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WIEN MUSEUM

RUDOLF WEISS

GEZEICHNETE MODERNE

EIN SCHÜLER OTTO WAGNERS

Metroverlag


Herausgegeben von Andreas Nierhaus Metroverlag

RUDOLF WEISS


Wien museum

gezeichnete Moderne

EIN SCHĂœLER OTTO WAGNERS


Inhalt 4—Vorwort Matti Bunzl 6—Gezeichnete Moderne – Rudolf Weiß und die späte Wagner-Schule Andreas Nierhaus 14—Katalog Andreas Nierhaus 112—Die Schule Otto Wagners an der Akademie der bildenden Künste in Wien Richard Kurdiovsky 116—Die Jubelfeier Otto Wagners 1911 – Triumph der Moderne in Wien Gerd Pichler 122—Lebenslauf Rudolf Weiß 126—Bildnachweis, Zitatnachweis 127—Autoren, Dank 128—Impressum


Vorwort

Das Infragestellen überlieferter ästhetischer Prinzipien und die Suche nach neuen gestalte­ rischen Lösungen ist heute ein selbstverständ­ licher Teil der Architekturausbildung. Dem war aber nicht immer so. Bis weit ins 20. Jahr­ hundert wurde die professionelle Ausbildung vielerorts von der historischen Stillehre domi­ niert. Wie in anderen Bereichen begann sich im späten 19. Jahrhundert eine Wandlung zu vollziehen. Aber so wie es Jahrzehnte dauerte, bis sich die Biologie gegen die Naturgeschichte oder die Ökonomie gegen die Wirtschaftsge­ schichte durchsetzte, war auch der Moder­ nismus zunächst vom akademischen Betrieb ausgeschlossen. Wien spielt in dieser Geschichte eine zentrale Rolle. Denn der Ort, an dem sich die Moderne zum ersten Mal einen Platz in der architektonischen Schulung erkämpfte, war die Akademie der bildenden Künste. Dort richtete Otto Wagner 1894 eine „Specialschule“ ein – die weltweit erste akademische Lehranstalt für moderne Architektur. Als Vorläufer heute ‚klassischer‘ Ausbildungsstätten der Moderne, wie des Bauhauses oder des Illinois Institute of Technology, hat sie globale Bedeutung für die Geschichte der Vermittlung des neuen Bauens im 20. Jahrhundert.

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Aus Wagners Schule ging eine Reihe bedeutender Architekten und Lehrer hervor, die Wagners Ideen in der gesamten Monarchie und weit darüber hinaus verbreiteten: Josef Hoffmann in Wien, Jan Kotěra und Pavel Janák in Prag, Josef Plečnik in Prag und später in Laibach. Der Wagner-Schüler Rudolph M. Schindler wanderte 1913 nach Amerika aus und wurde wenig später, gemeinsam mit dem LoosSchüler Richard Neutra, zum Begründer der modernen Architektur in Kalifornien. In Wien prägten Wagner-Schüler wie Karl Ehn, Franz


und Hubert Gessner, Emil Hoppe, Ernst Licht­ blau, Rudolf Perco oder Otto Schönthal durch Jahrzehnte die Architekturszene und formten das bauliche Gesicht des Roten Wien. Ihre Bekanntheit verdankte die WagnerSchule zunächst jedoch vor allem den Zeichnun­ gen, die in Ausstellungen gezeigt und daraufhin in Zeitschriften und Büchern publiziert wurden und so in ganz Europa Verbreitung fanden. Die kühne Ästhetik dieser Zeichnungen vermittelte ein völlig neues Bild von Architektur und wurde von vielen Zeitgenossen nachgeahmt. Trotz ihrer aufwendigen technischen Ausarbeitung haben sich vergleichsweise wenige Zeichnungen im Original erhalten. Sie sind heute rare Sammler­ stücke. Mit dem Nachlass Otto Wagners besitzt das Wien Museum einen besonderen Schatz, der bisher jedoch nur vereinzelt durch wichtige Arbeiten seiner Schüler ergänzt werden konnte. Durch eine großzügige Schenkung des Freundes­ vereins kam 2014 der Großteil des zeichne­ rischen Nachlasses von Rudolf Weiß, einem der letzten Wagner-Schüler, in unsere Sammlun­ gen. Das Wien Museum ist damit in der glück­ lichen Lage, die Arbeit der Wagner-Schule und die wechselseitigen Bezüge zwischen dem Lehrer Wagner und seinen Schülern exempla­ risch anhand eines umfangreichen Bestandes hervorragender Zeichnungen darstellen zu kön­ nen. Wie bei vielen Wagner-Schülern konnten auch im Schaffen von Weiß die hohen ästheti­ schen Ansprüche der graphischen Arbeiten nur bedingt in die gebaute Wirklichkeit übertragen werden. Die Ausstellung trägt diesem Umstand Rechnung.

Noch einmal zu erwähnen ist der Verein der Freunde des Wien Museums. Seinem Enga­ gement verdankt unser Haus die Akquisition einer Reihe großartiger Objekte. Die Schenkung des Nachlasses von Rudolf Weiß steht in dieser wichtigen Tradition, die auch die aktive Teil­ nahme der Zivilgesellschaft am Wachsen der Sammlungen des Wien Museums symbolisiert. Wir sind unseren Freunden zutiefst dankbar. Matti Bunzl Direktor Wien Museum

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Unser Vorhaben, die Schenkung in einer Ausstellung zu präsentieren, stieß bei Michaela Reden, einer Enkelin von Weiß, von Anfang an auf großes Interesse. Für ihr Entgegenkommen und ihre Unterstützung möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Wichtige Leihgaben aus Familienbesitz ergänzen unsere Ausstellung.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Nachlasses übernahm unser Architektur-Kurator Andreas Nierhaus, der auch Ausstellung und Katalog konzipierte. Damit wird nicht nur das Schaffen von Weiß selbst zugänglich gemacht, sondern auch das Medium Zeichnung als wich­ tigstes Ausdrucksmittel der Wagner-Schule präsentiert und analysiert. Mein Dank gilt auch Isabelle Exinger-Lang (Ausstellungsproduktion), Laura Tomicek (Registrarin) und ihrem Team. Die zum Teil aufwendige Restaurierung der Blätter übernahmen Andreas Gruber, Nora Gasser, Beatríz Torres Insúa und Melanie Nief. Die Gestaltung von Ausstellung und Katalog lag in den Händen von Christof Nardin.


