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100 BESTE PLAKATE 16 DEUTSCHLAND / ÖSTERREICH / SCHWEIZ -

100 BEST POSTERS 16 GERMANY / AUSTRIA / SWITZERLAND


OBJEKTIVITÄT UND SUBJEKTIVITÄT SITZEN IM SELBEN BOOT... Alain Le Quernec _ Vorsitzender der Jury

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Alain Le Quernec

Die 100 besten Plakate des Jahres auswählen, daraus eine Ausstellung entwickeln und auf Wanderschaft schicken. Diese Idee würde ich gern in Frankreich verwirklichen, denn darin zeigen sich die Selbstverständlichkeit einer sehr lebendigen kulturellen Tradition und die Gesundheit der Grafik in den Ländern, die sie umsetzen. Eine schöne Idee, drei Länder zu vereinen, die zwar dieselbe Sprache sprechen, deren grafische Kulturen und Traditionen sich aber deutlich unterscheiden. (Um die Herkunft eines Plakats zu erkennen, braucht man nicht den Text zu lesen, und es wäre unmöglich, ein schweizerisches Plakat mit einem deutschen zu verwechseln.) Diese Auswahl zeugt von der Beständigkeit einer Kommunikationsform: Bedruckte Papierbögen, die vervielfältigt und im öffentlichen Raum ausgehängt werden. Eine Methode, die Ende des 19. Jahrhunderts aus der Technik, der Lithographie, hervorgegangen ist und den Entwicklungen und Revolutionen eben dieser Reproduktionstechniken gefolgt ist. Es geht nicht darum, das allmähliche Verschwinden des Offsetdrucks oder des Siebdrucks zugunsten des 017


Alain Le Quernec

Digitaldrucks zu beklagen oder ein mögliches Verschwinden des bedruckten Papiers zu prophezeien. Konzentrieren wir uns auf die Gegenwart dieses Mediums, des Plakats, und gehen wir davon aus, dass es noch lange Zeit Talente anzuziehen vermag. Hier wie anderswo kann man es bedauern, dass die Werbung in dieser Veranstaltung kaum vertreten ist. Sie folgt ihren eigenen Ritualen. Die Spaltung zwischen grafischer Kunst und Werbekommunikation hat sich längst vollzogen. In der Werbung beschränkt sich die Rolle der Grafiker nur noch auf die Ausführung von Entwürfen, die von anderen erstellt wurden, und der Umfang der Budgets bestimmt die Auslese. Das hat zur Folge, dass die Bilder, die für unsere Auswahl in Frage kommen, hauptsächlich aus dem kulturellen Bereich stammen... Wie schade. Aus mehreren tausend Plakaten 100 auszuwählen bedeutet, ein Panorama aus den besten Werken dieser Grafikform zusammenzustellen, wobei die Priorität darin besteht, das Aufkommen neuer Ideen, neuer Ausdrucksweisen, neuer Codes, kurz gesagt, die neuen Trends herauszustellen und auf diese Weise diese Veranstaltung jungen Grafikern und Studenten zugänglich zu machen. 018


Alain Le Quernec

Dennoch dürfen wir nicht davon ausgehen, dass jede Auswahl einen Bruch zur Auswahl des Vorjahres darstellen könnte. Wenn wir den Katalog 2015 durchblättern, überwiegt die Kontinuität, der Wandel der grafischen Ausdrucksweisen wird aber deutlicher, wenn wir eine Auswahl des letzten Jahrzehnts zum Vergleich heranziehen. Die Talente, die eine neue Ästhetik durchsetzen, indem sie Jahr um Jahr wieder ausgewählt werden, entwickeln sich ihrerseits zu Vertretern einer neuen Form der Klassik. Neue Trends kennen keine Grenzen, jede Generation schuldet es sich selbst, die Normen der Vorgängergeneration zu sprengen, neue Codes zu erfinden, sich mit dem Bruch zu identifizieren, selbst wenn diese Revolutionen mit Abstand betrachtet letztlich nur Entwicklungen sind. Die Banalität der Kunstgeschichte oder der Geschichte der Künste besteht darin, dass wir alle einer Zeit und einem Ort angehören, uns dieser Tatsache nicht entziehen können und gezwungen sind, sie zu akzeptieren.

