch als das Verkehrsmittel erster Wahl galt, gab es kein schneller zu erreichendes Felsenziel vor den Toren Münchens. Leuchs kam übrigens auch aus München. Der Mediziner hat im Wilden Kaiser große Spuren hinterlassen. Sogar ein Gipfel – der Leuchsturm – trägt seinen Namen. Zahllose Wände und Routen hat er um 1900 erstbestiegen. Die berühmteste davon ist zweifelsohne der Kopftörlgrat. Diese abwechs-

lungsreiche Kraxelei im unteren vierten Schwierigkeitsgrad gilt neben dem Jubiläumsgrat auf die Zugspitze als die famoseste Gratüberschreitung der gesamten Nördlichen Kalkalpen. Über sechs Türme geht es zum höchsten Gipfel des Gebirges, der Ellmauer Halt. Dabei präsentiert sich die Route wie der Aufbau eines klassischen Dramas: Exposition, Steigerung, Höhepunkt. Den Auftakt bildet eine bizarre Felsformation, ein wie mit der Axt geradlinig gespaltener Turm, durch dessen enge Kluft der Weg zum Einstieg führt. Danach wird im leichten, aber sehr exponierten Schrofengelände aufgewärmt, bis jeder folgende und konstant höher werdende Turm einen vor immer noch größere Schwierigkeiten stellt. Im dramatischen Crescendo werden die Töne zum Höhepunkt hin immer lauter, ebenso schnaufen die Aspiranten im letzten Kamin zum Gipfel am lautesten. Nicht nur, weil sie bereits 1400 Klettermeter zurückgelegt haben, sondern, weil dort im fiesen Finale die Schlüsselstelle lauert.

Topo: Alpinverlag

„Einer der schönsten Grate der Ostalpen; lang, aber nicht schwer; die Absicherung ausreichend; in der Mitte kann man eh abseilen; der Großteil ohnehin Gehgelände und so weiter und so fort.“ Solche Zuschreibungen hört man immer wieder, wenn man so manche vom Kopftörlgrat in den verschiedensten Gruppen-Konstellationen „fachsimpeln“ hört. Und ja, einige dieser Punkte sind durchaus richtig, jedoch ist es dann für uns als zuständige Ortsstelle der Bergrettung Tirol (Scheffau-Söllandl) doch immer wieder verwunderlich, wenn an einem schönen Julitag ein sich nach unten windender Leuchtwurm in Form von Stirnlampen vieler Kletterer, welche die Ellmauer Halt eben über diesen bezwungen haben, gegen Mitternacht oder noch später zum Vorschein kommt! Das soll bitte nicht falsch verstanden werden, denn wenn alle gesund wieder unten ankommen und wir Bergretter unseren Abend ohne Einsatz zuhause im Trockenen verbringen können, ist ohnehin alles gut, aber ob er Spaß macht, der Abstieg von der Ellmauer Halt in völliger Dunkelheit nur mit einer Stirnlampe – viele suchen auch gezwungenermaßen ganz im Dunkeln oder mit der Taschenlampe des Handys herunter –, bezweifle ich …

Rahmenbedingungen

Hier ein paar Fakten zum Grat: Erstbegangen im Jahr 1900 von Herrn Leuchs, wofür man diesem Kletterer durchaus Respekt zusprechen muss, denn so leicht wie so manche meinen, ist er in der Tat nicht. Ein echter „Koasa-Klassiker“ eben und sobald diese Bezeichnung bei der Beschreibung einer Klettertour mit dabei ist, sollte man sich bewusst sein, dass eine 4- durchaus spannend werden kann, speziell wenn es um Kamine geht, wie z. B. in der LärcheckOstwand oder wie hier hinauf auf den Leuchsturm und in der letzten Seillänge. Ein schwieriger Teil, wenn nicht sogar der anspruchsvollste, befindet sich für mich gleich am Anfang der Tour, wo man eine sehr steile und lange mit Felsen durchsetzte Grasrampe quert, wo kaum Haken stecken und die vorhandenen erst gefunden werden müssen, obwohl diese an den logischen Stellen stecken. Was die Absicherung am gesamten Grat betrifft, wurde vor ein paar Jahren eine sanfte und für mich wirklich sinnvolle Sanierung durchgeführt. Das Wort Sanierung bedeutet jedoch ganz und gar nicht, dass alle zwei Meter ein Haken steckt

– eher an ganz wenigen neuralgischen Stellen – und in weiterer Folge, dass die Wegfindung auf ca. 1400 Klettermetern durchaus spannend, um nicht zu sagen für weniger erfahrene Kletterer sehr schwierig werden kann und sich das Zeitfenster so weit öffnet, bis eben besagter Leuchtwurm erscheint und sogar – auch teilweise nachvollziehbar – manche Menschen im Tal glauben lässt, ein Notsignal zu erkennen. Diese Annahme können wir dann meistens im Zeitalter der Mobiltelefone mit einem Fernrohr entschärfen und uns wieder getrost auf unsere Couch legen. Das sind die Bergrettungseinsätze, die für uns mit minimalem Aufwand enden.

Einsätze am Grat

Schwieriger wird es dann schon, wenn wir auf den Grat müssen, weil es „plötzlich“ dunkel wurde oder sich jemand verletzt hat oder Schlimmeres. Rauf geht es dann meistens über die sogenannte „Rampe“, welche wir uns für die zwei bis drei schwierigen Einsätze am Grat pro Jahr eingerichtet haben. Da schaffen wir es von unserem Bergrettungsheim bei guten, trockenen Verhältnissen in ca. 1,5 Stunden rauf bis auf die östliche Scharte vom Zweiten Turm. Hier sind wir ungefähr in der Mitte und starten unsere Bergungen – oft über die Not-Abseilpiste runter vom Leuchsturm. Wenn die betroffenen Personen nicht mehr in der Lage sind, mit uns abzusteigen bzw. abzuseilen, kommen unsere langen Tec-ReepSeile zum Einsatz. Mit diesen Seilen und einer speziell durch die Bergrettung Tirol entwickelten Technik ist es uns möglich, drei Personen gleichzeitig über eine hohe, steile Felswand passiv abzulassen. Wenn es über die Abseilpiste geht, welche auch immer wieder als Notabstieg genutzt wird, steht man nach mehreren 20-Meter-Abseillängen im steilen, schwer absicherbaren, felsdurchsetzten Grasgelände, durch welches man noch ca. 50 Meter hinunter bis auf den Gamsangersteig queren muss, was bei nassen Verhältnissen gar nicht so ohne ist. Zu einem der schwierigsten Einsätze in meiner bisherigen Zeit als Bergretter, bei dem ich allerdings nicht selber dabei war und der nicht aufgrund des Geländes oder der seiltechnischen Komplexität dazu wurde, kam es durch einen 300-MeterAbsturz von zwei Personen vom Leuchsturm direkt auf den Normalweg zur Ellmauer Halt, auf welchem an diesem schönen Som-

Andreas Gastl arbeitet als stellvertretender Akademieund Lan desausbildungsleiter Alpin bei der Bergrettung Tirol.

Der Bergführer aus Itter hat den Wilden Kai ser sowohl als Arbeitsplatz als auch al s Einsatzort direkt vor der Haustüre.

mertag viele Menschen unterwegs waren. Dadurch entstand eine Situation, die nicht nur für die Einsatzkräfte, sondern auch für alle Anwesenden schwierig war. Der Mann und die Frau waren leider seilfrei unterwegs und haben vermutlich einen großen losen Block herausgezogen, nachdem sie von der Originalroute abgekommen waren.

Kuriose Fälle

y Bei einer kuriosen Bergung hieß es seitens der Leitstelle Tirol: Zwei junge Damen stehen auf dem Leuchsturm und kommen nicht mehr vor und zurück. Natürlich starteten wir dynamisch wie immer über die Rampe in einer Rekordzeit hinauf und fanden die zwei leicht unterkühlt, aber unverletzt vor. Wir kletterten mit ihnen weiter Richtung Notabstieg, starteten den Abseilvorgang und wunderten uns, warum eine der zwei noch immer die Kletterpatschen nicht ausziehen wollte, obwohl wir schon zu Fuß im steilen Gelände abwärts gingen und das, wie jeder Kletterer weiß, ganz einfach wehtut. Unten angekommen am Ende des steilen Gras-Fels-Hanges beichtete sie uns, dass sie nur Schlappen dabeihat, welche aus einer Sohle und einer dünnen Schnur um die große Zehe und einer um den Rist bestanden. Diese nutzte sie für den Zustieg, da sie ihre Bergschuhe zu Hause vergessen hatte.

y Ein Herr meinte vor ein paar Jahren, er wäre am Grat kurz vor der Ellmauer Halt und ob es uns nicht schnell möglich wäre, ihm was zu trinken zu bringen. Nach einem Telefonat mit ihm persönlich kam heraus, dass es ihm gut ging, und wir erklärten ihm, dass wir keine Getränke-Lieferanten sind und er doch bitte versuchen solle, andere Kletterer um einen „Schluck“ zu bitten und weiter aufzusteigen, was er dann auch gemacht hat. Allerdings wären wir dann schon aufgestiegen, falls es zu einem Problem gekommen wäre.

y Ähnlich erging es uns bei einem ungewollten Solo-Kletterer aus Wien. Er hatte festgestellt, dass er wohl nicht am Normalweg zur Ellmauer Halt unterwegs war, sondern sich irgendwo am Kopftörlgrat befand. Wenn möglich, telefoniert der Einsatzleiter als Erster mit der betroffenen Person und hier meinte der Verirrte am Telefon: Ein Hubschrauber würde ihm ausreichen, denn dieser könnte ihn auf dem von ihm angestrebten Gipfel der Ellmauer Halt absetzen,

dann wäre bei ihm wieder alles gut. Der Hubschrauber des Innenministeriums hat den Herren aus seiner misslichen Lage befreit und ins Tal geflogen. Nachdem er neben der Hütte noch immer überzeugt war, dass er nichts falsch gemacht hatte, wurde der Einsatz von der Polizei auch verrechnet. Das ist bereits seit einiger Zeit der Fall und auch gut so, wenn eine gewisse Fahrlässigkeit nachweisbar ist.

Hubschrauber und Bergekosten

Um das Thema Hubschrauber noch kurz anzusprechen: Es macht Sinn, obwohl mit Sicherheit eine gewisse Hemmschwelle vorhanden ist, die Rettungskette zu alarmieren, bevor die Dunkelheit einsetzt, wenn eine Hubschrauberbergung noch möglich ist oder zumindest wir noch auf den Grat geflogen werden können. Betreffend die Kosten einer Bergung im alpinen Gelände muss sich auch jeder bewusst sein, dass sobald die Bergrettung und/oder ein Rettungshubschrauber ausrücken, Kosten entstehen. Hierfür bietet die Bergrettung Tirol eine Fördermitgliedschaft an, mit der man inklusive der gesamten Familie nicht nur sehr gut für Bergekosten versichert ist, sondern auch noch die ehrenamtliche Arbeit unseres Vereins unterstützt. Auch die Mitgliedschaft in anderen alpinen Vereinen bietet einen solchen Versicherungsschutz.

Dieser Herr war unwissend „solo“ am Kopftörlgrat unterwegs, jedoch wird der oft von Einzelpersonen bewältigt und das ist auch nichts Besonderes. Hier handelt es sich meistens um Einheimische, die den Grat inund auswendig kennen und deutlich unter zwei Stunden für die Kletterei brauchen.

Tourenvorbereitung

Was die Tourenplanung bzw. die Vorbereitung für dieses Unterfangen angeht, möchte ich noch einige Tipps geben, die unter Umständen das Ganze einfacher und sicherer machen. Der Kopftörlgrat ist eine tagesfüllende Tour, auch wenn man von der Gruttenhütte startet, bedarf es einer ordentlichen Fitness. Empfehlen würde ich auch unbedingt eine Vorbereitungstour im Wilden Kaiser, wie z. B. den Nordgrat auf die Hintere Goinger Halt. Dieser ist viel kürzer und an wenigen Stellen ähnlich schwer. Was die Ausrüstung angeht, will ich nicht komplett ins Detail gehen, damit es nicht

heißt, ich hätte was vergessen (Zwinkersmiley). Wichtig ist zusätzlich zur StandardAusrüstung ganz klar eine Stirnlampe. Empfehlen würde ich ein 50-Meter-Einfachseil und nicht wie so oft empfohlen und gesehen zwei 60-Meter-Halbseile. Mir diesen ergibt sich nur ein Seilsalat und es dauert einfach viel länger, mit zwei Seilen in nicht so steilem Gelände zu arbeiten.

Besser ist es, immer kurze Seillängen (Mikroseillängen) zu klettern, um in Kontakt mit dem Seilpartner zu bleiben. In den leichteren Passagen ist es manchmal ratsam, am „laufenden Seil“ zu gehen (Seil läuft durch Karabiner im Haken oder an Felsnasen vorbei, um Absturz der gesamten Seilschaft zu verhindern). Um mit der Technik „kurzes Seil“ in Bereichen, wo keine Haken vorhanden sind, zu arbeiten, ist viel Können und Wissen notwendig, denn die Gefahr des Mitreißens besteht immer wieder und eben dann muss diese Technik perfekt beherrscht werden. Kletterpatschen sind in meinen Augen auch nicht unbedingt notwendig (eventuell im Rucksack zusätzlich mitführen), ordentliche Bergschuhe oder sogenannte Zustiegsschuhe mit einer ver-

nünftigen Klettersohle (Vibram oder vergleichbarer Gummi) reichen aus.

Fazit

Abschließend möchte ich gerne festhalten, dass es ein wunderbares Gefühl ist, Menschen, die in Not geraten sind, zu helfen und diese sicher ins Tal zu bringen. Noch lieber wäre mir und meinen Kollegen in unserer Ortsstelle, wenn ihr euch top vorbereitet und so der eine oder andere Einsatz nicht mehr notwendig wäre, denn ein gewisses Restrisiko wird es bei einer Tour wie dieser immer geben und somit auch Einsätze der Bergrettung. In der Präventionsarbeit ist die theoretische und praktische Ausbildung sehr wichtig, jedoch werden wir nicht alle Bergsportbegeisterten so weit bringen, dass irgendwann keine Unfälle mehr passieren, auch wenn das manche glauben. Ausbildung ist sehr wichtig, allerdings habe ich persönlich in letzter Zeit immer mehr das Gefühl, dass der Hausverstand und ein gewisses Fingerspitzengefühl in Form von Selbsteinschätzung bei vielen verloren gegangen ist bzw. alles immer mehr verwissenschaftlicht wird.

Nur ganz wenige Haken weisen den Weg durch das Labyrinth aus Türmen und Zacken. Neben Wegfindung und Länge der Tour macht die Absicherung vielen Aspiranten Probleme. Foto: Michael Meisl

Die harten Fakten der Alpinpolizei

Um das Unfallgeschehen am Kopftörlgrat besser zu verstehen, haben wir Christoph Silberberger, den Leiter der Alpinen Einsatzgruppe Kufstein der Alpinpolizei, auf der Dienststelle besucht und nachgefragt. [Text, Auswertung: Gebi Bendler]

Welche Einsätze dokumentiert die österreichische Alpinpolizei überhaupt? Christoph Silberberger: „Erfasst werden alle Unfälle und Notlagen im alpinen Gelände mit Ausnahme des organisierten Skiraumes. Auf Skirouten und Skipisten werden nur Unfälle mit Verdacht auf Fremdverschulden und Todesfälle dokumentiert, weil man sonst den Arbeitsaufwand aufgrund des enormen Unfallgeschehens nicht bewältigen könnte.“ Wie viele Alpinunfälle sind das in eurem Einsatzgebiet, dem Bezirk Kufstein in Tirol, zu dem auch der westliche Teil des Wilden Kaisers gehört? „Im Schnitt sind es 350 Einsätze pro Jahr im gesamten Bezirk, die die Alpine Einsatzgruppe bearbeitet“, erklärt der Berg- und Skiführer. Auch zum Kopftörlgrat gibt es zahlreiche Unfallberichte der Alpinpolizei, sehr gut dokumentiert sind die Einsätze der letzten zehn Jahre, also von 2013 bis 2023. Im Folgenden die Kurzberichte aus diesem Zeitraum mit anschließender Zusammenfassung. Da die Unfallsaison 2024 mit Redaktionsschluss erst begonnen hat, wird diese nicht mehr berücksichtigt.

Zahlen auf einen Blick (2013– 2023)

y 18 polizeilich gemeldete Einsätze

y 40 verunglückte Personen (davon 27 Männer, 13 Frauen, 4 Tote, 2 Verletzte, 34 Unverletzte)

y Altersdurchschnitt der Verunglückten: 36 Jahre

Frauen 13

Männer 27

Verunglückte (Männer vs. Frauen)

2023

y 25.9.2023, 18:41 Uhr (Alarmierung). Irrtümliches Abseilen über eine Kletterroute anstelle des Notabstieges. Abholung durch Bergrettung auf darunterliegendem Steig aufgrund einbrechender Dunkelheit. Beteiligte: 4 (männlich 66, weiblich 63, männlich 30, weiblich 29). Ort: Kopftörlgrat geklettert bis zum 4. Turm (Leuchsturm), dann Notabstieg zum Gamsänger Steig. Unfallursache: Verirren, Versteigen. Unfallfolgen: unverletzt. y 16.9.2023, 17:35 Uhr. Person kam im Zuge des Vorstiegs von der Route ab und stürzte in der Folge in das Sicherungsseil. Beteiligte: 2 (männlich 37, männlich 32). Ort: 4. Turm (Leuchsturm), Rettungsmittel: terrestrisch und Hubschrauber. Unfallursache: Absturz aufgrund sonstiger Ursache. Unfallfolgen: Vorsteiger Verletzung unbestimmten Grades, Sicherer unverletzt. y 23.7.2023, 16:00 Uhr. Am 4. Turm (Leuchsturm) die Moral verlassen und vor Eintreffen eines Gewitters durch Notarzthubschrauber 4 geborgen. Beteiligte: 2 (männlich 44, weiblich 38). Unfallursache: Erschöpfung, Unfallfolgen: unverletzt. y 1.6.2023, 14:40 Uhr. Zwei Kletterer klettern den Kopftörlgrat, kommen nicht mehr weiter, Rückzug nicht möglich, Bergung durch Hubschrauber Libelle Tirol. Beteiligte: 2 (männlich 30, weiblich 29). Ort: 4. Turm (Leuchsturm). Unfallursache: Erschöpfung. Unfallfolgen: unverletzt.

2022

y 30.12.2022, 16:25 Uhr. Zwei Bergretter wollen privat den Kopftörlgrat klettern, verirren sich aufgrund von Schnee und Eis, einziehende Dunkelheit, Bergung durch Helikopter. Beteiligte: 2 (männlich 31, männlich 19). Ort: 4. Turm (Leuchsturm), Unfallursache: Verirren, Versteigen. Unfallfolgen: unverletzt. y 19.7.2022, 14:00 Uhr. Kletterer klettert Kopftörlgrat alleine und ohne Sicherung, traut sich ab dem Leuchsturm nicht mehr weiter, Bergung mittels variablem Tau durch Polizeihubschrauber Libelle Tirol. Beteiligte: 1 (männlich 59). Unfallursache: Sonstiges. Unfallfolgen: unverletzt. y 20.5.2022, 19:25 Uhr. Vier Personen in der Klettertour nur langsam (Wegfindung und Standplatzbau) vorangekommen. Notruf vor Einbruch der Dunkelheit, um nicht in

eine Notsituation zu geraten. Beteiligte: 4 (männlich 32, weiblich 30, männlich 30, weiblich 26). Ort: Leuchsturm. Rettungsmittel: Hubschrauber. Unfallfolgen: unverletzt.

2021

y 2.9.2021, 13:28 Uhr. Kletterer begab sich auf einem Steig zurück in Richtung des Einstieges der Klettertour. Er rutschte aus und fiel ca. 60 Meter über teils senkrechtes Gelände ab, ehe er am Wandfuß mit tödlichen Verletzungen liegen blieb. Ort: Abseilpiste Leuchsturm, Gamsängersteig in Richtung Einstieg Kletterroute Dreierweg. Beteiligte: 1 (männlich 72). Rettungsmittel: Hubschrauber. Unfallursache: Sturz, Stolpern, Ausgleiten. Unfallfolgen: tot.

2020

Keine dokumentierten Einsätze (Coronapandemie).

2019

y 26.8.2019, 20:00 Uhr. Personen kamen aufgrund des Wettersturzes in Bergnot, kamen nicht weiter. Unverletzten-Bergung durch Bergrettung Scheffau. Beteiligte: 2 (weiblich 31, männlich 30). Ort: Leuchsturm. Rettungsmittel: Helikopter. Unfallursache: Erschöpfung. Unfallfolgen: unverletzt.

2018 y 8.8.2018, 11:00 Uhr. Zwei Kletterer, aus bislang unbekannter Ursache (Anmerkung Alpinpolizei nach Ermittlung: abstürzende erste Person hat vermutlich knapp dahinter kletternde zweite Person mitgerissen, Seil wurde am Rücken transportiert) vom Leuchsturm mehrere hundert Meter abgestürzt. Kein Seil verwendet. Beteiligte: 2 (männlich 34, weiblich 29). Ort: Scharte östlich vor Leuchsturm. Rettungsmittel: Helikopter. Unfallursache: Ausbrechen Griff/Tritt – Absturz. Unfallfolgen: tot

2017

y 26.8.2017, 19:45 Uhr. Seilschaft kam in der alten Südwand in ein Gewitter, wartete dieses ab, stieg zum Gipfel des Leuchsturms auf, stellte fest, dass ein Abstieg aufgrund der einbrechenden Dunkelheit nicht mehr möglich sein wird und setzte den Notruf ab. Beteiligte: 2 (männlich 38, weiblich

35). Rettungsmittel: Helikopter. Unfallursache: Wettersturz. Unfallfolgen: unverletzt.

2016

Kein polizeilich gemeldeter Einsatz.

2015 y 3.7.2015, 17:45 Uhr. Kopftörlgrat Notabstieg: Verirren, Versteigen, Erschöpfung. Beteiligte: 4 (männlich 64, männlich 37, männlich 35, weiblich 28). Rettungsmittel: Helikopter. Unfallursache: Verirren, Versteigen, Erschöpfung. Unfallfolgen: unverletzt.

2014

y 23.11.2014, 15:50 Uhr. Seilschaft kam im Notabstieg von der Route ab. Beteiligte: 3 (alle männlich: 53, 40, 23). Rettungsmittel: terrestrisch, Hubschrauber. Unfallursache: Verirren, Versteigen. Unfallfolgen: unverletzt.

y 1.7.2014, 19:30 Uhr. Kopftörlgrat Leuchsturm, Erschöpfung. Beteiligte: 3 (alle männlich: 41, 34, 20). Rettungsmittel: Helikopter. Unfallursache: Erschöpfung. Unfallfolgen: unverletzt.

y 19.7.2014, 21:28 Uhr. Kopftörlgrat Notabstieg, Erschöpfung. Beteiligte: 2 (männlich 30, weiblich 23). Rettungsmittel: Helikopter. Unfallursache: Erschöpfung. Unfallfolgen: unverletzt.

2013

y 29.9.2013, 14:00 Uhr. Felsausbruch mit einhergehender Verletzung am Unterschenkel. Beteiligte: 1 (männlich 30). Ort: 4. Turm (Leuchsturm). Rettungsmittel: Helikopter. Unfallfolgen: schwer verletzt, Unterschenkelbruch.

y 1.8.2013, 13:05 Uhr. War mit Wanderausrüstung in Klettertour (Kopftörlgrat) unterwegs, ob absichtlich oder dorthin verirrt, ist nicht bekannt. Absturz, Polytrauma. Beteiligte: 1 (männlich 40). Rettungsmittel: Helikopter. Unfallursache: unbekannt. Unfallfolgen: tot.

y 10.7.2013, 16:10 Uhr. Beide Kletterinnen kamen von der Route ab. Bereich Leuchsturm. Beteiligte: 2 (weiblich 30, weiblich 29). Rettungsmittel: terrestrisch. Unfallursache: Verirren, Versteigen. Unfallfolgen: unverletzt.

Zusammenfassung

y Die meisten Einsätze sind auf physische sowie psychische Erschöpfung (Routenlänge, Schwierigkeit, Absicherung) und/oder Wegfindung zurückzuführen, also auf Blockierungen. 85 Prozent der Geborgenen waren unverletzt.

y Alle tödlich Verunglückten waren nicht angeseilt.

y Die meisten Einsätze sind im Bereich des vierten Turms (Leuchsturm) zu verzeichnen, wo der Notabstieg hinunterführt und längere schwierigere Passagen zu bewältigen sind.

y Der Großteil der Einsätze wurde mit dem Hubschrauber abgewickelt.

y Unter den geborgenen Seilschaften war keine, die von einer Bergführerin oder einem Bergführer geführt wurde.

y Entgegen der Annahme, dass es sich bei den Verunglückten am Köpftörlgrat (bzw. am Leuchsturm) um junge, unerfahrene Sportkletterer handelt, die zwar gut klettern, aber mit der Wegfindung im alpinen Gelände Probleme hätten, zeigen die Daten der Alpinpolizei ein anderes Bild. Der Altersschnitt liegt bei 36. Junge Verunglückte mit Anfang 20 sind die Ausnahme.

y Funfact: Auffällig ist, dass etwa die Hälfte der Seilschaften, die ausgeflogen werden mussten, gemischtgeschlechtlich waren (Kopftörlgrat als beliebte Pärchen-Tour?

Zum Vergleich: An der Fleischbank-Ostwand waren nur ca. 20 Prozent der Seilschaften gemischtgeschlechtlich). Ob es die letzte gemeinsame Tour war, bleibt fraglich? n

„Beim Klettern im Wilden Kaiser wird der nominelle Schwierigkeitsgrad oft unterschätzt. Ein tschechischer Kletterer brachte es einmal auf den Punkt: ‚Bei euch ist alles Schwierigkeitsgrad III, egal wie herausfordernd es ist.‘ Diese harte und

untertreibende Bewertung in den Klassikern überfordert viele, die moderne Sportkletterbewertungen gewohnt sind. Deshalb sollte man nicht nur auf den Schwierigkeitsgrad blicken, sondern die Details in den Tourenbeschreibungen studieren.“

Christoph Silberberger, Berg- und Skiführer, Einsatzgruppenleiter Alpinpolizei.

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Assistiertes Abseilen

Frei nach dem Motto „Der Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist“ geht es auch beim Bergführen darum, so sicher wie möglich wieder nach unten zu kommen. Wir zeigen euch eine Abseilmethode, die in der Südtiroler Bergführerausbildung gelehrt wird. Von Erwin Steiner

Bis zur Seilmitte durch den Abseilring gefädelt

Abseilen am mittels Schleifknoten fixierten Einzelstrang

Im Rahmen der Bergführertätigkeit in Südtirol unterscheiden wir zwischen drei Abseilmethoden: dem Ablassen, dem selbständigen Abseilen und dem assistierten Abseilen.

Vorweg: Auch wenn auf den Normalwegen und beim Gehen am kurzen Seil nach wie vor viel abgelassen wird (der Bergführer klettert ab oder seilt sich hinterher), wird heutzutage in den allermeisten Fällen das klassische selbständige Abseilen angewandt. Trotzdem wird die Methode des assistierten Abseilens nach wie vor ausgiebig in der Ausbildung gelehrt, da sie in gewissen Situationen perfekt eingesetzt werden kann und somit zu einer höheren Qualität der Führungstechnik beiträgt (Abb. 1). Einmal ist es ein Sicherheitsfaktor, sich oberhalb des Gastes zu befinden und ihn über einen Fixpunkt jederzeit optimal sichern zu können, weiters ist auch der psychologische Aspekt, dem Anfänger oder Ungeübten aus nächster Nähe Anweisungen zu geben und ihn dementsprechend zu unterstützen, nicht außer Acht zu lassen. Außerdem ist das Lernen der Methode eine gute Übung, um die Fähigkeiten in punkto Seiltechnik und -handling zu verbessern.

sSelbstsicherung

Für alle Abseilmethoden wird der Gast bereits am Beginn des Abstieges mit einer Selbstsicherungsschlinge ausgestattet. Der Einfachheit halber kommt dazu eine 120-cm-Bandschlinge zum Einsatz (diese wurde vorher im Aufstieg bereits als Selbstsicherungsschlinge verwendet). Nach der heutzutage hinlänglich bekannten Methode wird sie mit dem Ankerstich im Abseilring eingehängt und der Selbstsicherungskarabiner (Verschlusskarabiner) wird mit Ankerstich oder Mastwurf befestigt.

Etwa 20 cm vom Körper entfernt wird die Bandschlinge nochmal mit einem Sackstich oder Achterknoten abgebunden. Bei Abseilstellen, die direkt hintereinander folgen, wird neuerdings häufig auf den Abbinde-Knoten in der Bandschlinge verzichtet und dort eben in der Entfernung von 20 cm zum Körper ein Sicherungskarabiner mittels Mastwurf eingeknotet, um dort das Abseilgerät (Tuber) einzuhängen. Einmal festgezogen hat der mit Mastwurf fixierte Sicherungskarabiner den Vorteil, dass er sehr stabil hängt und beim Umhängen des Tubers nicht versehentlich falsch eingehängt werden kann (Abb. 2).