Gezeichnete Moderne —Rudolf Weiß und die späte Wagner-Schule Andreas Nierhaus

„The perception of space is not what space is, but rather one of its representations; in this sense, built space has no more authority than drawings, photographs or descriptions.“1 Beatriz Colomina Über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten, zwischen 1894 und 1913, war die Schule Otto Wagners an der Wiener Akademie der bildenden Künste das produktivste und bedeutendste Laboratorium der modernen Architektur.2 Konsequent vollzog Wagner (Abb. 1) mit seinen Studenten die Abkehr vom historischen Stil­ vorbild, das während des 19. Jahrhunderts und weit darüber hinaus den Architekturdiskurs und damit die akademische Architektenausbil­ dung beherrschte. In der Wagner-Schule wurde systematisch an einer neuen Ästhetik geforscht, die auf Material, Zweck und Konstruktion basierte. Bereits in seiner programmatischen Antrittsrede an der Akademie hatte Wagner unter dem – von Gottfried Semper geborgten – Leitsatz „Artis sola domina necessitas“3 von der Architektur ein Bekenntnis zur konsequenten Zeitgenossenschaft gefordert: „Unsere Lebens­ verhältnisse, unsere Konstruktionen müssen voll und ganz zum Ausdruck gebracht werden, soll die Architektur nicht zur Karikatur

6 Abb. 1: Otto Wagner (1841–1918) auf einer Fotografie aus dem Jahr 1911


herabsinken.“4 Der „Realismus unserer Zeit“ werde den Formen „neues pulsirendes Leben“ ein­ hauchen und „das Gebiet des Ingenieur­wesens erobern“; dann werde auch ein neuer Stil entstehen.

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Das wichtigste Medium der Wagner-Schüler waren Zeichnun­ gen, in denen die Möglichkeiten einer neuen architektonischen Sprache mit neuen gestalterischen Mitteln am Beispiel von Wohnund Geschäftshäusern, Hotels und Theatern, Flughäfen und Sport­ stätten, Klöstern und Residenz­ schlössern visualisiert wurden. Durch ihre gezielte Veröffentlichung in Ausstellungen, Zeitschriften und eigenen Publikationen wurde ein internationales Publikum mit den Ideen der Schule vertraut gemacht (Abb. 2). Die radikale Modernität Abb. 2: Zinshäuser von Antonin Engel und Anton Floderer, der Wagner-Schüler blieb zumeist aus: Wagnerschule. Arbeiten aus den Jahren 1905–06 und 1906–07, auf das Papier beschränkt: Ihre Leipzig: Baumgärtner, 1910 ausgeführten Bauten reichten kaum jemals an die Innovationskraft der gezeichneten Architekturen heran.5 Es hat beinahe den Anschein, als hätte sprechen, „modern architecture only becomes die Ausführung der Zeichnungen ihre gesamte modern with its engagement with the media“.9 kreative Energie absorbiert. Der Einfluss der In den Zeichnungen von Rudolf Weiß, einem Wagner-Schule ist dennoch nicht zu unterschät­ der letzten Wagner-Schüler, lässt sich dieses zen. So fußt etwa die „futuristische“ Architektur Phänomen exemplarisch nachvollziehen. Antonio Sant’Elias unmittelbar auf der Aus­ einandersetzung mit den Publikationen der Waffen aus Papier. Otto Wagner und seine Wagner-Schule.6 Das visionäre Potenzial der Schüler verstanden sich als künstlerische Avant­ Zeichnungen lässt sich daran erkennen, dass sie garde, ja als „Armee“10, die angetreten war, um in vielen Fällen architektonische Lösungen um im Kampf gegen den erstarrten Historismus Jahrzehnte vorwegnahmen.7 den Weg für einen funktional, materiell und konstruktiv bestimmten „Zukunftsstil“11 zu Die Zeichnungen Otto Wagners und seiner ebnen. Die Rhetorik von Krieg, Kampf und Sieg Schüler zählen heute nicht nur zu den eindrucks­ war ein typisches Stilmittel in den Veröffentli­ vollsten Architekturdarstellungen ihrer Zeit, chungen der Wagner-Schüler. Joseph August sie sind darüber hinaus auch Inkunabeln für Lux etwa verglich den Meister im Jahr 1902 die Allianz von Architektur und Medien im mit Kadmos, dem König von Theben: „Er säete 20. Jahrhundert: Denn wenn, ausgehend von Drachen­zähne und geharnischte Männer wuch­ Henri Lefebvre, Architektur nicht allein um­ sen empor, ein thebanisches Geschlecht, um eine bauter Raum, sondern darüber hinaus stets neue Stadt zu bauen.“12 In der Ansprache des auch sozial, medial konstruiert ist und mittels Wagner-Schülers Theodor Deininger anlässlich Sprache, Texten, Bildern und anderen Medien des zehnjährigen Jubiläums der Wagner-Schule verhandelt und auf diese Weise ‚produziert‘ 1905 hieß es: „Eine Schar kampfeslustiger, wird, dann wird sie auch wesentlich von der sieges­bewußter Männer, mit unserem Meister spezifischen Beschaffenheit jener Medien als Führer und Lenker an der Spitze, kam heran­ geprägt, die sie diskursiv herstellen und reprä­ gebraust, alles niederwerfend, was sich ihnen sentieren.8 Oder, um mit Beatriz Colomina zu in den Weg stellte.“13 Ernst Lichtblau, ebenfalls


ein Schüler Wagners, schrieb 1910: „Der ideale Kampf, den sie bisher gegen Unvernunft und Verstockt­ heit geführt, der Titanenkampf der Talente, er gab so manchen heißen Tag und viele Wunden schlug der aus dem Schlaf gerüttelte, rasende Gegner.“14