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Alain Le Quernec

100 Plakate. Die besten? Sie sind ›in‹, oder sie sind ›out‹, also wie soll diese Liste erstellt werden, und anhand welcher Kriterien? Selbstverständlich anhand objektiver Kriterien, doch auch diese Kriterien sind zwangsläufig subjektiv, ohne dass wir dies willentlich beeinflussen können. Sie veranlassen uns, dieses Plakat jenem Plakat vorzuziehen. Das ist eine Frage des Geschmacks, der Herkunft, der Sensibilisierung, der Nähe oder Zugehörigkeit zu einer Stil- oder Denkrichtung. Ich möchte davon ausgehen, dass letztlich aus der gesammelten Subjektivität der verschiedenen JuryMitglieder, die alle von der Angst besessen sind, ein wichtiges Bild übersehen zu haben, Objektivität entsteht. Wenn man manche ausgewählten Bilder mit anderen, die nicht ausgewählt wurden, vergleicht, könnte man endlos darüber diskutieren... ›In‹ und ›Out‹ – wo ist die Grenze? Wir müssen zu dieser Auswahl stehen, und vor allem zu ihrer Unvollkommenheit, nichts wäre dümmer, als das Gegenteil behaupten zu wollen. Selbstverständlich hätte sie ein bisschen anders ausfallen können... Doch ich stehe ohne Bedauern dazu, und ich freue mich, zu verkünden: »Hier sind die 100 besten Plakate«. 020


PREISTRÄGER-PLAKATE AWARD WINNERS’ POSTERS


Neighbors [Nachbarn]

Plakat fĂźr eine Initiative von Blank Poster, The North Norwegian Center for Design and Architecture (NODA) und Flip/Poster for an initiative by Blank Poster, the North Norwegian Center for Design and Architecture (NODA) and Flip

Timo Lenzen

Auftraggeber/Client Eigenauftrag/The artist Druckerei/Printing House flyeralarm GmbH Format/Size A0 Drucktechnik/Technique Digitaldruck/Digital

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design : supero

font : swisstypefaces

print : uldry

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w w ww ww. ww ww. s w. sam w. am m m ba baba bac. cd c.c cd h f.cAuftraggeber/Client Société des amis du Musée des beaux-arts (SaMba) ch f.ch h Druckerei/Printing House Serigraphie Uldry AG Format/Size F4 Drucktechnik/Technique Siebdruck/Silkscreen w ww ww. s w .m amb ba ac .ch cdf .ch

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La Chaux-de-Fonds haux de-Fonds ds

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Ré– ouverture du Musée ouvert r d des beaux–arts –arts Nouvel accrochage cr u Expositions sitio Expositi pos 12—13.03.2016 12—13 03.2016 6 . 72 e B i en na 12 l .0 C e d 3 —2 onte ’Art Ré 2.0 m o – p 5 u .20 ora de ve 16 in No s b rtur e u ve eaux du l a –a M 12 u — 1 3.0 E ccro rts sée 3. xpo ch 2 a 0 16 sitio ge ns

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SUPERO

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Jennifer Sunier, Samuel Perroud, Océan Bussard w ww ww. w. sam m ba bac.c cd h f.c h


Henning-Wagenbreth-Ausstellung im Gulbransson Museum Henning Wagenbreth Exhibition at the Gulbransson Museum

Henning Wagenbreth

Auftraggeber/Client Olaf Gulbransson Museum Druckerei/Printing House LĂŠzard Graphique Format/Size CLP Drucktechnik/Technique Siebdruck/Silkscreen

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Ralph Schraivogel im Sitterwerk/Ralph Schraivogel at the Sitterwerk

Philip Kerschbaum

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Auftraggeber/Client Alumni HF KGD Druckerei/Printing House Serigraphie Uldry AG Format/Size F4 Drucktechnik/Technique Siebdruck/Silkscreen


Uwe Loesch. Plakaty/Uwe Loesch. Posters [Uwe Loesch. Plakate]

