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#22 – September 2018

Das neue

UNSER BERATUNGSSTELLENTEAM IM GESPRÄCH • CHRISTOPHER-STREET-DAY HALLE (SAALE) 2018 • CSD-DEMONSTRATION: COMMUNITY, SOLIDARITY, DIVERSITY! • SAFER SEX 3.0 • WELT-AIDS-KONFERENZ IN AMSTERDAM: BREAKING BARRIERS, BUILDING BRIDGES • DENIS LEUTLOFF: TREAT ME WELL! • KUKU KOLUMNAS LETZTE WORTE

Team


DIE AIDSHILFE HALLE IST:

BERATUNG

Martin Thiele

Denis Leutloff

Anna Müller

Ronja Abhalter

Geschäftsführung, Referat Primärprävention MSM

Stellv. Geschäftsführung, Referat Sekundär-, Tertiärprävention & Beratung

Referat Primärprävention Allgemeinbevölkerung, Referat Primärprävention Frauen

Referat Sexualpädagogik Multiplikator_innenschulungen

Beratungsstelle Halle Information – Beratung – Betreuung Leipziger Straße 32 06108 Halle (Saale) Öffnungszeiten: Mo.: 10–13 Uhr, 14–16 Uhr Di., Do.: 14–19 Uhr Und nach Vereinbarung

Beratungstelefon Halle: 0345 - 19411

Universitätsklinikum Halle HIV-Sprechstunde Ernst-Grube-Straße 40, HIV-Ambulanz – Innere IV 06120 Halle (Saale) Sprechzeiten: Di.: 14–16 Uhr

(max. 9 Cent/Min. aus dem dt. Festnetz, max. 42 Cent/ Min. aus den dt. Mobilfunknetzen)

(Ortstarif)

Sprechzeiten: Mo.: 10–13 Uhr, 14–16 Uhr Di., Do.: 14–19 Uhr Bundesweites Beratungstelefon: 0180 - 3319411

Sprechzeiten: Mo.–Fr.: 9–21 Uhr Sa., So.: 12–14 Uhr Onlineberatung der Aidshilfen: www.aidshilfe-beratung.de

Naumburg Beratungsangebot Am Markt 12, Raum 305 06618 Naumburg (Saale) Sprechzeiten: Jeden 4. Do., 15–18 Uhr EHRENAMT

SELBSTHILFE

LINKS

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LoveAgents kreatHIV – präventHIV in der Szene Jeden 2. und 4. Mi., 18–20 Uhr Ort: Seminarraum der Aidshilfe Email: loveagents@halle.aidshilfe.de

Treffen der Berater_innen Jeden 1. Do., 17–18 Uhr Ort: Beratungsstelle der Aidshilfe

Positiventreffen Treffen für Menschen mit HIV Geschlossene Veranstaltung

Jeden 3. Mittwoch, ab 18 Uhr Ort: Seminarraum der Aidshilfe Email: positivleben@halle.aidshilfe.de

hetero.aidshilfe.de jungundpositiv.de angehoerige.org positiv-ev.de AIDS-Hilfe Halle / Sachsen-Anhalt Süd e.V. Leipziger Straße 32 06108 Halle (Saale halle.aidshilfe.de

positHIV.info hiv-migration.de/netzwerke/afrolebenplus jes-bundesverband.de

Spendenkonto Bank: Saalesparkasse IBAN: DE14800537620385311531 BIC: NOLADE21HAL


EDITORIAL Liebe Leser_innen des red.-Magazins, liebe Freund_innen der Aidshilfe Halle, nie war unsere „red.“ umfangreicher. Ganze 32 Seiten geballt mit aktuellsten Informationen, visuellen Hochgenüssen und geistreichem Lesevergnügen haltet ihr in euren Händen. Wir hatten diesmal schlichtweg viel zu viel zu berichten und wollten euch nichts davon vorenthalten. Den inhaltlichen Fokus der aktuellen Ausgabe bilden diesmal zwei Themenschwerpunkte. Der erste betrifft uns als Beratungsstellenteam. Leider hat uns Maarten Bedert Ende Juli verlassen. An seine Stelle tritt Anna Müller. Dies haben wir zum Anlass genommen, um euch das gesamte Team einmal ganz ausführlich vorzustellen. Hierzu haben Denis, Ronja, Anna und ich Interviews gegeben, in denen ihr allerhand über unsere jeweiligen Arbeitsbereiche lesen und auch die eine oder andere interessante oder gar überraschende private Information in Erfahrung bringen könnt. Ein nicht weniger wichtiger Schwerpunkt ist der diesjährige Christopher-Street-Day in Halle. Vor allem, weil dieser diesmal mehr zu bieten hat als in den vergangenen Jahren. Das erste Mal seit über 20 Jahren wird es wieder eine CSD-Demonstration geben. Organisiert wird diese von der halleschen Aidshilfe. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation, in der die Errungenschaften der LSBTIQ-Bewegung durch rechts-

radikale Strömungen und Parteien zur Debatte gestellt und damit in Gefahr gebracht werden, halten wir es für nötig, uns politisch noch klarer zu positionieren und zur Wehr zu setzen. Die Demonstration soll dazu beitragen, den CSD wieder politischer und kämpferischer zu machen. Ihr seid herzlich dazu eingeladen, mit uns für „Community, Solidarity, Diversity“ durch die Innenstadt zu ziehen und der AfD und den sogenannten besorgten Eltern deutlich zu machen, dass wir uns keineswegs wieder zurück ins Private, ins Verstecken drängen lassen. Abgesehen davon findet ihr natürlich wieder Artikel aus dem HIV/AIDS-Kontext. Dirk Sander beispielsweise wird erklären, dass Safer Sex heute sehr viel mehr bedeutet als Kondombenutzung und ruft die Dreieinigkeit von Kondom, Schutz durch Therapie und PrEP aus. Unser Berater Denis berichtet von der Welt-AIDS-Konferenz in Amsterdam und stellt seine Kampagne „Treat me well!“ vor, die er dort für die Deutsche AIDS-Hilfe präsentiert hat. Und selbstverständlich darf Schlüpfriges und Scharfsinniges unserer blasenden Reporterin Kuku Kolumna zum runden Abschluss der Ausgabe nicht fehlen. Wir sind stolz, euch diesmal noch mehr Lesestoff bieten zu können und wünsche gute Unterhaltung! Martin Thiele, Geschäftsführer

INHALT AIDS-Hilfe Halle / Sachsen-Anhalt Süd..................................... 2

Unser Team im Gespräch...................................................14 – 21

Editorial / Inhalt.................................................................................. 3

Abschied von Maarten Bedert......................................... 22 – 23

Chistopher-Street-Day Halle (Saale) 2018........................ 4 – 5

Welt-AIDS-Konferenz in Amsterdam............................ 24 – 25

CSD-Demonstration Halle (Saale) 2018............................ 6 – 7

Treat me well!........................................................................ 26 – 27

CSD-Forderungen 2018................................................................. 8

Kuku Kolumnas letzte Worte........................................... 28 – 29

3x Safer Sex........................................................................... 10 – 12

HIV-Schnelltest-Termine / Impressum........................... 30 – 31

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Christopher-Street-Day Halle (Saale) 2018 am 08. September 2018 Was am 27. Juni 1969 als gewalttätige Auseinandersetzung zwischen LSBTIQ und Polizeibeamten in New-York begann, ist heute einer der bedeutendsten Termine der internationalen Community geworden. Mit Pride-Paraden und -demonstrationen wird weltweit an den mittlerweile fast mythischen Beginn der politischen LSBTIQ-Bewegung gedacht. Hierzulande laufen Veranstaltungen in diesem Zusammenhang unter der Bezeichnung Christopher-Street-Day. Auch in Halle findet 2018 natürlich erneut ein CSD statt.

und Marginalisierung betroffen. Auf der Bühne werden also nicht nur ein unterhaltsames Programm, sondern auch politische Inhalte präsentiert. Unser aidshilfespezifisches CSD-Thema am Stand ist in diesem Jahr Safer Sex 3.0. Wir wollen deutlich machen, dass Safer Sex heute mittlerweile weitaus mehr Möglichkeiten bietet als die bekannte und gewohnte Kondombenutzung.

In diesem Jahr ist dieser allerdings etwas ganz Besonderes. Denn das erste Mal seit über 20 Jahren wird eine CSD-Demonstration unsere Forderung nach einer besseren Gesellschaft, in der alle Menschen ohne Angst leben und lieben können, wie sie es wollen, auf die Straßen tragen. Die Demonstration, die unter dem Motto „Community, Solidarity, Diversity“ durch die Innenstadt ziehen wird, wurde von der halleschen Aidshilfe organisiert und findet mit Unterstützung der halleschen Parteijugendorganisationen Solid, Jusos und Gründe Jugend sowie von Halle gegen Rechts statt. Beginnen soll die Demonstration um 11 Uhr auf dem Rosa-Luxemburg-Platz.

abgeschlossen werden. Ab 22 Uhr wird im Turm am Friedemann-Bachmann-Platz auf zwei Floors getrunken, geflirtet und gefeiert.

Ab 13 Uhr wird es wie gewohnt ein CSD-Straßenfest auf dem halleschen Marktplatz geben. Unter dem Motto: „Auf den Weg! Von Rechtsgleichheit zu Akzeptanz“ soll darauf hingewiesen werden, dass Gleichstellung auf dem Papier nicht zwingend Gleichstellung in der Gesellschaft bedeutet. Zwar haben die LSBTIQ-Bürgerrechtsbewegungen in den letzten Jahren einige juristische Erfolge zu verzeichnen – allen voran die Ehe für Alle und die Rehabilitation der Verurteilten nach §175 -, doch sind LSBTIQ hierzulande nach wie vor von Diskriminierung, Stigmatisierung

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Da Christopher-Street-Day aber eben nicht nur Politik bedeutet und LSBTIQ schon immer auch zu feiern wussten, soll der 8. September traditionell durch eine CSD-Party

Doch nicht nur am CSD-Tag haben wir allerhand für euch vorbereitet. Im Vorfeld des CSD finden zwei Vortragsabende bei uns in der Aidshilfe in der Leipziger Straße 32 statt. Am 29. August wird José Contreras-Quintero ab 18 Uhr einen Vortrag zu Lebenslagen und politischen Kämpfen der LGBTIQ-Bevölkerung in Venezuela halten. Schon am darauffolgenden Abend werden Dr. Klemens Ketelhut und Peter Bienwald ab 19 Uhr über den Jugend- und Schönheitswahn als Ausgrenzungsmechanismus in der schwulen Community sprechen. Zudem findet am 6. September ein HIV-Schnelltesttag für Männer, die Sex mit Männern haben, statt. Schwule und bisexuelle Männern können dann von 16 bis 20 Uhr kostenfrei einen HIV-Test bei uns durchführen lassen. Es verspricht in diesem Jahr also ein ganz besonders aufregender Christopher-Street-Day zu werden. Kommt vorbei, feiert LSBTIQ und kämpft mit uns für die Anerkennung vielfältiger L(i)ebensweisen!