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Die Waffen im Kampf für die moderne Architektur waren in erster Linie mediale Reprä­ sentationen: neben Fotografien ausgeführter Bauten vor allem Zeichnungen möglicher Bauten. Frei von den Einschränkungen und Abb. 3: Otto Wagner, Nadelwehr in Nußdorf, Fotografie von C. G. Röder, 1900 Wien Museum, Inv.Nr. 93.075/23 Zwängen der gebauten Wirklich­ keit vermittelten sie das idealisierte, visionäre Bild einer künftigen Für Otto Wagner hingegen hatte die Architektur: „Flugblätter sollen es sein, die wir Architekturzeichnung, das traditionell wichtigste in die Welt hinausschicken, ein Aufruf, eine Ausdrucksmittel des Architekten, stets den Propaganda für den Gedanken der modernen 15 repräsentativen Zweck, Architektur als Bild, Kunst […].“ In der Wagner-Schule wurde die Moderne gezeichnet, noch bevor sie gebaut als ‚Kunstwerk‘ wirksam werden zu lassen: wurde. Die Komposition sollte dem Gegenstand ange­ messen sein und dem Betrachter zu erkennen Die Omnipräsenz suggestiver Zeichnun­ geben, dass es sich um die künstlerische Dar­ gen im Diskurs um die moderne Architektur stellung und Überhöhung noch nicht gebauter stieß jedoch auch auf Kritik – selbst unter den Architektur handelte. Bei der graphischen Wagner-Schülern. 1908 richtete sich Marcel Kammerer gegen die „überhandnehmende Zeichenmanie der Architekten“: „Durch die beabsichtigte dekorative Wirkung der Darstel­ lung wurde natürlicherweise das dargestellte Objekt selbst beeinflußt […]. Es war bei vielen eine reine Verliebtheit in die Zeichnung unver­ kennbar, die schwere Opfer forderte. Kam es dazwischen einmal zum Bauen, dann entstan­ den gebaute Skizzen, aber selten Werke der Baukunst.“16 Kammerer forderte im Gegenzug, „mit den einfachsten zeichnerischen Mitteln ein vollkommen klares, präzises Bild des darzustel­ lenden Entwurfes“ zu geben, „daß man über dem Dargestellten die Darstellung vergißt“. Im Jahr darauf schrieb Adolf Loos, deutlich schär­ fer: „Die baukunst ist durch den architekten zur graphischen kunst herabgesunken. Nicht der er­ hält die meisten aufträge, der am besten bauen kann, sondern der, dessen arbeiten sich auf dem papier am besten ausnehmen. […] Fürchterlich aber ist es, wenn eine architekturzeichnung, die man durch die art ihrer darstellung schon als graphisches kunstwerk gelten lassen muß, […] in stein, eisen und glas ausgeführt wird. Denn Abb. 4: Der Architekt 14 (1908), das zeichen des echt empfundenen bauwerkes Supplementheft, Umschlag nach einem Entwurf ist: daß es wirkungslos in der fläche bleibt.“17 von Oskar Strnad, 1907


Konzeption sollten eine spätere Präsentation und Publikation stets mitgedacht werden, die Zeichnun­ gen sollten zugleich klar und effekt­­ voll sein, um bei Wettbewerben aus der Masse der konventionellen Projekte hervorzustechen und an den Wänden der Ausstellungssäle gegenüber Werken der Malerei und Graphik bestehen zu können. Wagners Werk ist nicht zuletzt auch ein zeichnerisches, da er stets größten Wert auf die perfekte graphisch-visuelle Inszenierung seiner Entwürfe legte, und manche Projekte den Anschein erwecken, als seien sie bereits durch ihre Existenz auf der Fläche des Zeichen­ papiers ‚realisiert‘.