Uwe Loesch

Auftraggeber/Client National Museum in Poznań Druckerei/Printing House National Museum in Poznań Format/Size 100 × 70 Drucktechnik/Technique Digitaldruck/Digital

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Swiss Graphic Design in China [Schweizer Grafik-Design in China]

Erich BrechbĂźhl

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Auftraggeber/Client Pro Helvetia Shanghai Druckerei/Printing House Multi Reflex AG Format/Size F4 Drucktechnik/Technique Digitaldruck/Digital


David Schatz, Sereina Rothenberger / unter Verwendung einer Fotografie von/ using a photograph by Flurina Rothenberger

Ta Nice

Hammer

Auftraggeber/Client Edition Nice Druckerei/Printing House LĂŠzard Graphique Format/Size F4 Drucktechnik/Technique Siebdruck/Silkscreen

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Ariane Spanier Design

Lightness Of Matter [Leichtigkeit der Materie]

Ariane Spanier

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Auftraggeber/Client Bjørn Hegardt & Theo Ågren Druckerei/Printing House Spree Druck Berlin GmbH Format/Size 100 × 70 Drucktechnik/Technique Offsetdruck/Offset


Ein Spanier, ein Engländer und ein Österreicher.../A Spaniard, an Englishman and an Austrian...

Projektauftrag an der/Project commission at the Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Betreuung/supervision: Prof. Patrick Thomas

Fabian Krauss, Larissa Steidle

Auftraggeber/Client Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Druckerei/Printing House Druckwerkstätten der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Tekle Ghebre Format/Size A1 Drucktechnik/Technique Digitaldruck/Digital

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cyan

cie. toula limnaios – tempus fugit

Daniela Haufe, Detlef Fiedler

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Auftraggeber/Client cie. toula limnaios Druckerei/Printing House NOVAK SIEBDRUCK Format/Size A0 Drucktechnik/Technique Offsetdruck/Offset


Sacco & Vanzetti

Studienpreis 2016/2016 Study Award

Timm Henger, Gilbert Schneider

Auftraggeber/Client Hochschule fĂźr Grafik und Buchkunst Leipzig Druckerei/Printing House Eigendruck in der/Printed by the artists at the Siebdruckwerkstatt der HGB Leipzig Format/Size A1 Drucktechnik/Technique Siebdruck/Silkscreen

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Claudiabasel Grafik & Interaktion

S AM: Schweizweit/Switzerland-Wide

Jiri Oplatek, Nevin Goetschmann

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Auftraggeber/Client S AM – Schweizerisches Architekturmuseum Druckerei/Printing House Serigraphie Uldry AG Format/Size F4 Drucktechnik/Technique Siebdruck/Silkscreen


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JUROREN-PLAKATE

POSTERS OF THE JURY

Martin Woodtli _ CH Eva Dranaz _ A Markus DreÃ&#x;en _ D Alain Le Quernec _ F Stefan Guzy _ D

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Stefan Guzy

1980 Born in Rüdersdorf near Berlin 2000 Founding of Zwölf 2001-2007 Studied Visual Communications at the Universität der Künste Berlin under Holger Matthies, Stefan Sagmeister, cyan (Daniela Haufe/Detlef Fiedler) and Melk Imboden 2006 Björn Wiede joins Zwölf 2010 Founding of the Kreuzberg hand-silkscreen printing house 2011 Jury 90. Art Directors Club New York Since 2016 Member of the AGI (Alliance Graphique Internationale) Many international exhibitions and awards together with Björn Wiede including the Lahti Poster Triennial, Tokyo TDC Annual Awards, Type Directors Club New York, Tokyo Type Directors Club, Golden Bee Moscow Global Biennial of Graphic Design, China International Poster Biennial, 100 best posters Germany Austria Switzerland, International Poster Biennial Warsaw, Festival de l’affiches de Chaumont, International Poster Biennial of Mexico, International Biennial of Graphic Design Brno.

