Broschüre

Page 1

INFOBROSCHÜRE 8.Mai

36 SEITEN 7 TEXTE


INHALT Editorial 1

Das Kriegsende in Halle – Ein Lehrstück deutscher Erinnerungskultur

S.3

Das Nachleben des Nationalsozialismus

2 S.8

Namenloser Tod: Der Holocaust

3 S.12

Nie wieder Krieg?

4

EXT R S.18 A! + Buch 19 tipps

S.15

Shoah-Profiteur Rostock - ostzonaler Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit am Beispiel der „Ernst Heinkel Flugzeugwerke“

5

Das Scheitern der deutschen Arbeiterbewegung in der Hochburg des klassenkämpferischen Marxismus

Wiedergutmachung ohne Schuld – die Beziehungen zu Israel als Legitimationsideologie der konservativen Nachkriegsrepublik 2

S.20

6 S.24

7 S.31

70 Jahre ist es nun her, seit die Alliierten den Nationalsozialismus militärisch besiegten. Du hältst hier eine Broschüre in der Hand die sich mit den damaligen Ereignissen auseinandersetzt und versucht einige Punkte genauer darzulegen. Wir freuen uns über dein Interesse und wünschen viel Spaß beim Lesen. Weiterführende Informationen zur Kampagne findest Du hier:

70years.blogsport.eu facebook.com/70YearsAlliedTriumph twitter.com/ADAktionBerlin

Kontakt AG Antifa Halle Universitätsplatz 7 06099 Halle agantifa@googlemail. com antifa.uni-halle.de AG no tears for krauts nokrauts@hotmail.com nokrauts.org Antideutsche Aktion Berlin (ADAB) ada-berlin@gmx.net antideutscheaktionberlin. blogsport.de/ twitter.com/ADAktionBerlin Antifa Task Force (ATF) Jena atfjena.blogsport.eu atf@riseup.net association [belle vie] Hannover Kornstraße 28 - 32 30167 Hannover Impressum V.i.S.d.P.: Sigi Rotholz, Herbert Baum Straße 42, 10369 Berlin Auflage: 5000 Expl. Erscheinungsdatum: 08.05.2015 Eigentumsvorbehalt: Nach diesem Eigentumsvorbehalt ist die Broschüre solange Eigentum des Absenders, bis sie der / dem Ge

association.bellevie@ aol.de associationbellevie. blogsport.de BAK Shalom der Linksjugend [‚solid] Kleine Alexanderstr. 28 10178 Berlin mail@bak-shalom.de bak-shalom.de Freundeskreis der Dialektik Rostock freundeskreisdialektik@ gmx.de freundeskreisdialektik. wordpress.com Gesellschaftskritische Odyssee Halle Infoladen 78 Reilstraße 78 06114 Halle Mail: geko@riseup.net www.facebook.com/ GesellschaftskritischeOdyssee geko.blogsport.de fangenen persönlich ausgehändigt wurde. »Zur-Habe-Nahme« ist keine persönliche Aushändigung im Sinne dieses Vorbehaltes. Wird die Broschüre der / dem Gefangenen nicht persönlich ausgehändigt, ist sie dem Absender unter Angabe der Gründe für die Nichtaushändigung zurückzusenden.


Das Kriegsende in Halle – Ein Lehrstück deutscher Erinnerungskultur Der Mythos einer unschuldigen deutschen Zivilbevölkerung wird in Deutschland vor allem bei lokalen Erinnerungsveranstaltungen mit besonderem Nachdruck gepflegt. Die Begeisterung, mit der sich jährlich Hunderte zusammenfinden, um der Bombardierung ihrer jeweiligen Stadt zu gedenken, zeugt davon. Die Erinnerung an das „Leiden deutscher Zivilisten“ unter den Bomben der Alliierten, soll den Umstand verdecken, dass dieselben Deutschen kein Problem damit hatten, sich in die Volksgemeinschaft einzureihen, jahrelang direkt oder indirekt von Arisierung und Raubkrieg zu profitieren, Juden zu verfolgen und der NSDAP begeistert Beifall zu spenden. Deshalb konnte der Zweite Weltkrieg nicht wie der Erste mit einem Generalstreik, sondern nur durch die militärische Niederlage Deutschlands beendet werden. Um diesen Umstand nicht reflek-

tieren und damit die Wahrheit über den Charakter der deutschen Vo l k s g e m e i n s c h a f t nicht anerkennen zu müssen, werden immer wieder Einzelpersonen auf Podest erhoben, die das Existieren aufrechter Deutscher beweisen sollen. Dies ist selten ohne Verbiegen, Verschweigen und Verdrehen der Geschichte möglich. Die Erinnerung an das Kriegsende in Halle ist dafür ein Lehrstück.

Der Einmarsch der Alliierten in Halle (Saale) im April 1945 Den amerikanischen Streitkräften, der so genannten Timberwolf-Division gelang es am 15.April über eine Pontonbrücke in den Norden der Stadt Halle (Saale) vorzudringen, nachdem die deutschen Truppen tags zuvor sämtliche Saale-Brücken gesprengt hatten. Bereits in der Nacht vom 13. zum 14.April verteilte eine

Gruppe um den Chemieprofessor Theodor Lieser 2000 Flugblätter in der Stadt, die die Bevölkerung dazu aufrief, weiße Laken aus den Fenstern zu hängen, um ihren Aufgabewillen zu signalisieren und den deutschen Kampfkommandanten zu einer Übergabe der Stadt zu verleiten. Dies kam den Amerikanern entgegen, denn auf eine Bombardierung der Stadt sollte zunächst verzichtet werden. Sie wussten, dass sich in der hallischen Innenstadt mehrere Tausend Zwangsarbeiter und Lazarette mit amerikanischen Soldaten befanden. Als die Amerikaner jedoch am 15.April telefonisch eine solche Übergabe verhandeln wollten, lehnte der deutsche Kampfkommandant Rathke diese ab. Zudem wurden

die vorrückenden Truppen im nördlichen Stadtteil Halle-Trotha nicht von weißen Bettlaken

3


begrüßt, sondern von einer gleichgültigen bis offen feindseligen Bevölkerung, die deutschen Scharfschützen noch Hinweise auf alliierte Soldaten gab und die Realität des Krieges nicht wahrhaben wollte.1 Ein amerikanischer Kriegsveteran erinnerte sich: „Die Leute schau-

nichtung“ sowie einem Ultimatum über Halle abgeworfen, das die Bewohner aufforderte, bei ihrem deutschen Kampfkommandanten auf eine Übergabe der Stadt hinzuwirken. Andernfalls werde die vollständige Bombardierung der Stadt angeordnet. Eine Bombardierung sollte am Morgen des 16.April erfolgen.

In den Trothaer Häusern und Hausdächern verschanzten sich neben Scharfschützen auch Einheiten der Wehrmacht, der HJ und des Volkssturms. Ein Vorwärtskommen war für die Timberwölfe nur in verlustreichen house-to-house fightings möglich. Daher wurde der Vormarsch gestoppt und ein Flugblatt mit der Unterzeile „Übergabe oder Ver-

Das Ultimatum der Amerikaner verfehlte seine Wirkung nicht: Einige zwar in das NS-Regime verstrickte, aber den Kriegsausgang erahnende Personen drängten den deutschen Kommandanten, sich in den Süden der Stadt zurückzuziehen und den Amerikanern die Innenstadt zu überlassen. Im Gegenzug sollten diese auf eine Bombardierung verzichten. Durch diesen Vorschlag konnte der deutsche Kommandant Rathke weiterhin kämpfen, sodass er und seine Familie nicht wegen Feigheit vor dem Feind erschossen werden würden, und zugleich eine Bombar-

ten aus den Fenstern, obwohl wir doch scharf schossen. Andere standen auf den Straßen und behinderten uns. Sie schienen absolut keine Ahnung davon zu haben, was Krieg bedeutet. Wir mußten sie regelrecht wegscheuchen und vertreiben.“2

4

dierung werden.

abgewendet

Um diesen Vorschlag den Amerikanern zu überbringen, wurden Graf Felix von Luckner, ein den Amerikanern durch seine Seemannsgarngeschichten aus dem 1.Weltkrieg bekannter Hallenser, der weltweit Propagandareisen für den Nationalsozialismus unternommen hatte, und Karl Huhold, ehemaliger Luftwaffenmajor und Stahlhelmführer Mitteldeutschlands, ausgewählt. Luckners Bekanntheit bei den Amerikanern sollte die Aufrichtigkeit des Rückzugsangebotes versichern. Beide fuhren durch die amerikanischen Linien und trafen dort auf den General der amerikanischen Truppen Terry de la Mesa Allen. Allen betonte mehrfach seine Verbitterung über das Verhalten der Deutschen: „Ich habe ges-

tern zur Warnung an die Bevölkerung Flugblätter abwerfen lassen. Ich habe ferner meinen Soldaten verboten, in die Straßen und Häu-


ser zu schießen. Dafür haben Fensterschützen, hinter Gardinen versteckt, meinen besten Freund und tüchtigsten Offizier erschossen. Frauen haben auf Zuruf angezeigt, wo sich meine Soldaten befanden. Für diese Taten hat einer Ihrer Generale in Frankreich zwei Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Ich bin verbittert, meine Geduld ist am Ende.“3 Die Bom-

bardierung der Stadt war bereits angeordnet, doch gegen die Weisungen aus Washington gewährte er einen Aufschub von 12 Stunden und versicherte, auf eine Bombardierung zu verzichten, wenn sich General Rathke in den Süden der Stadt zurückziehe. Der Gedanke an die in der Stadt befindlichen Lazarette spielten dabei ebenso eine Rolle, wie der unter den Amerikanern verbreitete Irrtum, dass bei den Deutschen eine Trennung in unschuldige Zivilbevölkerung und bösartige Nazis noch möglich sei. Während der Verhandlungen betrank sich Graf Luckner derart mit Whiskey, dass er nicht

mehr in der Lage war, dieses Angebot an den deutschen General zu überbringen, weshalb dies von Huhold allein übernommen wurde und die von Luckner erwartete Antwort an die Amerikaner am Morgen des 17.April von einem Mitarbeiter Theodor Liesers überbracht wurde. Die Amerikaner konnten nun die hallische Innenstadt einnehmen. Gänzlich ohne Widerstand verlief dies nicht, jedoch reduzierten sich die house-tohouse fightings in Nordund Innenstadt durch den Rückzug Rathkes auf ein Drittel. Erst nachdem Rathke am 19.April aus der Stadt mit 600 Soldaten ausbrach, konnte die Stadt vollständig von amerikanischen Truppen besetzt werden.

e.V. und dessen Hausund Hofhistoriker plädieren für den Grafen, der lange Zeit mit dem Regime offen zusammenarbeitete (bis er wegen sexuellen Missbrauchs an seiner leiblichen Tochter und der minderjährigen Tochter seines Anwalts in Ungnade fiel), dessen antisemitische Tiraden inzwischen bekannt sind, und der nach der Besetzung der Stadt seinen Anteil an der ausgebliebenen Bombardierung maßlos in die Höhe log . Dies alles belegt

ein Gutachten, dass die Martin-LutherUniversität im Zuge dieses Streits für den hallischen Stadtrat vorlegte.4 Nun exis-

Gedenkkultur in Halle – Vom Lob des Opportunismus

tiert eine Gedenkplakette, an der die Luckner-Gesellschaft jedes Jahr ein Gedenken zum Kriegsende abhält und auf der neben Luckner noch weitere Personen namentlich geehrt werden.

