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GottHelF  |  Leben, Werk und Wirkung von Albert Bitzius


G o t t h e lf Leben, WErk und Wirkung von Albert Bitzius

G e r ha r d S c h ü t z ( H G . )   |   Z y t g l o gg e


Inhalt Gotthelf neu entdecken

Zum Geleit

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  

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Gerhard Schütz

1. Mensch, Autor und Werk im Zentrum 2. Leben, Schreiben, Wirken

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   11

Das Gotthelf-Zentrum Lützelflüh

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   12

Gerhard Schütz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   17

Selbstbiografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   18 Albert Bitzius

Von Rechen, Gemälden und Büchern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   23 Jeremias Gotthelf

Der Widerspenstige und seine vergebliche Zähmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   26 Julian Schütt

3. Der Zeitkritiker

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   41

Die Zeitgemässheit eines «Unzeitgemässen» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   42 E. Y. Meyer

Ein Politiker malgré lui . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   47 Reinhard Straumann

4. Der Theologe und Pfarrer

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   57

Pfarrer, Prediger und Prophet – . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   58 Jeremias Gotthelf als Theologe Stefan Bieri

5. Gotthelf und die Musik

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   67 Mir ist das Ohr für die Musik verschlossen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   68

Brigitte Bachmann-Geiser

6. Die historisch-kritische Gesamtausgabe

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   77

Der Herausgeber als Schatzsucher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   78 Norbert D. Wernicke


7. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   83 Gotthelf neu lesen Die Wassernot im Emmental – literarische Nagelfluh . . . . . . . . . . . . . . . . . .   84 Gerhard Schütz

8. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   91 Werk und Wirkung Der Diagnostiker unserer vernetzten Bosheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   92 Peter von Matt

Risse durch die Existenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   98 Peter von Matt im Gespräch mit Manfred Papst

Motive und Botschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   100 Oscar A. Kambly

9. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  105 Wirkungen und Das schwarz-weisse Emmental . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   106 Nebenwirkungen Bernhard Giger Schriftgelehrter gegen Mundartschriftsteller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   112 Fredi Lerch

Zum Dessert «Ännelis Visite-Greeme» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   116 Hanspeter Bundi

10. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  121  Der Gefeierte Jeremias Gotthelf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   122 1954 · 1997· 2004 Walter Muschg «Zu Gotthelfs Zeiten» – über die beklemmende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   128 Gegen­wärtigkeit eines Altväterischen Ulrich Knellwolf

Ein Mann, ein Wort, eine Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   136 Beat Sterchi

11. Leben und Werk im Zeitkontext

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  141

12. Bücher von, um und über Gotthelf

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  149


«Wir müssen bekennen, dass Gotthelf ohne Ausnahme das grösste epische Talent war, welches seit langer Zeit lebte und vielleicht für lange Zeit lebt.» Gottfried Keller

«Gotthelf sticht mit seiner kräftigen, scharfen Schaufel ein gewichtiges Stück Erdboden heraus, ladet es auf seinen literarischen Karren und stürzt denselben mit einem saftigen Schimpfworte vor unsern Füssen um. Da können wir erlesen und untersuchen nach Herzenslust. Gute Ackererde, Gras, Blumen und Unkraut, Kuhmist und Steine, ­vergrabene köstliche Goldmünzen und alte Schuhe, Scherben und Knochen, alles kommt zutage, stinkt und duftet in friedlicher Eintracht durcheinander, dass der verzärtelte Leser mehr als einmal unwillkürlich das Taschentuch an die Nase führt, insonderlich wenn er hinter der nordischen Teetasse sitzt, deren gern gesehene Zierde Jeremias Gotthelf gegenwärtig zu sein scheint.» Gottfried Keller

Albert Bitzius, Ölgemälde, J. F. Dietler, 1844 6


«Wo Herr Jeremias Gotthelf die Stoffe zu seinen Werken hernimmt.» Karikatur aus dem ‹Guckkasten›, 1850

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Gotthelf neu entdecken Zum Geleit

Ein erweitertes, differenziertes Gotthelf-Bild Kaum ein Autor der deutschen Literatur ist so populär geworden und geblieben wie Albert Bitzius – alias ­Jeremias Gotthelf –, und kaum einer wird wohl heute im Verhältnis zu seiner Popularität so wenig gelesen. Denn diese beruht vor allem auf Filmen, Hörspielen und Theaterstücken nach seinen Werken. Neu gefördert wurde diese Popularität in jüngerer Zeit durch die beiden Jubiläumsjahre vor und nach der Jahrtausendwende (1997, 2004), die auf grosses Echo in der Bevölkerung und in den Medien stiessen und schliesslich auch mit den Anstoss für das Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh (Eröffnung 2012) sowie für eine neue historisch- kritische Gesamtausgabe gaben, deren erste Bände Ende 2012 erschienen.

Das vorliegende Buch umfasst zum einen exemplarische Texte von bleibendem Wert, die in den 15 Jahren zwischen 1997–2012 aus aktuellem Anlass erschienen sind, und zum andern Originalbeiträge, die alle in ihrem Zusammenspiel einen Beitrag leisten möchten zu einem erweiterten, differenzierten und vorurteilsfreien Gotthelf-Bild.

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Bereichert durch Gotthelfs kurze Autobiographie und eine umfassende synoptische Darstellung von Leben und Werk, ist dieses Buch seit Hanns Peter Holls vergriffenem grossen Standardwerk «Jeremias Gotthelf. Leben, Werk, Zeit» (1988) seit langem das erste, das wieder eine Gesamtschau über Leben, Werk und Wirkung dieses «grössten epischen Talents» (Gottfried Keller) bietet, und stellt damit auf seine Art ein neues Grundlagenwerk dar.