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Stefan Guzy

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SAMMELN HEISST SELEKTIONIEREN HEISST KONSERVIEREN HEISST KATALOGISIEREN HEISST – PLAKATGESCHICHTE SCHREIBEN Die Plakatsammlung des Museum für Gestaltung Zürich als Beispiel Bettina Richter

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Bettina Richter Geschätzte 350 000 internationale Plakate zu allen Themenbereichen von ca. 1870 bis heute lagern in den Archiven der Plakatsammlung des Museum für Gestaltung Zürich. Damit zählt diese Sammlung zu den bedeutendsten ihrer Art weltweit. Eine ungeheure Masse an gesammelten Werbeträgern auf Papier also, die in ihrer Gesamtheit sowie als je einzelnes Objekt ebenso ungeheure und faszinierende Möglichkeiten der Betrachtung und Befragung bieten – gleichzeitig aber auch eine Masse, die immer wieder die grundlegende Frage nach Sinn und Zweck und nach der Verantwortung des Sammelns aufwirft. Auf der Website des Museums wird die Sammlung folgendermaßen beschrieben: »Im Dialog mit der zeitgenössischen Produktion und in Anerkennung der historischen Leistungen wird die Sammlung kontinuierlich erweitert. Ihre Vielfalt in historischer, thematischer und geografischer Hinsicht ermöglicht sowohl eine Tour d’Horizon der Plakatkunst als auch den Blick in ein visuelles Archiv der Alltagswelt. Neben den primären Fragestellungen der Grafik und Typografie gilt das Augenmerk der Plakatsammlung auch einem gesellschaftspolitischen Verständnis von Gestaltung, werden doch im Plakat die ästhetischen und sozialen Prozesse der jeweiligen Zeit besonders reflektiert.« (www.museum-gestaltung.ch) Als das Massenmedium der Alltagskultur und Spiegel seiner jeweiligen Gegenwart dient das Plakat vor allem auch als historiografische Bildquelle. Die Zürcher Plakatsammlung funktioniert dementsprechend als Referenz für Ausstellungs-, Publikations- und Forschungsprojekte ganz unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen. Eine alleinige Konzentration auf den Aspekt der Grafikdesigngeschichte und ihren Reflex im Plakat würde unweigerlich geografische Zentren, bestimmte Epochen und einzelne, herausragende VertreterInnen in den Vordergrund rücken – und andere Aspekte dem Blick entziehen. Der erklärte Anspruch der Sammlung, das Plakat bewusst auch als zeitgeschichtliches Dokument und kulturelles und soziales Zeugnis zu lesen, erschwert hingegen die Festlegung präziser Sammelkriterien. Jede Plakatkategorie, ja jedes einzelne Plakat regt neben grundsätzlichen Betrachtungen zu Gestaltung und Rhetorik weitere inhaltliche Auseinandersetzungen an und könnte damit anders begründbaren Aufnahmekriterien genügen. Sammeln bedeutet aber auch immer Selektionieren und also Ausschließen. Im bewussten Verzicht auf einzelne Objekte gilt es, das Ganze im Einzelnen und das Einzelne im Ganzen zu sehen und somit bestimmten Plakaten oder auch GestalterInnen eine exemplarische Position zu verleihen. Dabei helfen Museumstheorien, wie sie beispielsweise Krzysztof Pomian lieferte. Er etablierte den Begriff der Semiophoren für Dinge, die als ausgewählte Sammelobjekte dem gemeinen Gebrauch und dem ökonomischen Kreislauf entzogen werden und als Zeichenträger den Dialog mit dem Unsichtbaren ermöglichen, welches auf eine andere Realität zu verweisen vermag. »Unsichtbar ist, was sehr weit im Raum entfernt ist: jenseits des Horizonts; aber auch, was sehr hoch oder tief ist: in der Vergangenheit oder in der Zukunft (…).« (Pomian 1998: 43)