Seit Jahren tobt in Halle (Saale) der Streit darum, wem man für den Verzicht auf die Bombardierung danken soll. Der Verein Graf Luckner

Regelmäßig wird der Mythos einer unschuldigen Stadtbevölkerung gepflegt, die von den NS-Oberen in Geiselhaft genommen,

5


letztlich aber durch das entschiedene Auftreten Luckners gerettet wurde. Dieser habe den amerikanischen, wie den deutschen General allein mit seiner rhetorischen Gewandtheit und Überzeugungskraft dazu bewegt, an diese unschuldige Zivilbevölkerung zu denken. Wie oben beschrieben, gründeten die Motive der Amerikaner für einen Bombardementverzicht nicht in der rhetorischen Begabung des betrunkenen Luckner, und auch die „Zivilbevölkerung“ zeichnete sich vor allem durch Passivität bis offener Feindseligkeit gegenüber den amerikanischen Truppen aus. Der Umstand, dass die Stadt 1945 nicht bombardiert wurde, ist also gerade kein Beweis für die Unschuld ihrer Bewohner, die nur stillhielten, weil sie Angst vor dem Terror des Regimes hatten. Halle war vielmehr bereits 1930 eine der Hochburgen der Nazibewegung.

Auch der Boykott und die Zerstörung jüdischer Warenhäuser und Läden wur-

6

de hier bereits kurz nach der Machtübernahme und noch vor der eigentlichen Reichspogromnacht praktiziert.5

Die Frage, warum hier wie überall in Deutschland ein größerer Widerstand ausblieb und sich so viele Teile der Bevölkerung in die neue Volksgemeinschaft integrierten, wird nicht gestellt. Um sich diese Frage nicht stellen zu müssen, gedenkt man lieber der eigenen Bombentoten oder wie in Halle jenen „Helden“, die das Regime zwar getragen haben, aber ihren Glauben an den Endsieg irgendwann verloren hatten. Luckner und seine Kameraden motivierte nicht die Gegnerschaft zur deutschen Volksgemeinschaft und der Bruch mit ihren Volksgenossen, sondern der Wunsch, diese unbeschadet in die Friedenszeit hinüberzuretten. Auf Radio Luxemburg beruhigte einer der in Halle geehrten Persönlichkeiten aus dem Kreis Liesers seine Volksgenossen:

„Wir nützen dadurch [einzusehen, dass der Krieg verloren ist. Anm. d. Autors] nicht unserem Gegner, sondern nur und ausschließlich uns und unserem Vaterland.“ 6 Identifiziert wird sich mit den Menschen, die sich erst in letzter Minute, als der Krieg auf deutschen Boden zurückkam, gegen diesen wandten, um die Vo l k s g e m e i n s c h a f t doch noch zu retten. So schwärmte ein Redner auf der Gedenkveranstaltung zum Kriegsende 2012:

„[Sie] versuchten zu retten was zu retten [war] […] Menschen waren das, die zum Teil selbst verstrickt waren in das System, die mitgelaufen sind und die in ihrer Zeit und bis Heute nicht unumstritten waren und unumstritten sind, aber sie haben in der entscheidenden Stunde Zivilcourage gezeigt. Davon kann auch ich als Nachgeborener nur lernen, wenn meine entschlossene Tat gefragt ist.“7


In solcher Identifizierung mit Opportunisten mit Vaterlandsverteidigern, wirkt die Feindseligkeit gegenüber allen weiter, die im besten Sinne zu Vaterlandsverrätern wurden, sich gegen ihre Landsleute wandten, und ins Exil oder sogar zu den alliierten Truppen gingen, auch wenn viele von ihnen diesen Bruch selbst nicht wahrhaben wollten und sich nach 1945 erneut auf die Seite ihre Landsleute stellten. Dennoch stehen sie symbolisch für jenen notwendigen Bruch mit der Volksgemeinschaft, der ihnen zeitlebens vorgehalten wurde und den auch die Erinnerungskultur nicht zu thematisieren bereit ist. Hinter der Inszenierung der unschuldigen Zivilbevölkerung und der Identifizierung mit Opportunisten wie Luckner, Stauffenberg und Co. scheint deshalb die Ahnung zu stecken, dass man selbst nicht anders gehandelt hätte. Die Gedenkkultur in Halle verrät damit, dass in Deutschland die Loyalität zu Volk und Vaterland im Zweifel im-

mer noch Vorrang vor universeller Menschlichkeit hat. Gesellschaftskritische Odysse Halle [1] Zum geringen Erfolg des ersten Flugblatts der Gruppe Lieser und der Scharfschützenhinweise: Vgl.Luckner-Gutachten der Stadt Halle (Saale). S. 50. URL: http://www.halle.de/ VeroeffentlichungenBinaries/527/519/lucknergutachten_12052011.pdf sowie: Daniel Bohse: Die letzten Tage des „Dritten Reiches“ – das Kriegsende in Halle. In: Freitag, Werner/ Minner, Katrin (Hg.): Geschichte der Stadt Halle (Band 2) - Halle im 19. und 20. Jahrhundert. S. 320.

[2] Erinnerung von Lt. Col. Clark Zit. nach: Maurer, Matthias J., Our Way to Halle – Der Marsch der „Timberwölfe“ nach Halle. Halle (Saale) 2001. S. 97.

[3] Die Worte Allens laut eines Bericht von Major a.D. Huhold: Zit. nach: Maurer, Matthias J., Our Way to Halle – Der Marsch der „Timberwölfe“ nach Halle. Halle (Saale) 2001. S. 97.

[4] http://www.halle.de/VeroeffentlichungenBinaries/527/519/luckner-gutachten_12052011. pdf Siehe hierzu auch: https://bonjourtristesse.wordpress. com/2012/02/18/what-shall-we-do-with-thedrunken-sailor/ https://bonjourtristesse.wordpress. com/2013/06/26/ach-ja-gott-da-haben-sichalle-arrangiert/

[5] Vgl. Tullner, Matthias, Halle 1806 bis 2006 – Industriezentrum, Regierungssitz, Bezirksstadt.

[6] Prof. Hülse auf Radio Luxemburg zit. nach: Ernst Ludwig Bock, Übergabe oder Vernichtung – Eine Dokumentation zur Befreiung der Stadt Halle im April 1945. Halle (Saale) 1993. S. 46/47

[7] https://www.youtube.com/ watch?v=YD9IdFoY-vI Minute 3:29 bis 4:14.

7


Das Nachleben des Nationalsozialismus Wenn in der Öffentlichkeit von einem Nachleben des Nationalsozialismus gesprochen wird, dann ist in der Regel von personellen Kontinuitäten die Rede. Tatsächlich gab es eine erschreckend hohe Zahl nationalsozialistischer Funktionsträger, die nach 1945 in Amt und Würden bleiben konnten. Das gilt nicht nur für die Bundesrepublik sondern auch für die DDR, die etwa für den Aufbau ihrer „Nationalen Volksarmee“ auf ehemalige Nazis zurückgriff. Mit dem Tod dieser Leute oder ihrem kollektiven Einmarsch in die Altersheime müsste sich das Problem nach Ansicht der staatstragenden Historiker und Sozialwissenschaftler erledigt haben; Deutschland müsste im Westen angekommen sein. Doch anders als es oft suggeriert wird, basieren gesellschaftliche Kontinuitäten nicht allein auf der Kontinuität bestimmter Führungsgruppen, sondern auf dem Fortbestand

8

sozioökonomischer und, unmittelbar damit verbunden, sozialpsychologischer Konstellationen und Referenzpunkte.

Die sekundäre Volksgemeinschaft Bis zum Ende des Nationalsozialismus wurde die Volksgemeinschaft durch den Willen zur Vernichtung zusammengehalten. Seit dem 8. Mai 1945 basiert das nationale „Wir“ hingegen auf dem Wissen um den kollektiv, unter eigener Beteiligung, der Beteiligung von Eltern, Freunden, Verwandten usw. begangenen Massenmord. Dieses Wissen konstituierte die Volksgemeinschaft in neuer Weise. Der Massenmord stiftete, wie Gerhard Scheit vor vielen Jahren schrieb, eine „sekundäre Volksgemeinschaft“, eine „Art heimliche, verschworene Gemeinschaft von Mördern und Mitwissern“. Der Nationalsozialismus war jedoch auch

in anderer Hinsicht die zentrale Bezugsgröße der postfaschistischen Gesellschaft – ihre Basis, die sich nicht umwälzt. So beruht etwa die beispiellose Integration politischer und sozialer Konflikte in der Bundesrepublik (das Fehlen nennenswerter Protestbewegungen, die sozialpartnerschaftliche Einbindung der Gewerkschaften), die auch die im Ausland bewunderte Stabilität der westdeutschen Demokratie bewirkte, auf der negativen Aufhebung der Klassengesellschaft im „Dritten Reich“. Die volksgemeinschaftliche Homogenisierung im Nationalsozialismus fand ihre Fortsetzung im Anschmiegen der Staatsbürger an die neue, demokratische Volksgemeinschaft und ihre Institutionen. Gerade das, was immer wieder als Differenz zwischen dem Nationalsozialismus und der postfaschistischen Demokratie präsentiert wird, der weitgehende Verzicht auf eine repressive Integrations-


politik wie in Frankreich oder Italien, wo gegen Demonstranten schon mal im großen Rahmen Schusswaffen eingesetzt wurden, bestätigt sein Nachwirken. Die Verpflichtung auf das Gemeinwohl war im „Dritten Reich“ so verinnerlicht worden – mögliche Gegner hatte man darüber hinaus ermordet –, dass es nach 1945 niemanden mehr gab, gegen den die Sozialpartnerschaft, die Absage an Klassenkampf und partikulare Interessensvertretung gewaltsam durchgesetzt werden musste. Selbst die „sozialen Kämpfe“ in der Bundesrepublik, die gelegentlich als Beleg für einen Bruch mit der Volksgemeinschaft aufgeführt werden, verweisen noch auf die Prägung der postfaschistischen Gesellschaft durch den Nationalsozialismus. So nehmen sich die hiesigen Aufwallungen im Vergleich zu den gelegentlichen Riots in Südeuropa nicht nur wie Spielplatzrevolten aus. Sie ähneln – wenn sich ihre Protagonisten nicht ohnehin, wie z.B.

die Friedensfreunde der Jahre 2003 bis 2005 oder die Anti-PegidaDemonstranten von 2015, in Übereinstimmung mit ihrer Regierung wissen – von ihrer Struktur her zugleich dem Gemecker der NSVolksgenossen über den vermeintlichen Verrat der nationalsozialistischen Ideale durch die „Goldfasane“, die NSDAP-Parteibonzen. Ebenso wie bei den gelegentlichen Unmutsäußerungen im „Dritten Reich“ (Motto: „Wenn das der Führer wüsste“) steht auch im Zentrum der entsprechenden postfaschistischen Proteste nicht die Artikulation eigener, partikularer Interessen. Die Anti-AKW-Protestler, die Montagsdemonstranten von 2014, Pegida und Co. präsentieren sich vielmehr als Repräsentanten des Staatsund Gemeinwohls, das sie durch „die da oben“ gefährdet sehen.