Christopher Street Day

CSD

Halle (Saale)

8. September 2018 - Auf den Weg! Von Rechtsgleichheit zur Akzeptanz

StraรŸenfest | 13-20 Uhr | Marktplatz Halle Demo | 11 Uhr | Rosa-Luxemburg-Platz Abschlussparty | ab 22 Uhr | Turm

Der CSD Halle (Saale) 2018 wird gefรถrdert vom Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Halle (Saale). Infos unter www.csdhalle.de


CSD-Demonstration Halle (Saale): „Community, Solidarity, Diversity!“ Seit fast 50 Jahren finden, von den USA ausgehend, weltweit von Juni an „Christopher Street Day“- oder „Pride“-Veranstaltungen statt. Der Name „Christopher Street Day“ bezieht sich auf eine Straße in New York, in der sich 1969 Drag Queens, trans Frauen, Schwule und Lesben gegen Polizeigewalt im Stonewall Inn zur Wehr setzten. Lesbische, schwule, bisexuelle, trans und inter Menschen wie die Organisator_ innen dieser Demo gehen seitdem einmal im Jahr auf die Straße, um sowohl für Akzeptanz zu kämpfen, als auch um sich selbst und die Fortschritte, die wir gemacht haben, zu feiern. Auch wir in Halle wollen dieses Jahr mit einer Demo unseren Wunsch nach einer besseren Gesellschaft auf die Straße tragen. Für diese bessere Gesellschaft braucht es unserer Meinung nach vor allem drei Dinge: Community, Solidarity, Diversity – Gemeinschaft, Solidarität und Vielfalt. Denn trotz des Erreichten gibt es noch allerhand zu tun. Das Leben als schwule, lesbische, bisexuelle oder trans Person ist auch in Deutschland immer noch nicht leicht. Stigmatisierung und Ausgrenzung prägen immer noch das Leben von sogenannten „queeren“ Personen. Der Großteil der Gesellschaft behandelt lesbische, schwule, bisexuelle, trans und inter Menschen immer noch, als wären wir abnormal. Viele von uns internalisieren das. Deshalb ist „Community“ (Gemeinschaft) so wichtig für uns. Andere Menschen kennen zu lernen, die ähnliche Erfahrungen machen, hilft, sich nicht mehr als abnormal oder anders zu begreifen. Es war kein Zufall, dass der Aufstand im Stonewall Inn aus einer Gruppe heraus entstand: Zusammenhalt ist das, was uns in einer Welt, in der wir ausgegrenzt werden, Kraft und Hoffnung gibt.

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Neben alltäglichen Anfeindungen laufen wir Gefahr, die Rechte und Freiheiten, die erkämpft wurden, wieder zu verlieren. Der An-

schlag auf den Pulse Club in Orlando, einer der tödlichsten Anschläge in den USA, geschah aus islamistischem Hass auf die sexuelle Emanzipation. Sowohl in europäischen Ländern wie Polen als auch in politisch vom Islam geprägten Ländern wie der Türkei sind LSBTIQ-Personen massiven Hetzkampagnen von staatlicher Seite ausgesetzt. Und auch in Deutschland sind mittlerweile die Rechte der Menschen, die nicht in ein patriarchales, cisheteronormatives Weltbild passen, bedroht. Mit dem Erstarken der AfD erlangen die Homophobie und Transphobie der sogenannten “Neuen Rechten” nun auch einen parlamentarischen Arm. Gleichzeitig steigt die Zahl an körperlichen Angriffen auf LSBTIQ-Personen wieder. Diesen Bedrohungen können wir uns nicht alleine entgegen stellen, und das konnten wir noch nie. Die Dekriminalisierung von gleichgeschlechtlichem Sex, die Ehe für alle und Projekte wie der „Medienkoffer Geschlechtervielfalt“ des Landes wären nie möglich gewesen, wenn sich nicht auch heterosexuelle Menschen dafür eingesetzt hätten. Wir alle lernen bereits im Kindergarten, dass man sich gegen Ungerechtigkeit stark machen muss, auch wenn sie einen nicht selbst betrifft. Nichts anderes bedeutet es letzten Endes, solidarisch miteinander zu sein – auch wenn die Gesellschaft, in der wir gerade leben, diese Lektion nicht mehr besonders wert zu schätzen scheint. Aber Solidarität bleibt eine grundlegende Notwendigkeit, wenn wir eine Welt wollen, in der irgendwann alle ohne Angst vor Gewalt leben können. Dennoch können Solidarität und Gemeinschaft nicht funktionieren, wenn wir nicht anerkennen, dass wir trotz aller Gemeinsamkeiten Individuen sind. Dass quasi alle lesbischen, schwulen, bi, trans oder inter Personen die Erfahrung gemacht haben, aufgrund ihrer Sexualität und ihres Geschlechts als „anders“ zu gelten, bedeutet nicht, dass wir alle die gleichen Erfahrungen machen. Dass wir aufgrund dieser An-


halle.aidshilfe.de dersartigkeit ausgegrenzt wurden und werden, bedeutet nicht, dass wir alle deshalb die gleichen Bedürfnisse haben. Alter, Klasse, Hautfarbe, Religion, Migrationsstatus, Geschlecht und ob wir cis oder trans sind, prägen, was wir als Prioritäten im Kampf für ein befreites, schönes Leben erachten. Das führt natürlich zu Konflikten, aber es ist nichts automatisch Negatives: Widerspruch und Streit ist wahrscheinlich einer der besten Wege, sich weiterzuentwickeln. So wichtig Community (Gemeinschaft) für uns auch ist: diese Wichtigkeit darf nicht dazu führen, dass wir die Unterschiede ignorieren oder versuchen, Streit zu unterdrücken. Diversity (Vielfalt) und Akzeptanz ebendieser dürfen wir nicht nur von der Gesamtgesellschaft fordern, wir müssen sie auch miteinander leben.

Wir wollen eine bessere Welt nicht nur für schwule, lesbische, bisexuelle, trans, inter und queere Menschen. Wir wollen ein schönes, selbstbestimmtes, freies Leben. Wir wollen sein, lieben, tanzen, lachen, uns kleiden, ficken und leben können ohne Angst vor Angriffen und Anfeindungen. Wir wollen eine Welt ohne Unterdrückung, Ausbeutung und Ausgrenzung. All das wollen wir nicht nur für uns selbst, sondern für alle. Heute jedoch, in Gedenken an die mutigen Menschen, die vor 49 Jahren auf die Straße gegangen sind, wollen wir unsere Forderungen ins Zentrum stellen. Wir wollen leben können, wie wir sind – und deshalb brauchen wir Gemeinschaft, Solidarität und Vielfalt! Text: Clara Fiedler 7


Forderungen des CSD in Halle und CSD in Magdeburg für Sachsen-Anhalt 2018 1. Ergänzung von Grundgesetz und Landesverfassung um ein Benachteiligungsverbot wegen sexueller Identität 2. Volle Anerkennung und umfassende Gleichstellung aller Familienformen im Sozial-, Sorge-, Adoptions- und Abstammungsrecht sowie beim Recht auf Familiengründung 3. Finanzielle Untersetzung, Umsetzung, Verstetigung und Weiterentwicklung des gesamtgesellschaftlichen Aktionsprogramms für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTTI) Sachsen-Anhalt 4. Vollständige Umsetzung der Koalitionsvereinbarung zur Schaffung einer Landeskoordinierungsstelle LSBTTI 5. Ganzheitliche Rehabilitation und umfassende Entschädigung aller homosexuellen Strafrechtsopfer nach 1945 in der DDR und BRD unabhängig vom Geschlecht 6. Lesbeninklusive Gleichstellungspolitik voranbringen, Sichtbarkeit von Lesben in Politik und Gesellschaft verbessern – Gleichstellung der Frau meint auch Gleichstellung lesbischer, bisexueller, trans- und intergeschlechtlicher Frauen 7. Modernisierung des Transsexuellenrechts 8. Entfaltung und das Selbstbestimmungsrecht für Inter*-Menschen 9. Akzeptanzförderung von LSBTI durch Bildung und Aufklärung in Kindertagesstätten (Kitas), Schulen sowie Kinder- und Jugendhilfe als fester Bestandteil von Rahmenvorgaben und pädagogischer Praxis 10. Bedarfsgerechte, institutionalisierte und

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kontinuierliche Förderung von Vereinen und Verbänden zur Beratung und Unterstützung von LSBTI und zur Aufklärung, Öffentlichkeits-

arbeit und Bildung sowie relevanter Projekte 11. Beendigung der Finanzierung von Diskriminierungen jeglicher Art 12. Uneingeschränkte Anerkennung der Verfolgung aufgrund der sexuellen Identität und/ oder sexuellen Orientierung als Fluchtgrund unabhängig von der Herkunft aus einem der sogenannten „sicheren Herkunftsländer“ 13. Besondere Unterstützung von LSBTI-Geflüchteten 14. Hauptamtliche Ansprechpersonen für LSBTI-Lebensweisen bei der Polizei und bei den Staatsanwaltschaften 15. Durchsetzung der LSBTTI- Menschenrechte! 16. Die sofortige Abschaffung der Kennzeichnung „ANST“ von Menschen mit HIV, HBV und HCV in den sachsen-anhaltischen Polizeidatenbanken und die Löschung aller in diesem Kontext gespeicherten Daten. 17. Ende des Ausschlusses bei der Blutspende Darüber hinaus schließen wir uns ergänzend den konkreten 7 Forderungen des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland (LSVD) auf Bundesebene an: • Ein respektvolles gesellschaftliches Miteinander und Akzeptanz im Alltag stärken! • Diskriminierung gegen LSBTI gesetzlich beseitigen! • Das Recht auf Respekt in allen Lebensaltern verwirklichen! • Eine geschlechter- und diversitätsgerechte Gesundheitsversorgung sicherstellen! • Eine LSBTI inklusive Flüchtlings- und Integrationspolitik umsetzen! • Menschenrechte von LSBTI in der Entwicklungszusammenarbeit und Außenpolitik fördern!