Abb. 1 Assistiertes Abseilen mit einem Kunden. Der Bergführer lässt den Gast ab, während dieser zugleich selbstständig am mit Schleifknoten fixierten Einzelstrang abseilt.

Abb. 2 Selbstsicherungsschlinge. Links die klassische Methode, bei der die Bandschlinge mit Sackstich oder Achterknoten abgebunden wird, damit das Sicherungsgerät höher hängt. Rechts wird das Sicherungsgerät mittels Mastwurf in der Bandschlinge fixiert.

Erwin Steiner war über viel e Jahre Ausbildungsleiter in der Südtir oler Bergführerausbildung. Inzwischen hat er sein Amt an die jüngere

Seine Expertise blei bt uns jedoch als Redaktionsbeir at für bergundsteigen weiterhin erhalten.

Generation übergeben.

Beim Absteigen und Abklettern wird der Selbstsicherungskarabiner in die Materialschlaufe am Gurt gehängt – und wichtig: Die Selbstsicherungsschlinge wird von oben nach unten hinter der Beinschlaufe verstaut. Somit wird verhindert, dass man über die vor dem Körper baumelnde Selbstsicherungsschlinge stolpert, sie ist aber trotzdem sofort einsatzbereit, wenn sie benötigt wird (Abb. 3). Selbstverständlich werden hierzu auch die bereits vorgefertigten Adjust-Schlingen von Petzl, Edelrid usw. verwendet, nur hat die noch nicht jeder dabei.

aAblassen

Beim Führen im einfachen Klettergelände wird nach wie vor die Methode des Ablassens verwendet. Entweder da der Gast nicht selbständig abseilen möchte oder er dies noch nicht kann oder weil der Bergführer selber nicht abseilt, sondern einfach abklettert, dies vor allem bei kurzen Abseilstellen, beim Gehen am kurzen Seil. Oder ganz pragmatisch, weil es einfach die schnellste Methode ist. Als Bremselement kommt hier oftmals noch der Halbmastwurfknoten zum Einsatz. Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass das Seil schön parallel zum auslaufenden Seilstrang eingeführt wird, da damit die Krangelbildung vermieden wird. Würde das Bremsseil mit ungünstigem Winkel zum herauslaufenden Seil in den HMS-Karabiner eingeführt, ist das Krangeln vorprogrammiert. Die seilschonendere Variante ist das Ablassen mittels Tuber. Dazu können verschiedene Methoden angewandt werden. Wenn sowieso abgeseilt wird und das Seil eingefädelt werden muss, bietet es sich an, den Abseilring als erste Umlenkung zu verwenden, über die das Seil in den Tuber hineinläuft.

sSelbständig Abseilen

Diese hinlänglich bekannte Methode des Abseilens, die bei jedem Kletter-Grundkurs bereits gezeigt wird, hat im Rahmen der Bergführertätigkeit doch ihre Tücken (das belegen leider auch einige Unfälle). Daher wird bei uns diese Technik nur unter Einhaltung einiger spezifischer Richtlinien angewandt. Das wichtigste Kriterium dabei ist: Der Gast braucht nichts ein- bzw. auszuhängen, wenn er

nicht unter direkter Aufsicht des Bergführers ist. Deshalb wird der Kunde am Abseilstand mit eingehängtem Abseilgerät vorbereitet, bevor der Bergführer sich abseilt. Wenn der Bergführer sich anschickt abzuseilen, wird auch noch die Selbstsicherung des Gastes ausgehängt, damit dieser nicht die Möglichkeit hat, etwas „Falsches“ auszuhängen. Der Gast ist trotzdem über sein bereits eingehängtes Abseilgerät gut gesichert, da das Abseilseil vom unterhalb hängenden Bergführer belastet wird. Es liegt natürlich am diesem, darauf zu achten, dass das Seil immer mindestens leicht belastet bleibt.

Ist der Bergführer am nächsten Abseilstand angekommen, wird das Seil langsam entlastet und der Gast erhält das Kommando nachzukommen. Während das Abseilgerät sofort ausgehängt wird, bleibt der Prusik im Seil eingebunden, um einen geschlossenen Ring zu bilden. Situationsbedingt kann dieser auch vom Klettergurt des Bergführers direkt in den Abseilhaken gehängt werden, um noch stabiler zu wirken. Unter Umständen wird bei dieser Methode auf den Prusik beim Kunden verzichtet, da ihn der Bergführer über das Festhalten der Seile jederzeit gut sichern kann. Sobald der Gast beim Bergführer am Abseilstand angekommen ist, kann er sich mit seiner Selbstsicherung einhängen und das ganze Prozedere beginnt unter Aufsicht des Bergführers von Neuem.

aAssistiertes Abseilen

Vorausgeschickt: Im Vergleich zum selbständigen Abseilen wird diese Methode deutlich seltener angewandt, da sie doch um einiges aufwendiger ist und gute Ortskenntnisse des Bergführers voraussetzt. Die größten Vorteile bringt diese Art des Abseilens mit ungeübten Teilnehmern und an Abseilstellen, an denen der Bergführer die Position der Abseilringe bereits kennt.

Beim Führen wird man aber laufend mit Situationen konfrontiert, in denen die Vorteile dieser Art des unterstützten Abseilens zum Tragen kommen. Vorrangig bei Teilnehmern, die noch keinerlei Erfahrung mit dem Abseilen haben oder die von Natur aus etwas ängstlich sind und es dementsprechend bevorzugen, in heiklen Situationen den Bergführer in ihrer Nähe zu haben. Das erste Mal Abseilen beim Kletterkurs oder die ausgesetzte Abseilstelle im Abstieg, wo das Lossteigen vom Abseilstand über die Kante nach unten die größte Herausforderung darstellt, können solche Beispiele sein.

Bergführerserie. Seit Herbst 2022 sind die Bergführerverbände der Schweiz, von Österreich, Deutschland und Südtirol als Redaktionsbeiräte bei bergundsteigen mit an Bord. Daher erscheint seither in jeder Ausgabe ein Beitrag dieser Verbände. Die Serie soll informieren und zugleich einen konstruktiven Austausch anregen und dadurch indirekt die Bergführerausbildung weiterentwickeln.

Der Vorteil der direkten Unterstützung des Gastes in solchen Situationen liegt auf der Hand, setzt aber voraus, dass man den weiteren Verlauf der Abstiegsroute bzw. die Position des nächsten Abseilhakens bereits kennt und dem Teilnehmer dementsprechende Anweisungen geben kann. Angewandt mit nur einem Gast und guten Ortskenntnissen ist auch der Zeitaufwand nicht höher als beim normalen Abseilen.

eEin Teilnehmer

Der Gast bleibt immer mit Anseilknoten im Seil eingebunden. Am Abseilstand angekommen, wird das Seil wie beim normalen Abseilen auch bis zur Mitte eingefädelt. Nun mittels Blockierungsschlinge (Schleifknoten) jenes Seil blockieren, an welchem das Ende frei ist. Jetzt das Abseilgerät des Gastes in das blockierte Seil (loses Ende, welches bereits der Wand entlang nach unten hängt) einhängen. Natürlich kann der Teilnehmer in die Aktion mit einbezogen werden, damit er lernt, sein Abseilgerät selbst ein- und auszuhängen. Der Einzelseilstrang, an welchem der Gast noch eingebunden ist, wird mittels Halbmastwurfknoten in einen bereits vorbereiteten HMS-Karabiner in den Abseilring eingehängt. Somit seilt sich der Teilnehmer selbständig am fixierten Einzelstrang ab, ist aber permanent per HMS von oben gesichert. Wichtig dabei ist, dass der Bergführer das Sicherungsseil nicht zu straff hält, damit der Abseilende den gesamten Abseilvorgang definitiv eigenhändig durchführen kann (siehe Abb. 1).

Am nächsten Abseilring angekommen (wenn kein Sichtkontakt da ist, muss die Position vorher gut erklärt werden), hängt sich der Teilnehmer mit seiner Selbstsicherungsschlinge ein. Sollte er nicht den richtigen Haken gefunden oder sonst einen Fehler gemacht haben, ist das weiter kein Problem, da er immer noch von oben gesichert ist. Der Halbmastwurf im Abseilring (Sicherungsseil) wird mit einer Blockierungsschlinge (Schleifknoten) abgebunden, um die ausgegebene Länge beizubehalten und um das Seil zu fixieren, damit der Gast immer zusätzlich optimal von oben gesichert bleibt. Die Blockierungsschlinge (Schleifknoten), mit welcher die Seilmitte fixiert ist, wird nun gelöst und das vorhandene Schlappseil so weit nach oben durchgezogen, bis sich das Seil, in welches der Gast nach wie vor eingebunden ist, strafft. Jetzt hängt der Bergführer noch sein Abseilgerät und evtl. auch den Prusikknoten in die Seile ein, löst die Blockierungsschlinge im HMS-Karabiner, baut alles ab und seilt hinterher.

Abb. 3 Ordnung. So wird die Selbstsicherungsschlinge am besten verstaut, damit man nicht stolpert.

zZwei Teilnehmer

Vieles bleibt gleich, trotzdem gilt es einige Zusätze zu beachten. Ein Teilnehmer muss aus dem Seil ausgebunden werden. Im Gegensatz zum assistierten Abseilen mit nur einem Kunden wird das Seil nicht sofort in den Abseilring eingefädelt, sondern die Seilmitte einfach mit Mastwurf und Schraubkarabiner im Abseilhaken fixiert. Der Abseilvorgang des ersten Kunden (in der Regel der Erfahrenere) wird genauso ausgeführt wie mit nur einem Kunden. Allerdings muss dem Gast klar kommuniziert werden, dass er unten am nächsten Abseilhaken angekommen sein Abseilgerät aus dem Seil aushängen muss. Er bleibt aber im Seil eingebunden, über welches er mittels Halbmastwurf beim Abseilen gesichert wurde. Ebendieser Halbmastwurf wird jetzt wieder blockiert. Nun muss das lose Seil (an welchem vorher abgeseilt wurde) wieder ganz eingezogen werden, um das Seilende in den Abseilring einzufädeln.

Nachdem das passiert ist, bindet sich der zweite Teilnehmer in das Seil ein, da er anschließend über diesen Seilstrang gesichert wird.

Sein Abseilgerät hängt der zweite Gast in den zweiten, nach wie vor am Abseilring blockierten Seilstrang ein und seilt sich dem entlang ab. Gesichert wird er wiederum von oben über jenen Seilstrang, in den er sich vorher eingebunden hat. Da das Sicherungsseil gleichzeitig durch den Abseilring gezogen wird, eignet sich als Sicherungsgerät – in diesem Fall der Tuber – besser als der Halbmastwurf (Abb. 4).

Sobald der Gast am Abseilring angekommen ist, muss wiederum das Seil im Abseilring blockiert werden. Anschließend so wie beim Abseilen mit einem Kunden das vorhandene Schlappseil nach oben durchziehen, dann Tuber des Bergführers einhängen, Schleifknoten am Abseilring lösen und hinterherseilen.

Wichtig: Der zweite Teilnehmer wird angewiesen, sein Abseilgerät nicht auszuhängen, wenn er unten angekommen ist, sondern er bleibt damit im Seil eingehängt, sodass beide Gäste an jenem Seilstrang gesichert sind, der vom Bergführer straffgezogen wird.

Abb. 4 Assistiertes Abseilen mit zwei Kunden. Der erste Teilnehmer ist bereits am unteren Stand eingehängt und zusätzlich über den oben mit Schleifknoten fixierten HMS gesichert. Der Bergführer hat den zweiten Seilstrang bereits durch den Abseilring gefädelt und sichert mit dem Tuber den zweiten Teilnehmer, der am locker fixierten Seilstrang des ersten Teilnehmers nun selbständig, aber von oben gesichert, abseilt. Illustrationen: Georg Sojer

Abseilen am locker fixierten Sicherungsstrang des 1. Gastes

Sicherung mit Tube

Zusätzliche Hinweise

Für den besseren Überblick, vor allem beim assistierten Abseilen mit zwei Kunden, ist ein Bicolor-Kletterseil von Vorteil. y Abseilstellen, welche in Gelände enden, in dem keine Absturzgefahr herrscht (breite Absätze/Bänder, letzte Abseilstelle auf y den Boden usw.) erleichtern die Methode beträchtlich. Das Blockieren und anschließende Zurückziehen des Sicherungsseiles entfällt in dieser Situation. Natürlich können bei zwei Teilnehmern auch Methoden kombiniert werden. So kann z. B. der erste Teilnehmer abgelassen y werden und der zweite dann assistiert abseilen; oder der erste Teilnehmer wird assistiert abgeseilt, der zweite, der bereits selbständig abseilen kann, wird wie oben beim selbständigen Abseilen beschrieben mittels Abseilgerät eingehängt. Vor ihm seilt der Bergführer ab und der Gast seilt dann als Letzter – unter Aufsicht des Bergführers (Seile mit den Händen festhalten und geschlossener Ring mittels Prusik) – selbständig ab. Das assistierte Abseilen mit einem Kunden ist einfach zu händeln und beansprucht auch nicht mehr Zeit als das selbstän- y dige Abseilen. Dagegen setzt das assistierte Abseilen mit zwei Teilnehmern das perfekte Beherrschen der Methode voraus, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen.

verhauer s

Beim Bergsteigen passieren ständig Fehler, die beinahe zu Unfällen führen. Niemand spricht gerne darüber. Wir schon!

Die Geschichte vom Toten Mann

Gerhard Mössmer über den Absturz einer Dreierseilschaft.

In jedem Bergsteigerleben gibt es Momente, die unvergesslich bleiben. Es sind Bilder, die sich einbrennen, von denen wir viele Jahre zehren und deren Geschichten wir gern weitererzählen: Der wunderschöne Sonnenaufgang über der Grand Jorasses am Weg zum Gipfel des Mont Blanc zum Beispiel oder der traumhafte Sonnenuntergang am Gipfel der Civetta nach durchstiegener Nordwestwand …

zwei Gäste mittels Seilweiche verbunden

Geländekante Ablassen mittels HMS

Bergführer im Seil eingebunden

T-Anker mit Bandschlinge

ca. 50 Grad steile und 100 Meter lange Eisflanke

Abb. 1 Kommt zu viel Zug nach oben, versagt der T-Anker.

Illustration: Gerhard Mössmer

Aber leider gibt es auch Bilder und Geschichten, die ebenfalls ein Leben lang in Erinnerung bleiben, jedoch alles andere als schön sind und nur zu gerne würde man sie wieder von seiner Festplatte löschen. Obwohl schon etliche Jahre her, war das Ereignis beim Abstieg vom Grand Combin so eine Szene, die ich nie mehr vergessen werde. Da die Geschichte zum einen lehrreich und zum anderen eindrücklich wie tragisch gleichermaßen ist, erzähle ich sie auch häufig auf Hochtourenkursen: Wir waren damals unter Bergrettungskollegen unterwegs, als wir uns am Mur de la Cote –das ist jenes Eck, an dem man den Firngrat des Grand Combin verlässt, um über eine ca. 50 Grad steile und ca. 100 Meter lange Eis- bzw. Firnflanke in den berühmt berüchtigten Corridor zu gelangen – überlegten, wie wir diese Stelle am geschicktesten meistern.

Die vielen Gräben für T-Anker – früher wurde dieser Fixpunkt im Firn auch als „Toter Mann“ bezeichnet – deuteten darauf hin, dass es hier üblich war, am Fixpunkt abzulassen. Das erschien uns vernünftig und so machten wir uns daran – nachdem bereits alle Gräben alter T-Anker leider schon von anderen Gruppen besetzt waren –, einen neuen, soliden Schacht für den Pickel zu schaffen. Der Bergführer neben mir war mir ob des bereits vorhandenen Schachtes

einen Schritt voraus und machte sich daran, seine beiden Gäste – mit Steigeisen an den Beinen, Pickel in der Hand und Ski am Rucksack – über die Kante abzulassen. Der erste Gast befand sich bereits in der Flanke, während sich der zweite vom Flachen über die ausgeprägte Kante ins Steile mühte. Dabei verlor er das Gleichgewicht und kippte nach hinten weg. Da er gesichert war, wäre das an und für sich kein ganz großes Problem gewesen, wenn … der Tote Mann gehalten hätte! Was in den nächsten fünf Sekunden drei Meter neben mir passierte, kann sich jeder vorstellen: Es sind genau jene Bilder, die man nicht mehr vergisst. Beide Gäste nahmen sofort Fahrt auf und stürzten die Flanke hinunter, der Bergführer machte noch einige Schritte zurück und ging in Halteposition, während das Restseil rasend schnell weniger wurde. Drei, zwei, eins – der letzte Meter vom Restseil war weg und der Bergführer schoss wie eine Rakete über die Kante die Flanke hinab. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis das Knäuel der Dreier-Seilschaft im Auslauf der Flanke zu liegen kam, nicht aufstand, aber sich – zum Glück – bewegte. Wir setzten sofort den Notruf ab und es dauerte nicht lange, bis der REGA-Hubschrauber anflog und die Rettungsaktion professionell vonstatten lief …

Was ich für mich mitnehme? Der T-Anker ist nur dann ein zuverlässiger Fixpunkt, wenn er zum einen in festem Schnee tief genug (je nach Schneekonsistenz mindestens 50 Zentimeter) und rechtwinkelig zur Zugrichtung gegraben wird und zum anderen –und das ist elementar wichtig – die Bandschlinge so flach wie möglich aus dem Querschacht ausläuft! Kommt – wie in diesem Fall – zu viel Zug nach oben, reißt die Verankerung aus und der T-Anker wird zum sprichwörtlichen Toten Mann.

Gerhard Mössmer ist Berg- und Skiführer und beim Österreichischen Alpenverein unter anderem für Lehrschriften und Lehrmeinungen zuständig. ■

Abb. 2 Blick aus der Flanke hinauf zur Kante, wo die Verankerungen gebaut werden. Fotos: Gerhard Mössmer

Abb. 3 Einfach, aber nicht trivial: Die Herstellung eines zuverlässigen T-Ankers. Wichtig: Die Bandschlinge muss flach nach unten aus dem Schacht laufen!

Abb. 4 Tipp: Man kann mit Hilfe des Pickels – analog zu einer Nähnadel – quer zum Pickelschacht ein Loch stechen und die Bandschlinge durch dieses Loch schieben. Dadurch wird erstens die Frontwand nicht geschwächt und zweitens ein sehr flacher Winkel für die herauslaufende Bandschlinge hergestellt.

Illustration: Georg Sojer

bergsönlichkeit

Mensch, der beruflich oder ehrenamtlich mit Risiko im Bergsport in Verbindung steht.

Sicherheitspapst

In Memoriam Pit Schubert

Pit Schubert war Gründer des DAV-Sicherheitskreises, langjähriger Leiter der DAV-Sicherheitsforschung und der UIAA-Sicherheitskommission, geschätzter bergundsteigenAutor sowie leidenschaftlicher Alpinist und Kletterer. Am 28. Februar 2024 verstarb Pit Schubert im Alter von 88 Jahren. Ein Nachruf.

Von Michael Larcher

Als 1969 der erste Mensch den Mond betrat und damit eindrucksvoll die Möglichkeiten der Technik und die Kunst der Ingenieure demonstriert wurden, lebten – pardon – kletterten Bergsteigerinnen und Bergsteiger – technisch gesehen – noch weit hinter dem Mond: Eispickel mit Holzschäften. Eisschrauben glichen Korkenziehern. Leider nicht nur optisch – sondern auch, was die Haltekräfte betraf. Die Zeit des Hanfseils war noch in guter Erinnerung. Expressschlingen, Klemmkeile, Friends noch nicht erfunden. Karabiner schwer und nicht geprüft. Tödliche Abstürze aufgrund von Seilrissen gab es jedes Jahr. Abgeseilt wurde im Dülfersitz. Gesichert über die Schulter.

1969 machte die Menschheit einen großen Schritt, 1968, weniger spektakulär, die Bergsteigerwelt. Damals gründeten visionäre Bergsteiger und Alpenvereins-Funktionäre den „Sicherheitskreis“ – mit dabei Wastl Mariner, damals Alpinreferent des ÖAV. Gründungsmitglied und 32 Jahre lang Motor und Leiter dieses Sicherheitskreises wurde Pit Schubert.

1935 in Breslau geboren, absolvierte Pit Schubert zunächst eine Ausbildung zum Werkzeugmacher und studierte anschließend Maschinenbau. Als Ingenieur zog es ihn nach München, wo er rund 15 Jahre in der Luft- und Raumfahrtindustrie tätig war. Mit 17 begann Schubert mit dem Bergsteigen und Klettern und es wurde eine eindrucksvolle Tourenliste: Erstbegehungen in den Dolomiten und im Wilden Kaiser, die drei großen Wände der Alpen – Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses –, die er als einer der ersten Deutschen durchstieg, Teilnehmer an vier Expeditionen, zweimal als deren Leiter, die erste Durchsteigung der Südflanke der Annapurna IV. Techniker, Extrembergsteiger, Idealist – da kam die neu gegründete Plattform des „DAV-Sicherheitskreises“ gerade recht. Der Name Pit Schubert

wurde zum Synonym für „Sicherheit im Bergsport“, indem er ingenieurwissenschaftliche Standards in den Bergsport einführte, systematische Test- und Messreihen entwickelte und damit den Weg zur Normierung von Bergsportausrüstung maßgeblich mitgestaltete.

Ein Symbol für geprüfte Qualität

Mit der UIAA-Sicherheitskommission, deren Präsident er viele Jahre war, entwickelte Pit Schubert das UIAA-Label, das für eine ganze Generation von Bergsteigerinnen und Bergsteigern zum Markenzeichen und zum Symbol für geprüfte Qualität wurde, konsequent weiter. Perfekt ergänzt wurde die Arbeit an den UIAA-Normen, später an der nationalen DIN-Norm, zuletzt an den europäischen Normen durch zahlreiche Untersuchungen zum Unfallgeschehen – z. B. zu Mitreißgefahr, Anseilmethoden und Partnersicherung. Der neue technische Standard zeigte die Auswirkungen eindrucksvoll in der Unfallstatistik. Waren zum Beispiel Seilrisse in den 60er-Jahren noch an der Tagesordnung, sind Seilrisse heute – trotz einer Verhundertfachung der Zahl der Aktiven – beinahe ausgestorben. Den Titel „Sicherheitspapst“ erwarb Pit Schubert, lang bevor alle Deutschen Papst wurden. Pit Schuberts Lebenswerk verdankt sich aber noch einer weiteren Begabung: Pit Schubert war ein begnadeter Kommunikator, der als Vortragender und als Autor von Fachbeiträgen, Lehrschriften und Lehrbüchern leidenschaftlich für mehr Sicherheitsbewusstsein warb, appellierte, ohne in besserwisserische Arroganz zu verfallen, belehrte, ohne moralischen Zeigefinger, analysierte, ohne die Demut vor den Opfern zu verlieren und zu vergessen, dass man sich auf eines immer verlassen kann: Menschen machen Fehler! Humor, Selbstironie und die Begabung, auch komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären, standen ihm dabei als besondere Tugenden hilfreich zur Seite. Zum Klassiker wurde sein „Alpin-Lehrplan“ zu Sicherheit und Ausrüstung, Bestseller Pit Schuberts „Sicherheit und Risiko in Fels und Eis“. So erfolgreich, dass inzwischen drei Bände erschienen sind.

Sehr geehrter Herr Schubert, lieber Pit – im Namen des Alpenvereins möchte ich danke sagen, danke für deinen großen Beitrag zu mehr Sicherheit beim Bergsteigen und Klettern, danke für dein Engagement für mehr Risikobewusstsein und Eigenverantwortung.

„Wir verwendeten

Tragegestelle, auf denen wir unsere runden Blech-Material-Schachteln – oder sonst einen Rucksack – gut transportieren konnten; die waren zwar oft verbeult, aber haben immer gute Dienste getan.“ Pit Schubert. Aufstieg Annapurna IV

Michael Larcher leitet die Bergsportabteilung des Österreic hischen Alpenvereins und war mit Pit Schubert immer wieder beruflich verbunden.

Größere, lebend überstandene Stürze

Nachdem ich, Gebi Bendler, 2020 die Redaktionsleitung von bergundsteigen übernehmen durfte, entwickelte sich ein reger Austausch mit Pit Schubert, der im Tiroler Niederndorf, unweit meines Heimatortes, seinen Ruhestand genoss. Pit schickte mir später einen unveröffentlichten Beitrag von ihm. Hier ist nun Pits letzter Beitrag. Danke für all deine Arbeit, Pit! Über 40 weitere Beiträge von ihm finden sich im Archiv von www.bergundsteigen.com unter Suche/Autor/Pit Schubert.

Von Pit Schubert

Am Berg, im Fels- wie auch im Firngelände sollte man keine größeren Stürze riskieren, denn die enden gewöhnlich mit schweren Verletzungen oder mit dem Tod. Dies insbesondere im Felsgelände, denn der Fels ist gegenüber dem Firn eine „verdammt harte Masse“, die bei menschenüblicher Sturzbelastung nicht (!) nachgibt, wie es im Firngelände der Fall ist, wo man auch größere Stürze überstehen kann. Nachfolgend werden zunächst die überlebten Stürze im Felsgelände geschildert, anschließend die im Firngelände.

Der Original-Friend – anhand der wenigen Fäden in der Schlinge (zu erkennen an der roten Farbe) ist die nicht ausreichend stabile Naht leicht zu erkennen.

Am Bauernpredigtstuhl im Wilden Kaiser

Peter Geyer, später Präsident des Deutschen Bergführerverbandes, wollte in seiner Sturm- und Drangzeit solo/allein die Alte Westwandroute am Bauernpredigtstuhl (Schwierigkeitsgrad VI-/A0 oder VI+) im Wilden Kaiser begehen. Für den ausgesetzten Quergang hatte er ein 15 Meter langes Seil bei sich. Um es nicht tragen zu müssen, band er es an seinen Anseilgurt und zog es hinter sich her. In der zweiten Seillänge rutschte Peter Geyer beim Aufrichten auf einem abschüssigen Tritt unvermittelt mit einem Fuß weg, weil sich das herabhängende Seil irgendwo verhängt hatte. Peter Geyer stürzte 40 Meter hinab –bis zum Einstieg. Was stieß ihm zu? Nichts.

Da die Wand in diesem Bereich senkrecht ist und noch zeitiges Frühjahr war, folglich noch tiefer Schnee am Einstieg lag und der Einstieg abschüssig ist, hat sich Peter Geyer bei seinem Sturz nicht den geringsten Kratzer zugezogen. Eine Seilschaft in der benachbarten Lucke/Strobl-Führe hatte den Absturz mitbekommen und rief hinab, ob ihm was passiert sei. Peter Geyer antwortete: „Nein – ihr könnt ruhig weiterklettern“. Doch die Seilschaft drehte um. Offensichtlich hatte sie ein zu schwaches Nervenkostüm.

Im Wetterstein

Ein weiterer überlebter Sturz dieser Art ereignete sich im Wetterstein im Oberreintal am sogenannten Plattenschuss, wo immer viel geklettert wird, weil nicht weit von der Oberreintalhütte entfernt. Sturzhöhe immerhin 45 Meter. Passiert ist der Sturz im Juli 1995 in der zweiten Seillänge ohne jede Zwischensicherung, weil offensichtlich „zu leicht, um Zwischensicherungen anzubringen“. Der Gestürzte zog sich nur einen Bruch des Jochbeins zu und eine Gehirnerschütterung (mit Helm). Ohne Helm hätte der Gestürzte – wie er sich später selbst mehrfach äußerte – keinerlei Überlebenschancen gehabt.

Auch in Frankreich

Gaston Rébuffat, einer der bekanntesten, französischen Bergsteiger, Felskletterer und Bergführer in den 1950er-Jahren bis Ende der 1970er-Jahre, konnte gemeinsam mit Roland Bozon einen 50 Meter hohen Sturz am Dent du Géant (MontblancGruppe) überleben, wenn auch beide schwer verletzt wurden. Grund des Absturzes war der Ausbruch des Standhakens, zu damaliger Zeit noch ein gewöhnlicher Normalhaken, der schon längere Zeit an dieser Stelle platziert gewesen sein dürfte und folglich stark korrodiert gewesen und deshalb abgebrochen ist.

Die bisher weitesten Stürze im Fels –soweit bekannt – haben sich inzwischen dreimal zugetragen. Einmal im Wilden Kaiser, an der Fleischbank-Ostwand, ein zweites Mal an den Felsen im Oberen Donautal, westlich von Sigmaringen und ein drittes Mal wieder im Wilden Kaiser und zwar an der Predigtstuhl-Westwand, im Einzelnen wie nachfolgend aufgeführt.

In der Fleischbank-Ostwand Hermann Buhl, der bekannte Tiroler Kletterer in den 1950er-Jahren, berichtet in seinem Buch „Achttausend drüber und drunter“ von einem 60 Meter weiten Sturz im Schmuck-Kamin an der Fleischbank-Ostwand, den er absolviert hat. Warum ein derart weiter Sturz? Weil damals kaum ein Haken steckte; auch der Autor hat in den 1960er-Jahren den Schmuck-Kamin begangen und in den entscheidenden Seillängen im oberen Wandteil nur je einen Normalhaken angetroffen. Während des Sturzes überschlug sich Buhl und stürzte mit dem Kopf voran. Dann folgte ein Seilruck und es richtete ihn wieder auf. Doch der Sturz ging weiter, und Hermann Buhl dachte sich – wie er später darüber berichtete: „Jetzt ist halt das Seil gerissen.“ Zur Zeit Hermann Buhls noch ein Hanfseil1. Doch es war kein Seilriss, sondern der einzige Zwischenhaken ist herausgerissen worden. Hermann Buhl hat den Sturz ohne wesentliche Verletzungen überlebt. Er stand plötzlich auf einer kleinen Kanzel im Grund des Kamins.