Die Krise des Etatismus Seit einigen Jahren sind der Etatismus und das bisherige deutsche

Ausgleichsmodell jedoch in die Krise geraten. Der klassische keynesianische Staat, der sich um die Rentenvorsorge, die Krankenversicherung, eine nennenswerte Arbeitslosenunterstützung oder die Einhaltung der Tarife kümmert, wird auch von Seiten der politischen Eliten immer häufiger als Feindbild ausgemacht. Staat und Bürokratie werden als „Schmarotzer“ kritisiert. Damit scheint der Verweis auf das Fortwesen des Nationalsozialismus zu einem Anachronismus zu werden. Doch weit gefehlt: Die regelmäßig formulierten Forderungen nach einem „schlanken Staat“ spiegeln lediglich eine Formveränderung des faschistischen Bewusstseins wider. Das vermeintlich „raffende“ Kapital wird auch weiterhin, wie im Nationalsozialismus oder im traditionellen Postfaschismus, gegen das „schaffende“ Kapital gestellt. Es werden nur die Antipoden neu definiert: „Statt der Börse“, so Uli Krug, „figuriert der ‚keynesianische Le-

9


viathan’, der defizitäre Staat, als Blutsauger aus dem Reich des Bösen; nicht mehr die Rendite, sondern die Steuern und Abgaben sind des Übels Grund.“ Je weniger der postfaschistische Staat seine Funktion als paternalistische Fürsorgeeinrichtung erfüllen kann, umso vehementer reproduziert sich, begleitet durch kommunitarische Gemeinwohl- und Tugendpredigten, ein Strukturmerkmal des „Dritten Reiches“, das in den öffentlichen Diskussionen über den Nationalsozialismus zumeist unbeachtet geblieben ist. So gilt der Nationalsozialismus in der Öffentlichkeit nach wie vor als ein monolithischer Block, der auf Befehl und striktem Gehorsam basierte. Diese Vorstellung trug nach 1945 entscheidend dazu bei, die zahllosen Täter und Mitmacher, die oft aus Überzeugung gehandelt hatten, zu entschulden. Der Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel beschrieb die Ver fassungswirklichkeit des „Dritten Rei-

10

ches“ hingegen schon Mitte der 1930er Jahre als Nebeneinander eines seine eigenen Gesetze im Allgemeinen respektierenden Normen- und eines die gleichen Gesetze missachtenden Maßnahmenstaates. Im Gegensatz zum Rechtsstaat, in dem die „Gerichte

die Verwaltung unter dem Gesichtspunkt der Gesetzmäßigkeit“ kontrollieren, kontrollieren im Maßnahmenstaat die „Polizeibehörden die

Gerichte unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit“. Franz Neumanns berühmtes Buch „Behemoth“ von 1942/44 lässt sich dahingehend lesen, dass dieser Dualismus von kalkulierbarem Recht (Normenstaat) und ad-hoc-Entscheidungen (Maßnahmenstaat) seit dem Ende der 1930er Jahre zu Gunsten des Maßnahmenstaates in Auflösung begriffen war. Die fortschreitende Verzahnung staatlicher, halbstaatlicher, parteipolitischer, privatwirtschaftlicher etc. Institutionen und Strukturen

verwischte, wie der Historiker Martin Broszat in konflikttheoretischer Anlehnung an Neumann darlegt, die Grenze zwischen Staat, Gesellschaft und Partei erzeugte ein totalitäres Verbundsystem zwischen ihnen. Die stetige „Auflösung des

staatlichen Charakters des Regimes, seine progressive Zergliederung in immer neue Aktionszentren, die nach dem Bewegungsgesetz des Führerprinzips jeweils dazu tendierten, benachbarte Kompetenzen aufzusaugen und sich zu verselbständigen, zerstörte [...] zunehmend diese rationale Gesamtorganisation der Herrschaft und verstärkte die partikulare, auf die jeweiligen Ressortzwecke und -ideologien bezogene Egozentrik“. Um

einerseits – wie z.B. im faschistischen Italien geschehen – die Rückbildung in einen klassischen autoritären Staat unter Beteiligung der alten Eliten zu verhindern und andererseits die drohende Implosion des Regimes zu verzögern, war der NS-Staat


auf die stetige Mobilisierung der Volksgemeinschaft angewiesen. Der „Staat Hitlers“ entwickelte sich damit zur Kampfbewegung zurück; er dehnte seinen Einfluss weit in den Bereich der Öffentlichkeit und Gesellschaft hinein aus, jedoch ohne dass eine völlige Uniformierung und Bürokratisierung nötig war. Er war, kurz gesagt, so etwas wie eine barbarische Form direkter Demokratie.

Das alte Feindbild Wenn Vertreter des neuen Deutschlands, das sich gern als „Berliner Republik“ bezeichnen lässt, immer wieder erklären, dass nicht der omnipräsente, sondern der „aktive und aktivierende Staat“ stark sei, dann handelt es sich bei dieser Äußerung also nicht unbedingt um eine Absage an volksgemeinschaftliche Verhältnisse. Die Aussage kann genauso gut als Sehnsucht nach Fraenkels flexiblem und effizientem Maßnahmenstaat gelesen werden. In der Krise

des Etatismus scheinen gerade diejenigen Momente des Nationalsozialismus reaktiviert zu werden, die besonders „modern“ und ihrer Zeit voraus waren: das Abstellen auf die Unmittelbarkeit von Herrschaft, eine breite Bürgerbeteiligung und einen äußerst flexiblen (Selbst) Verwaltungsapparat, der gerade dadurch zu seiner mörderischen Effizienz gelangte, dass er weder durch langwierige Entscheidungs- und Gesetzgebungsprozesse noch durch das Warten auf explizite Führerbefehle gehemmt wurde – sondern den Führer- und Volkswillen erahnen und in Eigeninitiative in die Tat umsetzen konnte. Mit der schrittweisen – und in sich durchaus widersprüchlichen – Reanimation dieses demokratisch transformierten Maßnahmenstaates und der damit verbundenen Verteilung der Gemeinwohlverantwortlichkeit auf viele Schultern scheint im Bewusstsein der Deutschen zugleich das traditionelle Ge-

genprinzip, in dessen Abgrenzung sich die Vo l k s g e m e i n s c h a f t einstmals konstituierte, wieder an Bedeutung zu gewinnen. So laufen die regelmäßigen Kampagnen der Zivilgesellschaft (gegen Stuttgart 21, Kinderschänder, Pegida usw.) nicht mehr nur strukturell nach dem Schema antisemitischer Mobilisierung gegen einen vermeintlichen Volksfeind ab. Auch die Argumentationsmuster, die diese Kampagnen begleiten (Appelle an Zusammenhalt, Unterwanderungsund Vernichtungsphantasien), finden immer häufiger zu ihrem traditionellen Objekt zurück: So ist Israel nicht nur das Land, das die Mehrheit der Deutschen als größte Bedrohung für den Weltfrieden ansieht. Es gibt zudem keinen anderen Staat, der trotz seines offiziellen Bekenntnisses zum Existenzrecht Israels so viel in antizionistische NGOs investiert wie die Bundesrepublik. No Tears for Krauts, Halle

11


Namenloser Tod: Der Holocaust Auschwitz zieht alles in seinen Bann: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. War der Glaube an einen roten Faden der Geschichte, der sowohl die Arbeiterbewegung als auch den Liberalismus prägte, schon mit dem Ersten Weltkrieg in Mitleidenschaft geraten, lässt sich spätestens seit Auschwitz kein Zusammenhang mehr zwischen Geschichte und Vernunft herstellen. Warum der Nationalsozialismus und Auschwitz traurige, aber nicht zu umgehende Voraussetzungen für eine bessere Gesellschaft sein sollen, wie es für den Terror der französischen Jakobiner oder die Revolution von 1848 noch mit etwas gutem Willen behauptet werden konnte, ist mit den Mitteln der Vernunft auch bei größter Anstrengung nicht zu erklären. Mit dem Holocaust, so Moi­ she Postone, wurde die Frage gestellt, „ob

und auf welche Weise es noch möglich ist, eine Zukunft zu denken,

12

ohne die Vergangenheit zu verraten“. Anders als

gern behauptet, liegt die Besonderheit des Holocaust dabei weniger in der Anzahl der Ermordeten oder der industriellen Art der Vernichtung: So übersteigt die Zahl der getöteten (nichtjüdischen) Sowjetbürger die der ermordeten Juden bei weitem; die Mehrheit der polnischen, baltischen und sowjetischen Juden wurde nicht durch Kohlenmonoxid aus Gaswagen oder durch Zyklon B erstickt, sondern am Rand von Gruben und Gräben erschossen. Die Besonderheit des Holocaust liegt in etwas anderem: Die Verbrechen, die die Menschheit bis dahin beschäftigten, waren allesamt Ausdruck jener instrumentellen Vernunft, die die Welt unter dem Aspekt des Nutzens betrachtet. Selbst die viehischsten Massaker der Kolonialfeldzüge und die Blutpumpe des Ersten Weltkriegs standen noch in einem gewissen Restzusammen-

hang mit dem Streben nach Macht, Einfluss, Absatzmärkten, Prestigezuwachs oder, nicht zu unterschätzen, Lustgewinn. Anders der Holocaust: Das KZ-System, das Vorgehen an den Erschießungsgruben oder die Ghettoisierung der Juden ließen zwar einen enormen Sadismus zu. Diese Freude am Quälen war jedoch nicht das Grundprinzip des Holocaust. Die Erlaubnis, sich auch körperlich an den Juden auszutoben, konnte jederzeit zurückgenommen werden. So berichtet z.B. Raul Hilberg, der eines der ersten Standardwerke über den Holocaust schrieb, dass baltische Hiwis in den ersten Wochen der deutschen Besatzung Lettlands, Estlands und Litauens so brutal gegen die einheimischen Juden vorgingen, dass der deutsche Generalstab den Befehl gab, die ausufernden „eigenmächtigen“ Verhaftungen und Erschießungen sofort einzustellen.


Aber nicht nur in t r i e b ö k o n o m i s c h e r, sondern auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht war die Vernichtung ein Zuschussgeschäft. Die Arisierung, der Raub und die Sklavenarbeit, auf die traditionelle Marxisten so obsessiv verweisen, deckte kaum die Kosten der Lager und des logistischen Aufwands, mit dem die Juden aus allen Teilen Europas in die Vernichtungslager gekarrt wurden: Das Gros der Ermordeten kam aus ärmlichsten Verhältnissen; nur der kleinste Teil der Juden wurde zum Arbeiten gezwungen. Die absolute Mehrheit der arbeitsfähigen Männer, Frauen und Kinder wurde gerade nicht in die Fabriken der IG Farben oder die HermannGöring-Werke gesteckt, sondern sofort umgebracht. Der Vernichtungsdrang ging bis zur Ausschaltung des Selbsterhaltungstriebs der Täter: In zahllosen Rüstungsbetrieben wurden jüdische Experten, die unersetzlich für die Kriegsproduktion waren, von der Werk-

bank weg verhaftet und in die Vernichtungslager gebracht; die Züge, mit denen die Juden vom Nordkap, aus Italien, Frankreich, Belgien oder von den entlegensten griechischen Inseln in den Osten transportiert wurden, fehlten der Wehrmacht für ihren Nachschub. So nahmen die Deutschen den eigenen Untergang mehr als billigend in Kauf; die Vernichtung der Juden besaß gegenüber dem Kriegsgewinn absolute Priorität. Damit gerieten auch die Opfer in eine völlig ausweglose Situation: Waren sie einmal im Ghetto, konnte der Tod durch keine Handlung, kein freundliches, unterwürfiges oder rebellisches Verhalten mehr abgewehrt werden. Wer sich für den Ghettoaufstand entschied, unterzeichnete damit genauso sein Todesurteil wie die Judenräte, die hofften, sich durch Kooperation unentbehrlich machen zu können – und damit zu Agenten der eigenen Vernichtung wurden.