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3x Safer Sex: Nicht heilig, sondern dreifältig Die Möglichkeiten, sich vor HIV zu schützen, waren lange Zeit „einfältig“. Die Safer-Sex-Botschaft mit ihrem „Goldstandard Kondom“ galt als Königsweg, um die Aidskrise mit ihrer allgegenwärtigen Todesbedrohung zu überleben. Die neuen medizin-therapeutischen Entwicklungen haben Wahlmöglichkeiten eröffnet, die umfassend und wertschätzend kommuniziert werden müssen, so das Plädoyer von Dirk Sander, Referent „Schwule und bisexuelle Männer“ der Deutschen AIDS-Hilfe. Wenn Ekaf der Name meines Sohnes wäre, hätte ich heute einen strammen Zehnjährigen vor mir, dessentwegen ich immer wieder zu Schulkonferenzen gerufen würde, weil er im Unterricht so viele kritische und verstörende Fragen stellt. Als Entschuldigung würde ich vorbringen, dass er das wohl von seinem Vater haben müsse! Was kann schließlich der Junge dafür, dass die Lehrer solche Angst vor der Wahrheit haben? Ich wäre stolz auf meinen kleinen Ekaf!

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Schließlich hat die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) 2008 ein damals sehr verstörendes Statement veröffentlicht, das die HIV-Prävention auf den Kopf stellte: Aus der Einfalt wurde eine Zweifalt. Kondome schützen, aber eine unterdrückte Viruslast ist mindestens genauso sicher! Das Statement erfuhr – wie alles Neue – erst mal Abwehr. Die neue Präventionsmethode galt als „nicht vermittelbar“, deshalb sollte man darüber lieber schweigen. Es gab zu Beginn noch zu viele „Wenns und Abers“, die Schritt für Schritt aus dem Weg geräumt werden mussten. Erschreckend ist, dass noch im Jahr 2016, also acht Jahre nach dem eigentlich schlichten Schweizer Statement, ein HIV-positiver junger schwuler Mann angegangen wurde, als er in den „sozialen“ Medien verkündete, dass er aufgrund seiner Nicht-Infektiösität keine Kondome mehr verwenden würde. Er erhielt daraufhin Todesdrohungen, und man solle ihm „den


Erste Studienergebnisse, die im Rahmen der Welt-Aids-Konferenz in Washington 2012 vorgestellt wurden, zeigten zudem, dass die tägliche Einnahme eines Kombimedikaments aus der HIV-Therapie (Truvada) für HIV-negative Menschen einen Schutz vor HIV darstellt: Wir datieren die Geburtsstunde der „Prä-Expositionsprophylaxe“, kurz PrEP; zu Deutsch einer „Vor-dem-Risiko-Vorsorge“. Erst nach einigem Hin und Her in der Umsetzung und Bewertung der PrEP können wir heute einen deutlichen Rückgang der HIV-Neudiagnosen dort beobachten, wo die PrEP zugänglich gemacht wird. Wesentlich scheint dabei, dass die PrEP eine Präventionslücke schließt: Sie stellt die sicherste Schutzmethode für alle diejenigen dar, die als passive Partner beim Analverkehr bisher dem Goodwill und den Fertigkeiten des (hoffentlich) kondomisierten aktiven Partners ausgeliefert waren. Aber nicht nur sie erhalten die Kontrolle über den Schutz vor HIV! Die PrEP hilft auch den Aktiven, die keine Kondome benutzen können oder wollen. Sie ermöglicht es vielen, Sex ohne Infektionsängste zu haben. Die Berichterstattung zur PrEP geht mit ähnlichen vehementen Abwehrreaktionen einher wie damals bei EKAF. Es wird eine (weitere) Enthemmung der (Homo-)Sexualität befürchtet! Oder es wird ein feindlicher Angriff auf die in der Aidskrise so erfolgreich umgesetzte Kondomisierung unterstellt. Um das alte Muster zu bewahren, werden neue Ängste beschworen: Andere sexuell übertragbare Infektionen könnten nun „durch die Decke“ schießen, schließlich schütze die PrEP nur vor HIV. Als ob das – allein gesehen – nichts wert wäre. Und Studien, die das Gegenteil beweisen, dass z.B. ein höheres Gesundheitsbewusstsein durch die PrEP zu einem Rückgang anderer Infektionen führt, werden nicht zur Kenntnis genommen. Stattdessen wird versucht, PrEP-Gebraucher als „triebgesteuerte Schlampen“ zu diskreditieren. Zur Illustration ein gekürzter Kommentar aus

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Schwanz abschneiden“. Der AIDS-Hilfe-Landesverband, der ihm mit einer Pressemitteilung zur Seite sprang, wurde ins Ministerium zitiert, weil solche Botschaften ein „falsches Signal“ seien und mit solchen unverantwortlichen Aussagen die Jugend in Gefahr gebracht werde.

den „sozialen Medien“: „Ich soll also glauben, dass solche Typen, die reihenweise mehr oder minder wahllos durch die Welt knattern und die zu unzuverlässig für Kondome und zu triebgesteuert für ein verantwortungsvolles Sexualleben sind – dass solche Typen in der Lage sind, Präventivpillen mit der erforderlichen Disziplin unter regelmäßigen HIV-Tests einzunehmen und das auch noch für richtig teures Geld?“ (…) Die haben doch „Promiskuität zum Hobby erhoben (…), solche Typen werden von mir direttamente (sic!) geblockt und gemieden, wie die Pest. Das sind in meinen Augen nämlich samt und sonders Stricher“. Bei aller notwendigen kritischen Auseinandersetzung mit den neuen Präventionsmethoden fragt man sich, aus welchen Quellen ein solch heftiger Hass gespeist wird? Genauso vehement wird dagegen argumentiert, dass die neue Schutzoption von den Krankenkassen finanziert wird. Die PrEP sei ein „Lifestyle-Medikament“. Das hinter der Einnahme vermutete promiske (Risiko-)Verhalten könne dem solidarischen Versorgungssystem nicht zugemutet werden. Eine genaue Prüfung zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist: Ein geregelter Einsatz der PrEP könnte den Gesundheitskassen in den nächsten Jahren Einsparungen in Milliardenhöhe ermöglichen. Das zeigen wissenschaftliche Berechnungen, die die Kosten der PrEP-Versorgung den Behandlungskosten einer HIV-Infektion gegenüberstellen. Aber was steckt eigentlich hinter diesen heftigen Anwürfen? Mangelndes Wissen? Nein, meines Erachtens geht es bei solchen Anwürfen um die Abwertung von schwuler Sexualität an sich, um die Ausgrenzung von Männern, die selbstbewusst und offen ihre Sexualität leben! Es geht um Selbsthass und internalisierte Homosexuellenfeindlichkeit! Daniel Schreiber bringt es in seiner Erzählung auf den Punkt:

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“Wenn einem beigebracht wird, dass mit jemandem wie einem selbst etwas nicht stimmt, dass man grundlegend falsch und nicht akzeptierbar ist, lernt man letztlich, sich dafür zu schämen, wer man ist, man lernt, sich zu verstecken, das, was einen im Kern ausmacht, zu hassen”. Und dieser Hass wird auf andere übertragen, vor allem auf diejenigen, die das „schamlose“ Begehren ausleben! Die „Schamfabriken“ wirken, wie der Blogger Zaunfink schreibt: „Die enge Verbindung unserer Identität mit sexuellen Praktiken, Körperregionen und Ausscheidungen, die bei einem großen Teil der Bevölkerung Ekel auslösen, trägt zur Produktion von Scham bei. Hier geht es nicht um ethische Bewertungen, sondern um deren Verankerung in körperlichen, reflexhaft gewordenen Reaktionen: ‚Igitt! Schwule sind eklig!‘ Wie kann man selbstbewusst bleiben, wenn man als eklig wahrgenommen wird?“ Eigentlich sollten wir alle zusammen feiern, dass es aufgrund der HIV-Medikamente neue Möglichkeiten gibt: Sich vor HIV zu schützen und länger, lustvoller und weniger leidgeprüft mit HIV zu leben, ist heute keine Utopie mehr. Lipidsenker und Betablocker gehören zu den am meisten verschriebenen Medikamenten in Deutschland. Für die Industrie profitabel sind auch Präparate gegen Diabetes (Zuckerkrankheit). Viele dieser „Volkskrankheiten“ werden durch Verhaltens-

weisen wie Fehlernährung, Bewegungsmangel und Nikotingebrauch begünstigt. Im Unterschied zur PrEP werden diese Medikamente aber nicht mit dem Hinweis auf diese „Lifestyle“-Faktoren problematisiert. Entscheidend ist, dass es bei der PrEP oder beim „Schutz durch Therapie“ um Sexualität geht! Sexualität, die Spaß machen soll und die frei von Sorge sein darf, wird (noch nicht) als ein wichtiger Aspekt der Gesundheitsförderung betrachtet. Die Abwehr rührt insbesondere daher, dass schwule Sexualität, so haben wir es gelernt, schmutzig und wertlos ist und deshalb unterdrückt und im Zaum gehalten werden muss. Eine Einstellung, die der sexuellen Gesundheit abträglich ist, wie die WHO feststellt: „Sexuelle Gesundheit setzt eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, und zwar frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt.“ Objektiv gibt es jedenfalls keinen Grund, der dagegenspricht, alle Optionen beim Schutz vor HIV zu nutzen. Deshalb werden wir in Zukunft alle drei Optionen wertschätzend aufgreifen: 3-mal Safer Sex: Kondome, „Schutz durch Therapie“ und die PrEP können im Lebenslauf eine unterschiedliche Rolle spielen, je nach der aktuellen Beziehung, dem HIV-Status, der sexuellen Aktivität, den (aktuellen) Vorlieben oder den Räumen, in denen man seine Sexualität lebt. Jeder ist aufgefordert, seine Wahl zu treffen. Dabei ist jeweils Anerkennung, Respekt und Unterstützung notwendig, zunächst in den Communities, aber auch in den Institutionen, die für die Gesundheitsvorsorge der Bürger zuständig sind. Denn nur dann besteht die große Chance, die HIV-Epidemie in den nächsten Jahren zu beenden. Wir fangen jetzt damit an! Im Namen der Dreifältigkeit!

