Di
E E Rfin D un G DER fRE i HE i T 1 –
Vo
Rwo RT un D DAnK
nKon TR o LL i ERBAR knallten die Korken…! Gerade dieser nervösen Explosivität war es geschuldet, dass bis 1728 der flaschentransport von Champagner verboten war. Erst mit der Erfindung der Agraffe, dem verschnörkelt geflochtenen Draht gestell, das den Korken auch unter hohem innendruck in seiner Position hält – ein genialer Geistesblitz des Benediktinermönchs und Keller meisters der Abtei von Hautvillers bei Épernay Pierre Pérignon, besser bekannt als Dom Pérignon –, beginnt sein Siegeszug zunächst in frankreich und später auch im restlichen Europa. „Brüder. Kommt geschwind. ich trinke Sterne!“, dieser Dom Pérignon zuge schriebene Ausruf beschreibt das köstliche Erlebnis, das es zu teilen gilt – ein schönes Bild für ein Jahrhundert, das sich zwischen reizbarer Explosivität und prickelnder Leichtfertigkeit aufmacht auf den weg zur Emanzipation des Subjektes und dabei die freiheit erfindet. w ährend der Adel beim Rückzug ins Private noch ausgelassen feiert, sich verzückt in zahllosen (Selbst ) inszenierungen bespiegelt und das dynastische Denken weiterhin als Legitimation seines privilegierten Seins betrachtet, legt die andernorts losgetretene antimonarchistische und antiklerikale infragestellung der politischen Hierarchien schon die Lunte ans Pulverfass der gesellschaftlichen o rdnung der welt des 18. Jahrhunderts. So hält dieser konfliktreiche historische Moment für die
Zeitgenossen heikle Überraschungen und brisante Spannungen parat. Diese münden als finales Zeichen im Ausbruch der französischen Revolution von 1789, die in der folge nachhaltig die politischen Gegebenheiten Europas verändern wird.2
Es dominiert zwar weiterhin das selbstbezogene und zuweilen intrigante Lustspiel, bei dem es unter allen umständen der Langeweile oder der ermĂĽdenden wiederholung zu entfliehen gilt, wie es Pierre ÂAmbroise Âfrançois Choderlos de Laclos in seinem als Sittengemälde angelegten Briefroman gefährliche Liebschaften von 1782 vortrefflich beschreibt. Gleichzeitig keimt aber eine Säkularisierungstendenz auf, die im aufwendigen Publikationsprojekt der enzyklopädie (encyclopĂ©die ou dictionnaire raisonnĂ© des sciences, des arts et des mĂ©tiers, 1751–1780) Denis Diderots mit der Emanzipation des Subjekts zur Lossagung von der politischen Macht des Klerus sowie des Adels fĂĽhrt. Aus dieser Zerrissenheit ent wickelt sich ausgehend von frankreich ein weit reichender ideengeschichtlicher und formenprägender impuls, der ganz Europa in seinen Bann schlägt. im Symbol der Bibliothek einerseits und im ausladenden Dekor andererseits zeigen die fotografien von Lois Renner diese widersprĂĽchlichen Aspekte der Zeit in einem Bild.