Die Spezifik des Holocaust wird insbesondere im Vergleich mit der politischen Verfolgung im Nationalsozialismus, die ihr grausiges Symbol in der Folter fand, deutlich. So verschafft sich in der Folter paradoxerweise noch eine gewisse Anerkennung Geltung. Im Unterschied zur Vernichtung setzt sie einen politischen Willen voraus, der gebrochen werden soll. Dem Foltertod des französischen Résistance-Helden Jean Moulin oder die nach wochenlanger Tortur erfolgte Hinrichtung des KPČ-Dichters Julius Fučik, dessen Reportage unter dem Strang geschrieben zu den meistübersetzten tschechischen Büchern gehört, haftete noch der Restbestand von Individualität und Sinn an. Moulin, Fučik und die anderen ermordeten und gequälten Widerstandskämpfer hatten für ihre je eigenen Überzeugungen und Taten gelitten; sie hatten sich für den Kampf gegen den Nationalsozialismus entschieden. Die zur Vernichtung Vorge-

13


sehenen wurden hingegen nicht aufgrund ihrer Taten und Überzeugungen verfolgt. Sie fielen weder durch ihre Handlungen noch durch Parteibücher auf, sondern wurden allein aufgrund ihrer durch die Nürnberger Gesetze bestimmten Zugehörigkeit ermordet. Ohne jedes individuelle Zutun waren die Ermordeten von Auschwitz, Belzec, Sobibor für den namenlosen Tod bestimmt worden. Diese unterschiedslose Abschlachtung von Frauen, Männern und Kindern, egal ob renitent oder kooperationswillig, arbeitsfähig oder greise, kriegswichtig oder nicht, dementiert nicht nur die Vorstellung ökonomischer und psychischer Rationalität, von der nicht allein die Arbeiterbewegung sondern die gesamte aufgeklärte Welt geprägt war: Sie ist Ausdruck einer Gesellschaft, die an der historischen Entfaltung ihrer Widersprüche irre geworden ist. Zugleich zerbrach mit Auschwitz eine Gewissheit, die

14

zwar stets genauso prekär wie ideologisch war, aber nichtsdestotrotz zur anthropologischen Grundausstattung der Menschen gehörte, seit sie von den Bäumen heruntergekletter t waren: War den Gattungsgenossen auch fast jede Schweinerei zuzutrauen, konnte bis zum Holocaust daran geglaubt werden, dass sie, wenn sie sich nicht gerade im Wahnschub oder Rausch befanden, wenigstens dem eigenen Selbsterhaltungstrieb gehorchen würden. Da sich die Deutschen strikt weigerten, die Transporte in die Vernichtungslager abzubrechen und die dafür notwenigen logistischen Mittel dem Kampf gegen die Alliierten zukommen zu lassen oder die Juden zu repatriieren und in die Wehrmacht einzuziehen (wie es bei einem Teil der deutschen Sinti getan wurde), ist diese Annahme seit Auschwitz nicht mehr möglich.


Nie wieder Krieg? „Nie wieder Krieg!“ So heißt die Lehre, die die deutsche Linke aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen hat. Das Dumme ist: Mit dieser Parole wird weniger auf den Zweiten als auf den Ersten Weltkrieg verwiesen. Anders als es gern behauptet wird, stammt sie nicht aus dem Schwur von Buchenwald. Dort taucht sie nicht einmal auf. Die Formel „Nie wieder Krieg!“ wurde stattdessen schon 1920 vom Friedensbund der Kriegsteilnehmer, einer der ersten größeren pazifistischen Organisationen in Deutschland, zu ihrem Motto gemacht. So erinnert der Erste Weltkrieg im Unterschied zum Zweiten Weltkrieg tatsächlich an ein wechselseitiges Blutbad zumindest weitgehend austauschbarer Maschinerien. Die Gemetzel von Verdun oder an der Somme stehen für ein sinnloses Massenschlachten, dessen Ende fast unabhängig vom gerade aktuellen Frontverlauf zu wünschen gewesen

wäre. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung des sinnlosen Sterbens im Trommelfeuer, im Schützengraben und im Drahtverhau schrieb Kurt Tucholsky 1931 seinen berühmten Text „Soldaten sind Mörder“:

Auschwitz und angesichts der Soldaten, die das Lager Ende Januar 1945 befreiten, erwiesen sich Armee und Krieg, wie Wolfgang Pohrt einmal bemerkte, als die wahren „Sach-

walter und Vollstrecker der Menschlichkeit“. „Da gab es vier Jah- „Wenn jemals ein Krieg re lang ganze Quad- gerechtfertigt war“, so ratmeilen Landes, auf auch der Historiker Dan denen war der Mord Diner, „dann der Krieg obligatorisch, während gegen Hitler. […] Weler eine halbe Stunde che andere Möglichkeit davon entfernt ebenso des Einwirkens bestand streng verboten war. einem wild entschlosSagte ich Mord? Na- senen Diktator gegentürlich Mord. Soldaten über als die Androhung von Gewalt?“ Die Lasind Mörder.“

Im Unterschied zum Ersten war der Zweite Weltkrieg allerdings kein sinnloses, wechselseitiges Massenschlachten weitgehend austauschbarer bewaffneter Haufen. Durch Auschwitz wurden die Welt und die Begriffe, in denen sie gedacht werden muss, entscheidend verändert. Mit Auschwitz war nicht nur gezeigt worden, dass es Schlimmeres als Krieg geben kann. Angesichts von

ger wurden nicht von friedfertigen Pazifisten befreit, sondern von den Hassfiguren aller Antimilitaristen und Friedensfreunde: von Soldaten.

Zumindest ein Teil der Pazifisten und Antimilitaristen der 1920er und frühen 1930er Jahre erwies sich angesichts des Nationalsozialismus als schlauer und weniger er fahrungsresistent als die konformistische Linke von heute. Nach dem Reichstagsbrand

15


und der Errichtung der ersten Konzentrationslager setzten die damaligen Pazifisten und Antimilitaristen ihre Hoffnung zunächst fast strömungsübergreifend auf eine friedfertige Erhebung der Deutschen gegen die Nazis. Als diese Hoffnung enttäuscht wurde, wanderte ein Teil der Pazifisten und Antimilitaristen ebenso wie unzählige andere Nazigegner, die Deutschland nach 1933 verlassen mussten, in ein, wie Walter Loeb und Curt Geyer 1942 erklärten, „German Wonderland“ aus. Soll heißen: Während der alliierte Krieg gegen die geliebte Heimat auch weiterhin als Teufelszeug galt, wurde der deutsche Widerstand in die Phantasie verlagert: Kommunisten und Sozialdemokraten sprachen von antifaschistischen deutschen Untergrundarmeen oder der „oppositionellen SA“. Andere bekannte Pazifisten der 1920er Jahre erkannten im Unterschied dazu allerdings schon angesichts der

16

Appeasement-Politik der Jahre 1937 ff., als der Westen die Tschechoslowakei den Deutschen preisgab, dass Krieg die Menschheit manchmal vor Schlimmerem bewahren kann. Ganz in diesem Sinn engagierten sich Freunde Tucholskys wie Otto Lehmann-Rußbüldt, der 1920 zu den Mitbegründern des Friedensbundes der Kriegsteilnehmer gehört hatte, bald, nachdem die Westmächte ihren Fehler erkannt hatten, an der Seite der alliierten Armeen gegen Nazideutschland. LehmannRußbüldt arbeitete im Umfeld der von Curt Geyer und Walter Loeb gegründeten Fight-forFreedom-Gruppe, eines Zusammenschlusses früherer Sozialdemokraten und Sozialisten, die im britischen Exil auf Distanz zu den emigrierten Deutschlandfreunden der SPD, der SAP oder der Gruppe Neu Beginnen gegangen waren. Tucholsky selbst konnte eine solche Kehrtwende nicht mehr vollziehen. Er hatte sich schon 1935, u.a. aus Verzweiflung über

die Machtübernahme der Nazis und den damit verbundenen Autismus der Linken, das Leben genommen: „Man hat

eine Niederlage erlitten“, so erklärte er kurz

vor seinem Selbstmord.

„Man ist so verprügelt worden, wie seit langer Zeit keine Partei. Nun muss, auf die lächerliche Gefahr hin, dass das ausgebeutet wird, eine Selbstkritik vorgenommen werden, gegen die Schwefellauge Seifenwasser ist.“ Auch die Überlebenden von Buchenwald, denen aufgrund ihres Lebens im Vorhof der Hölle jede Dummheit zu verzeihen wäre, hatten mehr historische Urteilskraft als viele Linke von heute. Im Schwur von Buchenwald, auf den sich fast jeder Linke, vom Pazifisten bis zu den Freunden des „bewaffneten Kampfes“, beruft, ohne ihn zu kennen, heißt es wortwörtlich: „Wir

danken den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt


Frieden und das Leben erkämpfen. Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Ländern, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue, demokratische, friedliche Welt. F. D. Roosevelt. Ehre seinem Angedenken.“ (Der

amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt war wenige Tage zuvor gestorben.) Denjenigen, die den Schwur von Buchenwald im April 1945 nachsprachen, war mit anderen Worten durchaus bewusst, was sich viele Linke auch heute noch zu begreifen weigern: Gerade der Krieg, vor dessen Hintergrund die deutsche Linke die Losung „Nie wieder Krieg“ im großen Rahmen für sich entdeckte, wurde von alliierter Seite mit dem größten Recht der Geschichte geführt.

gentlich in diese Parole einstimmten – Auschwitz oder Buchenwald waren bekanntlich keine Einrichtungen zur Steigerung der Erkenntnisfähigkeit, sondern Konzentrationslager –, hatten sie dem Krieg der Alliierten im Unterschied der Mehrheit der Deutschen doch einiges zu verdanken. In der Formel „Nie wieder Krieg!“ setzt sich vielmehr der Blick derjenigen fort, die so lange nichts gegen den Krieg und den Nationalsozialismus einzuwenden hatten, bis Dresden, Hamburg, Magdeburg, die eigene Gartensparte oder das BDM-Heim von nebenan bombardiert wurde: In ihr verlängert sich der Blick der Flakhelfer, Wehrmachtssoldaten und SS-Leute von einst. AG Antifa Halle

In der Parole „Nie wieder Krieg!“ verlängert sich im Gegensatz dazu nicht die Perspektive der Opfer oder Gegner des Nationalsozialismus. Auch wenn von ihnen nach 1945 gele-

17


BUCHTIPPS FASCHISTISCHE IDEOLOGIE Zeev Sternhell Verbrecher Verlag

LESEN, LESEN, NOCHMALS LESEN!

LÜGENDETEKTOR. VERNEHMUNGEN IM BESIEGTEN DEUTSCHLAND 1944/45 Saul K. Paldover Eichborn

DAS DRITTE REICH UND DIE JUDEN: DIE JAHRE DER VERFOLGUNG 1933-1939. DIE JAHRE DER VERNICHTUNG 1939-1945 Saul Friedländer C.H.Beck

„Es gibt in unserem politischen Vokabular nur wenige Begriffe, die sich einer solch umfassenden Beliebtheit wie das Wort Faschismus erfreuen, ebenso aber gibt es nicht viele Konzepte im politischen Vokabular der Gegenwart, die gleichzeitig derart verschwommen und unpräzise umrissen sind. Der emotionale Gehalt des Wortes Faschismus hat lange Zeit dazu beigetragen, dass ein politisches Konzept im Dunkeln verharrte, das noch nie auf den ersten Blick in aller Deutlichkeit erkennbar gewesen ist.“ Mit diesem Satz leitet der bedeutende israelische Historiker Zeev Sternhell seinen Aufsatz „Faschistische Ideologie“ ein. Sternhell nimmt darin eine genaue Bestimmung des Begriffes Faschismus aus seiner historischen und ideologischen Entwicklung vor.

(2002) Taschenbuch: 120 Seiten Preis: 12,30€ ISBN: 978-3935843027 18

Als die amerikanischen Truppen im Oktober 1944 von Belgien aus nach Deutschland vorstießen, folgte den ersten Panzern ein unbewaffneter Offizier, der perfekt Deutsch sprach. Sein Auftrag war es zu erforschen, was in den Köpfen der Besiegten vorging. „Ich komme mir vor wie ein Ethnologe“, sagte er sich, “der in das Gebiet eines unbekannten Stammes eindringt.“Seine Absicht war es nicht in erster Linie, die Nazis zu entlarven. Das war nicht nötig. Den kollektiven Wahn der Deutschen betrachtet er mit erstaunlicher Sachlichkeit. Dabei kam ihm zugute, dass die Deutschen noch keine Zeit gefunden hatten, sich komplizierte Ausreden zurechtzulegen. Die Zeit der Verdrängungen und Deckerinnerungen war noch nicht gekommen. Seine Probanden waren vielfältig. Von der Bauerntochter bis zum Industriellen, vom Bischof bis zum Zwangsarbeiter, vom Nazibonzen bis zum kommunistischen Arbeiter hat er keine Schicht ausgelassen. Die Auskünfte zeugen von Mut und von kollektiver Depression, von Selbstmitleid und unbelehrbarer Arroganz. (1999) Taschenbuch: 340 Seiten (Neuauflage im September 2015) ISBN: 978-3548750064

Saul Friedländers Buch über die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden ist eines der bedeutendsten historischen und literarischen Werke unserer Zeit. Nirgendwo sonst wird die Geschichte des Holocaust so eindringlich, kenntnisreich und reflektiert erzählt. Wer wissen will, was in Deutschland und dann in ganz Europa zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, wie es geschehen konnte, der kommt an dieser vielfach preisgekrönten Darstellung nicht vorbei.