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Medien und Öffentlichkeit. Durch Zeitschriften und Bücher, die in zahlreichen Ateliers in Europa und Übersee auflagen, war die WagnerSchule rasch international zum Abb. 5: Otto Wagner, Wettbewerbsprojekt für das Kriegsministerium am Stubenring, 1908 Begriff geworden. Das zentrale Wien Museum, Inv.Nr. 96.017/4 Organ der Wagner-Schule war seit 1895 die Zeitschrift Der Architekt. Rudolf Weiß, Sohn eines Zimmer­ meisters und Großbauern aus Kaltenleutgeben, das Kriegsministerium am Stubenring, war war Schüler der Staatsgewerbeschule in Wien, Wagners Entwurf (Abb. 5) zwar der mit Abstand als er sie 1908, im Alter von 18 Jahren, zum überzeugendste, hatte gegenüber der konser­va­ ersten Mal erwarb.18 Der Architekt erschien tiven Jury und dem im Hintergrund agierenden seit jenem Jahr mit einem neuen, von Oskar Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, der Strnad gestalteten Umschlag (Abb. 4): Schmale Wagners Architektur mit reaktionärem Furor Bildausschnitte, in denen die Figuren umso ablehnte, aber keine Chance. Der erste Preis mächtiger wirken, zeigen links Papst Julius II., wurde Ludwig Baumanns neobarockem vor dem ein Page eine Schale voller Münzen in Projekt zugesprochen. Um gegen das Juryurteil die Höhe hebt; rechts Michelangelo mit dem zu protestieren, wurde Wagners Beitrag in der Modell der Kuppel von St. Peter, vor ihm eben­ öffentlichen Ausstellung der Pläne von anderen falls ein Page, der den Grundriss des Zentral­ Wettbewerbsteilnehmern mit einem großen bauprojekts für die Papstkirche präsentiert. Lorbeerkranz geschmückt, wie sich der WagnerStrnads Cover zeigt Michelangelo nicht, wie in Schüler Franz M. Jansen erinnert.21 Auch der einer früheren Illustration von Leopold Bauer, Streit um Wagners Projekt für das Kaiser Franz als zum Monument erstarrtes Künstlergenie,19 Joseph-Stadtmuseum am Karlsplatz bewegte sondern als Partner eines mächtigen Bauherrn. sich zu jener Zeit auf seinen Höhepunkt zu. Große Architektur braucht mutige und ent­ Immerhin bot die Kunstschau im Sommer schlossene Auftraggeber, scheint dieses Titel­ 1908 einigen von Wagners Schülern die Möglich­ bild sagen zu wollen, mehr noch: Die Moderne keit, ephemere Proben ihres Könnens ohne steht auf einer Stufe mit der Renaissance, ihre Einschränkung in die dritte Dimension zu Architekten sind zum Bauen im größten Maß­ übersetzen. Bei prestigeträchtigen staatlichen stab bereit, Wien soll ein neues Rom werden.20 Aufträgen jedoch war die architektonische Moderne nach wenigen Jahren der Öffnung in Die Wirklichkeit im Wien des Jahres 1908 die Defensive geraten. In diesem kulturpoli­ sah indes nüchterner aus: Im Wettbewerb um tischen Klima konnten sich die Wagner-Schüler den letzten Monumentalbau an der Ringstraße, tatsächlich als tapfere Armee begreifen, die


Abb. 6: Otto Wagner, Wettbewerbsprojekt für das Stadtmuseum auf der Schmelz, Perspektive, 1912 Wien Museum, Inv.Nr. 56.937

die künstlerische Überzeugung ihres „Meisters“ und „Anführers“ Wagner mit allen Mitteln verteidigte.

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Auf den jungen Weiß, der damals „in grenzenloser Bewunderung, ja Ehrfurcht“ vor Wagners Stadtbahnbauten und dem Nußdorfer Wehr (Abb. 3) stand,22 dürfte neben der moder­ ni­stischen Ästhetik der Bauten und Entwürfe auch die heldenhafte Aura Wagners und seiner Schüler keine geringe Wirkung gehabt haben. In jedem Fall entschied sich Weiß ganz bewusst für die medial omnipräsente, aber umstrittene Moderne Wagners und gegen den weitaus leiseren Friedrich Ohmann, der damals die zweite Spezialschule für Architektur an der Wiener Akademie leitete und ein aus den lokalen Barockformen entwickeltes, stärker an die Tradition gebundenes Bauen vermittelte.

Die Moderne in der Defensive. Als Weiß im Herbst 1910 sein Studium an der Akademie begann, ging Wagner bereits seiner Pensio­ nierung als Professor entgegen. Die neu aufge­ nommenen Schüler mussten damit rechnen, ihr Studium bei seinem Nachfolger abzuschließen. Angesichts von Wagners prägender und inter­ national beachteter Lehrtätigkeit erwarteten

die Schüler wohl eine Fortsetzung in Wagners Sinn, doch es sollte anders kommen. Die Ablehnung Wagners und seiner Schule in einfluss­reichen konservativen Kreisen machte aus seiner Nachbesetzung eine Affäre. Obwohl Wagner mit Erreichen des 70. Geburtstages nach dem Ende des Studien­ jahres 1910/11 von seiner Stelle als Professor zurücktreten hätte müssen, schob das Ministe­ rium für Kultus und Unterricht auf Ersuchen der Akademie die Pensionierung im Juni 1911 um ein „Ehrenjahr“ hinaus,23 wodurch die Frage nach seiner Nachfolge erst am Ende des Studienjahres 1911/12 akut wurde. Wagners Lehrtätigkeit endete offiziell am 6. Juli 1912, der denkwürdige Moment wurde gemeinsam mit den Studenten im Parkhotel Schönbrunn gefeiert (S. 122). Rudolf Weiß hatte damals noch ein Jahr an der Akademie vor sich. Um die Diskussion um die Nachfolge zu eröffnen, hatte Wagner selbst eine Ausstellung mit Arbeiten jener Studenten organisiert, die seiner Meinung nach für eine Professur in Frage kamen.24 Das Professorenkollegium entschied sich fast einstimmig für Josef Plečnik, das Ministerium forderte Alternativen, die Akademie antwortete, dass die „weit über die Grenzen des Reiches bekannte und berühmte Meisterschule


der Studenten von seinem Amt zurücktreten, nach langwierigen Verhandlungen übernahm Peter Behrens 1922 die Nachfolge, der mit den Aktivitäten rund um seine „Meisterschule“ an den Vorgänger Otto Wagner anzuknüpfen versuchte.32

Abb. 7: Otto Wagner, Wettbewerbsprojekt für das Stadtmuseum auf der Schmelz, Vestibül mit Donner-Brunnen, 1912 Wien Museum, Inv.Nr. 96.015/39