Im Oberen Donautal

Einen gleich weiten Sturz von 60 Metern im Fels absolvierte Walter Knödler im Sommer 1968 an den Felsen im Oberen Donautal. Walter Knödler führte die zweite Seillänge und stürzte unerwartet ohne jede Zwischensicherung. Sein sichernder Seilpartner hatte irgendeinen Murks angestellt und konnte den Sturz folglich nicht auffangen, so dass Walter Knödler zusätzlich die volle Seillänge hinabstürzte. Weil der Fels in diesem Bereich senkrecht ist, geschah dies glücklicherweise ohne wesentlich ernste Verletzungen.

An der Predigtstuhl-Westwand

Der dritte gleich tiefe Sturz von 60 Metern ereignete sich in der Westwand am Predigtstuhl im Wilden Kaiser. Eine amerikanische Kletterin war mit ihrem Seilpartner in der Schüle/Diem-Haslacher/Beringer-Führe. Sie war im Vorstieg und ist gestürzt. Sie hatte in

dieser Seillänge drei Friends hintereinander als Zwischensicherung angebracht. Die beiden oberen Friends hatte sie allerdings nicht ausreichend sicher platziert, sodass diese bei Sturzbelastung herausgerissen wurden. Der unterste Friend war sicher platziert und hielt – aber nicht die selbst genähte (!) Bandschlinge des Friends. Die ist an der Naht vollständig aufgerissen. Dies führte zu einem Sturz in den Stand, den ihr sichernder Seilpartner (mit Achtersicherung am Körper) natürlich nicht (!) halten konnte, weil die Bremswirkung zu gering ist. Die Amerikanerin stürzte die ganze Seillänge noch dazu aus. Beide waren verletzt, der Sichernde hatte verbrannte Handflächen und konnte folglich nichts mehr tun, die Amerikanerin war schwer verletzt. Die Österreichische Bergrettung musste ausrücken und beide bergen, was beachtliche Schwierigkeiten bereitet und viel Zeit gekostet hat.

Fehler dieser Art – nämlich Bandschlingen selbst zusammenzunähen – wurden damals glücklicherweise nicht allzu häufig gemacht. Denn mit einer gewöhnlichen Haushaltsnähmaschine ist da nichts auszurichten und mit Nähen von Hand schon gar nichts. In beiden Fällen sind der zu dünne Faden und die zu geringe Fadenspannung sowie die zu geringe Anzahl an Fäden für Sturzbelastungen beim Klettern bei Weitem nicht (!) ausreichend. Nur industriell genähte Bandschlingen, wie sie von den Sporthäusern angeboten werden, haben eine ausreichende Haltekraft, nämlich nach Norm mindestens 22 kN. Auch ältere, industriell genähte Bandschlingen, die häufig benutzt wurden, können nicht (!) zu Bruch gehen.

Nun folgen die überlebten Stürze im Firngelände, die – wie bereits erwähnt –erheblich größer sein können.

Am Triglav

Es war Ende April 1946 in Slowenien. Toni Pogacnik fuhr an einem eiskalten, wolkenlosen Morgen mit Ski vom Kredarica-Berghaus über die Steilhänge hinab zum Triglav-Gletscher. Unerwartet schob sich ein Wolkenschleier vor die Sonne und die Sicht wurde plötzlich miserabel. Toni fuhr trotzdem auffallend zügig, obwohl er den Gletscher nicht gut kannte. Er ließ sich von den Spuren vorangegangener Abfahrten leiten. Doch plötzlich erkannte Toni die Gefahr und wollte noch abschwingen – doch es war

zu spät. Er stürzte bereits in die Tiefe. Glücklicherweise endete der Sturz in einer senkrechten, mit Schnee gefüllten Steilrinne, die unten flach war. Der weiche Firn dürfte Tonis Sturz in idealer Weise gebremst haben, denn er steckte bis zu den Achseln im Firn. Verletzungen hatte er sich glücklicherweise nicht zugezogen. Später wurde die Sturzhöhe mit Seilen ausgemessen: 90 Meter freier Fall.

In der Bionnassay-NW-Wand

Hartwig Erdenkäufer und Ernst Janele überlebten im August 1967 einen 200-MeterSturz in der NW-Wand der Aiguille de Bionnassay in der Montblanc-Gruppe. Als Erdenkäufer vom Stand nachsteigen wollte und versuchte, seinen Eishammer, der ihm zwischen den Beinen baumelte, aufzunehmen, nahm er einen Fuß zu Hilfe –verlor dabei aber das Gleichgewicht und stürzte. Das Seil zu seinem sichernden Seilersten straffte sich sehr bald und Erdenkäufer kam nach einigen Sturzmetern zum Stehen. Doch da kam schon das Seil wie eine lose Schlange von oben herabgefallen. Die Standplatzsicherung seines Seilpartners hatte versagt. Erdenkäufer wurde vom vorbeistürzenden Seilpartner wie von einem Katapult geschossen mit in die Tiefe gerissen, wie oben erwähnt 200 Meter. Als ihr Sturz im flacheren Gelände endete, wollten sie zunächst nicht glauben, dass sie überlebt hatten. Sie hörten Rufe von einer anderen Seilschaft aus der Wand, die den Absturz mitbekommen hatte: „Seid ihr verletzt? Sollen wir kommen?“ „Nein, alles in Ordnung!“, war die Antwort der beiden Abgestürzten. Natürlich war nicht (!) alles in Ordnung. Die verletzungsbedingten Schmerzen stellten sich erst ein, als sie begannen, sich etwas intensiver zu bewegen. Doch sie konnten ohne fremde Hilfe absteigen.

Am Matterhorn

Auch Anderl Heckmair, der weitgehend Führende bei der Erstdurchsteigung der Eigernordwand im Berner Oberland im Jahr 1938, ist einmal abgestürzt und zwar in der Westwand des Matterhorns. Allerdings schuldlos. Er wurde mit einem jüngeren Kameraden, der – was Anderl nicht wusste – das erste Mal Steigeisen an den Füßen hatte zu einer Bergungsaktion ausgesandt, weil ein deutscher Bergsteiger abgestürzt war. Eine steile Firnrinne, die am Matterhorn zum Zmuttgrat hinaufführt, sind beide gleichzei-

Typisches Mitreißen auf einem nicht allzu steilen Gletscherhang; auch wenn nur ein Seilpartner das Gleichgewicht verliert, können die anderen den Sturz in der Regel nicht halten, vor allem dann nicht, wenn der Firn am zeitigen Morgen – wie hier –noch relativ hart ist.

tig am ausgegangenen Seil aufgestiegen. Plötzlich verlor der junge Kamerad das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe. Wie von einem Katapult geschleudert wurde Anderl vom Abstürzenden mit in die Tiefe gerissen, ganze 250 Meter. Der junge Kamerad stürzte in die Randkluft. Anderl landete aufgrund seiner hohen Sturzgeschwindigkeit jenseits der Randkluft in weniger steilem Firn und verlor das Bewusstsein eine Stunde lang, bis er die Stimme Wiggerl Grammingers – des damaligen Chefs der Bayerischen Bergwacht – neben sich hörte, der auch mit von der Partie, aber nicht am gleichen Seil war. Gramminger barg zunächst den jüngeren Kameraden aus der Randkluft, weil er annahm, dass dessen Verletzungen schlimmer seien als die vom Anderl; doch glücklicherweise hatte sich der jüngere Kamerad nur Hautabschürfungen zugezogen. Dann kümmerte Wiggerl Gramminger sich um Anderl, renkte ihm den beim Sturz ausgekugelten Arm wieder ein, und Anderl schlich lendenlahm absteigend hinunter. Später stellte man bei ihm mehr als ein halbes Dutzend Knochenbrüche fest.

An der Punta San Matteo

Auch schon wesentlich früher, zum Beispiel im Jahre 1868 (!), haben sich größere Abstürze auf Firnflanken zugetragen, die überlebt wurden. Julius Payer und sein italienischer Führer Pinggera sind an der Punta San Matteo (3678 m) im CevedaleKamm (südliche Otlergruppe) durch einen Wächtenbruch in die Firnwand gestürzt und haben den Absturz von immerhin 250 Metern unverletzt überstanden. Wer die Firnwand einmal gesehen hat, wird sich das nicht recht vorstellen können.

Am Wetterhorn

Der schottische Bergsteiger Bruce Allan Hames überlebte Mitte Mai 1972 einen 300 Meter weiten Sturz. Er war mit vier Freunden seilfrei vom Wetterhorn (3701 m) im Berner Oberland abgestiegen. Dabei verlor er das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe. Von den 300 Metern Sturzhöhe waren 90 Meter freier Fall. Während des anfänglichen Sturzes dachte er, den Sturz mit dem Eispickel noch abbremsen zu können, doch den Eispickel hatte er schnell verloren. Als er wieder festen Boden unter den Füßen spürte, erhob er sich, um – wie er später berichtete – „seinen Abstieg fortzusetzen“. Er trug keinerlei ernste Verletzungen davon, nur einige Schürfwunden sowie Prellungen. Der

Sturz endete im harmlosen Firngelände, wo sich die Steilheit langsam verflachte, und somit der Sturz sanft abgebremst wurde.

Am Zinalrothorn

Eine britische Seilschaft überlebte im Sommer 1970 am Zinalrothorn (4221 m) in den Walliser Alpen, im Aufstieg einen Seilschaftssturz von 350 Metern. Judith Parsons und Mike Pearce waren am kurzen Seil miteinander verbunden. Einer der beiden kam zu Sturz und riss den Seilpartner bzw. die Seilpartnerin mit in die Tiefe. Judith Parsons berichtete später, dass ein Gewitter über sie hereingebrochen sei, Blitze seien niedergefahren. Sie hatte den Eindruck gehabt, „dass ein Blitz in ihr Seil gefahren sei“. Sie hat später zwar immer wieder einmal Zweifel daran geäußert, doch ist dies durchaus möglich.2 Während des Sturzes hatte Judith schließlich den Eindruck, „dass es jetzt aus sei!“ Doch glücklicherweise folgte wenig später ein mächtiger Ruck und das Seil hatte sich irgendwo verfangen und ist glücklicherweise auch nicht gerissen. Judith erlitt nur einige Rippenbrüche, Mike nur stärkere Hautabschürfungen. Beide wurden von der Schweizer Rettungsflugwacht geborgen und ins Krankenhaus geflogen.

An der Triolet

Wolfgang Schels überlebte 1974 einen 400 Meter weiten Sturz in der Nordwand der Aiguille de Triolet (3870 m) im MontblancGebiet. Schels war in der nach rechts ansteigenden Querung als Führender nahezu die volle Seillänge in nicht allzu steilem Firn ausgegangen, als er das Gleichgewicht verlor und stürzte. Die Standplatzsicherung seines Seilpartners war der Sturzbelastung aufgrund des hohen Sturzes nicht gewachsen, wurde herausgerissen, und beide stürzten bis auf den Argentière-Gletscher hinab. Wolfgang Schels verlor zunächst das Bewusstsein, wurde später geborgen und kam wieder zu sich. Sein mitgerissener Seilpartner überlebte den Absturz nicht.

In der Hohen Tatra

Am 10. März 1965 versuchte die tschechische Seilschaft Hejtman/Nuska aus Prag, den Mengusovský-stit-SO-Pfeiler zu begehen. Der vorankletternde Hejtman musste unterhalb des Gipfels ein kleines Firnfeld queren. Weil das Seil nicht ganz bis zum nächsten Standplatz reichte, ließ er Nuska – beim gleichzeitigen Aufstieg – einige Meter ungesichert nachsteigen. Nuska aber

rutschte weg und riss Hejtman mit in die Tiefe. Beide stürzten 400 Meter ab und landeten auf weniger steilem, schneebedecktem Schutt am Wandfuß. Nuska erlitt nur leichte Verletzungen, während Hejtman den Sturz nicht überlebte.

Noch einmal am Zinalrothorn

Ein zwanzig Jahre alter Engländer namens Martin Prince ist im Wallis am Zinalrothorn (4221 m) 600 Meter abgestürzt. Er hatte nach seinen eigenen Angaben „unglaubliches Glück“. Er meinte später, dass er wohl nur deshalb überlebt habe, „weil die Schneedecke stärker war als gewöhnlich“. Er trug nur etliche Prellungen und eine Platzwunde an der Stirn davon – und einen beachtlichen Schrecken.

An der Marmolada

Einen zweiten Sturz von 600 Metern überstand Norbert Sandner 1972 in den Dolomiten an der Marmolada (3344 m). Er hatte mit Hartwig Erdenkäufer an der SW-Wand, die Solda-Führe durchstiegen, und beide wollten seilfrei über den Westgrat auf der Via Ferrata (Klettersteig) absteigen. Noch im Firn/Eis des Gipfelbereichs rutschte Sandner aus, verlor das Gleichgewicht und stürzte die gesamte NO-Flanke hinunter. Erdenkäufer stieg so schnell er konnte über die Via Ferrata ab und fand Norbert Sandner, der den Sturz glücklicherweise überlebt hatte, aber schwer verletzt war.3 Erdenkäufer versorgte seinen Partner, so gut es ging, er wickelte ihn in Kleidung ein, die er selbst ausgezogen hat, und machte sich auf den Abstieg zum Contrin-Haus, um die Bergrettung von dort zu informieren. Als dies gelungen war, machte sich Erdenkäufer mit Decken und heißem Tee und einer Stirnlampe wieder auf in Richtung seines abgestürzten Seilpartners, den er um 2 Uhr nachts erreichte. In der Zwischenzeit war dieser weitere 30 m abgerutscht, glücklicherweise aber nicht in eine Gletscherspalte gestürzt. Noch bei Dunkelheit tauchten die ersten Retter auf. Beim Abtransport meinte einer der Retter, dass dem Verletzten ja schon das Gehirn heraus-

schaut. Der verletzte Norbert Sandner dachte sich: „Das kann ja wohl nicht sein –sonst könnte ich ja nicht mehr denken.“ Es war auch nicht so, es waren nur die aufgeschwollenen Wundränder der Kopfhaut, die ihm teilweise fehlte. Aufgrund des schwierigen Abtransportes konnte Sandner erst 18 Stunden später im Krankenhaus in Cortina behandelt werden. Seine Genesung machte schließlich gute Fortschritte. Auch als er wieder in seiner Heimat in Nürnberg war, erholte er sich auffallend schnell, so dass er bald wieder am Fels den IX. Schwierigkeitsgrad klettern konnte.

Im Kaukasus

Einen besonders weiten Sturz von etwas über 700 Metern überlebte eine russische Seilschaft in einer steilen Firnflanke im Kaukasus. Die Seilschaft Strebtschuna-Tschijunsky befand sich auf dem Nordwestgrat des Adirsu-Baschi (4330 m) und hatte schlechte Sicht. Auf der überwechteten Gratschneide stürzte die Seilschaft in die Tiefe – und überlebte. Der Sturz lief glücklicherweise relativ langsam ab, weil die Steilheit der Firnflanke nach unten auffallend abnahm. Trotzdem konnte keiner der beiden seinen Sturz alsbald zum Stillstand bringen, erst im wesentlich flacheren Gelände. Während des anschließenden Krankenhausaufenthaltes waren die schlimmsten Verletzungen innerhalb einer Woche glücklicherweise so weit regeneriert, dass beide die Klinik wieder verlassen konnten.

In Japan

Den wohl allergrößten Sturz überlebte ein japanischer Student. Im Sommer 1972 verlor Yutaka Sonoda beim Gletscher-Aufstieg auf den Tsurugidake (3003 m) in Japan den Halt, rutschte weg und stürzte 1500 Meter durch Schneerinnen hinab, wo der Sturz unten sanft auslief. „Der Sturz schien überhaupt nicht enden zu wollen“, berichtete er später. Er zog sich glücklicherweise nur am rechten Arm eine leichte, eher harmlose Verletzung zu. Sonst nichts, was bei dieser Sturzhöhe wahrlich nicht zu erwarten gewesen ist. ■

Marmolada-NW-Flanke – Sturzhöhe von Norbert Sandner 600 Meter.

1 Hanfseile sind, wenn sie nass waren, langsam gefault und zwar so lange, bis sie wieder getrocknet waren. Denn Hanf ist ein Naturprodukt (im Gegensatz zu den späteren und heutigen Perlon-, Nylon- bzw. Polyamidseilen, die aus Kunstfasern gefertigt sind, denen macht die Feuchtigkeit nichts weiter aus). Auf Grund dessen hat damals – in der so genannten „Hanfzeit“ – auch jeder Kletterer versucht, einen Sturz im Vor¬stieg grundsätzlich zu vermeiden. Auch der Verfasser dieses Beitrags hat diese Zeit noch miterlebt. Damals galt die Grundregel: Im Vorstieg niemals (!) stürzen, weil man nicht wusste, ob das Seil hält oder zu Bruch geht!

2 Auch der Autor und sein Seilpartner haben dergleichen zweimal erlebt. Einmal in der Mauk-Westwand (Wilder Kaiser) und ein zweites Mal an der Fünffingerspitze (Langkofelgruppe); in beiden Fällen kurz unterhalb des Gipfels, glücklicherweise an einem Standplatz, so dass beide selbstgesichert waren; der elektrische Schlag war deutlich zu spüren, beide wurden richtiggehend hin- und hergeschüttelt.

3 Zehn Tage zuvor war ein deutscher Bergsteiger mit seiner Tochter ebenfalls in diesem Bereich abgestürzt; beide überlebten den Absturz nicht.

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Wer die Freiheit beansprucht, sich dem Risiko auszusetzen, sollte das mit Verantwortung und Kompetenz tun. Das gilt für die Berge – aber genauso fürs ganze Leben. Nur: Wie funktioniert’s?

Von Andi Dick

Es war ein Highlight meiner Berufszeit beim DAV: Die Belegschaft der Bundesgeschäftsstelle war versammelt, um über den Entwurf eines aktualisierten Leitbilds zu diskutieren. „Freiheit und Respekt“ hatten hochbezahlte Schweizer Unternehmensberater als zentrale Werte hineingeschwurbelt; das ließen wir uns nicht bieten. Schließlich kann man ja Respekt für den Sterbenden haben, über den man gerade hinwegsteigt, nur dass man halt vor allem auf den Gipfel muss. Verantwortung dagegen verpflichtet zum Handeln nach ethischen Maßstäben und ist der unabdingbare Gegenpol zur Freiheit, wie Wolfgang Wahl herausstellte, Doktor der Philosophie und damals Bildungsreferent der AV-Jugend. Freiheit ohne verantwortliche Werteabwägung kann, ja muss zur Diktatur der Stärksten führen, wie man in unserer marktgetriebenen Welt leider häufig beobachten kann. Deshalb braucht es Verantwortung, damit die Menschheit in Menschlichkeit zusammenleben kann. Freiheit, der keine Grenzen gesetzt werden, kann in individualistischem Überschwang Grenzen verletzen – ihre große Schwester Verantwortung sichert den „contract social“ für das gute Miteinander der Gesellschaft. Und so waren wir froh und auch ein wenig stolz, dass als zentrale Werte im DAV-Leitbild nun „Freiheit und Verantwortung“ genannt wurden; der Respekt wurde an die dritte Stelle verdrängt.

Foto: Andi Dick

Verantwortung: Pflicht oder Wunschprogramm?

Wenn alpine Vereine und Bildungsverantwortliche fordern, dass der „Freiheit der Berge“ die Verantwortung zur Seite gestellt ist, ist das in der Praxis komplizierter, als es scheint. Man denke an den Slogan „let them die“, der in den 2000er-Jahren aus dem angelsächsischen Raum zu hören war. Wenn Menschen in alpine Notsituationen gerieten, solle man sie sterben lassen, statt Rettungskräfte zu gefährden, schließlich hätten sie ihr Risiko ja selbst gewählt. Bei solchen Aussagen begehrt das Herz auf: Gegenseitige Hilfe ist doch gelebte Menschlichkeit! Deshalb sollen Bergwacht-Leute es verantworten dürfen, bei einem Hilferuf aktiv zu werden. Sie tun das ja freiwillig. Und ohnehin sind sie bei der Rettungsaktion verpflichtet, ihrem Selbstschutz Priorität zu geben.

Andererseits ist etwas dran am „let them die“: Wer aufbricht, muss bereit sein, die Verantwortung für sein Handeln zu tragen und die Konsequenzen anzunehmen – bis hin zum Tod, wenn sich das Restrisiko realisiert, das man (hoffentlich bewusst) eingegangen ist. Ins Extreme gedacht: Man sollte auch niemandem die Freiheit nehmen, bewusst Gesundheit und Leben zu riskieren und man sollte solche Entscheidungen respektieren –schließlich ist sogar Selbstmord(versuch) in unserer Gesellschaft nicht strafbar. Allerdings ist damit viel Leid für die Hinterbliebenen verbunden, und gewiss wünschen wir niemandem aktiv diesen schlechten Ausgang, egal wie hanebüchen die Betroffenen auch unterwegs sein mögen. Schon gar nicht soll die realisierte Verantwortung in Form des Bergtods eine größere bergsportliche Allgemeinheit treffen. Sondern wir wünschen allen Menschen, die in die Berge gehen, dass sie wieder gesund und mit guten Erlebnissen heimkommen. Dabei hilft (Eigen-)Verantwortung. Und es wäre schön, wenn sich alle darum bemühen würden.

Andi Dick war festangestellter Redakteur bei der DAV-Zeitschrift Panorama. Inzwisc hen ist er als freier Journ alist tätig, um se iner Suche nach der „Freiheit der Berge“ wied er mehr Zeit widmen zu können. Zud em arbeitet er als Bergund Sk iführer in diversen DAV-Lehrteams

Verantwortung: drei Perspektiven

Eigenverantwortung steht im Zentrum dieses Beitrags – die Sorge für das eigene Überleben beim Bergsport. So spektakulär die Aktionen, so harsch die Umgebung, so unübersehbar die Gefahren sein mögen: Ihnen mit wachen Sinnen und Kompetenz zu begegnen und erst ganz zuletzt ein natürliches Ende zu finden – das ist ein Fundament für unsere Leidenschaft, das von vielerlei berufenen Stimmen betont wird. Etwa in Reinhold Messners Slogan zum Alpinismus, als dessen Hüter und Verkünder er sich sieht: „Ich gehe dahin, wo ich sterben kann, sterbe aber nicht.“ Oder durch psychologische Analyse, wie bei Ulrich Aufmuth: an der Grenze des Todes das Leben spüren. Und unnachahmlich beim vermeintlichen Risikofreak Eugen Guido Lammer: „Die wahre Todesgefahr ist ein Göttergeschenk … der Selbstmörder … will die Ruhe, das schnelle Ende; wir aber, die wir dem wonnigen Leben entgegenjodeln, wir begehren den Sturm, die Woge; wir wollen den Tod besiegen.“ Darum sage ich gerne, wenn jemand mir ein „Pass auf dich auf!“ zum Abschied mitgibt: „Genau deshalb gehe ich los: Wenn ich auf mich aufpassen muss, merke ich, wie viel ich mir wert bin.“

Verantwortung gilt aber nicht nur dem eigenen Wohlergehen und Vergnügen. Im Sinne des „dreifachen Blicks“ aus der alpinen (Mental-)Ausbildung gesellen sich ihr zwei weitere Perspektiven bei: neben dem Blick aufs „Ich“ noch der aufs „Du/Wir“ und der aufs „Es“. Der DAV hat diese Trias einmal durch das F.U.N.-Prinzip fokussiert, das sich bewusst gegen verantwortungslosen „FUN“ stemmt, indem man F-reundlich (Du), U-msichtig (Ich) und N-aturverträglich (Es) unterwegs ist. Verantwortung sollten wir also neben dem „Ich“ auch für das „Du“ zeigen: für unser Gegenüber, den Seilpartner, die Bergkameradin, das Team, die anderen Menschen am Berg. Und das nicht nur im Sinne der Gefährdung von Bergwachtkräften, wenn wir eine Rettung erforderlich machen, wie oben erwähnt. Auch nicht nur aus dem Grund, dass wir wohl unseren eigenen Tod verantworten können, nicht aber den Schmerz, den andere darüber empfinden – wie Mascha Kaléko gedichtet hat: „Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben.“ Die Verantwortung fürs Du und Wir beginnt schon viel früher: mit Partnerschaft auf Augenhöhe, mit Transparenz in Planung und Risikokommunikation, mit Freundlichkeit und einem Lächeln für alle Menschen am Berg – selbst wenn sie sich dämlich anstellen, langsam oder im Weg sind. Oder als Einheimische genervt sind durch unsere eigene Anwesenheit als Repräsentanten des Overtourismus …

Verantwortung fürs „Es“ schließlich betrifft die gesamte Umgebung, also nicht nur die Menschen, denen wir beim Bergsport begegnen. Das können Weidetiere sein, die unser Hund nicht schrecken soll; das Schneehuhn, dessen Ruhegebiet wir auf Skitour meiden; die Wildtiere, die wir nicht durch nächtliches Biken mit Power-Stirnlampe aufscheuchen möchten. Und die Verantwortung fürs „Es“ gilt auch der „UM-Welt“ (ein unglückliches Wort: Sie ist ja nicht getrennt von uns, um uns herum, sondern wir sind Teil von ihr …). Bei der Sorge für diese „eine Welt“ leiten uns althergebrachte Benimmregeln wie die, Abfall zur korrekten Entsorgung wieder mit heimzunehmen, bis hin zum ganzen Kanon der Nachhaltigkeit und unseres ökologischen Finger- und Fußabdrucks. Dazu darf auch das Engagement gegen Ansprüche zählen, die schwindenden Naturräume der Alpen flächendeckend mit technischen Installationen zu überziehen – bis hin zum Verzicht auf die ein oder andere Möglichkeit, noch eine Erstbegehung irgendwo reinzuquetschen oder einen zu kleinen Griff bildhauerisch zu optimieren. Verzicht ist ein zweites unpopuläres V-Wort, das sich bestens paart mit Verantwortung, gerade wenn es „ums Ganze“ geht.

Beim Bouldern gehört das „Gemeinsam“ ganz natürlich dazu. Foto: Andi Dick

U M S I C H T IG

Spüredichselbst>Tunur,was

Kompetenz entwickeln

Ehrliche Selbsteinschätzung

Tagesform?

Information: aktuell + verlässlich

1. Wahrnehmen

2. Einschätzen

3. Entscheiden

Ausrüstung + Fitness

Planung / Alternativen / Checkpoints

Unterwegs: achtsam + defensiv

Positiver Teamspirit Fördern, nicht überfordern Rücksicht auf Ängste und Schwächen

Helfen, wenn nötig Ehrgeiz hinterfragen

Rücksicht: Warten + Ausweichen

Akzeptieren – Integrieren –Sozialisieren

Unterstützen, wenn Bedarf Fehlverhalten für Gemeinwohl ansprechen

Rücksicht auf Lebensraum und Bedürfnisse

Parken mit Rücksicht

Touristische Angebote nutzen –> Wirtschaft fördern Örtliche Regeln beachten

„Subjektive“ Gefahren

„Objektive“ Gefahren

a) Weitermachen

b) Risikoreduktion (Maßnahmen/Sichern)

c) Plan B/C/D …

d) Umkehren

Wild: Lebensräume + Fluchtdistanzen berücksichtigen, Regeln beachten

Weidevieh: nicht irritieren

Pflanzen: wachsen lassen Hund anleinen

Müll mitnehmen Erosion vermeiden Fäkalien verbergen Kein Feuer im Wald

Anfahrtsstrecke

Anfahrtsmittel? –> ÖV! Auto? –> Größe, Fahrstil, Antriebsart Auto? –> Mitfahren/ Mitnehmen? Aufenthaltsdauer

Das F.U.N.-Prinzip bringt die drei Perspektiven der Verantwortung logisch in Zusammenhang. Grafik: Sensit GmbH / Wolfgang Schmidts

Verantwortung: Wie funktioniert’s?