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Bettina Richter gibt die bis heute für die Zürcher Plakatsammlung charakteristische Vielfalt vor, die sich nach außen doch auch als sinnvolle Einheit mit klar begründeten Schwerpunkten zeigen muss. Die Sammlung stand nun plötzlich ganz im Licht der Öffentlichkeit, musste jedoch auch vermehrt mit Kritik umzugehen lernen. Ungenügende Aufarbeitung der Bestände, ungünstige Lagerungsbedingungen und mangelnde Sichtbarkeit sind einige der Aspekte, die in den folgenden Jahren immer wieder öffentlich kritisiert wurden. Oft aber zeigte sich dabei auch die fachliche Unkenntnis der Autoren, was es finanziell und personell bedeutet, eine Sammlung dieses Umfangs und einem jährlichen Zuwachs von rund 3 000 Exemplaren sachgemäß konservatorisch zu betreuen, wissenschaftlich zu erschließen – und dann auch noch der Öffentlichkeit in Ausstellungen und Publikationen zugänglich zu machen. Denn selbstverständlich zog die Schneckenburger-Sammlung DonatorInnen an und die Sammlungsbestände vermehrten sich rasch: durch große Schenkungen von PrivatsammlerInnen, durch regelmäßige Eingänge von GestalterInnen, durch kontinuierliche Belege von Kulturinstitutionen und Druckereien, durch Tauschgeschäfte – aber auch durch aktive Akquise und gezielte Ankäufe, die bis heute meist projektbezogen passieren. 1976 überließ zudem die Allgemeine Plakatgesellschaft, die größte Plakatierungsgesellschaft der Schweiz, dem Archiv nochmals um 50 000 Plakate vorwiegend schweizerischer Provenienz und ergänzte diesen Bestand fortan jährlich durch die Übergabe der aktuellen Jahresplakate. Neue Erkenntnisse über das sachgemäße Lagern der äußerst fragilen Objekte, die eigentlich für die Vergänglichkeit gemacht sind, aber auch neue technische Möglichkeiten der Erschließung von Sammlungsexponaten datieren erst aus den letzten rund 20 Jahren. Seit 2002 werden alle Neuzugänge in einer elektronischen Bilddatenbank erfasst, seit 2007 sind sie unter www.eMuseum.ch für ein Fach- als auch Laienpublikum online abrufbar. Die Altbestände können vor Ort in einem Zettelkatalog eingesehen werden. Jüngster Meilenstein in der Geschichte der Zürcher Plakatsammlung und der seit den 1970er Jahren reklamierten Notwendigkeit besserer Archivbedingungen und größerer Sichtbarkeit ist der Zusammenzug aller bislang in ganz Zürich verstreuten Sammlungen des Museum für Gestaltung Zürich unter einem Dach. Die gut eine halbe Million Objekte umfassenden Bestände der Design-, Grafik-, Kunstgewerbe- und Plakatsammlung befinden sich heute gemeinsam mit der gesamten Zürcher Hochschule der Künste, zu welcher das Museum organisatorisch gehört, in einer umgebauten Joghurtfabrik auf dem sogenannten Toni-Areal im Westen der Stadt. Swiss Style versus gestalterische Pluralität Schneckenburgers Position als Sammler, die sich explizit an einer Vielfalt gestalterischer Haltungen orientierte und nicht einzig formal-ästhetische Kriterien in den Blick nahm, liegt auch der Sammlungspolitik der Plakatsammlung, wie eingangs beschrieben, zugrunde. Und doch konzentriert sie sich aufgrund ihres geografischen Sitzes und ihrer Anbindung an eine Hochschule der Künste insbesondere auf Innovationen im Schweizer Grafikdesign. Schon immer galt dabei, was heute noch gilt: Viele der für das Sammlungsarchiv ausgewählte Plakate finden praktisch zeitgleich mit ihrem Erscheinen im öffentlichen Raum auch Eingang in die Sammlung, die

202


Bettina Richter

13

13 Jörg Hamburger, Georg Staehelin Foto/Photo: Stefanie Knapp Unbekannt – Vertraut/Unknown – Intimate, 1987 14 Hans-Rudolf Lutz Britische Sicht!/British View!, 1988

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GESTALTUNGSKONZEPT DESIGN SCHEME

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Yuan Wang

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Yuan Wang

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Yuan Wang

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AUSSTELLUNGEN EXHIBITIONS (ÄNDERUNGEN VORBEHALTEN/SUBJECT TO ALTERATIONS)