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Text: Dr. Dirk Sander, Referent der Deutschen AIDS-Hilfe für „Schwule und bisexuelle Männer“ Bilder: AHH, Yeko Photo Studio


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Das neue

Team

T hi n i t r a M

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Welchen Aufgabenbereich übernimmst du in der AIDS-Hilfe Halle? Wie für eine kleine Aidshilfe typisch, habe ich viele Aufgabenbereiche zugleich. In erster Linie bin ich der Geschäftsführer. Das heißt, dass ich die Tagesgeschäfte im Sinne meines ehrenamtlichen Vorstandes führe. Das umfasst die Organisation der Vereinsarbeit, die Leitung der Beratungsstelle und das Personalmanagement. Zudem übernehme ich bei öffentlichen Veranstaltungen die Repräsentation des Vereins. Ich halte also Reden, schüttele Hände, gebe Interviews und vertrete dabei unsere Haltungen und Positionen. Darüber hinaus bin ich auch beratend und präventiv tätig. Beratend vor allem in der bundesweiten Telefonund Onlineberatung. Präventionsarbeit mache ich für Männer, die Sex mit Männern haben. Wie bist du denn zur Aidshilfe gekommen? Meine erste Begegnung mit der halleschen Aidshilfe war nach dem Studium der Erziehungswissenschaften hier in Halle. Mein Interesse galt damals wie heute der Soziologie und Geschichte, besonders der Geschichte der LSBTIQ-Bewegungen. Auf diesem Weg kam ich dann eben auch mit dem Thema AIDS in Kontakt. Ich fand das ungemein spannend, als ich verstanden habe, was für ein fundamentaler Einschnitt die AIDS-Krise für schwule Männer und die schwule Bewegung war. Und irgendwie – ich weiß nicht

mehr genau wie – bin ich daraufhin zum Ehrenamt in der halleschen Aidshilfe gekommen. 2016 erreichte mich dann eine Mail mit dem Stellenangebot für die Assistenz der Geschäftsführung. Ein Jahr später habe ich dann die Geschäftsführung übernommen. Wie reagiert dein Umfeld, wenn du erzählst, dass du bei der Aidshilfe arbeitest? Gibt es da auch negative Reaktionen? Negative Reaktionen gibt es eigentlich nicht. Oft besteht nur ein krasses Unwissen darüber, was Aidshilfearbeit überhaupt bedeutet. Teilweise existieren sogar noch die Bilder der 80er, 90er Jahre. Dann werde ich auch schon mal gefragt, ob mein Beruf denn nicht ungemein schwer sei wegen all der Sterbebegleitung. Wenn ich daraufhin sage, dass eine HIV-Infektion nicht mehr unweigerlich zu einer AIDS-Erkrankung und zum Tod führt, wir heute mehr Präventions-, Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit machen, dann sind viele sehr erstaunt. Dass ich sonst eigentlich keine negativen Reaktionen bekomme, liegt wohl auch einfach daran, dass ich mich privat in einem LSBTIQ-Umfeld bewege, in dem Aidshilfe ein Begriff und auch der Umgang mit vielfältigen Sexualitäten alltäglich ist. Du bist ja Liebhaber französischer Sozialtheorie und Philosophie. Hast du das Gefühl hier an der Quelle der Phänomene praktisch zu arbeiten, die andere theoretisieren? Puh, das ist nun aber echt eine Monsterfrage. Unter den französischen Intellektuellen finde ich im Moment vor allem Michel Foucault, Didier Eribon und Édouard Louis außerordentlich span-


Passt heute die Bezeichnung AIDS-Hilfe überhaupt noch? Wäre ein anderer Name nicht sinnvoller? Ja, das ist eine Debatte, die in der Aidshilfe auch schon lange geführt wird, da wir aufgrund der guten Therapiemöglichkeiten immer weniger mit AIDS zu tun haben. Ich würde den Begriff trotzdem noch nicht ad acta legen. Immerhin werden hierzulande ein Drittel aller HIV-Infektionen im AIDS-Stadium gemacht. Auch in einer westlichen Industrienation gibt es also trotz vielfältiger Präventions- und wirksamen Behandlungsmöglichkeiten durchaus noch AIDS. Für mich persönlich hat der Begriff zudem ein historisches Gewicht. Klar versuchen wir in Halle, moderne Aidshilfearbeit auf dem aktuellsten Stand der medizinischen Erkenntnisse zu machen. Das wollen wir aber im Bewusstsein der AIDS-Geschichte tun. Wir wollen uns daran erinnern, wo wir herkommen, was wir durchgestanden und erreicht haben. Der Name Aidshilfe bringt das für mich immer noch am besten zum Ausdruck. Unser Untertitel „Agentur für sexuelle Gesundheit“ weist dann eher in die Zukunft. Wie könnte denn Aidshilfearbeit in Zukunft aussehen? Ich denke, dass Aidshilfearbeit wieder politischer, wieder engagiert, wieder unbequem sein sollte. Gerade auch vor dem Hintergrund des Erstarkens rechtsradikaler Bewegungen und Parteien. Da geht es ganz konkret um einen Gegenentwurf zu deren konservativer Revolution mit ihren reaktionären und menschenverachtenden Vorstel-

lungen von Gesellschaft. Im Moment findet ein Kulturkampf statt, in dem sich die Aidshilfen klar positionieren müssen. Abgesehen davon wollen und müssen wir auch thematisch in die Breite gehen, ganz einfach weil sexuelle Gesundheit natürlich mehr umfasst als nur den HIV-Status. Da geht es eben auch um andere sexuell übertragbare Infektionen, um psychisches Wohlergehen und um ein Wohlbefinden mit der eigenen Sexualität und Identität.

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nend, ganz einfach aus dem Grund, da diese sich soziologisch mit Sexualität beschäftigen. Sie zeigen, dass diese etwas durch und durch Historisches, Gesellschaftliches ist und damit eben auch etwas hochgradig Politisches. Und das trifft ja auch den Kern von Aidshilfearbeit. Neben der Aufklärung über sexuelle Gesundheit setzen wir uns ja auch für einen gesellschaftlichen Zustand ein, in dem Menschen ohne Angst verschieden sein können, in dem sie ihre Sexualität leben können, wie sie das gerne möchten. Da sind Analysen dieser Denker natürlich extrem relevant und laufen quasi als theoretische Hintergrundfolie in meiner Arbeit immer mit. Inspiration schöpfe ich aber auch aus ihrem explizit politischen Engagement.

Was ist das beste Buch, das du je gelesen hast? Nur *ein* Buch? Ja, du musst dich schon entscheiden! Das ist eine verdammt schwere Entscheidung. Im Moment würde ich wohl am ehesten ,,Im Herzen der Gewalt’’ von Édouard Louis antworten. Dabei handelt es sich um einen autobiographischen Roman, der aber auch einen soziologischen Hintergrund hat und die Macht- und Gewaltverhältnisse unserer Gesellschaft klarer und deutlicher ausformuliert als es jedes soziologische Sachbuch konnte, das mir je untergekommen ist. Das ist ein Stück Literatur, das ich in Zukunft vermutlich noch ein paar Mal lesen werde. Und das kommt wirklich eher selten vor. Für was wird Anna in Zukunft Spezialistin werden in der halleschen Aidshilfe? Ja, genau! Ich freue mich schon sehr darauf, Anna im Team begrüßen zu dürfen. Ich kenne Anna ja schon aus anderen Zusammenhängen und schätze sie sowohl professionell als auch persönlich sehr. Sie ist natürlich eine Fachspezialistin wie wir es alle sind und bringt entsprechende Kompetenzen mit. Anna ist zudem ein Mensch, den ich als zugewandt und empathisch erlebe. Ich glaube daher, dass sie eine sehr fähige Beraterin werden wird. Vor allem bringt sie aber auch jede Menge Energie, Spontanität und Kreativität mit ins Team. Was das betrifft, wird sie sicherlich jede Menge frischen Wind in unsere Arbeit und unsere Außenwirkung bringen. Wie ich sie kenne, wird sie möglicherweise sogar die Beratungsstelle umdekorieren. Ich bin jetzt schon sehr gespannt, wie unsere Räume in drei Monaten aussehen werden. Das Interview wurde geführt von JaSc und HaSt