Idealerweise versuchen wir also, unserer Verantwortung aus allen diesen drei Perspektiven gerecht zu werden. Naturgemäß wird dabei die Eigenverantwortung – für die persönliche Gesundheit –im Vordergrund stehen. Wenn der Wind mein Bonbonpapier in den Abgrund weht, brauche ich nicht das Leben riskieren, um es zu bergen. Und falls ich in Bergnot gerate, sind die Emissionen des Rettungshubschraubers eher begründbar als beim Flug in den Kletterurlaub auf Sizilien – allerdings könnte ich die Vermeidung des Rettungseinsatzes als Primärziel meiner Tourenplanung setzen … Dies vorweggenommen, können wir versuchen, Elemente zusammenzutragen, die für einen „Bergsport mit Verantwortung“ (Slogan des DAV-Präsidenten Roland Stierle) wichtig sind. Wem die folgenden Punkte aus Überlegungen zum Thema „Risiko“ bekannt vorkommen, der mag ahnen, dass Verantwortung vielleicht so etwas ist wie die helle Kehrseite des alpinen Risikos – aber eine noch weitere Perspektive umfasst.

y Wertegerüst. Dabei ist der erste und primäre Punkt das Wertegerüst. Im Sinne der alpinpädagogischen Trias Herz-Kopf-Hand ist dies das Herz: Was ist (mir) ein Berg wert? Der Alpen-Bergsport europäischer Prägung stand schon immer im Zeichen des Humanismus – wie es zum Beispiel der große Alpinist Walter Bonatti formuliert hat: „Vergessen wir nie, dass die eigentliche Bestimmung des

Free Solo ist die kompromissloseste Form gelebter Eigenverantwortung. Foto: Andi Dick

Menschen darin läge, humaner zu werden.“ Eine humanistisch fundierte Hierarchie von Werten wurde in der Tirol Deklaration vorgeschlagen – die ersten vier Punkte lauten: 1) Würde des Menschen –2) Leben, Freiheit, Glück – 3) Intaktheit der Natur – 4) Solidarität; es folgen 5) Selbstverwirklichung – 6) Wahrheit – 7) Leistung und 8) Abenteuer. Wer sein Verantwortungsbewusstsein von dieser Wertefolge leiten lässt, wird automatisch die oben ausgeführte „dreifache“ Perspektive des Ich-Du-Es berücksichtigen; erst die Punkte fünf bis acht fokussieren stärker auf das Ich und damit auf die Eigenverantwortung.

y Kompetenz. Das zweite wesentliche Element für Verantwortung im Bergsport ist die Kompetenz. Bergsportliche Fertigkeiten (bewegungstechnisch und handwerklich-sicherungstechnisch) und Bildung (Anwendungs- und Hintergrundwissen und -verständnis) sind „Hand“ und „Kopf“ des guten Unterwegsseins. Alpine Vereine und Bergführerverbände bemühen sich, Information und Ausbildung an die Menschen zu bringen, die es in die Berge und zum Bergsport zieht. Wer das verantwortlich tun möchte, sollte lernen, sich gut und sicher zu bewegen; sollte Sicherungstechniken kennen und situativ anwenden können; sollte Gefahren der Berge verstehen, erkennen und wissen, wie man ihnen begegnet; und sollte aus kritisch verarbeiteten Informationen eine angemessene Tourenplanung entwickeln und in die Praxis umsetzen können. Dabei können am Anfang einfache Faustregeln helfen, mit wachsendem TourenAnspruch wird die Aufgabe komplexer – wer verantwortlich unterwegs sein will, weiß, dass man am Berg (wie im Leben) nie ausgelernt hat.

y Ehrliche und Realistische Selbsteinschätzung. Eine ehrliche und realistische Selbsteinschätzung hilft, bei der Anwendung des Gelernten auf die konkrete Situation immer auf festem Boden zu bleiben. Denn wenn Verantwortung auf luftschlossartigen Selbstbildern basiert, hängt sie irgendwie im Leeren. Die Wahrheit ist das beste Fundament. Was freilich Wahrheit ist, damit hatte schon Pontius Pilatus seine Probleme. In der alpinen Ausbildung und in Fachmedien findet man gelegentlich das Schlagwort „Faktor Mensch“ –in der alpinen Praxis dürften die Überlegungen dazu ruhig stärker priorisiert werden. So könnte ein modernes „3x3“ der Tourenplanung mit dem „Faktor Mensch“ beginnen: Was wollen wir erleben? Wie viel Risiko ist uns das wert? Was können wir (Kompetenzen, s. o.)? Wie sind wir aktuell drauf? Wie vertraut sind wir einander? Wie weit wollen wir also unsere potenziellen Spielräume ausreizen? Und erst danach würde der Faktor „Verhältnisse“ (allgemeine Bedingungen, Wetterlage und -prognose samt Unsicherheiten, aktuelle Unfälle/Beschädigungen o. Ä.) zur Auswahl des geeigneten „Geländes“, also einer passenden Tour führen – nach den Schlüsselfragen: Können wir das? Dürfen wir das (aktuell)? Wollen wir es? Ehrlichkeit ist nicht einfach und nicht selbstverständlich. Leider drängt uns auch die Gesellschaft immer noch tendenziell, bella figura zu machen, statt Schwächen einzugestehen. Dagegen könnte gerade am Berg der „Mut zur Angst“ lebenserhaltend wirken: sich dem Partner anvertrauen, faktenbasiert diskutieren, entscheiden in der Balance von Vernunft und Gefühlen – solche Prozesse könnten uns auch im Alltagsleben gut tun (dazu später mehr).

y Wache Wahrnehmung. Verwandt mit Ehrlichkeit und Selbsteinschätzung ist die wache Wahrnehmung der umgebenden Realität. Vielerlei Wahrnehmungsfallen gehören zum „Faktor Mensch“: Tunnelblick, Ehrgeiz, Gruppendruck, Kontrollillusionen, Ablenkung … Auch hier läge noch Potenzial für die alpine Ausbildung – nur dass ein Seilknoten oder sogar das System Snowcard leichter zu vermitteln sind als solche internen Phänomene, die sich nicht ohne Weiteres aus dem Unterbewussten ans Tageslicht heben lassen. Zumindest verstärkte Aufklärung, idealerweise garniert mit Unfallbeispielen, wäre wünschenswert; dann kann man unterwegs oder spätestens bei der Touren-Nachbesprechung vielleicht über ein Aha-Erlebnis dazu kommen, kein weiteres Mal in die Falle zu tappen.

y Informationelle Mündigkeit. Ein zunehmend wichtiger Punkt für Verantwortung im modernen Bergsport ist informationelle Mündigkeit. Wobei es aus Sicht eines „Senders“ (Autor, Ausbilder, Vereins-Öffentlichkeitsarbeit …) wenig sinnvoll erscheint, die Überlegenheit lektorierter gedruckter Führer gegenüber Online-Tourentipps zu betonen oder dass eine gedruckte Landkarte keine Akkuoder Empfangsprobleme kennt. Die breite Verfügbarkeit unterschiedlich zuverlässiger Informationen im digitalen Raum verändert die Tourenplanung vieler, gegen diesen Fakt hilft kein Predigen. Andererseits lassen Phänomene wie die Präsenz von Helmen bei Skitouren (auch beim Aufstieg) hoffen, dass die neue Berg-Generation offen ist für Empfehlungen, die Verantwortung realisierbar machen. Etwa: Eine Information gilt erst, wenn sie durch eine unabhängige zweite Quelle bestätigt ist – und wenn die Schwierig-

keitsangaben absolut quantifiziert und verstanden sind. (Beispiel: Eine T4-Wanderung über 770 Höhenmeter kann für manche eine „nette Nachmittagstour“ sein, aber nicht für eine hundertköpfige Schülergruppe.) Ist dieser Wunsch nach kritischer Informationsauswertung blauäugig? Oder elitär?

y Klares, bewusstes Entscheiden. Zuletzt braucht Verantwortung klares, bewusstes Entscheiden – im akzeptierenden Wissen um die möglichen Konsequenzen. Wo es keine Transparenz gibt, kein Sprechen über konkrete Gefahren, Ängste und Schwächen, kein Abwägen von Chancen und Risiken, da schleudert eine Unternehmung gerne diffus ins Ungewisse. Das Idealbild heißt hier: alles im Blick, allen bewusst, von allen gewollt. Bei einer Gruppe von Freunden braucht es dafür die oben genannten Bedingungen Vertrauen, Ehrlichkeit und Transparenz – und es kann helfen, wenn eine Person den „advocatus diaboli“ spielt, den Teufelsadvokaten, der alles noch einmal in Frage stellt. Diese Option müsste man beim Alleingang in Form eines „inneren Teams“ realisieren; als Vorteil hat man beim Solo, dass man leichter ehrlich sein kann (könnte?). In organisierten Gruppen scheinen Entscheiden und Verantworten klar delegiert als Führungsaufgabe; ein moderner Führungsstil allerdings setzt auf transparente, partnerschaftliche Entscheidungsfindung auf Augenhöhe – Ausnahme: Notsituationen, in denen keine Zeit zum Diskutieren ist.

Tja: eine ehrliche Selbsteinschätzung ist jetzt gefordert.

Foto: Andi Dick

Verantwortung: durch alpine Mündigkeit

Generell ist das Idealbild für „Bergsport mit Verantwortung“ eine „alpine Mündigkeit“, also zu wissen, was man tut, und nur zu tun, was man kann. Und nicht fremdgesteuert sich verführen lassen von informationsdefizitären Medien-Einflüsterungen oder von gefühltem Konkurrenzdruck durch falsche Vorbilder. Wem das alles zu anspruchsvoll ist, der kann Verantwortung auch delegieren und sich einer geführten Tour (AV-Sektion, Bergschule) anvertrauen. Allerdings sollte man auch diese Entscheidung bewusst und verantwortlich treffen – und sich klar sein, dass niemand einem die Verantwortung komplett abnehmen kann. Zudem verstehen sich moderne Tourenführer als Coaches, die Verantwortung mit den Gästen so weit wie sinnvoll möglich teilen und ihre Kompetenz zu fördern versuchen (siehe oben). Warum sich also nicht gleich darum bemühen, eigene alpine Verantwortungsfähigkeit aufzubauen? Wer zum Arzt geht, informiert sich ja heute auch gerne parallel über Google, um gute Fragen stellen und Antworten einordnen zu können. Verantwortung tragen lernt man durch Exposition, nicht durch Vermeidung. Wie Ronja Räubertochter, die sich auf Anweisung ihres Vaters „vor dem Wildbach hütet“, indem sie neben den Stromschnellen von Stein zu Stein hüpft. Leider geht die gesellschaftliche Tendenz zur Überbehütung: Eltern, die meinen ihre Kinder vor allen Gefahren bewahren zu müssen, verwehren ihnen die Erfahrung, sich zu bewähren – etwa Kompetenz im Straßenverkehr zu erwerben, statt sich in zwei Tonnen Stahl zur Schule transportieren zu lassen. Solch kastrierende Erziehung musste ich einmal im Klettergarten beobachten, als ein Kind auf einen nicht hohen Stein gestiegen war und sich nicht mehr hinuntertraute – und den Eltern nichts Besseres einfiel, als es herunterzuheben, statt es zum Versuchen zu ermuntern und vielleicht Sicherheitsstellung dabei zu leisten. Das Ideal- und Gegenbild kann man im Abspann des Films „Dawn Wall“ genießen: Da spornt Tommy Caldwells Frau den gemeinsamen kleinen Sohn immer wieder an bei seinen Bemühungen, auf einen Felsen zu krabbeln – und als er es ohne Hilfe geschafft hat, ist er der glücklichste Mensch der Welt.

Verantwortung: nicht nur am Berg wertvoll

Auf solche Art Selbstwirksamkeit zu erfahren und begründetes Selbstbewusstsein zu gewinnen, das tut fürs gesamte Leben gut. Und könnte auch fürs „Du“ und „Es“ positiv wirken. Denn verantwortliches Entscheiden auf Basis möglichst valider Fakten und die Bereitschaft, Konsequenzen zu tragen: Das ist nicht nur am Berg angesagt – sondern das wären auch Tugenden, die unsere Gesellschaft braucht. Wir, als gesamte Menschheit und besonders im Wohlstands-Mitteleuropa, leben weit über unsere Verhältnisse, was etwa den Ressourcenverbrauch und die Treibhausgas-Emissionen angeht. Verantwortliches Verhalten müsste bedeuten, diesen Lebensstil massiv einzuschränken, damit für unsere Enkel noch eine lebenswerte Welt bleibt – so wie ein Gutteil der Felsen für künftige Abenteurer bohrhakenfrei bleiben sollte. Stattdessen geht oft ein großes Geheule und Demonstrieren los, wenn auch nur der leiseste Druck entsteht, Subventionen abgebaut werden oder Preise steigen – und die einzig angemessene Reaktion scheint dann die Forderung, vom Staat aufgefangen zu werden (wie von Helikopter-Eltern), als Einzelperson oder als Firma, die die rechtzeitige Konversion zu zukunftsfähigen Technologien versäumt hat. Das erinnert an die Menschen, die sich einmal bei einer Hütten-Sektion beschwerten, weil am Wanderweg ein Stein etwas weit herausstand, statt die Verantwortung für aufmerksames und kompetentes Gehen selbst zu tragen.

In einer solchen Gesellschaft können auch Parteien überleben, die die absolute Freiheit (des Marktes, der Stärksten …) zum Programm machen und die Verantwortung auf ein technologisches Kaninchen schieben, das die Zukunft aus dem Zylinder zaubern soll. Oder auf den allseligmachenden Markt – der uns in Wirklichkeit nur in ein Luxus-Baumhaus gebracht hat, das aus dem Wurzelholz desselben Baumes gebaut wurde. Sprich: der uns ein Wellness-Leben ermöglicht, das leider auf unverantwortlich überschießender Ressourcenausbeutung und damit langfristiger Zerstörung unserer Lebensgrundlagen beruht. Wohin Marktliberalismus ohne Sozialverantwortung führen kann, sieht man in den USA, wo viele Menschen ohne staatliche Krankenversicherung und Altersvorsorge alleingelassen sind – Jim Bridwell, der tanzende Woo-Li-Master aus vielen El-CapKlassikern, musste in seinen letzten Jahren um Crowdfunding für seine medizinische Behandlung werben. Geradezu zynisch wirkte da, wie einst in der BRD-Rentendiskussion der Begriff „Eigenverantwortung“ missbraucht wurde: Man forderte eine eigeninitiative Altersvorsorge – ohne gleichzeitig sicherzustellen, dass das Lohnund Gehaltssystem für deren Finanzierung ausreicht.

Uns Bergsteigern wird ja oft Eskapismus vorgeworfen: dass wir vor dem, was in der Gesellschaft schiefläuft, den Berg hinauf davonlaufen. Deshalb musste dieser Ausflug in die Niederungen des Alltags sein, sorry. Auch in der Gesellschaft wären die Elemente aus dem Absatz, wie Verantwortung funktionieren könnte, sinnvoll. Klappt nur nicht; genauso wenig, wie die Berge eine heile Welt sind. Wir dürfen trotzdem hinaufsteigen – eine Auszeit bieten sie uns wahrscheinlich, vielleicht gar eine Illusion von Reinheit und Erhabenheit. Und eine gute Trainingsmöglichkeit dafür, Verantwortung zu tragen. Wenn wir das dort oben gelernt haben, können wir es ja mitnehmen, wenn wir irgendwann auch wieder runterkommen. Und dann können wir vielleicht – zumindest im eigenen Leben –anfangen, es besser zu machen. n

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„Handy-App führt Bergsteiger in den Tod“

Im Spätsommer 2023 macht ein Ereignis die Runde in den deutschen Medien: Ein Wanderer verunglückte in den Berchtesgadener Alpen tödlich, da er, so die Vermutung, mit Hilfe einer App einem Steig folgte, der zu diesem Zeitpunkt in der verwendeten OpenStreetMap (OSM) eingezeichnet war, in der Realität aber nicht existierte.

Von Wolfgang Warmuth

Die digitale Eigenverantwortung am Berg

Die Bild-Zeitung titelte ihren Beitrag dazu gewohnt reißerisch: „Handy-App führt Bergsteiger (34) in den Tod“, aber auch andere Medienhäuser sahen die Verantwortung vor allem auf Seiten von Wander-Apps. Durch die große Medienaufmerksamkeit war auch das Team von alpenvereinaktiv für mehrere Wochen ein gefragter Interviewpartner und konnte die Expertise der Alpenvereine mit einbringen. Dieser Unfall, die Berichterstattung der Medien und die übrigen (Unfall-) Ereignisse in Zusammenhang mit Apps am Berg haben uns dazu bewogen, der Thematik auf den Grund zu gehen. Besonders im Hinblick auf die (Eigen-)Verantwortung eröffnet sich ein spannender Bereich, der sich von den App-Herstellern über die Tourenportalbetreiber bis hin zu den Nutzer:innen erstreckt. Der Unfall in Berchtesgaden ist nur die Spitze des Eisberges und ein Blick in die Medienberichte der letzten Jahre zeigt uns ein breites Spektrum an Ereignissen, an denen Tourenportale oder Apps beteiligt waren. Dazu gehören beispielsweise tödliche Abstürze an der Maiwand oder Benediktenwand in Bayern und viele Berichte über Rettungen von Personen, die vermeintlich von ihrer App oder einem digitalen Tourenportal in eine Notlage geführt wurden (Abb. 1).

Dazu gehören aber auch nicht alltägliche Fälle, wie der von 99 Schülern und acht Lehrern, die im Kleinwalsertal auf einer „Feierabendrunde“ gerettet werden mussten, oder sehr tragische Ereignisse, wie das Unglück auf der Haute Route an der Pigne d’Arolla. Alle diese Geschehnisse haben eines gemein: technische Helfer wie Tourenportale und Apps waren beteiligt oder sogar ausschlaggebend für deren Verlauf. Analysiert man die Ereignisse genauer, dann lassen sich daraus drei Problemfelder ableiten:

1. Fülle an Infos in den digitalen Tourenportalen, aber trotzdem schlecht oder falsch informierte Leute am für sie falschen Ort/in einer für sie unpassenden Tour  Beispiel der 99 Schüler im Klein walsertal.

Was war am Heuberggrat im Kleinwalsertal passiert? Eine von acht Lehrern geführte 99-köpfige Schülergruppe musste gerettet werden. Die Lehrer hatten zur Tourenplanung das Portal hikr.org konsultiert. Der Autor der Tourenbeschreibung beschreibt die Tour ausführlich. Zugleich gibt er in einem Satz seine subjektive Sicht auf die exponierten Passagen am Grat wider: „Der Kamm wird zwar an 2–3 Stellen etwas schmaler und bei 2 kleinen Aufschwüngen muss man evtl. auch kurz die Hände aus der Hosentasche nehmen, aber schwierig ist hier nichts.“ Insgesamt gibt der Autor aber mit T4 eine korrekte und genaue Schwierigkeitsbewertung ab. T4 wird folgendermaßen definiert:

Wegspuren, oft weglos. Raues Steilgelände. Einzelne einfache Kletterstellen (I). Blockfelder. Steile Grashalden und Schrofen. Einfache Schneefelder. Gletscherpassagen, meist markiert. Exponierte Stellen mit Absturzgefahr. Außerdem gibt der Autor eine Kletterbewertung an. Hätten die Lehrer die Tourenbeschreibung genau studiert und über ein Mindestmaß an TourenplanungsKompetenz verfügt, wäre diese Tour – trotz der verharmlosenden Aussagen – niemals in die engere Auswahl gekommen (Abb. 2).

2. Verschiedene Karten mit Stärken und Schwächen, mangelhafte/fehlende Kartenlesekompetenz  z. B. die Unfälle an Maiwand und Laafeldkopf in Zusammenhang mit der OpenStreetMap.

Wolfgang Warmuth studierte Geographie und ist Bergund Skiführer. Er arbeitet bei alpenvereinaktiv, d em digitalen Tourenportal von DAV, ÖAV und AVS.

Abb. 1 Berichte wie dieser häuften sich in letzter Zeit.

Abb. 2 Tourenbericht über den Heuberggrat von Andy84 auf: hikr.org

Was war an der Maiwand passiert? An der Maiwand bei Flintsbach zwischen Kufstein und Rosenheim kamen 2022 drei Wandernde ums Leben – weil sie einen Pfad ge-gangen sind, der zumindest in den meisten gedruckten Karten nicht eingezeichnet war, sondern in einer App, die auf das Kartenmaterial der Plattform OpenStreetMap zugreift. Und da war ein Weg eingezeichnet, den man nur mit sehr viel Bergerfahrung und bei TopBedingungen in Angriff nehmen sollte. Denn er ist mit Felsen durchsetzt und führt durch abschüssiges Terrain. Zu der Zeit lag dort auch noch Schnee. Und genau darauf sind die drei ausgerutscht und tödlich verunglückt. Am Laafeldkopf folgte der Wanderer vermutlich auch einem auf der OpenStreetMap eingezeichnetem Steig, der in keiner anderen Karte vermerkt ist (Abb. 3).

3. Technische Grenzen der elektronischen Helfer und entsprechende Tourenvorbereitung  z. B. Unfall am Pigne d’Arolla

Was war am Pigne d’Arolla passiert? Ein Bergführer geriet mit seiner Gruppe in einen Sturm. In der Kälte versagte der Akku des Smartphones, das er als alleiniges Navigationsgerät nutzte. Ein Kunde hatte zwar noch ein GPS-Handgerät dabei, aber ohne geeignete Karte und vorbereitete Route. Die Gruppe fand die rettende Hütte nicht mehr und sieben Menschen verstarben.

Hinein in die Navifalle?

Zu alledem offenbaren uns die Medien noch einen weiteren Umstand: Die Bergrettungen Österreichs (und sicher auch der anderen Alpenländer) sind mit einer enormen Zunahme an Einsätzen konfrontiert. Bei den meisten Einsätzen handelt es sich aber nicht um schwer verletzte Personen, die etwa im steilen Gelände stürzen oder in Klettersteigen verunglücken. „Am häufigsten fällt leider auf, dass wir unverletzte Personen aus dem alpinen, unwegsamen Gelände retten. Die Personen sind verstiegen, verirrt oder blockiert im Gelände und dies ist meistens auf mangelnde oder keine Tourenvorbereitung und Tourenplanung zurückzuführen“, bringt es Stefan Schröck, Landesleiter der Bergrettung Steiermark in einem ORF-Beitrag auf den Punkt.

Es stellt sich somit die Frage, ob der Bergsport oder zumindest ein Teil davon auf einem direkten Weg dorthin ist, wo sich der Straßenverkehr schön länger befindet: hinein in die Navi-Falle? (Abb. 4)

Dass die Nutzung von digitalen Tourenportalen und Orientierungs-Apps nicht per se selbsterklärend ist, sondern dafür Wissen, Können und durchaus eine ordentliche Portion Eigenverantwortung gefragt sind, ist sicherlich vielen Gelegenheits-Berggehern nicht klar. Nur wie klar ist diese The-

Abb. 3 Der Laafeldkopf in drei verschiedenen Kartenausschnitten. Oben: OpenStreetMap mit dem eingezeichneten Steig zum Gipfel und nach Norden, der in felsiges, wegloses Gelände führt. Mitte: Kompasskarte ohne eingezeichnete Wege zum und vom Laafeldkopf. Unten: Alpenvereinskarte ebenso ohne eingezeichnete Wege zum Gipfel. Auf dem Tourenportal alpenvereinaktiv kann ich mit der Bezahlversion alle drei Kartentypen als Grundlage auswählen. Um diese richtig zu nützen, braucht es jedoch Hintergrundwissen (siehe nachfolgender Artikel von Werner Beer).

matik unserer Bergsport-Community selbst? Welche Kompetenzen haben Bergführer:innen, Tourenführer:innen oder unsere AV-Mitglieder in diesem Bereich? Ich wage zu behaupten: Im Vergleich dazu, wie häufig Smartphones und Apps am Berg verwendet werden, ist das spezifische Wissen zu deren Stärken und Schwächen sowie zu speziellen Themen oftmals dürftig. Das Problem liegt, wie man so schön sagt, meist vor dem Bildschirm. Wenn wir Tourenportale und Apps nutzen wollen, dann müssen wir alle den richtigen Umgang mit ihnen lernen. Die sehr dynamische Weiterentwicklung von Apps wie alpenvereinaktiv mit regelmäßigen

Updates und immer wieder neuen Funktionen macht es Nutzern nicht immer leicht, auf dem neuesten Stand zu bleiben. Das muss man ehrlicherweise auch sagen. Rein aus technischer Sicht sollten wir uns jedenfalls nicht darauf verlassen, dass Apps am Berg alle Probleme lösen können. Anders, als wir es im urbanen Raum vielleicht schon von ihnen gewöhnt sein mögen. Um nicht selbst in eine Notlage zu geraten, braucht es also mehr als das Wissen um die Bedienung einer App oder eines GPS-Gerätes. Vielmehr braucht es ein sehr eigenverantwortliches Handeln und ein bewusstes Einsetzen dieser Hilfsmittel.

Abb. 4 Stolpert der Bergsport auch bald in die Navi-Falle?

Abb. 5 Nur für das Kleinwalsertal spuckt das Tourenportal 1900 Vorschläge aus – ohne Filter verirrt man sich im Datendschungel.

Abb. 6 Wer diesem Track folgt, wird wahrscheinlich nicht lebend auf die Hütte zurückkommen.

Abb. 7 Titel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Problemfeld 1: Was ist die Lösung?

Das Problemfeld 1 (Beispiel der 99 Schüler) lässt sich, zumindest auf dem ersten Blick, ganz einfach und klar lösen: eine vollständige Tourenplanung machen und sich selbstkritisch mit dem Tourenziel auseinandersetzen. „Ja logisch“, denken sich jetzt sicher manche. „Geht ja eh alles mit Tourenportalen ruckzuck. Hätte der Lehrer halt einfach alpenvereinaktiv.com verwendet und nicht hikr.org, dann wäre ihm das nicht passiert.“ Dann schauen wir uns das doch mal genauer an, denn so einfach ist es auch wieder nicht. Suchen wir auf alpenvereinaktiv eine Wanderung oder Bergtour im Kleinwalsertal, dann bekommen wir – nur dort –rund 1900 Touren angeboten (Abb. 5).

Der Heuberggrat, von dem die 99 Schüler gerettet wurden, in schlechterer Qualität als bei hikr.org ist eine davon. Erst wenn man weiß, welche Filter gesetzt werden sollten, und wenn man erkannt hat, dass es auf alpenvereinaktiv verschiedenste Quellen gibt, die vertrauenswürdig sind oder eben nicht, dann reduzieren sich die Suchergebnisse und man findet sehr hochwertige und gut recherchierte Tourenbeschreibungen. Weiß man das alles nicht, dann lassen sich selbst auf alpenvereinaktiv Tourenbeschreibungen finden, die niemals auf einem Tourenportal der Alpenvereine zu finden sein sollten. Es stellt einem regelrecht die Haare auf, wenn man liest, was offizielle Quellen wie Tourismusverbände auf dieser Plattform veröffentlichen. Dürftige Toureninformationen gespickt mit schönen Bildern, die nicht von der Tour oder dem Berg selbst stammen, mit Routen, denen man niemals folgen sollte und mit Wegbeschreibungen, die am Schreibtisch als Werbetext erstellt wurden (Abb. 6).

Sind wir also, selbst wenn wir eine Tourenplanung machen wollen, doch auf dem Weg „App in den Abgrund“, wie die FAZ schreibt (Abb. 7).

Wenn es scheinbar gar nicht so leicht ist, mit Tourenportalen eine verlässliche Planung zu machen, vielleicht kann uns dann die KI weiterhelfen? Diese wird mittlerweile schon kräftig eingesetzt. Komoot macht daraus kein Geheimnis, sondern beschreibt das Vorgehen transparent und generiert

vollständige Tourenbeschreibungen sowie Tipps für Regionen automatisiert durch Algorithmen. Das Portal AllTrails schließt sich dem an – genauso Bergfex. Dort werden massenhaft Touren unter der Quelle „Bergfex Tour Generator“ generiert, alle ohne jeglichen Beschreibungstext und mit dürftiger Schwierigkeitsangabe. Erstellt werden die Touren scheinbar ausschließlich anhand der routingfähigen OSM-Wegedatenbank. Sie führen oftmals über nicht markierte Wege und Steige. Betrachtet man mehrere dieser Touren, die als vermeintlich fertige Inhalte und für alle nutzbar auf dem Portal landen, dann findet man häufig derartige Fälle wie in Abbildung 8. Die Route zweigt nach links ab und endet in einer Sackgasse (Pfeil). Nun müsste man laut Navigationsapp umdrehen und denselben Weg wieder über einen Kilometer absteigen, um auf die Hauptroute zu gelangen. Laut Karte trennen die Wanderer am Ende der Sackgasse aber nur wenige Meter wegloses Gelände von der weiterführenden Hauptroute.

Was die Wandergruppe, die sich von der App blindlings navigieren hat lassen, nun macht und ob daraus ein Einsatz für die Bergrettung resultiert, kann sich jeder selbst ausdenken.

Ob es darüber hinaus im Hinblick auf die naturverträgliche Besucherlenkung sinnvoll ist, Leute auf unmarkierte Steige zu lotsen, ist ebenfalls zu hinterfragen. Gerade im Umfeld von touri-stischen Regionen.

Wohl eher nicht …

Die KI kann uns die Arbeit einer vollständigen Tourenplanung also momentan nicht abnehmen und KI-erstellte Touren sind mit Vorsicht zu genießen. Vielmehr ist die klare Empfehlung, sich an gut recherchierte Inhalte von verifizierten Quellen zu halten. Auf alpenvereinaktiv.com z. B. an die Inhalte unserer geschulten AV-Autoren, die anhand des alpenvereinaktiv.com-Logos und der Angabe der jeweiligen Sektion erkennbar sind. Oder an das SAC-Tourenportal, welches ausschließlich Inhalte der eigenen Autoren veröffentlicht.

2Problemfeld 2: Was ist die Lösung?