(2010) Taschenbuch: 525 Seiten Preis: 14,95€ ISBN: 978-3406606540


FIGHT FOR FREEDOM. DIE LEGENDE VOM ANDEREN DEUTSCHLAND

GEGENLÄUFIGE GEDÄCHTNISSE. ÜBER GELTUNG UND WIRKUNG DES HOLOCAUST

DAS ENDE: KAMPF BIS IN DEN UNTERGANG - NS-DEUTSCHLAND 1944/45

Curt Geyer, Walter Loeb u.a.

Dan Diner

Ian Kershaw

ca ira Verlag

Vandenhoeck & Ruprecht

Deutsche Verlags-Anstalt

„Nach der ersten deutschen Niederlage“, so schrieben Curt Geyer und Walter Loeb 1942, „wurde der Welt die Lüge von der deutschen Unschuld aufgetischt. Die Welt wurde eingeladen zu glauben, dass Deutschland angegriffen wurde und dass es das Schwert zu seiner eigenen Verteidigung gezogen habe. Eine zweite Lüge wird derzeit für den universellen Gebrauch vorbereitet, die Lüge, dass das deutsche Volk an diesem Krieg unschuldig sei.“ Während die erste Lüge inzwischen weitgehend vergessen ist, hat die zweite bis heute Bestand. Die Legende vom „anderen Deutschland“ war eine der ideologischen Gründungsvorrausetzungen der Bundesrepublik und der DDR, und bis heute gehört sie zum geschichtspolitischen Repertoire der Berliner Republik. Curt Geyer, Walter Loeb und die Mitglieder der Gruppe Fight for Freedom zählen zu den wenigen, die dieser Legende schon in den frühen vierziger Jahren, im britischen Exil, entgegentraten. Mit Artikeln, Broschüren und Dossiers (die erstmalig in deutscher Übersetzung vorliegen) unterstützten sie Sir Robert Vansittart, Mitglied des Oberhauses und Publizist, neben Henry Morgenthau noch immer einer der in Deutschland bestgehassten Männer.

Die Erinnerung an Massenverbrechen konstituiert die Parameter einer universellen Ethik. Hierfür war das Gedächtnis des Holocaust begründend. Der Vernichtung der europäischen Juden kam eine paradigmatische Bedeutung zu. Inzwischen fordern auch andere Gedächtnisse an Massenverbrechen öffentliche Erinnerung und damit Anerkennung ein. Ein solcher Pluralismus der Gedächtnisse birgt ein nicht unerhebliches Konfliktpotential, vor allem dann, wenn die unterschiedlichen Leiderfahrungen auf ein und dasselbe historische Ereignis zurückgeführt werden - den Zweiten Weltkrieg. Dann stellen sich gegenläufige Konstellation und Konkurrenzen der Erinnerung ein - nicht nur zwischen den politischen Kulturen des westlichen und des östlichen Europas, sondern auch und gerade zwischen europäischen und kolonialen Gedächtnissen.Dan Diners Essay nimmt das Problem gegenläufiger Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust begrifflich und gedächtnisgeschichtlich auf. Indem er sich nochmals der Bedeutung von »Auschwitz« als Zivilisationsbruch versichert, werden vor eben diesem Hintergrund die Voraussetzungen historischen Urteilens und der Anerkennung in der Erinnerung reflektiert. Dramatisch kündigen sich hier Unterschiede, ja Gegensätze zwischen westlichen und außereuropäischen Kulturen an - vor allem der des Islam.

Das »Dritte Reich« kämpfte nicht nur bis zum bitteren Ende, bis zur totalen Niederlage, es funktionierte auch bis zum Schluss. Bis die Rote Armee vor den Pforten der Reichskanzlei stand, wurde die öffentliche Ordnung in Deutschland, das täglich ein Stück mehr unter alliierte Besatzung geriet, weitgehend aufrechterhalten. Löhne wurden bezahlt und die Verwaltung lief – wenngleich unter großen Schwierigkeiten – weiter. Die Gründe dafür, warum Hitlers Deutschland militärisch zusammenbrach, sind bekannt, die Frage, wie und warum das »Dritte Reich« bis zum Schluss funktionierte, ist dagegen bis heute nicht beantwortet. Zentral bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie das Regime bis zum Ende durchhalten konnte, so der renommierte NS-Historiker Ian Kershaw, ist Hitlers Art der charismatischen Herrschaft.

(2009) Taschenbuch: 255 Seiten Preis: 18€ ISBN: 978-3924627195

(2007) Taschenbuch: 128 Seiten Preis: 16,99€ ISBN: 978-3525350966

(2011) Gebunden: 704 Seiten Preis: 29,99€ ISBN: 978-3421058072 19


Shoah-Profiteur Rostock - ostzonaler Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit am Beispiel der „Ernst Heinkel Flugzeugwerke“ Geschichte der Heinkel-Werke 1922 errichtete der deutsche Ingenieur Ernst Heinrich Heinkel in Rostock-Warnemünde einen Industriekomplex zur Herstellung von Flugzeugen. Schon damals strebte Heinkel vordergründig die Herstellung von Militärflugzeugen an, konnte dies aber aufgrund der Einschränkungen, die deutschen Industriellen durch den Versailler Vertrag auferlegt worden waren, nicht innerhalb deutscher Grenzen tun. So verkaufte Heinkel zu jener Zeit in erster Linie Lizenzen an ausländische Flugzeugbauer, insbesondere an schwedische und japanische, während in Rostock-Warnemünde lediglich zivile Wasserflugzeuge hergestellt wurden. Mit der „Brechung des Versailler Diktats“ durch die „Machter-

20

greifung“ der Nationalsozialisten 1933 waren diese Einschränkungen zu Heinkels Freude - er selbst war 1933 mit wehenden Fahnen der NSDAP beigetreten - beendet und es konnte sich fortan der Herstellung von Kriegsgerät für die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie gewidmet werden. Insbesondere die Herstellung schwerer Bomber stand im Vordergrund, ebenso aber auch die Konstruktion düsengesteuerter Militärflugzeuge, die im Kontext des Wettrüstens zwischen den Kriegsparteien den Nationalsozialisten einen entscheidenden Vorteil verschaffen sollten. Diese Verwicklung der Heinkel-Werke in die nationalsozialistische Aufrüstung brachte der Stadt Rostock und allgemein der Region Mecklenburg einen ungeheuren Aufschwung und ein ungeahntes Wachstum. Rostock

wurde zum Bezugspunkt für großflächige Arbeitsmigration, wodurch es zur Großstadt wurde. Etliche gut ausgebildete technische Experten kamen in die Stadt und ein gerade für mecklenburgische Verhältnisse recht beachtlicher Wohlstand machte sich breit, insbesondere für die („arischen“) Mitarbeiter Heinkels, denen ein überdurchschnittlicher Lohn gezahlt wurde. Weiterhin konnten die „Ernst Heinkel Flugzeugwerke“ weitere Industriekomplexe in Rostock (in erster Linie in Rostock-Marienehe, aber auch am Rostocker Stadthafen) sowie einen Außenstandort in Oranienburg errichten. Von der überaus wichtigen Tatsache abgesehen, dass hier eindeutig von der nationalsozialistischen Aufrüstung profitiert wurde, deren vordergründiges Ziel die Auslöschung allen jüdischen Lebens


war, konnte jener Aufschwung nun allerdings nur stattfinden, weil massenhaft Zwangsarbeiter aus NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern eingesetzt wurden. In der Außenstelle in Oranienburg wurden fast ausschließlich Zwangsarbeiter eingesetzt, der Standort war in der Hinsicht ein reines „KZ-Werk“ mit ca. 8000 Arbeitern. Aber auch in Rostock, wo etwa 17.000 Menschen für Heinkel arbeiteten, war die Mehrheit der Angestellten Zwangsarbeiter.

Heinkel als Rostocker Held Nach dem Sieg der Alliierten über Nazideutschland wurde ein Großteil der HeinkelWerke demontiert, nur ein kleiner Teil der Hallen blieb weiterhin intakt und wurde als Werfthallen weiter genutzt. Ernst Heinkel selbst beteuerte fortan, dem Nationalsozialismus immer feindlich gegenübergestanden und lediglich aus erfinde-

rischem Interesse mit den Nazis zusammengearbeitet zu haben. In dieser Hinsicht hat er beispielsweise gegenüber der Entnazifizierungsbehörde Folgendes zu Papier gegeben:

„Ich bin ja als Antifaschist (!) bekannt [...] Seit 1933 bin ich Parteigenosse, aber nie Nazi gewesen, ich hatte dauernd Krach mit den Gauleitern, Kreisleitern usw.“1

Mit dieser und ähnlichen Beteuerungen gelang es ihm dann tatsächlich, erst als „Mitläufer“ und schließlich sogar als „Entlaster“ eingestuft zu werden und somit einer Bestrafung zu entgehen. Auf der anderen Seite wurde er aber durch die DDREnteignungspolitik seiner Industriekomplexe entledigt und sollte seine alten Werkshallen auch nie mehr zurück erhalten, konnte jedoch in Stuttgart seine Tätigkeit als Flugzeugbauer fortsetzen. Während in der durch die Dimitroff-These geprägten DDR nun

tatsächlich (fast) gar keine Auseinandersetzung mit dem Thema der Zwangsarbeit und der Verwicklung der Heinkel-Werke in den Nationalsozialismus erfolgte, kam es nach der Wende zu ersten Kontroversen um die Person Ernst Heinkel, bzw. um die Heinkel-Werke als maßgeblichen Teil nationalsozialistischer Kriegsführung. Hierbei erfolgten dann sogar zaghafte Versuche einer kritischen Bewertung durch einige Historiker, allerdings wurden diese recht schnell durch einen Chor gegenteiliger Stimmen überboten, die vielfach sinngemäß betonten, Ernst Heinkel sei „irgendwie in den Nationalsozialismus hineingerutscht“, oder gar gezwungen worden, oder aber die Verwicklung der Heinkel-Werke in den Nationalsozialismus wurde in einen relativierenden Kontext gestellt, in dem zwar z.B. durchaus die Zwangsarbeiter erwähnt wurden, aber lediglich als kurzer Nebensatz, während gleichzeitig aber schwärmerisch vom

21


Aufschwung berichtet wurde, der Rostock durch die Werke beschert worden war, von den tollen Erfindungen Ernst Heinkels und der guten Bezahlung unter seiner Aufsicht. Stellvertretend für diesen Umgang steht ein Debattenbeitrag des Historikers Andreas Wagner, der in einem 2002 vom Rostocker „Beirat für Geschichte“ herausgegebenen Band erschienen ist, in dem es unter anderem lapidar heißt:

„Der Anteil der Facharbeitskräfte war hoch, das Lohnniveau in der Flugzeugindustrie lag weit über dem Durchschnitt, zumal in einem Niedriglohngebiet wie Mecklenburg. Hinzu kam eine umfassende betriebliche Sozialpolitik, die bisherige Risikolagen absicherte und Bestandteil der Personal- und Lohnpolitik des Unternehmens war. Viele Maßnahmen förderten Berufsstolz und Elitebewusstsein unter der Belegschaft der Heinkel-Flugzeugwerke. Während des Krieges