In den Phantasieprojekten ist dennoch ein Hang zu übersteigerter Monumentalität unver­ kennbar, wie in der antikisierenden Thermen­ anlage von Rudolf Perco (S. 108), dem Ausbau der Hofburg von Josef Hannich (S. 110) oder dem Lustschloss Sirmione von Rudolf Weiß (S. 49-55). Die „bombastische Megalomanie“ mancher Projekte wurde als Ausdruck der „verzweifelte[n] Ausweglosigkeit“ beschrieben, in der sich die moderne Architektur im Wien jener Zeit befand.34 Ihr endgültiges, offizielles „Scheitern“ markierte der Wettbewerb für den Bau des Stadtmuseums auf der Schmelz, in dem Wagners strenger, ja trotziger Rationa­ lismus von Anfang an keine Chance mehr hatte.35 (Abb. 6, 7). Ein letztes Mal zog 1912 die Publikation zu Wagners „Ehrenjahr“ Bilanz über die Pro­ duktivität seiner Schüler.36 In der Vorrede stellte Wagner zufrieden fest: „Die aus der Schule hervorgegangenen Meister und Jünger haben meine Lehre in sich aufgenommen; sie werden sie wieder ihren Nachfolgern übertragen. Diese Lehren haben derart feste Wurzeln gefaßt und sind so stark in Fleisch und Blut überge­ gangen, daß an ein Ausroden derselben nicht zu denken ist. Deshalb hat die Schule ihre Aufgabe erfüllt.“37

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Otto Wagners“ eine Fortsetzung im Geist ihres Meisters finden solle.25 Im Hintergrund war Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand emsig darum bemüht, die Lehren Wagners von der Akademie zu verbannen und einen ihm gemäßen konservativen Kandidaten in Position zu bringen. Plečnik war für ihn als „Secessionist“ untragbar,26 der Architekt selbst war davon überzeugt, dass die Ablehnung durch seine slawische Herkunft begründet war.27 Da sich die Akademie weigerte, andere Kandidaten zu nominieren, ordnete das Ministerium eine Supplierung an und einigte sich schließlich mit Wagner über eine Weiterführung des Unterrichts bis zum Ende des Studienjahres 1912/13.28 Im April 1913 erneuerte das Kolle­ gium der Akademie seinen Wunsch, Plečnik zu berufen, was zunehmend aussichtslos erschien, weshalb es im Juni Leopold Bauer, auch er ein – allerdings abtrünniger – Wagner-Schüler, nominierte, obwohl Plečnik der weitaus beste wäre.29 Weder der Thronfolger,30 noch ein in der Zeitung veröffentlichter Protestbrief der Studenten, die sich für Plečnik einsetzten,31 konnte Bauers Berufung im Herbst 1913 verhindern. Rudolf Weiß hatte damals bereits längst sein Zeugnis erhalten (S. 123). Die Lehrtätigkeit Bauers sollte nur von kurzer Dauer sein. 1919 musste er unter dem Druck

Die in den letzten Jahren entstandenen Projekte der Wagner-Schüler lassen auf den ersten Blick nichts von der für die moderne Architektur in Wien kritischen Situation und dem zunehmend konservativen bis reaktionären Klima erkennen. Das bekannte und vielfach erprobte Repertoire wurde von Wagner ganz selbstverständlich um aktuelle Themen wie die damals für Wien geplante Untergrundbahn erweitert (S. 62, 63). In welchem Ausmaß die Schule bis zuletzt zu Innovationen fähig war, zeigen die kühn inszenierte Eisenbetonkon­ struktion des Hotels von Rudolf Weiß (S. 34), das modernistische Phantasieprojekt Franz Kayms für die Insel Lacroma (S. 111), oder die Glasfassade des Warenhauses von Karl Reinhart (S. 111), das „radikalste Projekt des geometrischen Konstruktivismus und Purismus der Wagnerschule“.33


Abb. 7: Doppelseite mit Arbeiten von Rudolf Weiß aus: Das Ehrenjahr Otto Wagners, Wien: Eduard Kosmack, 1912

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Konträr zur Realität der öffentlichen Wettbewerbe und der gebauten Wirklichkeit Wiens erweckte die Ehrenjahr-Publikation den Anschein, als hätte sich die Moderne endgül­ tig durchgesetzt (Abb. 7). Wenige Jahre später sollten die Wagner-Schüler durch den Ersten Weltkrieg und den Untergang der Monarchie ihre vertraute kulturelle Basis verlieren. Das Projekt einer konsequenten architektonischen Modernisierung wurde nunmehr von anderen fortgesetzt, die ‚geschichtslose‘ Moderne ließ die Pionierarbeit der Wagner-Schüler in Vergessenheit geraten. Ihre Zeichnungen und Publikationen bleiben Gründungsdoku­ mente einer konsequent ‚medial‘ gedachten modernen Architektur des 20. Jahrhunderts, die mehr als je zuvor über Bilder kommuni­ ziert, legitimiert und produziert werden sollte. Das Phänomen ist hochaktuell, und um so mehr lohnt sich eine historische Betrachtung: Denn angesichts der zunehmend umfassenden Digitalisierung auch im Bereich der Archi­ tektur wird das Verhältnis von Bau und Bild, von physischem und virtuellem Raum neu zu bestimmen sein.

1—Beatriz Colomina: The Split Wall: Domestic Voyeurism, in: Dies. (Hg.): Sexuality and Space, New York 1992, S. 73-128, hier S. 75, (Hervorhebung im Original). 2—Zur Wagner-Schule vgl. Otto Antonia Graf: Die vergessene Wagnerschule, Wien 1969; Marco Pozzetto: La scuola di Wagner, 1894–1912. Idee, premi, concorsi (Ausst.-Kat. Triest 1979), Triest 1979, deutsche Ausgabe: Die Schule Otto Wagners 1894–1912, Wien/München 1980; Liliana Grueff: Disegni della Wagnerschule, Florenz 1989; Brigitte Marchel: Strategien der Architekturdarstellung in Projekten der Wagner-Schule, Diplomarbeit (Manuskript), Wien 2007; Richard Kurdiovsky: Die Wagnerschule, in: Walter Zednicek: Otto Wagner und seine Schule, Wien 2008, S. 5-11; Andreas Nierhaus: Architekturzeichnung und Moderne um 1900. Ästhetische Strukturen und mediale Strategien in den Projekten und Publikationen der Schule Otto Wagners, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 39 (2012), S. 181-207. 3—„Nur einen Herrn kennt die Kunst, das Bedürfniss.“ Gottfried Semper: Vorläufige Bemerkungen über bemalte Architectur und Plastik bei den Alten, Altona 1834, S. VIII. 4—Otto Wagner: Antrittsrede an der Akademie der bildenden Künste, 15. Oktober 1894, zit. nach Otto Antonia Graf: Otto Wagner. Das Werk des Architekten, Bd. 1, Wien/Köln/Graz 1985, S. 249. Danach auch die folgenden Zitate. 5—Vgl. Graf 1969 (wie Anm. 2), S. 9.