Der Problematik rund um die OpenStreetMap und die Qualität verschiedener Kartenprodukte geht Werner Beer im folgenden Artikel aus kartografischer Sicht auf den Grund. Nutzen wir Karten und Tourenbeschreibungen in Apps und Tourenportalen, dann müssen wir das Problem aber auch aus der Anwendersicht betrachten. Denn Karten bilden immer die Basis unserer Tourenplanungen, das ist bei eigenen Planungen dasselbe wie bei bereits veröffentlichten Tourenbeschreibungen. Nutzer des SAC-Tourenportals können sich bei dem Thema entspannt zurücklehnen, denn hier hängt alles mit der zentralen und sehr hochwertigen Kartengrundlage von Swiss-

Abb. 8 Die KI generiert Touren, die in einer Sackgasse enden (Pfeil).

topo zusammen. Anders sieht das bei alpenvereinaktiv oder Portalen wie Komoot und Bergfex aus. Hier steht entweder nur die Wegedatenbank der OpenStreetMap für das Routing zur Verfügung oder eine Kombination aus verschiedenen, teils öffentlichen Daten. In der alpenvereinaktiv-/ Outdooractive-Welt hat man beide Möglichkeiten zu Auswahl: einerseits die OSMWegedaten, wenn die OSM als Grundkarte aktiviert ist, und andererseits die Outdooractive-Karte mit ihren möglichst offiziellen Wegedaten, die von Swisstopo, vom Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (BEV) oder anderen nationalen Institutionen stammen können.

Wann welche Wegedaten für das Routing verwendet werden, woher die Daten stammen und wie sich das auf die Tourenplanung auswirkt, ist aber für die wenigsten Nutzer sofort ersichtlich oder selbsterklärend. Vielen Nutzern ist das auch schlichtweg egal, da sie nicht über das nötige Wissen zu den verschiedenen Kartengrundlagen verfügen oder Apps nur mit der kostenlosen OSM-Karte verwenden. Jede Karte hat allerdings ihre Stärken und Schwächen, die man erst erkennen und lernen muss, und somit auch ihre Vor- und Nachteile für die jeweiligen Bergsportarten. Während sich für das Wandern oder Biken z. B. die Kompass-Wanderkarte anbietet, ist für Skitouren oder Hochtouren eher die Outdooractive-Karte oder die klassische Swisstopo-/AV-Karte die erste Wahl. Wenn aber ein Nutzer in einem Tourenportal eine Tour plant und vielleicht sogar veröffentlicht und dabei unreflektiert nur die OSM als Grundlage für das automatische Routing verwendet, dann kann es leicht zu Problemen wie an der Maiwand oder Benediktenwand kommen. Dasselbe gilt für

KI-generierte Touren, die anhand der OSM erstellt werden. Aber mehr dazu im Artikel von Werner Beer.

Die Lösung für dieses Problem mag für manche nicht sehr verlockend klingen: Karten lesen und mit ihnen arbeiten können will gelernt sein – und dafür muss man sich einfach mit der Thematik auseinandersetzen oder Schulungen dazu besuchen. Gerade für die alpinen Vereine würde sich hier ein großes Betätigungsfeld im Ausbildungsbereich auftun, wo sich die klassische analoge Orientierung und Kartenkunde perfekt mit der digitalen Welt vereinen lässt.

3Problemfeld 3: Was ist die Lösung?

Das technische Know-how kann man sich entweder durch learning by doing und trial and error (natürlich unter sicheren Rahmenbedingungen) aneignen oder man besucht spezielle Schulungen zu dem Thema. Dass ein Smartphone bei Kälte und Nässe an seine Grenzen stoßen kann, ist jedem irgendwie bewusst. Wie schnell das aber am Berg wirklich gehen kann, sollte man nicht erst im Notfall erfahren müssen – ohne Backups und Redundanzen. Für die alpinen Vereine ist das ebenfalls wieder ein spannendes Feld für Kurse. So bietet beispielsweise das alpenvereinaktiv-Team über die ÖAV-Akademie regelmäßig das Update „Orientierung und digitale Tourenplanung“ an, wo auf alle oben genannten Punkte ausgiebig eingegangen wird.

pPlädoyer für mehr digitale Bildung und eine einheitliche Schwierigkeitsskala

Auch wenn unsere schnelllebige Zeit uns gerne in eine andere Richtung lenken würde, so bleiben am Berg doch die wichtigsten Instrumente unser Kopf und unsere gelernten Kompetenzen in Sachen Tourenplanung und Orientierung. Gerade in der digitalen Welt ist daher eine kritische Auseinandersetzung mit den veröffentlichten Toureninformationen und den technischen Möglichkeiten von Apps ganz zentral. Das will gelernt sein und braucht eine eigenverantwortliche Anwendung.

Hier kommen nun die alpinen Vereine wieder ins Spiel, denn eine wichtige Säule unserer digitalen Tourenportale sollte das Thema Ausbildung sein. Die Bedienung ist nicht für jeden selbsterklärend und die ganz konkreten Grenzen einer App oder eines Smartphones sollten nicht erst am Berg ins Bewusstsein rücken. Im Themenfeld der digitalen Tourenplanung und Orientierung gibt es viel zu vermitteln, von der „einfachen“ Anwenderschulung bis hin zu Kursen speziell für Tourenführer:innen, Bergführer: innen und Ausbilder:innen. alpenvereinaktiv, als zentrales Tool der Planung und Orientierung von DAV, AVS und ÖAV, sollte daher fundamental in den Ausbildungen der Sektionen und auch in den Bildungsangeboten der (Haupt-)Vereine verankert sein. In vielen Sektionen ist das schon der Fall und die alpenvereinaktiv-Beauftragten (eine Funktion innerhalb des ÖAV) sowie versierte Ausbilder im AVS und DAV leisten hier sehr wertvolle Arbeit. In mindestens genauso vielen Sektionen gibt es aber definitiv noch Luft nach oben, weshalb hier die Hauptvereine mit Bildungsangeboten

unterstützen. Neben den Kursangeboten braucht es darüber hinaus ein gutes Konzept und einen roten Faden für die Ausbildungen, damit die klassische Orientierung und Kartenkunde als untrennbare Einheit mit den digitalen Tools wie alpenvereinaktiv oder SAC-App gelehrt wird.

Aber nicht nur die Bildung ist ein wichtiges Feld, auf dem die Vereine aktiv werden sollten. Denn selbst wenn die Anwender von Tourenportalen gut geschult sind, bleibt noch ein Problem übrig: das Fehlen einer einheitlichen und alpenweit gültigen Schwierigkeitsbewertung für (Berg-)Wanderwege und Skitouren sowie für die veröffentlichten Tourenbeschreibungen derselben. Gerade beim Wandern und Bergsteigen, das von den meisten Bergsportler:innen betrieben wird und bei dem die meisten Unfälle geschehen, haben wir in den Ostalpen keine einheitliche Schwierigkeitsskala, anhand derer sich Sportler:innen gut selbst einschätzen können. Die Schwierigkeitsskalen des SAC wären ein fundiertes System, das man auch in den Ostalpen etablieren könnte. Von einigen Tourenportalen und von der OpenStreetMap wird das schon gemacht und das Wegenetz sowie die Touren der Ostalpen klassifiziert. Wir alpine Vereine sollten das aber selbst in die Hand nehmen und nicht einer User-Community oder anderen Unternehmen überlassen.

Im Glauben erschüttert

Die Grundlage der digitalen Tourenplanung und Orientierung ist nach wie vor die Karte. Damit wir eigenverantwortlich navigieren können, müssen wir verstehen, wie OpenStreetMap und Co funktionieren und wo ihre Grenzen liegen.

Gut recherchierte und toll bebilderte Tourenbeschreibungen von gut ausgebildeten Tourenführer:innen, maßlos untertriebene Wegzeitangaben in Beiträgen von selbsternannten Alpinexpert:innen mit Hang zur Selbstdarstellung und ganz enger Kleidung, Ausflugstipps mit subtilem Tourismusinteresse oder KI-generierte Tourenvorschläge –die Bandbreite an Informationen zu Touren ist groß und nicht immer leicht zu durchschauen (siehe dazu auch den Beitrag von Wolfgang Warmuth in dieser Ausgabe).

Dazu kommt die unglaubliche Fülle an Informationskanälen, vom seriösen Tourenportal bis hin zu ach so geheimen Tourentipps in den sozialen Netzwerken. Und weil das noch nicht reicht, ist nicht einmal die Wahl der optimalen Datengrundlage für die eigene Planung so ganz einfach und eindeutig. Wem kann man denn überhaupt noch vertrauen? Ist man vermeintlichen Experten und Selbstdarstellern zwangsläufig ausgeliefert? Hier hilft es sehr, wenn man sich ein wenig mit den Hintergründen befasst.

Es ist ein großer Vorteil, wenn ich bereits über Erfahrung verfüge, ob sich die Angaben von gewissen Autoren, Führerliteratur und Internetplattformen mit der Wirklichkeit tatsächlich decken. Wir kennen wohl alle Beispiele, wo wir bereits Fehler erwarten, weil das Topo vom Verlag X erfahrungsgemäß recht ungenau ist und Schwierigkeiten und Seillängen stark abweichen können. Die Gehzeitangaben von Autor Y können wir getrost halbieren, weil diese eher auf die botanisch Interessierten zutreffen. Systematische Fehler kann ein intelligenter Mensch recht schnell wahrnehmen und bei künftigen Unternehmungen mit ins Kalkül ziehen. Interessanterweise ist hier auch das Bewusstsein für mögliche Fehlangaben geschärfter.

dDie Grundlagen

Doch wie sieht es bei Grundlagendaten aus, auf deren Basis wir uns selbst Gedanken machen wollen? Der mündige Homo alpinus geht nicht nur im alpinen Gelände gerne seinen eigenen Weg, auch in der Planung verlässt er sich am liebsten auf die eigene Kompetenz. Der Haken an der Sache ist nur der, dass auch eine eigenständige

Planung gewisse Grundlagendaten benötigt. Und hier wird die Sache schon etwas komplizierter. Grundlage einer soliden und eigenständigen Tourenplanung ist meist eine topographische Karte bzw. sind es die geographischen Daten dahinter. Darauf wird in der Regel eine Karte aufgebaut und in weiterer Folge redaktionell gepflegt und aktuell gehalten. Diese Akribie in der Erstellung und Pflege leidet leider stark an den veränderten Rahmenbedingungen, unter denen heutige Karten erstellt werden (müssen). Hat man im vergangenen Jahrhundert noch Jahre, teils Jahrzehnte damit verbracht, eine Region kartographisch zu erkunden und dann mit viel Liebe fürs Detail darzustellen, so soll heute kostengünstig auf Knopfdruck und möglichst automatisiert ein brauchbares und verlässliches Kartenprodukt entstehen. Die technische Entwicklung macht es möglich.

nOpenStreetMap

Das seit 2004 online verfügbare, kostenlose und Community-basierte Projekt OpenStreetMap (OSM) ist hier sicherlich ein ganz zentraler Faktor und stellt eine deutliche Zäsur im Bereich der Geodaten und somit auch in der Kartographie dar. Der Gedanke einer offenen Plattform für räumliche Daten, die jedem Interessierten zur Verfügung steht, steht im diametralen Gegensatz zu den klar strukturierten und organisierten Landesaufnahmen im Rahmen der amtlichen Kartographie. Seit Beginn solcher Community-basierten Projekte ist die Erhebung von topographischen Daten, insbesondere des Straßen- und Wegenetzes, nicht mehr ausschließlich den wenigen ausgebildeten und professionellen Topograph:innen oder von Privatverlagen beauftragten Kartograph:innen vorbehalten, sondern jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann Teil der OSM-Community werden und Inhalte beitragen. Dieser Ansatz ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, nachdem jedem klar sein dürfte, dass professionelle Topograph:innen oder Kartograph:innen immer über begrenzte Ressourcen verfügen und eine zeitlich engmaschige und flächendekkende Aktualisierung auch der hintersten Winkel der Landschaft schlichtweg unmöglich ist.

Da waren die Grundlagedaten wohl nicht aktuell: plötzliches Ende einer Tourenplanung. Der weitere Wegverlauf ist rechts oben zu erkennen.

Foto: Matthias Knaus

Auszug oben aus dem OSM-Änderungssatz: Er zeigt unterschiedliche Sichtweisen innerhalb der Community mit dem Resultat, dass es durchaus diskussionswürdige Wege mit Risikopotential gibt, in diesem Fall am Hohen Laafeld.

Diskussion Änderungssatz 139904

„Es gibt hier keinen Weg/Pfad. Am 13.08.2023 ist hier ein Wanderer vmtl. aufgrund der falschen Angabe tödlich verunglückt.“

Kommentar von einem User

Die in der Vergangenheit eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten zu amtlichen Daten, man denke an Datenverfügbarkeit, Homogenität oder Lizenzkosten, ließen das OSMProjekt darüber hinaus einen enormen Boom in der Verbreitung erleben, was nicht zuletzt dazu geführt hat, dass heute ein überwiegender Teil der günstigen oder gar kostenlosen Apps und Portale auf ebendiese Datengrundlage setzt. Zwar hat sich durch die Open-Government-Data-Richtlinien der Zugang zu offiziellen bzw. amtlichen Daten stark vereinfacht, aufgrund von unterschiedlichen Datenmodellen und Verfügbarkeiten in den unterschiedlichen Ländern wird aber auch weiterhin primär auf OSM gesetzt. Schließlich ist OSM kostenlos, weltweit verfügbar, hat ein einheitliches Datenmodell und entsprechende Dokumentation – unschlagbare Argumente für jeden App-Entwickler.

rRoutingfunktion und automatisierte Tourenplanung

Die Community-basierte Datenerfassung auf der einen und die weite Verbreitung auf der anderen Seite eröffnen nun ein Problemfeld, das insbesondere im Bergsport große Relevanz entwickelt. Auf Basis von OSM-Daten werden nun nicht nur Karten erstellt – vom Tourismusflyer bis hin zu bekannten topographischen Karten –, sondern auch Routingfunktionen für eine automatisierte Tourenplanung. Es mag sein, dass beim Studium einer Karte ein gewisses

Fehlerbewusstsein noch vorhanden ist, wenngleich man sich in der Regel schon darauf verlassen möchte, dass ein eingezeichneter Weg auch tatsächlich vorhanden und begehbar ist. Spätestens beim Nutzen einer Routingfunktion setzen wir beim Befehl „Jetzt rechts abbiegen!“ den nächsten Schritt aber oft unbewusst blindlings in ebendiese Richtung. Leider gab es bereits einige Unfälle, bei denen der Technik mehr vertraut wurde als dem gesunden Menschenverstand. Frei nach dem Motto: „Wenn das Routing dort hinunterleitet, wird der Weg schon irgendwann besser werden …“ – bis eben gar nichts mehr geht und schlimmstenfalls eine alpine Notlage eintritt. Sollte nun jemand schmunzeln und sich fragen, welcher Flachlandtourist im alpinen Gelände schon einem Routing folgt, der sollte sich überlegen, wie oft man eine digitale Tourenplanung – im Sinne einer eigenen Routenwahl mittels Zwischenpunkten – in der Vorbereitung verwendet und wie diese wohl funktioniert. Nämlich im Grunde genau so.

Ein Routing ist vereinfacht gesagt eine Minimierung von Kosten. So hat jede Linie in der Datengrundlage (z. B. Wanderwegabschnitt) gewisse Eigenschaften hinterlegt. Diese sind z. B. Begehbarkeit zu Fuß, Wegbeschaffenheit, Länge und teils vieles mehr. Der Routingalgorithmus sucht nun von eingegebenem Start bis Ziel jene Wegabschnitte zusammen, bei denen die geforderten Eigenschaften zutreffen und die Kosten, also z. B. die Weglänge, minimiert sind. Das beste Ergebnis wird als Route zurückgegeben und wird dann gerne als

Diskussion

„Ich wollte diesen OSM Pseudoweg schon länger löschen. Allerdings wäre das sinnlos gewesen, denn „xxx” und andere User hätten mich des „Vandalismus“ beschuldigt und hätten den sofort eingefügt. Offenbar muss es immer erst Tote geben (siehe Benediktenwand) bis man bei OSM bereit ist, den Erschliesserdrang durch gesunden Menschenverstand abzulösen.“

Kommentar von einem User

Track auf Handy oder Smartwatch übertragen. Damit endet dann oft das reflektierte Handeln. Lässt man sich diese vereinfachte Funktion eines Routings nochmal durch den Kopf gehen, wird einem wohl rasch die Bedeutung von hochwertigen Grunddaten klar. Ist auf einem Abschnitt eine falsche Kosteninformation hinterlegt, z. B. die Erlaubnis für Fußgänger auf „Nein“ gesetzt, so wird das Routing diesen Abschnitt meiden und eine möglicherweise völlig schwachsinnige Umgehung suchen. Ebenso dann, wenn die Basisdaten Lücken aufweisen, auch wenn es sich nur um wenige Millimeter im Datensatz handelt. Umgekehrt wird jeder Abschnitt im Routing verwendet, der als geeignet eingetragen wurde – von wem auch immer und wo auch immer.

sSchwächen und Stärken

Community-basierter Karten

Community-basierte Projekte leben davon, dass viele Menschen Teil davon sein wollen. Das zeigt sich in der Motivation, selbst auch einmal einen neuen Weg anzulegen. Diese Motivation nimmt leider, analog zu Neujahrsvorsätzen, mit der Zeit ab. In der Praxis heißt das oft, dass man anfangs gerne neue Wege beisteuern möchte, sich aber dann für deren Wartung und Aktualisierung nicht mehr groß interessiert. Mit dem Ergebnis, dass es inzwischen sehr viele Wege in OSM gibt, die in der Natur nicht mehr existent oder nur mehr schwer passierbar sind. Kartieren im Gelände heißt nämlich nicht nur,

neue Dinge aufzunehmen, sondern oft vielmehr nicht mehr Vorhandenes zu eliminieren, den Datensatz zu bereinigen. Und ich kann bestätigen, dass es einen ambitionierten Topographen etwas schmerzt, einen jahrzehntealten Jägersteig unwiederbringlich aus den Daten zu löschen.

Eine Tourenplanung bzw. ein Routingergebnis kann immer nur so gut sein, wie die zugrundeliegenden Daten. Dessen muss man sich in der Interpretation von solchen Ergebnissen immer bewusst sein. Jetzt wird die Frage auftauchen: „Ja worauf kann ich mich denn überhaupt noch verlassen?“ Klar, ich muss mit den Inhalten arbeiten, die mir zur Verfügung stehen. Einer Karte bzw. einem Datensatz sollte man grundsätzlich vertrauen können, auch klar. Man geht immer davon aus, dass jede Bearbeitung nach bestem Wissen und Gewissen erfolgt. Kein Datensatz, keine Karte ist jemals fehlerfrei und perfekt aktuell. OSM ist keinesfalls als grundsätzlich negativ zu bewerten, es gibt viele Bereiche, in denen man einem amtlichen Datensatz eine Nasenlänge voraus ist. Sei es in Bezug auf Aktualität oder auch hinsichtlich semantischer Inhalte, z. B. beim Thema Mountainbiketrails. Die OSM-Community ist grundsätzlich sehr motiviert, hochwertige Daten zu erzeugen und unterstützt dies mit guter Dokumentation und klaren Standards. Es hängt einfach immer davon ab, wer in welchem Gebiet mit welcher Akribie und welchem Wissen eine Bearbeitung vornimmt und vor allem auch, welche Anforderungen man selbst an die Daten bzw. an die Karte hat.

Nichts macht Daten verlässlicher als die Erfassung vor Ort. Foto: Werner Beer

Auf die Maiwand bei Flintsbach (D) führen keine offiziellen und markierten Wege. Die Gipfelbesteigung ist anspruchsvoll und beinhaltet leichte Kletterpassagen. 2002 verunglückten dort drei Wanderer tödlich. In den Medien und im Netz entbrannte die Debatte, wer Schuld an dem Unfall trägt: Die OpenStreetMap, eine Wanderapp oder die Wanderer selbst? Links: OpenStreetMap mit eingezeichneten Steigen zum Gipfel der Maiwand. Rechts: Alpenvereinskarte ohne eingezeichneten Weg zum Gipfel.

Dazu kommt, dass OSM auch immer wieder dazu verwendet wird, eigene Interessen zu verfolgen. Im Wissen um die weite Verbreitung von OSM werden ungewünschte, vielleicht im eigenen Grundstück liegende, Wege gelöscht oder rechtlich kritische Wege hinzugefügt. Es gibt einige Beispiele von Wegen, die aufgrund eines Rechtsstreits mehrmals von Person A gelöscht und von Person B wieder hinzugefügt worden sind. Dies ist einer der Hauptgründe, warum auf der anderen Seite ein offizieller und amtlicher Verkehrswegedatensatz eine so große Bedeutung hat. Man denke an alle Prozesse, die rechtliche Relevanz oder sogar finanzielle Folgen haben, z.B. Förderungen oder Rechtsstreitigkeiten.

wWie reagieren institutionelle Geodaten-Anbieter?

Um einen möglichst homogenen Qualitätsstandard zu erreichen, gibt es insbesondere im Bereich der amtlichen und offiziellen Daten einige nennenswerte Entwicklungen und Projekte. So werden z. B. in Österreich in der Graphenintegrationsplattform GIP (www.gip.gv.at) bundesländerübergreifend Verkehrsnetze miteinander verbunden, um qualitätsgesichert einen offiziellen Datenstand zu erreichen, der Fußwege, Straßen wie auch ÖV-Anbindungen miteinander vereint. Im Sinne einer dezentralen Wartung und einer zentralen Haltung wird dabei jedes Netz exakt von dem Partner gewartet, der auch tatsächlich dafür zuständig ist, z. B

das Autobahnnetz durch die ASFINAG oder das Schienennetz durch die ÖBB. Nur so kann ein verlässlicher Qualitätsstandard erreicht werden. Eine Wegedatenbank beinhaltet die Wege der alpinen Vereine und ermöglicht eine Wartung der Daten durch jene Personen, die auch in der wirklichen Welt im jeweiligen Arbeitsgebiet die Spitzhacke schwingen. Die resultierenden Daten kommen dann wiederum den GIP-Partnern zugute.

Ähnliche Entwicklungen gibt es auch auf Tourismus- und Gemeindeebene. Der Österreichische Alpenverein pflegt eine erfolgreiche Kooperation mit dem Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen Wien (BEV), in der seitens des Alpenvereins umfangreicher Außendienst im alpinen Gelände geleistet wird und somit der amtliche Datensatz in diesem inhaltlich besonders sensiblen Gebiet möglichst aktuell gehalten wird. Dieser Datensatz des BEV kommt wiederum nicht nur der amtlichen oder der Alpenvereinskartographie zugute, sondern steht über Open-GovernmentData-Richtlinien auch allen anderen zur Verfügung. Die Verwendung der Daten bei alpenvereinaktiv.com sei hier zu erwähnen.

Empfehlung: Backup, Mental Map und kritisch sein!

Wie soll man nun mit all diesen Informationen umgehen? Und viel wichtiger, welchen Einfluss hat der Anwender darauf und

woher soll man wissen, welchen Grundlagen man trauen kann? Hier gibt es leider keine pauschale Antwort, sondern eher eine Empfehlung. Und diese ist im Bergsport wohlbekannt: Redundanz. Verlasse ich mich rein auf eine Informationsquelle, muss ich im Hinterkopf behalten, dass diese Information ggf. nicht mehr aktuell ist oder manche Informationen schlichtweg falsch sein könnten. Kann ich eine zweite oder dritte Quelle dazu finden, steigt die Informationssicherheit natürlich. Erfahrungsgemäß wird man manchen Quellen mehr Vertrauen schenken als anderen. Das Hintergrundwissen um die Datenherkunft leistet dazu einen guten Beitrag.

Draußen auf Tour dann die Augen offen zu halten, sollte im Grunde selbstverständlich sein. Eine laufende Plausibilitätsprüfung funktioniert am besten, wenn ich bereits eine grobe Orientierung im Kopf habe. Hier ist die räumliche Übersicht einer gedruckten Karte nach wie vor unschlagbar – Stichwort: „Mental Map“. Eine Tour entgegen dem eigenen Bauchgefühl fortzusetzen, nur weil meine Navigation mir das vorgibt, kann böse enden. Insbesondere im Führungskontext sollte man sich intensiv mit der Route beschäftigen und sich im Zweifel vorher selbst vor Ort ein Bild machen.

Ein vorhandener Abseilstand wird am Berg wohl immer kritisch beäugt und ggf. ergänzt. Ebenso sollte man auch digitalen Inhalten oder Karten immer mit gesundem Menschenverstand begegnen und nicht blind darauf vertrauen, dass der Vorgänger das schon ordentlich gemacht haben wird.

Eine Karte kann nur so gut sein wie die zugrundeliegenden Daten.

Große Datensätze immer aktuell zu halten, ist ein enormer Aufwand. Es ist auch nicht möglich, laufend jeden Weg im Gelände zu kontrollieren und damit immer die optimale Qualität zu garantieren. Daher ist man auf Hinweise von außen angewiesen!

Wenn Ihnen Fehler in Karten auffallen, melden Sie diese bitte umgehend, z. B. an kartographie@alpenverein.at. Nur so können Daten gezielt verbessert und mögliche Gefahrensituationen vermieden werden. n

Werner Beer ist Geoinformatiker beim Ös terreichischen Alpenverein und für den Bereich Kartographie zuständig. Er ist im topographischen Außendienst gerne al s Wegespürhund und al s aktiver Bergretter sowieso immer gern am Berg unterwegs.

eingenverantwortung

Selbst schuld!

Oder doch nicht?

Ein schmaler Grat: Der juristische Balanceakt zwischen Haftung und Eigenverantwortung. Illustration: Roman Hösel

Wann immer sich in den Bergen ein Unfall ereignet, ist das öffentliche und mediale Interesse groß. Das war schon immer so. Geändert zu haben scheint sich indes die Frage nach Schuld und Haftung: Eine weit verbreitete Vollkaskomentalität droht das Prinzip alpinistischer Eigenverantwortung aufzuweichen. Aber ist das wirklich so? Zwei Beispiele zeigen, dass vor österreichischen Gerichten differenziert geurteilt wird.

Von Andreas Ermacora1

Am Anfang eines Falles steht immer das Ereignis, die Unternehmung, die Tour. Jemand hat die Idee für eine Unternehmung, entsprechende Vorkehrungen werden getroffen, es kommt zur Umsetzung und letztlich zum Unfall. Meist kommt schnell die Diskussion auf, ob der Unfall hätte verhindert werden können. Und dann ist es nicht mehr weit zur Frage, ob jemand für die Folgen haftet. In der öffentlichen Meinung hat sich diesbezüglich viel getan. Das Wort „Vollkaskomentalität“ wird oft strapaziert. Tatsächlich ist in unserer Gesellschaft die Neigung ausgeprägt, die Schuld nicht bei sich selbst zu suchen, sondern bei irgendjemandem, der für einen Unfall verantwortlich sein und den man haftbar machen könnte. Richter, auf deren Schreibtisch ein Alpinunfall landet, können sich aber nicht auf spezifische Normen stützen. Mit Ausnahme einiger sehr allgemein gehaltener Bestimmungen in den Bergführer- und Skischulgesetzen sowie im Gesetz über die Arbeit der Lawinenkommissionen (Lawinenkommissionsgesetz) steht für die Beurteilung der Alpinunfälle das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch (ABGB) zur Verfügung. Darin heißt es im Kapitel „Von der Verbindlichkeit zum Schadenersatze“ unter § 1311, 1. Satz: „Der bloße Zufall trifft denjenigen, in dessen Vermögen oder Person er sich ereignet.“ Übersetzt und auf alpinistische Belange bezogen: „Wärst du nicht hinaufgestiegen, dann wärst du auch nicht heruntergefallen.“ Der Gesetzgeber geht also seit über 200 Jahren davon aus, dass man die Ursache eines Schadens zunächst bei sich selbst suchen muss.2 Dies entspricht dem Grundsatz der Eigenverantwortung und ist auch gut und richtig.

Das Restrisiko

Der hochalpine Bergsport ist mit vielen Risiken verbunden. Der Bewegungsfreiheit jedes Einzelnen stehen gewisse Regeln sowie Bedingungen entgegen, die sich aus eigenem Können und der konkreten Situation ergeben. Haftung eines Bergsteigers gegenüber einem anderen entsteht daher nur dann, wenn zu den unvermeidbaren Risiken des Tuns weitere, schuldhafte Verhaltensweisen kommen. Ein Schadenersatzanspruch setzt voraus, dass der Schädiger ein absolutes Recht verletzt oder gegen ein Schutzgesetz verstoßen hat. Die Folge, zumeist die Verletzung eines Bergsteigers, kann die Rechtswidrigkeit zwar indizieren, sie rechtfertigt jedoch nicht die Annahme, dass eine rechtswidrige Handlung vorliegt. Nach dem allgemeinen Sorgfaltsgebot für den Schutz der körperlichen Integrität haben Bergsteigende darauf zu achten, dass sie andere nicht gefährden. Es liegt aber im Wesen des Bergsteigens, dass die körperliche Unversehrtheit in unterschiedlich hohem Maß und auf verschiedene Weise gefährdet ist. Wer in den Bergen unterwegs ist, billigt dieses Risiko – im alpinen Sprachgebrauch wird es Restrisiko genannt.