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Welchen Aufgabenbereich übernimmst du in der Aidshilfe Halle? Mein Hauptaufgabengebiet ist „Leben mit HIV“, ich betreue also Menschen, die ein HIV-positives Testergebnis haben. Und zwar in allen Belangen. Von der ersten Beratung nach dem Test, über die Unterstützung in medizinischen Fragen bis hin zur Sozialberatung, wenn es beispielsweise darum geht, Anträge zu stellen. Ein großes Thema ist dabei natürlich die Antidiskriminierungsarbeit. Nebenbei bin ich für die HIV-Testberatung zuständig und mache noch das Finanzressort in der Geschäftsleitung. Wie genau bist du zur halleschen Aidshilfe gekommen? Im Endeffekt bin ich über meine eigene Diagnose zur Aidshilfe gekommen. Die habe ich im Jahr 2009 bekommen. Zu dieser Zeit habe ich die Beratung der Aidshilfe als Ratsuchender selbst durchlaufen, die fand ich damals sehr hilfreich und unterstützend. Das Zwischenmenschliche hat mir allerdings gefehlt, da es lediglich drei Beraterinnen gab, aber keinen schwulen Mann, mit dem ich hätte sprechen können. Jemand positives, der aus seinem Leben berichten kann, was das für Auswirkungen in meiner Beziehung hat zum Beispiel. Genau das habe ich dann beim Vorstand der Aidshilfe angesprochen, die sich der Problematik auch

bewusst waren und händeringend auf der Suche nach einer Neubesetzung für die Stelle waren. Und da dachte ich mir: „Das könnte ich mir vorstellen!“ Und so sind wir dann zusammen gekommen. Ich habe mich zum Berater bei der Deutschen AIDS-Hilfe weiterqualifiziert und meinen Fachwirt im Gesundheits- und Sozialwesen gemacht. Knapp ein Jahr später wurde ich eingestellt. Was macht für dich die Arbeit in der Aidshilfe aus und was bereitet dir am meisten Freude? Für mich ist die Arbeit über die Jahre zu einer Berufung geworden. Ich bin dankbar und froh, dass ich diesen Job machen darf und damit gleichzeitig meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Ich glaube, die wenigsten können von sich sagen, dass sie einen Job haben, der sie hundertprozentig ausfüllt, hinter dem sie stehen, in dem sie sich selbst verwirklichen können. Ich finde, das ist das Größte, was man erreichen kann. Was mich am meisten erfüllt im Job, ist die Begleitung von Menschen nach einer Diagnose. Wenn ich sehe, wie ich den Menschen einen Weg für die nächsten Jahre aufzeigen kann und sie aus den Beratungsgesprächen mit viel mehr Lebenslust und Energie rausgehen und sich sagen: „Ok, ich habe jetzt die Infektion, aber ich kann damit leben und alt werden und das hat jetzt keinen wirklichen Einfluss auf meinen Alltag.“ Daraus ziehe ich am meisten Energie. Wie ist deiner Meinung nach die Verbindung der halleschen Schwulenszene und der Aidshilfe?


Du bist ja großer Fan vom CSD, Denis. Stell dir vor, du hättest die Wahl, zwei Wochen lang eine schwierige Abrechnung machen oder den gesamten Berliner CSD mit professioneller Präventionsarbeit zu verbringen. Für was würdest du dich entscheiden? Tja das hat beides seinen Reiz. Als Betriebswirt hat man sowieso einen an der Klatsche, kein anderer mag Zahlen so wie wir. Zahlen, Tabellen und Statistiken auszuwerten, das muss man wirklich lieben. Die Abrechnung zu machen ist auf jeden Fall sinnvoll und wichtig, sowohl für die Zuwendungsgeber als auch für uns als Verein. Den CSD besuche ich lieber als Gast. Ich genieße es dann doch lieber, im Publikum oder im Wagen an der Parade teilzunehmen und das Flair zu genießen. Prävention auf einem so großen CSD ist wirklich richtig harte Arbeit. Da sind so viele Menschen und die Arbeit erfüllt einen vielleicht nicht so wirklich, weil es dann doch oft zu einer Art Materialschlacht kommt. So nach dem Motto: „Wer hat die coolsten Give-Aways zu bieten?“. Die Message der Präventionisten kommt dort vielleicht nicht so rüber. Dann lieber bei einem kleinen CSD, wo du mit den Menschen reden kannst und einfach viel mehr erreichen kannst. Was viele nicht wissen: Du bist nicht nur Ex-

perte für Finanzen und Beratung, sondern auch noch gelernter Konditor. Was ist denn dein Lieblingsgebäck? Mein Lieblingsgebäck? Ich hab gar kein wirkliches Lieblingsgebäck. Das Schlimme ist, dass man ganz schön wählerisch wird, wenn man aus diesem Bereich kommt. Beim Bäcker kann die Auslage voll sein und ich denke mir: „Bäh, die haben nüscht!“ Was ich allerdings liebe, sind Rumkugeln. Wenn man weiß, was da drinnen ist würde man die nie essen. Das sind eigentlich nur Reste, mit super viel Aroma, die dann mit Schokolade übergossen werden hammerlecker!

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Das große Problem – und zwar nicht nur in der halleschen Aidshilfe – ist, dass die Szene immer mehr wegbricht. Es gibt immer weniger Orte, an denen man unmittelbar eine Szene antrifft, wo man direkt Menschen erreichen kann. An sich ist das der Fortschritt, den wir immer wollten. Wo wir als Schwulencommunity immer gesagt haben: „Wir möchten normal behandelt werden, wir brauchen keine eigenen Räume wie Schwulenbars und -discos mehr.“ Für die meisten aus der jungen Generation ist das die Realität geworden, wir brauchen diese schwulen Rückzugsorte nicht mehr zwingend. Gleichzeitig erschwert das natürlich erstmal unsere Präventionsarbeit. So schnell und direkt wie früher kommen wir nicht mehr an die Menschen ran, die ja unsere Hauptzielgruppe sind. Das ist aber völlig in Ordnung, dadurch haben wir neue Herausforderungen in unserer Arbeit. Ich bin mir sicher, dass wir als neues und junges Team Wege dafür finden werden.

Wofür ist Ronja Expertin und einfach unverzichtbar? Ronja ist unverzichtbar im Team, weil sie sehr kritisch ist, alles nochmal hinterfragt und andere Aspekte beleuchtet. Das schätze ich sehr an ihr. Dann ist sie natürlich in der Schulsexualpädagogik unsere Spezialistin und macht da einen hervorragenden Job. Wenn wir beide gemeinsam Weiterbildungen im medizinischen Bereich anbieten, freue ich mich immer sehr, weil ich dann einen kleinen Einblick bekomme, wie sie ihre Schulpräventionsveranstaltungen in etwa gestaltet. Und das ist schon beeindruckend. Das Interview wurde geführt von JaSc und HaSt.

Gartenweg 32 06179 Teutschenthal OT Zscherben Tel.: 0345 - 690 29 56 Fax: 0345 - 977 28 37 17


n Anna i t s i n o i t n e v Prä : im Gespräch über „Ich sprudele vor Ideen.“

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Das neue

Team

Welchen Aufgabenbereich übernimmst du? Ich werde für die Zielgruppen Allgemeinbevölkerung und Frauen zuständig sein.

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Was für eine berufliche Qualifikation hast du? Ich habe einen Bachelor in Erziehungswissenschaften. Vor meinem Studium hier in Halle machte ich noch eine Ausbildung zur Sozialassistentin, um meine Wartesemester zu überbrücken. Zwischen Abitur und Ausbildung war ich Integrationshelferin an einer staatlichen Grundschule für ein Mädchen mit Trisomie 21. Wie bist du zur halleschen Aidshilfe gekommen? Ich habe letztes Jahr mein Studium beendet und mich nach Stellen umgeschaut. Da ich möglichst nicht mit Kindern arbeiten wollte und mir schon immer die Beratungs- bzw. Anlaufstellenarbeit lag, entdeckte ich eine Ausschreibung der halleschen Aidshilfe. Perfekt! Zu dieser Zeit wurde nämlich eine 5. Stelle bei der Stadt beantragt, auf die ich mich beworben habe. Nach dem Bewerbungsgespräch bei Martin rief er mich wenige Tage später an, um mich recht herzlich im Team zu begrüßen. Doch leider wurde die Stelle dann letztendlich im Jugendhilfeausschuss der Stadt Halle im Januar nicht bewilligt. Ich war sehr traurig, weil ich mich tierisch auf meinen neuen Job

gefreut habe. Nun musste ich mir also schnell eine Alternative suchen und arbeitete für knapp 5 Monate im stationären Dienst einer Mutter-Kind-Einrichtung. Doch im Juni erfuhr ich, dass eine Stelle frei wird… und diese Chance lies ich mir nicht entgehen. ;-) Mein Träumchen wurde also doch noch wahr. Wie genau reagiert dein Umfeld auf deinen Job? Naja, ich habe unterschiedlichste Reaktionen erlebt. Die meisten freuen sich für mich und fragen neugierig, was man denn in einer Aidshilfe so zu tun hat. Beim Erklären entstehen immer wieder interessante Gespräche. In meinem Freundeskreis kennt eigentlich jede_r die Aidshilfe und schätzt die Arbeit sehr. Doch es gibt auch andere Reaktionen. Zum Beispiel wurde ich überrascht angeschaut und gefragt, ob ich nicht lebensmüde wäre, da ich mich ja sofort anstecken könnte. Anderen merkt man den Ekel irgendwie an, wenn ich davon erzähle. Einer Verkäuferin zum Beispiel habe ich es mal beiläufig beim Small Talk erzählt, woraufhin sie wirklich merkbar unfreundlicher wurde und ich checkte, dass sie nichts davon wissen will. Der Ekel war ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. Doch diese Reaktionen zeigen mir, dass es doch noch größere Bildungslücken in der breiten Gesellschaft zum Thema HIV/AIDS gibt. Es zeigt mir auch, dass, insbesondere Menschen mit HIV/ AIDS gegenüber nach wie vor ein großes Diskriminierungspotential vorhanden ist. Mein Anspruch ist es eine professionelle und moderne Präventions-, Öffentlichkeits- und An-