Gotthelf, der Augenmensch Das vorliegende Buch ist nun nicht nur ein Textbuch, wie es bei einem literarischen Thema naheliegend ist, sondern auch ein Bildband. Seit vielen Jahren fotografiert der Herausgeber im Emmental sozusagen auf den Spuren von Gotthelf. Vieles von dem, was wir im Emmental heute noch sehen, hat schon Gotthelf gesehen. Es entstehen zum einen Bilder von seiner Wirkungsstätte und -Landschaft. Dann sind es aber auch


Bilder, die direkt inspiriert sind von Sätzen, von Gedanken des Schriftstellers. Gotthelf wurde verfilmt und dramatisiert (und das führte manchmal auch eher von ihm weg). Mit den Bildern dieses Buchs können wir Gotthelf als einen Autor entdecken, der auch ein Augenmensch war. Gotthelf – ein Augenmensch? Auf den ersten Blick vielleicht eher überraschend, dass dieser Mann des Wortes auch ein Mann des Auges, der Bilder sein soll.

vorreformatorischen Zeit eine so zentrale Rolle spielten, wurden zurückgedrängt, zerstört. Und da kommt nun Gotthelf und schreibt: «Noch weilt bei vielen der Glaube, das Anschauen der Natur führe von Gott ab, Gott rede nur in seinem geschriebenen Wort zu uns. Für seine Stimme, die tagtäglich durch die Welten zu uns spricht, haben sie keine Ohren. Dass Gott im Sichtbaren darstelle das Unsichtbare, dass die ganze Natur eine Gleichnisrede sei, täte jedem Not zu erkennen.» (Die Wassernot im Emmental) An anderer Stelle spricht er von einem «wunderbaren Hineinragen einer unsichtbaren Welt in unsere Welt» und von einem «Zusammenhang der sichtbaren und unsichtbaren Dinge». Zahlreiche Fotografien dieses Buches möchten im Zusammenspiel mit Zitaten aus seinem Werk diese noch zu entdeckende Seite von Gotthelfs Weltsicht und Werk erlebbar machen. Im September 2013 Der Herausgeber und Fotograf Gerhard Schütz

Doch in seinem Werk finden sich immer wieder Sätze oder ganze Abschnitte, die zeigen, wie intensiv Gotthelf mit seinen Augen wahrnahm und aus diesen tiefen Seherlebnissen zu kraftvollen, bildhaften Worten fand. Wort und Bild: In der protestantischen Tradition eine brisante Beziehung, wie die Geschichte des Bildersturms in der Reformation zeigt. Nur das Wort sollte von Gott zeugen. Das Sichtbare und sein Bild dagegen, aber auch Bilder des Unsichtbaren, die in der

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1. Mensch, Autor und Werk im Zentrum «Es ist in manchem Haus, als ob ein guter Geist drin wäre.»

Gotthelf-Zentrum Lützelflüh

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Das Gotthelf-Zentrum Lützelflüh Gerhard Schütz

Ort der Inspiration 1831 betrat Albert Bitzius das Pfarrhaus zum ersten Mal und wirkte dort und von dort aus bis zu seinem Tode. Hier lebte er mit seiner Familie, hier klopften Bedürftige aus seiner Kirchgemeinde an, hier entstanden seine Werke, hier empfing er Gäste aus aller Welt. Heute sind nun diese Räume für alle offen, die dem Menschen, dem Schriftsteller und seinem Werk sozusagen aus nächster Nähe begegnen möchten. Das Pfarrhaus von Lützelflüh wurde 1655 im Stil der Spätrenaissance erbaut. 1686 schuf der Berner Maler Friedrich im Innern ornamentale Grisaille-Malereien, die aber später mit Holzverkleidungen überdeckt wurden, so dass Gotthelf sie nicht gekannt hat. Erst beim Umbau zum Gotthelf-Zentrum 2012 kamen sie wieder zum Vorschein und bilden heute ein reizvolles Gestaltungselement der Innenarchitektur. Ein neuer, heller Grau-Ton der Wandverkleidungen, Vitrinen und Ausstellungskorpusse bildet auch den diskreten Hinter- und Untergrund für die zahlreichen Exponate.

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17. und 21. Jahrhundert im architektonischen Dialog

Eingang zur Sonderausstellung mit Grisaille-Ornamenten (1686)


Das Gotthelf-Zentrum möchte ein Ort der Inspiration sein, möchte die Neugierde der Besucherinnen und Besucher wecken, indem es sich Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf und seinem Werk von verschiedenen Seiten her nähert. Im Zentrum stehen vor allem seine Texte, ihre literarische Qualität, ihre ungestüme Sprache und ihre Originalität, mit der er seinen kritischen Blick auf die ihn umgebende Welt in Worte fasste. Das Gotthelf-Zentrum ist in der Ausstellungs-Gestaltung und -Didaktik auf dem neusten Stand und ver­ mittelt Albert Bitzius als Mensch und Autor auf über­ raschend unkonventionelle Weise. Auch Jugendliche werden so sehr gut angesprochen.

Das Arbeitszimmer

An diesem Tisch entstand Weltliteratur.

Im rekonstruierten Arbeitszimmer (das Original lag im 1. Stock) nähert sich die Ausstellung dem Vielschreiber Bitzius. Rund um seinen Schreibtisch (einer Rekonstruktion aus dem 20. Jahrhundert) erhalten wir ein Stück weit Einblick in seine Arbeitswelt. Zu sehen sind eine Auswahl von Erstausgaben, eine Piscator-Bibel, die Bitzius als sein wichtigstes Arbeits­ instrument bezeichnete, sowie verschiedene faksimilierte Manuskripte, die – dank eines überraschenden Effektes – teilweise auch gehört werden können. Romanzitate, Ausschnitte aus Briefen, Textstellen aus Zeitungsartikeln und Auszüge aus den Kalenderge-

Gotthelfs Piscator-Bibel

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schichten verdeutlichen seine enorme Produktivität, aber auch sein Talent als vielseitiger Schreiber, der sämtliche damals zur Verfügung stehenden Kommunikationsmedien geschickt zu nutzen wusste.