Das groĂźe Projekt der Sichtbarmachung des wissens und die pikante Leichtfertigkeit des bisweilen bizarren Personals dieser Epoche weisen erstaunliche Parallelen zur heutigen Zeit auf. Die Digitalisierung hat nicht nur fĂĽr Viele einen immensen Zugang zu den globalen wissensspeichern eröffnet, sondern ebenso durch die Social Media die „Selfiesierung“ der welt befeuert, d.h. die Konzentration auf die inszenierung des ichs und des Privaten. und so stellt sich Ludwig Seyfarth angesichts der sich selbst bespiegelnden figuren Pia Stadtbäumers zu Recht die frage, ob „…das Rokoko vielleicht ein Symbol fĂĽr unsere eigene ĂĽberdrehte und nicht nur ökonomisch ins Haltlose abdriftende Zeit (ist)“.3 indem die KĂĽnstler*innen der Ausstellung die formensprache des Rokoko auf vielfältige Art und weise auf nehmen und die damit verbundenen ideen aber nicht ungebrochen fortfĂĽhren, entspinnt sich ein kritischer kĂĽnstlerischer Diskurs, der unsere entfesselte Gegenwart vor dem Hintergrund einer nicht minder bewegten Vergangenheit reflektiert. Die Verdoppelung des Bildsujets in der Arbeit von Cornelia Badelita potenziert nicht die wirkung des SĂĽĂźlichen; stattdessen wird auf den Charakter einer fast inhaltsleeren theatralen inszenierung oder gar auf allzu beliebte Copy  and ÂPaste ÂVerfahren der digitalen Jetztzeit verwiesen. Der Vorhang als Bild der BĂĽhne und des inÂSzene ÂSetzens ist in Edith Dekyndts installation mit nägeln gespickt, die sich dem Betrachter zwar glänzend, aber doch spitz entgegenstrecken, Glanz und Gefahr zugleich. in dem zum werk gehörenden Video verschiebt das dort aufgefĂĽhrte Spektakel die Position des Betrachters hin zum schamlosen Voyeur, eine Rolle, die nicht nur dem Rokokomenschen, sondern auch Zeit genossen mehr als vertraut sein dĂĽrfte, Letzteren vornehmlich aus den Reality formaten der



T HE in VE n T ion of LiBERT y 1 –
MPoSSiBLE to keep the corks from popping! owing to this jumpy explosiveness, the transport of champagne in bottles was prohibited until 1728. only with the invention of the agrafe – an ornamental clasp made from plaited wire that keeps the cork in place despite the pressure inside the bottle – the triumphant success of champagne took off, at first in france and later on throughout Europe. in a flash of genius, the device was conceived by Pierre Pérignon, the Benedictine monk and cellar master of the Abbey of Hautvillers close to Épernay, who is better known as Dom Pérignon. His alleged exclamation “Come quickly, brothers, i’m drinking stars!” describes the delicious sensation of drinking sparkling wine, which should always be shared with others. it provides a beautiful image for a century that moves between irritable explosiveness and effervescent recklessness as it sets out to emancipate the self and invent liberty along the way.
At the time, the aristocracy was withdrawing into private life yet still continued to celebrate wildly, obsessed with itself and its multiple (self)performances. it continued to regard the dynastic idea as the source of legitimation for its privileged status. Meanwhile, elsewhere, antiÂmonarchist and anti clerical currents, increasingly calling the political hierarchies into question, were about to set fire to the social order of the 18th century world. for contemporaries, this tumultuous historical moment held in store precarious surprises and highly explosive tensions. it was a final omen in the lead Âup to the outbreak of the french Revolution of 1789 which changed Europe’s political order with lasting effect.2
Hirschjagd/stag hunt


iM S
inETT DER iLL u S ionE n
LS intellektuell und politisch paralysiert beschreibt der Publizist John Gray linksliberale intellektuelle, denen er mangelhafte Eigenwahrnehmung be scheinigt. Statt Verantwortung für selbstverschuldete politische f ehlentwicklungen zu übernehmen, flüchteten sie sich in Verschwörungstheorien und stilisierten sich zu o pfern fremder Mächte. Vielmehr sollte man die Gründe für jene unordnung in den freiheitlich organisierten Gesellschaften in diesen Gesellschaften selbst suchen. war der Liberalismus mit dem Versprechen von Toleranz während der frühmodernen Religionskriege gestartet, insbesondere im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter des Rokoko und der Aufklärung, haben nach Gray die alternativen Liberalen heutzutage Toleranz als feind der sozialen Gerechtigkeit ausgemacht.1
Angesichts dieser beanstandeten postfaktischen Verkehrung aufgeklärten Gedankenguts stellt sich die frage, inwiefern das Rokoko und die parallel verlaufenen
Prozesse der Aufklärung für unsere heutige gesellschaftliche Situation und ihre drängenden fragestellungen von Bedeutung sein können. Käme unserer Gesellschaft die Toleranz abhanden, wäre dies tatsächlich ein weitreichender werteverlust – die folgen kaum absehbar.
René Gaillard (um/around 1719–1790) nach/adaptation of François Boucher (1703–1770)
Le Panier mystérieux (Der mysteriöse Korb/ The Mysterious Basket), Detail, 1758
Radierung und Kupferstich/etching and engraving 59 Ă— 45,8 cm (Blatt/sheet)
Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung/ Department of Prints and Drawings