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D Berlin 16. Juni bis 2. Juli 2017 Kulturforum Staatliche Museen zu Berlin Matthäikirchplatz D 10785 Berlin in Zusammenarbeit mit der/in cooperation with the Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin www.smb.museum/museen-undeinrichtungen/kunstbibliothek/ D Essen 6. bis 23. Juli 2017 Museum Folkwang Untergeschoss Museumsplatz 1 D 45128 Essen in Zusammenarbeit mit/in cooperation with Deutsches Plakat Museum im Museum Folkwang Essen www.museum-folkwang.de/de/ueber-uns/ sammlung/deutsches-plakat-museum.html D Nürnberg/Nuremberg 27. Juli bis 10. September 2017 Neues Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg Klarissenplatz D 90402 Nürnberg in Zusammenarbeit mit/in cooperation with Neues Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg www.nmn.de CH Luzern/Lucerne 23. September bis 1. Oktober 2017 im Rahmen von/as part of »Weltformat 17 – Plakatfestival Luzern«

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Kornschütte im Rathaus Luzern Kornmarkt 3 CH 6004 Luzern in Zusammenarbeit mit dem/in cooperation with the Verein Weltformat http://weltform.at CH La Chaux-de-Fonds 27. Oktober bis 12. November 2017 QUARTIER GENERAL (QG) Rue du Commerce 122 CH 2300 La Chaux-de-Fonds in Zusammenarbeit mit/in cooperation with SPUREO und/and QUARTIER GENERAL (QG) www.supero.ch www.q-g.ch A Wien/Vienna 18. Oktober 2017 bis 25. Februar 2018 MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst Stubenring 5 A 1010 Wien in Zusammenarbeit mit dem/in cooperation with the MAK Wien www.mak.at CH Zürich 22. Dezember 2017 bis 14. Januar 2018 ZHdK – Zürcher Hochschule der Künste, Toni-Areal Pfingstweidstrasse 94 CH 8005 Zürich in Zusammenarbeit mit der/in cooperation with Zürcher Hochschule der Künste und dem/and the Museum für Gestaltung Zürich www.zhdk.ch www.museum-gestaltung.ch Transporte Ausstellungstournee/exhibition tour transports Transport & Kurier Express Radebeul Harald Gottleuber, D Radebeul


Plakate sind ein Medium der Straße, bestimmt für den Aushang im öffentlichen Raum. Als visualisierte Botschaft sind sie bestenfalls nicht bloß Werbemittel, sondern, für sich genommen, von künstlerischem Wert. Auch wenn sich das mediale Repertoire enorm erweitert hat und zwischen trendiger Leuchtreklame und allerlei Großbildschirmen in den Städten nur noch selten geklebte Poster auf Litfaßsäulen zu entdecken sind, das Plakat hat – egal ob Offset-Druck in großer Auflage oder Unikat – noch immer das Potential, Aspekte, die unser Leben bestimmen, zu Papier zu bringen. Das haben Plakate mit Büchern gemein und so ist es für uns als Kunstbuchverlag eine große Ehre, ab 2017 die 100 besten Plakate zu publizieren und an den Jahrbüchern mitzuwirken, die in ihrer individuellen Gestaltung selbst auch eine Weiterführung des Wettbewerbs in gedruckter Form darstellen. Irgendwie beruhigend, dass Papier eben doch noch immer ein sicherer Datenträger ist und hoffentlich auch bleibt. Posters are a medium of the streets, designed to be hung in the public space. As visualized messages, they are, at best, not merely advertising media, but of artistic value in their own right. Even if the repertoire of the medium has expanded enormously and it is rare to find posters pasted on pillars in the cities amidst the trendy illuminated adverts and the hodgepodge of big screens, posters – whether large offset editions or single copies – still possess the potential to put aspects that define our lives onto paper. This is what posters have in common with books, so for us, as a publisher of art books, it is a great honour to publish the 100 best posters beginning in 2017 and to contribute to the yearbooks, which, in their individual design, are a continuation of the competition in printed form. It is somehow reassuring to know that paper really still is and we hope will remain a safe data medium.

ISBN 978-3-86206-658-2

Preview: 100 beste Plakate 16 Deutschland Österreich Schweiz  

Blick in das Jahrbuch [zeigt einige Beispiele - der 258 Seiten in ›zufälliger‹ Abfolge] zur aktuellen Auswahl der 100 besten Plakate aus Deu...