Der Raum der Familie und Gotthelfs Werke

Die Porträts von Albert Bitzius (J. F. Dietler) und Henriette Bitzius Zeender (F. Walthard)

Ein weiterer Raum nähert sich dem privaten Albert Bitzius, erzählt vom Zusammenleben in der Familie, in der meistens auch Bitzius’ Mutter und seine Schwester lebten, und zeigt die Familie als grosszügige und weltoffene Gastgeberin, die in manchen Jahren über 500 Gäste bei sich aufnahm. Auch die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung sind hier zum Ver­weilen eingeladen: In einem Bücherregal stehen die Werke Gotthelfs. Hier besteht die Möglichkeit, sich hin­ zusetzen und den «echten» Gotthelf (wieder) zu entdecken.

Der Medienraum

Die Kinder Cécile, Albert, Henriette (Daguerrotypie, ca. 1845)

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Der Raum im Bereich der ehemaligen Küche widmet sich dem populären Bild des Schriftstellers, wie es im 20. Jahrhundert stark durch die Hörspielfassungen der 50er- und 60er-Jahre und die Verfilmungen Franz Schnyders geprägt wurde – das Bild von Gotthelf als «heimeligem» Bauerndichter und Repräsentanten einer untergegangenen idyllischen Schweiz (siehe


Medienraum: Von Angesicht zu Angesicht – Jugendliche im Dialog mit Gotthelf …

dazu Kapitel 9, S. 105). Anderseits waren diese Umsetzungen in Bild und Ton auch einer der Gründe für die bis heute anhaltende enorme Popularität des Dichters. Doch die Rezeption der Werke Gotthelfs ist bis heute nicht abgeschlossen. Davon zeugen z. B. die Auseinandersetzungen zeit­ genössischer Autoren, wie sie auch in diesem Buch zu Wort kommen (Beat Sterchi, Peter von Matt, ­U lrich Knellwolf u. a.), mit Gotthelfs Texten. Auch für die Wissenschaft bleibt Gotthelf interessant: Von der auf 67 Bände angelegten historisch-kritischen ­Ge­samtausgabe erschienen 2012 die ersten acht Bände. (Über die Entstehung dieses Jahrhundertwerks ist in diesem Buch im Kapitel 6, S. 77, Überraschendes zu erfahren.)

Die Sonderausstellung Begleitend zur Dauerausstellung erlaubt das Konzept der jährlichen Wechselausstellung, in einem Raum auf ausgewählte Bereiche in Gotthelfs Werk detaillierter einzugehen.

Der Dachraum Der Raum wird geprägt von der grosszügigen originalen Dachkonstruktion und der kargen Mägdekammer auf der Nordseite. Der Raum ist ideal für Veranstaltungen, die einem breiteren Publikum vielseitige Aspekte von Gotthelfs Leben und Werk vermitteln.

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2. Leben, Schreiben, Wirken ÂŤIch kann mich nicht sattsam wundern, wie aus einem Jungen, der seine Beine nicht stille zu halten vermochte, solch sitzender und schreibender Mensch herauswachsen konnte.Âť

Prachtsausgabe, 1894

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Selbstbiografie Ich bin den 4. October (1797) in Murten geboren, wo mein Vater, Burger von Bern, deutscher Pfarrer war. Als wilder Junge durchlebte ich dort die wilde Zeit

Geburtshaus in Murten

der Revolution und Helvetik, besuchte die dortige Stadtschule, wo man mir gewöhnlich das Zeugnis gab, dass man mit dem Kopfe wohl, mit den Beinen aber, welche ich nie stille halten konnte, übel zufrieden sei. Im Jahr 1805 erhielt mein Vater die Pfarrei Utzenstorf. Von da an un­terrichtete er mich selbst, so

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dass ich im Jahr 1812 das Gymnasium in Bern beziehen konnte. Meine Kenntnisse gingen aber nicht weit über Grie­chisch und Latein hinaus. Nebenbei las ich Ro­mane, so viel ich zur Hand bringen konnte, trieb starken Schaf handel, lernte jagen, fischen, reiten, übte mich in allen Landarbeiten, einigen weiblichen Handarbeiten und brachte es in mehr als einem ländlichen Spiel zu bedeutender Fertig­keit. Der berühmte Professor Lutz, welcher da­mals dem Gymnasium vorstund, übte von allen meinen Lehrern, welche ich je gehabt, den gröss­ten Einfluss auf mein inneres Leben. Ich ging auf seinen Rat im Jahr 1814, da ein halber Fehler zu viel in einer lateinischen Arbeit meine legitime Beförderung gehindert hatte, als Exterus in die Akademie über. Hier brachte ich drei Jahre in der ­sogenannten Philosophie sehr fleissig zu, trieb alte Sprachen, Mathematik, Philosophie, wo Joh. Rud. Wyss besonders freundlich und väterlich sich meiner annahm. Meiner Mutter selig sagte er einmal: «Sagt doch euerm Sohne, er solle schöner schreiben lernen, er schreibt wie eine Sau. Lässt er mal was drucken, besonders in Deutschland, so hat er ds Schinders Verdruss.» «Jawolle», antwortete meine Mutter, «das wird er wohl la blybe.» «Mi cha nit wüsse», sagte Wyss. Damals kam auch das Turnen in Gang durch Clias, dessen eifrigster Schüler ich wurde. Nach drei Jahren wurde ich auf legitime Weise und zwar mit Ehren in die Theologie aufgenommen; wäre ein gewisses auf begehrisches Wesen nicht gewesen, ich wäre nach Freund Rau­chen­stein in Aarau der