Die Eigenverantwortung

Wenn ich allein eine Tour unternehme, bin ich selbst für allfällige Folgen verantwortlich. Dies ist einleuchtend. Etwas schwieriger wird es, wenn ich mit anderen gemeinsam ein Unternehmen plane. Laut Oberstem Gerichtshof (OGH) ist dem Bergsteigen eine übertriebene Sorgfaltspflicht wesensfremd. Dagegen hebt der OGH die Eigenverantwortlichkeit hervor, die beim Bergsteigen notwendig ist. Aus diesem Grund ist der Geübtere oder Erfahrenere nie allein deshalb verantwortlich, weil er die Führung übernommen, das Unternehmen geplant oder die Route ausfindig gemacht hat. Nur wenn jemand aus Gefälligkeit die Führung übernimmt, aber seinem unerfahrenen Begleiter Gefahren und Schwierigkeiten verschweigt oder ihn zu einer Bergtour überredet und dabei deren Gefährlichkeit verniedlicht oder gar bestreitet, haftet er als Führer aus Gefälligkeit. Entscheidend ist, dass der schwächere Teilnehmer nur deshalb mitging, weil er ohne Betreuung und Unterstützung des Führers den alpinistischen Anforderungen nicht gewachsen gewesen wäre und ohne Begleitung diese Tour nie unternommen hätte – und dies für den Führenden erkennbar ist. Der Schwächere gibt also offensichtlich seine Eigenverantwortung auf und überträgt die Verantwortung auf den Führenden. Wenn dies der Fall ist, kann eine Haftung eintreten. Die Frage nach der Haftung hängt also ganz eng mit der Eigenverantwortung zusammen. Es gilt zu beurteilen, ob jemand erkennbar die Eigenverantwortung aufgibt und sie – auch für diesen erkennbar – an einen Dritten überträgt. Solange dies nicht der Fall ist, wird es keine Haftung geben.

Ein schmaler Grat

Nachdem ich als Rechtsanwalt mit sehr vielen Alpinunfällen zu tun hatte, weiß ich, dass der Grat, auf dem man sich als Vertreter eines Geschädigten oder eines Schädigers bewegt, meist schmal ist. Von einem klaren Ausgang des Verfahrens kann im Vorfeld eigentlich nie die Rede sein. Vor österreichischen Gerichten wird stets versucht, sachgerecht das richtige Maß zwischen Eigenverantwortung und Haftung zu finden. Eine Praxis, mit der ich zum allergrößten Teil zufrieden bin.

In den folgenden beiden Fällen, die ich persönlich bearbeitet habe, wird jener schmale Grat zwischen dem Prinzip der Eigenverantwortung und dem Anspruch auf Haftung deutlich. Im ersten Fall geht es um die zivilrechtliche Haftung einer Alpenvereinssektion. Touristen wollten bei einem Wasserfall eine Rast einlegen, dabei wurden zwei Mädchen durch zusammenstürzende Reste einer Schneebrücke getötet bzw. schwer verletzt. Im zweiten Fall, ich nenne ihn den „Huckepackfall“, kam es zur Verurteilung einer Alpinschule.

Fall 1: Wegehalter

Sachverhalt

Der Erstkläger und seine Töchter unternahmen mit einer befreundeten Familie eine Radtour über die von den Beklagten gehaltenen Wander- und Forstwege. Sie suchten einen Wasserfall auf, auf den mehrere Wegmarkierungen hinwiesen. Vom Ende eines Forstweges führte ein etwa 300 langer Trampelpfad durch das Bachbett zum Wasserfall. Diesen Trampelpfad marschierte die Gruppe zu Fuß weiter. Bis zum Wasserfall werden ca. 20 Höhenmeter überwunden. Am Unfalltag lag am Fuß des Wasserfalls ein teilweise durchspülter Lawinenkegel. Der Wasserlauf unterspülte die Schneedecke, wodurch sich Hohlräume und ein tunnelartiges Gebilde formten. Die Altschneelawine lag an den um den Wasserfall befindlichen Felsen auf. Die Talsohle des Bachbettes hatte eine Breite von durchschnittlich sechs Metern, gemessen von Schneerand zu Schneerand. Während der Erstkläger noch die Fahrräder versperrte, gingen die Jugendlichen mit dem Freund des Erstklägers zum Wasserfall. Dabei brach von der linken Bachseite der Schnee in sich zusammen, wodurch die beiden Töchter des Klägers verschüttet wurden. Die ältere Tochter des Klägers verstarb an der Unfallstelle. Die Zweitklägerin erlitt schwere Verletzungen im Bereich des Beckens und beider Beine. Die von den Beklagten aufgestellten Hin- und Wegweisschilder wiesen rote Punkte auf, was bedeutet, dass diese Wege mittelschwer sind. Nach dem Unfall wurden einige der Hinweisschilder mit der Aufschrift „Wasserfall“ entfernt.

Beiderseitiges Prozessvorbringen

Die Kläger brachten vor, dass die beklagten Wegehalter verantwortlich für das Aufstellen der Wegweiser und Hinweisschilder im Wandergebiet gewesen seien. Warnhinweise, die auf eine mögliche Einsturzgefahr oder die Gefahr des Ablösens von Schneeablagerungen hingewiesen hätten, hätten ebenso gefehlt wie eine Absperrung des Zugangs. Auch seien die Hinweisschilder, die auf den Wasserfall als Attraktion aufmerksam machten, nicht unkenntlich gemacht worden. Die Beklagten hätten ihre Verkehrssicherungspflicht verletzt, weil sie durch die Beschilderung Wanderer dazu veranlasst hätten, einen Bereich aufzusuchen, ohne vor den Gefahren durch Altschneereste zu warnen. Es stelle keine Überspannung der Sorgfaltspflichten dar, von den Beklagten zu verlangen, die mittels Hinweisschildern von ihnen angepriesene touristische Attraktion zu überwachen und Wanderer und Touristen vor Gefahren zu schützen. Die beklagten Parteien wendeten im Wesentlichen ein, dass die Unfallstelle nicht über einen Weg erreichbar sei, sondern man einem Bachbett folgen müsse. Die Stelle, an der sich der Unfall ereignete, sei zudem nur erreichbar, wenn man einige Meter klettere. Die Strecke vom Ende des Forstwegs entlang des Bachbetts bis zum Wasserfall sei auf keiner Karte eingezeichnet. Ein Bachbett sei kein Weg im Sinne von § 1319a ABGB. Allein durch das Aufstellen von Hinweisschildern werde keine Gefahr begründet. Verkehrssicherungspflichten alpiner Vereine dürften nicht überspannt werden. Im alpinen Bereich seien erhöhte Anforderungen an die Eigenverantwortung der beteiligten Personen zu stellen.

Entscheidungen der Vorinstanzen

Beide Vorinstanzen wiesen das Klagebegehren ab. Das Erstgericht führte aus, dass die Gefahrenquelle nicht von den Beklagten

geschaffen worden, sondern in der Natur vorhanden sei. Allein der Hinweis auf den Wasserfall lasse nicht schlussfolgern, dass sich Wanderer direkt zum Naturschauspiel hinbegeben. Das Aufstellen der Hinweistafeln begründe für sich allein noch keine Gefahr. Die Beteiligten hätten sich erst durch das Überwinden des über zwei Meter hohen Felsriegels von der Sohle des Bachbettes bis zur Unfallstelle in die Gefahrensituation begeben. Das Oberlandesgericht Innsbruck führte aus, dass allein durch das Aufstellen von Hinweisschildern „Wasserfall“ noch keine gefährliche Situation geschaffen wurde, da das angezeigte Ziel problemlos erreichbar war. Zweck von Wegemarkierungen ist es, den Benutzern der Wege das Erreichen eines Zieles zu ermöglichen. Die Schilder dienen der Orientierungshilfe im Gelände. Sie verfolgen nicht den Zweck, den Wanderern zuzusichern, dass die Wege unabhängig von gefährlichen Witterungseinflüssen, Naturereignissen etc. benützbar sind. Eine solche Zusicherung würde entsprechende Überwachungspflichten voraussetzen, für die keine rechtliche Grundlage besteht. Nachdem der Trampelpfad nach ca. 100 Metern im Bachbett mündete, im Bachbett weitere 200 Meter zurückzulegen waren und sich die Unfallstelle in einer Höhe von ca. 2,30 Metern über dem Bachbett befand, war auch für einen bergunerfahrenen Wanderer erkennbar, dass er sich nunmehr im freien Gelände befand. Dort bestehen grundsätzlich keinerlei Sicherungspflichten eines Wegehalters. Somit stand fest, dass der Zugang zum Wasserfall in Eigenverantwortung erfolgte. Trotz der Hinweisschilder befanden sich die Wanderer klar erkennbar im freialpinen Gelände und nicht mehr im Bereich des von den Beklagten gehaltenen und markierten Wegenetzes. Das Oberlandesgericht Innsbruck führte zudem aus, dass speziell im Hochgebirge ein vollkommener Schutz und das ständige Instandhalten eines Weges im gefahrlosen Zustand unmöglich ist und dass Verkehrssicherungspflichten alpiner Vereine nicht allzu weit gespannt werden dürfen.

Aus den Entscheidungsgründen

Der OGH wies die außerordentliche Revision der klagenden Parteien zurück. Diese hatten argumentiert, dass Wegweiser in Wandergebieten ein berechtigtes Vertrauen erweckten: zum einen darin, dass sichere Wege zu den ausgeschilderten Zielen führten. Zum anderen darin, dass diese Ziele ebenfalls sicher seien und Wanderer vor Gefahren gewarnt und geschützt würden. Das OGH wies diese Auffassung zurück; sie sei in ihrer Allgemeinheit nicht zu teilen. Ein berechtigtes Vertrauen kann nicht zugrunde gelegt werden, wenn das Ziel einen nicht von Menschenhand geschaffenen Gefahrenbereich darstellt.

Meine Anmerkung

Der tragische Unfall ist in die Kategorie „alpines Restrisiko“ einzustufen. Es ist zu begrüßen, dass die Gerichte praxisnah entschieden haben. Eine Ausuferung der Haftung von Wegehaltern im alpinen Gelände wurde mit dieser Entscheidung unterbunden. Selbstverständlich wäre der Fall anders entschieden worden, wenn sich der Unfall im Nahbereich des Wegenetzes ereignet hätte und die Wanderer auf den gehaltenen Wegen zu Schaden gekommen wären.

In der freien alpinen Landschaft jedoch sind Bergsteiger und Wanderer auf eigenes Risiko unterwegs und können nicht darauf vertrauen, dass alles und jedes abgesichert ist. Es wurde damit auch die Rechtsprechung fortgeführt, wonach die Verkehrssicherungspflichten alpiner Vereine nicht allzu weit gespannt werden dürfen.

Das Vertrauen auf die Markierung, dass das Ziel, auf das hingewiesen wird, sicher ist, gilt wohl nur für den Bereich des Wegenetzes. Es kann aber nicht so weit gehen, dass auch außerhalb desselben für Naturgefahren, die nicht von Menschenhand geschaffen wurden, gehaftet wird. Dies würde einer Vollkaskohaftung entsprechen, die abzulehnen ist.

Fall 2: Der „Huckepackfall“

Die Klägerin hatte bei einer Alpinschule die „Jubiläumstour Großglockner“ gebucht, die mehrere Tage dauern sollte. Laut Ausschreibung waren gute Verfassung, Kondition und Trittsicherheit erforderlich. Binnen Kürze stellte sich heraus, dass die Klägerin die schwächste aller Teilnehmenden und sowohl in körperlich-konditioneller als auch in psychischer Hinsicht völlig überfordert war. Die beiden staatlich geprüften Bergführer der Alpinschule zogen daraus jedoch keine Konsequenzen. Statt umzudrehen, nahmen sie die Klägerin mit auf den Berg. Lediglich auf die Gipfelbesteigung verzichtete diese und legte einen Tag Pause ein. Beim Abstieg von der Adlersruhe wurde die Klägerin kurz vor Ende des Gletschers aus der Seilschaft genommen, damit die beiden Gruppen schneller vorankamen. Einer der beiden Bergführer, der mit seiner Gruppe bereits beim Frühstücksplatz Rast machte, ging ihr entgegen und führte sie die letzten Meter praktisch an der Hand. Nachdem sie neuerlich eine Pause forderte, ihr diese aber nicht gewährt wurde, nahm der Bergführer die Klägerin Huckepack. Auf einer Eisschräge gelang es ihm aus nicht mehr feststellbarem Grund nicht, den linken Fuß beizuziehen. Der Bergführer kippte nach hinten. Die Klägerin, die auf seinem Rücken saß, stürzte ebenfalls und zog sich dabei einen schweren Verrenkungsbruch des linken oberen Sprunggelenks zu.

Das Erstgericht gab der Klage gegen die Alpinschule zu 50 Prozent Folge. Das Mitverschulden der Klägerin lag gemäß Erstgericht darin, dass sie die für die Tour geforderte körperliche Verfassung schlicht nicht hatte. Sie habe damit adäquat zum Schadenseintritt beigetragen. Beide Parteien gingen in Berufung und das Oberlandesgericht Innsbruck gab der Klage zur Gänze statt. In seiner Begründung führte das Gericht aus, dass der Bergführer auf die Kondition der Klägerin hätte Rücksicht nehmen müssen. Ihr selbst sei nicht viel Spielraum für eine eigenständige Entscheidung geblieben. Der Bergführer hätte die Geschwindigkeit der Gruppe dem Können und der Kondition der Teilnehmerin anpassen müssen. Da in der Zone, in der die Klägerin um eine erneute Pause gebeten hatte, keine Steinschlaggefahr bestand, wäre der Bergführer verpflichtet gewesen, nochmals eine Pause einzulegen. Eine zwingende Notwendigkeit, die Klägerin Huckepack zu nehmen, habe nicht bestanden. Ein Verschulden ihrerseits scheide aus. Nachdem im Verfahren nicht festgestellt werden konnte, was der Grund für den Sturz des Bergführers war, oblag der beklagten Alpinschule der Beweis, dass die nach § 1299 ABGB (Sachverständigenhaftung) geforderte objektive Sorgfalt von ihrem Bergführer eingehalten worden war. Zweifel gehen zu Lasten der beklagten Partei. Die Bergführergesetze sind Schutznormen. Aus § 7 des Tiroler Bergsportführergesetzes ergibt sich die Pflicht, die körperliche Sicherheit der Teilnehmer nicht zu gefährden. Der Sturz wurde als mangelhafter Erfolg bewertet, weshalb die nicht mögliche Aufklärung des Sturzes zu Lasten der beklagten Partei ging. Der Klägerin wurde voller Schadenersatz zugesprochen.

Dr. Andreas Ermacora ist als Rechtsanwalt Experte für Alpinu nfälle. Außerdem war er von 2013 b is 2023 Präsident des Österreichi schen Alpenvereins.

Zusammenfassung

Die geschilderten Fälle machen deutlich, dass österreichische Gerichte bei Alpinunfällen eine strenge Einzelfallbeurteilung vornehmen. Sie erheben den Sachverhalt äußerst gewissenhaft und stellen die Umstände sorgfältig fest. Aus meiner Sicht hält die Justiz damit das Prinzip der Eigenverantwortung in Österreichs Bergen hoch. Eine Haftung wird nur in begründbaren Fällen festgestellt, oder wenn bei entgeltlichen Vertragsverhältnissen Zweifel zulasten eines Unternehmens gehen – wie im „Huckepackfall“. Abschließend lässt sich sagen: Ein Szenario, das Vollkaskomentalität und überbordende Haftungsansprüche als Grundlage der Rechtsprechung sieht, hat mit der Realität in Österreichs Gerichtssälen Gott sei Dank noch nichts zu tun. n

1 Dieser Beitrag ist eine bearbeitete Fassung des von Dr. Andreas Ermacora am 27. März 2015 beim Sportrechtstag der Uni-versität Innsbruck gehaltenen Vortrags mit dem Titel „Das Recht am Berg – Aktuelle Fragen des Bergsportrechts“.

2 Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch (ABGB) trat am 1. Januar 1812 in Kraft. Es ist das älteste gültige Gesetzbuch des deutschen Rechtskreises.

Illustration: Roman Hösel

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Eine ausbalancierte Karriere führte Jonas Hainz von der Südkante des Hexenstein am Falzaregopass auf die Gratschneide der Aiguille d’Entrèves im Mont-Blanc-Massiv.

Der wilde Hund, der keiner sein wollte

Am 29. Oktober 2022 verunglückte Jonas Hainz bei einer Alleinbegehung der Magerstein-Südkante in der Rieserfernergruppe tödlich. Der 25-jährige Südtiroler war der Sohn des Kletterers und Bergführers Christoph Hainz, 62, der selbst extrem anspruchsvolle, gefährliche Routen eröffnet und schwierige Free-Solos gemacht hat. Den Tod seines Sohnes empfindet er als Schicksalsschlag, und damit als jenseits beider Verantwortung.

„Man hofft immer, dass alles gutgeht, jeden Tag, und nicht nur am Berg!“

Vater und Sohn. Christoph und Jonas Hainz am Gipfel der Rotwand in der Rosengartengruppe. Durch die Westwand führt die von Christoph erstbegangene Route „Moulin Rouge“, IX-, die Jonas free-solo kletterte.

Ich muss ein bisschen aus der Westentasche plaudern: Wir haben uns 1994 in Patagonien kennengelernt. Während wir versuchten, die Route „El Corazón“ in der Ostwand des Fitz Roy zu wiederholen, hast du ein kurzes Wetterfenster genutzt und den Gipfel über die „Franco-Argentinier-Route“ in neun Stunden „solo“ bestiegen. Deine damalige Frau Claudia ist an diesem Tag nach El Chaltén gewandert und hatte natürlich Angst um dich. Was hast du dir dabei gedacht?

Ehrlich gesagt: gar nichts. Ich war damals in meinen besten Jahren, keine Herausforderung schien mir zu groß und kein Ziel unerreichbar. Wenn es Richtung Berg ging und mich die Begeisterung gepackt hatte, gab es für mich nur noch das, sonst nichts. Dann war ich völlig darauf fokussiert, wie ich mein Ziel erreichen konnte, und vergaß alles andere rundherum. Claudia war auch viel in den Bergen unterwegs und konnte diese Leidenschaft verstehen. Dennoch blieb die Sorge.

Hat sich das geändert?

Ja, die Zeiten haben sich geändert und mit zunehmendem Alter klarerweise auch der Rahmen des Machbaren. In jungen Jahren gab es von den körperlichen Voraussetzungen her nicht den geringsten Zweifel. Alles war machbar, wenn es die Verhältnisse zuließen. Heute, mit über 60 Jahren, überlege ich viel genauer, welche Herausforderung ich suche oder in welche Extremsituation ich mich begebe. Den Fitz Roy würde ich jetzt nicht mehr solo machen. Aber ich glaube, man muss die Zeit nützen, in der man die entsprechende körperliche und psychische Verfassung dazu hat. Immer mit der subjektiven Sicherheit, dass man der Herausforderung gewachsen ist, aber im Bewusstsein, dass Extremleistungen auf sehr schmalen Graten vollbracht werden – es kann gutgehen, dann bist du ein Held, es kann aber eben auch schiefgehen, dann bist du tot.

Bei Entweder-oder-Entscheidungen in extremen Situationen geht es um eine der größten Verantwortungen, die man hat, nämlich die für das eigene Leben. Darf man dieses aufs Spiel setzen?

Am Fitz Roy musste ich am letzten Felsriegel vor dem Gipfelgrat mein Leben einem einzelnen fixen Klemmkeil anvertrauen, an dem ich mich hochzog. Hätte er nicht gehalten, säße ich heute nicht hier. Wäre ich das Risiko nicht eingegangen, hätte ich nie dieselbe Genugtuung und innere Zufriedenheit erlebt, die mir dieser spontane Alleingang beschert hat. In meinem Fall war es die richtige Entscheidung und sie hat mich zum Erfolg geführt. Aber das sind Entscheidungen, die jeder für sich ganz allein in der jeweiligen

Situation treffen muss. Für mich gibt es in dieser Frage kein generelles Ja oder Nein.

Muss die Eigenverantwortung außen vor bleiben, wenn man so etwas Extremes leisten will?

Ich habe 1991 am Hohen Zwölfer den „Hexenbeißer“ (VIII, A2) erstbegangen, der bis heute nicht wiederholt wurde. Das hat natürlich einen Grund. Die Route ist sehr brüchig, schlecht mit Normalhaken abgesichert, vogelwild. Ich glaube, man hat eine bestimmte Zeit im Leben, in der man sich unsterblich fühlt. Die Zeit muss man nutzen, damit man weiterkommt. Sonst würde es die bekannten Bergsteiger nicht geben. Aber selbst in dieser Phase muss man überzeugt sein, dass man der Herausforderung gewachsen und das Handeln somit zwar gefährlich, aber nicht unverantwortlich ist.

Das klingt, als wolltest du dir damals ein eigenes Denkmal setzen.

Zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren musste man „ein wilder Hund“ sein, um bekannt zu werden. Dafür musstest du Routen eröffnen, die auch die Spezialisten kaum wiederholen konnten. Eine Zeit lang war das mein Ziel: so schwierig zu klettern, dass da keiner hinterherkommt.

Bist du froh, dass dieser Lebensabschnitt irgendwann vorbei war?

Alles hat seine Zeit, und das ist gut so! Natürlich versucht man mit zunehmendem Alter und größerer Reife auch sicherer unterwegs zu sein. Seit einigen Jahren richte ich meine Erstbegehungen zum Großteil mit Bohrhaken ein, wie das heutzutage üblich ist. Auch weil schlecht abgesicherte Routen kaum Wiederholer finden. Die vier Routen, die ich zwischen 1989 und 1991 an der Geierwand im Höhlensteintal erstbegangen habe, wurden in 20 Jahren vielleicht drei oder vier Mal wiederholt. Seit ich sie 2016 saniert habe, werden sie regelmäßig und sehr gerne geklettert. Heute erfreue ich mich daran, Routen zu eröffnen, die auch bei jungen Alpinisten auf Begeisterung stoßen. Im Hinblick auf Sicherheit am Berg und Absicherung der Routen hat sich in den vergangenen 20 Jahren viel verändert.

Dein Sohn Jonas kam 1997 auf die Welt. War es früh absehbar, dass er in deine Fußstapfen treten würde?

Als Kind ist Jonas leidenschaftlich gerne Ski gefahren und hat mit mir Skitouren gemacht. Er ist eine Zeit lang viel geklettert und hat auch an Wettkämpfen teilgenommen. Danach kam eine Phase, so zwischen 13 und 18, in der er mit den Bergen so gut wie gar nichts

„Es kann gutgehen, dann bist du ein Held, es kann aber eben auch schiefgehen, dann bist du tot.“

mehr am Hut hatte. In unserer Familie gab es diesbezüglich nie einen Zwang. Die Kinder hatten viele Möglichkeiten, wir drängten sie nie in eine Richtung. Sie waren frei in der Wahl, wie sie ihre Freizeit gestalten wollten.

Dann hatte Jonas früh einen eigenen Willen?

Er hat immer gerne das getan, was er wollte. Da war er sehr eigenwillig, muss ich sagen. Fast schon ein Eigenbrötler. Jonas hatte nie Langeweile, er wusste sich immer mit interessanten Dingen zu beschäftigen. Er wusste genau, was er wollte und was nicht, und das konnte er sehr unmissverständlich thematisieren. Über Jahre hinweg war er leidenschaftlicher Modellflieger. Ein Berg interessierte ihn nur dann, wenn es einen guten Start- und Landeplatz für seine Fluggeräte gab. Nach seinem Schulabschluss studierte er in Graz, brach das Studium aber trotz sehr guter Leistungen nach eineinhalb Jahren ab. Er wollte nach Südtirol zurückkehren, weil er selbst erst nach und nach verstand, wie sehr ihm die Berge fehlten: die Dolomiten, die Antholzer Berge, der Kronplatz.

Hattest du den Eindruck, er wollte Versäumtes nachholen?

Ob es ein Nachholen war, kann ich im Nachhinein nicht sagen, aber die Leidenschaft hatte ihn gepackt und er war schier nicht zu bremsen. Seine Vorliebe galt eher exotischen Zielen, die kaum jemand kennt, die brüchig sind, lange Zustiege und komplizierte Abstiege haben. Dabei bereitete er sich bis ins Detail vor und plante seine Unternehmungen akribisch. Er überließ nichts dem Zufall. Ich kann nur sagen: Den Tourenbericht, den Jonas in seinen letzten drei Lebensjahren füllte, muss erst mal jemand in so kurzer Zeit schaffen.

Warum fokussierte er sich auf eher unbekannte Ziele?

Das war seine Welt! Nicht weil es Ruhm bringt, nicht um jemandem etwas zu beweisen, sondern einfach nur für die Freude und den Spaß, den er daran hatte. So war er in vielen Dingen. Sei es bei den Kletterwettkämpfen, die er im Kindesalter machte, oder beim Modellfliegen, das er bis zur Perfektion beherrschte. Oder in anderen Dingen, die er jeweils eine Zeit lang betrieb, bis sie ausgereizt waren. Es ging immer um die Begeisterung für eine Sache und die Freude, die er dabei empfand, so gut wie möglich zu sein.

Wie begleitet man sein Kind, während es sich zu einem Extremsportler entwickelt?

Was das Bergsteigen betrifft, kam ich lange Zeit so gut wie gar nicht an Jonas heran. Er brauchte mich einfach nicht und hat sein Ding gemacht. Als er 21 war, kam einer seiner Freunde während eines

Elf Seillängen, splittriger Fels, Schwierigkeitsgrad IX-: Dass Jonas die Route „Moulin Rouge“, eine Erstbegehung seines Vaters Christoph, free-solo klettern wollte, hatte er diesem nicht erzählt.

gemeinsamen Skitags beim Variantenfahren in einer Lawine ums Leben. Das war für Jonas ein schwerer Schlag, den er erst mal verdauen musste. Nach diesem Unfall änderte sich viel. Von da an gab es immer wieder Gespräche zwischen uns, in denen er sich bei mir Rat holte oder auf meine Einschätzung und meine Erfahrungen Wert legte. Gerade was die Gefahreneinschätzung anging, ließ er sich nun einiges sagen. Natürlich setzte er weiterhin seine Projekte um und sprach nicht alles, was so in seinem Kopf herumgeisterte, mit mir ab.

Als Vater verspürt man eine Mischung aus Stolz und Angst, wenn man miterlebt, was seine Kinder in den Bergen machen. Wie erging es dir dabei?

Ich habe öfters daran gedacht, dass Jonas vielleicht eines Tages nicht mehr zurückkommen könnte, weil ich mir der Gefahr in den Bergen bewusst bin und es nicht selbstverständlich ist, dass jedes Unternehmen gut ausgeht. So war ich darauf in gewisser Weise vorbereitet – als Bergsteiger. Gleichzeitig wollte ich ihn nicht einschränken, und schon gar nicht irgendetwas verbieten. Er sollte seinen Traum leben, auch wenn ich selbst dabei manchmal Bauchweh hatte – als Vater. Man hofft immer, dass alles gutgeht, jeden Tag, und nicht nur am Berg! Aber du hast das Schicksal eben nicht in der Hand.

2002 hast du „Moulin Rouge“ in der Westwand der Rotwand in der Rosengartengruppe erstbegangen: elf lange Seillängen, keine Bohrhaken, teils splittriger Fels, Schwierigkeiten bis IX-, anhaltend VIII. Hat Jonas dir erzählt, dass er diese Route freesolo klettern will?

Nein, da hätte ich auch sofort „nein“ gesagt. Ich bin die Route ja zwei Wochen vorher mit ihm geklettert. Er im Vorstieg und ich als Zweiter. Das hat er richtig genossen, und er war stolz auf seine

erfolgreiche Onsight-Begehung. Am Gipfel lachte er verschmitzt und meinte anerkennend, dass er, während ich nachkletterte, eh keinen Seilzug geben musste. Was bedeuten sollte, dass er mit der Kletterleistung seines Nachsteigers sehr zufrieden war! Dass er die Route zwei Wochen später free-solo klettern würde, hätte ich mir nie vorstellen können.

Wie ist diese Leistung einzuordnen?

Wer die Route kennt, weiß, dass der Fels nicht immer ganz fest ist. Man klettert eine 40-Meter-Seillänge im unteren IX. Grad. In der neunten Seillänge erreicht man ein kleines Dach. Während man es überwindet, hängt man mit beiden Beinen in der Luft. Um das zu tun, muss man von sich schon sehr überzeugt sein! Jonas erzählte, dass er während der gesamten Tour komplett im Flow war. Nach dem Dach, meinte er, musste er sich innerlich sogar bremsen, um nicht übermütig zu werden. Um die 400-Meter-Wand zu durchsteigen, brauchte er nur eine Stunde und fünf Minuten. Für mich kommt seine Leistung gleich nach Hansjörg Auers Free-Solo-Begehung vom „Weg durch den Fisch“ (IX-) an der Marmolata-Südwand im Mai 2007. Was für mich überragend und schier unbegreiflich ist: Jonas hat „Moulin Rouge“ nicht studiert, geschweige denn eingeübt. Einmal in Seilschaft, dann im Alleingang, das war’s. Das ist enorm.

Wie hast du reagiert?