22

war der Produktionsumfang nur durch den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte aufrecht zu erhalten. Der von Heinkel verfolgte Expansionskurs zwang das Unternehmen in eine Komplizenschaft mit dem NS-Regime, um durch immer neue Entwicklungen und Aufträge die Auslastung der umfangreichen Kapazitäten zu sichern.“2 Stellvertretend für den heute aktuellen Umgang mit dem Thema steht die Gedenktafel, welche vor wenigen Jahren an der seit 1994 denkmalgeschützten erhaltengebliebenen Mauer der HeinkelWerke aufgestellt wurde, auf welcher bspw. steht:

„Das atemberaubende Wachstum dieses Konzerns zum zweitgrößten deutschen Flugzeughersteller war nicht das Resultat eines ausgeprägten unternehmerischen Talents Ernst Heinkels. Es wurde ausschließlich von der staatlichen Nachfrage gesteuert. Der

Konzern Ernst Heinkels war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Kernstück der nationalsozialistischen Rüstung. […] Zu den bedeutenden technischen Entwicklungen zählt das Stahltriebwerk. Mitte 1944 beschäftigte der mittlerweile zur Ernst Heinkel AG fusionierte Konzern in Rostock 15.000 Personen. Insgesamt waren 1944 im Konzern […] 50.000 Personen, darunter tausende Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge beschäftigt.“ So löblich nun das hier recht offene Eingestehen des Mitwirkens der Heinkel-Werke am Nationalsozialismus erscheinen mag, lässt einen das Gefühl nicht los, dass hier wieder der aktuell in Deutschland fast konsensuelle Versuch deutlich wird, sich als „geläuterte Nation“ zu inszenieren, die aus ihren „Fehlern“ gelernt habe und die nun stolz der Welt, vorrangig der jüdischen Nation, moralisierend gegenübertreten könne. Darüber hinaus lässt sich aber


auch der analcharakterliche Stolz auf die Untaten gerade auf dieser Gedenktafel kaum verbergen, so pathetisch die Aussagen dort teilweise daherkommen. In dieser Hinsicht, aber auch in Bezug auf den oben zitierten Debattenbeitrag mag man davon ausgehen, dass hier im ostzonalen, provinziellen Rostock jene auch nicht unbedingt bessere „geläuterte Nation“ vielleicht noch nicht in allen Ecken und Winkeln umgesetzt ist und der altdeutsche „Opa war okay“-Geist zumindest partiell konserviert ist.

[1] Zit. nach: Erker, Paul: Ernst Heinkel. Die Luftfahrtindustrie im Spannungsfeld von technologischem Wandel und politischen Umbruch. In: Deutsche Unternehmer zwischen Kriegswirtschaft und Wiederaufbau. München 1999,S.253.

[2] Wagner, Andreas: Der Streit um die Geschichte der Rostocker Heinkelwerke. Online verfügbar: http://www.beiratfuer-geschichte. de/fileadmin/pdf/band_17/Demokratische_Geschichte_Band_17_Essay_10.pdf Literatur: Bastian, Till: High Tech unterm Hakenkreuz. Von der Atombombe bis zur Weltraumfahrt. Leipzig 2005. Erker, Paul: Ernst Heinkel. Die Luftfahrtindustrie im Spannungsfeld von technologischem Wandel und politischen Umbruch. In: Deutsche Unternehmer zwischen Kriegswirtschaft und Wiederaufbau. München 1999. Koos, Volker: Ernst Heinkel Flugzeugwerke 1922–1932. Königswinter 2006. Rohde, Norbert: Historische Militärobjekte der Region Oberhavel. Band 1: Das HeinkelFlugzeugwerk Oranienburg. Leegebruch 2006. Wagner, Andreas: Der Streit um die Geschichte der Rostocker Heinkelwerke. Online verfügbar: http://www.beirat-fuer-geschichte. de/fileadmin/pdf/band_17/Demokratische_Geschichte_Band_17_Essay_10.pdf

23


Das Scheitern der deutschen Arbeiterbewegung in der Hochburg des klassenkämpferischen Marxismus Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) war als Zusammenschluss von 52 Einzelgewerkschaften der größte gewerkschaftliche Dachverband der Welt. Zu seiner Hochzeit, Anfang der 20er Jahre, hatte er 8 Millionen Mitglieder und bildete damit eine der größten Interessengruppen der Weimarer Republik. Stets SPDnah war der ADGB Teil des Bündnisses ‚Eiserne Front‘ gegen den Nationalsozialismus im Jahr 1931. Am 2.Mai 1933 werden in ganz Deutschland Gewerkschaftshäuser von der SA überfallen und Funktionäre verhaftet. Der Widerstand ist gering. In der Sprache des DGB liest sich das heute so: „Mit der räube-

rischen Aneignung der gewerkschaftsnahen Unternehmen wurde die Zerschlagung der Gewerkschaften abgeschlossen und den proletarisch-sozialistischen Milieus zentrale institutionelle Hal-

24

terungen genommen, wodurch deren Zerfall massiv beschleunigt wurde.“ 1 Mit der darauf folgenden Eingliederung in die Deutsche Arbeitsfront und dem „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ werden Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer abgeschafft und das Führerprinzip in allen Verbänden und Betrieben eingeführt. Eine Studiengruppe um Prof. Wolfgang Benz beschäftigte sich im Jahr 2007 mit dem Schicksal der ADGBBundesschule in den Jahren 1927-45. Prof. Wolfgang Benz, zu dieser Zeit noch Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU-Berlin, fungiert als Herausgeber. Die Beiträge befassen sich mit einzelnen Epochen des Hauses, u.a. als G e we r k s c h a f t s s c h u le, Reichsführerschule, Schule des Reichssicherheitsdienstes der SS und gegen Ende des

zweiten Weltkrieges als Außenstelle des Reichssicherheitshauptamtes. Anhand der Beiträge lässt sich nicht nur die Geschichte des Hauses nachvollziehen, sondern auch das Scheitern des ADGB. Im Norden von Berlin, in einem Wald nahe der brandenburgischen Kleinstadt Bernau befand sich in den Jahren 1928-1933 eines der Zentren der deutschen Arbeiterbewegung: Die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. (ADGB). Sie galt seinerzeit als „Meisterwerk

demokratischen und funktionalen Bauwillens der Bauhausschule“3 und ist noch heute „das größte architektonische Dokument des Bauhauses“4 außerhalb von Dessau.

Zur feierlichen Eröffnung mit 4.000 Teilnehmern im Jahr 1927 spricht Theodor Leipart, der Vorsitzende des ADGB, von einem „Beispiel konsequenter


Durcharbeitung eines Baues im Sinne der maximalen Leistung für den Menschen“. Das 6 Hektar große Gelände bot angehenden Gewerkschaftsfunktionären, neben einer vorzüglichen Ausbildung im Klassenkampf, allerhand Annehmlichkeiten. Zum Gelände gehörte ein eigenes Schwimmbad, Sportanlagen und eine Bibliothek. Die deutschen Gewerkschaften verfügten zu dieser Zeit nicht nur über das gewisse Kleingeld, sondern auch über den nötigen Organisationsgrad, um solche Projekte umzusetzen. Die ein- bis zweimonatigen Bildungsaufenthalte der Gewerkschafter dienten deshalb sowohl zur Wissensvermittlung, als auch zur Bildung eines Gemeinschaftsgefühls. Am 2.Mai 1933 wurde die ADGB-Bundesschule von der SA besetzt und wenige Wochen später – im Dienste der neuen Staatsführung - als Reichsschule der NSDAP wieder eröff-

net. Die Besetzung der Bundesschule verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Wenig später wurde man sich in der nationalsozialistischen Führung der Ironie bewusst, dass man eine Eliteschule in einem Gebäudekomplex im Bauhausstil eingerichtet hatte. Das moderne Bauhaus wurde von den Nationalsozialisten später als „jüdisch“ und „bolschewistisch“ verdammt. ‚Stürmer‘-Herausgeber Julius Streicher war überzeugt, dass „nur ein jüdischer Architekt“ ein Gebäude bauen kann, „das so kalt ist und so wenig in die Landschaft hineinpasst wie diese Schule“. Entsprechend dieser Einschätzung wurde Reichsorganisationsleiter Robert Ley mit der Errichtung von Ordensburgen betraut, in die der Schulungsbetrieb der NSDAP verlegt werden sollte. Der Umzug erfolgt Anfang des Jahres 1936.

Deutschland, die 20er und die gewerkschaftliche Organisation

„Schneidet dieser reaktionären Clique die Luft ab! Kämpft mit jedem Mittel für die Erhaltung der Republik! [..]Kein Proletarier darf der Militärdiktatur helfen! Generalstreik auf der ganze Linie! Proletarier, vereinigt euch! Nieder mit der Gegenrevolution!“ 1920 im Aufruf zum Generalstreik gegen den Kapp-Putsch in Berlin.

Die Auflösung der Marinebrigarde Ehrhardt und anderer Freikorps, sowie der Unwillen der alten Armeeeliten auf ihre politische Macht zu verzichten, brachte die junge Weimarer Republik an den Rand eines Bürgerkrieges. Der Putschversuch der republikfeindlichen Freikorps unter Führung von General Walther von Lüttwitz und Wolfgang Kapp, zwang die sozialdemokratischen Mitglieder der Reichsregierung zur Flucht aus der Hauptstadt. Angetrieben von der Frustration vieler früherer Soldaten zogen die Putschisten nach Berlin. Am 13.März 1920 marschierten sie singend durchs Brandenburger Tor und pro-

25


klamierten Wolfgang Kapp zum Reichskanzler. Viele Angehörige der Brigarde Ehrhardt trugen als Ausdruck ihrer völkischen Gesinnung ein weiß gemaltes Hakenkreuz auf dem Helm. Noch am selben Tag rief die SPD zum Generalstreik auf. KPD und USPD initiierten die Aufstellung der Roten Ruhrarmee. Sie fasste mehr als 50.000 Arbeiter unter Waffen. Bereits 5 Tage später mussten die Reaktionäre ihr Unterfangen, die junge Weimarer Republik zu stürzen, abbrechen. Der Generalstreik der von ADGB, Beamtenbund, Angestelltengewerkschaften und KPD getragen wurde, brachte beinahe die komplette zivile Infrastruktur des Landes zum erliegen. In Berlin brannte keine Lampe mehr, Behörden wurden geschlossen und der öffentliche Nahverkehr eingestellt. Ein Exempel – wenn auch eines der Größten - für die Stärke und Aktionsfähigkeit der deutschen Arbeiterschaft in der frühen Weimarer Republik. 26

Die „Hochburg des klassenkämpferischen Marxismus“ „Die Sozialfaschisten handeln in der Regel wie die Faschisten, aber sie tun ihr faschistisches Werk nicht mit offenem Visier, sondern arbeiten hinter einem Nebelrideau, wie man es im Krieg anwendet. Das gehört zum Wesen des Sozialfaschismus: Imperialistische Politik im Namen des Internationalismus, kapitalistische Politik im Namen des Sozialismus, Abbau der demokratischen Rechte der Werktätigen im Namen der Demokratie, Abbau der Reformen im Namen des Reformismus, Arbeitermörderpartei im Namen der Arbeiterpolitik usw.“ Otto Wille Kuusinen, Sekretär des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale

Die Sozialfaschismusthese der Komintern hat entscheidende Auswirkung auf die Politik der KPD gegenüber der Sozialdemokratie: Der Hauptfeind hieß jetzt SPD. Gleichzeitig radikalisierten sich viele Arbeiter und verhelfen der