Zweite promoviert worden, jetzt wurde ich nur der Dritte. Drei Jahre brachte ich in der sogenannten Theologie zu, sie waren für mich wissenschaftlich nicht fruchtbar. Die Gesellschaft und namentlich die weibliche nahm mich mehr in Anspruch als die Wissenschaft. Es war die Rosenzeit meines Lebens. Auch versah ich anderhalb Jahre lang die oberste Ele­men­tarklasse an der sogenannten grünen Schule. Im Jahr 1820 wurde ich Kandidat, zugleich Vikar bei meinem Vater, half in der Schule und wurde von meinem Vater geschult, indem er mir das Lesen der Predigten, überhaupt den Gebrauch des Kon­zepts abgewöhnte. Im Frühjahr besuchte ich Göt­tingen und blieb ein Jahr dort. D ­ amals

Ehemaliges Pfarrhaus Herzogenbuchsee

florierte Göt­ tingen; über vierzig Schweizer waren dort, von denen mehrere berühmt geworden, viele in ehrenwerter Stellung sind. Im Herbst besuchte ich die Insel Rügen, und zwar alleine, und verschmähte ­Hagenbachs Gesellschaft, der mir da­mals zu rasche Beine hatte. Im schönen Frühjahr 1822 kehrte ich über Leipzig, Dresden, München heim und ward wieder Vikar bei meinem Vater, beschäftigte mich mit der Schule, trieb Landwirtschaft, Volkspädagogik von allen Sorten, es war die Zeit goldmacherischen Schwärmens. Der Tod meines Vaters 1824 zerstäubte die Ideale, un­d als Vikar der grossen Gemeinde Her­ zogen­buchsee wurde ich eingeweiht in die Pastoral­ geschäfte. Hier blieb ich fünf Jahre, bis ich als Vikar des berühmten Herrn Pfarrer Wyttenbach nach Bern an die Heilig-Geist-Kirche berufen wurde. Hier machte ich einen praktischen Kurs in der Ar­men­pflege durch und genaue Bekannt­schaft mit dem Stadtgesindel.

Heiliggeistkirche Bern 19


Pfarrbezirk, Pfarrhaus Utzenstorf 20


Kirche, Pfarrhaus und Pfrundscheune Lützelflüh

Zu Ende des Jahres 1830 wurde ich durch den Nachfolger des Herrn Wyttenbach, meinen verehrten Lehrer Pfarrer Lutz, abgelöst und ging als Vikar nach Lüzelflüh, wo der Nestor der bernischen Geistlichkeit, Herr Fasnacht, Pfarrer war. Die Pfarre Lüzelflüh liegt im schönsten Teile des Emmentals, ist aber auch die zerstreuteste im Kan­ton Bern, denn sie stösst an dreizehn andere Kirchgemeinden. Nach dem Tode des Herrn Fasnacht wurde ich im Merz 1832 zum Pfarrer derselben erwählt; es war die erste Pfarrei, welche die damals neue Regierung bestellte. Ein Jahr später verheiratete ich mich mit der Grosstochter meines letzten Prinzipals, der Tochter des seiner Zeit berühmten Professor Zeender von Bern. Damals war der Kanton Bern der Schauplatz verschiedenartiger Kriege, unter welchen doch keiner mit der Erbitterung geführt wurde wie der pädagogische. Als Mitglied der grossen Schul­kom­m ission des Kantons, als Lehrer an einem

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Wieder­holungskurse, welchen das Erziehungs-Depar­­ te­ment in Burgdorf erteilen liess, während Herr Fel­ lenberg zu Hofwyl Gegenkurse hielt, und später als Schulkommissär wurde ich einigermassen in diese Kriege verflochten und brach mehr als eine Lanze mit Herrn Fellenberg. Dieser und der Cha­rakter meiner Gemeinde, der mich zu einem lang­samen Zuwarten, zu einer Art von Passivität verurteilte, weckten in mir immer mehr das Be­dür­f ­n is, über Volkssachen schriftlich mich auszusprechen, während meiner Natur nichts widerlicher war, als sich ans Schreiben zu setzen. Sie musste sich fügen, im Jahr 1836 kam das immer ge­stei­ge­r ­te Bedürfnis im «Bauernspiegel» zum Au­s­­bruch. Se­i­t­her nun will es gar kein Ende nehmen, so dass ich mich nicht sattsam wundern kan­n, wie aus einem Jungen, der seine Beine nicht stille zu halten ver­mochte, solch sitzender und schreibender Men­sc­h herauswachsen konnte.