Ich erfuhr von dieser Aktion erst hinterher. Jonas wusste, dass ich niemals meine Zustimmung gegeben hätte. Er hatte wohl den Entschluss gefasst und wollte das Projekt durchziehen, weil er sich seiner sicher war. Ich habe tief durchgeschnauft, als Vater, und war dankbar, dass das gut ausgegangen ist! Als Bergsteiger versuchte ich ihm verständlich zu machen, dass derartige Unternehmen abso-

„Ich weiß, dass Jonas in seinem kurzen Leben das gemacht hat, was ihn glücklich werden ließ.“

lute Spitzenleistungen sind, die aber Einzelaktionen bleiben müssen und im normalen Bergsteigeralltag nichts zu suchen haben. Ob er das verstanden hat, weiß ich nicht. Aber mehr konnte ich nicht tun.

War der Alleingang eine spontane Aktion?

Das weiß ich nicht. Ich war da immer sehr spontan. Wenn ich etwas machen wollte, setzte ich es um, sobald die Verhältnisse passten. Jonas hat sich vielleicht nicht allzu lange, aber sicher gründlich mit dem Gedanken auseinandergesetzt und sich die Frage gestellt, ob seine mentale Verfassung passte und er sich das zutrauen konnte. Vom Klettertechnischen her gab es keine Zweifel. Er hatte einfach das Niveau, und das wusste er auch.

Wollte Jonas sich oder anderen mit seinem Free Solo irgendetwas beweisen – wollte er „ein wilder Hund“ sein?

Ich kann mir gut vorstellen, dass er sich von anderen Kletterern unterscheiden wollte, dass er herausragend sein wollte. Er hatte einfach den Kopf dafür und legte eine gewisse Kühnheit an den Tag. Menschen, die so etwas zu leisten imstande sind, gibt es nicht viele. Was das anging, kann man sagen, er war „ein wilder Hund“!

Wollte er dich, seinen Vater, beeindrucken?

Ich kann mich noch gut an einen Satz erinnern, den er als Junge einmal sagte: „Jetzt habe ich nur noch einen, den ich putzen muss – was im Dialekt so viel wie „schlagen“ bedeutet –, und das bist du!“ Das war schon ein Ziel, glaube ich, dass er irgendwann sagen konnte: „Jetzt bin ich der Stärkere.“ In einigen Bereichen hatte er das längst erreicht, beim Freeriden oder beim Sportklettern zum Beispiel, und das war ihm auch bewusst. Für mich ist das etwas ganz Normales, dass die Jungen die Alten irgendwann einholen und stolz darauf sind. Bei seiner Free-Solo-Aktion glaube ich nicht, dass es ihm darum ging. Er sagte einmal, dass er sich damit selbst ein Geburtstagsgeschenk gemacht hat.

Einerseits ist es normal, andererseits auch gefährlich, wenn der Sohn immer Extremeres unternehmen muss, um seinen Vater zu übertrumpfen.

Ja, das ist natürlich ein schwieriges Thema, weil Eltern oft Vorbilder sind und ich durch mein Wirkungsfeld meinen Kindern die Liebe zu den Bergen nahegebracht habe. Aber es gibt viele junge Alpinisten, die starke Leistungen bringen und deren Eltern diese Liebe nicht teilen. Ich bin überzeugt, dass Jonas diesen Weg auch gegangen wäre, wenn ich nicht Alpinist wäre. Er hatte Freude an und Talent in allem, was mit Alpinismus und Bergen zu tun hat. Und er war

Fotos: Archiv Christoph Hainz

Perfektionist. Ob bei seinen Modellfliegern, am Berg oder an seinem Arbeitsplatz, was er machte, musste vollendet und perfekt sein. Mittelmaß war für ihn keine Option. Sogar beim Kuchenbakken, was er so mit 13 Jahren als Hobby entdeckt hatte, maß er den Rand rundherum mit dem Lineal nach, damit der Kuchen überall die gleiche Höhe hatte. Das war ich nie, das hatte er nicht von mir.

Das klingt, als wäre er ein eher kontrollierter Typ gewesen? Das war er auf jeden Fall.

Wollte er seine Grenzen ausloten?

Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, er hat diese Dinge gemacht, weil er überzeugt war und sie ihm ganz einfach Spaß machten. Dabei ist es so: Je höher das persönliche Niveau ist, umso größer wird der Spielraum, in dem man sich bewegen kann.

Glaubst du, er hat, unabhängig von eurer Vater-Sohn-Konstellation, einen gewissen Druck verspürt, aus der Szene, von der Medienöffentlichkeit?

Das war sicher nicht der Fall. Jonas hat viele Aktionen, die er gemacht hat, gar nicht publiziert. Von seiner Free-Solo-Begehung der „Geierhochzeit“ (VII-), die trotz Sanierung eine ernsthafte alpine Route geblieben ist, wusste niemand. Ich erfuhr davon von einem jungen Kletterer, der Jonas zufällig beobachtet hatte. Es gibt davon nicht einmal ein Foto. Bei der Free-Solo-Begehung der „Moulin Rouge“ hatte er einen Kollegen beauftragt, ihn mit der Drohne zu filmen. Dieser Film kam aber erst vier Monate später an die Öffentlichkeit. Als ich Jonas fragte, ob er das Video nicht endlich fertigstellen wolle, um es zu veröffentlichen, weil es sonst Schnee von gestern sei, da meinte er nur lachend: „Jaja, schauen wir mal, irgendwann wird es schon fertig werden, und sonst ist es auch egal.“ Jonas musste ja auch nicht von seinen Abenteuern leben. Er hatte eine Arbeit, der er sehr gerne nachging und mit der er gutes Geld verdiente.

Jonas verunglückte am 29. Oktober 2022 tödlich bei einer Alleinbegehung der Magerstein-Südkante in der Rieserfernergruppe. War dieser Unfall die logische Konsequenz seines Tuns?

Unser ganzes Leben ist die Summe unserer Entscheidungen. Bei seinem Können und seinen Voraussetzungen kann ich ganz klar sagen: Nein, das war einfach Schicksal. Ich bin die MagersteinSüdkante im vergangenen Jahr mit einem Bergführerkollegen gegangen, ebenso seilfrei. Das Gelände ist teils brüchig, an ein

paar Stellen muss man aufpassen, wo man die Füße hinstellt, also nichts Außergewöhnliches im klassischen Bergführeralltag. Ich glaube, so tragisch es leider ist, dass es einfach so sein musste. Unsere Lebenszeit ist uns irgendwo vorgegeben, und wenn dein Tag da ist, dann kannst du nichts dagegen tun.

Wie geht es dir heute, bald zwei Jahre nach Jonas’ Tod? Wenn ich darüber nachdenke, muss ich sagen, das Schicksal hat es so gewollt, das Leben geht weiter – weil es muss. Ich habe von klein auf gelernt, alles so zu nehmen, wie es das Leben bringt, was es uns gibt und was es uns nimmt. Das heißt nicht, dass es einfach ist, wenn so etwas passiert. Aber man lernt, damit umzugehen.

Ich glaube, dass Verantwortung gegenüber unseren Kindern nicht nur darin besteht, sie vor Gefahren zu schützen, sondern auch darin, ihnen das Ausloten von Gefahren zu ermöglichen – nur so haben sie die Chance, Eigenverantwortung zu entwickeln. Das ist natürlich ein schmaler Grat, wie du leider erfahren musstest. Es gibt eine Redeweise, die es ziemlich gut trifft: Das Leben ist vom ersten Tag an lebensgefährlich. Jederzeit kann dir etwas passieren. Wenn du zur falschen Zeit am falschen Ort bist, dann war es das. Ich weiß, dass Jonas in seinem kurzen Leben das gemacht hat, was ihn glücklich werden ließ. Jonas war mit seinem Leben definitiv glücklich. Wenn man das schafft, dann hat man im Leben schon sehr viel erreicht. ■ | eingenverantwortung Tom Dauer ist Buchautor und Filmemacher. Er hat den Tod in den Bergen selbst erlebt und versteht , dass Fassungsl osigkeit vielle icht nur mit Gefass theit zu begegnen ist.

Freikaufen von der Eigenverantwortung

Wer einen Bergführer nimmt, will Verantwortung übertragen. Zu hundert Prozent ist aber auch das nicht immer möglich.

Auch bei Touren mit Bergführern und Bergführerinnen kommt es immer wieder zu Unfällen. Ein Beispiel, das noch nicht lange zurückliegt, erfuhr große mediale Aufmerksamkeit. Am 11. April dieses Jahres ging kurz vor 11 Uhr unterhalb der Talleitspitze zwischen Vent und der Martin-Busch-Hütte eine spontane Lockerschneelawine ab, die sich zu einer großen Nassschneelawine entwickelte, wie es in offiziellen Berichten heißt. Die Lawine verschüttete in der Folge mehrere Skitourengeher:innen einer insgesamt 21 Personen zählenden Gruppe, darunter vier Bergführer und 17 Gäste aus den Niederlanden. Drei Personen kamen bei dem Vorfall ums Lebens. Auch deshalb, weil es sich um eine geführte Tour handelte, wird die Aufarbeitung des Falls noch einige Zeit dauern und neben der reinen Suche nach möglichen Fehlern bei der Gefahreneinschätzung viele Fragen aufwerfen. Wie werden Bergführer:innen von der Öffentlichkeit wahrgenommen? Was haben solche Unfälle mit Eigenverantwortung zu tun? Und wie stark werden Bergführer:innen bei solchen Unfällen vor Gericht in die Verantwortung genommen?

wWie wurde der Fall Vent in den Medien diskutiert?

Generell wurde das Lawinenunglück in den Medien eher sachlich und sehr besonnen reflektiert. Eine Schuldzuweisung fand in den Tagen nach der Lawine weder an die Teilnehmer der Tour noch an die Bergführer statt. Die Tiroler Tageszeitung stellte in einem Text in der Online-Ausgabe zwar früh per Überschrift den Faktor Zeit ins Zentrum: „War die Tourengruppe zu spät unterwegs?“ Die Zeitung zitierte Thomas Rabl als Präsident des Tiroler Bergsportführerverbands aber mit den Worten: „Ich habe mir eine Wetterstation in der Nähe der Unfallstelle angesehen, die lediglich zehn Zentimeter Neuschnee ausgewiesen hat.“ Besonderes Gefahrenpotenzial erkenne er daraus nicht. Später heißt es in dem Text, ein Restrisiko bleibe jedoch immer, sobald man eine Bergtour antrete.

Sogar die selten feinfühlige Bild in Deutschland berief sich in der Berichterstattung auf Polizeiinformationen und zitierte den Obmann der Bergrettung Sölden, Franz-Josef Fiegl, mit den Worten: „Die Gefahr war überschaubar, ich wäre da auch in das Areal reingegangen.“ Insgesamt bleibt der Eindruck, als sei vielen Berichterstattern die Tatsache bewusst, dass am Berg ein gewisses Restrisiko durchaus vorhanden ist.

„Das Thema Eigenverantwortung ist total sexy, solange nichts passiert. Jeder ist schließlich gerne ein kompetenter Bergsteiger, der selbstverständlich eigenverantwortlich handelt.“
Stefan Beulke, Jurist und Bergführer.

hHat also auch der Bergführer-Gast eine gewisse Eigenverantwortung?

Die Frage nach der Eigenverantwortlichkeit am Berg und bei Lawinenunfällen im Allgemeinen war schon Thema etlicher Aufsätze, auch in bergundsteigen. Stefan Beulke, Bergführer und Rechtsanwalt mit dem Fachgebiet Bergthemen in München, weist in den Berichten der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) 2015 zum Beispiel ganz allgemein darauf hin: „Die rechtliche Aufarbeitung eines Lawinenunfalles bewegt sich im Spannungsfeld von Risikobeurteilung, Fahrlässigkeit und Eigenverantwortlichkeit.“ Dabei seien die Begrifflichkeiten nicht aus sich selbst heraus verständlich, sondern lassen sich letztlich nur situationsabhängig klären. Kurz: Die Frage, wer am Berg wann genau an was Schuld trägt, ist komplex. Und sie wird nicht einfacher, wenn dabei – wie bei klassischen Führungstouren – eine ungleiche Verantwortungsverteilung herrscht.

Im Grunde herrscht jedoch Einigkeit darüber, dass am Berg ein Verantwortlichkeitstransfer auf den oder die Bergführer:in oder andere Führungspersonen stattfindet. Dieser wird gewissermaßen käuflich erworben; der Gast ist nicht mehr eigenverantwortlich unterwegs. So sagt etwa Klaus Burger, als Richter im Ruhestand und Multifunktionär unter anderem Vorsitzender des Deutschen Gutachterkreises für Alpinunfälle sowie Regionalleiter der Bergwacht Chiemgau: „Indem ich Bergführer nehme, kaufe ich mich als Gast grundsätzlich mal von der Eigenverantwortlichkeit frei.“ Auch Beulke befindet im Gespräch mit bergundsteigen ganz klar: „Die Realität sieht doch so aus: Die Gäste zahlen schließlich Geld für eine geführte Tour. Es dürfte nicht abwegig sein, dass die Gäste dann auch erwarten, die geführte Tour unfallfrei zu beenden.“ Rita Christen, Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands und Juristin, hält es geradezu für „unsympathisch, wenn man eine professionelle Dienstleistung anbietet und dafür nicht geradesteht“.

Sie präzisiert jedoch, dass ein Unfall eines Gastes in der rechtlichen Praxis nicht automatisch eine Haftung des Bergführers oder der Bergführerin zur Folge habe. „Beim Führen muss man immer wieder Entscheide gestützt auf unsichere Faktoren treffen, dabei kann man auch bei aller Sorgfalt daneben liegen. Das akzeptiert auch die rechtliche Praxis.“ Zudem steht etwa in Christens Vortrag über Recht, den sie als Ausbilderin von Bergführer:innen regelmäßig hält, der Satz: „Fällt der Grund fur einen Unfall in den Verantwortungsbereich des Gastes, so liegt kein strafbares Verhalten des Bergfuhrers bzw. der Bergführerin vor.“ Als Beispiel wird angeführt, wenn der Gast stolpert und mit dem Kopf auf einem Felsblock aufschlägt, weil er beim Uberqueren einer großblockigen Geröllhalde nebenher eine Nachricht auf dem Handy tippt. So verbleibe „bei den gefuhrten Personen immer eine gewisse Eigenverantwortung, welche sich nach deren Know-how und Fähigkeiten bemisst“.

Gibt es bei Führungsrouten folglich Gäste von unterschiedlicher Eigenverantwortlichkeits-Klasse?

Nach Meinung der bergführenden Juristen gibt es diese durchaus. Oder anders: Gast ist nicht gleich Gast. Denn die Grenze dessen, was sich noch im Eigenverantwortlichkeitsbereich eines Gastes abspielen kann und darf, ist fließend. Sowohl Beulke als auch Burger nennen als Beispiel den Zustieg im Zweier- oder gar Dreiergelände auf dem Weg zu einer klassischen Dolomitentour. Die Frage, ob angeseilt werden soll oder nicht, dürfte hier je nach Bergerfahrung und Kenntnis des Gasts oder gar der Gäste (und auch abhängig vom Kenntnisstand des Bergführers über die individuelle Leistungsfähigkeit seines Gastes) unterschiedlich beantwortet werden.

Die Antwort auf solche Fragen nach der Zumutbarkeit von Eigenverantwortung und das nötige Differenzieren wird auch dadurch nicht leichter, dass viele Bergfreunde – im Winter zum Beispiel – zwar hervorragende und auch konditionsstarke Skifahrer sind, laut Beulke aber in Ermangelung eigener alpinistischer Erfahrungen möglicherweise kaum einen Meter in Eigenregie vor die Tür machen können. Denn die Fitness und der damit einhergehende Wunsch nach Steilabfahrten bedeutet nicht automatisch die Fähigkeit zur umfassenden Gefahrenanalyse. Eine Tour mit einem einzelnen gut vertrauten Gast ist logischerweise etwas anderes als eine mit einer niederländischen Tourengruppe, die erstmals im freien Gelände unterwegs ist. Auch sollte man in keinem Falle voraussetzen, dass die Gäste mit einem Mindestmaß an Informationen wie der Lawinengefahr vertraut sind, so Christen. „Das liegt alleine am Bergführer.“

hHilft es womöglich, mehr mit den Gästen zu sprechen, um diese quasi in die Verantwortung zu nehmen?

Auch wenn das Einbinden der Gruppe durch eine klare Kommunikation der Gefahren seitens der Führungspersonen gemeinhin als positiv erachtet wird (Christen: „Die Aufklärung der Gäste über die Risiken ist in der Schweiz nicht nur eine moralische, sondern eine gesetzliche Pflicht.“) und die Akzeptanz von Entscheidungen erhöht, könne man sich dadurch nicht von zentralen Sorgfaltspflichten „freizeichnen“, wie es Beulke nennt. Er selbst warnt aber vor zu hohen Erwartungen: „Es ist gerade ja auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens trendy, die Leute durch achtsame Kommunikation mitzunehmen und abzuholen – und das auch noch auf angeblicher Augenhöhe.“ Haftungsrechtlich führe das allerdings im Regelfall zu keiner Freizeichnung. „Und wenn ein Gast im Ausnahmefall die Risiken selbst sachgerecht einschätzen und die angemessenen Sicherheitsentscheidungen treffen kann, wird er sich im Zweifel sowieso keinen Bergführer nehmen“, so Beulke weiter. Die Schweizerin Christen weist indirekt auf das doch meist beträchtli-

„Der Mensch will zwar frei sein, aber wenn was passiert, dann überwiegt der Wunsch nach Geld.“
Klaus „Nik“ Burger, Jurist und Bergretter.
„Leute, die keine Ahnung haben, kann ich nicht in eine Entscheidung einbinden.“

wche Gefälle an Risiko- und Sachkenntnis hin, wenn sie sagt: „Leute, die keine Ahnung haben, kann ich nicht in eine Entscheidung einbinden.“ Wie sieht die Gesellschaft generell die Frage der Eigenverantwortung am Berg?

Ganz allgemein betrachtet hat die Eigenverantwortlichkeit in der Gesellschaft nach Meinung der Juristen Burger und Beulke einen schweren Stand. Burger sagt: „Der Mensch will zwar frei sein, aber wenn was passiert, dann überwiegt der Wunsch nach Geld.“ Im Gespräch nennt Beulke die oft bemühte Eigenverantwortlichkeit einen beliebten Begriff aus der Welt des modernen und aufgeklärten alpinen Heldenepos. Denn es sei doch so: „Das Thema ist total sexy, solange nichts passiert. Jeder ist schließlich gerne ein kompetenter Bergsteiger, der selbstverständlich eigenverantwortlich handelt. Denn das Gegenteil wäre ziemlich uncool – und uncool will wirklich niemand sein. Wenn aber was passiert, geht die Suche nach den Schuldigen los.“ Man lebe in einer „Risikovermeidungsgesellschaft“, der Bergsport bilde nur eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung mit einer immer geringeren Bereitschaft zur Eigenverantwortung ab. Schon 2015 formulierte er in bergundsteigen den noch immer gültigen Satz: „Im Gegensatz zum Umgang mit Ärzten, Rechtsanwälten oder Richtern hat die Gesellschaft noch nicht gelernt, dass Tourenleiter oder Bergführer ebenso wenig in der Lage sind, immer und in jeder Situation ausreichend zuverlässige und sichere Entscheidungen zu treffen, ohne dass man ihnen immer einen Fahrlässigkeitsvorwurf machen kann.“

wWie urteilen die Gerichte bei Bergunfällen mit Bergführern?

Zumindest in der Rechtsprechung scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass am Berg andere Voraussetzungen herrschen als beispielsweise im Straßenverkehr mit eindeutigen Regeln zu Vorfahrt und Geschwindigkeit – und die Konsequenzen womöglich letztlich jeder selbst tragen muss; gewissermaßen im Sinne der Eigenverantwortung. Beulke spricht im Zusammenhang mit der rechtlichen Beurteilung von Bergunfällen von einem „komplexen System mit wahnsinnig vielen Stellschrauben“, insbesondere deshalb, weil es „keine standardisierten Unfallsituationen gebe“. Hinzu kommt noch: „Juristerei ist keine Naturwissenschaft.“ Ein Richtig und ein Falsch im Sinne eines binären Systems ist nur selten möglich. „Einfache Aussagen entziehen sich damit“, so Beulke.

Wer heute deshalb nach richtungsweisenden Urteilen zu Unglücken bei geführten Touren fragt, erhält vor allem in Deutschland und Österreich häufig den Hinweis auf das Unglück an der Jamtalhütte Ende des Jahres 1999. Damals starben neun Menschen bei einer geführten Tour des DAV Summit Club. Für das Silvretta-Gebiet hatte der Lawinenwarndienst die Stufe vier der fünfteiligen Skala ausgegeben; sie lag damit also deutlich höher als am 11. April dieses Jahres in den Ötztaler Alpen. Die Bergführer wurden damals im Strafprozess am Innsbrucker Landesgericht freigesprochen; im Zivilverfahren gab das Oberlandesgericht München der Klage auf Schadenersatz nach – allerdings gegen den DAV Summit Club und nicht gegen die beteiligten Bergführer. Eine Erkenntnis damals war, dass die Teilnehmer nicht ausreichend über die herrschende Lawinenstufe informiert worden waren, da sie sonst – auch dies ist Eigenverantwortlichkeit – womöglich gar nicht an der Tour teilgenommen hätten.

Christen wiederum verweist auf einen für die Schweiz maßgeblichen Unfall, nämlich jenen am Vorder Tierberg 1983, als eine Seilschaft während eines SAC-Tourenleiterkurses abstürzte. Die

Kursleiter wurden durch das Bezirksgericht Oberhasli ohne den Rat eines Alpinexperten verurteilt, zwei weitere Gerichte bestätigten dies. Christen spricht davon, dass sich die „Justiz bei dem Urteil vergriffen“ habe. Aus dieser Erfahrung ging eine Arbeitsgruppe hervor, aus der sich die Fachgruppe Expertisen bei Bergunfällen (FEB) entwickelte. Seit 1990 stehen damit Fachleute den Richtern als Alpinexperten zur Verfügung. Für Christen ist dies mit ein Grund dafür, dass die Rechtsprechung bei Bergführerunfällen seither recht fair und angemessen verläuft. Für die Qualität der Gutachten ist laut Christen entscheidend, „wie der Gutachter seine Arbeit macht, wie er aus der ex ante Perspektive argumentiert“, also sich in die Situation, die vor dem Unfall herrschte, hineinversetzen kann. Gerade bei Lawinenunfällen weisen Experten darauf hin, dass alleine der Begriff „Vorhersehbarkeit“ bei der rechtlichen Aufarbeitung Unschärfen enthält.

Was nun den speziellen Fall bei Vent betrifft, so sagt Nik Burger: „Das Verfahren könnte juristisch aufhorchen lassen, insbesondere was die Frage nach dem Restrisiko anbelangt.“

Klassenfoto am K2

Im Frühjahr eine Woche Bouldern in Fontainebleau, im Sommer ein Klettercamp im Frankenjura und mitten im Winter auf einen Dreitausender im Pitztal: Das klingt nach Abenteuerferienlager, ist aber Teil des Schulunterrichts. Ein solch alpiner Ansatz ist für eine Schulklasse nicht nur ambitioniert, sondern wohl auch einzigartig. Ist Bergsport im schulischen Kontext geeignet, Kindern und Jugendlichen Eigenverantwortung zu vermitteln? Wie lassen sich beim Klettern und Skitourengehen Risikobewusstsein, Selbstvertrauen und Teamgeist fördern? Unterwegs mit der „Kletterklasse“ der Sportmittelschule Imst in Tirol.

Von Simon Schöpf

Neben der Bergstation der Riffelseebahn piepst es. „Komm her, näher, näher“, sagt Johannes, bis das Piepsen hochfrequenter wird. „Passt, weiter!“ Dazu eine auffordernde Handbewegung, nur keine Zeit verlieren, hier oben auf 2.300 Metern, bei gut minus zehn Grad. So macht er es mit jedem aus unserer neunköpfigen Gruppe, es ist das Ritual des LVS-Checks. Das „Pieps“ ist essentieller Teil der Notfallausrüstung, wenn man auf Skitour abseits der gesicherten Pisten geht. Das weiß Johannes, das wissen alle hier. Gelernt hat er das nicht etwa bei einem Lawinenkurs des Alpenvereins, sondern im Geographieunterricht. Johannes ist 14 Jahre alt, genau wie seine Mitschüler, an denen er die Funktionstüchtigkeit der LVS-Geräte testet. Sie alle besuchen die 4S-Klasse der Sportmittelschule Imst, wobei S für den schulischen Schwerpunkt „Sportklettern und Alpinsport“ steht. Die „Kletterklasse“, wie sie von vielen auch genannt wird, umfasst insgesamt 20 Schülerinnen und Schüler. Seit 1997 gibt es diesen Zweig, hochalpine Berg- und Skitouren zählen seit Jahren zum Fixprogramm. Das ist einzigartig, in Österreich und wohl auch darüber hinaus. Wie kam es dazu?

Die Idee: Wir machen eine Kletterklasse

Die Idee dazu hatte Anfang der 90er-Jahre der Imster Lehrer sowie Berg- und Skiführer Michael „Mike“ Gabl. Dass das Projekt zustande kam, war auch eine Frage des Glücks. „Die Konstellation hat damals einfach gepasst“, erinnert sich Mike. „Der damalige Schulinspektor war Kletterer und die Direktorin war ebenfalls begeisterte Alpenvereinlerin. Beide waren sofort Feuer und Flamme.“

Daraus entstand ein Schulversuch, bei dem die Kinder zunächst zwei Stunden pro Woche Alpinsport hatten. „Damals hatten wir aber noch gar nichts, keine Ausrüstung, kein Geld. Ich habe einfach meine alten Kletterseile zerschnitten, daraus haben wir improvisierte Klettergurte gebaut und sind zum ersten Mal in den Klettergarten gegangen“, erzählt Mike Gabl. Zudem verkaufte er auch noch sein Auto, um sich einen Bus für die Kletterausflüge leisten zu können, das Benzin ging auf eigene Kosten. Wobei, kindergerechte Klettergärten gab es damals im Jahr 1991 freilich auch noch weit und breit keine. „Soviel ich weiß, habe ich in Tarrenz in Walchenbach den ersten Kinderklettergarten überhaupt eingerichtet. Eingebohrt habe ich alles mit der Hand, nicht mit der Bohrmaschine. Das Platzl war praktisch mein zweites Klassenzimmer“, sagt Mike zu den Anfängen des Kinderkletterns.

Dolce Vita. So eine Schulsportwoche in Arco kann schon was. Foto: Archiv Gabl

Mike Gabl startete in den 1990ern mit dem Projekt „Kletterklasse“. Foto: Archiv Gabl

Simon Schöpf betreut als begei sterter Alpinist und nicht minder enth usiastischer Schreiberlin g die Onlinekanäle von bergundsteigen. Als Spross einer Lehrerfamilie war er natü rlich der einzig denkbare Autor für diesen Artikel.

| eigenverantwortung

Klettercamp in den Dolomiten. Ein Tag in den Landrohöhlen am Dürrensee. Foto: Alexander Hell

Nach und nach wurden die Alpinstunden der Schüler erweitert, 1997 wurde der Schulversuch dann in eine offizielle Sporthauptschule mit dem Schwerpunkt Klettern umgewandelt. Mike gründete zusätzlich auch eine Wettkampfgruppe innerhalb der Schule, für die er ebenfalls Sonderstunden bekam. Es folgten Trainingslager in Südfrankreich, Griechenland, Sizilien. Zusätzliches Klettern nach Schulschluss und an den Wochenenden. Das Engagement zahlte sich aus: „Mit dem Reini Scherer haben wir uns die Staatsmeistertitel ausgeklettert“, sagt Mike nicht ohne Stolz, auch viele internationale Bewerbe gewonnen. Was noch auffällig war: Die Spitzenathleten aus dem Team waren durch die Bank Vorzugsschüler. Ziele setzen, immer wieder reflektieren, anpassen, an den Schwächen arbeiten – das alles war offensichtlich auch im klassischen Schulalltag ein großer Vorteil. Das Imster Kletterteam um Mike Gabl war nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil er früher als viele andere die Bedeutung der mentalen Komponente erkannte. Und zusammen mit einem Freund, dem Sportpsychologen Walter Minatti, intensiv mit Methoden wie autogenem Training und Visualisierung arbeitete.

Ist Klettern Persönlichkeitsentwicklung?