Was können wir erwarten? Ich sprudele über vor Ideen. Ich habe eine Menge Arbeit vor mir und muss mich natürlich erstmal einarbeiten und eine gewisse Routine gewinnen. Ich will aber zukünftig versuchen ein Netzwerk in Halle (und Umgebung) aufzubauen speziell zum Thema Frauen und HIV/ AIDS. Im Bereich Öffentlichkeitsarbeit überlege ich schon an neuen Stand- oder Designideen. Seien das Flyer, Poster, Kondompackungen etc. Mit meiner Arbeit werde ich auch Ronja entlasten, damit sie wieder etwas mehr Luft für ihre Bildungsarbeit hat. Außerdem möchte ich gerne mehr HIV-bezogene Antidiskriminierungsarbeit machen. Wie genau sich das in Zukunft gestaltet, werden wir noch sehen. Doch die grobe Richtung kenne ich. Was bringst du in die Aidshilfe mit? Also, zu nächst einmal ein Haufen Deko-Krempel. Meine erste Amtshandlung war es, meinen Schreibtisch einzurichten und mir schöne Dinge ins Zimmer zu stellen. Ich liebe Ordnung und Strukturen. Das brauche ich einfach, um gut arbeiten zu können. Das wird wahrscheinlich auch – neben meiner fachlichen Kompetenz (räusper räusper… auf die Schulter klopf) – eine meiner stärksten und vielleicht auch nervigsten Kompetenzen sein. Ich bin auch ein richtiger DIY-Mensch und stelle Dinge gern selbst her und packe sie an. Da möchte ich Mama und Papa danken, dass sie mir einen kreativen und selbstbewussten Kopf verpasst haben! Wenn du eine Sache auf der Welt ändern könntest, was wäre das? Nun, das ist eine ulkige Frage, weil ich mir gerade wie eine Kandidatin auf einem Schönheitswettbewerb vorkomme und ich das Gefühl habe, es gäbe nur die EINE richtige Antwort: Weltfrieden oder Tier- und Umweltschutz. Witzigerweise ist das gar nicht so weit weg von meiner Vorstellung einer schönen Welt. Da ich aber keine abgedroschene und klischeehafte Antwort geben will, weil ich ja super individuell und cool rüber kommen möchte, entscheide ich mich für eine andere Antwort: Ich habe eine ausgeprägte Leidenschaft für gruselige,

skurrile und magische Dinge. Guilty Pleasure! Als Jugendliche träumte ich von einer Karriere als forensische Anthropologin. Als Kind davon ein Vampir oder eine Hexe zu sein… aber nicht die klassische Hexe mit Hut und Besen, sondern so eine wie bei Charmed oder Buffy. Auch heute noch stelle ich mir oft vor, wie es wohl wäre zaubern zu können. Aber ohne diese spießigen Regeln, dass man nichts Eigennütziges zaubern darf (wie zum Beispiel die Wohnung sauber zaubern oder sich mal eben in den Urlaub teleportieren… das habe ich nie verstanden). Also: ich wünschte mir, dass ich zaubern könnte. Das wäre so cool!

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tidiskriminierungsarbeit zu leisten.

Wofür ist Martin Spezialist? Mal davon abgesehen, das Martin ein richtig dufte Typ ist, schätze ich ihn besonders für seine Professionalität und seine aufgeklärte, reflektierte Art, die Dinge zu betrachten. Außerdem kann ich mich ihm stets mitteilen und mit ihm über berufliche und private Sorgen, Herausforderungen und Ängste sprechen. Er ist ziemlich gut darin, Menschen zu motivieren bzw. zu „trösten“… Und er trinkt gerne Sekt. Die eine oder andere Flasche haben wir auch schon gekillt. Das Interview wurde geführt von JaSc und HaSt

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ogik Ronja g a d ä p l a u x e S : „Den im Gespräch eigefinger erhobenen Z lpädagogik a u x e S r e d in rne würde ich ge abschaffen!“

Das neue

Team

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er t l a h b onja A Was sind deine Aufgaben in der Aidshilfe? Meine Schwerpunkte sind die Sexualpädagogik und Multiplikator_innenschulungen. Das umfasst vor allem Veranstaltungen in Schulen und Schulungen von Menschen, die beruflich Kontakt mit HIV-positiven Menschen haben, zu organisieren. Zum Beispiel beteiligen wir uns bei den Aus- und Weiterbildungen von Pflegepersonal. Aber auch die Schulung und Betreuung von Ehrenamtlichen sind ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Welche Aufgaben nehmen da den größten Teil ein? Eigentlich die Koordination von verschiedenen Veranstaltungen, besonders die Vorund Nachbereitung. Und alles, was halt sonst noch so auf den Tisch kommt. Das war bisher auch die Prävention für die Allgemeinbevölkerung, wenn wir auf Partys und Veranstaltungen gehen. Ich freue mich aber sehr, dass Anna mir diese Arbeit in Zukunft abnehmen wird. Sind die Projekttage an Schulen häufiger als die im Pflegebereich? Momentan ist das glaube ich in etwa ausgeglichen. Ich kooperiere schon mit verschiedenen Schulen in Halle und im ganzen südlichen Sachsen-Anhalt, aber auch zum Beispiel mit

dem Uni-Klinikum. Bisher ergibt sich das je nach Bedarf. Was für eine berufliche Qualifikation hast du? Ich habe bis 2017 in Merseburg Soziale Arbeit studiert und hatte da auch schon im Studium den Schwerpunkt Sexualpädagogik, das hatte mich damals schon sehr fasziniert. Wie bist du dann zur halleschen Aidshilfe gekommen? Nachdem ich 2016 meine Bachelorarbeit geschrieben hatte, wusste ich erstmal nicht so richtig wohin mit mir. Die Jobs, die es sonst für Sozialarbeiter in Halle gab, haben mich nicht so sehr gereizt. Ich hatte zum Beispiel keine Lust mich mit Kindererziehung zu beschäftigen. Dann habe ich ein Praktikum in der Aidshilfe gemacht und nach meinem Praktikum bin ich dann direkt hier geblieben. Wie ist das so, wenn du deinem Umfeld von deinem Job erzählst, reagieren die Leute da komisch? Das ist total unterschiedlich. Als ich zum Beispiel bei meinen Großeltern im Schwabenland war, hatte ich das Gefühl, das meine Verwandten gar nichts damit anfangen konnten. Erzähle ich aber etwas mehr davon sind die Reaktionen oft sehr positiv. Manchmal haben Leute Angst, dass ich mich mit AIDS anstecken könnte, das hat viel mit Unwissen zu tun und nach einem kurzen Aufklärungsgespräch kann ich die Bedenken ausräumen. Viele finden das Thema aber auch super spannend und oft drehen sich daran anschließende Ge-


Wie sieht denn so dein normalster Arbeitstag aus? Meistens komme ich etwas zu spät (lacht) am Morgen in die Beratungsstelle, sage Hallo, schau nach meinen Mails, checke die To-DoListe und arbeite diese ab. Wenn ich in Schulen bin, fahre ich dagegen oft früh los, komme zurück, lade die Sachen aus und so. Aber ein Großteil meiner Arbeitszeit findet vor dem Computer statt. Was erschwert oder erleichtert deine Arbeit? Also besonders wenn es so um Zusammenarbeit mit Menschen vor Ort geht? Ganz klassisch freue ich mich immer, wenn ich Menschen gut erreichen kann und meine Emails beantwortet werden. Im Kontext Schule bin ich bis jetzt zum Glück noch nicht mit den ,,besorgten Eltern’’ zusammengestoßen, da ich mit Jugendlichen ab der 8. Klasse arbeite und ich bisher kaum Elternkontakt hatte. Schwierig ist es manchmal, die Vorstellungen der Lehrer_innen und Schüler_innen unter einen Hut zu bekommen. Es gilt den Wissensdurst der Schüler_innen zu stillen und trotzdem auf den Aspekt der sexuellen Gesundheit einzugehen. Für die Schüler_ innen wünsche ich mir mehr Unterrichtszeit. Denn so hätte ich mehr Zeit um aktuelle Fragen zu beantworten. Einmal hatte ich die Situation, dass eine Lehrkraft Material zum Thema HIV und AIDS aus den 1980er Jahren auf dem Tisch liegen hatte und damit unterrichtete. Das ist problematisch, da sich in diesem Bereich so unglaublich viel geändert hat. Für mich ist eine wichtige Frage, wie ich die Lehrenden erreichen kann, damit auch sie auf dem aktuellen Stand sind und diesen weitervermitteln. Deswegen erleichtert es sehr, wenn die Lehrer offen auf mich zukommen und schauen, wie wir den Tag gemeinsam gestalten. Kommunikation ist mir in dem Bereich einfach super wichtig. Was kommt deiner Meinung nach in der Sexualpädagogik zu kurz? Auf jeden Fall das Positive an Sexualität! Da erwische ich mich leider auch immer wieder selber zu sehr den Fokus auf die Risiken zu

legen. Viel wichtiger ist aber eigentlich die Jugendlichen zu stärken und auch die vielen tollen Seiten nicht zu vernachlässigen. Den erhobenen Zeigefinger würde ich gerne abschaffen!

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spräche um Sexualität.

Du hast ja vorher schon über die Ausbildung von Ehrenamtlichen geredet. Sucht ihr momentan noch Ehrenamtliche für die Aidshilfe? Ja total! Wir freuen uns immer über engagierte und interessierte Ehrenamtliche. Wir sind gerade dabei, eine bunte Gruppe zu versammeln und mit denen gemeinsam in die Schulen zu gehen. Dafür treffen wir uns regelmäßig und bilden uns fort. Wer keinen Bock auf Sexualpädagogik hat, kann uns aber auch anderweitig unterstützen - bei der Betreuung von Ständen zum Beispiel. Meldet euch einfach bei uns, wenn ihr neugierig geworden seid! Jetzt noch eine persönliche Frage, was ist denn deine lustigste Methode oder dein lustigstes Equipment für die Arbeit? Meine Lieblingsmethode ist gleichzeitig auch die lustigste, das ist das Sex-ABC. Kann ich übrigens auch für Partys empfehlen. Aufgabe ist es zu jedem Buchstaben aus dem Alphabet Assoziationen und Wörter zum Thema Sexualität zu finden. Ich merke immer wieder, was für ein unglaublich breites Feld dieses Thema umfasst, wie unterschiedlich und gleichzeitig ähnlich Assoziationen ausfallen können. Ich lerne dabei auch immer wieder Neues von der Schüler_innen. Wofür ist Denis eigentlich Experte, was macht ihn in eurem Team zum Spezialisten? Als Erstes ist Denis natürlich unser Finanzund Buchhaltungsexperte. Einer der wichtigsten Pfeiler der Vereinsarbeit. Aber auch das „Geschichtsbuch“ zum Thema HIV und Aidshilfearbeit der letzten Jahre. Da er hier schon am längsten arbeitet, kennt es sich sehr gut aus und erhält viele Kontakte und Verbindung zu unserer Vereinsgeschichte. Außerdem ist er Experte dafür, Essen im Kühlschrank liegen zu lassen, dass ich dann essen kann! Das Interview wurde geführt von JaSc und HaSt

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Tot ziens, Maarten! Seit dem Frühling 2017 leitete Maarten Bedert das Referat Primärprävention Migration und Haft. Mit seiner ruhigen und gelassenen Art wurde er zum Ruhepol der Beratungsstelle. Ende Juli hat er die hallesche Aidshilfe verlassen. Zum Abschied haben wir ein Interview mit ihm geführt, um zu erfahren, wohin es ihn zukünftig verschlagen wird. Wir würden gerne wissen, wohin es nach deiner Zeit bei der Aidshilfe für dich gehen wird! Amsterdam! Ich fahre zurück in die Niederlande. Ich komme eigentlich aus Belgien, habe aber in den Niederlanden studiert und war jetzt fast acht Jahre in Halle. Ich habe in Amsterdam einen neuen Job bekommen, was mir, meiner Freundin und meinem Kind jetzt die Möglichkeit gibt, wieder zurückzugehen.