Von Rechen, Gemälden und Büchern Aus «Leiden und Freuden eines Schulmeisters I»

Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man mit Leib und Seele bei einer Sache ist oder nur mit dem Leibe. Nehmt den gemeinsten Handwerker, nehmt den Rechenmacher, und lasst ihn mit innerer Lust und Freude an einem Rechen arbeiten; dieser kömmt gewiss viel «Die meisten Leute denken mich anders, als ich bin, und daher beurteilt man auch mein Schreiben, das ich nur psychologisch rechtfertigen kann, von einem falschen Standpunkt.»

niedlicher und zierlicher heraus als ein Rechen, den einer gemacht hat, um eben einen Rechen zu machen und vier Batzen zu verdienen. Wollt ihr das noch deutlicher sehen, so betrachtet ein Gemälde, welches hervorgetreten ist aus dem Geiste eines geistig Schaffenden, und ein andere­s, das nur der Pinsel gemacht hat! Bei dem ersten trittet euch aus der toten Leinwand etwas Un­ne­n­n­bares entgegen, es spricht zu euch, es regt euch auf; es ist Geist des Künst-

lers, den er hineingezaubert hat in das Bild, es ist ein geistig Leben da, welches beherrscht und hinreisst. Während bei dem gepinselten Gemälde alles regel«Ich konnte nirgends ein freies Tun sprudeln lassen, konnte nicht einmal ordentlich ausreiten. Hätte ich alle zwei Tage einen Ritt tun können, ich hätte nie geschrieben.»

recht ge­zeic­h­net und gefärbt dasteht und -liegt, aber man sieht, es ist eben nur gefärbt und gezeichnet, man sieht, dass es die Hand und nicht der Geist gemacht. Ledern und hölzern hängt das Ding da; mag es auch dem Auge gefallen, man geht doch kalt vorüber und fühlt nachher keinen Widerklang desselben in der Brust. Leset ihr Bücher? Nun wohl, habt ihr da keinen ­Unterschied empfunden? Sind euch die einen nicht kreuzlangweilig vorgekommen, wie gelehrt und nütz­ lich sie auch sein mochten? Stund da wohl ein schöner Spruch schön am andern, aber einen nach dem andern «Ich hatte eine Pfarr-Gemeinde, wo ich nur rein durch Passivität Boden gewinnen konnte, durch verfluchtes Zuwarten. Ich wurde von allen Seiten gelähmt, niedergehalten.»

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vergasst ihr wieder. Und andere Bücher laset ihr mit Wohlbehagen durch, es war euch behaglich dabei, vielleicht schaurig, aber sie gingen durch euch durch wie Haber­ker ­n­e­n­brühe und hinterliessen nichts als etwas Schleim. Gab es aber auch Bücher, die euch ergriffen mit ganz eigener Gewalt, die euch festbannten an sie, dass ihr sie kaum aus den Händen bringen konntet und noch viel weniger aus dem Kopf, die euer ganzes Wesen aufwühlten wie der Sturm das Me­e­r,

«Ein wildes Leben wogte in mir, von dem niemand eine Ahnung hatte. Dieses Leben musste sich entweder aufzehren oder losbrechen auf irgend eine Weise. Es tat es in der Schrift.»

die ein eigen Feuer in euch anzündeten, dass ihr nach den Köpfen griffet, ob nicht auch feurige Zu­n­­gen denselben entsprühten, die eine süsse Wonne in eure Herzen gossen, eine Labung, für die ihr keine Namen fandet? Die ersten sind Huhn und Ei, oder welche man von sich gehen lässt, damit eben etwas geht. Die Einen schreiben bärzend und schwitzend, träumend von Unsterblichkeit, und haben das Schicksal der Frösche vergessen, die fliegen wollten in den Mond. Andere schreiben ums Futter, Futter für die kurze oder lange Weile. Sie wecken Beide nicht Geist, wecken nicht Leben, sie selbst haben darum auch nur ein

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«Mein Schreiben war der Ausbruch eines Bergsees, ein Bahnbrechen, ein wildes Umsichschlagen nach allen Seiten hin, woher der Druck gekommen, um freien Platz zu erhalten.»

kurzes Leben. Jener zweiten Bücher Geburt ist wunderbar. Wie Minerva aus dem Kopfe ihres Vaters sprang, geharnischt und bewehrt, wie aus dem Schloss der Erde die Quelle strömt, süss und stark, wie aus der schwarzen Wolke der Blitz zuc­k­t, feurig und zündend, begleitet von des mächtigen Donners mächtiger Stimme, die die Welt aus dem Schlaf ruft, so werden diese Bücher geboren. Des Geistes Brausen erfüllt ihre Väter, des Geistes Blitz erleuchtet sie, des Geistes Strom ergreift sie, und geboren ist, was Geister er­we­ c­ken, Leben erzeugen und selbst nicht sterben wird als des Geistes Kind. Wo aber kein Geist ist, sondern nur ein Leib, da wird kein Geist, sondern nur ein Leib geboren und meist noch ein schlechter.

«Die Welt drückte so lange auf mich, bis sie mir Bücher aus dem Kopf drückte, die ich ihr an die Köpfe werfen konnte.»


Buch-Objekte im GotthelfZentrum

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Der Widerspenstige und seine vergebliche Zähmung Ein Porträt

Julian Schütt

Auch über 150 Jahre nach seinem Tod ist Jeremias Gotthelf ein Spaltpilz: Die einen halten ihn für ein Stück Emmentaler Folklore, die anderen für den hunds­ gemeinsten aller Schweizer Schriftsteller. Porträt eines Mannes, der die Geister in Schwung halten wird.

Als sein Hals immer dicker wird, und dies ohne Wutanfall, atmet mancher in Lützelflüh und Umgebung auf. Als geschwollene Füsse hinzukommen – Herzprobleme haben seine Mobilität schon früher eingeschränkt –, braucht endgültig niemand mehr die Lauschangriffe des Seelsorgers zu fürchten. Zuvor war dem Sittenspitzel nichts in der Berner Gemeinde verborgen geblieben, und am runden Tisch musste man höllisch aufpassen, was man in seiner Anwesenheit sagte. Der Herr Pfarrer verwertete es sonst in seinem jährlichen Visitationsbericht, worin er in vorgeschriebener Reihenfolge über den innern und äussern Zu-