Jahrhunderte; vom roséfarbenen Rüschenrock des Rokoko in den nicht minder frivolen Cancan des Pariser Moulin Rouge bis hin zum hohen Ankle Boot unserer Tage, alles züchtig verborgen unter einem f ilzmantel des Schweigens.
Mit olfaktorischen Reizen von Lavendel, Vergissmeinnicht und Rittersporn verfĂĽhrt Thierry Boutemy die Betrachter*innen mit allen Sinnen. w ährend der erste Kabinett raum märchenhaft in sich gefangen und von rätselhaft verschleierten Keramik bĂĽsten der KĂĽnstlerin Charlotte Coquen bevölkert ist, platziert in gustavianischem Mobiliar, bricht sich im gegenĂĽberliegenden Raum ein Rokoko Âf euerwerk aus federn und Gräsern in hellen Pudertönen Bahn. Auf vergoldeten DauphinÂStelen tĂĽrmen sie sich – an die modischen Hochfrisuren des ausgehenden 18. Jahr hunderts angelehnt – bis zur Decke, um einen ĂĽppig vergoldeten Spiegel zu flankieren, inbegriff des narzisstischen Zeitalters, das in Spiegelkabinetten und Âsälen den höfischen Luxus ins unendliche vervielfachte. Hier wird das Rokoko mitsamt seiner ungezĂĽgelten Lust am labyrinthischen Verwirrspiel und an der inszenierung als immerwährendem fest in endlos wechselnden Dekorationen greifbar.
Das Arkadien des Rokoko, den Traum einer idyllischen Paradieswelt, in dessen Geist auch Morsbroich als Maison de Plaisance , als Land  oder Lustschloss erbaut wurde, finden wir in den figuren von Pia Stadtbäumer. Sie haben – teils entblößt, teils verhüllt – keinen Blick für uns, sind vollkommen mit sich selbst beschäftigt; inga, Lilia und Lars entstammen dem frivolen Treiben der Fêtes galantes in watteaus und Bouchers Bildwelten. Allerdings sind sie darin nicht gemäß der Logik des Rokoko in eifrigem Liebeswerben einander zugetan. Pia Stadtbäumer formuliert das Rollenspiel im ritualisierten nähern der Geschlechter als ein zutiefst egozentrisches. nur Hände und füße zeugen von einem anderen, einem gelebten Leben, dessen Spuren sich bei näherem Hinsehen unwiderruflich in die Körper eingeschrieben haben.
Glenn Brown samplt gekonnt Gegenwart und Rokoko, wenn er eines von Jean  Honoré fragonards Portraits de Fantaisie aus dem Jahr 1769 aufgreift, schmelzende Physiognomie und leere Augenhöhlen des unbekannten Mannes jedoch unverkennbar zeitgenössisch ins Abstrakte laufen lässt. Auch in dem üppigen Blumenbouquet the Life hereafter (2011) waltet die Sehnsucht nach dem ewigen frühling in einem para diesischen Arkadien. Getreu seinen grotesken u mformungen lässt Brown die Hoffnung auf ewige Schönheit jäh auf den mittelalterlichen Vanitas  Gedanken treffen, wenn die Blüten des Straußes unübersehbar zu welken begonnen haben.
Die historische Bildvorlage spielt in Cornelia Badelitas malerischen Exerzitien eine nicht minder groĂźe Rolle, wenn sie eine in den 1990erÂJahren gefertigte Kopie von Pierre Mignards Gemälde des 17. Jahrhunderts eigenhändig ĂĽbermalt und dabei das Motiv in zahlreichen Einzelheiten doppelt. Einerseits schwingt im Bildtitel