KPD zur Massenbasis. In den freien Gewerkschaften gründet sich 1927/28 die RGO (Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition) als Strömung gegen die als zu arbeitgeberfreundlich wahrgenommene Politik der ADGB-Gewerkschaften. In der Folge kommt es zu Ausschlussverfahren gegen Kommunisten und schlussendlich zur Abspaltung der RGO. Dieser tritt ab 1929 als eigenständige Gewerkschaft auf, schafft es - außerhalb der Ballungszentren (Berlin, Ruhrgebiet) - jedoch selber nie zur Massenorganisation. Die Stadt Bernau galt damals als eine Stadt mit einer „ausgesprochenen Arbeiterbevölkerung“. Wegen „politischen Zusammenstößen rechts- und linksradikaler Elemente“ musste 1931 die örtliche Polizei um Verstärkung von außerhalb bitten, weil sie selbst mit der Lage überfordert war. In einem Eilschreiben des Regierungspräsidenten heißt es, es haben sich

„derartig unsichere po-


lizeiliche Verhältnisse entwickelt, dass die kommunale Polizei zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung nicht mehr ausreichend erscheint“.5

Beispielhaft ist ein Fall, bei dem es zu Ausschreitungen zwischen der „Deutschnationalen Jugend“ und deren Gegner kam. Vor dem Bernau Lokal „Elysium“ kam es demnach erst zu Wortgefechten und dann zu Schlägereien, nachdem sich Anhänger der Deutschnationalen Jugend in Uniform auf die Straße begaben. Die örtliche Polizei musste die Situation unter Einsatz von Gummiknüppel auflösen. Bei den Reichtstagswahlen im März 1933 war die Bevölkerung hinsichtlich des Wahlergebnisse deutlich gespalten. Die NSDAP war mit 2883 Stimmen stärkste Partei geworden. Die KPD kam auf 2371 und die SPD auf 1715 Wähler. Die NSDAP sah sich damit - zumindestens auf dem Papier - einer starken

Opposition von linken Arbeiterparteien mit ausdrücklichen Bezug zur kommunistischen Bewegung gegenüber. Trotz dieser formellen Spaltung und den daraus abzuleitenden Konsequenzen, ist genau das nicht eingetreten, was für diese Situation zu erwarten wäre. Weder bei der Besetzung der Bundesschule am 2.Mai, noch beim Besuch Adolf Hitlers am 16.Juni zur Wiedereröffnung als Reichsschule der NSDAP kam es zu nennenswerten Zwischenfälle seitens der organisierten Gewerkschafter oder der Bevölkerung. Es fiel kein Schuss und es wurde nicht gestreikt oder demonstriert. Lediglich eine einzelne Rote Fahne wurde am 16. Juni als Zeichen des Protestes von einem Haus gehisst.

Die deutschen Gewerkschaften auf dem Weg in den Nationalsozialismus

„Die in der Weimarer Republik sich vollziehende reelle Subsumtion der Arbeitskraft unter das Kapital wird in fetischisiertantisemitischen Formen wahrgenommen, die ihrerseits die praktische Lösung der gesellschaftlichen Widersprüche anleiten. Das von der Sozialdemokratie gegebene Versprechen auf Teilhabe des Proletariats an bürgerlicher Behaglichkeit - ohne jedoch die kapitalistische Gesellschaft aus der Welt zu schaffen - offenbart seinen Wahnsinn in eben dem Moment, in dem der Nationalsozialismus diese Heilserwartung in Form eines Staates der Arbeitersoldaten zu verwirklichen strebt.“ Lutz Eichler und Oliver Lieven; Gruppe „freie Radikale“ 2002

Während die Führung des ADGB unter Theodor Leipart sich bereits im Oktober 1932 seiner „Parteifesseln“ (zur SPD) entledigen wollte und sich folglich nach den Reichstagswahlen

1933 für „parteipolitisch unabhängig“ erklärte, um sich „in den Dienst des neuen Staates zu stellen“6, ging man in

Bernau bereits einen Schritt weiter. 27


Hermann Seelbach, der Leiter der ADGBGewerkschaftsschule in Bernau lief im März 1933 zur NSDAP über. Er tat dies aus Überzeugung. Seine Beweggründe dokumentierte er in Form eines Tagebuches unter dem Titel ‚Das Ende der Gewerkschaften‘. Er konstatierte: „Die

Truppe – hier die Arbeiterschaft – sei gut, aber ohne guten General – Gewerkschaftsführung – sie sei untauglich und renne in ihr Verderben“. Doch nicht nur die falsche Führung beklage Seelbach. Es waren vor allem die falschen Ideale die ihm missfielen. So wandte er sich bereits früh gegen den „falschen Heiligen“ der Arbeiterbewegung: Karl Marx. Er bezeichnete ihn als unfähig mit seinem „ jüdischen Intellekt“ die „Sprache des Volkes“ zu sprechen. Für Seelbach war eine „neue Zeit“ angebrochen, die „die alten

Formen der Arbeiterbewegung einfach überholte und unter dem Druck welterschütternder Vorgänge neue Gebilde des volklichen

Zusammenlebens gebieterisch erzwang“. Entsprechend ging es ihm „nicht nur um das

Schicksal der Gewerkschaften, sondern um Sein oder Nichtsein der Nation“. Im Februar 1933 schreibt er: „Die Zeit

des Liberalismus ist vorbei, mit ihm der Parlamentarismus und die sozialdemokratische Politik“. „Warum bringen wir es nicht fertig, mit den jungen und lebendigen Kräften des Nationalsozialismus zusammenzugehen?“

Wenig später beginnt er seinen Schülern aus „Mein Kampf “ vorzulesen, jenes Werk das er selbst mit „Spannung und Befriedigung“ gelesen hat. Im Gegensatz zum „falschen Heiligen“ (Marx) befindet er: „Es

ist die Sprache der wenigen, die Bedeutungsvolles, Wesentliches in einfacher und doch so plastischer Weise für weite Volksmassen zu sagen haben“7.

Während Hermann Seelbach sich bereits offen zum National-

sozialismus bekannte, versuchte die ADGBFührung um Theodor Leipard den Nationalsozialisten Zugeständnisse zu machen. Mit der Ernennung des 1.Mai zum ‚Feiertag der nationalen Arbeit‘ durch das Reichsgesetz vom 10.April 1933 kam der ADGB in Zugzwang. Im Einklang mit dem bereits eingeschlagenen Anpassungskurs begrüßt man das neue Gesetz und rief wenig später dazu auf „für die

Ehrung der schaffenden Arbeit und für die gleichberechtigte Eingliederung der Arbeiterschaft in den Staat sich allerorts an der von der Regierung veranlassten Feier zu beteiligen“8.

Volksgemeinschaft und Arbeitsfront „Wir Schaffenden huldigen der Arbeit, die unsere Leistung begründet, als dem Ausdruck unserer Ehre. [...] Wir sind Arbeitsfanatiker. Wir erklären, daß die Arbeit dem Menschen nicht schadet, solange der Geist der Volksgemeinschaft die Arbeit durchpulst und durchflutet“ 9 Robert Ley – Leiter der Deutschen

28

Arbeitsfront


Bereits am 9.April erklärt der Bundesausschuss des ADGB der Regierung gegenüber seine Bereitschaft, sich „in den Dienst des neuen Staates zu stellen“. Er schlägt vor, einen „Reichskommissar für die Gewerkschaften“ mit der Umsetzung der geplanten Maßnahmen zu betrauen. Wenig später beginnen Gespräche mit dem NSBO, der Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation, die 1935 zu Gunsten der Deutschen Arbeitsfront (DAF) aufgelöst wurde. Die NSBO war bis dahin eine eher erfolglose Organisation. Bei Betriebsratswahlen in Februar ‚33 kam sie insgesamt auf magere 11,7 Prozent. Die freien Gewerkschaften bekamen dagegen 73,4 Prozent der Stimmen. Die Konsequenzen aus dem Anpassungskurs des ADGB zog man beim Vorstand des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB). Dieser konstatierte am 8.April, dass „die deutschen Gewerkschaften bereits das Spiel gegen Hitler aufgegeben ha-

ben“ und verlegt seinen Sitz von Berlin nach Brüssel. Dass er damit Recht behalten sollte, zeigt sich endgültig mit der gesetzlichen Auflösung der freien Gewerkschaften am 10.Mai 1933, der Beschlagnahmung ihres Vermögens und der Integration in die Deutsche Arbeitsfront (DAF). Die DAF, als Einheitsverband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wirkte fortan als wichtiger Teil des nationalsozialistischen Korporatismus. Ein Großteil der Arbeiter und Angestellten bejahte die Angleichung untereinander durch Reglementierung und Arbeitsplatzsicherheit und nahmen den Verlust ihrer Interessenvertretung bereitwillig in Kauf. Ab 1936 prämierte die DAF sogenannte „nationalsozialistische Musterbetriebe“ zur Unterstützung der Umstellung der Betriebe auf Rüstungsproduktion. An die Stelle des Klassenkampfes trat das Bündnis zwischen Arbeit und Kapital. Ein

Bündnis, welches nicht nur in Bernau kaum eines Zwanges bedurfte, da sich die Arbeiterschaft nur all zu bereitwillig diesem anschloss. Diese negative Aufhebung des Kapitalverhältnisses bedingte den Antisemitismus als zentrales ideologisches Leitmotiv. In der Vorstellung der Antisemiten stehen sich zwei Kapitalgruppen gegenüber: das „schaffende“ (deutsche) und das „raffende“ (jüdische) Kapital. Mit der Vernichtung der Juden soll damit nicht nur das „raffende“ Kapital beseitigt werden, sondern auch die Volksgemeinschaft zu sich finden.10 Damit erfüllt sich das, was Adorno später einen alten „Bürgertraum“ nannte. Die „manipu-

lierte und angedrehte Wärme des Miteinander; die Volksgemeinschaft der Unfreien und gegen Ungleichen“11 das Judentum als „pathische Projektion“.12 Die neueröffnete Reichsschule der NSDAP wiederum wurde zur wichtigsten Bil-

29


dungsstätte der nationalsozialistischen Elite. Hermann Seelbach, der die Machtübernahme der NSDAP begrüßte, wurde seiner Position als Schulleiter enthoben und bewarb sich alsbald beim Landesobmann des NSBO für eine neue Position. Als Adolf Hitler am 16.Juni 1933 die Reichsschule der NSDAP in Bernau eröffnete, waren die Straßen von Berlin bis vor die Schule gesäumt mit Menschen.

„Überall standen die Schulen angetreten in den Straßen..., die Mädchen weiß angezogen, mit Fähnchen und Wimpeln“13. Ein eigens organisiertes Spalier sollte die komplette Strecke des Autokonvois mit dem neuen Reichskanzler begleiten. In der Schule selbst wird Hitler von

30

Vertretern der Bernauer Bürgerschaft, dem Magistrat und Kirchenvertretern begrüßt. Vor der Schule hängt ein Banner mit der Aufschrift „Die Bundesschule ist unser--!“

[8] Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen II. Deutsche Geschichte 1933 bis 1990. Bonn 2008

[9] http://www.zeitgeschichte-online. de/thema/vom-geist-der-volksgemeinschaftdurchpulst

[10] Zum weiterlesen und hören: Stephan Grigat – (Zur Aktualität der) Negative Aufhebung des Kapitals; online auffindbar u.a. auf Mixcloud: https://www.mixcloud.com/Antifaschistiche_Gruppe_BS/negative-aufhebungdeskapitals/

[11] Theodor W. Adorno: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangheit

[12] Adorno/Horkheimer: Elemente des Antisemitismus – Grenzen der Aufklärung VI

[1] Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann: Die

[13] Peter Steininger: Die Eröffnung der

Deutsche Arbeitsfront, ihr Konzern und der

Reichsführerschule Bernau am 16.Juni 1933 im

Untergang dergewerkschaftsnahen Genossen-

Spiegel der lokalen Presse

schaftsbewegung http://www.gegenblende. de/++co++afe23764-e158-11e1-8d2252540066f352

[2] Prof. Dr. Wolfgang Benz / Prof Dr. Heinz Deutschland: Das Schicksal der ADGB Schule im Dritten Reich erschienen im April 2007 herausgegeben vom Verein baudenkmal bundesschule bernau e.V.