Aber wie profitieren die jungen Menschen vom Klettersport, abseits von starken Sehnen und muskulösen Unterarmen? Eine Magisterarbeit1 an der Universität Wien untersuchte, wie Sportklettern bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 16 Jahren soziale Aspekte fördert. Die Ergebnisse der qualitativen Forschungsarbeit legen nahe, dass Klettern das Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen signifikant verbessert, indem es Eigenverantwortung, Vertrauen und gegenseitige Verantwortungsübernahme fördert. Eigenverantwortung entwickelt sich beim Klettern durch das selbstständige Sichern und Bewegen in der Wand, wobei die Kinder lernen, ihre Kräfte richtig einzuschätzen und Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu gewinnen. Die Übernahme von Verantwortung wird auch durch den Partnercheck betont, der sowohl Selbst- als auch Fremdverantwortung erfordert, da man das Leben des Partners buchstäblich in den Händen hält. Das Bouldern als verletzungsgefährlichste Disziplin des Kletterns fördert ebenso die Eigenverantwortung besonders durch die Notwendigkeit der Risikoein-

1 Weiss Sabrina, 2012: „Förderung ausgewählter sozialer Aspekte des Sportkletterns bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 8 und 16 Jahren“, Universität Wien

Unterricht anders gedacht: Beim Bouldern und Aufwärmen im Klettergebiet Karres. Foto: Archiv Gabl schätzung und -minimierung. Vertrauen spielt dabei eine zentrale Rolle, da alle weiteren Aspekte des Kletterns, einschließlich der Verantwortungsübernahme, darauf aufbauen. So viel zur Theorie. Hinsichtlich Praxis betont Mike Gabl: „Was man den Kindern von Anfang an klarmachen muss, ist, dass Klettern etwas anderes ist als Fußball oder Tennis. Denn wenn ich beim Fußball einen Fehler mache, bekomme ich ein Tor. Aber wenn ich beim Klettern einen Fehler mache, dann habe ich im schlimmsten Fall einen Toten oder Schwerverletzten.“ Laissezfaire-Erziehung und Larifari sind im Klettergarten mit Schülern fehl am Platz, Disziplin und strenge Regeln sind gefragt. Und als verantwortlicher Lehrer und Bergführer müsse man auch konsequent sein, wenn man sehe, dass etwas nicht klappt, sagt Mike Gabl. In den 25 Jahren, in denen er die Kletterklasse unterrichtete, sei nie etwas Ernsthaftes passiert. „Die Schüler haben gelernt, dass sie das Leben ihrer Kameraden in der Hand haben.“

Die Sportklasse auf Skitour

Szenenwechsel zurück in den Winter: Nach dem LVS-Check folgt eine kurze Abfahrt hinunter zum Rifflsee, der im Winter eine große, weiße Ebene ist. Tief verschneit präsentiert sich die Winterlandschaft heute, frischer Pulver liegt über den Bergen des Pitztals, die Temperaturen klirrend kalt. Dass die Schülerinnen und Schüler der 4S heute in dieser gefrorenen Winterlandschaft und nicht im beheizten Klassenzimmer sind, verdanken sie ihrem Kletter- und Sportlehrer Alexander Hell. Hell hat die „Kletterklasse“ von Mike Gabl übernommen, als dieser sich 2019 in die Lehrerpension verabschiedete. „Ist doch furchtbar“, sagt der Südtiroler, „wenn die Kinder jeden Tag sechs Stunden nur sitzen müssen. Sobald es schön ist, gemma außi!“ Und schön ist es heute definitiv. Dass so etwas an einer Mittelschule überhaupt möglich ist, hat zwei Gründe: Sportmittelschulen als eigener Schultypus haben ein spezielles Kontingent an Sport- und Projektstunden zur Verfügung, das den Lehrern genügend Freiraum für eigene Ideen lässt und eine kooperative Schulleitung, die nach wie vor voll dahintersteht. „FreerideTage“ nennt Alexander Hell dieses Projekt, am Vortag war die Gruppe den ganzen Tag im Skigebiet See im Paznauntal Tiefschnee-

Verantwortung übernehmen: Ohne LVS-Check in der Gruppe geht niemand ins Gelände! Foto: Simon Schöpf fahren. Dem voraus gingen etliche Theorieeinheiten in der Schulklasse, erst die Lawinenbasics, dann Risikomanagement. „Wenn Kinder Spuren im Gelände sehen, fahren sie oft einfach hinterher. Das kann aber schnell gefährlich werden.“ Ihm geht es darum, schon früh ein Bewusstsein für die winterlichen Gefahren im freien Gelände zu schaffen. Alexander Hell ist selbst Bergführer-Anwärter und begeisterter Skitourengeher. Er sieht es ein Stück weit als seine Aufgabe an, neben den sportlichen Vorgaben des Lehrplans auch seine Leidenschaft für den Alpinsport weiterzugeben. Die Augen der jungen Erwachsenen für die Schönheiten, aber auch für die Gefahren der rauen Bergnatur zu sensibilisieren. Als er seine Klasse fragte, wer Interesse an einer Skitour hätte, waren 14 von 20 Schülern sofort Feuer und Flamme. So viele, dass er zwei Termine machen musste, denn mehr als sieben kann er nicht auf einmal ins Gelände mitnehmen. Als zweiter Lehrer ist heute Thomas „Tom“ Eiter dabei, der als Pitztaler und Bergretter das Rifflsee-Gebiet wie seine Westentasche kennt. Auch er ist begeisterter Skitourengeher, auch er ist überzeugt von dem, was sie tun: „Ich glaube nicht, dass es irgendwo in Österreich – oder vielleicht sogar auf der ganzen Welt? – eine Schulklasse gibt, die eine vergleichbare Skitour unternimmt. Das ist wohl einzigartig.“

Spitzkehren statt Mathe

Das Ziel des Klassenausfluges ist auch durchaus ambitioniert: Der Gipfel des K2. Zwar nicht der gleichnamige Achttausender im Karakorum, der als gefährlichster Berg der Welt gilt, sondern der K2 am Kaunergrat im hinteren Pitztal, immerhin auch stattliche 3.253 Meter hoch und wegen der ähnlichen Form seiner weißen Gipfelpyramide eben nach dem berühmten K2 benannt. Bevor die rund tausend Höhenmeter in Angriff genommen werden, heißt die erste Herausforderung des Tages: Auffellen. Einige der Schüler wie Johannes oder Felix sind bereits erfahrene Skitourengeher, andere sind heute zum ersten Mal mit ihrem Material unterwegs. Doch schnell zeigt sich, dass die Gruppe ein eingespieltes Team ist. Wer schneller war, hilft den anderen, gibt Tipps. „Für die Truppe würde ich meine Hand ins Feuer legen, auf sie ist Verlass“, sagt Lehrer Alexander Hell. Seit vier Jahren begleitet er die Kinder, kennt ihre Stärken und Schwächen. Und weiß, dass er ihnen vertrauen kann – sonst wäre eine Aktion wie diese nicht denkbar.

Bevor es endgültig Richtung K2 geht, folgen noch die essentiellen Fragen des Tages:

„Welche Lawinenwarnstufe haben wir heute?“, fragt der Lehrer. „Eins bis zwei, einen zweier oberhalb der Baumgrenze“, antwortet eine Stimme im Stimmbruch.

„Gut. Wo sind die Gefahrenstellen?“

„Triebschnee in den Expositionen Nord bis Nordwest.“

„Richtig. Wie wird das Wetter heute?“ „Minusgrade!“

Die Klasse ist bestens informiert, es kann losgehen. Unterwegs machen die Lehrer Alexander und Tom immer wieder auf Gefahrenzeichen in der Landschaft aufmerksam. „Was seht ihr da für eine Lawinenform, Schneebrett oder Nassschneelawine?“ Das ist Unterricht zum Anfassen. Sicherheitsrelevante Fragen werden ausführlich besprochen, die Steilheit des Geländes eingeschätzt, Spitzkehrentechnik geübt. Bei der Tourenplanung für seine Klasse achtet Alexander Hell penibel darauf, jedes Risiko auszuschließen. Er orientiert sich an der geläufigen Stop-or-Go-Methode, zieht aber nochmal eine Stufe ab. Sprich, bei Lawinenwarnstufe 3 geht er nicht steiler als 30 Grad, bei Stufe 2 nicht steiler als 35 Grad. Die am Vortag angelegte Spur steigt steil an, zu steil für die Kinder. Deshalb holt Alexander immer wieder weit aus, spurt den K2 neu, sanfter. Lässt aber auch mal die Schüler die Führungsposition einnehmen, sie sollen ein Gefühl für das Spuren bekommen, Verantwortung übernehmen. Immer wieder stoppt die Gruppe, spielt Szenarien durch: Wie steil ist wohl der Hang da vorne? Dürften wir bei Lawinenstufe 3 hier weitergehen? Wo sehen wir hier eine mögliche Geländefalle? Es sind viele Kleinigkeiten, die eine Skitour mit einer Schulklasse eben etwas anders machen. Die Motivation. Die Ausrüstung. Das Tempo. Auf halber Strecke läutet es zur „großen Pause“, die Rucksäcke werden abgesetzt. Die Packung Gummibärchen ist so schnell verputzt, wie sie aus dem Rucksack kommt. Das Panorama der Ötztaler Alpen wird größer und größer, bis im Süden ein besonders mächtiger Berg den Blick dominiert. „Annika, welcher Gipfel ist das da hinten?“ „Die Wildspitz!“, weiß Annika, die junge Pitztalerin, die jeden Tag über eine Stunde nach Imst pendelt, nur um in die Kletterklasse gehen zu können. Ihren Hausberg, den kennt sie natürlich.

Schulstoff Spitzkehre. Die Lehrer Alexander Hell und Thomas Eiter instruieren ihre Sprösslinge im Pitztal, wie man auf Skitour gekonnt um die Kurve kommt. Foto: Simon Schöpf

„Ich bin überzeugt, dass es Jugendlichen guttut, so viel wie möglich draußen zu sein und am Berg eigenständige Entscheidungen zu treffen.“
Alexander Hell

Es muss nicht immer der Everest sein.

Schulklasse am K2. Fotos: Simon Schöpf

Die Gipfelentscheidung

Der obere Teil der Skitour führt durch herrlich kupiertes, weitläufiges Gelände, das heute dazu noch fast unverspurt ist. Die letzten Höhenmeter gehen für viele der Schüler an die Substanz, die Pausen werden häufiger. Aber auch das ist Kalkül. Während man im Skigebiet jede Abfahrt quasi geschenkt bekommt, muss man sich auf der Skitour jeden Schwung hart erarbeiten. „Sich etwas erkämpfen, für ein Ziel an seine Grenzen gehen, Verantwortung für sich und andere übernehmen: Das sind alles wertvolle Erfahrungen für junge Menschen. Und alles Dinge, die wir im Klassenzimmer niemals so einprägsam vermitteln können wie hier draußen in der „Wildnis“, sagt Pädagoge und Bergführer-Anwärter Alexander Hell. „Ich bin überzeugt, dass es Jugendlichen guttut, so viel wie möglich draußen zu sein und am Berg eigenständige Entscheidungen zu treffen.“ Denn darum sollte es doch letztlich in der Schule gehen –um aus Kindern selbstständige Menschen zu machen. Menschen, die eigenverantwortlich entscheiden, was sie sich zutrauen und was nicht.

Eine letzte Entscheidung steht heute noch an: von der Scharte zum Gipfelkreuz oder am Skidepot ausruhen? Vier der sieben Schüler entscheiden sich für den Gipfelgrat, sie wollen es wissen. Mit dabei Annika, das einzige Mädchen in der Gruppe. Im steilen Gelände spürt man die dünne Luft hier auf über dreitausend Metern umso mehr, es wird gekämpft. Und gewonnen: Vor dem Gipfelkreuz lässt sich Annika kurz auf die Knie fallen, verschnauft. Um sich dann wieder aufzurappeln und trotz aller Anstrengung stolz zu lächeln. Für das Klassenfoto am K2.

Eigenverantwortung in der Österreichischen

Alpenvereinsjugend: David Kupsa

David Kupsa von der Alpenvereinsjugend Österreich betont die Bedeutung von Freiräumen und gesunden Risiken für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen. Im Gegensatz zum öffentlichen Diskurs, in dem oft eine risikoaverse Haltung vorherrscht, sieht die Alpenvereinsjugend als Jugendorganisation den Bergsport, aber auch das freie Spielen in der Natur als Möglichkeiten, um ihre Bildungsziele zu erreichen. Dazu zählt unter anderem, die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen zu unterstützen. Kinder und Jugendliche müssen die Möglichkeit haben, eigenverantwortliche Erfahrungen mit riskanten Situationen zu machen und zu lernen, wie man damit umgeht“, sagt Kupsa. Durch das bewusste Erleben und Bewältigen von Risiken im Bergsport lernen Jugendliche, Herausforderungen zu meistern und dadurch Selbstvertrauen zu entwickeln. Dies stärkt nicht nur ihr Selbstwertgefühl, sondern bereitet sie auch auf allgemeine Herausforderungen im Leben vor.

Kupsa betont, wie wichtig es ist, Kindern riskantes Spielen zu ermöglichen und herausfordernde Erfahrungen zuzulassen. Mit Tage draußen liefert die Alpenvereinsjugend dafür die pädagogischen Grundlagen zur Begleitung. Diese fußen unter anderem auf dem pädagogischen Ansatz „risflecting“, der das natürliche Bedürfnis nach Risikoerfahrungen anerkennt. In Ländern wie Norwegen ist das „risky play“ bereits im elementarpädagogischen Kontext fix verankert, das weg von einer Überbehütung hin zum Ausprobieren will. Denn klar ist: Wenn nichts passiert, passiert auch nichts. ■ by

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Abb. 1 Die Grundstellung bei Einsatz der Vertikalzackentechnik.

Illustration: Georg Sojer

Didaktische, methodische und sicherheitsrelevante Ideen für die alpine Ausbildung.

Grundmerkmale

Auf die Zacken, fertig, los!

Skeptiker zweifeln aufgrund des Klimawandels bereits heute an der Sinnhaftigkeit klassischer Hochtourenkurse. Solange es jedoch Eis und Schnee in den Bergen gibt, müssen Bergsteiger sich auf gefrorenem Untergrund bewegen können –und das erfordert Übung.

Das Hochgebirge verändert sich. Eine der vielen Folgen: Wo das Eis noch nicht komplett abgeschmolzen ist, werden zu bewältigende Eispassagen steiler, viele Touren damit anspruchsvoller. Hochtouren werden zudem immer öfter in die Wintermonate verlagert, weshalb Firn- und Eispassagen nicht unbedingt weniger werden. Die Ausbildung und das Training in einer der Kerndisziplinen des Bergsports werden daher weiterhin einen großen Stellenwert haben – wahrscheinlich werden sie sogar noch wichtiger. Die folgende Zusammenstellung möglicher Übungen und Spielformen beschränkt sich auf die sogenannte Grundschule des Steigeisengehens: die Anwendung der vertikal angeordneten Zacken eines AllroundSteigeisens in leichtem bis mittelschwerem Eisgelände.

Die Vertikalzackentechnik (VZT)

hüftbreite Beinstellung (Abb. 1)

· leichte V-Stellung der Füße: Zehenspitzen zeigen nach außen

· möglichst alle vertikalen Zacken werden eingesetzt

· deutlicher Belastungswechsel, um das Eindringen der Zacken

· zu verbessern angemessene Oberkörpervorlage zur Sicherung des Körperschwerpunktes über dem Standbein (v.a. bergab, vgl. Grundposition beim Skifahren) angemessene Schrittlänge, abhängig von der Geländeneigung

· (Spurwahl!) gleichmäßiges Gehtempo und gleichmäßiger Rhythmus zur

· ökonomischen Fortbewegung

Bewegungsformen

Übungen und Spielformen

Schräganstieg mit Übersetzen

· Schräganstieg mit Nachsetzen Abstieg in Falllinie Wende berg- und talwärts

Die beschriebenen Übungen dienen der Verbesserung des Steigeisenkönnens. Dabei werden drei übergeordnete Ziele verfolgt: möglichst korrekte Ausführung der VZT · möglichst ökonomische Umsetzung der VZT · Aufbau von Erfahrung bezüglich des sinnvollen Einsatzgebietes · und der Einsatzgrenzen der VZT

Lernziel

Ablauf / Aufgabenstellung

Gelände

Übung 1. Freies Ausprobieren (Abb. 2)

Erste Erfahrungen auf Steigeisen sammeln Grundmerkmale zum Gehen auf Eis kennenlernen

Zunächst freies Bewegen der Teilnehmenden mit folgenden Anweisungen: Geht langsam!

· Setzt die Steigeisen bewusst auf!

· Versucht, den Untergrund zu spüren!

· Anschließend werden die Grundmerkmale gesammelt und präzise demonstriert.

· Blankeis

nahezu ebenes oder gering geneigtes

· fördern die Vielfalt.

Flache, gering ausgeprägte Strukturen

Das Terrain muss frei von Hindernissen

· (Material, Rucksäcke, Steine) und größeren Eisstrukturen / Spalten sein.

Der zur Bewegung freigegebene Bereich sollte mit den Teilnehmenden besprochen werden.

Übung 2. Kontraste schaffen

mögliche Bewegungsumfänge erspüren und kennenlernen persönliches Optimum finden ·

Die Inhalte aus Übung 1 werden durch Kontrastaufgaben vertieft. Beispiele: Beinstellung schmal-breit: Klemmt euch · einen imaginären Tischtennis- oder Medizinball zwischen die Knie! Zehen zeigen einwärts-auswärts: Geht mit X- oder O-Beinen! zögerliches-energisches Auftreten: Geht · so leise wie möglich! / Tretet so stark wie möglich auf!

Anschließend demonstrieren die Teilnehmenden der Gruppe ihr jeweils persönliches Optimum im konkreten Gelände.

Gelände siehe Übung 1

Variationen

· einem Steigeisen

erste Runde ohne Steigeisen bzw. nur mit

· max. 20°)

Wechsel in mäßig steiles Gelände (bis

· Rückwärtsgehen

übertrieben Stapfen

· Wechsel in mäßig steiles Gelände (bis max. 20°)

Abb. 2 Auf die Wahl des Übungsgeländes muss besondere Sorgfalt gelegt werden.

Fleischmann ist Bergund Skiführer und haup tamtlicher Bildungsreferent Bergs port Alpin im Deutschen Alpenverein.

Markus

Lernziel

Ablauf / Aufgabenstellung

Übung 3. Einbeinig ausbalancieren (Abb. 3)

Körperschwerpunkt auf Standbein verlagern Gleichgewicht auf einem Bein halten Einsatz möglichst aller vertikaler Zacken ·

Die Teilnehmenden suchen sich selbstständig verschiedene Oberflächenstrukturen aus, auf denen sie einbeinig ausbalancieren.

Übung 4. Blind geführt (Abb. 4)

Untergrund bewusst erspüren Grundmerkmale verinnerlichen Innen- zu Außenansicht bewusst machen ·

Eine Person geht blind (z. B. Mütze über den Augen) und wird vom Partner durchs Gelände geführt. Steuerung über Handkontakt von vorne oder Schultergriff von hinten.

Gelände Variationen

unterschiedliche Eisstrukturen ohne Absturzgefahr, z. B. Wasserkanäle, Schmelztöpfe, sehr kurze geneigte Flächen bis 50°, niedrige Kanten und Rippen

einbeinig bücken und dabei Gegenstände ablegen und/oder aufheben

Unterschiedliche Eisstrukturen ohne Absturzgefahr, z. B. Wasserkanäle, Schmelztöpfe, sehr kurze, geneigte Flächen bis 50°, niedrige Kanten und Rippen

Partner:in führt nur verbal aus unmittelbarer Nähe und spottet, um einen Sturz durch Stolpern zu verhindern.

Abb. 3 Konsequenzen eines Sturzes sind bei der Geländewahl zu berücksichtigen. Abb. 4 Die Führenden haben bei dieser Übung eine besondere Verantwortung.

Foto: Markus Fleischmann
Foto:

Übung 5. Belastungswechsel in Zeitlupe, Bewegungen einfrieren

stabiler Stand und ruhige Bewegung auch ohne Balancehilfe kontrolliertes Setzen der Steigeisen auch bei Übersetzschritten sichere Übersetzschritte ohne Verhaken des bewegten oder · Kippen des stehenden Steigeisens

Diese Übung eignet sich sowohl für den klassischen Aufstieg mit Übersetzen als auch für das Nachsetzen in steilerem Gelände, die Wende berg- und talwärts sowie für den Abstieg in Falllinie. Die Ausbildenden geben die Spur und/oder Technikform vor und demonstrieren diese anschaulich in Zeitlupe (Abb. 5). Meist lohnt es sich, für die Teilnehmenden die Techniken sowohl frontal als auch in seitlicher Profilansicht zu demonstrieren. Geübt wird im Gänsemarsch oder parallel versetzt bei ausreichend Platz.

Kurzer, steiler werdender Hang (20–40°)

Auf Zuruf durch Ausbildende (Stopp!) Bewegungen einfrieren Bewegungsformen durch kleinen Rundkurs oder kreuzweises Gehen kombinieren

Lokomotive (Abb. 6): Die Teilnehmenden stehen hintereinander, halten · sich an den Schultern oder Hüften fest, gehen im Gänsemarsch und wechseln gemeinsam die Belastung von einem Bein auf das andere (evtl. mit Zählen oder Rhythmusvorgabe)

Abb. 6 Rhythmustraining mittels Lokomotive.

Abb. 5 Die Ausbildenden geben die Technikform vor und demonstrieren diese in Zeitlupe.

Abb. 7 Pickellauf zum Forcieren des Belastungswechsels bei definierter Schrittlänge.

Foto:

Abb. 8 Je variabler das Gelände, desto intensiver können die Grundlagen der VZT geübt werden.

Lernziel

Ablauf / Aufgabenstellung

Übung 6. Pickellauf, Pickelspringen (Abb. 7)

Spalten und Eisstufen sicher überwinden Körperschwung abfangen Belastungswechsel forcieren ·

Stöcke und Pickel werden in gezielten Abständen ausgelegt, um die Schritt- oder Sprunglänge vorzugeben. Beidbeinig über querliegende Stöcke und Pickel springen, dabei die Abstände zwischen den Hürden vergrößern. Durch Umlaufbetrieb wird eine hohe Übungsintensität erreicht.

*mit Kontrastübungen

Übung 7. Geländeparcours* (Abb. 8,9)

Grundtechniken variabel anwenden verschiedene Techniken kombinieren dient der Lernzielkontrolle zuvor geübter · Techniken

Die Ausbildenden führen die Gruppe durch vorgegebene Parcours. Entscheidend für den Lernerfolg ist ein möglichst variables Gelände. Zusätzlich können Kontrastübungen eingebaut werden, wie z.B. Beinstellung schmal-breit; Schrittlänge kurz-lang; Zehen zeigen einwärtsauswärts; Auftreten zögerlich-knallhart.

Gelände

kurzer Hang (10–30°)

Variationen

im Abstieg gehen statt springen, Fokus auf Belastungswechsel links-rechts (Abb. 7) auf Zuruf durch Ausbildende (Stopp!) · Bewegungen einfrieren

Abb. 9 Die Führenden haben bei diesem anspruchsvollen Geländeparcours eine besondere Verantwortung.

variabel mit möglichst vielen, unterschiedlichen Strukturen und Eisformen kleiner bis mittlerer Größe. Übungsbenefit versus Sturzpotential muss gut abgewägt werden.

Führung durch Teilnehmende „Tempo-Parcours“ zur Förderung von Rhythmus und Dynamik (Abb. 10)

Abb. 10 Übungen mit Tempo und Dynamik.

Foto: Jörn Heller
Foto: Andi Dick

Abb. 11 VZT mit Pickelhilfe.

Beobachtung und Kontrolle der Übenden sollte aus frontaler und seitlicher Perspektive erfolgen.

Demonstrieren und Korrigieren

Beispielhafte Übungsfolge für Anfänger

Der Blickwinkel der Teilnehmergruppe zum Demonstrierenden bzw. die eigene Position zur Beobachtung und Korrektur von Teilnehmenden ist essenziell für erfolgreiche Übungseinheiten. Gerade bei den Steigeisentechniken braucht es dazu sowohl den frontalen

Anblick als auch eine seitliche Sichtweise im Profil. Idealerweise werden Demos für die jeweils zweite Sichtweise wiederholt (Abb. 11).

Einführung und Training der Grundlagen der VZT

1. Kontrolle Steigeisensitz, Helm, Handschuhe, kein Material am Gurt (Stolpergefahr durch Hängenbleiben mit Steigeisen)

2. Freies Ausprobieren (Übung 1), Sammeln und Demonstration der Grundmerkmale

3. Vertiefung: Bewegungserfahrung sammeln mittels Kontrast- und Gleichgewichtsübungen (Übungen 2 bis 5). Teilnehmende individuell korrigieren

4. Training des Gehrhythmus, dynamisches Bewegen: etwas steileres Gelände, Rundlauf oder Parcours, Partnerübung (Übungen 5, 7)

5. Übung zum Bewältigen größerer Distanzen (z. B. Überqueren von Gletscherspalten): Pickellauf oder Pickelspringen (Übung 6). Vor sicht vor Verletzungen, insbesondere durch weite, harte Sprünge und Drehbewegungen. Gruppendynamik und Ermüdung beachten

Ergänzende Übungen für Fortgeschrittene

Generelle Tipps zur Sicherheit im Kursbetrieb

Trainieren in anspruchsvollerem Gelände, Ausloten von Grenzen der VZT Boulderparcours in Absprunghöhe. Fix platzierte Pickel können

· dabei als Griffunterstützung dienen.

Trainieren mit Seilsicherung im Toprope, v. a. auch ohne Pickel.

· Dabei das Einrichten der Umlenkungen geschickt mit Themen wie Eisschraube, Eissanduhr und Standplatzbau kombinieren.

Trainieren in Kombination mit diversen Pickeltechniken (Seitstütz-,

· Kopfstütz-, Schaftzugtechniken)

Auf einem größeren Rundkurs durch den Eisbruch, ggf. in forciertem Tempo, können flexible Technikwechsel geübt werden.

Immer mit Handschuhen und möglichst mit Helm üben.

· Jegliches Material vom Gurt entfernen: Karabiner, Schlingen,

· Reepschnüre, Eisschrauben etc. stellen unnötige Stolperfallen mit Verletzungspotential dar.

Im geneigten Gelände sollten sich generell keine Personen frei

· in Falllinie über- und untereinander bewegen. Sturzräume müssen frei von Hindernissen sein.

Für Boulderübungen: Mit Steigeisen müssen die maximalen Absprunghöhen deutlich niedriger gewählt werden als beim klassischen Bouldern an Fels oder Plastik. Fußhöhen über einen Meter über dem Boden vermeiden. Drehbewegen bei Sprüngen sind besonders verletzungsanfällig.

Ggf. frühzeitig auf Topropesicherung umstellen.

· Gelände: Steinschlagzonen meiden (auf frische Steine auf dem · Eis achten) sowie schneebedeckte Zonen mit der Sonde auf Spalten hin untersuchen. ■

Foto: Bernd Eberle
Foto: Jörn Heller

sb

Lifehacks sind Tipps und Tricks, die das Leben leichter machen. Alpinhacks sollen euch das Bergsteigen erleichtern.

Abseil-Looping

Partnercheck oben beim Abseilen.

Nach dem Auswerfen der beiden Seilstränge zum Abseilen ziehen wir etwa 1,5 Meter doppelt hängendes Seil ein und befestigen es am Stand. Die bequemste Methode dafür ist ein Mastwurf in einem HMS-Karabiner, den man am zentralen Punkt (geschlossener Abseilring) einhängt.

So wird eine Schlaufe (Loop) an den beiden Abseilsträngen gebildet. Nun können sich beide Kletterer auf das Abseilen vorbereiten, der erste am frei hängenden Abseilseil und der zweite an der Schlaufe, die mittels Mastwurf im HMS-Karabiner am Abseilring (Edelstahlring, Maillon Rapide, Kettenglied etc.) befestigt wurde. Beide Kletterer hängen sich mit dem Abseilgerät in die Seilstränge und können sich so gegenseitig kontrollieren.

Durch die gebildete Seilschlaufe wirkt der Seilzug des ersten Abseilenden nicht unmittelbar auf den zweiten. Dadurch wird der Zweite nicht wie üblich durch den Zug des Ersten hin und her gerissen bzw. zur Wand gezogen. Das macht das Manöver bequemer als den klassischen Abseil-Partnercheck ohne Schlaufe.

Sobald der Erste unten ist und das Seil freigibt, löst der Zweite oben den Mastwurf und hängt den HMS-Karabiner aus. Dadurch wird die Schlaufe entfernt. Der Abseilvorgang des Zweiten kann gestartet werden.

Nachteile dieser Methode:

y Man hat ca. 1, 5 bis 2 Meter weniger Abseillänge (was bei 60-Meter-Halbseilen normalerweise kein Problem ist).

y Man muss als Zweiter beim Einhängen des Abseilgerätes darauf achten, dass es entgegengesetzt zum Abseilring und nicht verkehrt eingehängt wird. Also nicht am Seil einhängen, das mittels Karabiner und Mastwurf befestigt wird, sonst hängt das Abseilgerät falsch herum.

Expertentipp Bergführer:in

Diese Methode funktioniert sehr gut, wenn man als Bergführer:in in einer Dreierseilschaft unterwegs ist, also zwei Gäste dabeihat und die Abseilstände nicht bequem sind.

Die Bergführerin hängt sich selbst und einen Gast in die beiden frei hängenden Abseil-Seilstränge und den zweiten Gast in die Schlaufe, die mit Mastwurf am Abseilring fixiert ist. Dadurch kann die Bergführerin beide Gäste kontrollieren und diese stehen bzw. hängen viel bequemer, als wenn alle drei Abseilenden zugleich – ohne eine solche Schlaufe – in die Abseilstränge eingehängt werden.

Text: Bart Smets (Flemish Climbing & Mountaineering Federation, Sektion Flandern des Österreichischen Alpenvereins), Gebi Bendler

Illustration: Reginald Roels ■

schräg

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