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stand seiner Gemeinde Bericht erstattete. Der Gipfel aber war aus Sicht von etlichen Bewohnern: Gotthelf verdiente zusätzlich Geld, indem er seine Romane mit dem Aufgeschnappten füllte. Auf die verlorene Bewegungsfreiheit folgt eine krankhafte Schlafsucht. Selbst unter politischen Gegnern, die ihn einst mundtot machen wollten, jenen Bauern, die ihm mit den Fäusten drohten oder aus deren Häusern ihm jedes Mal Hohngelächter nachtönte, wenn er vorüberging, regt sich nun ein gewisses Mitgefühl. In seinem Zustand kommt er keinem mehr frech. Obwohl in der Gemeinde die wenigsten seine Bücher lasen, gibt man jetzt zu, Gotthelf habe die Heimat doch recht ordentlich besungen. Man ist fast ein bisschen stolz auf den hauptsächlich in Deutschland berühmten Sohn, dem die preussische Prinzessin und spätere Königin Augusta ein Schreibzeug schenkte, wofür er sich artig bedankte: «Wer aus dieser Hand Gaben erhält, der darf sich wohl zählen unter die Tapfern, die recht kämpften in dieser handlichen Zeit, muss mit frischer Kraft fechten im Gewühle …»

Der giftige Gotthelf bleibt verborgen Er feiert noch seinen 57. Geburtstag, ehe ihn ein Katarr, den er zärtlich «vaterländische Verschleimung» nennt, weiter schwächt. Seine letzten Fieberfantasien kreisen um das belagerte Sebastopol. Am 22. Oktober, einem Sonntagmorgen, stirbt er. Die Beerdigung las-


sen sich die Lützelflüher nicht entgehen. Nun ist er endgültig einer der Ihren. Trotz einzelner Grabschändungen sitzt die Gemeinde fortan wie eine Glucke auf ihrem Gotthelf. Im Laufe der Zeit versinkt er immer tiefer in Agrarfolklore und Nostalgiehumus. Dass es einen ganz andern Gotthelf gibt – den Desperado, dem ausserhalb seines religiösen Fundaments nichts heilig ist –, ahnen heute sowohl seine Vermarkter als auch die Wallfahrer. Aber man macht es wie in der «Schwarzen Spinne», zieht einfach den Zapfen nicht aus dem Loch, damit dieser giftige Gotthelf nicht entweicht, der über dem Bundeshaus-Eingang am liebsten den Spruch «All unsere Gerechtigkeit ist ein unflätig Kleid» eingemeisselt hätte, der über die regierende «Bundespastete» herzog, den Parlamen­ tarismus verwarf, die Bundesverfassung von 1848 als Lumpenwerk abtat und die Berner Regierung als «Meineidige und Hosenscheisser» titulierte. Die Frage, welcher Gotthelf der «echte» sei, hat die Gemüter oft erhitzt. 1913 wagte der Berner Schriftsteller C. A. Loosli in einem Jux die Hypothese, Gotthelfs Romane seien in Wahrheit das Produkt eines Bauern namens Johann Ulrich Geissbühler. Loosli wollte beweisen, wie leicht die Schweizer Fachwelt jedem Schwindel aufsitze (wofür er von ebendieser Fachwelt und den Feuilletons lebenslänglich geächtet wurde). 1931 machte sich der junge Privatdozent Walter Muschg daran, unter all dem abgelagerten Ruralkitsch den wahren Gotthelf freizulegen. Das verharmlosende Bild vom heimeligen Homer, der

«Popanz aus christlicher Moral und Heimatliebe» sollte ein für alle Mal entsorgt werden. Walter M ­ uschgs Buch revolutionierte die behäbige Gotthelf-Forschung. Mit dem Slogan «Keller verkörpert ein Jahrhundert, Gotthelf ein Jahrtausend» verschaffte er sich den ­nötigen Raum zu einer bis heute unerreichten Tiefendeutung – sie ist, neben den Aufsätzen von Peter von Matt, die spannendste Einführung in Leben und Werk des Autors. Während der Gotthelf-Euphorie der fünfziger und sechziger Jahre gebärdete sich Muschg zuweilen wie dessen Stellvertreter auf Erden. Er las dem armen Mundartdichter Ernst Balzli die Leviten, der fürs Radio äusserst populäre berndeutsche Hörspielbearbeitungen verschiedener Gotthelf-Romane produziert hatte. Walter Muschg warf Balzli vor, das Genie Gotthelf «verschandelt» zu haben. Da in der Kunst «die Rücksicht auf die Masse das sichere Kennzeichen des Schlechten» sei, könne man unmöglich «für den echten Gotthelf Hunderttausende mobilisieren». (siehe auch S. 113)

Dank Ueli-Chäsli in der Leute Munde Elitär im Stile eines Adorno muss man jedenfalls den Emmentalern nicht kommen. Sie wissen, welcher Gotthelf für sie am besten ist. Soll Muschg doch ­behaupten, das Emmental, das sich in den Büchern des Dichters ausbreite, habe niemals existiert, sei nur