[3] Prof. Dr. Wolfgang Benz: Das Schicksal der ADGB-Bundesschule im Dritten Reich S.7

[4] Katrin Bettina Müller: Der poetische Funktionalismus http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/ printressorts/digi-artikel/?ressort=bl&dig=2001 %2F11%2F21%2Fa0179&cHash=92ee48b410c44b41 d947fba06f12488f

[5] Zitate entnommen aus Dagmar Lieske: Die Besetzung der ADGB-Bundesschule durch die SA am 2.Mai 1933 vor dem Hintergrund der Politik des ADGB und der politischen Situation in Bernau in Das Schicksal der ADGB Schule im Dritten Reich

[6] Aus der Grundsatzrede von Theodor Leipart am 14. Oktober 1932 in der Bundesschule des ADGB

[7] Alle Zitate entnommen aus Angelika Benz: Hermann Seelbach – Das Ende der Gewerkschaften


Wiedergutmachung ohne Schuld – die Beziehungen zu Israel als Legitimationsideologie der konservativen Nachkriegsrepublik „Die Macht der Juden auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht unterschätzen. Und daher habe ich sehr überlegt und sehr bewusst – und das war von jeher meine Meinung – meine ganze Kraft daran gesetzt, so gut es ging, eine Versöhnung herbeizuführen zwischen dem jüdischen Volk und dem deutschen Volk.“ - Konrad Adenauer 1965 [1] Während der eigenen Positionierung zu Israel in Teilen der Linken vor dem ‚Sechs Tage Krieg‘ 1967 noch eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit einherging, ging es in konservativen Kreisen bereits kurz nach der Gründung der Bundesrepublik um ganz andere Dinge. Im Vordergrund standen die Einbindung in das westliche Militärbündnis, das als Schutz vor dem Realsozialismus sowjetischer Prägung im Osten wahrgenom-

men wurde, sowie die Pflege der wirtschaftlichen Beziehungen im mehrheitlich arabischen Nahen Osten und die möglichst rasche Wiedergewinnung der außenpolitischen Handlungsfähigkeit. Dabei wurden die Beziehungen zum jungen Staat Israel als von enormer Bedeutung für das Erreichen dieser Ziele gesehen. Die Beziehungen der beiden Staaten drehten sich vor 1967 hauptsächlich um drei Fragen, die für die Bundesrepublik Verhandlungsmasse zum Erreichen ihrer Ziele, für Israel aber existenziell im Kampf ums Überleben waren: Wiedergutmachung durch die Bundesrepublik, dringend benötigte Waffenlieferungen für Israel und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Adenauer sah die Lösung dieser Fragen als Feuertaufe für die Bundesrepublik und als ein-

zigen Weg seine erklärten Ziele - Westbindung und Wiedergewinnung der außenpolitischen Handlungsfähigkeit - gleichzeitig zu erreichen. Damit diente der Umgang mit diesen Fragen als Legitimationsideologie der konservativen Kreise der Nachkriegsrepublik. Die Beziehungen zu Israel wurden als Projektionsfläche der weltpolitischen Bedürfnisse genutzt. Entsprechend waren diese weder von einem umfangreichen Verständnis noch Einverständnis der eigenen Schuld im nationalsozialistischen Deutschland bestimmt, sondern weiterhin antisemitischer Prägung. Ohne ein Bewusstsein für die Ideologie die zur Shoah führte, sprach Adenauer weiter in typischer antisemitischer Manier vom ‚großen Einfluss‘ der Juden auf die Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika und forcierte einzig und allein

31


aus geopolitischen Erwägungen eine Wiedergutmachung mit dem jüdischen Volk. Dies zeigte sich vor allem in den Verhandlungen über den Luxemburger Vertrag, auch als Wied e rg u t m a c h u n g s a b kommen bekannt, welches 1952 den Weg für Zahlungen der Bundesrepublik an Israel und an die Conference on Jewish Material Claims against Germany ebnete und damit den ersten völkerrechtlich bindenden Vertrag zwischen den beiden Staaten darstellte. Adenauer ließ ein Bewusstsein für die Dimension der Judenvernichtung vermissen. Er wies die Verhandlungsführer an, den zu zahlenden Preis deutlich zu drücken, auch wenn diese die zu zahlenden 3,45 Milliarden DM als durchaus gemäßigt im Vergleich zum entstandenen Schaden ansahen. Die Verhandlungsführer traten schließlich unter scharfer Kritik am fehlenden aufrichtigen Willen für eine Verhandlungslösung zurück. Kurz

32

vor der Vertragsunterzeichnung versuchten einige arabische Staaten mit Vehemenz, die Bundesregierung erst durch Berufung auf die traditionelle deutscharabische Freundschaft, dann durch Appelle an die deutsche Ehre und schließlich durch Ankündigung eines Wirtschaftsboykotts und die Beschimpfung Adenauers als Werkzeug des Weltjudentums und der Alliierten umzustimmen. Gravierender für die Bundesrepublik aber war die Drohung, die DDR anzuerkennen und den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik zu unterminieren. Während in diesem Fall die arabischen Drohungen noch keinen Erfolg zeigten, sollte sich dies in der Folge ändern. Der Vertrag wurde letztlich mit den Stimmen der oppositionellen SPD angenommen, nicht einmal die Hälfte der Regierungskoalition stimmte dafür. Mit einigem Stolz verkündete Adenauer im Bundestag „den Ab-

schluss des für jeden Deutschen traurigsten Kapitels unserer Geschichte“.

Für Israel, dass sich, nur wenige Stunden nach Staatsgründung, einem ersten Angriffskrieg von Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, dem Libanon, dem Irak und Syrien ausgesetzt sah, ging es in erster Linie um das eigene Überleben. Logischerweise war die israelische Regierung dementsprechend vor allem an Waffenlieferungen interessiert. Die 3,45 Milliarden DM Wiedergutmachung, auf die man sich geeinigt hatte, sollte dementsprechend überwiegend in Form von Waffenlieferungen in 12 Jahresraten erfolgen. Anfangs lehnte die innerisraelische Opposition dieses ‚Blutgeld‘ noch ab, jedoch überwog am Ende die Einsicht der Notwendigkeit von wirtschaftlicher Unterstützung und Waffenlieferungen, da jeder Zeit mit einem erneuten Angriff arabischer Staaten zu rechnen war. Am 30. Juli 1953 lief schließlich in Bremen die erste deutsche Waffenlieferung auf dem israelischen Frachter ‚Haifa‘ aus, ehe am 17. Februar 1955


der erste Frachter unter deutscher Flagge einen israelischen Hafen erreichte. Diese und weitere Lieferungen waren grundlegend für die israelische Verteidigungskraft, sowie für die Entwicklung und Modernisierung der israelischen Wirtschaft und Infrastruktur allgemein. Offizielle diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel wurden allerdings erst 1965 aufgenommen, 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrationslager. Spätestens seit 1955 drängte Israel auf die Aufnahme offizieller Beziehungen während die Bundesrepublik auf die Bremse trat. Die wirtschaftlichen Interessen des bundesrepublikanischen Kapitals in den arabischen Ländern waren weitaus wichtiger und diese drohten mit dem Abbruch der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen, sowie einer gleichzeitigen Annäherung an die DDR. Der Alleinvertretungs-

anspruch der Bundesrepublik in außenpolitischen Fragen, die sogenannte HallsteinDoktrin, basierte auf dem Prinzip, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Deutschen Demokratischen Republik durch Drittstaaten als „unfreundlicher Akt“ der Bundesrepublik gegenüber betrachtet wurde. Deshalb wurden die arabischen Länder bei der Stange gehalten und gleichzeitig die geheimen Waffenlieferungen an Israel fortgesetzt. Im Oktober 1964 wurden die Waffenlieferungen an Israel publik, und das bundesdeutsche Nahost-Debakel nahm seinen Lauf. Aufgrund der Empörung in der arabischen Welt ließ Erhard die Lieferungen durch Wirtschaftshilfekredite ersetzen. Die Reaktion in Israel war nicht minder empört, da es Waffen dringender benötigte als Geld, jene aber nur in Deutschland bekommen konnte, nachdem die USA und Frankreich nach der Suez-Krise einen Rüstungsboykott gegen Israel verhängt

hatten. Als der DDRStaatsratsvorsitzende Ulbricht im März 1965 von Ägyptens Staatschef Nasser in Kairo empfangen wurde, kam dies einer faktischen Anerkennung der DDR gleich. Erhard demonstrierte Stärke, stoppte die Wirtschaftshilfe für Ägypten und nahm diplomatische Beziehungen mit Israel auf - nicht aus Überzeugung der Notwendigkeit der Unterstützung des israelischen Staates, sondern ganz im Bewusstsein der unseligen HallsteinDoktrin.

Auch wenn die Auseinandersetzung der konservativen Kreise mit dem jungen Staat Israel als katastrophal zu bezeichnen sind, wurde diese auf linker Seite nicht viel besser. Der allgemeinen Begeisterung für den Staat der Juden, wich das Entsetzen über dessen Sieg im Sechstagekrieg 1967. Der antizionistische Schwenk großer Teile der bundesrepublikanischen Linke war der eigene Beitrag zur Auseinandersetzung mit der deutschen Ver-

33


gangenheit. Der Sechstagekrieg bildete damit den Wendepunkt: Zu diesem Zeitpunkt scheint ein Prozess der psychologischen Inversion stattgefunden zu haben, in dessen Verlauf die Juden, als Sieger, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit identifiziert wurden – unter positiven Vorzeichen seitens der deutschen Rechten und entsprechend negativ konnotiert von der Linken.[2] Die Israelsolidarität der deutschen Konservativen und Rechtspopulisten ist auch heute noch geprägt von dieser Legitimationsideologie. Man verweigert sich einer Anerkennung der eigenen Schuld, schiebt den Antisemitismus den arabischen Staaten, deren Einwohnern und vermeintlich von dort stammende Menschen zu und wähnt Israel als Verbündeten im Kampf gegen die ‚Islamisierung‘ des ‚christlichjüdischen Abendlandes‘, dessen Jahrhunderte alte antisemitische Tradition so zu sagen einfach wegdefiniert wird.

34

Anstatt die Notwendigkeit Israels, als Schutzraum für Jüdinnen und Juden, anzuerkennen und als Leitmotiv der Israelsolidarität zu nehmen, dient die Israelsolidarität der deutschen Konservativen und Rechtspopulisten einzig und allein geostrategischen Interessen.

„Keiner dieser Identifikationsweisen – weder die als Opfer noch die mit den Opfern – lässt Gutes für die wirklichen Opfer erwarten.“ Moishe Postone, 1990 [3]

[1] Im Gespräch mit Günter Gaus, am 29.12.1965 http://www.rbb-online.de/zurperson/ interview_archiv/adenauer_konrad.html

[2] Mois he Postone 1990: Nach dem Holocaust. Geschichte und Identität in Westdeutschland, S. 82

[3] ebd. S. 84


ANZEIGE

TERMIN 8.MAI 2015 - HALLE (SAALE) GAME OVER KRAUTS OPEN AIR - REIL 78

· Björn Peng (DARK RAVE) · Hans-Dieter X. (TRASH PUNK) · Aika Akakomowitsch (ELECTROPUNK) · Robosaurus (8BIT ELECTRO) · PRSLM (TECHNORAP) · Klangexperimente (ELECTROUNDSO) · danach Dj-Line-up EINLASS: 16:00 UHR BEGINN: 17:00 UHR www.reil78.de

35