6—Graf 1969 (wie Anm. 2), S. 27; Iain Boyd Whyte: Ein Wagnerschüler in absentia, in: Vittorio Magnago Lampugnani (Hg.): Antonio Sant’Elia. Gezeichnete Architektur, München 1992, S. 57-67.

26—Vgl. Prelovšek 1979 (wie Anm. 24), S. 164; Theodor Brückler: Thronfolger Franz Ferdinand und die Denkmalpflege. Die „Kunstakten“ der Militärkanzlei im Österreichischen Staatsarchiv (Kriegsarchiv), Wien/Köln/Weimar 2009, S. 68.

7—Vgl. Graf 1969 (wie Anm. 2), S. 12; Pozzetto (wie Anm. 2), S. 28.

27—Vgl. Prelovšek 1979 (wie Anm. 24), S. 164.

8—Vgl. Nierhaus 2012 (wie Anm. 2), S. 182.

28—Archiv der Akademie der bildenden Künste Wien, 533/1912.

9—Beatriz Colomina: Privacy and Publicity. Modern Architecture as Mass Media, Cambridge (Mass.) 1994, S. 14.

29—Wagner 1967 (wie Anm. 25), S. 284.

10—Joseph August Lux: Aus der Wagner-Schule – 1902, in: Der Architekt 8 (1902), zit. nach Pozzetto (wie Anm. 2), S. 155. 11—Otto Wagner: Einige Scizzen, Projecte und ausgeführte Bau­ werke, Wien 1889, Vorwort, zit. nach Graf 1985 (wie Anm. 4), S. 72. 12—Joseph August Lux: Aus der Wagner-Schule – 1902, in: Der Architekt 8 (1902), zit. nach Pozzetto (wie Anm. 2), S. 155. 13—Rede Theodor Deiningers anlässlich der Zentenarfeier der Wagner-Schule im Jahr 1905, wieder abgedruckt in: WagnerSchule. Projekte und Skizzen aus der Spezialschule für Architektur des Oberbaurates Otto Wagner. Arbeiten aus den Jahren 1905/06 und 1906/07, nebst einem Anhang, Leipzig 1910, zit. nach Pozzetto (wie Anm. 2), S. 157. 14—Ernst Lichtblau: Vorrede, in: Wagner-Schule 1905/06 und 1906/07, zit. nach Pozzetto (wie Anm. 2), S. 168. 15—Karl Maria Kerndle: Aus der Wagner-Schule – 1902/03 und 1903/04, zit. nach Pozzetto (wie Anm. 2), S. 156.

30—Brückler 2009 (wie Anm. 26), S. 69. 31—Vgl. Reichspost, 1. November 1913, S. 7. 32—Wagner 1967 (wie Anm. 25), S. 321-323. 33—Graf 1969 (wie Anm. 2), S. 9. 34—Ebenda. 35—Peter Haiko: Otto Wagner und das Kaiser Franz JosefStadtmuseum. Das Scheitern der Moderne in Wien, in: Otto Wagner und das Kaiser Franz Josef-Stadtmuseum. Das Scheitern der Moderne in Wien (Katalog Historisches Museum der Stadt Wien), Wien 1988, S. 11-106. 36—Vgl. den Beitrag von Gerd Pichler in diesem Katalog. 37—Otto Wagner: Leitwort, in: Das Ehrenjahr Otto Wagners an der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien. Arbeiten seiner Schüler, Projekte, Studien u. Skizzen, Wien 1912, o. S.

16—Marcel Kammerer: Über die Art der Darstellung unserer Entwürfe, in: Der Architekt 14 (1908), S. 41-42, hier S. 41. Danach auch die folgenden Zitate. 17—Adolf Loos: Architektur (1909), in: Ders.: Trotzdem. Gesammelte Schriften 1900–1930, Innsbruck 1931, S. 94-95. 18—Im Nachlass im Wien Museum ist Jahrgang 14 (1908) komplett vorhanden, während Hefte älterer Jahrgänge fehlen. 19—Abb. bei Jindřich Vybíral: Junge Meister. Architekten aus der Schule Otto Wagners in Mähren und Schlesien, Wien/Köln/ Weimar 2007, S. 14. 20—Ein früheres, von Emil Hoppe gestaltetes Cover aus dem Jahr 1906 zeigt dementsprechend den Petersdom als Bindeglied zwischen dem Parthenon und Wagners Kirche am Steinhof.

22—Rudolf Weiß: Erinnerungen, zit. nach Alexander Sixtus von Reden: Bewahrer höchster Zeichenkultur. Rudolf Weiß – der letzte Schüler Otto Wagners, in: Rudolf Weiß. Stilgeschichte (Beiträge des Österreichischen Druckereimuseums 3), Regau 2002, S. 12-19, hier S. 14. 23—Archiv der Akademie der bildenden Künste Wien, 298/1911 (Ansuchen der Akademie) und 337/1911 (Genehmigung durch das Ministerium für Kultus und Unterricht). 24—Damian Prelovšek: Josef Plečnik. Wiener Arbeiten von 1896 bis 1914, Wien 1979, S. 164. 25—Walter Wagner: Die Geschichte der Akademie der bildenden Künste in Wien, Wien 1967, S. 284.