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Mythos. Von diesem abgehobenen Gotthelf kann keiner leben. Da greift man in Lützelflüh dem Nachruhm lieber praktisch unter die Arme, erinnert an die Ueli-Romane, indem man Ueli-Chäsli verkauft. Dank geschicktem Merchandising ist Jeremias Gotthelf noch in aller Munde, hält die Emmentaler Volkstümlichkeit am Dampfen. Das soll ehrenrührig sein? Der Meister selbst kannte doch keine Berührungsängste zum breiten Publikum, er wollte nie nur Literatur schreiben, «damit ein vornehm Herrlein oder Fräulein in einer langweiligen Stunde sich herablasse», diese zu lesen. So reklamiert jede Seite den vermeintlich echten Gotthelf für sich. Vielleicht, weil seine Romanfiguren derart authentisch wirken, hätten wir auch die Echtheit des Verfassers gerne geklärt und stehen dann vor unliebsamen Widersprüchen in seiner Biografie. Eigentlich heisst Gotthelf Albert Bitzius. Kurz nach seiner Geburt am 4. Oktober 1797 in Murten marschieren die Truppen des Leibhaftigen durch den Ort: Napoleon besetzt die Schweiz und verwandelt sie für zwei Jahre in Europas Schlachtfeld. Das Ancien Régime hat ausgedient, die Macht der Berner Burger­ aristokratie, der auch Vater Bitzius angehört, wird beschnitten. An den Folgen, besonders an der Trennung von Kirche und Staat, arbeitet sich sein Sohn sein Leben lang ab. Schon vom kleinen Albert berichten die Angehörigen, er habe gefährlich seine Fäustchen geballt, als die zuchtlose gegnerische Soldateska (tatsächlich waren es helvetische Plünderer) bis ins

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Kinderzimmer vordrang und die Schränke durchwühlte. Der Vater Sigmund Bitzius, Landpfarrer mit orthodoxen Prinzipien, hält zumindest im eigenen Haus an der patriarchalischen alten Ordnung fest. Einer trübt die Familienidylle empfindlich: Alberts zwei Jahre jüngerer Bruder Fritz. Die Nachkommen haben jedes Andenken an ihn, den Missratenen, offenbar absichtlich getilgt. Dennoch ist der Bruder für Albert eine zentrale Bezugsperson. Fritz hält es nirgends lange aus, flieht die strenge Welt des Vaters, während Albert als Prediger in dessen Fussstapfen tritt. Fritz macht Schulden, Albert trägt sie ab. Fritz wird, kaum ist der Vater tot, Söldner, wie 23 000 andere Schweizer in dieser Zeit, erst in Diensten der französischen Schweizergarde, dann in einem neapolitanischen Regiment. Er ist ein Stromer und Glücksritter, der das Leben wählt, das Albert/Jeremias insgeheim vorschwebt. Der kann die Eifersucht auf den Bruder nur schwer verbergen. Eifersucht, heisst es im «Bauernspiegel», zeuge vom Bewusstsein, was man selbst zu tun imstande wäre, was man selbst zu tun Lust hätte, wenn die Gelegenheit sich darböte. Der Held in diesem verhüllt autobiografischen Erstling sollte ursprünglich Fritz heissen, doch entscheidet sich Bitzius für den Namen Jeremias Gotthelf. Unter diesem Pseudonym tritt er gleich auch als Autor auf.


Bibel und Brote für den fidelen Bitzius Im Februar 1886, dem Entstehungsjahr des «Bauernspiegels», fällt Fritz, 37-jährig, in einem Gefecht. Im Buch lässt der Autor den verstossenen Jeremias ebenfalls Söldner in französischen Diensten werden – und kein zimperlicher: «[…] je grösser das Wehgeschrei um mich her, desto mehr lachte mir das Herz im Leibe, hatte ich doch auch oft so geschrien und rings um mich alle gelacht. Zudem war unser Regiment durch einige hinterlistige Mordtaten erbittert, und überhaupt ist der Schweizer, wenn er einmal losgelassen ist, ein unghürigs Tier. So trieb ich es lange und

stund bei den Kameraden in gewissem Ansehen, denn in der Not konnte jeder auf mich zählen; einigen schien vor mir zu grauen, aber ich spottete ihrer.» Anders als Fritz kehrt der literarisierte Jeremias zurück und beginnt ausserhalb der kirchlichen Konventionen eine priesterliche Tätigkeit. So verschmelzen im «Bauern­spiegel» die Biografie des Bruders und jene Alberts. Auch in seinem zweiten Buch, «Freuden und Leiden eines Schulmeisters» von 1838, lässt Gotthelf die Hauptfigur entsprechend ausreissen und untergehen. Keine Frage, dieses Schreckensszenario schloss er auch für sich nicht aus.

Der Speicher

«Der Spycher ist die grosse Schatzkammer in einem Bauernhause; derowegen steht er meist etwas abgesondert vom Hause, damit, wenn dieses in Brand aufgehe, jener noch zu retten sei. Er enthält nicht nicht bloss Korn, Fleisch, Schnitze, Kleider, Geld, Vorräte an Tuch und Garn, sondern selbst Schriften und Kleinodien, er möchte fast das Herz eines Bauernwesens zu nennen sein.»

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Schon als Student der Theologie weiss Gotthelf manchmal nicht wohin mit seiner Kampflust. Er geht auf Bälle und macht Radau. In der «vaterländischen Turngemeinde», nach dem Vorbild von Turnvater Jahn geführt, ist er einer der Hitzigsten. Ein Kraftkerl, dem burschenschaftliches Treiben, verbunden mit wüsten Gelagen, zusagt. Briefe unterzeichnet er mit «Dein fideler Bitzius». Die Frauen halten ihn öfter vom Lernen ab, er ist als Unterhalter begehrt. 1819 schreibt er einem Studienfreund: «Du sagtest mir diesen Sommer einst, wenn ich so fortfahre, unter den Besen mich herum zu treiben, so gehe ich zu Grund. Recht hattest Du schon damals, was würdest Du aber jetzt sagen, wenn Du mich fast alle Abende u. oft noch den ganzen Tag in Gesellschaften sehn u. hören würdest.»