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Und worum genau geht es da in dem Job? Ich habe hier in Halle meine Doktorarbeit in Ethnologie geschrieben. Und nun werde ich in einem Forschungsprojekt tätig sein, das meine bisherigen sozialarbeiterischen Erfahrungen mit HIV und AIDS mit wissenschaftlicher Forschung zusammenbringt. Konkret geht’s da um HIV-Spätdiagnosen und was Leuten passiert, die von ihrer Diagnose besonders spät erfahren, und was eigentlich die Gründe dafür sind. Ziel ist es letztendlich

Interventionen, Präventionsmöglichkeiten und neue Projekte zu entwickeln. Also vielleicht auch, Spätdiagnosen zu verhindern. Hast du das Gefühl, dass in den Niederlanden vielleicht auch mehr Geld in solche Forschung gesteckt wird? Das kann ich schwer sagen. Ich denke aber trotzdem, dass soziale Themen dort schon sehr viel offener und intensiver diskutiert werden. Das hängt vielleicht auch mit der Geschichte der Niederlande zusammen. Da fand die Auseinandersetzung mit schwulem Leben oder Drogenkonsum und HIV schon sehr viel früher statt. Die Ehe für alle haben die Niederlande ja auch als erstes Land anerkannt. Das könnte man eigentlich schon als eine Tradition der Niederlande sehen. Das habe ich in Deutschland nicht so erfahren. Gibt es auch in Deutschland ähnliche Forschungsprojekte? Da habe ich mich nicht so wirklich umgeschaut. Aber diese Forschung bräuchte es eigentlich auch in Deutschland, weil sehr viele Diagnosen bereits im AIDS-Stadium stattfinden und wir eigentlich nichts über die Lebenswelt dieser Menschen wissen. Meinst du dass du irgendwann den Schritt in eine Professur wagen wirst? Das muss nicht unbedingt sein. Ich forsche


halle.aidshilfe.de eigentlich ganz gerne, besonders die Feldforschung finde ich spannend. Wenn es irgendwann so sein sollte, dass da das Endergebnis eine Professur ist, dann ist das so. Aber es ist nicht unbedingt mein Ziel. Außerdem gibt es sowas wie eine Habilitation zum Beispiel in anderen Ländern nicht wirklich. Da entsteht das eher so natürlich aus der Lehr- und Forschungserfahrung. Was wirst du denn besonders an Halle vermissen und warum? Halle habe ich schon besonders kennengelernt. Am Anfang meiner Doktorarbeit hatte ich mit vielen Menschen zu tun, die zu Halle nicht so wirklich eine Verbindung hatten. Das lag auch einfach an der internationalen Ausrichtung des Instituts. Das hat sich aber geändert je länger ich hier war und jetzt gefällt mir die Stadt eigentlich sehr gut. Die ist sehr entspannt und grün, das werde ich sicher vermissen. Natürlich auch das Netzwerk an Freunden! Ich bin zum Beispiel Teil einer Tanzgruppe, die werde ich unglaublich vermissen.

I: Was wirst du an der AIDS-Hilfe Halle besonders vermissen? Inhaltlich auf jeden Fall die Beratung, die finde ich einfach spannend, weil man da auch Kontakt zum Klient_innen hat. Da kann man wirklich das Ergebnis seiner Arbeit spüren, wenn man den Leuten die Ängste nehmen kann zum Beispiel. Auf der anderen Seite auch die kleinen Momente, wenn man eine Veranstaltung macht und die Leute wirklich richtig interessiert sind, das macht einfach Spaß! Natürlich werde ich auch das Team vermissen. Das finde ich auch wichtig zu sagen, weil wir eine moderne Aidshilfe sind, mit einem neuen Geschäftsführer, einem neuen Vorstand und einem jungen und engagierten Team. Danke dir, Maarten! Wir werden dich in Halle wirklich sehr vermissen, wünschen dir aber für das Leben und die Forschung in Amsterdam nur das Allerbeste! Das Interview wurde geführt von JaSc und HaSt. 23


,,Barrieren durchbrechen, Brücken bauen‘‘ – Die Welt-AIDS-Konferenz in Amsterdam Vom 23. bis 27. Juli fand im beschaulichen Amsterdam die Welt-AIDS-Konferenz statt, zu der tausende Forscher_innen, Präventionist_innen und Aktivist_innen aus sämtlichen Ländern zusammenkamen, um über die aktuellen Entwicklungen im internationalen HIV-Infektionsgeschehen, moderne Therapiemöglichkeiten und Präventionsmethoden zu diskutieren. Unser Mitarbeiter Denis Leutloff hatte das Glück, in diesem jahr dabei sein zu können. Natürlich ist es beeindruckend, wenn man sich plötzlich als Vertreter der Deutschen AIDS-Hilfe und Mitarbeiter einer beschaulichen lokalen Aidshilfe zwischen Ständen internationaler Organisationen wiederfindet und zu einer kleinen Figur auf der Weltbühne der Pharmaunternehmen, NGO’s und staatlichen Gesundheitsorganisationen wird. Gleichzeitig hilft dieses Gefühl, den Blick für die eigene Organisation zu schärfen. Im internationalen Vergleich geht es den deutschen Aidshilfen nämlich gut. So war auch ein Fokus der Konferenz die Zunahme von HIV-Infektionen in Osteuropa, sowie die damit verbundene katastrophale Lebenssituation von Drogenkonsument_innen und sexuellen Minderheiten in Russland und zentralasiatischen Ländern. Hier sind Menschen mit HIV und AIDS von repressiven Gesetzgebungen im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, Drogengebrauch und Sexarbeit betroffen, die den Zugang zu Gesundheitsversorgung und Menschenrechten beschränken oder verhindern.

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Während in osteuropäischen Staaten jeder Weg zu einer emanzipativen, partizipativen Gesundheitspolitik ein steiniger ist, zeigte die Konferenz, dass sich die bundesdeutsche HIV-Präventionspolitik und die Deutsche AIDS-Hilfe nicht verstecken brauchen. Die Bemühungen

um die Einführung von Heimtests, die Zulassung und zukünftige Kassenfinanzierung der PrEP sowie eine verstärkte Antidiskriminierungsarbeit zeigen, dass HIV- und AIDS-Politik in Deutschland auf dem richtigen Weg ist, auch wenn im internationalen Vergleich in den letzten Jahren so manche Abzweigung verschlafen wurde. Ein solches ins Verhältnissetzen zeigt auch, an welchen Stellen die bundesdeutsche Aidshilfearbeit solidarisch werden muss und von welchen internationalen Akteur_innen noch gelernt werden kann. Deutlich wurde auch, dass so eine Welt-AIDS-Konferenz natürlich ein gut aufgearbeitetes Medienspektakel ist. Doch nicht nur Conchita Wurst, Prinz Harry, Elton John und Prinzessin Mabel van Oranje standen im Fokus der Presse, auch unserem Berater Denis wurde ein Artikel in der ,,faz‘‘ gewidmet. Denn er war auch als Modell der Kampagne „Ending Discrimination = Ending AIDS“ der Deutschen AIDS-Hilfe auf der Konferenz. Das Thema: „Treat me well!“ - HIV-bezogene Diskriminierung im Gesundheitswesen. Eine der Thematiken, in denen es in Deutschland noch enormen Nachholbedarf gibt. Denn auch hier werden Behandlungen verweigert und Zugänge zu Gesundheitsleistungen erschwert, was dazu führt, dass Menschen mit positiver HIV-Diagnose nicht selten Arztbesuche gänzlich vermeiden, wenn sie eigentlich nötig wären. Denis Da auch andere europäische Länder ein ähnliches Ausmaß an Diskriminierung im Gesundheitssystem aufweisen, wird Antidiskriminierungsarbeit zu einer wesentlichen internationalen Aufgabe, ganz entsprechend also dem Motto der Welt-AIDS-Konferenz in Amsterdam: ,,Barrieren durchbrechen, Brücken bauen‘‘ Text: JaSc


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Treat me well! Discrimination in the healthcare system makes people sick.

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Ending Discrimination = Ending AIDS


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Treat me well ! “Do you suffer from AIDS?” Denis answered the question on the anamnesis questionnaire at his dentist truthfully: “No”. Even though he was HIV positive, he was healthy, and the HIV virus could no longer be detected in his system. He certainly didn’t have AIDS. On the treatment chair, Denis pointed the misleading question out to the dentist, who got annoyed that Denis hadn’t mentioned his HIV infection. “That’s when I knew how he was going to treat me,” he remembers. Denis has encountered discrimination in health care settings often enough. He was once sent home from the emergency room because he only told the doctor of his HIV infection after having a blood test. That had undermined the patient-doctor relationship, the doctor argued. “It made me feel like a leper,” says Denis. In moments like that, wrong or insensitive treatment of an HIV positive patient can have fatal consequences. Some people avoid important visits to a doctor because of bad experiences (see right). Denis deals with his HIV infection more confidently now. But it wasn’t always that way. When he got his first test results, at 28, it threw him completely off the rails – he hadn’t even been aware there was any risk of HIV. “It was all so unrealistic. Even at the reception desk at the doctor’s I couldn’t say why I was there,” the quiet 37-year-old remembers now. But Denis was lucky with the HIV clinic he visited, and he knows other practices in his home town of Halle that deal well with HIV cases. “That’s good for me personally but it can’t be the answer,” he says. “Every doctor should be able to treat people with HIV without discriminating against them.”