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21—Franz M. Jansen: Von damals bis heute. Lebenserinnerungen, Köln 1981, S. 43.


Aufnahme in die Wagner-Schule. Der junge Rudolf Weiß lernte die Bauten Wagners während seiner Zeit an der Staats­ gewerbeschule kennen, erlebte aber auch den Konflikt um das Kaiser Franz Joseph-Stadtmuseum auf dem Karlsplatz. Sein Lehrer Julius Deininger war ein Freund Wagners und Vater zweier Wagner-Schüler. In diesem Umfeld dürfte Weiß die Wahl zwischen der Schule von Otto Wagner und der stärker der Tradition verpflichteten Spezialschule Friedrich Ohmanns nicht schwer gefallen sein. Die Hürden für die Aufnahme bei Wagner waren allerdings hoch, denn anders als seine Vorgänger war er bei der Auswahl seiner Studenten überaus streng. Wichtigstes Kriterium war ein hoch entwickeltes Zeichentalent. Die ältesten datierten Zeichnungen entstanden auf einer sommerlichen Reise nach Salzburg und ins Salz­­ kammer­­gut 1908, unmittelbar vor dem Beginn des Matura­ jahres an der Staatsgewerbeschule in Wien. Der 18-Jährige interessierte sich für prominente Bauwerke ebenso wie für die anonyme Architektur des ländlichen Raumes und die kleinteiligen Strukturen historischer Städte. Sein Talent ist bereits in diesen frühen Zeichnungen unverkennbar, und hinter der konventionellen Motivik lässt sich sowohl in der Technik als auch in der Bildregie eine Auseinandersetzung mit den Graphiken der Wagner-Schule feststellen, die Weiß aus Publikationen vertraut waren.

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Mit zehn eigens angefertigten Zeichnungen, die sich unter den erhaltenen Blättern nicht mit Sicherheit identifi­ zieren lassen, bewarb sich Weiß im Herbst 1910 als einer von 74 Kandidaten bei Wagner. Nach einer Woche, die ihm als die längste seines Lebens in Erinnerung blieb, fand er seinen Namen auf der Liste der acht neu aufgenommenen WagnerSchüler wieder.


Akademie der bildenden Künste mit Schiller-Denkmal, um 1900 Fotografie aus dem Verlag Stengel & Co. in Dresden, 23 × 28 cm Wien Museum, Inv.Nr. 105.511/76

Rudolf Weiß, 1965

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„So stand ich mit Freund Franz Kaym am 1. Montag im Oktober 1910 mit klopfendem Herzen vor dem Chefzimmer des Ateliers Otto Wagners im Mezzanin der Akademie. Zu­ erst durfte Kaym eintreten und ich mußte etwa 1/4 Stunde warten. Dann wurde ‚Herr Weiß‘ gerufen. An einem Zeichen­ tisch saß der würdige Meister und musterte mich. ‚Haben Sie eigene Arbeiten mit?‘ Ich öffnete die Mappe, mußte mich an den Tisch vor ihm setzen und einen umfangreichen Frage­bogen ausfüllen. Als ich fertig war, überreichte ich ihm den Bogen und er gab mir die Mappe, die er durchge­ sehen hatte, zurück. Er sah mich wohlwollend an und sagte ‚Am Samstag sind die Namen der aufgenommenen Herren an der Eingangstür zur Schule angeschlagen‘ […].“


Akademie der bildenden Künste, Aula, Korridor im Hochparterre, Korridor im Mezzanin, 1904 Stereofotografien von Ludwig Grillich, je 9 × 18 cm Wien Museum, Inv.Nr. 29.819/97, 98 und 102


Romanisches Biforen-Fenster, Reiseskizze, um 1908 Bleistift, 21,2 × 14,2 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.773/14

Hallstatt, Reiseskizze, 16.7.1908 Bleistift, 14,3 × 9,6 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.773/2

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Schloss, Reiseskizze, um 1910 Bleistift, Aquarell, 20,9 × 9,8 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.773/17


Partie aus der Altstadt von Passau, Reiseskizze, 1910 Bleistift, Aquarell, 14,8 × 16 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.773/16

Häuser an der Pegnitz in Nürnberg, Reiseskizze, um 1910 Bleistift, Buntstift, Aquarell, 13,4 × 14,7 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.773/18

„Darin liegt das vielbewunderte Geheimnis des Erfolges der Wagnerschule, dass er die Talente erkennt und eine strenge Auslese hält. Andere Kunstschulen mögen mit der Schülerzahl prun­ ken, siebzig und mehr im Jahrgang. Er aber siebt und siebt immer wieder. Es bleiben zehn oder fünf im Jahr. Aber mit fünf solchen fühlt er eine Armee in der Faust.“ Joseph August Lux, 1902

Schloss Pöggstall, um 1910 Bleistift, 17,5 × 12,3 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.773/13


Landhaus, um 1910 Bleistift, Aquarell, 17,2 × 11,6 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.772/22

Landhaus, um 1910 Bleistift, Aquarell, 9,1 × 34,1 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.772/21

Haus im Weinberg, um 1910 Bleistift, Aquarell, 12,4 × 9,4 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.772/23


Skizze zu einem Kriegerdenkmal in Malborgeth im Kanaltal, Ansicht, 1909/10 Bleistift, Feder, Buntstift, Aquarell, Deckfarben, Goldfarbe, 12,4 × 14 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.772/11

Skizze zu einem Kriegerdenkmal in Malborgeth im Kanaltal, Grundriss und Schnitt, 1909/10 Bleistift, Feder, Buntstift, Aquarell, Deckfarben, Goldfarbe, 12 × 14 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.772/12 Im Mai 1809 wurde die Festung Malborgeth im Kanaltal (seit 1919 bei Italien) gegen die Truppen Napoleons verteidigt. Die Opferzahlen waren auf beiden Seiten hoch. Obwohl die Festung schließlich von den Franzosen eingenommen werden konnte, trug die Verzögerung zum Sieg Erzherzog Karls in der Schlacht bei Aspern bei. Das Projekt für ein Kriegerdenkmal entstand wohl unter dem Eindruck von Weißens Dienst als Einjährig-Freiwilliger beim k. u. k. Festungsartillerie-Regiment Nr. 1. Die stereometrischen Formen erinnern an archaische Grabbauten.