Frauen, Branntwein – und Selbstzweifel Sich den Frauen als Ernährer zu empfehlen und ihnen Butterbrote zu streichen, ist eine erotische Leidenschaft von ihm. In einer 1820 entstandenen frühen Erzählung über eine Gurten-Besteigung mit vier Begleiterinnen und einem Rivalen lesen wir: «Welch himmlisches Vergnügen, einem hübschen Mädchen Speise zu bereiten, die weisse Hand ergreift, der reitzende kusslichte Mund empfängt, die niedlichen blendenden Zähne zermalmen sie, und das Wohlbehagen der Speise verwandelt sich dann in Wohlwollen gegen den Bereiter, dem man den Genuss verdankt.»

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Ein andermal schifft ihn eine junge Frau über die Aare, als den Pfarrhelfer Bitzius wieder die Lust am Ernähren überkommt. Feldarbeiter ertappen ihn da­ bei, wie er, augenscheinlich zum Spassen aufgelegt, der Schifferin einen Schluck Schnaps aus seiner Jagdflasche anbietet. Die Frau weigert sich, aber er lässt nicht locker, bis er sie so weit hat, dass sie vor ihm niederkniet und in dieser Stellung aus der Flasche trinkt. Jahrzehnte später wird er sich in der Erzählung «Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen» mit grosser Hingabe und sinnlichem Realismus dem Volkslaster Trunksucht widmen. Nach dem bestandenen geistlichen Examen folgt ein Deutschland-Jahr. In den Korrespondenzen nach Hause verrät Gotthelf erstmals literarischen Ehrgeiz. Er bittet darum, seine Briefe aufzubewahren, und belehrt die Schwester Marie, es zieme sich für den Mann, dass er ein gesundes Selbstbewusstsein habe, wobei dieses «ebenso sehr von Bescheidenheit als Eigendünkel entfernt» sein soll. Er wolle dies nicht weiter ausführen, vielleicht könne sie es eines Tages in gedruckter Form nachlesen, denn er habe sich entschlossen, ein grosser Schriftsteller zu werden. Die Selbstverliebtheit schlägt rasch in depressive Selbstanklage um. Es würden ihm die Talente fehlen, klagt Gotthelf, um sich über die Mittelmässigkeit zu erheben. Glaubensfragen scheinen den Pfarrvikar nicht übermässig zu beschäftigen. 1828 inspirieren ihn die Reformationsfeiern zu einem «Gespräch zwischen Luther,


Zwingli und Calvin im Himmel über die religiöse Gestaltung in der Welt seit ihrem Tode». Die Schrift artet in ein vernichtendes Gericht über den zeitgenössischen protestantischen Religionsbetrieb und die wis­ senschaftliche Theologie aus. Ihn nervt die Frömmelei, der man mit aller Macht entgegenwirken müsse. Im Übrigen festigt Bitzius seinen Ruf als Lebemann. Über seine Zeit in Herzogenbuchsee kursieren etliche Gerüchte. Er habe sich als Viehhändler oder Fuhrmann verkleidet und in abgelegenen Wirtshäusern mit Dorfrüpeln gezecht. Auch Frauenbesuchen, dem sogenannten «Kiltgang», sei er nicht abgeneigt gewesen. In Herzogenbuchsee ist nach dem frühen Tod der Pfarrerstochter sein Name in aller Munde. Bitzius soll für ihren Tod verantwortlich sein. Er wehrt sich, ­Sophie habe ihm tatsächlich ihre Liebe gestanden und er ihr schonend beibringen müssen, dass er vergeben sei. Sie hätten sich aber auf ihren Wunsch in guter Freundschaft weiter getroffen. Sophies Eltern rückten von ihrem Schuldvorwurf nicht ab.

Mächtiges Zeugnis der Revolution Im Emmentaler Wochenblatt wird Bitzius ein langes Register von Jugendsünden vorgehalten und in höhnischem Ton das «Freundliche Ansuchen an Jeremias G-f» gerichtet, er möge seine Leser doch mit einer wahrheitsgetreuen Selbstbiografie erfreuen und darin ausführen, wie er denn als unverheirateter Vikar von

Utzenstorf «Ätti» geworden sei. Auch wenn die ihm feindlich gesinnte Presse vieles auf bauschte, traut der Forscher Muschg dem frühen Gotthelf durchaus zu, dass er «abenteuerte» wie der Bruder Fritz, und dass der Satz aus dem «Kurt von Koppigen» auch auf ihn selber zutraf: «Er dachte an hohe Dinge und tat desto niedrigere.» Im «Bauernspiegel» macht Jeremias seiner Geliebten im Rausch ein Kind, das bei der Geburt qualvoll stirbt, zusammen mit der Mutter. Nach der Pariser Julirevolution von 1830 fühlt sich Bitzius erst recht «von der Theologie weg zur Politik gerissen». Er wird bei einem Hungerlohn nach Bern versetzt, wo seit dem Sturz Napoleons wiederum die konservativen Oligarchen das Sagen haben. Es kommt zu Aufständen, Bitzius’ Zimmer dient als Nachrichtenzentrale: «Liberale wollten Nachrichten, brachten mir welche. Aristokraten taten auch das ihre, wollten nebenbei mich bekehren.» Schliesslich gibt sich der Kanton eine liberale Verfassung. Wahlberechtigt ist jedoch nur, wer neben dem männlichen Geschlecht, dem Bürgerrecht und einem guten Leumund auch ein gewisses Vermögen besitzt. Der junge Vikar bewegt sich plötzlich im Mittelpunkt des politischen Geschehens, steht scheinbar in direktem Kontakt mit dem revolutionären Weltgeist. Die Ereignisse sind für ihn «ein neuer Beweis gegen die, welche behaupten, die Welt werde immer schlimmer und die Menschen immer verdorbener». Er ist ein «30er» wie Büchner, Heine und Börne, der «Bauernspiegel», so Peter von Matt, sei neben Heines «Franzö-

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Gerhard Schütz – Gotthelf