The Problem Shockingly, it’s often the medical professionals who discriminate people with HIV. In the healthcare system, they have to deal with rejection, excessive precautionary measures, and violations of their data privacy. Some examples: dentists refusing to treat patients with HIV, or only giving them the last appointment in the day. Hospitals allocating HIV-positive people their own toilets, or marking their patient files on the outside, or radiologists and masseurs suddenly wearing gloves. In rehabilitation clinics, HIV-positive people are often excluded from certain services, on the grounds that they may infect others, and sometimes they’re warned not to talk about their infection to other patients. Such exclusion can discourage people from visiting the doctor. A healthcare system that discriminates does not heal people – it makes them sick.

The Solution Deutsche AIDS-Hilfe works against discrimination in the German healthcare system in a number of ways. Our center for HIV-based discrimination offers those affected both advice and practical help. In partnership with the German Federal Dental Association, we have developed a set of training materials for clinic personnel that clarifies an important message: special treatment for people with HIV is both unnecessary and discriminatory. The project “Praxis Vielfalt” (“Diversity in Practise”) has begun awarding a badge of approval to discrimination-free clinics, while our training program “Let’s talk about sex!” helps doctors to communicate with patients about sexuality, HIV, and STDs. Visit our stand (number 644) to learn more about discrimi27 nation-free healthcare in the Global Village!


Kuku Kolumnas letzte Worte

Kuku Kolumna, die blasende Reporterin, fährt eine alte Vespa, von der aus sie ihre Ergüsse direkt in die Herzen der Leser*innen spritzt. Mit hunderten von km/h geht es tief durch die Kneipen dieser Gesellschaft, die Gärten der Lust und die Wälder des Geschlechts.

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Vorwort der Redaktion (ausgedacht): Der Sommer neigt sich dem Ende zu und mit ihm auch die CSD-Saison. Und während in Halle die vorletzte Perversen-Demonstration in diesem Jahr stattfindet, machen sich in einem benachbarten Bundesland, in dem auch die unglaublich gut aussehende Autorin dieser Kolumne wohnt, tausende Menschen bereit, um mal wieder auf Menschenjagd zu gehen. Grund genug für die red.-Redaktion ihre beste und einzige Reporterin auf diese Story anzusetzen, deren beiden Teil wirklich gar nichts miteinander zu tun haben. Oder vielleicht doch? Stellen Sie sich an dieser Stelle bitte dramatische Musik aus einem Krimi ihrer Wahl vor.

Normalerweise verbringe ich meinen Alltag damit, auf meiner Vespa zwischen Sachsen-Anhalt und Sachsen hin- und herzufahren. Wie ich davon meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, soll an dieser Stelle mein Geheimnis bleiben. Aber ich schweife auch schon wieder ab und dabei ist das erst der zweite Satz. Auf jeden Fall ist der bessere Moment immer der, wenn ich von Sachsen nach Sachsen-Anhalt fahre. Denn da wo Sachsen aufhört, macht das Fahren einfach mehr Spaß. Nicht dass es im Nachbarland nicht auch ein dickes Nazi-Problem geben würde, aber wenn sich ein paar von denen mal richtig austoben wollen, kommen sie halt meistens doch lieber rüber. Es gibt also quasi eine „Umvol-


Nehmen Sie Platz auf meiner Vespa und besuchen Sie mit mir zwei Orte an denen man selten ist und noch seltener sein möchte: Die Vergangenheit und Bremen. Das klingt jetzt erstmal schlimm, wird aber gleich kurz besser und dann aber wieder auch schwierig. Bremen hatte nämlich auch kürzlich einen CSD und hat sich das nette Motto „Der Schlüssel zu Welt ist Vielfalt“ gegeben, nur damit bei der After-Demo-Party dann das DJ-Duo NazNak goes Kanak beleidigt wurde, weil sie zur Abwechslung mal nicht nur Madonna, Rihanna und Ariana Grande gespielt haben. An dieser Stelle sei darauf hinweisen, dass Madonna, Rihanna und Ariana Grande großartige Künstlerinnen sind. Anmerkung der Redaktion (ausgedacht). Dafür wurde ihnen gesagt, sie sollten ihre Musik doch im Ausland spielen, und der Mixer wurde mit Bier übergossen. Dazu muss man drei Sachen wissen: dass das Ausland kein eigenes Land ist; dass so eine Äußerung rassistisch ist; dass so eine Äußerung verdammt nochmal rassistisch ist und in unserer Community daher nichts zu suchen hat.

lassen Sie uns zurück in die Gegenwart nach Halle fahren. Hier wird der CSD von einer Demo begleitet, die unter dem Motto „Community, Solidarity, Diversity“, also Gemeinschaft, Solidarität und Vielfalt, steht. Diese drei Worte mögen manchen ausgelutscht erscheinen, doch gerade jetzt gilt es sie wieder mit neuem Leben aufzublasen. Community muss wieder mehr heißen als die Leute, die man mal wieder bei der GaySchorre oder der KKBB sieht. Es heißt, dass wir etwas teilen, dass uns etwas eint. Nämlich, dass wir trotz der Fortschritte der letzten Jahre, immer noch in dieser Gesellschaft diskriminiert werden und potentielles Ziel der erstarkenden Rechten sind. Solidarity heißt, dass wir füreinander einstehen müssen, nicht nur für unsere Community, sondern überall da, wo Menschen Opfer von Gewalt werden. Sei es in einem ostdeutschen Dorf oder an der europäischen Außengrenze. Seien es Frauen, trans* oder inter Personen, die angegriffen werden. Seien es people of color oder weiße Kartoffeln. Diversity heißt, dass wir unsere Verschiedenheit akzeptieren müssen, dass wir Drags und Fetisch-Leute, Butches und Bären, Femmes und Tunten, non-binaries und Dykes alle als Teil unserer Bewegung verstehen müssen. Denn wenn wir eine Welt wollen, in der wir ohne Angst verschieden sein können, dann müssen wir anfangen uns das selbst zuzugestehen.

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kung“ im Kleinen. Ich komme also rüber und verspritze Liebe, Lust und Heiterkeit und die Anderen gehen halt nach Chemnitz und machen Jagd auf alle, die ihnen nicht in den Kram passen. Jetzt könnte man denken: „Ha, Problem gelöst. Alle Nazis nach Sachsen, alle anderen raus und aus die Maus“. Wenn es nur so einfach wäre…

Text: Kuku Kolumna Bild: Dragan Simicevic Visual Arts

Wir sehen also, das Problem ist nicht nur Sachsen. Das Problem sind auch nicht nur überzeugte Nazis (auch wenn die ein echt schlimmer Teil des Problems sind). Das Problem ist viel größer und betrifft uns alle. Es beginnt überall da, wo Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft nicht mehr als Sexualpartner*innen in Frage kommen, oder da, wo wir Menschen deswegen nichtmehr als Teil unserer Community betrachten. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es die selben Leute sind, die in Chemnitz aufmarschierten, die zum Erfurter CSD eine völkische Gegenkundgebung angemeldet haben. Wer jetzt die Rassist*innen als besorgte Bürger*innen verharmlost, sollte sich dessen bewusst sein. Eine Menschenfeindlichkeit kommt eben selten allein. Aber verlassen wir diesen düsteren Ort und steigen Sie mit mir ein letztes Mal auf die Vespa und

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Mit freundlicher Unterstützung von:

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Ein Projekt «Von und für Menschen mit HIV» in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

05. – 07. Oktober 2018 in Chemnitz Anmeldungen bis 16.09.2018 an post@PositHIV.info oder PositHIV mitteldeutschland c/o AIDS-Hilfe Halle / Sachsen-Anhalt Süd. e.V. Leipziger Straße 32 • 06108 Halle (Saale)

Telefon: 0345/ 5821270 Telefax: 0345/ 5821273

Referent_innen: Siegi Schwarze, Annette Piecha Inhalte: • HIV und Alter • HIV und Sexualität/Partnerschaft • Update rund um HIV

E-Mail: post@positHIV.info Web: www.positHIV.info


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2018 e n i m st-Ter 9. Juli / 16. August / ber / HIV-Te O k to li / 1

u 18. ni / 5. J r tob er / / 21. Ju zembe / 4. O k r e b 7. Juni m 20. De e / t r p e e b S / 20. Dezem e mb e r er / 6. – 6. Sept ovemb N . 5 20 Uhr 1 18 bis mb e r / n e o v v o s N il 1. – jewe

nac h ym und t anon lg fo r e st . hnellte r a t u ng D e r Sc iger Be r e h r ig. o v t we n d u ng n o ld e vor. m n ra inuten eine Vo a. 30 M c h Es ist k c a gen n ests lie e des T s is n b e Die Erg : beitrag Kosten Eu r o : 15,00 elltest n h c Eu r o -S HIV st: 5,00 hnellte c -S is il S yph

Impressum AIDS-Hilfe Halle / Sachsen-Anhalt Süd e.V. Leipziger Straße 32, 06108 Halle (Saale) Geschäftsführung: Dipl.-Päd. Martin Thiele Telefon: 0345 – 58 21 271 Fax: 0345 – 58 21 273 Email Redaktion: red.aktion@halle.aidshilfe.de Fotografie: AHH, sunstroem effect, Yeko Photo Studio, milanmarkovic78 Titelbild: sunstroem effect Autor_innen: Clara Fiedler, Dirk Sander, Hannah Steinführer, Jakob Schreiber, Kuku Kolumna, Martin Thiele

Nennung und Abbildung von Personen in diesem Magazin lässt nicht zwangsläufig Rückschlüsse auf ihren HIV-Status und/oder deren sexuelle Orientierung zu. Abgebildete Personen können Models und nicht die im Beitrag genannten Personen sein. „red.“ ist ein ehrenamtliches Projekt der AIDS-Hilfe Halle / Sachsen-Anhalt Süd e.V. und finanziert sich durch Anzeigeschaltungen selbst. Spenden sind möglich und steuerabzugsfähig. Anzeigelayout: Deutsche AIDS-Hilfe/ IWWIT, Cohn & Wolfe Public Relations GmbH & Co. KG, Marcus Hamel Anzeigeleitung: red.anzeigen@halle.aidshilfe.de

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