— 22 —




in THE Mi RR o R RooM of iLL u S ionS
CC o RD in G to the philosopher John Gray, left  liberal thinkers are in a state of intellectual and political paralysis while also lacking self  awareness. instead of assuming responsibility for negative political developments they are to blame for, they turn to conspiracy theories and present themselves as victims of foreign powers. However, Gray claims that the reasons for this predicament can be found in liberal societies themselves. w hen liberalism emerged during the early modern religious wars, particularly in the 18th century rococo period and the Enlightenment, it held out the promise of tolerance. But today’s alternative liberals, Gray argues, regard tolerance as the enemy of social justice.1 in view of this proclaimed reversal of enlightened ideas in our own post  truth era, we may well ask to what extent the parallel movements of rococo art and the Enlightenment are relevant to our contemporary society and its pressing issues. Giving up tolerance would indeed be a far  reaching blow to the cherished values of our society and would have unpredictable consequences. without tolerance, there can be no life in freedom. This fact was already acknowledged by the thinkers of the Enlightenment, who stood up for autonomous thought and action in an age of absolute monarchy using scientific methods and
— 29 — Schloss Morsbroich, Ansicht von Norden/ view from the north, Lithografie nach Aquarell/lithography produced from a watercolour von/by Gustav Gerlach, 1861


that was fashionable in the late 18th century – they flank a luxuriously gilded mirror, the epitome of a narcissistic age, which endlessly reflected the courtly extravagance in mirror halls and mirror cabinets. Characterised by an unbridled desire for labyrinthine confusion and dramatisation, Boutemy’s installation creates a vivid impression of the rococo style as a neverÂending celebration with an infinite variety of decorations.
Pia Stadtbäumer’s sculptures conjure up a rococo Arcadia, a dream of an idyllic paradise, which also inspired the design of Morsbroich Palace as a maison de plaisance, a kind of countryside pleasure palace. Partly naked and partly dressed, the figures look away from the spectators and seem entirely preoccupied. inga, Lilia and Lars are taken from the wild excitement of the fêtes galantes in watteau’s and Boucher’s paintings, yet they defy rococo logic in that they are not busy paying court to each other. Pia Stadtbäumer portrays the ritualised role play in the courtship of the sexes as a profoundly egocentric endeavour. only the figures’ hands and feet show traces of a different life, a life lived to the full, which has left indelible marks on their bodies.
Skilfully blending contemporary and rococo elements of style, Glenn Brown’s reworking of Jean  Honoré fragonard’s 1769 Portraits de fantaisie unmistakeably transfers the blurry facial features and empty eye sockets of the anonymous figure into the abstract realm of contemporary art. The opulent bouquet in the Life hereafter (2011) also betrays a longing for never ending spring in an Arcadian paradise. True to the spirit of his grotesque transformations, Brown’s wilting flowers cruelly pit the hope for eternal beauty against the medieval idea of vanitas.
Cornelia Badelita’s paintings also look to the pictorial tradition of the past for spiritual inspiration. o ne of her works is a 1990s copy of a 17th century painting by Pierre Mignard, which she overpainted duplicating many of its details. The title of her work exercițiu #2 (2015) alludes to the religious ideal of inward contemplation that is characteristic of spiritual exercises. for Badelita, however, it also refers to the constant exercise of reproduction and copying that is part of the aspiration to produce a picture with perfect details. By repeating symbolic elements such as the girl blowing bubbles, Badelita questions the essential difference between original and copy and explores the possibility of inventing a new way of pictorial expression based on methods of reproduction and copying. As a result of the subject’s repetition, the painting effectively seems more abstract, obscuring aspects of its original meaning and giving the repeated subject a contemporary appeal.
Anke Eilergerhard, too, uses a serial approach for her plastic self  portraits, creating bold towering structures made of piled Âup gilded coffee sets glued together with coloured silicone. The title anna, an autobiographical reference to the artist’s name, underlines the feminine aspect of the candy  coloured works. Covered with
Fjodor Stepanowitsch Rokotow (um/around 1735–1808)
Bildnis Katharinas II. (die Große)/portrait of Catherine the Great (1729–1796), Kaiserin von Russland/ empress of Russia (1762–1796), nach/after 1769
Ă–l auf Leinwand/oil on canvas, 104 Ă— 81 cm
Staatliches Museum fĂĽr Porzellan Kuskowo, Moskau/ The State Museum of Ceramics, Kuskovo, Moscow