„Athene“, nach 1913 Bleistift, Feder, Deckfarben, Goldfarbe auf Pergament, 15,2 × 17,7 cm Privatbesitz

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Als Göttin der Weisheit und der Künste, aber auch des Kampfes, wurde Pallas Athene die Schirmherrin der Wiener Secession und des künstlerischen Aufbruchs in die Moderne. Auch Otto Wagner und seine Schüler wählten die bewaffnete Tochter des Zeus zur programma­ tischen Leitfigur: So beschützt sie in Form eines Mosaikes von Leopold Forstner den Eingang zu Wagners zweiter Villa in Hütteldorf (1912/13), und auch in den Publikationen der WagnerSchule taucht die Göttin immer wieder auf, als Sinnbild des Kampfes um die Moderne und ihrer Überlegenheit gegenüber der ‚toten‘ Tradition.


Erstes Jahr: Zinshaus Dreihufeisengasse. Wie seit jeher in Wagners Schule üblich, sollten auch die im Herbst 1910 neu aufgenommenen Studenten zunächst ein Wiener Zinshaus entwerfen, um Probleme der Konstruktion und des Mietwohnens zu erörtern und zeichnerisch zu lösen. In jenem Jahr hatte Wagner ein schmales Grundstück in der Dreihufeisengasse an der Ecke zum Getreidemarkt ausgewählt, das zur selben Zeit mit einem konventionellen Zinshaus verbaut wurde (Lehárgasse 1, Entwurf Franz Mörtinger). Nach dem Vorbild von Wagners Haus an der Wienzeile interpretiert Weiß die beiden Fassaden als Frontseiten zweier Baukörper, die durch die Eckrundung miteinander verklammert werden. Die klassischen Proportionen bleiben durch die Gliederung in Sockel (mit Geschäftslokal), Geschoßzone und Gebälk gewahrt; die Fassaden sind frei von jeglichem ‚überflüssigen‘ ornamentalen Zierrat. Den bunten teppichartigen Fliesendekor verwirft Weiß zugunsten eines in den Putz geritzten Netzes aus orthogonalen Linien, das die Fensteröffnungen in die Fassade einbindet. Am Sockel und unter dem Kranzgesims sind Glas- bzw. Steinplatten in den Verputz eingelassen, an der Ecke tritt die Eisenbetonkonstruktion des Gebäudes zum Vorschein, wird durch eine Verkleidung mit Steinplatten ästhetisch überhöht und – wie am Erker – mit blinkendem Metall beschlagen.

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Die sachliche und zugleich raffinierte graphische Inszenierung ist der Aufgabe vollkommen angemessen und vermittelt so die wesentlichen Aspekte des Projektes. Die Parallelen zu Wagners letzten Häusern in der Neustiftgasse (1909) und der Döblergasse (1911) sind unverkennbar.


Studie zu einem Zinshaus, Perspektive, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 21,1 × 14,9 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/1


24 Zinshaus, Fassadendetail, 1910/11 Bleistift, Deckfarben, Goldfarbe, 27,5 × 16,5 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/2


Zinshaus, Fassadendetail, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 27,7 × 9,2 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/3 Zinshaus, Fassadendetail, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 30,5 × 11,2 cm Wien Museum, 238.764/4

Zinshaus, Fassadendetail, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 30,8 × 13,7 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/5


Zinshaus, Perspektive, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 21,7 × 16,4 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/8

Zinshaus, Perspektive, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 30,9 × 14,4 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/7

Zinshaus, Fassadendetail, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 30,8 × 13,7 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/6

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Zinshaus, Perspektive, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 34,6 × 23 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/9


Zinshaus, Aufrisse, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 22,4 × 41,3 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/10

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„Otto Wagner war ein wunderbarer Lehrer. Er war immer gut gelaunt, frisch wie ein Frühlingstag jeden Morgen. Außer Samstag und Sonntag besprach er mit jedem Jünger des 1. Jahrgangs die Arbeiten. Im 1. Jahr­ gang wurde ein Wiener Miethaus auf einem bestimmten Bauplatz durch­ gearbeitet. Alle Teilnehmer waren täglich anwesend und jeder mußte seine Arbeit mitbringen, welche vom Meister im Beisein aller besprochen wurde. Und wie besprochen! Er ging auf jedes kleinste Detail ein, be­ sonders auf Konstruktionsdetails. Er nahm niemals einem Schüler das Selbstbewußtsein, er vermied es, Minderwertigkeitsgefühle zu wecken. Gefiel ihm eine Sache, lobte er und stellte sie den Anderen als gutes Beispiel hin, mißfiel ihm etwas, so ging er darauf gar nicht ein, sondern sprach von etwas ganz anderem. Wir wußten schon, aha, das fand nicht Gnade. Tadel kannte er nicht […].“ Rudolf Weiß, 1965


Zinshaus, Fassade Dreihufeisengasse, 1910/11 Bleistift, Feder in Schwarz, Deckfarben, Goldfarbe, 35 × 45,7 cm Wien Museum, Inv.Nr. 238.764/11

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